Freitag, 25. April 2014

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Biografie: Ein Spiel – Im Deutschen Theater verspiegeln Bastian Kraft und drei wunderbare Spieler den freien Willen

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Im Zehneck der Erinnerung

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 21. April 2012. Ein Spiel muss in der Regel vorbereitet werden. Also hantieren die drei Schauspieler Maren Eggert, Hans Löw und Helmut Mooshammer geschäftig auf der Bühne herum und tuscheln wichtig, während das Publikum in die Kammerspiele des Deutschen Theater eintrudelt und seine Plätze sucht.

Wenn man zeitig da ist, kann man sich vor Beginn anschauen, was in dem Spiel namens "Biografie", das Bastian Kraft hier nach Max Frisch inszeniert, vorkommen wird. Ein Teil der Bühne ist nämlich Requisiten-Stauraum: ein Kleiderständer mit Kostümen, daneben ein Tisch, darauf Tassen, Teller, Flaschen. Zwischen Kleiderständer und Tisch ein Fahrrad.

Pavillon

Das Hauptelement der Bühne, mittig in Szene gesetzt, ist eine Art Studio. Ein zehneckiger Pavillon auf einem Drehpodest, in den zu Beginn ein einigermaßen schickes Wohnzimmermobiliar gebaut ist. Dieser Pavillon ist ein Multifunktionsmöbel, seine Wände lassen sich auch als Fenster oder Projektionsflächen nutzen, gelegentlich werden sie weggeklappt und geben den Blick ins Innere frei.

biographie1 560 arno declair hDer Multifunktionspavillon fotografiert von Arno Declair, links springt Maren Eggert ab, rechts lauert Hans Löw und Helmut Mooshammer ordnet die Stichwort-Karten des Showmasters.Darüber hängt eine breite, nach innen gewölbte Leinwand, auf die das, was die innen installierte Kamera aufzeichnet, übertragen wird. Einige Wandinnenteile des Pavillons sind verspiegelt. Die Figuren, die ihr Spiel nun beginnen, werden von diesen Wänden vervielfacht in teilweise etwas verzerrte, aber trotzdem immer ähnliche Möglichkeiten ihrer selbst.

De-Enactment

Passt zum Stück. Da wird einem Herrn Kürmann, Professor der Verhaltensforschung, Mitte 40, die Möglichkeit gewährt, seine Biografie umzubauen, in sein Leben einzugreifen und dort, wo er entscheidende Wendepunkte vermutet, per Re- und De-Enactment eine andere Wendung als die erste, originale herbeizuführen. Daran scheitert er unspektakulär und einigermaßen unterhaltsam.

Was bisher in Kürmanns Leben passierte, ist auf großen Karteikarten notiert, die ein Spielleiter, gespielt von Helmut Mooshammer, verwaltet. Wenn Kürmann seiner Erinnerung an die vermeintlich entscheidende Situation nicht traut, fragt er nach. "Die Ohrfeige kam später", informiert ihn der Spielleiter dann. Manchmal bietet er auch Hilfestellungen, schlägt Kürmann vor, in welche Situation er sich begeben könnte. Zum Beispiel in seine erste Hochzeit mit Brigitte, die sich später vor lauter Leid an der unglücklichen Ehe das Leben genommen hat.

Kürmann probiert's, aber Neues fällt ihm nicht ein. "Ich habe mich an meine Schuld gewöhnt", zuckt er diese wie auch viele andere Möglichkeitswelten mit den Schultern weg. Er beißt sich stattdessen fest an einer Situation, über die er meint, mit seinem puren Willen Kontrolle erlangen zu können. Die Situation, in der er seine zweite, inzwischen ebenfalls ungeliebte Frau kennenlernt. Antoinette Stein. Die ist nach einer Feier bei ihm übrig geblieben und findet den Absprung nicht.

biographie2 280 arno declair hHans Löw und Maren Eggert. © Arno DeclairGenauso geht es nun auch Kürmann: Immer wieder versucht er sich daran, diese Szene seines Lebens neu, anders zu entwerfen. Immer wieder dreht sich der Pavillon, bringt sich Maren Eggert als attraktive, vom Leben gelangweilte junge Frau in Position, rückt ihre Hornbrille zurecht und setzt ein verführerisches Semi-Lächeln auf, fragt, wie es auf der Karteikarte steht: "Warum bestellen Sie mir kein Taxi?" Allein, es will Kürmann nicht gelingen, sie gehen zu lassen.

Glück

Für ihn ein Unglück, denn das wiederholte Scheitern stürzt ihn immer tiefer in die Verwirrung; für das Theaterpublikum ein Glück, denn was sich hier mit diesen drei Schauspielern entfaltet, ist mindestens so verführerisch wie die Erinnerung an Antoinette nachts um zwei. Hans Löw stellt Kürmanns Lebens-Überforderung ebenso gnadenlos aus wie den wurschtigen, pseudo-souveränen Umgang damit und vor allem die Erkenntnis, dass das Spiel ihn noch viel mehr überfordert.

Lange spielt Maren Eggert spielt bloß Kürmanns Erinnerung an Antoinette: in einem weißen Etuikleid und mit einer dieser Handtaschen ohne Henkel, an denen man sich so schön festklammern kann, in der sich Zigaretten befinden, die sie Kette raucht. Erst als sie in der letzten Szene die Fäden in die Hand nimmt, Kürmann als Spieler ablöst, ist sie die tatsächliche Antoinette. Die tatkräftiger, weniger elegisch wirkt als zuvor. Selbst ihr Kleid ist nicht weiß-grünlich wie in Kürmanns Erinnerung, sondern grün-weißlich.

