Freitag, 19. Dezember 2014

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Der Kulturinfarkt – vier Kulturpolitiker wollen die Kulturlandschaft umkrempeln

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Mit dem unbeugsamen Willen zum Erfolg

von Nikolaus Merck

20. März 2012. Von Zeit zu Zeit liest man den Spiegel gern, erfährt man daraus den neuesten Klatsch des Landes doch. Wenn es darum geht, mal wieder einer vermeintlich heiligen deutschen Kuh in den Hintern zu treten, sind die journalistischen Krawallmacher aus Hamburg jedenfalls vorne dran. So war es vor sechs Jahren bei der sogenannten Ekeltheaterdebatte, als ein rechter Tor auf die Reise zu den Pisse-Blut-und-Sperma-Sümpfen auf deutschen Stadttheaterbühnen geschickt wurde. Und so ist es jetzt wieder, da vier arrivierte Kulturmanager und –berater das dringende Bedürfnis verspürten, mal ordentlich ins eigene Nest zu kleckern. Der Spiegel bläst in die Posaune: Die Hälfte der Theater, Museen, Bibliotheken muss weg! Und schon schlagen Radio, überregionale Presse, Fernsehen und Internet aufgeregt mit den Flügeln (hier die ausführliche Presseschau). Schönes Spiel. Jedenfalls wissen wir jetzt wieder, wer die Macht hat, Themen zu setzen. Bloß, ging es wirklich darum, die Hälfte der Kunstinstitute hierzulande (und in Österreich und der Schweiz) kurzerhand ersatzlos zuzusperren?

kulturinfarktDie schönen Tage der "Kultur für alle" seien vorbei, sagen Pius Knüsel, Direktor der Stiftung Pro Helvetia, Stephan Opitz, Leiter des Referats für kulturelle Grundsatzfragen im Kieler Bildungs- und Kulturministerium, Dieter Haselbach, Professor für Soziologie in Marburg, und Armin Klein, Professor für Kulturmanagement in Ludwigsburg, in ihrem Buch "Der Kulturinfarkt". Es gebe "von allem zu viel und überall das Gleiche", in Zeiten, in denen sich die Schulden auf zwölfstellige Zahlen summieren, könnten Staat und Städte das bisherige Kunst- und Kulturangebot schlicht nicht mehr bezahlen. Und "für alle" sei das Angebot ja eh nie gewesen, sondern nur für Gebildete und andere Kulturbürger, denn gefördert werde immer nur Hochkultur, deren Konsumtion dem Bürger Distinktionsgewinn verspreche, während der "Normalo zwischen 30 und 60, erwerbstätig mit Familie" lieber Popkonzerte oder Sommerfestivals besuche.

Die ominöse Hälfte

Fürderhin gehe es um "Rückbau", um Verknappung des überreichlichen Angebots. Wie viel wovon allerdings erhalten werden solle, sei eine politische Entscheidung, mithin das Ergebnis öffentlicher Willensbildung. Und da kommt die ominöse "Hälfte" ins Spiel.

Denn die vier Verfasser fänden es nicht wirklich schlimm, würde man jede zweite Kulturinstitution zusperren. Geschätzte 2 Milliarden von 9,6 Milliarden Euro im Jahr ließen sich (in Deutschland) so einsparen und gezielt in die Förderung von Spitzeninstituten, Laienkultur, kulturelle Bildung umleiten sowie in den Aufbau einer Kulturindustrie investieren, die, um "Inhalte für die vielen" bereitzustellen, sich unverzüglich an "Herstellung und Vertrieb von ästhetischen Erlebnissen in Warenform mit dem unbeugsamen Willen zum Erfolg" machte.

Ob allerdings die stärkere Förderung von Volkstanzgruppen und Musikschulen oder die Subventionierung der Entwicklung von Computerspielen, wie es die Autoren vorschlagen, die Streichung jeder zweiten Bibliothek und die Halbierung der Museums- und Theaterlandschaft aufwiegen und das kulturelle Angebot dadurch demokratischer, massentauglicher und zukunftsfähiger gestaltet würde, ist doch mehr als zweifelhaft.

Das freie Spiel der Kräfte

"Unbeugsam" scheint vor allem der Glaube der Autoren an die Heilungskräfte des Marktes und den Primat der Ökonomie. "Die Kritiker des Marktes haben seit der Bankenkrise Oberwasser. Das ändert nichts daran, dass es zum freien Spiel der Kräfte keine Alternative gibt", auch nicht im Kulturbereich, sagen die Verfasser, die es eigentlich besser wissen müssten, da sie einer wie der andere in Kulturförderung und Kulturberatung heftig verwickelt sind.

Schon die Behauptung, es fehle einfach das Geld, um die Kulturlandschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz in vollem Umfang zu erhalten und sogar auszubauen, hat nach den 100 Milliarden Euro, die alleine für die Rettung der Hypo Real Estate-Bank im Nu aufgebracht werden konnten, jede Plausibilität verloren. Entscheidend sind der politische Wille und die politische Prioritätensetzung. Und da mag es sein, dass es für Kulturpolitiker wie den Pro Helvetia-Chef Pius Knüsel oder den Kieler Kulturplaner Stephan Opitz einfacher ist, ein ausgeprägtes Stockholm Syndrom zu entwickeln und sich mit den aggressiven neoliberalen Marktfanatikern zu identifizieren, als gegen sie politische Mehrheiten zu organisieren.

Der Kampf um Verteilung

Trotzdem bleibt natürlich die Beobachtung der glorreichen Vier richtig, dass es wohl wenig Sinn hat, Museen und Bibliotheken zu erhalten ohne Anschaffungsetats oder Theater, in denen die Schauspielsparte und das Ballett dicht gemacht werden, um Orchester und Bühnentechnik nach gesetzlichem Tarif bezahlen zu können.

Allerdings handelt es sich hier eher um einen Schnappschuss als um die treffende Beschreibung des Status Quo. Denn längst werden ja alle Institutionen auf den Prüfstand gestellt. Längst hat etwa die Diskussion darüber, was von der ostdeutschen Theaterlandschaft erhaltenswert sei, auch auf den Westen übergegriffen. Überall werden Sparten oder ganze Häuser zur Disposition gestellt.

Dabei ist die gegenwärtige Finanzierungskrise der Kulturinstitutionen jedoch nicht der Ausdruck von fehlender Akzeptanz beim Publikum. Und genauso wenig handelt es sich um einen naturwüchsigen Prozess, weil das Geld fehlte wegen "Griechenland und Spanien". Vielmehr ist die Krise Symptom einer in jeder Generation wenigstens einmal geführten Auseinandersetzung darüber, was sich Gesellschaft und Staat an kultureller Ausstattung leisten wollen. Das ahnen auch die Verfasser, wenn sie schreiben: "Es geht wie bei jedem Verteilungskampf um gesellschaftliche Ressourcen."

Aus dem Anfängerhandbuch

Doch bleibt es bei der Ahnung. Denn weitgehend kenntnislos zeigen sich die vier, wenn es ums Detail geht. Beispielsweise hätte es den Herren vielleicht die Sprache von der "Förderungscouch" auf der es sich die Geförderten "bequem" machten, verschlagen, wenn sie einen Blick in den Report Darstellende Künste geworfen hätten, in dem 2010 die miserable soziale Lage von Schauspielern und Tänzern aufgezeichnet wurde.

Auch die für den Theaterbereich vorgeschlagene Abschaffung des Ensembletheaters und der Erhalt nur mehr weniger "repräsentativer großer Bühnen", um "die Tradition des Sprechtheaters" fortzusetzen, die nebenbei aber noch die Aufgabe hätten, Autoren zu fördern und sich um die Theaterliteratur zu bekümmern, klingt eher wie ein Ratschlag aus dem Anfängerhandbuch von McKinsey als nach durchdachten oder wenigstens kohärenten Vorschlägen. Weder nennen die Verfasser die Akteure, die diese Ideen durchsetzen könnten, noch scheint es ihnen aufgefallen zu sein, dass sie im Falle der von privaten Unternehmen verlegten Dramenliteratur ihren sonst hoch gehaltenen ordo-liberalen Grundsatz, der Staat soll sich mit Subventionen nicht einmischen, wo der Markt das Gewünschte hervorbringen kann, flagrant verletzen.

In stalinistischer Sachlichkeit

Neben den Leuchttürmen soll ein "europaweit vernetztes Koproduktionssystem", entstehen, vielleicht so wie es Repräsentanten der Freien Szene wie Matthias von Hartz fordern – vielleicht aber auch nicht. Denn detailliert sind die Vorschläge, mit denen die Opitz, Haselmann, Knüsel und Klein den "Patienten" heilen wollen, nicht ausgefallen. Dafür kommen sie in einem Ton daher, der einen schaudern macht. So schreiben sie den überlebenden großen Institutionen, die sie sich wohl als eine Art Theaterkombinat vorstellen, eine "steuernde Verantwortung für Nachwuchs an Tänzern und Schauspielern, Autoren, Choreografen" zu, denn nur so "lässt sich die Überproduktion an Rohstoff begrenzen". Spätestens hier ist man dem zwischen stalinistischer Sachlichkeit und ökonomistischer Besserwisserei changierenden Ton überdrüssig geworden.

Wenn man dann fast am Ende des Buches noch auf den Satz stößt: "Die Erweiterungsflügel aller Museen brauchen nur noch virtuell gebaut werden", fragt man sich, ob die vier Herren nicht vielleicht doch in untergeordneten Planungsabteilungen von Google besser aufgehoben wären und klappt das Buch entnervt zu.

 

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz:
Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche.
Albrecht Knaus Verlag, München 2012, 287 Seiten,
19,99 Euro, e-book 15,99 Euro.

 

Alle Stimmen, Erwiderungen, Reaktionen auf das Buch finden Sie hier.




Kommentare (137)

1. Buchbesprechung Kulturinfarkt: mehr Differenzierung
Lieber Nikolaus Merck,

schade, dabei wollte ich dies Buch doch noch diese Woche als Geburtstaggeschenk weiter reichen. Doch irgendwie hält mich ihre Kritik davon ab, die jedoch im Ton auch verrät, dass sie am liebsten nichts von den Autoren übrig ließen, was einen eher skeptisch ihnen gegenüber stimmt.

In einem liegen sie dann aber doch völlig falsch, denn die 100 Milliarden für die eine oder andere Bank sind wohl nicht aus den selben Töpfen gespeist worden, wie die Finanzierung und/oder Subventionierung vieler Theater, denn sonst wären diese Summe nie zustande gekommen. Da wünschte man sich als auch ein wenig mehr Differenzierung.
martin baucks , 20. März 2012 - 11:47 Uhr
2. Buchbesprechung Kulturinfarkt: Berlusconi
"Silvio Berlusconi hat im vergangenen Jahr 48.180.792 Euro eingenommen. Das geht aus der am Montag vom italienischen Parlament veröffentlichten Einkommensliste der Abgeordneten hervor." (faz.net von heute.) Jetzt werden Sie sich fragen, was diese Information mit Ihren sensiblen Differenzierungswünschen in Bezug auf "Töpfe" zu tun hat - na dann, fragen Sie sich!
Frank-Patrick Steckel , 21. März 2012 - 00:36 Uhr
3. Buchbesprechung Kulturinfarkt: Konsens
Lieber Steckel,

sie sind wohl mit ihrer Argumentation anscheinend ganz unten angekommen und hoffen, dass man sich für ihre Ansinnen zum dummen Schaf macht und ihren höchstpersönlichen Fragen nachhängt.

Nein, tu ich nicht. Eine Berlusconi Debatte dürfen sie gerne mit sich selber führen. Sie werden wahrscheinlich sehr viel Konsens ernten, sogar bei mir. Das sollte ihnen zu denken geben.
martin baucks , 21. März 2012 - 11:10 Uhr
4. Buchkritk Kulturinfarkt: A. Mnouchkine ans Teatro Valle
www.teatrovalleoccupato.it/let...e-occupato

Von wegen "höchstpersönliche Fragen"!
Frank-Patrick Steckel , 22. März 2012 - 00:38 Uhr
5. Buchkritik Kulturinfarkt: Berlusconi statt Mnouchkine
Lieber Steckel,

verstecken sie sich doch nicht hinter Frau Mnouchkine. Sagen sie uns doch einfach etwas über Berlusconi, dass wir nicht schon wissen und stellen einen Zusammenhang zu dieser Debatte her, von dem wir uns nicht schon längst denken, dass sie ihn sehen.

Wenn es zur Lösung des Konfliktes beiträgt? Warum nicht?!
martin baucks , 22. März 2012 - 10:55 Uhr
6. Buchkritik Kulturinfarkt: Ton nervt ungemein
Trotz der fehlenden Differenzierung zwischen Kulturzuschüssen und Bankenrettung stimme ich der Kritik von Herrn Merck in vielen Punkten zu: Der im Buch angeschlagene Ton nervt ungemein, auch wenn die Herren von Beginn darauf hinweisen, dass sie eine Polemik geschrieben haben. Außerdem sind die Vorschläge tatsächlich unausgegoren, undeutlich, pauschal - was angesichts der Fachkenntnisse der vier Autoren doch überrascht.

Trotzdem teile ich einige Ansätze des Buches:

- Die deutsche Theaterlandschaft ist tatsächlich unglaublich gleichförmig, außer der künstlerischen Qualität gibt es sehr wenige Unterschiede in der Art und Weise, wie in deutschen Theatern Kunst entsteht. Die in den letzten 20 Jahren in anderen europäischen Ländern entwickelten Produktionsarten (Künstler an ein Haus binden, nicht nur ein Ensemble; Projektarbeit; internationale Kooperationen; Serienspielen) finden in Deutschland nur an einigen wenigen Häusern statt, die relativ wenig Geld haben. Ich plädiere nicht für die Abschaffung der Stadttheater, aber eine größere Diversität täte der Theaterlandschaft gut.

- Gerade der Report Darstellende Künste zeigt doch, dass strukturell etwas nicht stimmt: Wenn nämlich bei 8 Mrd € Zuschüsse in Kunst und Kultur pro Jahr ein Großteil der ausführenden Künstler mit Hungerlöhnen auskommen müssen. Da würde ich mir, gerade auch von den Kulturschaffenden selbst, eine größere Bereitschaft zum Infragestellen von Strukturen wünschen. Nicht, um Geld zu sparen, sondern um Kunst unter guten Bedingungen zu ermöglichen.

Leider wird das Buch durch seine sehr polemische Art wahrscheinlich nicht dazu beitragen, hierüber zu diskutieren.
Finanzmensch , 22. März 2012 - 11:54 Uhr
7. Buchkritik Kulturinfarkt: private Gewinnaneignung, öffentliche Verarmung
Sind Sie wirklich außerstande, die Verbindung zwischen dem Einkommen Berlusconis (und seinen Quellen!) und dem nunmehr ein Jahr andauernden Kampf um dieses römische Theater herzustellen? Die private Gewinnaneignung und die öffentliche Verarmung sind keineswegs nur in Italien ein Problem - sehen Sie das nicht?

Die ausdrückliche Bezugnahme der Besetzer auf die deutsche Theatersituation (die staatliche Förderung) muss zu denken geben - ginge es nach den Verfassern der in Rede stehenden neoliberalen Kampfschrift, sollen hierzulande die Zustände einreißen, gegen die in Rom gekämpft wird - und sie sind ja auch schon eingerissen, was die Verfasser des Pamphlets allerdings weniger zu schrecken als vielmehr zu ermutigen scheint.

„Lass fallen, was fällt, gib ihm noch einen Tritt!“ (Brecht)

Ich war unter Arno Wüstenhöfer Oberspielleiter in Bremen - wie stolz war 'Sir Arno' auf das neue, 1966 von ihm eröffnete Wuppertaler Schauspiel - Eröffnungspremière: DIE WUPPER von Else Lasker-Schüler. Und jetzt?

Im Übrigen gibt es keine „Töpfe“, es gibt nur Taschen - unsere.
Frank-Patrick Steckel , 22. März 2012 - 12:13 Uhr
8. Buchkritik Kulturinfarkt: Dank
Lieber Herr Steckel,danke für Ihre so klaren mutmachenden und klärenden Beiträge zu diesem Thema.
Wolf-Dietrich Sprenger , 22. März 2012 - 13:12 Uhr
9. Buchkritik Kulturinfarkt: noch ein Dank
Wozu ich im Stande bin oder nicht, darüber ließe sich fleißig streiten. Nur steht es ihnen nicht an dies zu beurteilen. Und so sage ich ihnen, dies ist genau ihre Strategie, sie brauchen jemanden, denn sie als dummes Schaf vorführen, um ihren Argumenten Nachdruck zu verleihen. Ich bedanke mich sehr für diese Rollenzuweisung, muss ihnen aber leider mitteilen, dass ich für eine solche Besetzung nicht zur Verfügung stehe.

Darüber hinaus sehe ich die öffentliche Verarmung nicht so wie sie. Und ich bin auch nicht so sehr an der italienischen Situation interessiert, wenn es um ein deutsches Buch geht, was besprochen werden soll. Hierzu Lande fließen aus privaten Gewinnen immer noch erhebliche Teile in die öffentlichen Kassen, dass es dabei den Städten und Komunen immer schlechter geht, ist auch mir nicht entgangen und wurde hier schon ausführlich in anderen Threads besprochen. - Diese verarmten öffentlichen Kassen sind doch immer noch zu Erstaunlichem in der Lage, wenn es um Banken geht.

Aber bevor ich in ähnliches Schwadronieren gerate wie sie und in althergebrachten verbrauchten Ton von Töpfen und Taschen, den eigenen fasel, bitte ich sie doch lieber weiterhin sich zu sensibilisieren und eine differenzierte Debatte zu diesem Buch anzuschieben, bei der sie sich bitte nicht meiner oder anderer Personen bedienen, die ihnen als dummer August für die Überhöhung ihrer eigenen Person genügen sollen.
martin baucks , 22. März 2012 - 13:29 Uhr
10. Kulturinfarkt: reaktionärer Blödsinn
1
Die Ausplünderung der öffentlichen Hand ist ebenfalls keine Frage des Blickwinkels, sondern eine Tatsache. Nimmt man die „Schuldenbremse“ hinzu, sieht man, dass die Politik ihren fiskalischen Spielraum planmäßig immer stärker einschränkt: Auf der einen Seite Steuersenkungen- und vorteile für die Vermögenden, auf der anderen Seite Sparprogramme für die Vielen - und das bei ständig steigenden Sozialausgaben in den Bundesländern, Ausgaben deren Anstieg sich u.a. dem irrsinnigen Axiom verdankt, dass der Steuerzahler für die gewinnbringenden Personalreduktionen von Unternehmen zu zahlen habe, oder, wie im Falle Schlecker, für deren Scheitern. Untersucht man die Strukturen des Steueraufkommens zeigt sich, dass die unteren drei Einkommensgruppen 56,57% des gesamten Steuervolumens leisten, die oberen drei Einkommensgruppen jedoch nur 36,2%. Die obersten 10% der Einkommen leisten tatsächlich mit 24,43% nur ein knappes Viertel an den Steuereinnahmen des Staates. Das ist weniger als die zwei niedrigsten Einkommensgruppen mit 30,57% leisten. Da hat sich schon Herr Sloterdijk vertan, als er behauptete, die Reichen finanzierten (über die Einkommensteuer, die aber höchstens ein Drittel des Gesamtsteueraufkommens ausmacht) den Staat. Und ich rede hier gar nicht von dem, was dem Staat per Hinterziehung und Verschiebung in Steueroasen entzogen wird. Die Deutsche Bank unterhält in Georgetown auf den Cayman-Inseln mehr Niederlassungen und Zweckgesellschaften als am Konzernsitz Frankfurt am Main. Im Steuerparadies Delaware in den USA ist die Deutsche Bank an mehr Unternehmen beteiligt als in allen deutschen Städten zusammen. Insgesamt hat die Deutsche Bank mehr als die Hälfte ihrer Tochter- und Zweckgesellschaften sowie assoziierten Unternehmen in Steueroasen angesiedelt. Und diese Bank ist bei weitem nicht das einzige deutsche Unternehmen, das so verfährt. Die für die „Bankenrettung“ aufgebrachten Summen belasten über den restriktiv verwalteten Bundeshaushalt (siehe die „Schuldenbremse“) die kommunalen Haushalte, indem die vom Bund zu tragenden Anteile der kommunalen Einnahmen im Verhältnis zum gesteigerten Bruttosozialprodukt immer mehr schrumpfen lassen. Da es keine Bundeskulturpolitik gibt, müssen die Kommunalpolitiker zusehen, wie sie mit den von ihren eigenen Parteizentralen verordneten Spardiktaten zurecht kommen - und exakt da, wo Räume aller Art und in jeder Bedeutung des Wortes geöffnet werden müssten, werden sie geschlossen. Und genau in dieses Horn tuten die vier Herren. Noch ein Satz zum Begriff der Kultur, der ihrer Kampfschrift zugrunde liegt: Wenn wir von der „Kultur der Maya“ reden, reden wir nicht von ihren Theatern, Museen, Bibliotheken und Orchestern, wir reden von den Lebensformen eines Volkes. Wir sollten uns abgewöhnen, ständig Kultur und Kunst zu verwechseln - was die Herren meinen, ist ein Kunstinfarkt, nicht ein „Kulturinfarkt“. Betrachtet man die Dinge so, wird der reaktionäre Blödsinn offensichtlich.
Frank-Patrick Steckel , 24. März 2012 - 18:21 Uhr
11. Kulturinfarkt: reaktionärer Blödsinn, Teil 2
2
Eine andere Frage ist es, ob die Künstler, sofern sie in den attackierten Institutionen und Gruppen die das Gesicht dieser Einrichtungen und Gruppierungen prägende Arbeit leisten, genügend widerständige Kraft entwickeln, um sich nicht in den Sog einer politischen Niedertracht ziehen zu lassen (wenn Italien nicht interessiert, dann vielleicht Holland?), welche zunehmend keinen Wert mehr auf diese Arbeit legt. Und unter „widerständiger Kraft“ verstehe ich nicht nur die Fähigkeit zum Zusammenschluss und zur vernehmlichen Opposition (wie sie jüngst der Zusammenschluss der Freien Szene in Berlin an den Tag gelegt hat), sondern auch den Willen, an ihrer Existenz als Künstler, also an dem Widerspruchsmoment zu arbeiten, das ihrer Kunst einbeschrieben ist. Dass es Menschen gibt, die sich für einen Theaterbesuch nicht interessieren, ist kein Grund zur Verzweiflung. Aber auch kein Freifahrtschein für den spektakeligen Tumult, der allenthalben in der Hoffnung veranstaltet wird, diese Menschen zu Theaterbesuchern zu machen. Die politische Position des Theaters wird so nicht gestärkt, ganz im Gegenteil, wie das kampfeslüsterne Büchlein der vier tüchtigen „Kulturmanager“ beweist. Wo, um bei unserem Métier zu bleiben, gibt es sie schon noch, die „muffigen“ Theater und Inszenierungen, gegen die hier zu Felde gezogen wird? Überall Remmidemmi, Klamauk, neoliberales Schießbudentheater, behängt mit nihilistischem Lametta. Die Freien drängen ins Stadttheater, das Stadttheater gebärdet sich, so gut es eben geht, ästhetisch wie eine Freie Gruppe, alles löst sich in einem kunterbunten Wirbel der immergleichen Stücke auf - gerechtfertigt wird dieser kopernikanische Trubel (hier danke ich Herrn Sloterdijk!) durch seine Originalitätssucht, die es als unterhaltsam ansieht, uns vier „grundverschiedene“ Vorführungen ein- und desselben Tschechow-Textes in ein- und derselben Stadt zur gleichen Zeit vorzuführen. Dieser Betrieb hat natürlich keine Zukunft. Er ist, bei aller Hektik, nur Ausdruck eines großen gesellschaftlichen Wegdämmerns, welches ihn fortschwemmt wie ein Strom entwurzelte Baumstämme, aus denen auch der Markt nie wieder einen Wald macht - allenfalls Möbel. Aber das ist ja nicht, wovor die Herren Haselbach, Klein, Knüsel, Opitz uns das Fürchten lehren wollen.
Frank-Patrick Steckel , 24. März 2012 - 18:22 Uhr
12. Kulturinfarkt: mehr als knapp bemessen
&.
Ich habe als Maler zeit meines Lebens mit etwa 1OO Euro pro Monat, Miete abgerechnet,
auskommen müssen...
Künstler , 24. März 2012 - 23:52 Uhr
13. Kulturinfarkt: Robin Hood Gedenkmedaille
Lieber Steckel,

ihr Mischung aus politischen Klischees und Vorurteilen ist auf seine Art rührend. Wie sie es den Reichen nehmen und den Armen geben wollen, dies wäre schon eine Robin Hood Gedenkmedaille wert. Aber nebenbei wischen sie den aktuellen Theatermarkt mit einer arroganten Geste einfach weg und nehmen den Apparat wieder in Geiselhaft für ihre politische Bewusstseinsbildung.

Doch am Ende gerät das Geld, welches sie gerne für die "Häuser" auf solche Art herbei agumentieren wollen, weder im übertragenen Sinne noch direkt in den Taschen der Armen und Unterdrückten, denen sie so gerne politische Bildung von der Bühne aus Einflößen wollen. Die Gelder gelangen zu geringen großformatig Teilen in die Taschen einer kleinen Gruppe von Künstlern, zu denen sie auch einmal gehörten, und der Bärenanteil versickert in den Strukturen, innerhalb derer die weitaus größere Gruppe der Künstler, die auf der Bühne arbeiten nur kleine Gehälter erlangt, umringt von einem Vielfachen von Mitarbeitern, die mit ihrer Festanstellung mehr verdienen als jeder Tänzer und Schauspieler es je könnte. Ausnahmen auf beiden Seiten eingeschlossen. Aber ich will die verschiedenen sozialen Gruppen am Theater nicht gegeneinander ausspielen. Und für eine genauere Darstellung der Verhältnisse ist hier wohl nicht genügend Raum.

