Freitag, 31. Oktober 2014
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Thalia-HH-Spielplanwahl nur teilweise umgesetzt

Ausgewählt demokratisch

Hamburg, 12. April 2012. Die Ergebnisse der offenen Abstimmung über den Spielplan 2012/13 am Thalia Theater Hamburg werden nur teilweise umgesetzt. Im vergangenen Jahr konnte in einer freien Wahl über drei Stücke der kommenden Spielzeit abgestimmt werden, was zu heftigen Diskussionen führte. Von den drei Gewinnerstücken sind nun aber nur zwei in den Spielplan übernommen worden, wie mit der Spielzeitpressekonferenz bekannt wurde.

Während Christine Eder "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt (erster Platz) inszenieren wird, ist Dimiter Gotscheff mit der Umsetzung von "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder (dritter Platz) beauftragt. Gotscheff wird das Stück mit den Jelinek-Texten "Kein Licht I & II" kombinieren.

Nicht zur Aufführung hingegen kommt das zweitplatzierte Stück Peers Heimkehr. Dieses A-Capella-Heavy-Metal-Musical von Gregor Hopf und der A-Capella-Band Van Canto spinnt die Geschichte von Henrik Ibsens Peer Gynt weiter. Thalia-Intendant Joachim Lux begründet den Ausschluss damit, dass "unsere Vorstellungen und das dem A-cappella Gesang verpflichtete Markenimage des Van Canto-Teams in krassem Gegensatz standen". Man hätte die Musik für die Thalia-Schauspielerband umschreiben wollen, "das aber wollten die Macher von 'Peers Heimkehr' verständlicherweise auf keinen Fall zulassen", so Lux. Das Thalia Thater hatte jedoch schon vor der Wahl auf künstlerische Freiheit bei der Umsetzung der Stücke bestanden.

Dass man sich um das zweitplatzierte Stück "sehr bemüht" hätte (Lux), kann Gregor Hopf, Mit-Autor des Stückes, allerdings nicht bestätigen. "Man hat uns von vornherein gesagt, dass man das Stück eigentlich nicht spielen möchte, und wenn dann nur mit E-Gitarren anstelle von A-Capella-Gesang", so Hopf gegenüber nachtkritik.de. Der A-Capella-Chor sei aber kreativer Kerninhalt, für den die Wähler auch abgestimmt hätten, so Hopf weiter. Deshalb habe er einer Instrumental-Version nicht zugestimmt.

 "Leider kam es aber gar nicht erst zu tieferen inhaltlichen Gesprächen, wie man das Stück dennoch hätte umsetzen können." Gemeinsame Termine wären zuerst immer wieder von Seiten des Theaters verschoben worden. Intendant Joachim Lux hätte sich schließlich erst eine Woche vor Bekanntgabe der Spielzeitplanung telefonisch gemeldet – mit der Absage. Als Trostpflaster heißt es immerhin im Spielzeitheft: "Van Canto und das Team sind herzlich eingeladen, im Thalia Theater ihr immerhin von 636 Fans gewähltes, so called 'Heavy Metal-Musical' vorzustellen und zu diskutieren."

Ersatzweise hat das Thalia Theater übrigens angekündigt, das fünftplatzierte Stück Die Erbsenfrau von Jens Nielsen "in einer sehr individuellen Liebhaberaufführung" auf eine Bühne zu bringen. Bereits bei der Spielplanwahl-Bekanntgabe im Dezember hatte die ironische Lesung der "Erbsenfrau" durch Philipp Hochmair für Gelächter über den Text gesorgt.

(Spielzeitheft Thalia Theater Hamburg / mw)

 

Im nachtkritik-Videointerview erläutert Dramaturg und Wahl-Initiator Carl Hegemann das Ergebnis der Spielplanwahl.




Kommentare (7)

1. Thalia-Spielplanwahl: War abzusehen
Wie auch immer das nun um "Peers Heimkehr" gelaufen ist, war das nicht irgendwie abzusehen, daß es so laufen würde ?
Ich denke jedenfalls, rechtzeitig auf Widersprüchliches hingedeutet zu haben (noch während des Wahlprozesses); das Thalia hat wahrlich keine gute Figur gemacht !

