Dienstag, 02. September 2014

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Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier − Daniela Kranz führt Anne Leppers Drama von den Ungeliebten und Ungewollten in Weimar auf

Von den Ausgeschlossenenalt

von Christian Baron

Weimar, 10. Mai 2012. Wenn in Filmen oder auf der Theaterbühne Menschen ins Zentrum gerückt werden, bei denen die Pfunde purzeln sollen, besteht gewöhnlich Slapstick-Alarm. Nur selten geht die Vereinigung von Klamauk und Ernsthaftigkeit gut. Bei ihrer Inszenierung von Anne Leppers "Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier" am Deutschen Nationaltheater Weimar entgeht Regisseurin Daniela Kranz dieser Falle von vorneherein. Sie verzichtet auf massigen Körperumfang simulierende Fat-Suits; was sich erst im Laufe der Darbietung offenbart: Sie hat mit dieser Maßnahme offenbar noch etwas ganz anderes im Sinn.

Dünne, dicke Kapitalismus-Verlierer

Die Adipositas, wegen der vier Teenager von ihren Eltern zur Abmagerungskur in ein Heim gesteckt werden, firmiert hier nämlich als Metapher für den prinzipiellen Trend zur Stigmatisierung und Ausgrenzung all jener, die mit dem "Fit statt Fett"-Gebot des flexiblen Kapitalismus nicht mithalten können. Die Insassen Leo, Heidi, Oskar und Max werden von ihrem Betreuer Robert mal im Stile eines Drill-Sergeant, mal des evangelikal anmutenden Heilspredigers in Ernährungsdisziplin trainiert, mit dem Drohinstrument der Ankündigung des (selbstredend nie erscheinenden) großen Doktor Bärfuß. Hin und wieder durchbrechen Exzesse den Betrieb, in denen gierig Kuchen und Salamibrote verdrückt werden.

seymour 04 560 jona krieg u"Seymour": die zu Hause von dünnen Kindern ersetzten Insassen der Anstalt: Markus Fennert, Petra Hartung, Tobias Schormann, Hagen Ritschel, Johannes Schmidt. © Jona Krieg

Immer wieder jedoch blicken die dicken Kids ebenso neidisch wie sehnsuchtsvoll zu dem auf einem Gemeinschaftsdiwan liegenden Sebastian, der zwar rank und schlank ist, aber eben auch tot. Nur wenig verschieden gehen die Charaktere mit der Kränkung um, von den Eltern abgeschoben und von der Gesellschaft als unzugehörig klassifiziert worden zu sein. Allesamt mucken sie kaum auf und fügen sich in ihr Schicksal, obwohl am Ende kein Erfolg in Sachen Gewichtsabnahme zu Buche steht und die Jugendlichen erfahren müssen, dass sie zu Hause bereits von dünnen Kindern ersetzt wurden.

Praktische Demonstration

Überhaupt gehört das Statische zum Wesen des Stückes. Auf der Bühne sind stets die vier Betten präsent, sodass es hier keine Freiheit des Draußen, sondern nur das Drinnen im gesellschaftlichen Draußen zu geben scheint. Auch zeigen die Figuren keinerlei innere Entwicklung. Erstaunlich mutet es an, wie leicht die Inszenierung dennoch zeitweise zwischen subtilem Humor und unumwundener Provokation zu changieren versteht. Als es etwa zu einer zunächst komödiantischen amourösen Annäherung zwischen Oskar und Max kommt und beide sich gar küssen, regt sich in der Mehrheit des Publikums offener Ekel. Ein einfacher Kniff, durch den der parabelhafte Charakter der Fettleibigkeit durch die im Publikum entlarvte Homophobie praktisch demonstriert wird.