Hinter jedem ihrer Sätze lauert die Auffassung eines geselschaftsumwälzenden Denkens, wie sie es sich schon seit ewigen Zeiten angeeignet haben. Und wenn dann die Revolution endlich stattgefunden hat, wird alles gut?! Aber bis dahin müssen wir kämpfen?!

Diese Grundhaltung geht soweit an dem aktuellen Konflikt vorbei, dass man sie eigentlich aufgeben möchte, wenn es da nicht so Beispiele wie das Radialsystem in Berlin gäbe, um deren Geschichte sich sicherlich eine sinnvolle Debatte ranken ließe, ebenso um die Arbeit von Frau Langhoff, denn dieses Haus in Kreuzburg ist ja in seinem Bestand ebenfalls schon wieder gefährdet.

Stattdessen ziehen sie scheinbar große Bögen, um Konkretem auszuweichen. Zugleich ersticken sie sozusagen nebenbei im Handstreich eine Debatte, die an sich sinnvoll wäre und deren Überschrift ungefähr so lauten könnte: Wie löst man sinnvoll Teile aus den festgeschriebenen Finanzierungen und Subventionen von Stadt- und Staatstheatern heraus und setzt sie frei für neue Strukturen. Auch hier gilt es wiederum nicht die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen, aber eben doch neuen Produktionsformen Raum zu stiften, auch Finanziellen.

Tja, und da wäre dann noch der Begriff "reaktionär", den sie, in alter Gepflogenheit so dahin schmeißen. Letztendlich eine Definitionsfrage. Denn begreift man reaktionär als eine Verhaltensweise, die sich neuen Entwicklungen aggressiv entgegenstellt, dann ließe sich dies Wort auch recht gut auf sie anwenden. Aber soweit geht mein Hang zu Klischees und Vorurteilen nicht.

Was ich aus diesem Thread mitnehme, ist die Erkenntnis, dass es wohl wenig Sinn macht in dieses Büchlein hineinzublättern.
martin baucks , 26. März 2012 - 12:00 Uhr
14. Kulturinfarkt: per ICE durchs Land der Dichter und Denker
Ich kann nur aus dem Unding zitieren: "Der wahre Citoyen ist ein Citoyen, der sein Innenleben kontrolliert“...

Nein, eine andere Sache kann ich auch noch sagen: Das Buch (...) rauscht meilenweit an einer sinnvollen Debatte um Kürzungen im Kulturbereich vorbei. Gut verdienende Kulturpopulismusjournalisten schreiben über ihre eigene Sicht auf den Betrieb und schlagen vor, einfach die Hälfte des Ladens dicht zu machen ... tolle Idee ... wenn man das Geld hat zu einer vier Bahnstunden entfernten Theaterpremiere zu fahren oder sich ein Buch ohnehin lieber kauft als es aus der Bibliothek zu leihen.

Ich denke ja, man sollte die Shoppingbahnhöfe in Deutschland verbieten. Essen, Trinken und Zeitschriften in den Zügen selber zu einem vernünftigen Preis anbieten und auf jedem Bahnhof Kunstausstellungen, Präsenzbibliotheken und Performancebereiche ansiedeln. Abfahrtszeiten würden danach ausgesucht werden, ob man vorher lieber eine Goethe-Lesung oder ein Tschaikowsky-Konzert besuchen möchte ...

Überhaupt und ohnehin: Lieber doppelt soviel Kultur denken anstatt sie zu halbieren. Was ist denn mit dem Land der Dichter und Denker passiert? Warum nicht dazu stehen, dass man in jeder Stadt eine "Zauberflöte" inszenieren will? Warum darf das kein Markenzeichen dieses Landes sein?

Übrigens, Herr Baucks: Völlig richtige Erkenntnis.
Fully Functional Phil , 26. März 2012 - 12:43 Uhr
15. Kulturinfarkt: Neudefinition der Freien Gruppe?
Die Frage soll also lauten: „Wie löst man sinnvoll Teile aus den festgeschriebenen Finanzierungen und Subventionen von Stadt- und Staatstheatern heraus und setzt sie frei für neue Strukturen. Auch hier gilt es wiederum nicht die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen, aber eben doch neuen Produktionsformen Raum zu stiften, auch Finanziellen.“

Mir schleierhaft, wie Sie das den Mitarbeitern der Theater nahebringen wollen, die aktuell unter Einsparungsdruck stehen, z.B. den Mitarbeitern des Staatstheaters Mecklenburg-Vorpommern, deren Demonstration vor dem Rathaus in Schwerin in diesen Minuten beginnt (www.theater-schwerin-kulturschutz.de/).

Diese Menschen erleben seit Jahren, wie „Teile“ aus den keineswegs „festgeschriebenen Finanzierungen und Subventionen von Stadt- und Staatstheater herausgelöst und frei gesetzt“ werden - einzige Begründung: der Sparzwang.

Ich habe angenommen, eine „Freie Gruppe“ begründet ihre „Freiheit“ mit der Freiheit von staatlicher Bezuschussung und der ihr auf dem Fuße folgenden politischen Bevormundung. Sie erklären mir nun, dass ich einem Missverständnis unterliege, man wolle zügig an die „Teile“. Sollte dem so sein, ergibt sich die Notwendigkeit einer neuen Definition dessen, was das „Freie“ an einer „Freien Gruppe“ sein soll.

Und kommen Sie mir bitte nicht mit den meinen uralten Überzeugungen in nichts nachstehenden Klischees von den „neuen Strukturen“ und „neuen Produktionsformen“. Erstens haben diese „neuen“ Strukturen und Formen die Angewohnheit, sich rasend schnell in die „alten“ zu verwandeln und zweitens lässt ein gut finanziertes und gut geführtes Staats- oder Stadttheater alle Strukturen und Produktionsformen zu, von denen seine Kritiker gerne quengelnd delirieren, um dann, sobald die Gelegenheit da ist, sich der Gelder, der Mitarbeiter, der Werkstätten, der Ausrüstungen, der Räume und nicht zuletzt der Publikumskontingente zu bemächtigen, die dieses Theater bietet. Wie viele ehemalige künstlerische Leiter bedeutender „freier“ Gruppierungen aus dem In- und Ausland haben in den letzten Jahren den Weg in die Leitungsetagen der bundesdeutschen Staats- und Stadttheater angetreten! Haben sie das getan, weil sie sich davon eine Beschädigung ihrer künstlerischen Arbeit durch einschränkende Strukturen und veraltete Produktionsformen erhofften - Strukturen und Produktionsformen, die sie längst, und z.T. höchst erfolgreich, hinter sich gelassen hatten?
Frank-Patrick Steckel , 26. März 2012 - 15:37 Uhr
16. Kulturinfarkt: hochsubventioniert und subsubventioniert
Armin Petras beispielsweise hat lediglich unterfinanzierte Strukturen hinter sich gelassen. Ob er dies auch getan hätte, wenn er andere Finanzierungsmodelle vorgefunden hätte, bleibt dahin gestellt. Und warum sollte ich den Mitarbeitern von Theatern etwas erklären müssen? Stehe ich da tatsächlich in der Verantwortung?

Denken sie denn tatsächlich, dass all diese Mitarbeiter nicht längst mitbekommen hätten, dass es andere Formen von Produktionen gibt? Und glauben Sie tatsächlich, die bräuchten Sie oder mich, um ihnen dies zu erklären? Wohl kaum. Wenn jemand auf dem Arbeitsmarkt einer prekären Situation entgegensteuert, ist er wahrscheinlich der Erste, der es mitbekommt. Wie schnell er darauf persönlich reagiert und wie gut seine Chancen sind, dies zu tun, hängt von vielen Faktoren ab. Sicherlich ist Solidarität von Außen bei solchen Vorgängen schön und angenehm, garantiert aber gar nichts und ersetzt nicht die eigene Reflexion der Zusammenhänge in denen man steckt.

Dem ein oder anderen wird es vielleicht ebenfalls sinnvoll erscheinen sich neuen Produktionsformen zuzuwenden. Andere klammern sich an das Alte. Dies sind zum Teil auch recht persönliche Entscheidungen. Unstrittig erscheint mir, dass vorgegebene Strukturen und Formen auf die lange Strecke auch erheblichen Einfluss auf die Inhalte und Ästhetiken hat. Aber Sie müssen diese Meinung nicht mit mir teilen.

Herr Sandig postete heute direkt aus dem Kulturausschuss Berlin, dass er während der Sitzung auf die Idee kam, es gäbe heute eigentlich keine Hoch- und Subkultur, sondern nur eine hochsubventionierte und subsubventionierte Kultur. Dieser Gedanke gefiel mir. Denn auch, wenn viele Stadt- und Staatstheater längst mit ihren Sparvorgaben am Rande stehen, heißt dies noch lange nicht, dass die Gelder auf alle Kunstschaffenden gerecht verteilt werden.

Das Sie das gute alte Stadttheater bevorzugen, mag mit ihrer beruflichen Laufbahn zusammenhängen. Aber erklären sie das mal all den Mitarbeitern, die sich in anderen Strukturen selbst ausbeuten, obwohl sie zum Teil das kulturelle Aushängeschild ihrer Stadt sind, während andere, wie Herr Beilharz in Wiesbaden ihre Theater seit Jahren am ästhetisch und inhaltlichen Abgrund hochsubventioniert vorbeisteuern, ohne eine größere Wirkung nur in ihre Stadt hinein, obwohl sie doch eigentlich Leuchtturm in einem Bundesland sein sollten.
martin baucks , 26. März 2012 - 19:42 Uhr
17. Kulturinfarkt: andere Konditorei
„Armin Petras beispielsweise hat lediglich unterfinanzierte Strukturen hinter sich gelassen“, schreiben Sie. Ja - das ist das neue an den „neuen Strukturen“, dass sie „lediglich“ besser finanziert sind oder sein sollen. „Hinter sich“ lässt die „unterfinanzierten“ Strukturen, wer es kann, und hätte er auch ein verächtliches Staatsschauspiel ältester Bauart vor sich.

Sie reden immerfort von der Verteilung des Kuchens. Ich rede von einer anderen Konditorei.
Frank-Patrick Steckel , 27. März 2012 - 00:28 Uhr
18. Kulturinfarkt: Selbstschutz vor neuen Erkenntnissen
Machen Sie sich doch nicht lächerlich Herr Steckel, Sasha Waltz und Shermin Langhoff, Matthias Lilienthal und viele mit ihnen verfolgen auch andere Ästhetiken wie Herr Beilharz. Da geht es nicht nur um die Verteilung von Geldern.

Sie haben offensichtlich keine Lust sich ernsthaft auseinander zu setzen und ihre pseudoallegorischen Ausführungen über Kuchen und Konditoreien langweilen mich. Dieser hochnäsige Ton der sich dahinter verbirgt, ist gut geeignet dazu wesentliche neue Entwicklungen zu verpassen. Aber ihre Versäumnisse scheinen so gravierend zu sein, dass sie sich geradezu vor neuen Erkenntnissen selber schützen müssen.
martin baucks , 27. März 2012 - 09:56 Uhr
19. Kulturinfarkt: unschöne Fehlentwicklung
Ich bestreite doch nicht, dass die Genannten "andere Ästhetiken verfolgen" - nur eines haben Sie mit Herrn Beilharz gemeinsam: Sie brauchen Geld, Geld, welches nicht dadurch aufgebracht werden kann, dass man es Herrn Beilharz wegnimmt. Die Einsparungen an einem Theater kommen, das ist der Stand, nicht etwa einem anderen zugute (oder anderen öffentlichen Einrichtungen), sondern das Eingesparte verschwindet spurlos in den Etats der Länder und Kommunen - im Falle des Schiller Theaters in Berlin waren das rd. 45 Millionen DM! Die gesamte Infrastrukturpolitik nimmt gegenwärtig Schaden, worauf ich unter 10. bzw 11. versucht habe, hinzuweisen. Dieser Schaden wird gezielt herbei geführt, und die Theaterleute balgen sich notgedrungen um die Reste, ohne dass man - dafür sind Ihre Ausführungen das beste Beispiel - erkennen könnte, wie viel grundsätzliche Solidarität noch im Spiel ist, eine Solidarität, welche die unabdingbare Voraussetzung eines gemeinsamen politischen Auftretens ist. Angesichts der unschönen Fehlentwicklung, die dieses Land (und nicht nur dieses Land) seit zwanzig oder dreißig Jahren nimmt, fällt auf, wie häufig unter uns zwar von Geld und differenten Ästhetiken die Rede ist, wie selten jedoch diese Entwicklung selbst Gegenstand unserer Debatten wird. (Schon gar nicht wird dieser Sinkflug von den vier Herren wahrgenommen, deren Buch es unternimmt, den Verfall der staatlichen Investitionen "kulturkritisch" zu sanktionieren.) Es gibt aber keine "neue" Ästhetik, die sich nicht rapide in den Giebelschmuck eines Bankhauses verwandelt, wenn sich daran nichts ändert - sofern ihre Erarbeitung nicht gleich von einer Bank - Streumunition hin, Nahrungsmittelspekulation her - finanziert wird.
Steckel , 27. März 2012 - 13:20 Uhr
20. Kulturinfarkt: Was für eine Art Träumer
Sie wollen mit mir eine gemeinsame politische Grundhaltung entwickeln? Was für eine Art Träumer sind sie? Teilen wir den gleichen Stallgeruch? Auf was möchten Sie sich denn gerne mit mir einigen? Das würde ich allzu gerne erfahren! - Im Nachbarthread wird gerade der Vorschlag diskutiert, die deutsche Oper in Berlin zu schließen. Fällt ihnen auf, wie moderat ich mich da noch äußere. Mir ginge ein solcher Schritt wahrscheinlich zu weit. Allerdings würde ich einige Wunden in Kauf nehmen, um in Berlin 30zig Millionen für die freie Szene bereit zu stellen. Denn aus dieser Metropole kommen seit Jahren die entscheidenden Impulse für die bundesweite Kunstproduktion. Und sie kamen auch aus kleinen, unterfinanzierten Räumen. Dort einmal schwerpunktmäßig zu investieren erscheint mir überfällig. Und wo ist eigentlich ihre Solidaritätsnote zum Tacheles?!

Darüberhinaus, warum sollte man sich heute nicht direkt von einer Bank finanzieren lassen? Ich hoffe, Sie erfassen die Dimension dieser Frage. Ich für meinen Teil, tauge auch nicht als Giebelschmuck für diesen Staat, wie ich feststellen musste. Denn ihr sozialdemokratisches Paradies in Bochum ist schon lange obsolet.
martin baucks , 27. März 2012 - 14:02 Uhr
21. Kulturinfarkt: Was ist das sozialdemokratische Paradies?
Nein, die Dimension dieser Frage erfasse ich selbstverständlich nicht, bitte erläutern Sie sie. Und wie kommen Sie auf "sozialdemokratisches Paradies" - es gab einzig den äußerst verdienstlichen Kulturdezernenten, Herrn Dr. Richard Erny. Mit seiner Ablösung durch seine eigenen Parteigenossen wurde das Ende der Bochumer Kulturpolitik eingeläutet.
Steckel , 27. März 2012 - 16:00 Uhr
22. Kulturinfarkt: egozentrisch
Das Ende der Bochumer Kulturpolitik also?! Kamen nach Ihnen nicht noch einige wesentliche Intendanten? Nein? - Also ich glaube auf der Ebene möchte ich mich nicht weiter auseinandersetzen. Das ist mir ein wenig zu egozentrisch.
martin baucks , 27. März 2012 - 19:13 Uhr
23. Kulturinfarkt: Post aus Halle
Herrje! Ich sagte doch nicht, "das Ende des Schauspielhauses"! Ich sagte, "das Ende der Kulturpolitik"!

Die Dimension der Bankfrage - nun werde ich sie nie ermessen! Dafür Post aus Halle:

"Ein Stück aus dem Tollhaus, das da in Halle, der selbsternannten
Kulturstadt an der Saale, aufgeführt wird. Die Premiere fand vor zwei
Jahren statt, als die Rathausspitze ankündigte, wegen notwendiger
Einsparungen im Haushalt eines der derzeit noch drei Theater schließen
zu müssen. Die Wahl sei, so hieß es, aus naheliegenden Gründen auf das
Kinder- und Jugendtheater Thalia gefallen: Es ist die kleinste Bühne,
sie hat die wenigsten Mitarbeiter, den geringsten Etat und sie spielt
nicht wie das Opernhaus einen 2,5 Millionen Euro teuren "Ring" an drei
Tagen im Jahr. Sondern streitbare Stücke mit Original-Fußball-Ultras
oder Rockopern mit Hausmitteln.

Ein Proteststurm fegte durch die Stadt, die Menschen, die von ihrer
Regierung alles Mögliche erwarten und in der Regel auch alles Gebotene
sprachlos schlucken, muckten auf. Protestresolutionen wurden verfasst,
Parteien gerieten in Angst, vor der anstehenden Landtagswahl an
Zustimmung zu verlieren. Schließlich wurde die Schließung abgesagt -
mit der einzigen Bedingung, dass sich sämtliche Mitarbeiter aller drei
Bühnen bereiterklären müssten, einen Haustarifvertrag abzuschließen, in
dem sie einem Gehaltsverzicht zustimmen.

Der Vertrag kam zustande. Er gilt bis zum Jahr 2016. Aber die Uhren im
Rathaus gehen anders: Trotz bestehender Verträge hat der Aufsichtsrat
der städtischen Theatergesellschaft nun erneut die sofortige Schließung
des Thalia-Theater beschlossen. Durch absehbare Mehrausgaben aufgrund
der anstehenden Tariferhöhungen in Höhe von 300.00 Euro reichten die
vereinbarten Sparbeiträge der Mitarbeiter nicht aus, das Theater wie
vereinbart zu erhalten. Das Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters
solle "seine Arbeit unter Nutzung der anderen Spielstätten der GmbH
bestmöglich fortführen", heißt es offiziell. Ein veränderter Spielplan
werde in den nächsten Wochen erarbeitet.

Seht ihr, Bürger, so wird das gemacht. Schon bei Abschluss des
Haustarifvertrages hatten Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass zwischen
2011 und 2016 mehrere Jahre mit automatischen Tariferhöhungen liegen.
Doch die Stadt pokerte im Wissen darum, dass die kommenden Steigerungen
bei den Gehaltszahlungen schnell zu neuen Finanzlöchern führen würden.
Die dann erneut eine Möglichkeit eröffnet, die ungeliebte Kinderbühne
zuzumachen.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Wo letztens noch Protest laut wurde,
herrscht jetzt konsterniertes Schweigen. Es gibt keine öffentlich
wahrnehmbare Kritik, keinen Widerstand, kein lautes Hohngelächter über
die gleichzeitig mit der Schließungsankündigung verbreitete Nachricht,
dass der 70-jährige Theater-GmbH-Chef Rolf Stiska für seine
erfolgreiche Arbeit eine Vertragsverlängerung um weitere vier Jahre
erhält. Der Tod kommt in diesem Stück im zweiten Aufzug. Lautlos, als
würden die Bürger nichts anderes als solche Trickserei, solchen Verrat
von ihren gewählten Volksvertretern erwarten."

http://www.openpetition.de/petition/online/fuer-eine-lebendige-und-vielfaelt
ige-kulturlandschaft-in-halle-und-den-dauerhaften-erhalt-des-thalia
Steckel , 28. März 2012 - 12:25 Uhr
24. Kulturinfarkt: unbegründete Hoffnung
Herrje, ich glaube ihnen nicht, weil Sie zuviel als Klamauk, behangen mit nihilistischem Lametta abtun und sich ihre Solidarität einzig und allein, so scheint es, auf Stadt- und Staatstheater, bzw. Ähnliches bezieht.

Zu den Banken etwas, dass Sie sich sicherlich selber denken könnten:

Banken, die von der öffentlichen Hand rekapitalisiert oder gesichert wurden, sind durchaus dazu geeignet öffentliche Kultureinrichtungen zu sponsorn. So würde man ein Teil der
Gelder eventuell zurückgewinnen.

Und moraliosche Skrupel kann man auch gegen staatliche Förderungen entwickeln, weil der Staat mittlerweile als Unternehmer und Finanzjongleur mitauftritt innerhalb dieser globalisierten Wirtschaft. Sehr vereinfacht und etwas verkürzt gesagt.

Aber nun schulden Sie mir eine Stellungnahme dazu, welche gemeinsame politische Grundhaltung Sie mit mir ausüben wollen.
Denn hier könnte es durchaus erhebliche Probleme geben.

Die Entwicklung in Halle ist bedauernswert, bedeutet jedoch auch weiterhin nicht, dass die knappen Gelder gerecht auf alle Kunstschaffenden verteilt werden. Und auf eine Verdoppelung aller Kulturausgaben im Bund, Ländern und Komunen zu zielen, ist eine sehr unbegründete peymannsche Hoffnung.
martin baucks , 28. März 2012 - 14:31 Uhr
25. Kulturinfarkt: Gebete
Ja, wenn man die „geretteten“ Banken verpflichten könnte, ihre Gewinne gezielt bei den Haushalten der theatertragenden Kommunen abzuliefern statt sie, wie es nach wie vor der Fall ist, zu privatisieren - und wenn auch im Weiteren dafür gesorgt werden könnte, dass die Bundesregierung die Gelder, die auch sie auf diesem Wege anteilig einnimmt - wenn sie sie denn einnimmt - beispielsweise in ein Föderales Theater Projekt nach dem Vorbild des ‚Federal Theatre Project’ des Präsidenten Roosevelt (1936) länderübergreifend einbringt - das wäre freilich etwas. Soll ich das jetzt meinerseits in vorauseilender Resignation eine ‚unbegründete Hoffnung’ nennen?

Und was diese „peymannsche Hoffnung“ angeht - welche Forderung sollen wir, wollen wir denn sonst erheben, wenn nicht eine erhebliche Ausweitung der Investitionen im Bereich der - es ist nicht mein Begriff - ‚kulturellen Infrastrukturen’! Schluss mit den ‚knappen Geldern’! Weg mit der ‚Schuldenbremse’, statt dessen Rückkehr zu einer gerechten Steuergesetzgebung, welche die stark gesunkenen Einnahmen des Staats erhöht! Finanztransaktionssteuer durchsetzen! Wo bleiben diese gemeinsamen Forderungen der Kunstschaffenden? Statt dessen entweder unschlüssiges Schweigen oder mehr oder weniger bissige Zankereien um den immer fleischloseren Knochen.

Sie schreiben „Die Entwicklung in Halle ist bedauernswert, bedeutet jedoch auch weiterhin nicht, dass die knappen Gelder gerecht auf alle Kunstschaffenden verteilt werden.“ Was soll das, bitte schön, heißen? Wenn das Geld, das auf Kosten der Hallenser Theaterleute eingespart werden soll, im Sinne dieser doch recht herzlos anmutenden Anmerkung anderweitig ‚gerecht’ verteilt werden würde, statt wie üblich im Nichts zu verschwinden - was wäre gewonnen? Die Arbeitsplätze wären dennoch unwiederbringlich verloren, eine produktive Bühne, noch dazu eine des Kinder- und Jugendtheaters, wäre dennoch zerstört!

Was meine - in Ihren Augen offenbar übertriebene - Solidarität mit den Staats- und Stadttheatern angeht, so liegen sie augenblicklich in der Feuerlinie aller ‚Kulturkritiker’ (siehe das Buch, über das wir hier implizit immer noch diskutieren, aber auch die zahlreichen Einlassungen in diesen Kommentarspalten) - mag sein, dass auf diese Weise eine gewisse argumentative Asymmetrie sich bildet. Andererseits sind diese Häuser - als Bedingung der Möglichkeit einer umfassenden Theaterarbeit - die komplexesten, empfindlichsten, vielschichtigsten und leistungsfähigsten Werkzeuge und daher besonders anfällig für solche Attacken. Ich habe selbst in einer freien Gruppe angefangen („Studiobühne an der Universität Hamburg“, eine Peymann-Gründung!) und bitte mir ein für alle Mal zu glauben, dass ich die Freien Gruppen sämtlich in meine Gebete einschließe!
Steckel , 28. März 2012 - 17:22 Uhr
26. Buchkritik Kulturinfarkt: morgen
Wohlfeile Gebete, nehme ich an... ich werde mich gerne morgen äußern, denn nun wird es interessant...

vorsichtig solidarische Grüße
martin baucks , 28. März 2012 - 18:35 Uhr
27. Kulturinfarkt: Herzlosigkeit, Schlecker, Wiesbaden
Naja, herzlos,...was für ein Quark.

Die Arbeitsplätze?! Gibt es denn in freien Gruppen keine Arbeitsplätze?! - Aber Sie haben an sich Recht. Denn dort gibt es keine Arbeitsplätze, dort verlassen sich alle auf die Gesetze des Arbeitslosengeld II.

Nein, Herr Steckel, ich bin alles andere als herzlos. Ich sehe nur andere Menschen vor mir. Die Menschen, die ich schon als Kind immer sah, denn ich bin gegenüber von einem Zechentor aufgewachsen. Was für ein pathetischer Unsinn. Kurt Hübner sagte mal zu mir, mein Gott wieviel schlimmer pathetisch von mir ist das denn, dies soziale Netz sei einfach zu hoch aufgehangen. Würde man es etwas tiefer hängen, dort, wo man wirklich alle auffangen müsste, würde es einfach nur furios zerreißen. Da hat der alte Mann wahrscheinlich mal wieder recht behalten.

11000 Schleckerfrauen, was immer das auch sein soll, der Kai wird´s wissen, was wollen Sie jetzt mit denen machen? Für die ist Nürnberg zuständig? Ja?!

Ich will ja gar nicht, dass die alle an den Kassen der Stadttheater aufgefangen werden. Aber wo soll denn da in den letzten Jahren die Solidarität gewesen sein?! Mmh?!