Und was soll das mit der "Liebhaberaufführung" ??
Sich zur Wahl Stellende öffentlich vorführen, dauerironisch und albern: sähe dem Thalia-Duktus dieser Tage nicht unähnlich, leider.
Gibt der Fünfte der Wahl tatsächlich sein Stück für so eine Vernudelungsaktion her ?
Na, dann muß man auch nicht geneigt sein, was eigentlich ?, zu "helfen" !

Und offenbar fällt das vierte Stück immernoch geflissentlich durch die Maschen der Aufmerksamkeit (auch der Berichterstattung); oder soll jetzt die "Liebhaberaufführung" des Nachrückers sowohl das vierte Stück als auch "Peers Heimkehr" ersetzen ??

Frau Wirrwar, hilf !!
Arkadij Zarthäuser , 12. April 2012 - 17:32 Uhr
2. Thalia-Spielplan 2012/13: Sturm auf 1000 Plätze
Nein, das vierte Stück sollte ja eventuell "Wolf unter Wölfen" werden. Ein Fallada-Text, der nun durch einen anderen Fallada-Text ersetzt wurde - also durch "Jeder stirbt für sich allein". Denn der war ohnehin schon geplant und "überfällig".

Zu "Peers Heimkehr" kann man glaub ich nur sagen, dass niemand außer Van Canto und Luxi weiß, was wirklich gelaufen ist. Und eigentlich interessiert es auch nicht. Wenn man sich beim Sturm auf ein 1000-Plätze-Theater nicht ein wenig auf die Produktionsweisen des Hauses, auf die künstlerischen Begebenheiten einlassen kann - dann sollte man lieber Open Air Guerilla Vorstellungen vor der Tür planen. Vielleicht rücken die Occupy-Leute ein wenig zusammen auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz und Van Canto eröffnet die eigene Spielzeit zeitgleich mit dem Thalia an Ort und Stelle.

Und, zur "Erbsenfrau": Im Gespräch klingen die Pläne des Thalias zu dem Stoff viel seriöser als in dem eigenartigen Abschnitt im Spielzeitheft. (Wer auch immer den geschrieben hat.) Statt einer Vernudelungsaktion ist es eher ein Umgang mit dem Stoff, der einer großen Bühne angemessen ist. Ich würde mich drauf freuen, wenn ich Jens Nielsen wäre.

Außerdem: Ich mag den heuten gezeigten Umgang mit der Spielplanwahl nun plötzlich doch sehr. Die Grundidee, die mangelnden Spielregeln, die naive Überraschung im Dezember 2011 ist immer noch verwirrend. Den Umgang heute fand ich souverän.
Frau Wirrwars Nachbarin , 12. April 2012 - 19:42 Uhr
3. Thalia-Spielplan 2012/13: Peers Heimkehr wäre Bereicherung
Wer die Zuschauer den Spielplan wählen lässt, sollte auch zu bzw. hinter deren Entscheidung stehen. Es gibt Leute, die wären aus ganz Deutschland angereist, um Peers Heimkehr zu sehen. Es ist echt traurig, dass dieses Stück nun nicht aufgeführt werden wird. Nicht jeder Fan von Van Canto erfüllt das typische Klischee eines Metal-Fans. Die Aufnahme des Stückes wäre ein große Bereicherung für das Thalia Theater gewesen und hätte dessen kultureller Vielfalt sehr gut getan. Dieser späte Rückzug ist einfach nur lächerlich und schadet dem Ansehen des Theaters mehr, als es ein vermeintlich nicht ganz passendes Stück getan hätte. Ich für meinen Teil weiß jedenfalls, welche kulturelle Stätte in Hamburg ich nicht mehr besuchen werde.
Traurig! , 12. April 2012 - 21:04 Uhr
4. Thalia-Spielplan 2012/13: mangelnde Einigung
Huhu, Herr Zarthäuser, ich bin zwar auch nicht Frau Wirrwarr, empfehle aber die Lektüre des Spielzeitheftes auf der Webseite des Thalia Theaters. Dort lese ich, dass das vierte Stück "Platonov" ist. Außerdem gibt es noch einige weitere Stücke, die von der Spielplanwahl inspiriert sind.
Die Klagen darüber, dass da jetzt "Peers Heimkehr" fehlt, finde ich ein wenig albern. Offenkundig hat es Gespräche darüber gegeben - man hat sich nicht über die Form der Umsetzung einigen können, deswegen hat das Theater nicht das Recht, das Stück aufzuführen.
Der beleidigte Eintrag auf der Webseite von Van Canto vom Februar 2012 mag das Unterfangen jetzt auch nicht gerade vorangetrieben haben.
Parzifals Schwester , 13. April 2012 - 09:55 Uhr
5. Thalia-Spielplan 2012/13: künstlerischer Müßiggang
Wenn das stimmt was der Autor von Peers Heimkehr sagt, dann finde ich es auch eher Künstlerischer Müßiggang von Seiten des Thalias als Künstlerische Freiheit! Als Künstler müsste man sich doch mit einer kreativen Herausforderung beschäftigen wollen, anstelle sie nur herauszutrennen. Wenn das wirklich alles war, was dem Thalia einfiel, dann finde ich es in der Tat schwach. Beim Merlin haben sie extra einen Chor in den Rang gepackt...
Feirefiz , 13. April 2012 - 10:43 Uhr
6. Thalia-Spielplan 2012/13: Stilisierung zum Spielball
@Parzivals Schwester

