Dienstag, 25. November 2014

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Gesäubert/ Gier/ 4.48 Psychose - Johan Simons führt die späten Stücke von Sarah Kane als Triptychon auf

altDunkelstein der Seele

von Petra Hallmayer

München, den 21. Januar 2012. "Wahrscheinlich", erklärte Sarah Kane in einem immer wieder zitierten Interview, "sind alle meine Figuren auf die eine oder andere Art hemmungslos romantisch." Auf den ersten Blick erschließt sich dies nicht so leicht in ihren an Gewaltexzessen reichen Texte, die uns nichts ersparen, was Menschen einander antun können. Das hat zu Skandalen und Missverständnissen im kurzen Leben der britischen Dramatikerin geführt, die sich mit nur 28 Jahren umbrachte. Ihre letzten Stücke "Gesäubert/ Gier/ 4.48 Psychose" hat Johan Simons nun als Trilogie an einem Abend auf die Bühne gebracht.

Selten wurde die Maßlosigkeit, die Entgrenzung von Sehnsüchten radikaler ausgestellt als in "Gesäubert", das uns mit Zumutungen zuhauf konfrontiert – von einer rektalen Pfählung über einen Geschwisterinzest bis zu schaurigen Zerstückelungen. Nichts davon allerdings bekommen wir in den Kammerspielen zu sehen. Nun ist es sehr verständlich, dass Simons keine Splatterorgie zeigen wollte. Allein er hat seine Inszenierung so gründlich von allen Grausamkeiten gereinigt, dass sie zu einer traurigen Verharmlosung gerät.

Struwwelpeter in der Psychiatrie

Simons Protagonisten sind eine Mischung aus spielenden Kindern und infantilisierten Psychiatriepatienen. Sie zappeln, spasteln und quäken mit Babystimmen, Brüderlein und Schwesterlein tapsen den Hintern reckend affenartig herum. Annette Paulmann als Folter-Doktor Tinker steckt in einer Schulmädchenuniform, ein grimassierend böse Streiche ersinnender Bube mit rotem Lockenschopf, der in blutfreier Struwwelpeter-Anlehnung schnippschnapp die Schere zückt.

Während Sarah Kane unsere finstersten Fantasien hervorholte, drängt Simons diese zurück ins Reich der kindlichen und krankheitsbedingten Imaginationen. So wenig wie auf die brutalen Verstörungen ihres wüsten Welttheaters lässt er sich auf die Unbedingheit des Gefühls, die Paradoxien und Pervertierungen der Liebe, von denen sie erzählt, ein. Kanes Figuren betrügen, missbrauchen, martern und manipulieren sich und können doch nicht aufhören zu hoffen, dass das Erlösungsversprechen der Liebe wider alle Wahrscheinlichkeit, wider besseren Wissens wahr werde, eine(r) kommt, der sie erkennt und rettet.

gier 560 julian roeder hSylvana Krapatsch, Sandra Hüller, Marc Benjamin und Stefan Hiunstein in "Gier". © Julian Röder

Stimmenballett

Etwas von ihrer emotionalen Bedürftigkeit scheint im Anschluss in "Gier" auf, einem polyphonen Poem, in dem ein namenloses Quartett Fragmente von Geschichten, Erinnerungen und literarische Zitate auffächert. Sie reden miteinander und aneinander vorbei, verstecken sich hinter Floskeln und entblößen sich, ihre unerfüllten Wünsche, Verwundungen, ihr grenzenloses Verlangen nach und ihre Angst vor Nähe. Stefan Hunstein, Sandra Hüller, Sylvana Krappatsch und Marc Benjamin führen virtuos ein Stimmenballett vor, das nur leider ein wenig zu temporeich, zu geschmeidig im Stil einer Cafébar-Plauderei vorübergleitet und so Kanes große Themen, die Kraft ihrer Sätze immer wieder verwischt.

Die wird erst nach der Pause in "Psychose 4.48" wirklich hörbar. Um die Musikalität der Sprache des handlungs- und figurenlosen Stückes zu verdeutlichen, wird dieses von einem die Bühne ausfüllenden Orchester begleitet, dessen Einsatz man sich allerdings etwas sparsamer gewünscht hätte. Simons hat die Textpassagen auf zwei zentrale Figuren verteilt, einen Patienten im Abendanzug und eine Ärztin, die schließlich seine Rolle übernimmt.