Genug Zynismus. Mir reichen ein paar solcher Sätze.

Es geht um Kunst. Nicht nur Theaterkunst. Und die entsteht eben nicht mehr in Wiesbaden, oder nur sehr bedingt. Erzählen Sie mir doch mal was zu der letzten Beilharz Inszenierung "Othello"! Ich war da, bis zur Pause. Dann habe ich meine Freundin peinlich berührt in ein Speiselokal gelenkt. ES WAR NICHT ZU ERTRAGEN. Nicht einmal gut genug für eine Diskussion über Rassismus.
martin baucks , 30. März 2012 - 20:53 Uhr
28. Kulturinfarkt: Jahr der Genossenschaften I
Um mit dem Wichtigsten anzufangen:
2012 wurde von den Vereinten Nationen zum "Jahr der Genossenschaften" erkoren. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon begründet diese Entscheidung mit der Verbindung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung, die die Genossenschaften der internationalen Gemeinschaft vorleben.

Im Einklang damit steht, was das "Neue Deutschland" (13.2.2012) im Hinblick auf die Reaktionen der Beschäftigten auf die von ihnen nicht zu verantwortende Schlecker-Pleite berichtet:

"Doch nicht alle Beschäftigen wollen stumm abwarten, was mit ihren Arbeitsplätzen geschieht... Vor allem in Baden-Württemberg diskutieren die Beschäftigten die Umwandlung von Schlecker in eine von den bisherigen Mitarbeitern verwaltete Genossenschaft. Schließlich kennen die Verkäuferinnen die Wünsche der Kunden gut und könnten daher für ein entsprechendes Sortiment sorgen. Damit könnten die Läden auch wieder rentabel gemacht werden. Der Stuttgarter ver.di-Vorsitzende Bernd Riexinger unterstützt solche Konzepte ausdrücklich. 'Mit Edeka gibt es schließlich in der Branche ein erfolgreiches Genossenschaftsmodell, an dem wir uns orientieren können', meinte er gegenüber 'nd'. Die Stimmung der Verkäuferinnen sei zumindest im Stuttgarter Raum kämpferisch... Der Gewerkschafter, der auch Vorstandsmitglied der Linkspartei von Baden-Württemberg ist, findet auch in seiner Partei Unterstützer für die Genossenschaftspläne. (D)er Bundestagsabgeordnete und gewerkschaftliche Sprecher der Linkspartei, Michael Schlecht, betont, dass der Vorschlag von Verkäuferinnen kommt. Mittlerweile werde das Konzept auf allen Gewerkschaftsebenen diskutiert."

Jedoch:

"Dem widerspricht Christiane Scheller von der Pressestelle von der ver.di-Hauptverwaltung. 'Die Diskussion spielt weder bei den Beschäftigten noch in der Gewerkschaft zur Zeit eine Rolle', erklärt sie gegenüber 'nd'. Der Hauptgrund sei, dass bei einem Genossenschaftsmodell die Mitarbeiterinnen Privatvermögen einbringen müssen. Das aber könne nicht das Ziel gewerkschaftlicher Politik sein."

(Fortsetzung folgt)
Steckel , 31. März 2012 - 17:48 Uhr
29. Kulturinfarkt Jahr der Genossenschaften II
(Fortsetzung)

Marx: "Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, dass das bestehende despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikanische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten." (Forderungen der Internationalen Arbeiter-Assoziation, MEW Band 16, Berlin/DDR 1975, S. 195)

Und: "Um die arbeitenden Massen zu befreien, bedarf das Kooperativsystem der Entwicklung auf nationaler Stufenleiter und der Förderung durch nationale Mittel. Aber die Herren von Grund und Boden und die Herren vom Kapital werden ihre politischen Privilegien stets gebrauchen zur Verteidigung und zur Verewigung ihrer ökonomischen Monopole. Statt die Emanzipation der Arbeit zu fordern, werden sie fortfahren, ihr jedes mögliche Hindernis in den Weg zu legen." (Inauguraladresse der IAA, MEW Band 16, S. 5-13)

Es ist immer wieder bedauerlich, wenn auch nicht überraschend, erleben zu müssen, dass die Gewerkschaftsspitzen jede Bewegung in Richtung einer Kooperative nicht nur nicht unterstützen, sondern, in einer bizarren unio mystica mit den genannten "Herren", bremsen.

Bezeichnend ist ferner, dass in den Medien des Mainstreams weder das "Jahr der Genossenschaften" der UN Eingang in die Berichte über die Schlecker-Insolvenz findet, noch dieser - gerade fin einem solchen Jahr - absolut klassische Fall einer "Unterjochung der Arbeit unter das Kapital" zum Anlass genommen wird, genossenschaftliche Alternativen öffentlich zu erörtern: Transfergesellschaft oder nicht - diese Frage allein ist Gegenstand erregter, von allerlei Informationsdefiziten gekennzeichneter Erörterungen. Die in Rede stehenden 71 Millionen Euro an Landesbürgschaften (es ging tatsächlich nur um Bürgschaften und selbst sie sind verweigert worden!) könnten jedoch auch einer Kooperative zugute kommen! Und weitere 'Fälle' warten, siehe Opel.

Sehr interessant ist auch ein Vorschlag, den Sven Giegold in einem Interview macht, das auf seiner Homepage zu sehen ist: Den Beschäftigten, die ihre Firma übernehmen wollen, das ihnen zustehende Arbeitslosengeld auszuzahlen, um ihnen bei der Übernahme zu helfen, und diese Unterstützung nicht als 'staatliche Beihilfe' zu deklarieren (www.sven-giegold.de/). Giegold spricht davon, dass solche Lösungen auf europäischer Ebene diskutiert werden - viel kommt davon bei uns nicht an!
Steckel , 31. März 2012 - 17:48 Uhr
30. Kulturinfarkt: Marx, Schlecker, Eisenach
Ich kann kaum glauben, dass Sie hier so ungebrochen Marx zitieren. Nun ja...in all ihren Ausführungen stehen die Arbeitnehmer wieder als die zu Belehrenden da und sie als ihr Lehrer. An solch schlichten Strukturen ist schon eine deutsche Republik gescheitert.

Aber bringen Sie diesen Menschen tatsächlich die richtigen Ideen näher? Oder ist das alles nur alter Gedankenplunder? Während Sie beinahe geradezu direkt die Einnahmen aus einer Finanztransaktionssteuer für die Kultur und damit an sich für sich selbst fordern, empfehlen sie den Schleckermitarbeitern ihr anstehendes Arbeitslosengeld, das sie vor noch schlimmeren bewahren soll, als private Einlage in ein marodes Unternehmen einbringen sollen?!

Empfehlen sie das doch mal den Mitarbeitern der Theater in Halle, Eisenach und Schwerin und deklenieren sie das dann hier genau durch, wie sowas funktioniert.

Ich kann vor Staunen kaum noch auf ihre Ausführungen warten.
martin baucks , 01. April 2012 - 17:44 Uhr
31. Kulturinfarkt: Was gegen Marx?
Was haben Sie gegen Marx? Wo er Recht hat, hat er Recht. Ich habe Ihnen zitiert, dass "die Beschäftigten die Umwandlung von Schlecker in eine von den bisherigen Mitarbeitern verwaltete Genossenschaft" diskutieren - haben Sie das überlesen? Ich wollte lediglich zum Ausdruck bringen, dass ich diese Diskussion - zumal im" Jahr der Genossenschaften" - für die richtige halte. Und was den Vorschlag von Herrn Giegold betrifft, würde das Arbeitslosengeld, so investiert, den Beschäftigten den Arbeitsplatz und den Lohn erhalten und sie überdies zu Besitzern der Firma machen. Was glauben Sie, könnte es sein, dass die Belegschaften das Genossenschaftsmodell aus diesen Gründen diskutieren?Doch damit der Oberlehrer, als den Sie mich hinzustellen belieben, nicht zu kurz kommt: "deklinieren", nicht "deklenieren".
Steckel , 02. April 2012 - 11:18 Uhr
32. Kulturinfarkt: Genossenschaftsmodell für bedrohte Theater?
Wie man meinem Beitrag unschwer anmerken kann, hatte ich ihn sehr schnell geschrieben und nicht mehr korrigiert. Deklinieren, ja sicher, da haben Sie recht, und ich sehe auch mindestens noch einen Fehler. All das ist einer gewissen Unlust meinerseits zu schulden. Denn wir reden hier über Strecken wohl aneinander vorbei. Mir ist schon klar, dass eine Einlage einem zum Miteigentümer eines Unternehmens macht. Ich fragte mich nur, warum Sie denn so ein Genossenschaftsmodell nicht auch für die bedrohten Theater vorschlagen? Warum Sie dort mit Erhöhung der Steuereinnahmen argumentieren? Denn Steuereinnahmen dienen erst einmal der Allgemeinheit und dürfen nicht dazu verwendet werden, dass sich einzelne soziale Gruppen außerordentliche Privilegien aneignen.
martin baucks , 02. April 2012 - 13:36 Uhr
33. Kulturinfarkt: mit berechnender Unterstützung von …
Und weiter: Der Vorschlag, die Banken zur Kulturfinanzierung heranzuziehen, stammt von Ihnen (Ihr Beitrag Nr. 24) - ich habe nur ein paar einschränkende Bemerkungen dazu gemacht, Bemerkungen, die mir eigentlich schon zu weit gehen, was die Akzeptanz Ihres Vorschlags angeht. Ich finde es, um es klar zu sagen, nicht vertretbar, dass das Schauspiel Frankfurt sein FAUST-Projekt „mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bank“ finanziert. Diese Unterstützung ist nicht freundlich, sondern berechnend, die Quellen der Zuwendung sind ohne ein Trennbankensystem mindestens dubios (lesen Sie nur den Artikel „Butterfahrt ins Schlosshotel - Geschäfte der Deutschen Bank mit Kommunen“ in der SZ vom 1.4.12. Leider kein Aprilscherz!), und den opportunistischen Kulturpolitikern wird nach der Devise „Geht doch!“ scheinbar ein Ausweg aus dem von ihren Parteien zu verantwortenden Sparelend gewiesen. Und, klar, Goethes FAUST „sponsort“ jedes Geldhaus gern, daran ändert auch die Szene „Kaiserliche Pfalz“ des II. Teils nichts - nur würde das Geldhaus auch DIE SÜNDFLUT von Ernst Barlach „freundlich unterstützen“?! Oder DER AUFTRAG von Heiner Müller?

Die Theater in Halle, Eisenach und Schwerin werden Zuschussbetriebe bleiben, ganz gleich, wie sie nach innen hin strukturiert sind. In diesem Land wird alles Mögliche bezuschusst, z.B. die äußerst kostspielige Kernfusionsforschung, ohne dass erbitterte Debatten vom Zaun gebrochen werden, wozu das gut sein solle. Ich spreche mich, um auch das klar zu sagen, für eine umfassende und ausreichende Unterstützung aller künstlerischen Bemühungen aus, die nicht die Chance haben, „am Markt“ zu bestehen, insofern können Sie, was mich betrifft, Ihr „Freie-Szene-Kriegsbeil“ begraben. Nicht da verläuft die Front - obwohl es immer wieder so scheint, wenn wir z.B. lesen, dass die mittlerweile ebenfalls bedrängte Karin Beier in ihren laufenden Verhandlungen mit der Stadt Köln „die Kürzung (ihres Etats - St.) zugunsten der freien Szene zurückgenommen“ wissen wollte und ihr dieses Zugeständnis offenbar auch gemacht wurde. Die Kunstschaffenden müssen das Kunststück fertigbringen, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen.

Was Wiesbaden anlangt, wenden Sie sich bitte an Herrn Beilharz. Ich spreche hier von Theatern wie diesem als Bedingung der Möglichkeit und nicht davon, wie die amtierenden Damen und Herren diese Möglichkeit nutzen. Außerdem sind nach und nach sämtliche noch zu stellenden Sachfragen zu nicht weiter befragbaren Geschmacksfragen mutiert - davon legen die Kommentarspalten von ‚nachtkritik’ das beredteste Zeugnis ab.

PS. Soeben lese ich Ihren jüngsten Kommentar, der mit der Bemerkung schließt „Steuereinnahmen dienen erst einmal der Allgemeinheit und dürfen nicht dazu verwendet werden, dass sich einzelne soziale Gruppen außerordentliche Privilegien aneignen.“ Aha. Herr Baucks lässt die Maske fallen! Der Satz könnte nun glatt in dem Bumsbuch stehen, welches den trostlosen Anlass unserer langwierigen Korrespondenz bildet. Das sind die Slogans, in deren Windschutz Geert Wilders die holländische Kunstszene rasiert, ganz gleich ob mehr oder weniger gefördert. Gleichzeitig gedeihen die außerordentlichen Privilegien einzelner (a)sozialer Gruppen prächtig! Die „Allgemeinheit“ - wer ist das?
Steckel , 02. April 2012 - 14:43 Uhr
34. Kulturinfarkt: Theaterleute sind angreifbar geworden
Aha! - Ich glaube, genau darum geht es Ihnen. Aha Erlebnisse zu erzeugen, die einzelne Personen als Sündenbock vorführen. Nun haben Sie mich, wenn ich das richtig verstehe, schon bei einer Gruppe um Herrn Wilders einsortiert.

Nein Herr Steckel. Dies wäre zu einfach. Denn in der Tat werden die Finanzierungen von staatlichen und städtischen oder auch Landestheatern kontrovers in dieser Gesellschaft diskutiert. Vielleicht nicht in ihrem sozialen Umfeld. Aber ich werde häufig zum Zuhörer solch kritischer Debatten, und ich pflege, dies sei Ihnen versichert keinen Kontakt zu Herrn Wilders.

Ich schicke einmal voraus, dass es mir sehr recht wäre, wenn die Theater ebenso wie die Freien wesentlich höher finanziert würden. Nur allein mir fehlt der Glaube, dass dies in näherer Zukunft geschieht.

Heute lese ich, dass neue Tariferhöhungen in öffentlichen Dienst ausgehandelt wurden und sehe schon die nächsten turnusmäßigen Krisen an Theatern folgen, denn die Tariferhöhungen werden nun mal nicht einfach mehr so durchgewunken, wie dies lange Zeit der Fall war. Mir graut davor.

Und da gibt es Menschen, wie Herrn Castorf, den ich lange Zeit schätzte, der in seinem neuesten Interview offen anklingen lässt, dass es ihm Spaß bereitet möglichst viel Kohle abzugreifen, ohne dabei irgendeine soziale Verpflichtung eingehen zu wollen, wie es Ihnen offensichtlich zu eigen ist.

Sie sehen, die Theaterszene ist da gar nicht in einem klaren Konsens, wie sie ebenfalls schon bemerkten, verhaftet.

Und in diesem Panorama erscheint es mir hin und wieder eher schädlich, wenn jemand wie sie ständig auftritt und immer noch andeutet, man würde es ja nur von den Vermögenden nehmen, um es der Allgemeinheit in Form von Kunst und Kultur zuzuführen. Denn in diesem Bild erscheinen die Vermögenden und Besserverdienenden als die "Bösen", welche eine Bringeschuld zu leisten hätten. Und auf der anderen Seite stehen Sie und mit ihnen die "Guten".

So ist es einfach nicht.

Zudem, wenn sie klüger geantwortet hätten, hätten sie mich wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass es sich bei den Theatern um öffentliche Anstalten handelt und bei Schlecker um eine privates Unternehmen.

Aber es geht Ihnen augenscheinlich gar nicht so sehr um Differenzierung, um das aufspüren von schmerzhaften Widersprüchen. Sie wollen Recht behalten. Auf der richtigen Seite stehen. Sie weisen jede Kritik an ihren Positionen kategorisch zurück. Und das nervt. Denn so rein, so pur stehen die Theaterleute schon lange nicht mehr da. Sie sind angreifbarer geworden.

Darüber hinaus hat sich seit der Rekapitalisierung einiger Banken in dieser Gesellschaft einiges ins Absurde verschoben. Man könnte zu der Auffassung gelangen, jede soziale Gruppe könne nun eigentlich mal nach den öffentlichen Geldern und Steuererhöhung mit gutem Recht rufen. Vom Recht und Gesetz her ist es an sich selbstverständlich, dass hier öffentliche und private Unternehmen unterschiedliche Forderungen haben. Jedoch führt ja so eine Tariferhöhung eventuell dazu, dass öffentliche Dienstleistungen privatisiert werden, wie es der Stern heute meldete.

Sie sehen, die Situation ist sehr komplex. Noch komplexer als ich sie hier gerade verkürzt darstelle. Denn auch eine Transaktionssteuer ist kein Allerheilmittel, würde sie nicht flächendeckend eingeführt. Es ist ein leichtes solche Transaktionen an andere Standorte zu verlagern, die solche Steuern nicht erheben. Und gerade ein Ort wie Frankfurt braucht eine Steuer wahrscheinlich nicht. Und wer diese Einnahmen dann wirklich verwaltet und wohin sie fließen, darüber ergibt sich aus ihren Darstellungen auch keine Klarheit.

martin baucks , 02. April 2012 - 17:22 Uhr
35. Kulturinfarkt: Theaterleute sind angreifbar geworden II
Ich meine nur, wenn sich eine gesellschaftliche Gruppe heute immer noch wie selbstverständlich hinstellt und fordert, dass sie durch höhere Steuereinnahmen weiter finanziert werden möchte, obwohl sie längst das Bewußtsein dafür ausgebildet hat, dass sie in der Hauptsache eine kleine Gruppe von 3-5% kulturell versorgt, dies in der Außenwirkung nicht nur positiv ankommt.

Ich halte ihre Äußerungen eben für sehr unvorsichtig. Und komme nun auch gerne zu ihrem Kollegen aus Frankfurt. Man muss kein Freund von Oliver Reese sein, um ihn vor Ihnen in Schutz zu nehmen. Es ist im weitesten Sinne absolut o.K. für eine Faustinszenierung von der Deutschen Bank Geld anzunehmen. Ich glaube nicht, dass in dieser Bank nur lauter Idioten angestellt sind, die sich auf der Stelle gegen Barlach und Müller stellen würden. Die "Sünflut" kennten sie wahrscheinlich gar nicht. Was nicht zwingend gegen sie spricht. Nur, sie denken ein solches Unternehmen nur von seinem Vorstand her und nicht von seinen Mitarbeitern. Glauben sie denn tatsächlich, da säßen nur Deppen ohne jedes kritisches Bewusstsein? Und wenn ja, kann ich nur sagen: Sind sie wahrscheinlich von (…) Hybris befallen.

Darüber hinaus würde ich als Dramatiker gerne einmal mit Herrn Wilders oder Ackermann essen gehen, mehr wahrscheinlich nicht, aber wer weiß, auch dies würde ich zunächst offen lassen.

(unkorrigiert gepostet)
martin baucks , 02. April 2012 - 17:23 Uhr
36. Kulturinfarkt: Frohe Ostern
So machen wirs. Ich widme mich meinen Gutmenschenhobbies und Sie gehen mit Josef und Geert Essen (vorher klären, wer zahlt!). Dann schreiben Sie ein Stück darüber (wie Wallace Shawns MEIN ESSEN MIT ANDRÉ) und alle, alle Staats- und Stadttheater und alle Freien Gruppen (was das ist, haben Sie mir immer noch nicht erklärt!) führen es auf. Frohe Ostern!
Steckel , 03. April 2012 - 19:03 Uhr
37. Kulturinfarkt: Eingemauert in Klischees
Herr Steckel,

ihr Zynismus steht ihnen gar nicht. Ich gehe mit Leuten Essen, um sie kennen zu lernen. Nicht um Stücke über das Essengehen zu schreiben. Zudem schreibe ich kaum noch Stücke, und wenn dann keine, die eine simple Geschichte vom Josef und Geert erzählen. Aber ich interessiere mich sehr für Menschen, wie sie sind, warum sie so geworden sind. An Aufführungen von allen Staats- und Stadttheatern und allen freien Gruppen bin ich weniger interessiert. Überhaupt graut mir mittlerweile ein wenig vor diesem Theatermarkt. Aber ich bin ja nicht nur Dramatiker.

Schön, wie sie darauf abheben, dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr gespielt wurde. Doch damit stehe ich, wie sie wohl wissen nicht alleine da.

Ich halte sie übrigens nicht für einen Gutmenschen. Im Gegenteil, ich halte sie für jemanden, der sich gerne dafür ausgibt. Ansonsten haben sie hier Frau Beier, mich, Herrn Reese und indirekt viele andere angegriffen. Soweit steht es gar nicht mit ihrer Solidarität. Sie befinden sich immer noch in einer Art Kriegszustand. Wollen mir erzählen wo die Linie zwischen Feind und Freund tatsächlich langläuft. Nun ja, falls es sie gibt, verläuft sie sicherlich nochmals ganz anders und auch durch einzelne Menschen hindurch. In jedem Fall sind sie nicht der, für den sie sich halten. Und so viele Fragen, wie sie hier offen gehalten haben, da überlasse ich ihnen gerne die eine Definition, was eine freie Gruppe ist. Sie haben da ja Eingangs etwas angedeutet, was mir sehr absurd erschien.

Ach ja, Ostern feiere ich gar nicht. Aber auch solche Feinheiten, sind ihnen wahrscheinlich fremd.

Schade, wieder keinen Schritt weiter gekommen in dieser Debatte. Und ich dachte, vielleicht hätte ich in ihnen einen kompetenten aufgeschlossenen Gesprächspartner. Stattdessen mauern sie sich in ihren Klischees und Vorurteilen ein.
martin baucks , 04. April 2012 - 06:47 Uhr
38. Kulturinfarkt: Interessanter Dialog, kein Konsens möglich
Schon ein interessanter Dialog. Der allerdings auch die Frage aufwirft, ob es in der Sache (Ausmaß an Förderung, wie verteilt) unter den Betroffenen überhaupt einen Konsens geben kann. Mir scheint wohl nicht, was automatisch bedeutet, daß die mit dem Geld zusammenhängenden Entscheidungen weiter eher bei Politikern liegen werden,als bei Kulturschaffenden.
Was die von der öffentlichen Hand betriebenen Stadt-, Landes- und Staatstheater angeht, ist das für mich in der Tat ein Stück deutschsprachiger Kultur, das ich mit Kratzen und Beißen verteidigen würde. In der Fläche, so wie es heute ist. Ich finde auch die Qualität der Aufführung quer durch Deutschland nicht beschimpfenswert oder uniform, ganz im Gegenteil, die Ergebnisse sind vielfältig und meist spannend.
Ob das dafür aufgewendete Geld immer effektiv und effizient eingesetzt ist, darf dagegen hinterfragt werden. Ich gehe davon aus, daß jedes dieser Theater auch einen Behörden- und Apparatcharakter hat, der zunächst einmal nicht produktiv im Sinne der Kunst ist und eigene Regeln der Selbsterhaltung hat. Dieser fehlt bei den nicht vornehmlich von der öffentlichen Hand finanzierten (und damit freien?) Kulturschaffenden praktisch völlig. Anders ausgedrückt: Man bekommt mehr Aufführung pro investiertem Euro. Und in diesem Sinne die Theaterhäuser zu untersuchen, die Kostenpunkte offenzulegen und zu bewußten Entscheidungen zu kommen, halte ich für aller Ehren wert.
wolfgangk , 04. April 2012 - 10:28 Uhr
39. Kulturinfarkt: Thesen der Viererbande führen zu bildungsferner Nation
Thesen der Viererbande machen:
Was die Halbierung der Kulturlandschaft Deutschlands bewirkt, ist:
1. Hohe Kosten für Abfindungen und Abwicklung
2. Anstieg der Arbeitslosigkeit
3. Fortschreitende Desorientierung im Bürgertum (sowohl bei den arbeitslosen Theaterleuten als auch bei den ihres Theaters beraubten Bürgern)

Ich glaube, der Vorschlag der Viererbande wird zu dem Ergebnis führen, dass Deutschland in Zukunft nicht nur Probleme mit bildungsfernen Schichten haben wird, sondern selbst zur bildungsfernen Nation wird. Die soziale Brutalität - Ellenbogenmentalität - oder sagen wir: der Sozialdarwinismus wird größer werden, wenn es die Hemmschwelle oder Schamgrenze nicht mehr gibt, die Kultur und Bildung etablieren, indem sie immer wieder daran erinnern, dass es so etwas wie die Achtung vor dem Menschen und dem Menschlichen gibt. Und Kultur ist nicht immer nur schön und nett. Manchmal platzt ihr auch wie Eltern, die ihren Kindern auch mal Grenzen aufzeigen müssen, der Kragen - und dann schlägt sie mit so genanntem "Ekeltheater" und einer Ästhetik des Schocks und des Hässlichen zurück, weil es im Guten nicht mehr geht.
Dass Kultur unterhaltsam und nett sein soll, ist eine durch und durch kapitalistische Haltung. Der Arbeiter soll abends wieder fit für den nächsten Tag gemacht werden. Nichts gegen Unterhaltung. Aber man darf Kultur nicht darauf festnageln wollen.
Und wenn man die mittlerweile schon zweite Bankenkrise innerhalb von 4 Jahren als Argument für oder gegen mehr Markt heranzieht, werde ich wirklich wütend. Gerade die Geldwirtschaft ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht in der Marktwirtschaft leben, sondern im Staatskapitalismus. Würden die Gesetze des freien Marktes wirken und würde der Staat (der Steuerzahler) nicht permanent Bürgschaften übernehmen, wären mehr als die Hälfte der Banken bereits pleite und Frankreich gleich mit dazu, dessen Banken nämlich über die Hälfte der griechischen Staatskredite halten - zu Wucherzinsen, die das Dilemma lawinenartig haben anwachsen lassen.
Von den letzten guten Geistern verlassen ist ja wohl der Vorschlag der Reduzierung der Archive. Wo bitte soll das Gedächtnis der Nation aufbewahrt werden - unabhängig von Moden und Zeitgeist-Konjunkturen, die entscheiden, was gesammelt, was weggeworfen wird - zum Entsetzen der nächsten Generation, die die Wertigkeiten vielleicht ganz anders bewertet als ihre Eltern?
Guttenberg , 04. April 2012 - 10:43 Uhr
40. Kulturinfarkt: Viererbande ist bildungsfern
Lese gerade mit Entzücken meinen eigenen Kommentar (Murmel, Murmel) und lasse mich davon zu der kühnen These anregen:
Ich glaube, die Viererbande, McKinsey & Co gehören selbst zu den bildungsfernen Schichten. Man muss den Begriff von Parametern wie Einkommen, Hochschulbesuch und gesellschaftlichem Status entkoppeln und sagen, dass es bildungsferne Schichten in allen Schichten der Gesellschaft gibt.
Guttenberg , 04. April 2012 - 11:36 Uhr
41. Kulturinfarkt: Kultur und Bildung simulieren
@Guttenberg. Natürlich ist es richtig Parameter wie Einkommen und Status von dem Begriff Bildung und Kultur zu entkoppeln. Leider gilt dies auch für den Theaterbereich, in dem sehr viel Bildung und Kultur simuliert wird, aber, falls eine gewisse Nibelungentreue nicht ausgeübt wird, sich das Unterste allzu schnell schmallippig nach Oben verkehrt, und plötzlich primitivste Ausgrenzungstechniken angewandt werden, die man an sich nur von extrem bildungsfernen Schichten kennt.
martin baucks , 04. April 2012 - 18:19 Uhr
42. Kulturinfarkt: Hegelsche Wahrheit
Vielleicht wenigstens diesen Schuss hören: http://www.radio-utopie.de/201...more-64281 - und den Brief aus Polen bei 'nachtkritik' lesen. "Die Wahrheit ist konkret." (Hegel)

Steckel , 04. April 2012 - 18:40 Uhr
43. Kulturinfarkt: Ausgrenzungstechnik
Ach Herr Steckel, es gibt sie noch, da habe ich mich schon heute morgen eingetragen, auch denke ich oft über Budapest nach, und über Rumänien, wo ich zwei Inszenierungen erarbeitete, ein Land, welches ich sehr liebte.

