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Breitenwirkung für die zeitgenössische Dramatik

von Ute Nyssen

April 2012. Unter den hunderten Pariser Theatern, oft wunderschöne alte Häuser mit Goldverzierungen, Rängen und Logen, sticht das Théâtre de la Colline heraus, als Gebäude und dank seines Programms, vielleicht besonders für einen deutschen Beobachter. Denn trotz der grundlegenden strukturellen Unterschiede gleicht es am ehesten einem großstädtischen deutschen Stadttheater. Einem wagemutigen in Bewegung, das sein individuelles Gesicht maßgeblich einem Intendanten verdankt, unabhängig von dessen Handschrift als Regisseur.

Die Eröffnung des Théâtre de la Colline fand 1988 statt. Schon 1981, zu Beginn der Amtszeit des Kulturministers Jack Lang und des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand, war die Entscheidung für den Bau dieses neuen Nationaltheaters im 20. Arrondissement gefallen. Erster Intendant wurde der argentinische Regisseur Jorge Lavelli. Wie ein Fanal wirkte sein künstlerisches Gründungsprojekt, nur Stücke der Moderne, vornehmlich die lebender Theaterautoren zu spielen. Hinter diesen Fakten steckten demokratische Hoffnungen, kulturelle Intentionen, die neu waren. Ohne Frage trug das politische Klima der Gründungszeit zur Unterstützung der geistigen und künstlerischen Unternehmungslust entscheidend bei. Mitterand war ein hochgebildeter Präsident und Lang noch dazu echter Theaterprofi.

Körperliches Wohlgefühl

Heute sieht manches anders aus. Die politische Indifferenz gegenüber kulturellen Belangen spiegelt sich in der Situation des Theaters: das Colline ist in heftiger Finanznot. Schon 2009 wies Lavellis Nachfolger Alain Francon, Intendant von 1997 bis 2009 und selbst angesehener Regisseur, in einem Interview darauf hin, wie stark Technik und Verwaltung den Sieg gegenüber dem Künstlerischen davontragen würden. Mit leichter Verschiebung ist das Phänomen auch aus Deutschland bekannt.

la colline paris media timeout com xDie Glasfassade des Théâtre de la Colline in Paris © media.timeout.com

Nicht jedes Theater besitzt ein Fluidum, das, meistens unbewusst, körperliches Wohlgefühl und Neugier auslöst: das Gebäude des Théâtre de la Colline zieht schon von außen das Interesse des Passanten auf sich. Denn eine Glaswand gibt das Innere in der gesamten Breite und Höhe der drei Geschosse dem Blick frei. Assoziationen an einen riesigen Wintergarten entstehen, statt mit Pflanzen mit Plakaten geschmückt. Die Transparenz schafft Vertrauen. Im Haus entdeckt man dann noch ein Souterrain mit zwei Ebenen. Ganz unten gibt es die professionell geführte Bar. Das Publikum steht vor der Aufführung zusammen oder promeniert um den großen, von Regalen umgebenen Büchertisch. Im Erdgeschoss liegt der Eingang zum zweigeschossigen Großen Haus mit 750 Plätzen, im zweiten Stock das Kammertheater mit 200 Plätzen und im dritten sind die Büros untergebracht, unter anderem das des Intendanten. Das ist ziemlich klein und karg eingerichtet.

lacolline hall elisabeth carecchioFoyer des Théâtre de la Colline © Elisabeth Carrechio

Fortsetzung des Gründungsprojekts

Seit 2009 ist Stéphane Braunschweig, Jahrgang 1964, Intendant des Colline, wie seine Vorgänger ein gefragter Schauspiel- und Opernregisseur. Zuvor war er acht Jahre lang Intendant des Théâtre National de Strassbourg. Er führt das ehrgeizige Gründungsprojekt mit dem Schwerpunkt zeitgenössischer Stücke fort. Allerdings setzt er einen neuen Akzent: er will das Haus öffnen für die Stimme der Regie.

"Im zeitgenössischen Theater muss sich der Gestus des Geschriebenen von dem der Inszenierung nicht mehr trennen lassen", sagt er, der das Publikum für den Einfluss der Regie sensibilisieren will. Als Beispiel solcher theatralen Veränderungen zitiert er die Arbeiten der Compagnie "D`ores et déjà" und ihren Regisseur Sylvain Creuzevault, die er 2009 und 2010 ans Colline holte. Junge Theatertruppen und Regisseure an das Colline zu binden, ihnen finanziell und praktisch, manchmal auch mit Ratschlägen helfen zu können, ist sein vordringliches Anliegen.