Furioses Finale

Die Blätter auf dem Notenständer vor sich umwendend trägt Thomas Schmauser hellwach und hochkonzentriert Kanes wilden Gesang aus Zorn und unheilbarem Schmerz als präzise komponiertes Kunstwerk vor. Während "Gesäubert" die Figuren auf verniedlichende Weise pathologisiert hatte, sehen wir hier einen sich allen Irren-Schablonen entziehenden Menschen. Wie Schmauser bis auf die flatternden Hände vollkommen beherrscht argumentiert, seine Definition von Depression erläutert, seinen Selbstmord ankündigt, zwischen stolzem widerständigem Eigensinn und aufflackernden Affekten changiert, das ist fantastisch.

Im schnieken Damen-Outfit betet Sandra Hüller ihm lächelnd die ridikülen, trostfreien Psycho-Rezepte für ein glückliches Leben vor, ehe auch sie abtaucht in die "schwarze Verzweiflung", den Tod wählt und jede Hoffnung negiert. Und doch wendet sie sich am Ende noch einmal uns zu. Und wenn sie uns ansieht und uns darum bittet, dass wir den Vorhang öffnen, der sie vor sich selbst verborgen hat, dann findet ein langer Abend, dessen Teile sich nicht recht zusammenfügen, zu einem späten starken Abschluss.

 

Gesäubert/ Gier/ 4.48 Psychose
von Sarah Kane
Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Carl Oesterhelt, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Marc Benjamin, Stefan Hunstein, Sandra Hüller, Sylvana Krappatsch, Stefan Merki, Annette Paulmann, Thomas Schmauser.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Einen "Irrsinnsabend" hat Jan Küveler von der Welt (23.1.2012) gesehen. Simons belasse Kanes "grausamste Gewaltorgien, die sie aus den falschen Gründen zu Recht berühmt gemacht haben, weise im Reich der Zeichen." Der "ganze schreckliche Wahnsinn, der hier kinderspielend tobt, die Nacktheit, die Spucke, das Sperma, der Kot sind Zutaten eines existenziellen Humanismus. Diese armen liebenden Irren sind zuallerletzt und deshalb auch zuallererst wir selbst." Dieser Abend sei "so groß, weil er keine Trockenübung in Traurigkeit ist, sondern Sarah Kanes Grand-Guignol-Grausamkeit bis auf ihren Liebesgrund durchschaut".

In "Gesäubert" übersetze Simons "das Wortgemetzel" vor allem "in eine abstrakte, vermeintlich unschuldige Kinderwelt, welche die Katastrophen – zuckende Körper, extreme Gefühle, abgehackte Sätze – verharmlost". Das funktioniere "so leider nicht wirklich", meint Sven Siedenberg in der Neuen Zürcher Zeitung (23.1.2012). Dafür entwickle das "furiose Sprech-Stakkato", der "poetische, pingpongartige Stimmenreigen" von "Gier" "nicht nur einen enormen Sog, sondern auch eine ungeahnte Musikalität". Und "Psychose 4.48 sei zum Schluss ein "berührendes kammermusikalisches Requiem".

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Christine Dössel (23.1.2012): "Vor diesem in seiner Leucht- und Schlagkraft exponentiell ansteigenden Kane-Abend muss sich keiner fürchten, schon gar nicht vor dem Schocker 'Gesäubert' mit seinen Erniedrigungs- und Folterszenen. Wo die Autorin Menschen verstümmeln, anal pfählen und töten lässt, wo Geschwister Inzest betreiben und Ratten an Wunden nagen, da weicht Johan Simons ins Kinderspiel aus. Mit dem Ergebnis, dass der Horror nicht nur verharmlost, sondern buchstäblich sogar verniedlicht wird." "Gier" dagegen erhalte bei Simons "eine wohltuende Leichtigkeit, das Schnippische einer Alltagskommentierung und bleibt doch wundersam traurig in seiner Komik und Lakonik." "Ganz groß und bewegend" gelinge hingegen "Psychose 4.48", "ein Seelen- und Sprachoratorium, eine Anhörung, ein Aufschrei und tatsächlich auch: eine Erlösung."

Johan Simons habe die "schöne Idee" gehabt, die "drei Dramen auf ihre Musikalität, ihren Rhythmus, ihre Melodie hin abzuhorchen und in den Münchner Kammerspielen zu einer ganzen Symphonie zu vereinen: eine mehrfache Seelenkonzentrat-Verdünnung", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.1.2012). Die "passende Form" finde Simons aber nur bei "Psychose": "Es ist ein perfektes Zusammenspiel, die richtige Dosis von Schmerz, Wut und sanfter Gewalt, von müder Bitterkeit und humorvoller Resignation, von ironischer Distanz zum Text und ernsthafter Hommage an seine Autorin."