Die Wahrheit ist also konkret. Warum verstecken Sie sich hinter Hegel? Schauen Sie sich doch nur ihre unhaltbaren Vorwürfe mir gegenüber an. Mich in die Nähe von Wilders zu rücken, dies meine ich mit Ausgrenzungstechniken, ist schon eine Entschuldigung wert.

Danach reden wir weiter.
martin baucks , 04. April 2012 - 19:38 Uhr
44. Kulturinfarkt: vorgehaltener Bildungspanzer
Außerdem, da ich es erst später feststellte, es ist für mich, Herr Steckel geradezu auf eine spezielle Art, na sagen wir schonend verbildet, hier in dieser Debatte diesen griechischen Rentner, der sehr zu bedauern ist, ins Spiel zu bringen.

Das sind Formen verdeckter Bildungsferne alles und jedes für seine Zwecke zu instrumentalisieren, sei der Zusammenhang auch noch so dünn. - Als ich diese Wilders Bemerkung las, musste ich tatsächlich einen Moment lang an Berlusconi denken, wie er den deutschen Europaabgeordneten für eine Rolle als Kapo in einem italienischen Film vorschlug. Wie sich die Vorgehensweisen ähneln, nur um einen in einem Gedankengang, der ihnen missfällt, zu stoppen.

Sie scheinen auf ihre Weise gerne ein Beispiel abgeben zu wollen, wie man mit dem vorgehaltenem Panzer der Bildung und Kultur relativ schroffe, spröde, ja ungebildete und unkultivierte Verhaltensweisen hervorbringen kann. Aber wahrscheinlich täusche ich mich. Hoffentlich.
martin baucks , 05. April 2012 - 00:31 Uhr
45. Kulturinfarkt: langsam wird's albern
ätschibätsch ich hab mich aber schon früher da eingetragen als sie - herr baucks, sie hören sich ein bißchen an wie ein pubertierender der gegen die elterngeneration rebelliert und papa steckel hat natürlich mit allem grundsätzlich unrecht und versteht nicht um was es eigentlich geht. langsam wirds irgendwie albern.
ina , 05. April 2012 - 09:27 Uhr
46. Kulturinfarkt: Schaum vorm Mund
Lieber Herr Baucks,
Ihre Kommentare führen nur dazu, dass Sie sich einen Namen machen. Einen Namen für das, was man künftig meiden sollte. Schaum vor dem Mund und Hirnschmalz sind nicht dasselbe. Ich schreibe das nicht aus Bildungsdünkel. Ich gehöre selbst zu den bildungsfernen Schichten.
Meine Kritik an Ihren Kommentaren wäre:
1. sprachlich schlechter Stil (Schachtelsätze)
2. menschlich schlechter Stil (man pöbelt seine Mitmenschen nicht an)
3. Sie verbeißen sich in Ihren Privat-Dschihad (man fragt sich unwillkürlich: Wer hat Sie denn aus der Spielgruppe ausgegrenzt, dass Sie so verbissen um sich beißen.)

Ihr Kollege Stefan Kurt hat einmal etwas Wunderbares gesagt. Auf die Frage "Wie reagieren Sie auf Buh's", antwortete er: Ich lächle.

Ich zweifle nicht daran, dass Sie jetzt Schimpfkanonaden aus allen Rohren auf mich abfeuern werden, werde sie aber weder lesen noch beantworten.
Befolgen Sie das Rezept des Kollegen Kurt und Sie werden reich und glücklich. Den Untergang des Abendlandes haben auch Größere, als wir es sind, nicht aufhalten können. Warum auch? Das Werden und Vergehen von Dingen nennt man Geschichte.
Guttenberg , 05. April 2012 - 10:24 Uhr
47. Kulturinfarkt: Verflüssigung der Strukturen
Also wenn ich Schaum vor dem Mund gehabt hätte, ich hätte es mitbekommen. Es ist auch kein Privatstreit. Herr Steckel ist ein gutes Beispiel dafür, wie jemnd versucht einer gerade laufenden Debatte über die Anpassung der Förderung und Subventionen an eine neue historische Situation aus dem Weg zu gehen, indem er ständig Nebenschausplätze errichtet. Der Selbstmord eines griechischen Rentners, die Situation in Polen, Vergleiche mit Wilders, statt einmal wirklich aufeinander zuzugehen.

Verflüssigung der Strukturen, lese ich heute im Tagesspiegel sei das Zauberwort. Eine gute Formulierung in der sich einiges abbilden ließe. Stattdessen soll ich mich mit Vorwürfen auseinandersetzen und Schüsse hören.
martin baucks , 05. April 2012 - 12:03 Uhr
48. Kulturinfarkt: ich schließe mich an
Herrlich,danke,Herr Guttenberg.Mein Kommentar über die Beiträge des Herrn Bauchs wurden nicht veröffentlicht,wahrscheinlich,weil sie zu frech waren.Sie haben nun dankenswerterweise viel besser geschrieben.Umso mehr kann ich mich Ihnen anschließen.
steckelverehrer , 05. April 2012 - 12:21 Uhr
49. Kulturinfarkt: Erfahrungshintergrund
Das sind deutsche Muster, die hier gedacht werden. Die Opposition pubertiert nur. Schlechter Stil, dies Aufbegehren gegen den Vater. Schaum vorm Mund. Huhaha.

Ich bin Vater, 51 Jahre alt. Ich kommentiere vor einem gewissen Erfahrungshintergrund. Oft genug habe ich an Leitungssitzungen teilgenommen, in denen sogar hochrangige Künstler verhöhnt wurden, wenn sie nicht genügend Respekt vor dem Apparat zeigten.

Nun befinden wir uns an einem Wendepunkt. Die Piraten stehen sozusagen schon vor der Tür, nein, sie haben die Türpfosten längst durchschritten. Die alte Linie, wie sie Herr Steckel beschwört, ist längst ein Pointillismus. Vieles bewegt sich, auch wenn man die Förderungsstruktur der Bundeskulturstiftung betrachtet. Aber es reicht nicht.

Man kann nicht ignorieren, dass viele Künstler in einer prekären Lage leben. Noch weniger darf man dies von einer (hoch-) subventionierten Position aus. Das wäre in Wahrheit unsolidarisch. Und die Wahrheit sei konkret, durfte ich hier lernen. Was sollte sie auch sonst sein?

Subventionen werden nicht gestiftet, um ausgrenzend zu kuratieren. Viele Theater haben schon erkannt, dass es einen freien Markt gibt, der nichts mit neoliberalen politischen Auffassungen zu tun hat und kooperieren mit jenen, die sich dort bewegen.

Niemand hat vor eine Oper zu schließen! Schön, wenn dies wirklich wahr wäre. Aber das Denken geht leider zum Teil in diese Richtung. Stattdessen sollte es wohl bedachte Vorschläge für fließende Übergänge geben. Der ehemalige Tanker muss durchflutet werden, denn er befindet sich nicht auf einem wilden Meer, wo er unterzugehen droht, er wird belebt von verantwortungsvollen Künstlern, die sich lediglich unterschiedliche Organisationsstrukturen gesucht haben.

Solche Menschen zerstören sich nicht gegenseitig. Sie trennt keine feindliche Linie. Sie hören nicht lauernd auf den nächsten Schuss. Sie schützen und fördern sich gegenseitig.

Sonntagsreden, á la Guttenberg, oh nein, nur ein kleines Statement in diese frei tägliche Stille hinein. Soviel Pathos bitte ich sie mir durchgehen zu lassen.
martin baucks , 06. April 2012 - 21:29 Uhr
50. Kulturinfarkt: Beispiele
"Viele Theater haben schon erkannt, dass es einen freien Markt gibt, der nichts mit neoliberalen politischen Auffassungen zu tun hat und kooperieren mit jenen, die sich dort bewegen."

Bitte nennen Sie Beispiele.
Steckel , 10. April 2012 - 16:51 Uhr
51. Kulturinfarkt: Stadttheater ist ein Machtapparat
Martin Baucks' Thesen erinnern mich stark an jene von Marlene Streeruwitz, die vor ein paar Jahren im Spiegelinterview meinte, die Stadttheater sollten als "Speerspitze der neoliberalen Ausbeutung" alle geschlossen werden.. Ich symphatisiere mit dieser Haltung. ja, und es ist nicht von der Hand zu weisen. Dieser Stadttheater-Betrieb ist wirklich nicht so schützenswert, wie das gewisse in dieser Debatte meinen. Die Stadttheater mit ihrem verkrusteten System repräsentieren in ihrer überwiegenden Mehrheit leider nicht die Werte der Aufklärung, wie das die Steckels behaupten, sondern jene einer Diktatur. Interessant ist ja auch, dass der Beruf des "Dramaturgen" auch erst seit der Nazizeit existiert. Die Stadttheater sind unmenschliche Betriebe und setzen - unter anderem die SchauspielerInnen - einer willkürlichen totalen Macht der Intendanten und Regisseure aus. Wer das bestreitet, ist meiner Meinung nach naiv - oder ein Lügner. Deshalb ist auch dieses schlecht geschriebene Buch zu begrüssen - aber sicherlich mit besseren Thesen zu erweitern, die nicht diesen McKinsey-Geruch haben, der von zu vielen missverstanden wird.
blitzkritiker , 11. April 2012 - 16:12 Uhr
52. Kulturinfarkt: bitte erläutern
"Die Stadttheater sind unmenschliche Betriebe und setzen - unter anderem die SchauspielerInnen - einer willkürlichen totalen Macht der Intendanten und Regisseure aus."

Können Sie das bitte erläutern?
Naiver Lügner , 11. April 2012 - 20:39 Uhr
53. Kulturinfarkt: Spitzensatz
"Interessant ist ja auch, dass der Beruf des 'Dramaturgen' auch erst seit der Nazizeit existiert."

Das ist nun ja mal ein Spitzensatz; man könnte sicher noch einen dümmeren finden, aber einen perfideren kaum. Wollen Sie den vielleicht mal erklären, bitte? Und wenn Sie schon dabei sind: Stadttheater sind also unmenschliche Betriebe? Tatsächlich, ja? Da gäbe es auf meiner Seite auch Erklärungsbedarf. 
Dramaturg , 12. April 2012 - 11:47 Uhr
54. Kulturinfarkt: was für ein Ding?
Wir schliessen uns der Bitte an - und würden außerdem gerne erfahren, was für ein Ding z.B. Lessings "Hamburgische Dramaturgie" gewesen sein mag, "wenn der Beruf des "Dramaturgen" auch erst seit der Nazizeit existiert."
Die Steckels , 12. April 2012 - 11:52 Uhr
55. Kulturinfakrt: Definition Dramaturg
Meyers Konversationslexikon. 4. Aufl. 1885-90
Dramaturg (griech.), einer, welcher der Regie einer Bühne als Berater vom Standpunkt der Kunstwissenschaft zur Seite steht.
noch ein Dramaturg , 12. April 2012 - 16:14 Uhr
56. Kulturinfarkt: Der Sachverständige
Nach der Wortbedeutung (griechisch dramaturgein = ein Drama verfassen)
der am Theater tätige, für Beurteilung und Auswahl der zu spielenden Stücke zuständige literarische Sachverständige.
Wortbedeutung , 13. April 2012 - 00:01 Uhr
57. Kulturinfarkt: flüssig in den Abfluss
"strukturen verflüssigen ist das zauberwort."
damit ganz flüssig die subventionen in den abfluss wandern können.
wer ist denn hier naiv.
nennen sie mir ein beispiel, wo in den letzten jahren in der kultur gekürtzte subventionen später der freien szene zur verfügung gestellt wurden.
das gekürtzte geld ist meines wissens nie wieder in kultur gesteckt worden, eher in baumassnahmen u.ä.
am ende stehen einfach nur noch mehr völlig unterbezahlte künstler.
soll das jetzt das ziel sein?
susi@martin baucks , 13. April 2012 - 08:00 Uhr
58. Kulturinfarkt: Spione des Systems
Natürlich, eine These ist das. Aber halt meine These. Gegenrede durchaus willkommen. Gestützt wird diese Thesen beispielsweise durch "Wikipedia", dort heisst es: "Spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich das Berufsbild entscheidend gewandelt. Dabei ist das Stückeschreiben und Bearbeiten von Texten in den Hintergrund getreten", und auch: "Im französischen, russischen und englischen Sprachgebiet wird ein Dramaturg nach wie vor als Autor betrachtet." Ja,ja. Es ist schon seltsam, dass diese Funktion, die der Dramaturge hat ( und das nur in Deutschland! ) anscheinend in der Nazizeit entstanden ist, als er darum ging, die Parteilinie zu überwachen. Und leider, meine liebe Diskursfreunde, deckt sich dieser Eindruck mit meinen Beobachtungen. Der Dramaturge im deutschsprachigen Theater schaut in den meisten Fällen viel zu stark darauf, dass die SchauspielerInnen & RegisseurInnen ( die KünstlerInnen ) die Linie des Hauses/Betriebs einhalten, zudem sind sie KlatschmultiplikatorInnen, sie leiten die Probenskandälchen direkt in die Leitungsetage - bestimmen über die Besetzung, haben Macht über jene, die sich künstlerisch veräussern müssen und sich dadurch verletztlich machen. Der Dramaturg im deutschsprachigen Theater ist - Grössen wie Stefanie Carp ausgenommen, die sich selber als KünstlerInnen sehen - meistens ein Spion des Systems und dadurch nicht der Freiheit, sondern der Untersdrückung von Körpern verpflichtet. Und deshalb ist es Aufgabe jedes redlichen Theaterschaffenden, an der Abschaffung dieses Systems zuzudienen, und auch solche Bücher wie "Kulturinfarkt" zu begrüssen, so schlecht sie auch geschrieben sein mögen. Es lebe der befreite Schauspieler! Es lebe die befreite SchauspielerIn! Es lebe die Freiheit!
blitzkritiker , 13. April 2012 - 14:23 Uhr
59. Kulturinfarkt: Anleitung zum "Spiel des Jahres"
Matthias Burchardt zitiert in seinem sehr lesenswerten Kommentar „Der Angriff der Neoliberalen auf die Kulturförderung der öffentlichen Hand“ aus der nicht weniger, aber anders lesenswerten Bertelsmann-Studie „Die Kunst des Reformierens“: „Policy-Designs, die gezielt die Schwächung der internen Kohärenz von potenziellen Vetospielern bzw. von starken Interessengruppen anpeilen, begünstigen Reformen.“ An dieser Stelle folgt eine bemerkenswerte Fußnote: „Nach Tsebelis ist die interne Kohärenz von Vetospieler(n) eine von drei entscheidenden Variablen, die eine Abweichung vom Status quo erschweren. Kann sie durch ein entsprechendes Policy-Design geschwächt werden, so erhöht sich umgekehrt die Möglichkeit der Abweichung vom Status quo.“ (Tsebelis, George. “Decision-making in political systems: Veto players in presidentialism, parliamentarism, multicameralism und multiplayism”. British Journal of Political Science 25 (3) 1995, S. 289-325, sowie Veto Players, How Political Institutions Work, Princeton 2002.) Bis hin zu dem zierlichen Vokabular - „Policy-Design“, „Vetospieler“ - gleicht die Bertelsmann-Studie einer Spielanleitung zum „Spiel des Jahres“ mit dem Titel WIE ZIEHE ICH WEN ÜBER DEN TISCH. Buchardt fragt sehr zu Recht: „Was aber bedeutet es, dass der Unternehmensberater und leitende Autor des ›Kulturinfarktes‹ Prof. Dr. Dieter Haselbach im Auftrag der Bertelsmann Stiftung mit der Entwicklung eines Qualitätsmanagement-Systems Kultur beauftragt ist?“ Und er ergänzt: „Meiner Meinung nach gibt die ganze Debatte ein gutes Beispiel für die Bertelsmann-Reform-Strategie ab.“ Ich möchte hinzusetzen: „Und für deren Gelingen.“ „Begleitet wird dieser Angriff auf das traditionelle Kulturverständnis“, schreibt Burchardt, „durch multimediale ›Reformkommunikation‹, in der die Gegner der Reform als ›rückständig‹, Besitzstandswahrer oder Vertreter von Partikularinteressen diffamiert werden.“ In diesem Lichte lese man einen - ja, kann man es „Kommentar“ nennen? - Beitrag wie die Nr. 58. Und nicht nur diesen. Wer hier zu dem Schluss käme, die Theater hätten nichts Besseres verdient als das, was gegenwärtig mit ihnen gemacht wird, hätte nur dann Unrecht, wenn wir fähig würden, klüger mit uns selbst und unserer Kunst umzugehen.

Im anderen Falle tritt zu der Verzweiflung über den Niedergang die Verzweiflung über das Bild, welches wir in diesem Niedergang abgegeben haben werden.
Steckel , 13. April 2012 - 16:14 Uhr
60. Kulturinfarkt: unwürdige Diskussionen
blitzgedanke an blitzkritiker: ich bin gerade in einem unmenschlichen stadt-theater gefangen, werde in einer inhumanen kantine festgehalten. diskutiert wird über den unterscheid zwischen finanzierung und subvention. das kann sich hinziehen, den haben ja nicht mal die vier weisen von der infarkt-station begriffen. mir ist komisch zumute, weil ich vom blitzkritiker ja weiss, dass ich mich jetzt unterdrückt fühlen muss und eigentlich sofort das haus hier in einem quasi-guerilla-akt zusprerren müsste. da zwingen mich die erinnerung an die vielen entwürdigenden nebenjobs vor und während meiner theaterlaufbahn in die knie. genau: ich laufe los, entreisse dem hausmeister die schlüssel und sperre ab - von innen - damit keiner mehr reinkommt, um den inneren frieden und die innerer freiheit der verbliebenen stadt- und staatstheater mehr zu bedrohen. keine blitzkritiker mehr, keine selbsternannten kulturkartiologen, nur noch eingesperrt-befreite theaterleute, viel zeit und probenraum. what a dream! mensch blitzkrieger, da haben sie mich ja wirklich sehr inspiriert. halten sie die ohren offen, wenn sie vom ersten, sich selbst geschlossenen theater gehört haben - es wird nur der anfang sein, wenn es heisst: wir entziehen uns unwürdign diskussionen und wenden uns dem wesentlichen zu - dem theater.
olympe , 13. April 2012 - 16:28 Uhr
61. Kulturinfarkt: Neoliberal ist relativ
Ach, was für ein dräuender Untergangston, lieber Steckel. Wieso schieben sie nun mir den Schwarzen Peter des Neoliberalen zu? Neoliberal kann man genauso gut die prekären Arbeitsverhältnisse an den Stadttheatern nennen, die fehlende gewerkschaftliche Organisation der SchauspielerInnen, die Reproduktion des militärischen Machtapparates in der "Zivilgesellschaft" des Betriebs - die Abschottung der Intendanzen von der Belegschaft mittels Referenten, die Generierung von Haus-Profil auf Kosten von Künstlern, die die Nutzungsrechte am Werk mittels Vertrag ans Haus abgetreten haben. Das "traditionelle" Kulturverständnis, das sie erwähnen, was ist denn das? Auf welche Tradition stützt sich dieses Verständnis ab? Auf Goethe? Auf Brecht? Auf Adorno? Auf Heidegger? Es tut mir leid, aber faktisch betrachtet, tritt auch ein Regisseur wie Sie mit dem Regievertrag - bei dem er alle Nutzungsrechte ans Haus abtritt - in einen Zustand der totalen Entfremdung zu seiner Arbeit. Ich sehe bei diesen Arbeitsverhältnissen eher die Rauchsäulen der Fabrikhallen der brutalsten kapitalistischen Ausbeutungsphasen der industriellen Revolution vor mir, als eine Denkfabrik des 21. Jahrhunderts im Sinne der Aufklärung. Noch schlimmer haben es die SchauspielerInnen. Denen gehört gar nichts an ihrem Werk (ausser dem kitschigen Brot des Applauses). In dem Beschützen und Verteidigen dieser Arbeitssituationen werden in der Tat partikuläre Interessen beschützt. Heute kann der Kapitalismus vielleicht überwunden werden, aber sicher nur dann, wenn man ihn begriffen hat, sich mit ihm auseinandergesetzt hat, mit ihm gespielt hat. Offen, mit Distanz und klarem Kopf. Das kann man nicht im geschützten Biotop des Glashauses. Und Begreifen tut man diesen Kapitalismus ganz sicher nicht als angestellter Beamter eines "traditionell" geführten Stadttheaters, der diese furchtbare und böse Ausbeutung von Menschen in seinem geschlossenen System viel effizienter betreiben darf als die moderne Gesellschaft, auf die der gleiche Stadttheaterbeamte von Berufes wegen den Finger zeigen muss - als "Aufklärer". Diesen Fingerzeig auf das bös-neoliberale macht er aus heuchlerischer Bequemlichkeit, besitzstandwahrend & ganz sicher nicht auf Basis eines tiefergehenden Verständnis der Ausbeutungsmechanismen. Sonst würde er sich in dem Betrieb anders verhalten und hätte diesen Betrieb in den letzten 40 längst reformiert.
blitzkritiker , 13. April 2012 - 18:07 Uhr
62. Kulturinfarkt: Schaden wo
Gott! An welchen Theatern waren Sie denn tätig, Sie Ärmster, um derart Schaden an Ihrer Seele zu nehmen?
Steckel , 13. April 2012 - 22:26 Uhr
63. Kulturinfarkt: argumentieren wie eine Betriebsnudel
Ich habe an sehr vielen Theater gearbeitet und mache es weiterhin, weil das mein Beruf ist, lieber Steckel. Und ich arbeite oft auf der Seite der Hegemonie, deshalb weiss ich auch um die Denkungsart der Leitungsetagen. Und die Vorsprechen, die ich erleben konnte als Assistent, Regisseur und Schauspieler, waren ( mit wenigen wenigen Ausnahmen ) kalte, sehr kalte Castings, schlimmer als Dieter Bohlen. Die Früchte dieser Macht habe ich durchaus auch schon genossen. Ich bin kein guter Mensch. Mit ihnen zu debattieren, ist momentan noch nicht sehr ergiebig - zumindest für die Mitleser nicht - weil sie nicht argumentieren, sondern nur ausweichen. Mir persönlich macht es natürlich Spass, aber denken sie ein bisschen mehr an die Leserschaft. An jedem Theater an dem ich arbeitete, waren diese Dinge zu beobachten, weil jedes dieser Theater juristisch und hiearchisch so aufgebaut ist, wie ich es beschrieben habe. Das wissen sie doch selber. Kennen sie ein hochsubventioniertes Theater an dem die SchauspielerInnen die Rechte an den geschaffenen Werken mitverwalten? Kennen sie ein Theater, bei dem der Regisseur die Nutzungsrechte nicht abgibt an seinem Werk? Nehmen sie Bezug auf das, was man schreibt! Schreiben sie ( beispielsweise )_ Ja, ich finde es richtig, dass ich die Nutzungsrechte am Werk abtrete, weil.... schreiben sie: Nein, die Schauspieler leben nicht unter prekären Bedingungen, weil.... Argumentieren sie. Seien sie nicht süffisant. Ich schreibe ja auch nicht: Der Steckel ist ein Nutzniesser und geniesst es, das die SchauspielerInnen rechtelos sind. Oder: Der Steckel ist ein Ausbeuter. Ich schreibe: Der Steckel gibt seine Rechte an seinem Regiewerk an das Theater ab. Das ist doch ein Faktum. Und dazu kann man unterschiedliche Meinungen haben. Es gut und richtig finden, oder es - wie ich - als entfremdete Arbeitssituation beschreiben. So wie ich ihre Argumentation im Moment empfinde, kann ich sie nur als hegemonial und besitzstandwahrend beschreiben, weil sie nicht argumentieren wollen, sondern sich auf der hochsubventionierten Seite sehen und dadurch sich ohnehin im Recht fühlen. Das ist eben diese Betriebsnudellogik, die keine Distanz zum Gegenstand hat. Damit sage ich nicht, sie seien eine Betriebsnudel. Damit sage ich: Sie argumentieren wie eine. Das Buch, um das es hier geht, rüttelt an dem Selbstverständnis der Branche. Es ist kein gutes Buch. Aber es hat eine Diskussion ausgelöst. Deshalb sollte man jetzt auch über diese Erschütterung reden - und nicht die Erschütterung leugnen. Das wäre ja paradox, weil sie sind ja hier, auf dieser Plattform und argumentieren. Tun sie nicht so, als wären sie gar nicht da.
blitzkritiker , 14. April 2012 - 11:01 Uhr
64. Kulturinfarkt: das gibt zu denken
1. Fein, auch in der Schweiz finden sich Dramaturgen (läßt sich Herr Bärfuß nicht sogar so "schimpfen" ??): das gibt zu denken.