Auch das noch ungebärdigere deutsche Regietheater hat Einzug gehalten. Die Pariser Zuschauer an dessen Eigenständigkeit gegenüber Texten zu gewöhnen, ist durchaus ein Wagnis. Um ein Exempel zu statuieren, engagierte Braunschweig 2010 Michael Thalheimer, der mit französischen Schauspielern eine ganz aus dem französischen Rahmen fallende Inszenierung von Koltès' "Kampf des Negers und der Hunde" vorlegte und - jedenfalls bei der Presse – ein durchwegs sehr positives Erstaunen auslöste.

Gläubige Texttreue

Braunschweigs Vorstoß aber war umso mutiger, als das Pariser Publikum aus Inszenierungen eines anderen Berserkers noch im selben Jahr zu mehr als der Hälfte in der Pause einfach weggelaufen war: bei Frank Castorfs Gastspielen im Großen Haus des Pariser Théâtre de l‘Odéon mit "Kean" und "Nach Moskau" in Nanterre. Dem deutschen Theaterpublikum mag das lächerlich vorkommen - obwohl es in den achtziger und neunziger Jahren genauso reagierte wie heute das französische. Gewöhnung ist alles. Doch wieviel strenggläubiger in Frankreich vor allem Texttreue gefordert wird, lässt sich an den Diskussionen ablesen, die bei diesem Thema sehr leidenschaftlich geführt werden.

Der pädagogisch-künstlerische Austausch zwischen dem Colline und anderen Ländern gehört zu Braunschweigs systematischem Modernisierungsprogramm. Roger Vontobel wird im Mai mit französischen Schauspielern arbeiten, nach Thalheimer ein weiterer ausländischer Regisseur. Zudem übernahm Braunschweig seine eigene Inszenierung mit deutschen Schauspielern von Arne Lygres Tage unter (Koproduktion spielzeit europa Berlin / Düsseldorf / Paris) in deutscher Sprache in den Spielplan.

stephane braunschweig copy theatre la colline paris uIntendant Stéphane Braunschweig
© Théâtre de la Colline

Alltag eines Intendanten

Was macht ein Intendant den ganzen Tag? Braunschweig skizziert einen Tagesablauf: Morgens Treffen mit dem langjährigen, engsten Mitarbeiter Didier Juillard. Er ist es, der herumreist und interessante neue Truppen für Koproduktionen vorschlägt, etwa fünfzig im Laufe eines Jahres. Einige sieht Braunschweig sich dann selbst an. Anschließend Gespräch mit Stanislas Nordey, der einen Pirandello inszenieren wird. Danach Dialog mit Theaterpraktikanten, die mehr Geld wollen. Später Briefing mit den Zuständigen für die Pressearbeit. Weitere Besprechung mit Juillard beim Mittagessen. Pünktlich um 15 Uhr empfängt er mich.

Regelmäßig trifft Braunschweig neben Verwaltungsdirektorin und Dramaturgin, Regisseure, sein Lektorenteam (drei Festangestellte), Leute von der Technik, "seine" Schauspieler, Kollegen von Austauschtheatern, Personen aus dem Kulturministerium. Ebenso regelmäßig sieht er sich fremde Aufführungen an, organisiert er Lese- und Schreibveranstaltungen, nimmt er an Universitätskonferenzen teil, debattiert er mit dem Publikum, gibt er Interviews. Meinen Vorschlag, ihn einen Tag lang zu begleiten, lehnt er ab, "es gibt keinen typischen Intendantentag".

Vermittlung und Verteidigung

Nicht zuletzt widmet sich Braunschweig intensiv der Lektüre. Die Stückauswahl folgt hier nicht Besetzungsgründen oder Regisseursinteressen. Sondern muss, da dieses Theater entschieden zeitgenössisch sein will, "die dringendsten Fragen zum Ort und zur Zeit, in der wir leben, ansprechen und spiegeln". Wie weit jedes einzelne Stück, jede Inszenierung dem künstlerisch nachkommen, soll hier nicht interessieren. Das Publikum strömt jedenfalls. Mit 80.000 bis 100.000 Besuchern bei derzeit elf Produktionen kann das Colline auf eine bemerkenswert hohe Platzausnutzung verweisen, obwohl es sich, wie gesagt, den Klassikern verweigert und zumeist mit unbekannten Regisseuren arbeitet. Intendant Braunschweig konnte den Andrang sogar steigern.

Auf die Gestaltung der Beiprogramme legt Braunschweig großen Wert, wie auch das Odéon beispielsweise, das Théâtre du Rond Point oder die Comédie Francaise. Damit verschafft man sich ein Image. Für Braunschweig aber geht es noch um mehr, er sieht sich als Intendant und Künstler verantwortlich, mit einem anspruchsvollen Programm seine Idee von Kunst in einer Gesellschaft zu verteidigen, in der Kunst immer seltener Vordringlichkeit eingeräumt wird.