Man habe "nach der Vorstellung das Gefühl, viel verstanden zu haben von der Erlebenswelt dieser durch Freitod jung verstorbenen britischen Kult-Dramatikerin der 90er-Jahre – und von den Verzweifelten dieser Welt; aber auch von uns, die wir oft nur hilflos zuschauen oder bloß nur zuschauen wollen", meint Simone Dattenberger im Münchner Merkur (23.1.2012). "Gier" biete dabei für die Zuschauer einen "Genuss mit Tiefgang", während in "Psychose" insbesondere Sandra Hüller ihren Part "brillant gestaltet, ohne brillant sein zu wollen."

Sabine Leucht schreibt in der tageszeitung aus Berlin (24.1.2012): "Gesäubert", sei "ein großes Missverständnis". Die Regie verharmlose oder pathologisiere alle Aktionen. In "Gier" hebe die "vielstimmige Rede" der vier Schauspieler locker und unbeschwert an "wie ein Treppenhaustratsch" und sei beschwingt wie Musik. Aber auch einiges vom Inhalt rausche an einem vorbei – "bis ein Aufschluchzen oder ein plötzlich heranwehender Regen den Strom zum Innehalten bringt". In "4.48 Psychose" teilten sich ein "hochkonzentrierter, in die stille Verzweiflung eingetauchter Thomas Schmauser" und eine "engelhaft strahlende Sandra Hüller" das Gros des Textes: "diese dunkel glühenden Sätze aus der tiefsten Finsternis der Seele". Das Zusammenspiel von Sprache und Musik sei "atemberaubend. Selten zuvor sei die Schönheit von Kanes Sprache "so zum Tragen gekommen" – "triumphal und wunderschön".

Tomo Mirko Pavlovic, er schreibt in der Frankfurter Rundschau (25.1.2012), sieht in "Gesäubert" das Kinderspiel als "Reminiszenz an den Ursprung allen Theaters". Und als "sarkastischen Kommentar" auf alle brutal-illustrierenden Versionen des Stückes. Simons "Theater der Grausamkeit" entstehe im Kopf. In "Gier" würden Zärtlichkeit und Vertrauen verbal ausgelotet. Die vier Schauspieler parlierten "elegant aneinander vorbei". Manchmal versuchten sie, "ihre Angst vor dem Verlust der Identität in einen Dialog zu kleiden". Am Ende bleibe jeder für sich. Nach der Pause verliere die Regie ihren "intellektuellen Wagemut, die Tragödien mit den Mitteln der Komödie auszuhebeln". Simons inszeniere "4.48 Psychose" "gefühlig, auch biografistisch". Sandra Hüllers und Thomas Schmausers "Satzkaskaden" gegen das drohende Schweigen und das Orchester seien zwar meist wundervoll anzuhören, würde Hüller nicht einmal "beinahe weinerlich" und Schmauser "pathosgetränkt" politisch Unkorrektes herauspressen.

Kritiken zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen 2012

"Schwer erträglich" findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (7.5.2012) die "Verharmlosung von Gewaltfantasien, die damals auch unter dem Eindruck des Jugoslawienkriegs entstanden" im ersten Teil des Abends, "Gesäubert". Der Abend schreite dann aber fort in seiner Reduktion, werde stärker. "Jetzt nur noch vier Akteure zappen sich in 'Gier' durch Phrasen, Horrorgeschichten und Einsamkeitsprogramme, und schließlich: '4.48 Psychose'." Thomas Schmauser und Sandra Hüller bewegten sich in diesem letzten Teil des Abends hinein in den Tunnel der emotionalen Totalverfinsterung. "Ein grandioses Schauspielerpaar", findet Schaper, "ein in seiner Hermetik, seiner Qual kaum aushaltbarer Text, eine Inszenierung, die spät zu sich findet und laut bejubelt wird."