2. Masterstudiengang "Dramaturgie"= "Fabrik der Offiziere"

3. Es gab auch Stadttheater vor dem Nazireich, also geht auch die Debatte wohl tiefer.

4. Ich sehe mich mehr als so ein "Steckel": passiert auch nicht alle Tage.
Arkadij Zarthäuser , 14. April 2012 - 13:56 Uhr
65. Kulturinfarkt: bitte genau sein
Au weia. Die Seite der Hegemonie. Lieber blitzkritiker, wenn Sie sosehr unter ihrem Beruf leiden, dann hören sie doch damit auf. Aber ernsthaft, es gibt einen Unterschied zwischen Nutzungsrecht und Urheberrecht. Und im übrigen wird ein Regisseur für die Abtretung des Nutzungsrechts an ein Theater bezahlt: das nennt man Gage. Und das viele Schauspieler (und assistenten und Dramaturgen und und und) an Theatern schlecht bezahlt werden wissen wir alle. Aber das macht aus ihrem engagement noch keine prekäre Beschäftigung. Lieber blitzkritiker seien sie selber bitte genau mit ihren Begriffen.
Im übrigen sind die Thesen in diesem Buch weder wichtig, noch originell. Aber in einem immerhin haben auch Sie recht: das Buch ist schlecht geschrieben.
Klaus M. , 14. April 2012 - 15:22 Uhr
66. Kulturinfarkt: über die Machtfrage sprechen
zu 4) : Womit der Beweis erbracht wäre, dass die ästhetischen und inhaltlichen Differenzen innerhalb der privilegierten Schicht der Anhänger eines konventionellen Stadttheaterverständnisses - wie sie zwischen Arkadji und Steckel wohl zu existieren scheinen, nur unbedeutende Duftmarken sind, wichtig vielleicht für den machiavellistischen Diskurs- und Geschmackkampf in der geschlossenen Zone, für Nichtbeteiligte irrelevant. Neues Theater, relevanteres Theater könnte nur in neuen Machtstrukturen entstehen, bei gleichbleibender Machtstruktur ändern sich nur die Ausstattungs- und Kostümdetails. Aus der Rose im Knopfloch der 50er wurde im zeitgenössischen Bourgeois-Poptheater der rosarote Cowboyhut, der biedere Anzug des 50er Jahre Regisseurs wurde in den 90ern zum Adidas-Jäckchen, heute ist er vielleicht das Wollmützchen eines Armin Petras. Niemand will hier über Machtverhältnisse reden, weil zuviel der hier anwesenden - ja genau - Offizierskaste Nutznießer des bestehenden Systems sind. Die Schauspielerinnen schweigen, weil man sie nicht reden lässt in solchen Dingen, sie vollziehen eben an sich den Beuteverzicht und üben sich im Texteaufsagen. Rechtelos bleiben sie - und das scheint so auch von den Diskursteilnehmern hier gewollt zu sein. Schon interessant, dass hier Niemand auch nur im Hauch auf den von mir erwähnten Aspekt Frage der Nutzungsrechte eingehen will - eine extrem relevante Fragestellung, eigentlich. Sie wird hier überhört, leicht spöttelnd unter den Teppich gekehrt. Schlimm daran ist, dass hier eben doch die Auffassung zu herrschen scheint, die am Stadttheater gezeigten Produkte seien eine Ware, denn nur eine solche Auffassung erlaubt die Existenz einer ausführenden "Proletarier"-Schicht, wie das die SchauspielerInnen in dem bestehenden System sind. Eine Schicht, die keinerlei Rechte an dem hergestellten Produkt hat. Dabei war es gerade dieser - von dem Buch definierte Warencharakter, der den ersten kollektiven Branchen-Aufschrei generierte. Es ist irgendwie bezeichnend, dass die hier dominierende Auffassung dem Infarkt-Buch in doppelter Hinsicht recht gibt. Einerseits in dessen Affirmation des Warencharakters, andererseits auch deswegen, weil die vom Buch auch aufgeworfenen Fragen nach der Neu-Verteilung der Macht nicht diskutiert werden wollen. Man müsste aber - wenn man so redlich wäre, wie man zu behaupten scheint, über diese Machtfrage sprechen. Vielleicht nicht mit den Lösungen, die das Buch anbietet. Aber wenn es eine moralischen Aspekt in der Fragestellung gibt, dann jener der Machtverteilung, die an den Häusern immer noch pyramidisch ist wie in einem Konzern oder einer Kaserne - und rechtelose AusführerInnen von Konzepten kennt. Natürlich: Jetzt wird es heissen: Die SchauspielerInnen wollen das ja auch so. Sie sind glücklich. Fakt ist: Juristisch gesehen sind sie macht- und besitzlos. Aber das wisst ihr doch selber. Wieso erkläre ich das euch nur?
blitzkritiker , 14. April 2012 - 17:49 Uhr
67. Kulturinfarkt: Theater als Bedingung der Möglichkeit
Wie ich schon unter Nr. 33 schreiben durfte: Ich spreche hier von Theatern... als Bedingung der Möglichkeit, und nicht davon, wie die amtierenden Damen und Herren diese Möglichkeit nutzen. Im Übrigen habe ich in vierzig Jahren Berufstätigkeit viele Theater von Innen gesehen - kein einziges entsprach Ihren monomanen Schilderungen. Dazu mögen sich bitte diejenigen äußern, die in den nämlichen Zwangsanstalten geknechtet zu werden meinen, in denen Sie offenbar unterwegs sind. Die Sache mit der Übertragung der Nutzungsrechte wollen Sie bitte meinem Finanzamt erklären, mit dem ich, wie Sie vielleicht gehört haben, die schauderhaftesten Händel ausfechte, weil es mir nicht glauben will, dass ich Rechte übertrage! A propos: Für die Übertragung von Nutzungsrechten werde ich - ich denke eigentlich nicht, dass ich das hier ausführen muss - nicht nur bezahlt, sondern es arbeiten, eine Zeit lang, ohne dass es mich etwas kosten würde ausser ggf. Nerven, Dutzende von Menschen daran, die künstlerischen Vorstellungen, mit denen ich mich unnötiger Weise trage, in die Tat umzusetzen: Darsteller, Assistenten, Bühnentechniker, Tischler, Schlosser, Schneider, Requisiteure, Maler, Maskenbildner, Ankleider, Schuhmacher, Waffenmeister, Beleuchter, Toningenieure. Nennen Sie das entfremdete Arbeit? Klaro können wir alles noch viel, viel besser machen! Theaterarbeit trägt utopische Züge. Eine Vielzahl von Menschen bemüht sich um die Herstellung von Etwas, das kein Auto ist und kein Mobiltelefon, überhaupt keine Ware, ganz gleich, wie tüchtig diejenigen strampeln, die es dazu machen wollen. Sollten Sie je versucht haben, eine "Produktion" einer bestimmten Größenordnung "am freien Markt" auf die Beine zu stellen, wissen Sie, was für ein Segen die stehenden Theater sind - und über je mehr Mittel sie verfügen, desto besser. Die ganze Welt ausserhalb unserer Landesgrenzen sieht das so, nur hier hört das paranoide Gemecker nicht auf. Anstatt für eine politische Veränderung einzutreten, welche die Zukunft dieser Häuser sichert und ausbaut, lässt man sich lieber seufzend mit der Deutschen Bank oder der Credit Suisse ein, Instituten, denen nichts als ihre "Imagepflege" am kalten Herzen liegt. An diesem Punkt sollte Ihre Kritik ansetzen! Hier vielleicht wäre der Nachweis zu führen, dass unsere Theater unverrückbare Repräsentationsanstalten des ausgelaugtesten Bürgertums sind, verehrter Herr Blitzkrieger - ja, ja, ich weiss! Aber solche Pseudonyme sind wirklich ein Grauen.

Steckel , 14. April 2012 - 18:12 Uhr
68. Kulturinfarkt: kapitalistischer Warencharakter
Lieber Hert Steckel, ich bin durch den Punk sozialisiert worden - da sind solche Wortspiele Teil des antifaschistischen Vokabulars. Was ihre Ausführungen betrifft: punktgenau erscheint in der Aachener Zeitung ein Artikel über die Arbeitsbedingungen der Schauspielerinnen ( siehe Nachtkritik Presseschau ). Darüber reden Sie eben nicht, diese Bedingungen weisen auf den kapitalistischen Warencharakter der Stadttheater-Produkte hin. Dies sind die faktischen Belege jener Bedingungen die ich an den Stadttheatern gesehen habe und sie anscheinend nicht ( wir waren auch schon an den gleichen beschäftigt )
blitzkritiker , 15. April 2012 - 10:24 Uhr
69. Kulturinfarkt: Ping-Pong-Fahrwasser
@ blitzkritiker

Das beweist natürlich garnichts, zeigt (und soll zunächst auch nicht mehr) hier lediglich
an, in welchen Ping-Pong-Fahrwassern sich der Threaddiskurs zurzeit abspielt.
Ganz gut, daß es da -auch ganz aktuell- am (im Briegleb-Artikel auch eben erst gerade
thematisierten) Thalia-Theater in Hamburg einen Abend geben wird, der wohl immerhin ua. auch daran erinnert, obschon auch ein "Kulturinfarkt"-Autor eingeladen ist, daß diese Debatte mitnichten erst durch dieses Buch angestoßen worden ist,
sondern (siehe "Heart of the CITY"-TdZ-Sonderheft bzw. diverse nachtkritik de.-Artikel zum Stadttheater) gerade in dieser Spielzeit öffentlich und zunehmend pointierter ausgetragen wird (ein weiterer geladener Gast ist Matthias von Hartz , sic !):
"Das Theater der Zukunft - Nische oder Herz der Stadt", Dienstag, 15.5.2012 um 20 Uhr (Podiumsteilnehmer: Friedrich von Borries, Matthias von Hartz, Staffan Holm, Armin Klein, Joachim Lux und Annemie Vanackere).
Ob ich privilegiert genug bin, diesen Abend wahrnehmen zu können, habe ich mit meinem Nachtschichten-Plan offen gestanden noch nicht hinreichend ausgetragen, aber vielleicht sind Sie da "offiziersnäher" als ich (mein - ich denke - berechtigtes
Interesse zielt darauf, das, wenn ich in eine Stadt X,Y,Z komme, um dort mich für eine Woche etwa auf die dortige Theaterszene einzulassen -wie desletzt in Leipzig: eine Fülle- , ich nicht auf En-bloc-Pläne treffe, die mir dann möglicherweise nur einen oder zwei Besuche von Inszenierungen gewährleisten, die dann noch dazu gänzlich auf einen massenkompatiblen Geschmack zurechtgestutzt worden sind; ähnlich geht es im übrigen mit Büchereien:
Wenn es da 4 Zierfischmagazine gibt etcpp. und das TheaterHeute-Abo zB. aufgekündigt wird, weil zu wenig Leser sich (angeblich) dafür finden -in Kiel ist das so ungefähr der Stand -die "Kultur-Institutionen" arbeiten ja nicht unbedingt (immer) Hand in Hand-, dann frage ich mich natürlich auch, ob "Masse" alles ist und versuche vor Ort gegenzusteuern (nun gut, in der Unibibliothek, die ich mit Abgabe des Reisepasses etwa, besuchen kann, hat alle Jahrgänge der TheaterHeute (um bei dem Beispiel zu bleiben), und in diesem Fall bin ich wirklich irgendwie "privilegiert", da ich von dieser Möglichkeit Wind bekommen habe -aber man glaube ja nicht, solch ein Wind kommt ganz automatisch, nur weil es das Internet gibt, mitunter droht eher das Gegenteil). Genau, wie die SchauspielerInnen und Dramaturgen, Regisseure,
Freelancer etcpp. verfolge auch ich -nämlich als Zuschauer- in diesem Diskurs zunächst mein Ziel aus der begrenzten Perspektive, die ich notwendig auf den Gegenstand "Theaterwesen" haben muß, warum sollte ich mir (sogleich) anmaßen, hier für Akteure zu sprechen ??; ich wehre mich dagegen, da ich in der Verbindung zB. "Theaterreisen und Internet" auch neue Chancen sehe, daß sich das Theaterwesen von innen her und diskursiv erneuert (sehe gerade in einer Kritik den Begriff "Theaterbundesliga", und warum eigentlich nicht ein bißchen mehr von der Haltung, daß es auch zu mittelmäßigen Theaterabenden noch mehr zu sagen gäbe als zu dem einen oder anderen Championsleague-Spiel ??) , geradezu als reaktionär, fast nischen- protofaschistisch mich hier teilweise abgekanzelt zu sehen: ich hatte insofern annährend fest damit gerechnet auf den Satz zu stoßen "Nein, Sie gehören nicht zu den Steckels, es gibt ja noch die Naiven." Nun gut, das mag sich als naiv "erweisen", was ist da schon auszuschließen ?, aber Schuster muß doch zumindestens bei seinem Leisten bleiben dürfen in so einer Debatte, ohne gleich als "Schauspieler-Schinderhannes" dazustehen, oder ?.
Arkadij Zarthäuser , 15. April 2012 - 13:48 Uhr
70. Kulturinfarkt: Element des Widerstands
Die Ensembles - ich spreche vom Schauspiel - werden immer kleiner, weil zu wenig Geld da ist und die Intendanten keine Etaterhöhungen mehr durchsetzen können. Die Reihen der Techniker und Handwerker lichten sich, weil Arbeitsplätze nicht neu besetzt werden dürfen. Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst werden von den Kommunalpolitikern ungerührt aus dem schrumpfenden Bestand genommen. Die durchschnittlichen Künstlergagen sind zu niedrig. Theaterbelegschaften müssen Notlagentarife akzeptieren, wenn ihnen nicht der Arbeitsplatz verloren gehen soll. Die Spielpläne werden immer gleichförmiger, weil - zu Recht - im Risikofalle das Ausbleiben des Publikums befürchtet wird und die neuere Dramatik nicht überzeugt. Die Kommunikations- und Verkehrsformen in den Theatern sind vielfach würdelos und einem auf künstlerische Produktion gerichteten Apparat nicht angemessen. Die Eitelkeiten überwiegen die Fähigkeiten bei weitem. Und dennoch überlebt, behaupte ich, in all dieser Misere, deren Abwendung offenkundig nur zu einem Teil in unserer Macht steht (dessen Umfang wir allerdings häufig unterschätzen) ein Element des Widerstands gegen "eine Kultur der verallgemeinerten Berechnung, die 'Kapital' genannt wird" (J.-L. Nancy). Dieses Element verdankt sich der antikapitalistischen Wert-Losigkeit unserer Kunst, die, will sie Kunst bleiben, sich mit dem Bestehenden nicht abfinden darf. Eine demokratische Politik muss die Existenz dieses Elements ermöglichen und schützen. Augenblicklich tut eine undemokratische Politik das Gegenteil. Kommunalpolitiker, die mit Wahlbeteiligungen an die Macht kommen, welche so niedrig sind, dass sie, wären sie Auslastungszahlen, jeden Intendanten der Kopf kosten würden, drehen die mittlerweile im Grundgesetz aufgestellte „Schuldenbremsen“-Garotte zu und sprechen von der „Alternativlosigkeit“ ihres Tuns. Ganze Gesellschaften sind auf dem Holzweg. Aber es gibt Widerstand. Und er wächst.

Steckel , 15. April 2012 - 19:00 Uhr
71. Kulturinfarkt: Machtfrage
Lese ich da raus, dass sie die Verwendung des Begriffs "Theaterbundesliga" als diskursbereichernd verstehen? Oder eben grad nicht? Aber zu ihrer Endfrage. Nein, dazu kenne ich sie zuwenig. Sie wissen selber am besten, inwiefern sie ein "Schauspieler-Schinderhannes" sind oder eben nicht. Bezeichnend ist aber, dass auch an der oben erwähnten Diskussion ( Friedrich von Borries, Matthias von Hartz, Staffan Holm, Armin Klein, Joachim Lux und Annemie Vanackere) beispielweise ein Exponent wie Fabian Hinrichs fehlt ( oder ein/e Ähnliche/r ) - also ein/e SchauspielerIn, die mittels Einsatz von Körper und Stimme in jüngster Zeit neue Performance-Potentiale freigelegt hat. Warum man das Theater von morgen immer nur von den Offizieren definiert denken kann ( um bei den Begrifflichkeiten zu bleiben ), ist mir schon ein Rätsel. Und dass hier so wenig Diskurs-TeilnehmerInnen in diese Richtung denken, empfinde ich als unheimlich - und lässt mich solche Ansätze wie im Infarktbuch beschrieben, nicht einfach nur verneinen. Ich meine, die SchauspielerInnen sind aus diesem Theater von morgen nicht wegzudenken - sie müssten mitdiskutieren und mitbestimmen - womit ich eben die Machtfrage stelle.
blitzkritiker , 15. April 2012 - 22:25 Uhr
72. Kulturinfarkt: zwei Positionen und dazugehörige Argumente
Ich finde es schade, dass der Thread von seiner Ausgangsfrage abgekommen ist.
Es ging doch darum, ob das deutsche Stadttheatersystem erhaltenswert ist oder nicht?
(Auslöser dieser Grundsatzdebatte war der Vorschlag der "Kulturinfarkt"-Verfasser, die Theater-Zuschüsse zu halbieren und die zweite Hälfte Volkstanzgruppen und anderen basiskulturellen Projekten zu Gute kommen zu lassen.)
Es zeichneten sich hier 2 grundsätzliche Positionen ab:
1. Die Steckelgruppe ist für den Erhalt = die Finanzierung des Stadttheatersystems, um das uns die Welt beneidet.
2.Gegen den Erhalt des Stadttheater-Systems wird mit 2 Gründen argumentiert:
a) das hierarchische Stadttheatersystem ist verknöchert und muss durch alternative Produktionsstrukturen ersetzt werden. (Strukturelles Argument)
b) Das real existierende Stadttheatersystem leidet unter der Diktatur verantwortungsloser Regisseure, Intendanten, Dramaturgen, die das Theater nach Gutsherrenart führen und die Schauspieler unterdrücken. (Baucksgruppe)

Mich würde interessieren:
zu 2a) Welche alternativen Produktionsformen stellen Sie sich vor?
Es gab in der Vergangenheit immer wieder Versuche basisdemokratischer Theaterproduktion (Stein/Schaubühne; Palitzsch/Frankfurt; Mnouchkine usw.), die früher oder später abgebrochen wurden. Warum hat das dort nicht funktioniert? Wie könnte es funktionieren? Kann es funktionieren?

zu 2b) Wie kann man dem Missstand abhelfen?
Was müsste geändert werden?
Wie lautet die Alternative?

zu 1) Aus welchen Gründen sind z.B. zwei Opernhäuser mit je eigener Technik, Chor, Orchester, Verwaltung, Marketing, Dramaturgie, Ensemble etc. in Berlin erhaltenswert, wenn die Stücke, die Sänger, die Regisseure mehr oder weniger dieselben sind?

Außerdem: Laut Dietmar Schwarz auf der Spielplanpressekonferenz am 13.4.2012 in Berlin hat die Deutsche Oper nach Abzug aller Lohn- und Fixkosten noch Geld für 4 Neuinszenierungen pro Jahr.
Wäre es nicht sinnvoller, einen Betrieb so auszustatten, dass er 8 Produktionen pro Jahr herausbringen kann?

Die Berliner Operndebatte ist ein gutes Beispiel, weil die Kulturinfarkt-Autoren dem Stadttheater ja Uniformität und Reproduktion des Immergleichen vorgeworfen hatten. Bei Staats- und Deutscher Oper ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht gibt es doch Argumente dagegen?

Was die Gagenfrage anlangt, bin ich ratlos. Es kann nicht sein, dass ein ungelernter Beleuchter mehr verdient, als ein voll ausgebildeter Schauspieler. Das ist hirnrissig. Aber wer soll angemessene Darsteller-Besoldung bezahlen, wenn das ganze Stadttheatersystem finanziell am kollabieren ist?

Wir brauchen wirklich gute Argumente, um das Theater, das wir - glaube ich - alle brauchen und lieben, zu verteidigen. Bitte nutzt diesen Thread, um Argumente zu sammeln und auszutauschen, statt Euch gegenseitig zu beschimpfen.
Guttenberg , 16. April 2012 - 00:57 Uhr
73. Kulturinfarkt: hilfreiche Zusammenfassung
LIeber Guttenberg, Danke für die hilfreiche Zusammenfassung, wirklich gut. Aber: Wir haben uns nicht beschimpft. Wir haben argumentiert. Ich mag Steckel und Zarthäuser mittlerweile fast schon ein bisschen.
blitzkritiker , 16. April 2012 - 07:37 Uhr
74. Kulturinfarkt: höhere Zuwendungen und raus aus dem Tarifzwang
@Guttenberg
Das ist eine wirklich gute Zusammenfassung einer unübersichtlichen Diskussion. Für mich lautet die zentrale Frage: "Aber wer soll angemessene Darsteller-Besoldung bezahlen, wenn das ganze Stadttheatersystem finanziell am kollabieren ist?"

Ich sehe nur zwei mögliche Wege:
1. Die Zuwendungen an die Theater müssen erhöht werden, damit wieder mehr Geld für die Kunst und für die Künstler zu Verfügung steht. In dieser ganzen Debatte ist das sicherlich eine wenig originelle und sogar altmodische Forderung. Aber vergegenwärtigen wir uns doch einmal über wieviel Geld hier geredet wir. Alle öffentlich geförderten Theater zusammen kosten die Kommunen oder Länder rd. 2 Mrd Euro pro Jahr. Zum Vergleich die Steuereinnahmen der öffentlichen Hand gesamt im Jahr 2011: 555 Mrd €. Also das ist das Theater der BRD wert: 0,4% der Einnahmen.
Ich weiß selber, dass diese Sicht tendenziös ist, aber trotzdem, die Vorstellung, dass aus den 0,4% plötzlich 0,6% würden... Diese Vorstellung ist schon verlockend.
2. Die Theater müssten aus den Tarifzwängen des öffentlichen Dienstes heraus. Da liegt nämlich der Grund, warum ein "ungelernter" Beleuchter (sofern es ihn denn gibt...) mehr verdient als ein dilopmierter Schauspieler. Die Theater haben nämlich keine wirkliche Handhabe in Technik oder Verwaltung Gehälter zu verhandeln. Die sind durch den Tarifvertrag festgelegt. Auch hier findet sich ein Grund, warum bei Tariferhöhungen, Zuschusskürzungen etc. immer in der "Kunst" gespart wird. Also weg mit dem TVÖD / TVL und die dann (mittelfristig! Vertrauensschutz!) freiwerdenden Gelder in die Kunst und zu den Künstlern umleiten.

Und am Besten wäre natürlich 1+2 zusammen. Schöne Träume sind das, oder? Das hat übrigens alles nichts mit autoritären Strukturen zu tun. Nur mit Geld.
Klaus M. , 16. April 2012 - 15:49 Uhr
75. Kulturinfakrt: Theaterbundesliga
@ blitzkritiker

Das ist ja schon die Crux. Bei all dem Schuldenmachen, bei all dem Proporz, bei all der sogar den krudesten Kapitalismus noch befördernden Art, welche im Spitzenfußball
Usus sind, dürfte "man" sich im Grunde kein Spiel mehr etwa oberhalb der 5. Liga
ansehen (zumal "man" durchaus feststellen kann, wenn man gewillt ist, sich auf solche Spiele einzulassen, daß man sich schnell an die etwas ungeordneteren Spiele und die Atmosphäre von überschaubaren "Fangruppen" gewöhnt), ich zum Beispiel bin da überhauptnicht konsequent und fiebere mit dem FC Energie.
Andererseits macht es wenig Sinn, einen Terminus wie "Theaterbundesliga" zu unterdrücken, wenn unter vorgehaltener Hand vorwiegend so geredet und so gedacht wird; dann ist es schon besser meineserachtens, die Analogie so weit zu treiben, daß der Begriff sich möglicherweise im offenen Diskurs als immer fragwürdiger erweisen kann beziehungsweise im Sprachspiel einen Ort findet, der annehmbarer wäre als die 1:1-Übertragung der Fußball-Bundesliga-Verhältnisse auf das Theaterwesen. Eine Variante, diese Analogie weiter zu treiben, ist der mir sowieso am Herzen liegende Versuch, über einzelne Theaterereignisse sich mindestens so gelöst austauschen zu lernen wie es bei Fußballspielen durchaus üblich ist, so wollte ich verstanden werden.

