"Theater ist keine Ware, der Zuschauer ist kein Kunde"

altWarschau, April 2012. Die Theaterwelt in Polen ist im Alarmzustand. Denn die jüngsten Maßnahmen staatlicher Stellen könnten einen wesentlichen Qualitätsverlust des Angebots der Theater im Land zur Folge haben.

Das Warschauer Theatertreffen, eins der wichtigsten Theaterereignisse im Lande, das seit 24. März stattfindet und am heutigen 4. April zuende geht, ist der richtige Augenblick, um unseren Ärger, unsere Besorgnis auszudrücken und unseren entschiedenen Widerstand anzukündigen. Trotz unserer sehr unterschiedlichen Ästhetiken und Theatersprachen schließen wir Theatermacher uns zusammen, um Widerstand zu leisten gegen die extreme Unterfinanzierung der Theater und gegen alle Versuche, die Satzungen der Theater zu ändern, um künftig die Theaterintendanzen mit Managern zu besetzen. Letzteres ist gerade der Fall in Breslau am Teatr Polski und an der Oper, sowie am Theater Legnica. Manager können Unternehmen leiten, keine kulturellen Einrichtungen. Anlässlich des Internationalen Theatertages Ende März schlugen die Theaterleute in Polen Alarm. Auf die Pläne der Regierung antworten sie nun mit einem lauten NEIN und bitten die internationale Theaterwelt um Unterstützung.

Der Brief

Der folgende Brief wurde nach jeder Vorstellung des Warschauer Theatertreffens sowie an Theatern im ganzen Lande verlesen:

"Wir, die Theaterleute, sind tief beunruhigt über die Zukunft der öffentlichen Theater in Polen.

Zum ersten Mal seit der Zeit des Kriegsrechts 1981 sprechen wir als Theaterwelt mit einer Stimme. Wir sprechen nicht als einzelne Theatergruppe mit ihrem eigenen Interesse. Die Angelegenheit ist ernsthafter. Es geht um das polnische Modell des künstlerischen Theaters, dessen Existenz jetzt bedroht ist. Und wir hoffen, dass das Fortbestehen dieses Modells nicht nur uns, den Künstlern, am Herzen liegt, sondern auch Ihnen – unseren Zuschauern, unseren Diskussionspartnern, den Mitschöpfern der Kultur.

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Hat hier bald ein Manager das Sagen?
Oper Warschau © Adam Dziura

Vor einigen Tagen beschlossen die Beamten des Marschallamtes der niederschlesischen Woiwodschaft, ohne sich zuvor mit den Theatern, den künstlerischen Vereinen oder dem Kultusministerium zu beraten, die Satzungen der niederschlesischen Theater zu ändern. Die bisherigen Intendanten sollen entlassen und durch Manager aus der Geschäftswelt ersetzt werden, ein bisher undenkbares Vorhaben. Aber derzeit nicht das einzige seiner Art.

Noch immer gibt es in Warschau keine durchdachte Theaterpolitik. Der Wechsel der Intendanten erfolgt im Zeichen des Zufalls, das Kulturbüro ist weder imstande, konkrete Erwartungen an die einzelnen Häusern zu formulieren, noch vermag es der Warschauer Öffentlichkeit eine Strategie bezüglich der Theater zu vermitteln.

In der Schwebe ist die Zukunft des Teatr Dramatyczny, eine der wichtigsten und angesehensten polnischen Bühnen. Noch immer wurde kein Nachfolger des jetzigen Intendanten bekannt gegeben. Die Behördenvertreter haben dem Teatr Dramatyczny empfohlen, sich an den Unterhaltungsbühnen zu orientieren, die ihren Etat selbst erwirtschaften. Solche Aussagen zeugen von einem totalen Mangel an Verantwortungsbewusstsein für die polnische Kultur.

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Soll Stätte der Unterhaltungsindustrie werden: Teatr Dramatyczny © Teatr Dramatyczny

Indessen sind die Stadttheater der Hauptstadt extrem unterfinanziert. Es mangelt ihnen an Mitteln, um Inszenierungen zu produzieren und aufzuführen. Alleine in diesem Jahr wurden die Zuschüsse um weitere 20 Prozent gekürzt. Diese Gelder wurden in den Haushalt für die Hauptstadtwerbung verschoben, der von 35 Mio. PLN im letzten Jahr auf 60 Mio. PLN im laufenden fast auf das Doppelte gestiegen ist. In der gleichen Zeit sanken die Zuschüsse für Theater von 100 Mio. auf 80 Mio. PLN. Dabei wäre es eine viel nachhaltigere Werbung für die polnische Hauptstadt, würde man die in Polen und in der Welt berühmten Warschauer Theater finanziell absichern.

Die Kraft des polnischen Theaters beruht auf der Vielfalt seiner Theatersprachen und Ästhetiken. Aber aus dieser Vielfalt kann sich rasch eine ununterscheidbare Gleichförmigkeit entwickeln. Leider verhalten sich die meisten Entscheidungsträger so, als sähen sie überhaupt keine Notwendigkeit für die Existenz einer nicht kommerziellen Kultur. Sie gehen einfach davon aus, dass auch die Gesellschaft keine solchen Bedürfnisse hat.

Die Zuschüsse für Theater werden in Polen seit Jahren systematisch gesenkt. Die Verschuldung, die aus der immer weiteren Reduzierung der Etats resultiert, wird den Intendanten der künstlerischen Einrichtungen zur Last gelegt, und nicht den Beamten, die für diese Situation verantwortlich sind.

Wir kämpfen für den Erhalt des einzigartigen polnischen künstlerischen Theaters. Wir wissen, dass das Theater sich im Laufe der Zeiten ändert, auch seine organisatorische Form kann sich also ändern – jedoch nicht um den Preis seiner Zerstörung.

Wir fordern eine umfassende, systematische Beratung mit den Theaterleuten, wir fordern eine Debatte über die Finanzierung der Theater in Polen, aus einer anderen Perspektive als der Perspektive des Profits. Das Theater ist weder ein Unternehmen, noch stellt es Waren her. Und der Zuschauer ist nicht der Kunde.

Geben wir die Künstler nicht auf, verzichten wir lieber auf die inkompetenten Entscheidungsträger!

Bisher haben mehr als 3000 Unterstützer unseren Aufruf unterzeichnet. Auch aus dem Ausland erfahren wir zunehmend Solidarität.

Sie können uns unterstützen, indem Sie auf die Internetseite www.popieram.info gehen und unter dem Satz "Theater ist keine Ware, der Zuschauer ist kein Kunde" Ihren Vornamen (erstes Feld), Nachnamen (zweites Feld) schreiben. Dann folgt die Erklärung ob Sie beruflich mit Theater verbunden sind (Auswahl-Button). Falls ja ist das dritte Feld ist für den Beruf bestimmt, das vierte für die Einrichtung, für die Sie arbeiten. Das letzte dunkle Feld ist "Speichern". Bei Fragen könnnen Sie eine Mail an Iwona Nowacka senden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Wir bedanken uns im Voraus für jede Hilfe und Unterstützung.

 

Offener Brief Polnischer Theaterschaffender
übersetzt von Iwona Nowacka

www.popieram.info

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