Als "gepflegte, artifiziell reflektierte Depressions-Studie" hat Ulrich Seidler die TT-Eröffnung aus München für die Berliner Zeitung (7.5.2012) gesehen. Der Abend beginne als angestrengt-albernes Irrenanstaltspanoptikum, schalte dann um zu virtuoser Sprechartistik und schließe als elegisches Kammermusikstück, in das der Todeskampf-Monolog, den Sarah Kane kurz vor ihrem Selbstmord geschrieben hat, umstandslos hineinkomponiert werde. Mit Geschick werde die Hilflosigkeit der Kunst gegenüber dem Leben markiert − "als theatersesselfurzerische Ahnungslosigkeit vor dem wirklichen Entsetzen". Kanes Stücke dokumentierten die so romantische wie verzweifelte Suche nach Idealen − nach dem unverfälschten Leben, nach bedingungsloser Liebe, nach dem Sinn des Daseins − "und müssen deshalb in eine Sackgasse führen". Diese Inszenierung spare sich den Weg dieser Sackgasse und warte in vornehmer Abgeklärtheit an deren Ende. "Nach dreieinhalb Stunden Zeitverschwendung ging der Vorhang zu, unter goutierendem Jubel."

Für nachtkritik.de (5.5.2012) bespricht Wolfgang Behrens das Theatertreffen-Gastspiel der Produktion mit einem Shorty.




Kommentare (3)

1. Gesäubert, Gier, Psychose, München: interessanter Abend
Der Theatergänger ist irritiert. Das ist ja nicht das schlechteste Ergebnis eines Theaterabends. Erstaunlich schnell ließ sich ein Teil der Zuschauer provozieren: als Thomas Schmauser langsam von 1 bis 52 zählte, hagelte es Zwischenrufe. Nach der Pause blieben etliche Plätze leer. Dann nach dem letzten Stück: Bravo-Rufe, Begeisterung all über all. So schnell bin ich leider nicht: Es war ein interessanter Theaterabend. Drei Sarah Kane Stücke in drei unterschiedlichen Inszenierungsstilen. Das erste “Gesäubert”: in der Irrenanstalt. Keiner flog über das Kuckucksnest. Das zweite, ”Gier”, war mein Favorit: schnell; witzig; traurig; viel Energie. “4.48. Psychose” mit Kammerorchester: wundervolle stimmige Musik. Der Text als moderne “Winterreise”. Da bin ich mir nicht sicher, ob Herr Simon es sich theatralisch nicht etwas zu leicht gemacht hat. Bin eher fragend rausgegangen. Ein zweiter Besuch dieses Sarah-Kane-Abends wird folgen und lohnt sich.
theatergänger , 22. Januar 2012 - 16:32 Uhr
2. Gesäubert/ Gier/ Psychose, München: was fehlt
Wir haben am Sonntag die zweite Aufführung der Trilogie besucht. Warum Herr Simons ausgerechnet diese drei Stücke von Sarah Kane inszeniert, hat sich uns leider nicht wirklich erschlossen. Wenn man den ganzen Abend betrachtet, fehlte der Gesamtbogen. Ein packender Zugriff.
Das Highlight des Abends war das Stück "4.48. Psychose", auch wenn das Kammerorchester zu stark kommentiert hat. Die Schauspielerische Leistung von Thomas Schmauser und Sandra Hüller waren ein Traum.
Komplett gescheitert ist das erste Stück des Abends: "Gesäubert"
Die Brutalität der Figuren untereinander, die Darstellung von drastischer Gewalt, nichts war davon zu sehen zu spüren.
Ein großes Lob an die Bühnenbildnerin Eva Veronica Born!
Mathias , 24. Januar 2012 - 20:47 Uhr
3. Gesäubert/Gier/4.48 Psychose, TT Berlin: Befreiung aus der engen Beziehung zum Depressiven
Sarah Kanes Theater ist immer eines des von der Außenwelt isolierten Menschen. Johan Simons probiert an diesem Abend verschiedene Blickwinkel und Zugriffsoptionen auf dieses Grundthema aus, in einer experimentellen Exploration des Isoliertseins. Dabei verrennt er sich zuweilen, ist oft zu wenig konsequent und vermag es nicht immer, das Thema aus der engen Beziehung zum Depressiven und Psychotischen zu befreien. Der Verdienst des Abends ist es, Sarah Kane einmal anders zu erzählen, mit größerer Distanz und dem Blick auf das, was ihr Theater uns zu sagen hat. Dabei scheitert der Abend zuweilen und lässt in diesem Scheitern doch manches aufblitzen, was uns ungemein angeht.

Komplette Kritik: http://stagescreen.wordpress.com
Sascha Krieger (Prospero) , 06. Mai 2012 - 10:40 Uhr

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