Ja, Guttenbergs Zusammenfassung ist auch für meine Begriffe förderlich, sich inhaltlich wieder einzelnen Punkten zuzuwenden, und nochmals ja: Was Herr Steckel in § 70 schreibt, trifft, denke ich, die Lage, wie sie sich darstellt, sehr gut, und ein drittes Mal ein "Ja": ein Schauspieler (etwa Hinrichs) bei so einer Diskussion und nicht nur dort (im Nachbarthread regt sich ja etwas, und das ist gut so) wäre sicherlich sehr zu begrüßen (möglicherweise liest ein Thaliawesen das ja noch rechtzeitig und lädt einen solchen/eine solche nach; wenn schon Einzelpersonen nen "Platonow" auf den Spielplan bringen können dort, dann könnten mindestens zwei Rufe nach einer Schauspielerin, einem Schauspieler und ggfls. auch einer GDBA-Person möglicherweise auch vernommen werden).
Ich kenne mich mit den Berliner Opern leider viel zu schlecht aus (und, was die Diskussion betrifft, nicht nur dort) , aber wenn das so stimmt wie Guttenberg es hier schreibt, dann ist da gewiß Diskussionsbedarf; möglicherweise könnte auch das "Lübecker-Modell", das ja auch für einigen Zwist gesorgt hat, in diesem Kontext als geeignetes Diskussionsobjekt herangezogen werden, fast will es mir so erscheinen..
Arkadij Zarthäuser , 16. April 2012 - 16:39 Uhr
76. Kulturinfarkt: der multifunktionale Typ
@Guttenberg, Antwort
2a) Leitungsteams sind eine Lösung - gestellt aus Theaterschaffenden neuster Prägung. Basisdemokratie ist ein abgetretener Begriff, würde ich so nicht benutzen. Das ( wechselnde ) Leitungsteam bestimmt die Zielsetzungen für die Produktionen - und deren Hierarchieformen.
2b) Die modernen Schauspielausbildungen, u.a auch dank des Master-Campus Systems bilden neue Arten von Theaterschaffenden heraus. Der Schauspieler des neuen Typus ist multifunktional, kann Budgets erstellen, Konzepte entwickeln, Leute anleiten. Er kann Leitungsfunktionen wahrnehmen, sich aber auch einem Konzept unterordnen. Er braucht neue Organisationsstrukturen, die ihm gerecht werden. Die Zielsetzungen der Produktionen bestimmen die Hierarchie innerhalb der Produktionen. Ein massentaugliches Musical braucht eine andere Führungssstruktur als ein Stadtbespielungsprojekt. Ist bei dem einen die stramme Führung durch den Kapellmeister von nöten, ist es beim zweiteren der Tod des Projekts. Der Schauspieler an diesem Theater verdient viel mehr Geld. Den höheren Lohn bezieht er aus Reduktion der Bühnenwaufwände. Gebaut wird seltener, dafür mehr - mit aller Kraft des Schauspiels - der leere Raum bespielt. Rote Vorhänge reichen sehr oft schon aus, wenn der Inhalt stimmt. Tische. Stühle. Gute Requisiten tun ihr bestes dann dazu. Aber bitte nicht mehr dauernd der Bau dieser Bühnenbilder! Wenn gebaut wird, dann effektiv und bombastisch - und auf der Höhe der Technik. Aber seltener und konzentrierter. Der Intendant, der Patron der alten Sorte - der wie in Bonn geschehen - sich ein Luxusleben leistet und nur "repräsentiert" - muss man - Sorry, anders ist es nicht zu sagen - zum Teufel jagen. WIE IST DAS ZU RECHTFERTIGEN, LIEBE DISKURSFREUNDE? An den Theatern braucht es Leute, die brennen, für den Inhalt, für das Theater. Die aber dafür gut bezahlt werden. Keine Patrons. Macher. Die gesprochenen Geldmittel reichen durchaus aus für manch gutes Theater dieser modernen Art.
Samuel Schwarz , 16. April 2012 - 19:07 Uhr
77. Kulturinfarkt: In diesen Verhältnissen?
Es ist hoffnungslos. Wieso soll ein Intendant, der 320'000 Euro im Jahr abzieht ( wie das Beispiel aus Bonn beweist ) und durch den alles Geld fliesst - und der wie ein Patron jede einzelne Gage verhandelt - wieso Himmel nochmal soll das nichts mit autoritären Strukturen zu tun haben angesichts dieser Löhne des SchauspielerInnen. Ich gebe auf. Wenn vor solchen Wahrheiten die Augen verschlossen werden und man hier lieber davon träumt, dass Gelder des Strassenbaus in die Theater fliessen, dann lohnt sich für mich diese Diskussion nicht mehr. Sie wird zu einer Lügendiskussion. Denn würde mehr Geld in die Theater fliessen, dann würden sich an diesen Verhältnissen der Verteilung gar nichts ändern.
blitzkritiker , 16. April 2012 - 21:19 Uhr
78. Kulturinfarkt: das Nationaltheater im Senegal
Gerade komme ich zurück aus dem Senegal. Dort steht mitten in Dakar ein neues Nationaltheater, welches unter Wabe erbaut wurde. Es ist größer als der Friedrichstadtpalast, geradezu ein Monument. Neu erbaut, gläönzend, in all dem Chaos, mehrere Millionen teuer und von einer chinesischen Firma mit chinesischen Arbeitern errichtet. Bespielt wurde es einmal und dann geschlossen. Eine Führungskraft aus dem Flughafen Dakar sagte zu mir, nun hohlt sich Afrika allmählich dies Gebäude zurück. Hinten auf dem Parkplatz lungern ein paar Chinesen herum, die dies Gebäude bewachen. Ansonsten ein menschenleres Areal.

In den Baracken der chinesischen Arbeiter sind Künstler, Maler aus dem Senegal eingezogen und stellen dort ihre Bilder aus, leben unjd arbeiten dort. Ein wenig hat es mich an das Tacheles in Berlin erinnert, rein von der Atmosphäre her.

Dieses Theater sollte dringend belebt werden. Der neue Kultusminister ist ein Musiker und Produzent. Mit ihm müsste man gegebenenfalls verhandeln. Zudem gibt es eine komplette neue Regierung, wie wir alle wissen.

Was Herr Steckel würden sie dieser Regierung vorschlagen als Modell? Das stehende Stadttheater in Deutschland? Oder würden sie etwas neues entwickeln wollen. Sicherlich ist Dakar nicht mit Schwerin, Eisenach oder Halle zu vergleichen. Aber lassen sie sich einmal auf diese Vision ein. Wie sollte man dies Haus in Dakar betreiben?

Gruss

Baucks
martin baucks , 16. April 2012 - 22:10 Uhr
79. Kulturinfarkt: neue Tarifverträge
ich bin zwar selber kein beleuchter, aber unterstütze auch nicht das hier schlecht verdienende mit schlechterverdienenden ausgespielt werden! die bühnentechnik in den theatern ist bestimmt nicht überbezahlt, die leute die ich kenne ackern sich kaputt, und zwar ohne applaus! ich würde gegenhalten: tarifverträge bleiben, wir brauchen für die schauspieler neue dazu! und wenn eine gehälter umverteilung überhaupt zu einer lösung der problems beitragen kann, was ich bezweifle, dann würde ich erst mal bei den intendanten anfangen.
theatermacher , 17. April 2012 - 03:12 Uhr
80. Kulturinfarkt: Angleichung in der Mitte
@Theatermacher
Auch ich will in keiner Weise Kollegen gegeneinander ausspielen. Niemand in den Theatern (über Einzelfälle bei Intendanten/Geschäftsführern schreibe ich hier nicht) verdient ein Vermögen. Und gerade die Kolleginnen und Kollegen in den technischen Abteilungen arbeiten sich den Rücken krumm, denn in den Gewerken wurde in den vergangenen Jahren sehr viel Personal abgebaut. Und ich gönne jedem Einzelnen die Errungenschaften der Tarifverträge. Aber bitte sehen Sie auch die Verhältnisse:
Die Mindestgage im NV-Bühne liegt bei 1600 €. Davon können alle "Solisten" - und eben auch Schauspieler / Sänger / Tänzer betroffen sein. Um diesen Beruf auszuüben mussten die Kollegen in der Regel ein Studium absolvieren, das einen Studium an einer Fachhochschule entspricht. Mindestens aber einer qualifizierten Berufsausbildung. Für viele Darstellerinnen und Darsteller an kleineren Theatern ist diese Mindestgage das Einstiegsgehalt.
Der TVÖD sieht für Kollegen, die eine Fachhochschule absolviert haben die Entgeltgruppen E9-E12 vor: 2289 € bis 2787 €. (Dazu kommt noch die Theaterbetriebszulage je nach Bundesland, aber das sind nochmal rd. 15% mehr)
Also um eine Gleichbehandlung der Darsteller zu erreichen, müsste die Mindestgage also auf rd. 2500 € angehoben werden. Das klingt ja schön, und kein betroffener Schauspieler würde sich dagegen aussprechen - die Theater schon, denn ein ganz großer Teil wäre dann sofort insolvent.
Realistischer erscheint mir eine vernünftige Angleichung der Gehälter, bei der man sich dann "in der Mitte trifft", aber das verhindert eben der TVÖD.
Klaus M. , 17. April 2012 - 12:11 Uhr
81. Kulturinfarkt: wir haben Gagen offen gelegt
Nur rasch zwischendurch: Selbstverständlich sind die Gehälter der Intendanten (in unserem Falle der Theater) diskutierbar - wie alle anderen Gehälter. Kriterien hier: Wieviele Sparten betreut der Intendant? Ist er selbst ein Regisseur und falls ja, wie viele seiner Inszenierungen, ggf. an Oper und Schauspiel, sind mit der Gage abgegolten? Steht seine Gage in einem als ausgewogen zu bezeichnenden Verhältnis
zu den Bezügen seiner Mitarbeiter in der (künstlerischen) Leitung und den Gagen des Ensembles?
Wir haben z.B. während meiner Oberspielleiterzeit in Bremen alle Gagen im (Schauspiel-)Ensemble offengelegt, und, wo es nötig war, durch Umverteilung aneinander angeglichen. Auch an Steins Schaubühne waren 1970 die Gagen (inkl. seiner eigenen!) bekannt. Diese Modelle haben nicht Schule gemacht - eindeutig ein Rückschritt, wie ich finde.

Steckel , 18. April 2012 - 00:33 Uhr
82. Kulturinfarkt: Hinweis
Noch ein Hinweis zum Thema "Genossenschaften": www.jungewelt.de/2012/04-18/039.php
Steckel , 18. April 2012 - 00:45 Uhr
83. Kulturinfarkt: schlecht organisierte Schauspieler
Ich bezweifele, dass es die Wirtschaftlichkeit eines Hauses wirklich betrifft, geschweige denn in den Ruin treibt, wie KlausM. schreibt, wenn die Schauspieler angemessen bezahlt werden. Ein einfaches Rechenbeispiel deutet jedenfalls darauf hin: Ein mittleres Haus hat etwa 16 Schauspieler, angenommen die Hälfte davon fällt in den diskutierten Zustand der ungerechten Bezahlung. Man müsste, um auf 2500 € aufzustocken, acht mal 900 € pro Monat, bzw. insgesamt knapp 90000 € pro Jahr extra aufwänden. Bei einem Gesamtbudget von ca. 25 Mio € für ein mittleres Dreispartenhaus sind das weniger als 0,4%. Das Geld ist da, selbst heute!

Ein Theater scheint mir aus Intendantensicht eher wie ein kleines Unternehmen zu funktionieren. Und wo spart er als Unternehmer, wenn er muss? Da wo es am einfachsten geht. Beim Schauspieler, denn es gibt genügend, sie sind leidenswillig und sie sind schlecht organisiert.
wolfgangk , 18. April 2012 - 13:53 Uhr
84. Kulturinfarkt: Dramaturg und Verschwörung
@ blitzkritiker Nr. 58.: Was ich nicht verstehe, ist: Wie kommen Sie darauf, dass der Beruf des Dramaturgen in der Nazizeit entstanden ist? Da vielleicht doch mal lieber einen theaterwissenschaftlichen Experten zu Rate ziehen, anstatt Nazi-Verschwörungstheorien aufzustellen. Oder haben Sie konkrete Anhaltspunkte dafür, warum ein Dramaturg quasi ein Protofaschist sein soll?
Inga , 18. April 2012 - 14:12 Uhr
85. Kulturinfarkt: drosselnde Funktion der Dramaturgie
@inga Überlegen Sie mal: wenn der Dramaturg nur im deutschsprachigen Raum nicht automatisch auch ein Autor ist (wie in Russland, Frankreich), und diese eingeschränkte Funktion seines Berufs erst "spätestens" seit der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland so entstand - liegt es nahe, dass dieses aufs Aufpassen und Kontrollieren des Sinngehalts beschränkte Funktions des Dramaturgen in den 30er & 40er Jahren entstanden ist. Dies ist eine These. Damit sei nicht gesagt, Dramaturgen seien alle Nazis. Aber ihre Funktion entstand - so die These - in einer Zeit als die Erfindungkraft der Schauspieler und Regisseurinnen gedrosselt sein sollte. Und diese Körper und Geist konditionierende - und damit Schauspieler auch in ihrer Unmündigkeit haltende - Funktion hat die Dramaturgie immer noch inne.
blitzkritiker , 18. April 2012 - 17:13 Uhr
86. Kulturinfarkt: Gegenrechnung
@wolfgangk
Eine Gegenrechnung, um zu untermauern, dass es die Theater doch nicht aus eigener Kraft schaffen können. Ich habe mir auch Ihr fiktives mittleres Dreispartenhaus vorgenommen. Mit folgenden Annahmen:
1. man kann nicht allein die Gagen der Schauspieler erhöhen. Auch Sänger, Tänzer, Regieassistenten, Dramaturgen, etc etc müssen Nutznießer dieser Maßnahme werden. In dem betrachteten Theater schätze ich sind mehr als 30 Personen zu berücksichtigen.
2. Die wenigsten der Kollegen erhalten bereits jetzt nur die Mindestgage. Deshalb rechne ich nur mit einer durchschnittlichen Erhöhung um 600 € pro Person.
3. damit das Gagengefüge sich nicht zu Ungunsten der Kollegen verschiebt, die bereits jetzt "eine vernünftige Gage" haben, führt das nocheinmal zu Erhöhungen. Mehr als 20 Personen jeweils 200 €. (Das soll verhindern, dass ein Mitarbeiter, der länger am Haus ist plötzlich eine geringere Gage bekommt, als ein Kollege / eine Kollegin deren geringe Gage erhöht worden ist.)
4. Nicht vergessen: 19,575% Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung und eine Sonderzahlung (72% einer Monatsgage)
Ergebnis: Die Personalkosten des fiktiven mittleren Dreispartenhauses erhöhen sich um rd. 380.000 € pro Jahr
Auch das erscheint bei einem fiktiven Etat von 25 Mio nicht viel zu sein (1,5 %), aber aufgepasst: Schon jetzt werden wahrscheinlich bereits 85% des Etats durch die Personalkosten gebunden. Die Gagenerhöhung würde also aus den restlichen 15% genommen werden müssen. Wenn nun aber nicht die Zahl der Produktionen, die künstlerischen Etats etc. etc. gekürzt werden sollen (wie in den vergangenen Jahren immer). Bleibt nicht mehr viel übrig, als wiederum (künstlerisches) Personal einzusparen, um die Gagenerhöhungen zu finanzieren. Hier beißt sich aber dann die Katze in den Schwanz.
Ich bleibe dabei: um eine gerechte Bezahlung der künstlerischen Mitarbeiter zu erreichen brauchen die Theater mehr Geld.

Bemerkung: ich habe nicht versucht die Zahlen in die Höhe zu treiben, ich bin vielmehr selbst überrascht, wie wenig Geld nötig wäre, um auf mindestens 2500 € pro Mitarbeiter zu kommen.
Klaus M. , 18. April 2012 - 18:00 Uhr
87. Kulturinfarkt: Literarisierung des Theater im 18. Jhr.
@ blitzkritiker: Aber es gibt doch auch Dramaturgen, die zugleich Autoren und/oder Regisseure sind. Und ob diese Multi-Funktion automatisch zu mehr Mitbestimmung der Schauspieler führt, das hängt doch wohl eher und ganz allgemein von der Persönlichkeit des Dramaturgen und nicht von seiner Multi-Funktion ab, oder?

Theaterwissenschaftlich betrachtet, entstand der Beruf des Dramaturgen nicht in der Nazi-Zeit, sondern im Kontext der Entwicklung der Wanderbühne zum sogenannten "Nationaltheater" als Forum bürgerlicher Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert. In dieser Zeit begann die Literarisierung des Theaters und damit entstand der Beruf des Dramaturgen als sogenannter "Anwalt des Textes"/Dramas. Von der "Hamburgischen Dramaturgie" Lessings wurde weiter oben ja bereits gesprochen.
Inga , 18. April 2012 - 23:04 Uhr
88. Kulturinfarkt: Transaktions-, Umsatzsteuer
Mehr Geld! Aber woher soll dies kommen? - Ich habe es schon mal gepostet: Warum verlangt Steckel eine Transaktionssteuer, wenn er nicht einmal bereit ist eine Umsatzsteuer auf seine Gagen zu zahlen? - Alle sozialen Gruppen, die vom Transfer von Steuergeldern leben und bedroht sind, könnten Steuererhöhungen verlangen. Aber ist dies realistisch?!
martin baucks , 18. April 2012 - 23:12 Uhr
89. Kulturinfarkt: Voraussetzungen für mehr Geld
Ist mehr Geld für die Kultur realistisch? Nein, aber möglich. Meines Erachtens wären zwei Dinge nötig: die Beendigung des schwelenden Kleinkriegs zwischen den Befürwortern und Gegnern des Stadttheatersystems und eine Solidarisierung miteinander und mit allen Künstlern. Und eine klare Schwerpunktverschiebung in der Politik zu Gunsten der Kultur. Aber gerade das zweite wird nicht geschehen, solange wir uns gegenseitig beharken. Der "Kultur" fehlt die Lobby, und das wird auch so bleiben, wenn es keinen einhelligen Widerstand aus der Szene gegen so einen Quark wie "Kulturinfarkt" gibt.

Und um für den alten Haudegen Steckel eine Lanze zu brechen: seinen Umsatzsteuerstreit hat er nicht geführt, weil er keine Steuern zählen wollte, sondern um eine Gleichbehandlung von Regisseuren und Dirigenten durchzusetzen, und um die Entscheidung, ob Regisseure Künstler sind, nicht den Sachbearbeitern der Finanzämter zu überlassen. Leider hat er sich verzockt.
Klaus M. , 19. April 2012 - 08:57 Uhr
90. Kulturinfarkt: Künstler, vereinigt euch
'künstler, vereinigt euch'

für eure werke und deren kraft und ausdauer
für eure werke und deren präsenz
für eure werke und deren verbleib
für eure werke und deren behandlung

gegen eure werke und deren schwäche und kurzlebigkeit
gegen eure werke und deren unsichtbarkeit
gegen eure werke und deren billigen verkauf ins nirgendwo
gegen eure werke und deren nichtbeachtung

mit euren werken für ein klares kunstbudget
mit euren werken für orte ihrer aufführung
mit euren werken für den künstlerverkaufs-u. rechtsabtretungs-vertrag
mit euren werken für den kunstsoziologischen diskurs

um eure werke als friedvolle und stärkste waffe zu erkennen
um eure werke im ständigen betrieb zu wissen
um eure werke für ihren einsatz bereit zu wissen
um eure werke in ihrer bedeutung immer neu verankert wissen

durch eure werke die selbständig entscheiden
durch eure werke die menschen begegnen
durch eure werke die das leben bewegen
durch eure werke die in der zukunft segnen.
wolfgang hanghofer , 19. April 2012 - 10:54 Uhr
91. Kulturinfarkt: USt auf 0% ist angekündigt
Zu Nr. 88 und Nr. 89: Die öffentlich-rechtlichen, staatlich geförderten Theater und zahlreiche in Ihnen künstlerisch Beschäftigte sind von der Umsatzsteuer befreit. Zweck der Befreiung ist "die Verbilligung der künstlerischen Dienstleistung" gegenüber dem Publikum. Dem gastierenden Regisseur wurde die Befreiung mit der Begründung verweigert, er sei auf der Bühne, im Gegensatz etwa zu einem Dirigenten, nicht zu sehen und leiste folglich keinen umsatzsteuermindernden Beitrag zu einer Bühnenvorführung. Dagegen habe ich geklagt, vor der ersten Instanz gewonnen und, nachdem das Finanzamt Berlin-Zehlendorf vor dem Bundesfinanzhof in Revision gegangen war, verloren. Den Wortlaut des Urteils (vom 4.5.2011, Aktenzeichen XI R 44/08) finden Sie im Internet. Dank einer groß angelegten Initiative des Kulturstaatsministers Bernd Neumann kündigt sich jedoch eine Novellierung der Umsatzsteuergesetzgebung im Jahressteuergesetz 2013 an, nach der Regisseure und Choreographen künftig zu 0% Umsatzsteuer veranlagt werden. "Verzockt" kann man das nur insoweit nennen, als ich selbst, im schlimmsten Fall, von dieser Novellierung nichts habe, sondern, als einziger bundesdeutscher Spielleiter, sogar rückwirkend (!) zu 19 % herangezogen werde. (Sollte dieser Fall eintreten, werde ich die Hilfe derjenigen brauchen, die in den Genuss der Neuregelung kommen.)
Steckel , 19. April 2012 - 12:59 Uhr
92. Kulturinfarkt: Geschichte der Steuersenkungen
"Mehr Geld! Aber woher soll dies kommen?" - Sehen Sie sich die Geschichte der Steuersenkungen für Unternehmen, Finanzmärkte und Vermögende der letzten zwanzig Jahre an, dann wissen Sies - oder mindestens wissen sie, wo es u.a. geblieben ist! Wie oft muss ich es noch wiederholen: Es handelt sich um eine planmäßige Reduktion der finanziellen Verfügungsräume des Staates, betrieben von allen Parteien des Deutschen Bundestages bis auf die Linke.
Steckel , 19. April 2012 - 14:27 Uhr
93. Kulturinfarkt: europäische Gesetzgebung
steckel, sie sind nicht so allein, wie sie glauben. auch andere regisseure haben jahrelang brav ihre 16-19% USt abgeführt. bleibt zu hoffen, dass die novellierung dieses gesetzes wirklich eintritt, das wäre dann wirklich ein grund zum feiern. so recht dran glauben mag ich allerdings nicht, weil die europäische gesetzgebung grundsätzlich eine steuerbefreiung nur für darstellende künstler ("performing artists") vorsieht. regisseure fallen ausdrücklich nicht unter diese regelung. ob sich die bundesgesetzgebung gegen den EuGH stellen kann/wird, ist mehr als fraglich.
der ruhronkel , 19. April 2012 - 15:10 Uhr
94. Kulturinfarkt: Umsatzsteuer ist normal
Herr Steckel,

ich kann sie leider nicht richtig ernst nehmen. Es ist völlig normal, das im Warenverkehr nach Lieferung eine Umsatzsteuer auf den Nettoerlös erhoben wird. Sicherlich kann man eine Ungleichbehandlung in Richtung einer anderen Berufsgruppe reklamieren. Ebensogut könnte man aber auch zu der Einsicht gelangen, seine Steuer schlicht und ergreifend zu entrichten.

Dies ist letztendlich ihre persönliche Entscheidung. Sich aber, nachdem man für sich Steuerfreiheit vor Gericht erstreiten wollte, darüber zu erregen, dass andere Gruppen in den Genuss von Steuersenkungen kamen, ist absurd.

Sie politisieren. Das hat mit Kunst nichts mehr zu tun. Und indirekt qualifizieren sie in diesem Konflikt auch noch die Partei "Die Linke".

Über alldies vermag ich nur zu schmunzeln. Gut, dass sie kein Entscheidungsträger sind.
martin baucks , 19. April 2012 - 15:33 Uhr
95. Kulturinfarkt: der Preis der kulturellen Dienstleistung
Zu Nr. 93:

Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes - EuGH
...
Die Dienstleistung, die ein Interpret eines Kunstwerks (und das ist ein Regisseur) als „ausübender Künstler“ einem Theater gegenüber erbringt, kann ebenso wie die Dienstleistung, die das Theater dem Publikum gegenüber erbringt, in den Anwendungsbereich von Artikel 13 Teil A Absatz 1 Buchstabe n der Sechsten Richtlinie fallen. Danach befreien die Mitgliedstaaten „bestimmte kulturelle Dienstleistungen und eng damit verbundene Lieferungen von Gegenständen, die von Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder anderen von dem betreffenden Mitgliedstaat anerkannten Einrichtungen erbracht werden“ von der Mehrwertsteuer.
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Ein Regisseur kann als „kulturelle Einrichtung“ im Sinne von Artikel 13 Teil A Absatz 1 Buchstabe n der Sechsten Richtlinie angesehen werden, sofern er nach außen hin als Einheit auftritt, und die Leistung, für die keine Mehrwertsteuer erhoben werden soll, eine abgegrenzte Leistung darstellt.
...
Wie sich aus der Entstehungsgeschichte der Sechsten Richtlinie ergibt, sind kulturelle Dienstleistungen solche, die einem Publikum gegenüber erbracht werden. Die entsprechende Gegenleistung besteht in dem durch das Publikum bezahlten Entgelt. Es besteht kein Zweifel, dass derartige Leistungen von der Mehrwertsteuer befreit sind.
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Nach unserer Auffassung ist die kulturelle Dienstleistung eines Regisseurs derart eng mit der durch die Einrichtung Theater gegenüber der Öffentlichkeit erbrachten Dienstleistung verknüpft, dass eine Erhebung von Mehrwertsteuer auf die Regiegage dem Zweck der Mehrwertsteuerbefreiung zuwiderliefe. Dieser Zweck besteht gerade darin, durch eine steuerliche Maßnahme den Preis für eine kulturelle Dienstleistung niedrig zu halten.
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Wäre die Regietätigkeit nicht von der Mehrwertsteuer befreit und somit die zur Leistungserbringung durch das Theater notwendigen Kosten entsprechend belastet, würde hierdurch die Effektivität der dem Theater gewährten Mehrwertsteuerbefreiung beeinträchtigt. Hierdurch würde der Zweck der Regelung - die Begünstigung bestimmter kultureller Aktivitäten - verfehlt.
...
Die Befreiung dient nämlich dazu, die Zugangsschwelle für Theaterbesuche abzusenken. Die durch die Höhe des Eintrittspreises gebildete Zugangsschwelle betrifft vor allem kulturelle Veranstaltungen, die nicht von sich aus ein breites Publikum anziehen. Das Entgelt, das ein Theater einem Regisseur schuldet, ist Teil seiner Kosten, die üblicherweise unmittelbar auf das Publikum übergewälzt werden. Soll eine Erhöhung der Eintrittspreise der öffentlich geförderten Theater jedoch vermieden werden, belasten diese Kosten den Haushalt des Theaters anderweitig und stellen somit de facto eine mittelbare Kürzung der staatlichen Fördergelder dar.
...
Den Mitgliedstaaten steht bei der Anerkennung anderer „kultureller Einrichtungen“, die ebenso wie öffentliche Einrichtungen in den Genuss einer Mehrwertsteuerbefreiung kommen können, ein weites Ermessen zu. Sie sind berechtigt, den nichtkommerziellen Charakter einer kulturellen Einrichtung als Anerkennungskriterium zu verwenden.