Huhu auch ! Vielen Dank für den Hinweis auf den "Platonow", der auf ein Einzelvoting zurückgeführt wird.
Nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich mich in diesem Falle auf die nachtkritik de.-Meldung beschränkt habe (oftmals gehe ich solchen Sachen ja tatsächlich nach, und tatsächlich habe ich jetzt über einige Monate auf Äußerungen zum 4. Stück gewartet und dazu Zigmale die Thalia-Seite frequentiert), kommt zudem zuweilen ja auch vor, daß ich auf der Thalia-Seite "Weingors Nacht" lese oder "Mühlheim" (Mülheim immerhin ist mittlerweile korrigiert).
Wer den Text zur Spielplanwahl ausführlich liest, wird feststellen,
wie einseitig dieser das mutige Thalia geradezu zum Spielball verschiedener Aggressoren stilisiert: Aber man hat sich nicht verdrehen lassen ! Au weia, lesen Sie, huhu, bitte im Gegenzug die Diskussionen zB. hier auf nachtkritik de., und Sie werden zum Beispiel an meinem Fall feststellen können, wie entwickelt die Bereitschaft teilweise war, sich bis zum heutigen Tag auch wirklich fröhlich und spielerisch der Sache zu widmen. Das Thalia finde sich plötzlich in einer hochspannenden Diskussion wieder, schrieb etwa ein anderer Poster und war lange nicht die letzte Stimme dieser Art. Den Anlaß zur Häme besorgte das Haus dann eigentlich auch zu nicht unwesentlichen Teilen selbst; ich kann einem anderen Haus nur wärmstens empfehlen, sich jetzt der Van-Canto-Sache anzunehmen - das wäre dann wirklich mal ein Spaß !.

post scriptum:

Sollte "Die Erbsenfrau" seriöser umgesetzt werden, wäre das wirklich sehr erfreulich, und ich käme gewiß sogar als "Liebhaber"
in etwa dort hin; schön auch, daß Rainald Grebe nach Hamburg kommt
(dem würde ich sogar "Weiningers Nacht" zutrauen, aber das nur so am Rande ...)..
Arkadij Zarthäuser , 13. April 2012 - 16:09 Uhr
7. Thalia-Spielplan 2012/13: hätten eine Chance verdient
Also ich finde, Van canto hätten die Chance verdient. Das Theater hätte das ganze ja nicht bis zur Wahl kommen lassen müssen, wenn sie nicht mit A-Cappella können. Finde es einfach nur unmöglich, wenn man das Publikum wählen lässt und sich dieser Wahl nciht beugt. Geht echt gar nciht, die sollen bloß nicht glauben, dass ich jemals einen Fuß ins Thalia setze!

Hoffe für Van Canto, dass ein anderes Theater das Potenzial erkennt!
Elphaba Thropp , 13. April 2012 - 20:26 Uhr

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