Eine sich direkt anschließende Schlüsselszene geht hingegen völlig unter. Nachdem Max ihn schroff ablehnt ("Niemals würde ich mich in einen verlieben, der so dick ist wie du!"), erhängt sich Oskar. Seine Motive werden jedoch nicht einmal ansatzweise thematisiert, auch wenn gerade darin eine enorme Sprengkraft steckt. Eine Auslassung, die keine Ausnahme ist: Das Referenzsubjekt Sebastian ist nie zu sehen, so dass auch nicht klar wird, ob er vielleicht nur ein belangloses Hirngespinst ist. Warum eine solche Faszination von einem leblosen, dafür aber makellosen Körper auf die Internierten ausgeht, bleibt dagegen völlig im Vagen.

seymour 11 280 -jona krieg u© Jona Krieg

Atmosphäre der Verzweiflung

Es kristallisiert sich auch nicht heraus, ob die Fressorgien nun nur Traumsequenzen sind oder reale Ausschweifungen, die dem Ganzen zumindest den Anschein von Rebellion verleihen könnten. Schließlich schwebt ohne Unterlass eine Atmosphäre von Resignation und Verzweiflung im Raum, die auch noch in der Luft hängen bleibt, als der Vorhang bereits gefallen ist. So sucht man in dieser Inszenierung vergeblich nach einer klar transportierten Haltung.

Geht es Daniela Kranz also nur darum, die scheinbare Ausweglosigkeit der gesellschaftlichen Ausgrenzung widerzuspiegeln, anstatt über das Handeln der Figuren die Problematik des von uns allen reproduzierten Systems von erwarteter Perfektion und, bei Nicht-Genügen, eiskalter Sanktion anzusprechen? Man könnte es fast meinen. Und findet Bestätigung im Programmheft, in welchem der Soziologe Heinz Bude als wissenschaftlicher Ankermann fungiert. Bude analysiert die "Ausgeschlossenen" der Gesellschaft mit dem Impetus des investigativen Exklusionsforschers, dem es nach eigenem Bekunden darum geht, die "wahre Kultur der Unterschicht" aufzudecken. Was bei ihm in einer stereotypen Darstellung von faulen, undisziplinierten Unterschichtlern mündet, die nur deshalb arm seien, weil sie sich den neuen gesellschaftlichen Geboten nicht anpassen können.

Ein seltsamer Objektivismus. Fast, als wollte hier jemand die Zusammenhänge zwischen individuellen Lebenslagen und kollektiven gesellschaftlichen Strukturprinzipien verschleiern. Das würde Bude wahrscheinlich ebenso wenig zugeben wie Kranz. Dass die Regisseurin dies durch ihre zweifellos unterhaltsame, aber im Objektiven verharrende Arbeit eben doch tut, zeigt einmal mehr, dass Gutes wollen und Gutes tun nicht immer ein und dasselbe sind.

 

Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier
von Anne Lepper
Regie: Daniela Kranz, Dramaturgie: Elisa Liepsch, Ausstattung: Jutta Burkhardt,
Video: Bahadir Hamdemir.
Mit: Markus Fennert, Petra Hartung, Hagen Ritschel, Johannes Schmidt, Tobias Schormann.

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Mit einiger Begeisterung nimmt Frank Quilitzsch von der Thüringer Landeszeitung (11.5.2012) die Inszenierung auf. Das Ganze begebe sich "hoch oben", nahe bei Thomas Manns "Zauberberg", aus dem Quilitzsch zufolge auch ein paar Zitate in den Text eingeflossen sind. Die Fallhöhe, die in der Inszenierung zwischen Einflüssen von Beckett, Mann und Loriot entstünden, sei demzufolge enorm, schreibt der Kritiker "und die Inszenierung im Foyer III des DNT kunstvoll kleingehalten, ein Kammerstück oder besser: eine Schlafsaaltragödie, denn Jutta Burkhardts Ausstattung besteht gerade mal aus vier einfachen Betten, einem Doppelstockbett und einem Haufen zerschnittener Schaumgummimatratzen, auf denen sich die Schauspieler austoben dürfen." Großartig findet der Kritiker auch die Schauspieler




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