(Aus: SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS L. A. GEELHOED vom 14. November 2002, Rechtssache C-144/00, Strafverfahren gegen Matthias Hoffmann)

Der EuGH ist diesen Anträgen gefolgt. Die BRD hat die europäische Rechtsprechung bis heute nicht umgesetzt. Aus diesem Grund hat der BFH mir den Gang vor den EuGH verwehrt.
Steckel , 19. April 2012 - 16:04 Uhr
96. Kulturinfarkt: die Position der UNESCO
Die 33. Generalkonferenz der UNESCO hat nach vielen über mehrere Jahre verteilten Sitzungen im Jahre 2005 ein „Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ verabschiedet „in der Überzeugung, dass kulturelle Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen sowohl eine wirtschaftliche als auch eine kulturelle Natur haben, da sie Träger von Identitäten, Werten und Sinn sind, und daher nicht so behandelt werden dürfen, als hätten sie nur einen kommerziellen Wert“, damit nun der schmunzelnde Herr Baucks recht metzgermässig daherkommt und ungerührt konstatiert, es sei „völlig normal, das im Warenverkehr nach Lieferung eine Umsatzsteuer auf den Nettoerlös erhoben wird“! Arme UNESCO! Auch noch die Mühe, diese doch einigermaßen moderate Formulierung zustande zu bringen, hätte sie sich, um das Lieblingswort der Zeit zu verwenden, sparen können! Wir reden hier von der künstlerischen Arbeit an umsatzsteuerbefreiten Theatern, schmunzelnder Herr! Lesen Sie die vorstehenden Ausführungen von Herrn Geelhoed zur Rechtssache Hoffmann, vielleicht hilft Ihnen das weiter, wenn Sie mich schon nicht ernst nehmen können. Die Umsatzbesteuerung freischaffender Regisseure und Choreographen beträgt im Übrigen augenblicklich hier 0%, dort 7 %, und anderswo 19 % (oft in ein- und demselben Bundesland), die Gesetzgebung ist extrem unübersichtlich und widersprüchlich - vom Urheberrecht und seinen Konsequenzen für die Umsatzsteuer ganz zu schweigen (hierzu sagt das BFH-Urteil kein Wort).

Und „andere Gruppen“ ist auch gut! Meinen Sie die Hoteliers? Die Unternehmer? Die Bankster? Die Reichen? In unserem Zusammenhang geht es um öffentlich bezuschusste Kunstausübung, und da sollte selbst Ihnen deutlich sein, dass eine Erhöhung der Umsatzsteuer bei den Regisseuren für die Theater bestenfalls ein Nullsummengeschäft ist, denn was sie mehr aufbringen müssen, muss ihnen zugelegt werden, oder, im schlimmeren Fall, durch eine de-facto-Kürzung ihrer künstlerischen Etats erwirtschaftet werden, oder, im schlimmsten Fall, durch eine Kürzung der Regiegagen zusammenkommen. (Für die Regisseure selbst spränge nur dann etwas heraus, wenn sie ihre Gagen trotz einer Absenkung der Umsatzsteuer halten könnten - und welche Regisseure können das?) Hier wird zugunsten der Öffentlichkeit gespart, nicht zugunsten privater Gewinne, Herr Schmunzler!

Ich politisiere. In der Tat. Sie sagen es. Nahezu jeder Beitrag in diesem Verlauf beweist, dass das vielleicht nicht schön, aber leider unvermeidlich ist, insofern unsere Probleme auch und vor allem politischer Natur sind - und dass wir, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir uns hier einigen sollten, damit rechnen müssen, keine politische Kraft zu finden, die unsere prekäre Einigkeit in dem Umfang Tat werden lässt, wie es nötig wäre. „Das hat mit Kunst nichts mehr zu tun“ befindet unser Schmunzelmartin - eine versteckte Aufforderung an den Schuster, bei seinem Leisten zu bleiben. Nichts lieber als das, Herr Baucks! Aber Sie sehen ja selbst - ach nein, Verzeihung, Sie sehen eben gar nichts, drum muss ich hier schon wieder viele Worte machen, ohne im Entferntesten auf Ihr Verständnis hoffen zu dürfen.

„Und indirekt qualifizieren sie in diesem Konflikt auch noch die Partei "Die Linke", monieren Sie. Ja, ich bekenne mich schuldig. Sie ist die einzige Partei, welche die Bezeichnung ‚Opposition’ verdient. Ob sie in unseren Angelegenheiten genügend Verständnis zu entwickeln vermag, wird sich zeigen.

Steckel , 19. April 2012 - 17:10 Uhr
97. Kulturinfarkt: Zuspitzung der Debatte
Lieber Herr Steckel,

jetzt war ich sogar amüsiert,..."metzgermäßig"...nicht schlecht gebrüllt Herr Löwe...dass ihnen die Redaktion solche und andere Beleidigungen durchgehen lassen, auch fein, damit muss man leben können. Nur meinte ich, dass ich es sittlich, verstehen sie das Wort, sittlich absurd finde für sich selbst Steuerfreiheit zu reklamieren, um im selben Atemzug für andere sozialen Gruppen höhere Steuern zu verlangen.

Dass sie hinter anderen sozialen Gruppen nur die Schweinebande der Reichen vermuten, mag ein Problem ihrer Persönlichkeit sein. Tatsache ist, dass auch Menschen Umsatzsteuern entrichten müssen, die ich nicht zu dieser Gruppe zählen möchte.

In sich ist ihre Haltung in diesem Punkt wenig glaubwürdig. Ich bedanke mich also für die Zuspitzung der Debatte ihrerseits. Zeigt sie doch allzu deutlich, wie sie gelagert sind und es leicht verstehen mit zweierlei Mass zu messen. Denn nicht alles an den deutschen Stadttheatern ist nichtkommerzielle Arbeit an der Kunst. Leider. Man kann hie und da Zweifel haben und für sich entdecken, dass hier durchaus steuerpflichtige Werke erzeugt werden, gelegentlich.

Selbstverständlich dürfen sie auf gegenseitiges Verständniss hoffen, denn ihre Gedankengänge sind mir nicht fremd. Nur wäre es hierzu förderlich mir keine schäbigen Titel zu geben, die meine Meinung und meine Person herabsetzen sollen.

Ich werde mir auch weiterhin das Recht nehmen über sie schmunzeln, denn sie geben mir Anlass dazu.
martin baucks , 19. April 2012 - 18:49 Uhr
98. Kulturinfarkt: Debatte um Verwaltungs Kosten ist nötig
Eine Tatsache: 80% der Kosten für ein Theater sind verwaltungstechnische Kosten. Die Schauspielensembles werden jedoch immer stärker verkleinert. Kann jeder selbst überprüfen, wenn er die Anzahl von Schauspielern/Schauspielerinnen in einem x-beliebigen deutschen Stadttheater im Zeitraum 1995-2010 überprüft. Dieser Kahlschlag wird seine Fortsetzung finden. Letztendlich bleiben dann wenigstens die Verwaltungsbeamten übrig, die in der Regel kommunale Beamte sind. Die werden dann die Theater schon bespielen. Die Debatte über den Kulturinfarkt ist unbedingt NÖTIG!
Kuhnst , 19. April 2012 - 20:52 Uhr
99. Kulturinfarkt: Kunst politisiert
Sehr geehrter Herr Baucks,
auch wenn Sie nur zu schmunzeln vermögen...gut, dass auch Sie kein Entscheidungsträger sind. Ihre Argumentationsführung zeugt von Inkompetenz. Warum? Kunst politisiert, auch wenn Sie das nicht verstehen dürften.
Kuhnst , 19. April 2012 - 21:45 Uhr
100. Kulturinfarkt: persönlicher Hinweis
Wenn Sie mir persönliche E-Mails schreiben wollen, lassen Sie sich von der Redaktion meine Adresse geben. Ich antworte Ihnen dann persönlich.
Steckel , 20. April 2012 - 00:08 Uhr
101. Kulturinfarkt: gegenseitiges ausspielen
Was verstehen Sie bitte unter "Verwaltung"? Und wieder werden Mitarbeiter gegen einander ausgespielt...
Beispiel Gorki: von 175 Mitarbeitern des Theaters (stand 09/10) arbeiten 6 in der Verwaltung, wenn sie Vorderhaus und Kasse dazuzählen wollen sind es 24, von denen offensichtlich eine große Zahl auch noch Teilzeit arbeitet (15,5 vollzeitstellen). Im Verhältnis zum Gesamtetat des Hauses verursachen diese Mitarbeiter 5,7% der Kosten.
Aber natürlich haben sie mit der Verkleinerung der Ensembles recht, und vergessen den Personalabbau in den anderen abteilungen im gleichen Zeitraum.
Klaus M. , 20. April 2012 - 08:23 Uhr
102. Kulturinfarkt: Milchmädchenrechnungen
Also, hier geht m.E. einiges durcheinander. Zu den 80%, die nicht ganz unrealistisch sein dürften, gehören vor allem die Kosten für den Betrieb eines Theaters. Bühnentechnik, Ton, Licht, Maske, Garderobe, Kosten von Versorgern etc. Kosten für den Bauunterhalt kommen meist aus dem Etat der Stadt und zwar nicht aus dem Kulturtopf. Und nicht jeder Angestellte am Theater ist verbeamtet. Ich denke, die Beamten sitzen da eher wo anders, nämlich in den Stadtverwaltungen. Dass die Schauspielensembles besonders an den kleinen Theatern zusammenschrumpfen, ist dem geschuldet, dass man diese 80 % nicht so ohne weiteres kleiner bekommt, da sie nun mal für den Betrieb lebensnotwendig sind. Ansonsten müssten die Künstler wie früher auf dem Markplatz spielen oder wie in Rostock in einem Zelt. Also Betrieb gegen Kunst auszuspielen ist eine Milchmädchenrechnung. Auch Häuser zu schließen, oder sie von den Ensembles zu trennen, wie im Buch Kulturinfarkt vorgeschlagen, zeugt von wenig Kompetenz der Autoren, da die Kosten für den Erhalt der Gebäude weiter bei der Stadt verbleiben, die auch die Kultur finanziert. Es sei denn, die Stadt verscherbelt die Immobilien an die Eventkultur, was zum endgültigen Infarkt der Kultur führen dürfte. Und wen Herr Baucks meint, er wird von den eingesparten Mucksen auch nur einen Heller für seine Kunst sehen, dann hat er sich leider komplett verzockt. Und noch etwas wegen der Umsatzsteuer. Es dürfte doch wohl klar sein, warum es verschiedene Steuersätze gibt. Es ist schon ein Unterschied ob ich Brot herstelle/kaufe, ein Buch oder eine Theaterstück für das ein Publikum Eintritt bezahlt, oder beispielsweise ein Auto, einen Fernseher oder einen Computer. Das eine braucht man zum Leben, das andere beinhaltet wichtige Bildung und das letztere dürften immer noch Konsumgüter sein. Und wenn ich diese zum verdienen meines Lebensunterhalts benötige, dann kann ich sie auch bedingt von der Steuer absetzen. Wenn Herr Baucks eines seiner Werke einem Verlag oder Theater zur Nutzung anbietet, kommt er in den Genuss des ermäßigten Steuersatzes. Warum dann nicht auch der Regisseur, der dieses als künstlerische Leistung auf die Bühne bringt? Aber das führt wahrscheinlich wieder zur Diskussion über Regietheater. Die Steuergesetze sind sicher reformbedürftig und auf die tatsächlichen Lebensumstände der Bürger anzupassen, aber dass bestimmte Sachen steuerlich subventioniert werden, wie bestimmte Lebensmittel, Bildung und Kunst, dürfte immer noch im Interesse aller liegen und nicht nur in dem eines bestimmten Klientels. So, ich würde gerne noch weiter diskutieren, aber ich muss meine Steuererklärung machen, der Termin drängt und die Bierdeckel gehen mir langsam aus.
Stefan , 20. April 2012 - 12:58 Uhr
103. Kulturinfarkt: Erläuterung zum UNESCO-Abkommen
Für diejenigen, die hier noch mitlesen: Das erwähnte UNESCO-Übereinkommen (die „Magna Charta der Kulturpolitik“) hat den Zweck, die marschierende Liberalisierung des „kulturellen Dienstleistungssektors“, wie sie z.B. der Lissabon-Vertrag vorsieht, zu stoppen bzw. wenigstens zu verlangsamen, um wirksame Gegenmittel entwickeln zu können. Die Kräfte sind stark und gut international vernetzt, für die eine Theatersubvention oder eine Rundfunkgebühr eine Wettbewerbsverzerrung darstellt. Bei der ersten Sitzung der deutschen UNESCO-Kommission zu diesem Thema waren denn auch nahezu alle Rundfunkintendanten anwesend, vom Theater waren es Manfred Beilharz in seiner Eigenschaft als Präsident des Internationalen Theaterinstituts und ich in Vertretung des deutschen UNESCO-Sprechers Dieter Welke (übrigens ein Dramaturg - sternenfern von dem Berufsbild, das Herr „blitzk.“ hier zeichnet). Es geht um die komplette Übernahme der Theater und Rundfunksanstalten in privatwirtschaftliche Großbetriebsformen im Sinne der „Kulturwirtschaft“, sprich der profitorientierten Kulturindustrie. Die zitierte Formulierung aus dem Übereinkommen belegt, wie sehr hier um Details gerungen worden ist: Allein die Frage, als wie „warenförmig“ die Produkte des Kultursektors gelten dürfen und können, war Gegenstand kontroversester Debatten nach der Devise: Je warenförmiger, desto leichter privatisierbar, will sagen, desto besser. Das Zugeständnis eines beschränkten Warencharakters dieser Produkte wurde von neoliberaler Seite mit der Drohung erzwungen, andernfalls das Übereinkommen nicht zu unterzeichnen (Israel und die USA haben dennoch nicht unterzeichnet, wobei hier erwartungsgemäß die gewaltige Kulturindustrie der USA die neoliberale Vorreiterrolle spielt). Diese Dinge sind von Bedeutung, weil sie den Rahmen unserer Diskussionen bilden. Die verheerenden Konsequenzen, die die hiesige Plünderung der staatlichen finanziellen Verfügungsräume für den Kultursektor hat (es sind, wie gesagt, nicht meine Begriffe), stellen in diesem Zusammenhang einen Verstoß der Bundesrepublik Deutschland gegen das von ihr unterzeichnete UNESCO-Übereinkommen dar, welches sie zu einer erhaltenden, schützenden Kulturpolitik verpflichtet. Es wäre interessant, das Übereinkommen auf Sanktionen für seine Verletzung hin zu studieren.
Steckel , 20. April 2012 - 13:31 Uhr
104. Kulturinfarkt: Wasser auf die Mühlen
@Stefan
herzlichen Dank für den Beitrag.
Und noch einmal, immer "Kunst" gegen "Betrieb" auszuspielen ist nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die die Theater (und alle anderen Kulturinstitutionen) für verzichtbar halten.
Klaus M. , 20. April 2012 - 15:47 Uhr
105. Kulturinfarkt: vom Stellenabbau betroffen
Wasser auf welche Mühlen? Es würde ein zahlenmäßiger Vergleich ergeben, dass die Schauspieler/innen am härtesten vom Stellenabbau betroffen sind. Dann ist tatsächlich ausgespielt.
Kuhnst , 20. April 2012 - 16:57 Uhr
106. Kulturinfarkt: alternative Modelle
(...) Ich Hege eben Zweifel, ob eine Erhoeung von Steuern tatsaechlich die Lösung sind, denn wie Herr Steckel zu Recht schon bemerkte, ist dieser Wunsch kaum noch mehrheitsfaehig in dieser Gesellschaft. Was also tun? Sich gegen alle anderen Modelle und Ueberlegungen sperren ?
martin baucks , 21. April 2012 - 15:36 Uhr
107. Kulturinfarkt: mehrheitsfähig?
Wieso denn eigentlich Steuererhöhungen? Es würde schon reichen, wenn sich die politischen Entscheidungsträger klar zur Kultur als Staatsziel bekennen würden. Oder wenn es kein so großes Wort sein soll: die gesellschaftliche Relevanz der Kulturinstititute anerkennen würden. Das Geld ist da in diesem Land (aber nicht unbedingt in jeder Stadt). Prestigeprojekte: Kanzleramt / Elbphilharmonie - kein Problem. Infrastruktur: Stuttgart 21 - kein Problem. Bankenrettung - kein Problem.
Und bitte nicht falsch verstehen, natürlich muss auch die freie Szene auskömmlich finanziert werden. Natürlich müssen sich die Strukturen der Stadttheater so verändern, dass die Gehaltsungerechtigkeiten beseitigt werden. Aber das halte ich alles für möglich - falls es die Entscheider denn wollen.

Aber auch das ist wahrscheinlich nicht mehrheitsfähig in dieser Gesellschaft, mit Kultur sind Wahlen wohl weder zu gewinnen, noch zu verlieren.
Klaus M. , 21. April 2012 - 21:11 Uhr
108. Kulturinfarkt: zwei ungangbare Wege zur Reform
Das ist eine steinige Debatte, aus der keiner als Sieger hervorgehen wird. Nach meinem Ermessen zeichnet sich ab, zwei Wege schließen sich so gut wie aus. Einerseits wird es sehr schwer werden die Finanzierung der Stadttheater durch eine Steuererhöhung nach Außen kommunizieren zu können, denn es gibt hierfür kaum eine Mehrheit, zudem stehen zu viele Interessengruppen gegeneinander, deren Personen gerne Nutznießer einer solchen Erhöhung würden. Ebenso ist die Lösung, einfach mehr Geld, auch kaum durchsetzbar, wie es Klaus M. treffend darstellt. Es gibt Ausnahmen, wie wir sie um die neue Intendanz des Hamburger Schauspielhauses erlebt haben, die jedoch auf betroffene kleinere Städte wahrscheinlich schwerer zu übertragen sind.

Was also tun?

Denkt man die Steuerbefreiung von Herrn Steckel konsequent weiter, träfe diese zu Null Rechnung auch auf die Lohnsteuer aller Beschäftigten zu. Mal abgesehen davon, dass Herr Steckel sein Geld eventuell in Bremen verdient, jedoch in Zehlendorf versteuert, und die Subventionsgebenden nicht ident sind mit den Steuererhebenden, ist es für viele Städte und Kommunen eventuell, unter Berücksichtung der bekannten Prämissen, denkbar eine solche Steuer zu senken oder sogar zu streichen. Wahrscheinlich fehlen hierzu jedoch (noch) die juristischen Grundlagen. Jedoch selbst wenn man auf einem solchen Wege Summen freisetzte, die man dem künstlerischen Etat zuführen wollte, müsste man wahrscheinlich unter erschwerten Bedingungen einen solchen Transfer verhandeln, da die Sparvorgaben diesen Wünschen entgegenstehen würden. Denn wie Stefan so, oder anders, so schön sagte, von den gesparten „Mucksen“ kommt nichts bei der Kunst an.

Was ich nicht glauben mag, ist, dass ein solcher Punkt überhaupt nicht verhandelbar wäre. Hier wird ein Politikerbild aufgebaut von völlig und ausnahmslos kunstfeindlichen Banausen. Bei Steckel liest sich das fast so, als ob wir einer internationalen Verschwörung ausgesetzt wären, die weltweit den öffentlichen Finanzraum minimieren möchte, um der Kunst zu schaden.

All dieser Staub wird aufgewirbelt, um jede Reformdebatte im Keim zu ersticken. Und hier liegt der eigentliche Fehler. Es kann Reformen geben, fern aller ehemaligen linken Denkmuster, wie Steckel sie verfolgt. Es müssen zwingend und dringend neue verhandelbare Positionen erarbeitet werden. Und deshalb debattiere ich hier gerne weiter. Immer auf der Suche nach realisierbaren Vorschlägen, an deren Ende ich nicht in einem Gruppenzwang eingepfercht, mit Transparenten auf der Straße stehe, um gegen die Reichen zu demonstrieren und ihre „Regierungen“.
martin baucks , 22. April 2012 - 15:15 Uhr
109. Kulturinfarkt: 130 Länder wegen Steckel?
"Bei Steckel liest sich das fast so, als ob wir einer internationalen Verschwörung ausgesetzt wären, die weltweit den öffentlichen Finanzraum minimieren möchte, um der Kunst zu schaden. All dieser Staub wird aufgewirbelt, um jede Reformdebatte im Keim zu ersticken."

Die UNESCO sieht sich zu einem solchen Schutz-Übereinkommen genötigt und rd. 130 Länder unterzeichnen es, weil Herr Steckel ein Verschwörungstheoretiker ist?

Baucksit ist schon ein extrem hartes Material!
Steckel , 22. April 2012 - 19:45 Uhr
110. Kulturinfarkt: Maßnahmenkatalog
Herr Steckel,

Sie sind nicht die UNESCO. Sie argumentieren nur mit ihr. Und stellen ein paar Beziehungen her zu anderen politischen Haltungen. Und dieser Mix hat einen Odem.

Auch ich könnte eine solches Übereinkommen im Geiste unterzeichnen. Darin bestht nicht das Problem. - Nur hilft dies nicht unmittelbar und gleich in Eisenach. Dort sind andere Lösungen gefragt. Und die könnte man hier erarbeiten.

Wenn sie endlich etwas machen würden. Nämlich sich konkret zu einem Reformwillen bekennen und gemeinsam einen Maßnahmenkatalog fern ihrer politischen Vorlieben erarbeiten würden. Dies mag ihnen hart erscheinen, von ihren Positionen Abstand zu nehmen, könnte aber angemessen sein.

Hier wurden und in anderen Threads Vorschläge gemacht. Dazu gehört zum Beispiel auch der Ausstieg aus den Tarifverträgen und die Idee der frei verandelbaren Verträge für alle Mitarbeiter eines Theaters. Das Theater ist nicht dazu da beispielhafte Vertragwerke für eine gesamte Gesellschaft vorzustellen. Es dient der Kunst.

Zudem ist es ein mittlerweile tragisches Konstrukt, dass einige Stimmen nur deshalb keine Veränderungen dulden wollen, weil das eingesparte Geld nie im Kunstetat ankäme. Man kann auf einem ruinösen Weg nicht weitergehen und nur deshalb an Verträgen festhalten, weil man Änderungen in dem Sinne fürchtet, dass danach alles noch schlimmer würde, wenn man vor einer Situation steht, die einen nicht würdig glauben lassen kann, dass es auf dem alten Weg tatsächlich weitergehen kann.

Denken heißt überschreiten. Denken sie endlich mal mit in eine neue Richtung. Ich glaube nicht an ihre Solidarität mit anderen Theaterformen außer dem stehen Stadttheater. Eine solche Solidarität wird für sie nur so lange dauern, bis sie ihre Ziele erreicht haben. Wäre es anders, sehe die Situation heute schom gerechter aus. Denn sie hatten genügend Möglichkeiten in ihrem Leben für eine größere Gerechtigkeit bei der Verteilung von Geldern zu streiten, Möglichkeiten, die sie versäumt haben, möchte man meinen.

Und ja, in diesem Sinne bleibe ich ihnen gegenüber hart, ohne es "privat" zu meinen.
martin baucks , 22. April 2012 - 23:12 Uhr
111. Kulturinfarkt: Maßnahmenkatalog
Versuch eines Maßnahmenkatalogs:
1. in den Stadt-/Staatstheatern: Angleichung der Tarifverträge mit dem Ziel vergleichbare Bedingungen für alle Mitarbeiter zu schaffen.
2. (Rück-)Umwandlung der Theater, die als GmbH firmieren, in eine Betriebsform, die NICHT insolvenzfähig ist (Eigenbetrieb oder AÖR) mit dem Ziel, den Unternehmen den Einnahme-Druck zu nehmen.
3. Kultur als Staatsziel im GG verankern. Oder eine andere Möglichkeit finden, die die Kulturförderung zu einer verpflichtenden Leistung der Kommunen macht, mit dem Ziel die kontinuierlichen Zuschusskürzungen zu verhindern.
4. Die Besetzung der Intendantenposten zu einem transparenten Verfahren umbauen.
5. 1-4 auf die freie Szene anwenden.
6. Festlegung einer Mindestgage für Theaterbeschäftigte, die eine angemessene Bezahlung garantiert (Frage: was ist das "angemessen")
7. Anwendung dieser Mindestgage auch auf Gastverträge, Honorarverträge. Anwendung dieser Mindestgage auch in der freien Szene.
8. Begrenzung der Laufzeit von Intendanten-Verträgen auf sieben Jahre, mit dem Ziel eine künstlerische Weiterentwicklung der Theater nicht zu behindern.
...
...
...
(bitte weiter schreiben)
Klaus M. , 23. April 2012 - 18:24 Uhr
112. Kulturinfarkt: freie Verwendbarkeit der Mittel
Lieber Klaus M.,

ich empfinde es als sehr symphatisch, dass sie sich für eine Gleichbehandlung der freien Szene stark machen. Jedoch halte ich es für problematisch, die Theater in ihre alte Form zurück gießen zu wollen.