"Ich habe es als Komödie gemeint", schreibt Max Frisch in einer Anmerkung zum Stücktext. Bastian Kraft pflichtet ihm mit seiner hocheleganten Inszenierung bei – damit auch der Chauvi-Galanterie, mit der Frisch Antoinette als unbeschwert von aller Selbstreflexion darstellt. Im Gegensatz zur Verhaltensforschung des Professors Kürmann, ihres Gatten, befindet sich die junge Frau mit dem pseudointellektuellen Semi-Lächeln noch voll in den Fängen der Illusion vom freien Willen. Bei Frisch, wie bei Kraft. Nur dass ihr genau das, ihre weibchenhafte Beschränktheit, in der Kraft-Dramaturgie zur Ego-Stärke verhilft und dazu, die Situation lebenspraktisch aufzulösen: Wenn Antoinette am Ende ihrerseits die eigene Biographie verändern darf, geht sie am Abend des Aufeinandertreffens mit Kürmann ganz einfach nach Hause, statt ein Gespräch anzufangen; die beiden werden sich wohl nie näher kennen lernen.

 

Biografie: Ein Spiel
von Max Frisch
Regie: Bastian Kraft, Bühne und Video: Peter Baur, Kostüme: Karin Rosemann, Musik: Björn SC Deigner, Licht: Ingo Greiser, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Maren Eggert, Hans Löw, Helmut Mooshammer.

www.deutschestheater.de

 

 

Kritikenrundschau

"Es geht hier mehr um Mode als um Erkenntnis", befindet Andreas Schäfer im Tagesspiegel (23.4.2012). "Mit zarter Melancholie führt Kraft eine elegante Interior-Welt aus der Zeit vor, als Rauchen, Trinken und Sex noch super in Ordnung waren." Wunderbar sei Maren Eggert als unnahbare Antoinette Stein, und der angenehm anzuschauende Habitus könne nur ironisch gemeint sein. "Was verständlich ist. Denn wirklich ernst kann man Frischs Stück nicht nehmen."

"Wie leben? Was tun? Woran glauben?", frage das Stück, so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.4.2012). "Burlesk befreit Bastian Kraft diese Fragen von ihrer Schwere und Härte, ohne sich über sie lustig zu machen. Vielmehr lässt er die bestens eingestimmten Darsteller beherzt an ihnen knabbern, fidel mit ihnen jonglieren, geschickt aus ihnen absurdes Szenenkapital schlagen."

Eine "sehenswerte Inszenierung" hat Doris Meierhenrich erlebt, wie sie in der Berliner Zeitung (23.4.2012) schreibt, sehr subtil von Bastian Kraft inszeniert auf einer Bühne, die "das abgewandelte Bild der Spieluhr" ist, "die Maren Eggerts kühl geheimnisvolle Antoinette so oft anblickt und die für Kürmann selbst zur fatalen Drehscheibe wird." Vor allem aber preist Meierhenrich Hans Löw, der den anfänglichen Übermut Kürmanns schön in Ängstlichkeit gleiten lasse, sich immer wieder in Kleinkrämerei rette und doch so entwaffnet beim Immergleichen ende, dass die Vergeblichkeit seiner Lebensrevision nie endgültig erscheine. "Alles ist  undefinierten Blicken unterworfen in diesem spannungsreichen Spiel zwischen Leinwand, Glas- und Spiegelwänden."

Bastian Kraft habe den Text in einer geschickt verschlankten Fassung "erstaunlich frisch in die Gegenwart gerettet", meint Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.4.2012). "Seine metiersichere Inszenierung befreit die Vorlage vom Tiefsinns-Geraune, spielt noch etwas spöttischer als Frisch selbst mit den Bildungsbürger-Signalen in der Konversation ('Was halten Sie von Wittgenstein?') und schenkt dem Stück eine schön verspielte Leichtigkeit." Das sei immer noch "didaktisches, problemlos schulklassenkompatibles Typen-Theater, aber mit Spielfreude und Witz und entschlackt von Bedeutungsausrufezeichen und dem Muff der frühen Jahre."




Kommentare (2)

1. Biografie, Berlin: abgeschliffene Ecken
"Variationen des Banalen" nennt der Spielleiter einmal die Biografieänderungsversuche des Protagonisten Kürmanns und leider trifft das auch ein wenig auf Bastian Krafts Inszenierung zu, die den Stoff nicht so recht ernst nimmt und sich mit zunehmender Dauer eher an der eigenen Eleganz und den netten und zuweilen witzigen Einfällen ergötzt, als in der Geschichte nach Anknüpfungspunkten oder auch Brüchen zu suchen. Dass Antoinette bis zum Schluss männliche Projektionsfläche bleibt oder die Debatte um Schicksal und den freien Willen schon ins Frischs Vorlage küchenpsychologisches Niveau hat, wird ebensowenig thematisiert wie die Grundfragen nach der Determiniertheit des eigenen Lebenswegs. Was bleibt ist eine unterhaltsame Beziehungskomödie mit großartigen Darstellern, die sämtliche Ecken und Kanten abschleift und sich im netten Dahinplätschern genügt.

Komplette Kritik http://stagescreen.wordpress.com
Sascha Krieger (Prospero) , 26. April 2012 - 06:53 Uhr
2. Biografie, ein Spiel, Berlin: keine Reset-Taste
Im Leben gibt's eben nicht die "Reset"-Taste, wie in der DT-Inszenierung wieder einmal vor Augen geführt wird. Was mit scheinbarer Leichtigkeit und besonderer Spielfreude der drei exzellenten Akteure daherkommt, sollte nachher zu Gedanken anregen, meine ich. Mehr dazu in www.capakaum.com
Capa-kaum , 08. Mai 2013 - 08:47 Uhr

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