Volles Risiko

Den Beruf des Intendanten lernt man an keiner Universität oder Akademie. Braunschweig antwortet etwas abstrakt auf die Frage, wie er es denn geworden sei: "Man muss schon ein künstlerisches und institutionelles Projekt haben um Intendant zu sein. Anschließend muss man sich mit kompetenten Mitarbeitern umgeben". Was zog ihn hin zu dem strapaziösen Job? Ein gleichermaßen künstlerisches wie gesellschaftliches Engagement, versetzt mit einem guten Schuss pädagogischen Eros', so stellt sich seine Motivation dem Betrachter dar.

Was verdient er? Überraschend gibt er sofort Auskunft. Wir sind uns einig, dass seine Einkünfte die eines deutschen Intendanten wohl merklich unterschreiten dürften. Daher vielleicht lässt sich so freimütig darüber sprechen: Sein monatliches Bruttogehalt als Intendant beträgt 6250 Euro, dazu kommen 2750 Euro für die Regiearbeit unabhängig von der Anzahl der Inszenierungen. Für die Tätigkeit an einem Haus, wo schon der Spielplan, erst recht jedoch der Schritt zum Regietheater mit dem Begriff Risiko identisch ist, in einer Stadt, in der nicht allein die Konkurrenz zu den anderen subventionierten Theatern herrscht, sondern ein Meer von zwangsläufig viel gefälligeren Boulevarddarbietungen die Theatergänger überschwemmt. Vor allem gegenüber dieser letzteren, mächtigen Konkurrenz – im deutschsprachigen Bereich nicht mehr vorstellbar -, muss ein Steuermann im Colline schon sehr standfest und bei dem Gehalt sehr idealistisch sein.

Fragen nach Ethik, Moral, Herkunft

Wie sieht das Ergebnis dieses Einsatzes auf der Bühne aus? In der ersten Serie der laufenden Spielzeit fand sich nichts leicht Konsumierbares und nichts Bequemes, im Gegenteil, den Schwerpunkt bildeten politische und ethisch-moralische Fragen. Stéphane Braunschweigs eigene Inszenierung von Arne Lygres "Je disparais" (Ich verschwinde) lag ganz auf dieser Linie. Selbst wenn die dramaturgische Sprache des norwegischen Autors fremd bleibt, der Inszenierung waren Ernsthaftigkeit und bildlich-szenische Phantasie nicht abzusprechen.

je-disparais elisabeth-carecchio"Je disparais" © Elisabeth CarecchioAktuellste Thematik bot ein Abend im Kleinen Haus zum Thema der künstlichen Menscherzeugung mit dem Titel "Ex vivo / In vitro" von Jean Francois Peyret, einem Neurologen, und Alain Prochiantz. Leider, ach, wurde der Beweis erbracht, dass jede sexuelle Kommunikation zwischen Mann und Frau fürs Kind in Hinkunft überflüssig ist. Sehr anschaulich, wie sich die Körper in einem Vorhang aus Stricken verfingen, ihn herunterrissen und sich schließlich nackt und illusionslos im wissenschaftlich geleerten Raum verkrümelten.

Das geistreiche Stück des ukrainischen Autors Jurij Olescha, "Der überflüssige Mensch oder Die Verschwörung der Gefühle", aus den sowjetischen zwanziger Jahren handelt von den Herausforderungen der Massengesellschaft und deren Zerstörung des Individuums. Dichter und bizzare Träumer prallen mit Nahrungsingenieuren und Wissenschaftlern aufeinander und die temperamentvolle Inszenierung von Bernard Sobel überzeugte, wie die beiden anderen, nicht zuletzt durch ihr schauspielerisches Niveau.

Vom Rand in die Mitte

Das besondere Verdienst des Colline lässt sich darin sehen, dass es als einziges Théâtre National der modernen und der zeitgenössischen Dramatik Breitenwirkung verschafft. Diese gewinnt allein schon durch den Standort, der ein bürgerlich aufgeschlossenes Publikum anzieht, ein Gewicht. So wird sie sozusagen vom experimentellen Rand in die Mitte geholt. Erst mit dem Colline öffneten sich beispielsweise die Tore in Paris weiter auch für die deutschsprachigen Gegenwartsautoren, selbst für hier so ganz fremdartige wie Elfriede Jelinek

Mit etwas Pathos lässt sich der Name des Pariser Théâtre de la Colline – Colline bedeutet Hügel – auf seine intellektuelle und künstlerische Leistung übertragen: es hält sich kontinuierlich oben.

 

Ute Nyssen
Dr. phil., Bühnenverlegerin, mit Jürgen Bansemer Gründung eines eigenen Theaterverlags. Herausgeberin mehrerer Buchausgaben, u.a. mit Stücken von Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek, Brendan Behan, Thomas Jonigk. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Rundfunk.

 

Mehr zum Theater in Frankreich gibt im nachtkritik-Lexikon. Zuletzt erschien der Theaterbrief (7) über den Theatermacher Joël Pommerat und seine Stücke, die sich den Gesetzen des Wandels und der menschlichen Metamorphose widmen.

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