Ich teile ihre Ansicht, dass eine Festschreibung der kulturellen Verpflichtungen des Staates im Grundgesetz verankert werden sollte.

Denke aber auch, dass mit dieser Versicherung es sinnvoller wäre, dass die Theater über ihre Zuwendungen frei verfügen dürften, auch außerhalb von Tarifverträgen. Dass man ihnen das Recht zugestehen sollte, Gewinne zu erzielen und sie selber zu verwalten.

Darüberhinaus glaube ich an eine Beteiligung des Bundes, mindestens hälftig, an der Finanzierung aller Theater. Glaube daran, dass Kommunen, Städte, wie Länder hierfür ihre Kulturhoheit zum Teil an den Bund abgeben sollten. Hier wird es erhebliche Probleme geben. Die Provinzhäuptlinge stehen nicht so auf Transparenz und Mitsprache anderer.

Dies ist natürlich nur eine Grobskizze, für die ich mir wahrscheinlich wieder ein paar Anfeindungen einhandeln werde.

Sei´s drum.

Gruss

martin baucks
martin baucks , 24. April 2012 - 13:40 Uhr
113. Kulturinfarkt: Mühe umsonst?
Ja und nun? Jetzt wird es allmählich konkret - und gleichzeitig still? Nach geschlagenen 112 Kommentaren ist das "Kulturinfarkt"-kritische Potential erschöpft? All die Zeit, die Mühe, die allein ich mir gemacht habe - umsonst?
Steckel , 26. April 2012 - 23:20 Uhr
114. Kulturinfarkt: Umsonst
ja, alles umsonst, der aufwand an mühe und zeit, umsonst!
sparvorgaben , 27. April 2012 - 05:46 Uhr
115. Kulturinfarkt: GmbH-Gefahren
Umsonst? Wer weiß, alles was zu einer Versachlichung der Debatte beitragen kann, hilft um Schlimmeres zu verhindern. Allerdings hat das Büchlein ja auch keine Wirkung entfalten können, dafür war es dann doch zu mies. Immerhin sind jetzt ein paar Behauptungen in der Welt, gegen die man immer wieder argumentieren muss, wenn sie wiederholt werden.

Zurück zur Debatte:
@Baucks:
Sie schreiben "Jedoch halte ich es für problematisch, die Theater in ihre alte Form zurück gießen zu wollen. " Aber warum denn nur? Ich halte den Vorschlag für schwer umzusetzen, dafür müsste es den Kommunen erst mal wieder besser gehen. Aber trotzdem, wo liegt denn der Vorteil einer GmbH? Die allermeisten Theater haben eine Eigenfinanzierung von unter 20% ihres Budgets (lt. Bühnenverein erreichten die Theater in der Spielzeit 09/10 insgesamt 18,2% als Einspielergebnis.) Also hängen sie, wie wir alle wissen, von den Zuwendungen der Städte/Länder ab – wird gekürzt wird es eng.
Der Nachteil der GmbH ergibt sich genau in diesem Fall: Die Geldgeber können sich zurücklehnen und fordern, dass die Geschäftsführung des Unternehmens das Problem aus eigener Kraft löst. Wer nicht kooperiert, dem wird mit Insolvenz gedroht. Und in den allermeisten Fällen gibt es eine Einigung zu Lasten der Mitarbeiter (Gehaltsverzicht / Spartenschließung).
Die Theater die in den vergangenen Jahren an den Rand der wirtschaftlichen Existenz gebracht wurden sind alle als GmbH organisiert: Wuppertal, Bremen, Schwerin, Halle.
Also die Leitung einer Theater-GmbH übernimmt ein hohes wirtschaftliches Risiko, das es erschwert auch ein künstlerisches Risiko einzugehen. Es gilt immer abzuwägen, welche Künstlerische Äußerung lässt sich auch verkaufen.
Auf der anderen Seite gibt es immer noch eine Reihe von Theatern, denen dieses Schicksal nicht widerfahren kann, weil sie Eigenbetriebe der Städte sind (oder sogar Regiebetriebe): Köln, Leipzig, Berlin (Gorki / DT), München (Resi - Regiebetrieb, Kammerspiele - Eigenbetrieb). Und hier habe ich jetzt nur die Beispiele rausgesucht, bei denen grundsätzlich nicht hinterfragt werden muss, ob dort auch zeitgemäßes Theater stattfindet (stattfinden kann).
Also noch einmal die Frage: was spricht aus künstlerischer Sicht gegen die traditionellen Formen?
Klaus M. , 27. April 2012 - 09:44 Uhr
116. Kulturinfarkt: Diskussion zusammenfassen
Was Klaus M. unter #111 schreibt, ist wirklich bedenkenswert. Schade, dass das hier in einem Thread verpufft und die Diskussion (zumindest bei einem so wichtigen Thema) von nk nicht von Zeit zu Zeit zusammengefasst wird oder sonstwie fassbar gemacht wird. Selbst bei gutem Willen können wohl die wenigsten eine so lange Diskussion verfolgen. 7 Jahre für eine Intendanz scheinen mir übrigens doch recht kurz. Selbst wenn ein Intendant nach 7 Jahren an ein anderes Haus wechselt, bedeutet das nicht, dass er sich dort weiterentwickeln muss. Aber das ist eine Nebensächlichkeit, bei der man geteilter Meinung sein kann.
, 27. April 2012 - 11:35 Uhr
117. Kulturinfarkt: jede Struktur schafft ihren Inhalt
Alles beginnt damit, dass man ein Problem anerkennt und würdigt. Wenn man sich sehr schlicht auf die Position stellt "pay my rent" und gib mir bitte mehr Geld obendrauf, dann wird alles so wie früher, dann steht mir hier wieder am Anfang, ganz am Anfang.

Als ob es keine klammen Kommunen und Städte gäbe, also ob es keine Demokratieen gäbe, die zu Grunde zu gehen drohen. Das Theater braucht also nur ein mehr, durch den Steuerapparat sauber gewaschenes, an Geld und schon geht alles so weiter wie zuvor. Nur die Freien sollte man eventuell jetzt doch mal irgendwie gleichstellen.

Ach, es war doch alles so schön! Bis die Krise kam...

Das "mehr an Geld" darf man auf keinen Fall direkt von der Deutschen Bank" annehmen, das ist neoliberales Teufelswerk. Erst wenn es reingewaschen ist durch die Finantämter, ja dann, ja dann...und selber bloß keine Steuern zahlen, warum auch.

Natürlich ist das polemisch. - Aber warum auch nicht. Dieses Jammern auf hohem Niveau, ich kann es nicht mehr hören.

Alles umsonst!!! ...schnief...die ganze Mühe!!!

Und warum ist denn das alte System so schädlich für die Kunst. Alles schon tausendmal gesagt. Weil jede Form und jede Struktur auch ihre Inhalte mit sich bringt, ihre Ästhetiken. Es wird hier ja gut beschrieben, dieser Anpassungsprozess der Spielpläne, und das gilt nicht nur für eine GmbH.

Schlimm ist eben, dass am Ende bei Beilharz keine Kunst mehr herauskommt, sondern Abende für die man heute nicht mal mehr ein Regiediplom erhalten würde.

Da wird hier gelobt, dass es endlich wieder einen guten Handke Abend in Nürnberg gibt, und das dies doch wegweisend wäre für viele mittlere Theater solche Kunsttexte anzusetzen.

Handke?! Der nicht durchgesetzte Autor?!!! Ich glaub mein Schwein pfeift.
martin baucks , 27. April 2012 - 16:35 Uhr
118. Kulturinfarkt: Ich bleibe lieber Idealist
Aber Baucks, jetzt jammern Sie!
Wann war es übrigens zuletzt schön? Die aktuelle "Krise" hat die Situation der Theater nur ein wenig verschärft, das Kürzen / Einfrieren der Zuwendungen hat schon in den Neunzigerjahren begonnen.
Wie soll denn nun das Theater aussehen, dass in der "alten Struktur" nicht produziert werden könnte? Es ist doch umgekehrt: Es gibt Theaterästhetiken, die nur an den Stadttheatern produziert werden können, weil dort noch vergleichsweise viele Menschen arbeiten. Jedenfalls ich möchte nicht versuchen eine Oper "frei" auf die Beine zu stellen. Ich finde es allerdings auch nur begrenzt ehrenrührig wenn Schauspieler, Dramaturgen und Assistenten oder auch Beleuchter, Maskenbildner und Bühnenhandwerker für ihre Arbeit bezahlt werden. (die Künstler oftmals zu gering, ok, aber immerhin regelmäßig)

"jede Struktur bringt ihre Inhalte mit sich" schreiben sie, das ist doch Quatsch. Ein gut geführtes Theater kann sich auf die Bedürfnisse eines Regieteams einstellen - und das passiert auch tagtäglich an den gescholtenen Stadttheatern. Oder glauben Sie allen Ernstes, dass alle Künstler an Theatern (egal ob festangestellt oder als Gäste) rund um die Uhr am System leiden?
Nicht jede Inszenierung der Stadttheater ist gelungen, ganz viel Mittelmaß ist zu sehen und sicherlich ist einiges auch einfach schlecht (und das nicht nur in Wiesbaden), aber auch das ist in der "freien Szene" nicht anders. Die Gleichung "Stadttheater = autoritäre Strukturen = künstlerisch fragwürdig = nicht förderungswürdig" klingt für mein Gefühl zu sehr nach Zensur. Ich bleibe da lieber Idealist, und fordere unverdrossen bessere Bedingungen für die Stadttheater UND für die freie Szene.
Klaus M. , 27. April 2012 - 17:14 Uhr
119. Kulturinfarkt: Goehlers Position
Der verkrustete Idealist fällt von mir ab wie alte Rinde und das genieße ich. Auch halte ich die Stadttheaterstruktueren nicht für autoritär, sondern für verwaschen und schwach.

Ihre Unverdrossenheit lass ich ihnen gerne. Auch ich bin solidarisch mit den Künstlern, die jetzt in den alten Strukturen arbeiten. Aber das ist wohlfeil. Das dort nicht alles geht, erwähnten sie selbst. So what?!

Ich finde Adrienne Göhlers Haltung gut, die gestern im Tagesspiegel forderte, gebt das Gorki den Freien, um einen Musterbetrieb zu schaffen. Finde ich gut.

Sagen sie mir bitte, wer ihre Unverdrossenheit zahlen soll, die sie sich leisten wollen.
martin baucks , 27. April 2012 - 17:48 Uhr
120. Kulturinfarkt: Handke?!
Ich glaube Handkes Schwein pfeift - jetzt. Wieso ist Handke ein nicht durchgesetzter
Autor? Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.
Können Sie das näher erklären?
Hoffmann , 27. April 2012 - 17:52 Uhr
121. Kulturinfarkt: Goehler in der Presseschau
@119. Das Interview mit Adrienne Goehler in der Berliner Zeitung (!), auf das Martin Baucks sich bezieht, ist in der nachtkritik-Presseschau zusammengefasst:

http://www.nachtkritik.de/inde...Itemid=115
Christian Rakow , 27. April 2012 - 18:12 Uhr
122. Kulturinfarkt: kein Innovationsschub mit Handke
@Hoffmann

Handke tauchte schon in den siebziger Jahren als Schullektüre in meinem Deutschunterricht auf. "Über die Dörfer"/"Die linkshändige Frau."

Da muss mir doch niemand einen Innovationsschub vorgaukeln, wenn er nach Salzburg auch im Nürnberger Spielplan auftaucht.
martin baucks , 27. April 2012 - 18:24 Uhr
123. Kulturinfarkt: korrekt
@ Rakow. Pardon. Berliner Zeitung. Danke.
martin baucks , 27. April 2012 - 18:25 Uhr
124. Kulturinfarkt: siehe Anfrage unter 50!
Zu Nr. 117: Ich verweise auf meine Beiträge Nr. 2, 4, 7, 10, 11, 15, 17, 19, 25, 33, 59, 67, insbesondere auch 70, ferner 81, 91, 92, 95, 96, 103 - und ich erneuere meine Anfrage in Nr. 50.
Steckel , 28. April 2012 - 00:50 Uhr
125. Kulturinfarkt: Richtungsstreit
Herr Steckel,

die Volksbühne in Berlin zum Beispiel. Man hat den Eindruck sie saßen zu lange bei Gericht...ich verweise...ich erneuere meine Anfrage...

Bekennen sie sich denn jetzt zu einem Reformwillen? Oder verteidigen sie weiterhin das stehende Stadttheater als allein glücklich machend?

Dies ist ein Richtungsstreit in einer Krise und keine Gerichtsverhandlung.

Was sagen sie zu Adrienne Goehler?

Es ist ja nicht so, dass eine Theaterform die andere ablösen soll. Es geht um einen Pluralismus, um eine Vielzahl von Formen. Oder etwa nicht?
martin baucks , 28. April 2012 - 10:15 Uhr
126. Kulturinfarkt: zum Interview mit Adrienne Goehler
Zum Interview Goehler/Pilz

Das Gorki der freien Szene geben? Wieso nicht, aber warum das Ganze auch noch ideologisch aufladen? Wenn es in Berlin hinreichendes Interesse gibt, eine weitere gut ausgestattete zentrale Spielstätte für die freie Szene zu etablieren, dann bitte schön. Aber es ist ja auch nicht so, dass es nicht schon das HAU, die Sophiensäle, die Ballhäuser, den Theaterdiscounter, etc, etc gäbe. Aber wer soll das nun entscheiden? Frau Goehler? Herr von Hartz? Der Bürgermeister? Ein Bürgerentscheid? Martin Baucks? Frank-Patrick Steckel? Die Mitarbeiter des Gorki?

"Es müsste daher dringend eine dritte (Rechts)Form entwickelt werden, die nicht nur die schlechte Wahl zwischen der Erstarrung in öffentlichen Tarifstrukturen oder die in lebenslangen Intendanzen oder Geschäftsführungen erstarrte GmbH lässt."
Danke Frau Goehler, sag ich ja auch. Aber zur Korrektur: auch die (allermeisten) GmbH erstarren in der öffentlichen Tarifstruktur. Und wo bitte gibt es "lebenslange" Intendanzen / Geschäftsführungen? Und was hat die Dauer einer Intendanz mit der Rechtsform eines Theaters zu tun? Das ist schneidig formuliert, aber mehr auch nicht.

"Sie [die Stadttheater] müssen noch viel mehr an ihrer Durchlässigkeit zu den künstlerischen Formen der freien Szene arbeiten, daraus könnten sich dann auch andere Leitungsstrukturen ergeben, das Stadttheater als coworking-place etwa."
Das passiert seit Jahren, und dank des Engagements der Kulturstiftung/Bund jetzt gerade verstärkt (Doppelpass). Andere Leitungsstrukturen? Gern, aber bitte auch nicht vergessen, dass Durchlässigkeit / Kommunikation / flache Hierarchien / Teilen von Verantwortung etc in hohem Maß auch von der Person des Intendanten abhängig sind. Die bestehenden Strukturen sind flexibel, wenn man es denn will. Solange aber monomane Regisseure durch Findungskommissionen und Kulturpolitiker in die Spitzenpositionen der Stadttheater gehievt werden, ändert sich auch nichts, dabei ist es übrigens egal, wo diese Personen vorher gearbeitet haben. Solange die Wahrnehmung eines Hauses (Presse/Zuschauer/Kollegen) auf die Person des Intendanten und nicht auf die Inszenierungen des Hauses fokussiert ist, ändert sich nichts.

„Ästhetische Innovation“? Ach ja, gab es ja an den Stadttheatern nicht. Die Inszenierungen sehen noch immer so aus, wie 1950 oder 1980 oder gestern. Diese ständige Wiederholung des ästhetischen Gegensatzes frei vs. institutionalisiert ist doch albern. Und im Übrigen nur weil etwas „neu“ ist, ist es doch lange noch nicht gelungen. Und was ist mit den freien Gruppen / Künstlern der freien Szene die seit Jahren einen eigenen Stil entwickelt haben? She She Pop, Lunatics, Rimini, Maß + Fieber, Sascha Waltz etc etc, sollen die aufhören, weil sie nicht mehr „innovativ“ sind?

Insgesamt, leider kein besonders originelles Interview. Schade, ich hatte mir mehr davon versprochen. Und ja es geht um eine Vielzahl von Formen, allerdings wird hier daraus ein Richtungsstreit. Meines Erachtens ist die einzig richtige Antwort: alle Theaterformen müssen nebeneinander bestehen können.

@119
„Sagen sie mir bitte, wer ihre Unverdrossenheit zahlen soll, die sie sich leisten wollen.“ Gern Herr Baucks: Ich und Sie mit unseren Steuern, Ich und Sie mit dem Geld, das wir an den Theaterkassen lassen. Ich wiederhole unverdrossen: Es ist in diesem Land ausreichend Geld da, um alle bestehenden Theater ausreichend zu finanzieren. Ich nehme gern Ihren Vorschlag auf: die Hälfte der Zuwendungen über den Bund zur Entlastung der Kommunen. Um die Zahlen zu wiederholen: die Stadt-/Staats-/Landestheater zusammen kosten rund 2 Mrd. € pro Jahr. Viel? Nicht in diesem Land. (Beschaffung Eurofighter: 14,7 Mrd, Rettung BayernLB: 10 Mrd., Abwrackprämie 2009: 3,5 Mrd., Stuttgart21 (nur Bund/Land): 2,1 Mrd., Betreuungsgeld: 2,2 Mrd. (jährlich) – und ich möchte hier nicht über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahmen diskutieren, die Bespiele sollen nur verdeutlichen, dass bei entsprechender Schwerpunktsetzung in diesem Land für alles Geld ausgegeben werden kann, also warum nicht auch für Kultur.)
Klaus M. , 28. April 2012 - 12:45 Uhr
127. Kulturinfarkt: keine privaten Gefechte, bitte!
liebe herren steckelbaucks,
was halten sie eigentlich davon, endlich e-mail-adressen auszutauschen und ihre gefechte auf eine andere ebene zu verlagern? dann können sie in aller ruhe ihren (...) konflikt (oder was auch immer) austragen (...).

oder sie bekommen (wieder) etwas mehr waldorf&statler-haftes in ihre posts, sonst wird es schon etwas ermüdend mit ihnen.
Maxim Gorki , 28. April 2012 - 12:52 Uhr
128. Kulturinfarkt: die Antwort auf 125?
Komme gerade aus dem Garten vom Textlernen. Was ist, Herr Steckel? Ich beziehe mich auf die Nr.125 des heutigen morgens. Sie wollen mir doch diese einfache Antwort nicht schuldig bleiben? Oder glauben sie etwa, nur sie müssten mit offenen Fragen leben?

Gruss

Baucks
martin baucks , 28. April 2012 - 13:10 Uhr
129. Kulturinfarkt: Geld nehmen
Ja dann. Lieber Klaus M., wenn genug Geld da ist, dann nehmen sie es sich doch einfach und gut, Wo ist das Problem ?!
martin baucks , 28. April 2012 - 14:30 Uhr
130. Kulturinfarkt: Baucks hat gewonnen
Ok baucks, jetzt haben Sie gewonnen. Viel Spaß beim weiterschimpfen.
Klaus M. , 28. April 2012 - 18:20 Uhr
131. Kulturinfarkt: Vorschläge zur Güte
Zu Nr. 127: Unter Nr. 100 (!) habe ich diesen Vorschlag zur Güte schon gemacht - allerdings erfolglos. Auf der anderen Seite sind doch (vor allem dank Herrn M.) auch eine Reihe sachlicher Erwägungen zusammengekommen - und sich nun wie unbeteiligt auf die Zuschauerbank zu setzen und mehr Spannung zu verlangen, wie Sie es tun (was meint „waldorf&statler-haftes“?), wird der Lage der Theater, die vor dem Zusammenbruch stehen und der politischen Makrostruktur, die diese Zusammenbrüche herbeiführt, noch weniger gerecht als unser zugegebenermaßen redundantes „Ringen“.
Tragen Sie etwas bei oder erklären Sie - wofür ich Verständnis hätte -, dass wir nicht fähig sind, unsere ureigensten Angelegenheiten anders zu verhandeln als in diesen in Ihren Augen lächerlichen Kissenschlachten. Dann wäre noch zu klären, woher wir den Schaden haben - die nächste Kissenschlacht.

Zu Nr. 130: Nach allem, was wir hier vorgetragen haben, ist Nr. 129 weiß Gott ein Anlass zur Resignation. Die Zähigkeit, mit der der mir zunehmend rätselhafter werdende Herr Baucks („Textlernen“ kann er noch, aber was lernt er sonst?) unter Beweis zu stellen bemüht ist, dass er den Schuss nicht gehört hat (siehe meinen Beitrag Nr. 42) erreicht in Nr. 129 ihren grotesken Gipfel. Lieber Klaus M. - wenden Sie sich an die ‚nachtkritik’-Redaktion und besprechen Sie einen ausführlicheren Artikel, der es Ihnen erlaubt, Ihre Sicht der Dinge umfassender darzustellen. Die professionellen Voraussetzungen haben Sie - und die Sache wills.
Steckel , 28. April 2012 - 23:43 Uhr
132. Kulturinfarkt: 10-Punkte-Programm
1. Festschreibung der kulturellen Verpflichtungen im Grundgesetz.

2. Beteiligung des Bundes an der Finanzierung aller Theater.

3. Gleichstellung der freien Szene.

4. Teilweise Aufhebung der Kulturhoheit von Ländern, Städten und Gemeinden.

5. Freie Verfügung der Mittel und freie Verhandelbarkeit aller Mitarbeiterverträge.

6. Ausstieg aus den Tarifverträgen.

7. Auflösung der Sparten und Gleichstellung aller Theaterformen.

8. Ablösung der Intendantenverträge durch Produzenten- und Produzentinnengruppen.

9. Verflüssigung der Strukturen bei einem gleichzeitigem Höchstmaß an Transparenz in der Leitungsebene.

10. Einbindung aller Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse.


Dies sind meine wesentlichen Zielvorstellungen. Darüber hinaus denke ich, dass es lokal unterschiedliche Reformmodelle geben sollte. Und das diese Reformen in der Hauptsache für kleinere und mittlere und vor allem bedrohte Theater gelten sollten.

Für mich ist nicht mehr nachvollziehbar, wieso sich noch die Frage der Kunstfeindlichkeit stellen kann, wenn doch seit Jahren die Tariferhöhungen und Einsparungen den künstlerischen Etat zerrütten. Da ist die Kunstfeindlichkeit schon in der Struktur angelegt.

Ich beobachte die finanzielle Entwicklung der Theater nun schon seit fast drei Jahrzehnten und ich halte die jetzige Form für gescheitert. Auch kann ich keinen ernsthaften Reformwillen erkennen. Nicht einmal eine tatsächlich nüchterne Analyse der Lage.

Stattdessen sehe ich Belehrungen, Beschimpfungen, Herabsetzung, Hochmut und Resignation.

Die Resignation erachte ich für begründet, da eine Vielzahl der Stimmen hier keine realistischen Lösungen vor Augen schweben. Immer noch halten sich einige Theaterleute für die wahren Meister der Makrowirtschaft und spielen sich als unverbesserliche Weltverbesserer auf, statt im Mikrobreich Lösungen zu finden, die eine sinnvolle Fortsetzung der künstlerischen Arbeit ermöglichen.

Ich formuliere schlicht und einfach, weil ich verstanden werden möchte. Rätselhaftes kann ich nicht entdecken. Vor langer Zeit, es muss hundert Jahre her seien, sah ich, und viele mit mir, eine "Carmen" Aufführung von Peter Brook. Sie war in jeder Hinsicht wegweisend für eine Reform einer Opernaufführung. Was ist davon in den heutigen Betrieben umgesetzt worden?

Leider bringen die heutigen Strukturen keine Künstler wie Brook mehr hervor. Gründe hierfür sind hier viele genannt worden. Glücklicherweise gibt es viele Innovationen bei den Freien und ich bin mir ganz sicher, dass ihnen die Zukunft gehört.

Dies eine vorläufige Zusammenfassung meines Standpunktes. Mag das Hauen und Stechen beginnen.
martin baucks , 29. April 2012 - 14:17 Uhr
133. Kulturinfarkt: unvorstellbar
gleichstellung der freien szene kann ich mir überhaupt nicht vorstellen - -
jürgen , 29. April 2012 - 14:45 Uhr
134. Kulturinfarkt: Meinung zum 10-Punkte-Programm?
Gerade habe ich Wäsche gewaschen Herr Steckel, das kann ich neben Textlernen auch. Was ist jetzt? Wie stehen sie zu dem Zehn Punkte Programm Herr Kohlhaas?
martin baucks , 29. April 2012 - 18:47 Uhr
135. Kulturinfarkt: Frage
also handke ist ein nicht durchgesetzter autor.
was sind sie dann für ein autor, in ihrer eigenen selbsteinschätzung, werter herr baucks, wenn man fragen darf - -
uwe , 02. Mai 2012 - 14:16 Uhr
136. Kulturinfarkt : wer schreibt sonst solche Kunsttexte?
Handke?! Der nicht durchgesetzte Autor?!!! Ich glaube mein Schwein pfeift. (Martin Baucks)
Wer schreibt (wer kann) sonst noch solche Kunsttexte?
Schimmelpfennig vielleicht, oder etwa sie Herr Baucks?!
"Über die Dörfer", ja, das ist Peter Handke vielleicht daneben gegangen -
von "Immer noch Sturm" kann man solches aber nicht sagen - -
Partisan des Dichters , 05. Mai 2012 - 14:55 Uhr
137. Kulturinfarkt: keine Kritik an Handke
@136

Um das mal zu klären, meine Kritik richtete sich nicht gegen Handke, sondern gegen den Umgang mit ihm in der Kritik.
martin baucks , 05. Mai 2012 - 16:48 Uhr

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