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Der fliegende Holländer – Jan Philipp Glogers Wagner-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2012

Einer Matrix entstiegen

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2012. Es ist immer dasselbe Spiel: Jahr für Jahr harren Wagner-Fans in aller Welt gespannt darauf, welche Regie-Gesamtkunstwerker die Bayreuther Festspiele nun wieder aus dem Hut zaubern, um inszenierend auf Richard Wagners Musikdramen losgelassen zu werden. Und Jahr für Jahr schreiben diese Entscheidungen einem Gutteil der Wagnerianer das helle Entsetzen ins Gesicht: Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Frank Castorf oder – der neuste Coup – Jonathan Meese? Das darf doch nicht wahr sein. Von abenteuerlicheren Varianten wie Lars von Trier und Wim Wenders, die dann auch prompt absagten, ganz zu schweigen.

Manchmal aber lassen die Verantwortlichen auf dem Grünen Hügel auch Namen aus ihrem Füllhorn purzeln, die so ziemlich gar nichts auslösen. "Jan Philipp … – wer?", wird so mancher gefragt haben, als ruchbar wurde, wer für die Regie der diesjährigen "Holländer"-Premiere verantwortlich zeichnen würde. Und tatsächlich: Jan Philipp Gloger ist im Bereich der Oper ein noch recht unbeschriebenes Blatt (zwei Inszenierungen in Augsburg und Dresden schlagen bislang zu Buche), im Schauspiel hat er es mittlerweile zum leitenden Regisseur des Staatstheaters Mainz gebracht. Wenn sich unter Wagnerianern Erwartungen an Gloger knüpften, dann vermutlich die, dass er soliden Stadttheater-Charme nach Bayreuth bringen würde.

Gigantisches Gerüst

Man darf es wohl so sagen: Die Erwartungen haben sich erfüllt. Dem traditionellen Buh-Konzert, dem sich die meisten Regie-Teams in Bayreuth stellen müssen, ist aber auch Gloger nicht entkommen. Bildersturm mag die Sache des Norm-Wagnerianers nicht sein – bloßes Stadttheater jedoch: das will er irgendwie auch nicht.

Dabei lässt sich die Aufführung sehr gut an: Wenn sich (fast schon unüblicherweise erst nach der Ouvertüre) der Vorhang öffnet, fällt der Blick auf eine durchaus faszinierende Bühneninstallation. Christof Hetzer hat ein gigantisch geschwungenes Gerüst aus kaltweiß glimmenden und flackernden Neonröhren, Leuchtkörpern und Dioden gebaut. Vor dem tiefschwarzen Bühnenraum wabern auf diesem Netz aus Leuchten mitunter seismographisch auf die Musik reagierende Licht-Effekte, die durch als solche kaum wahrnehmbare Video-Projektionen (Martin Eidenberger) eine zusätzlich irisierende Note bekommen. Vereinzelt leuchten Ziffernketten auf, die in leerer Mechanik und plötzlichen Sprüngen hochzählen.

Getriebener der Datenflüsse 

Es ist – natürlich – das Meer, das wir hier sehen und das bei Gloger und Hetzer in eine virtuelle Flut aus Strömen und Datenflüssen übersetzt scheint, in eine rätselhafte Matrix des durchdigitalisierten Lebens. Und dieser Matrix entsteigt der Holländer, dessen Fluch es offenbar ist, ein Getriebener der geheimnisvollen und virtuellen Transaktionen dieses Lichternetzes zu sein. So weit, so spannend. Dann aber schlägt sie erbarmungslos zu, die Stadttheater-Ästhetik … (Sorry, Stadttheater, dass wir Dich hier so böse beleumunden, aber Du weißt hoffentlich, wie wir's meinen!) hollaender 560 bf enriconawrath  uAdrianne Pieczonka als Senta und Samuel Youn als Holländer © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Daland und sein Steuermann räkeln sich – in die unvermeidlichen Business-Anzüge gewandet – in einem Holznachen. Der Holländer tritt – Achtung! der flexible Mensch! – mit Rollkoffer und Coffee-to-go-Becher auf, schmeißt – Achtung! sich selbst entfremdeter Turbokapitalist! – mit Geld um sich und reißt – Achtung! schlimmer Finger! – Edelprostituierten die Pelze vom Leib. Die Spinnerinnen des zweiten Aufzugs verpacken des Geschäftsmannes Daland Erfolgsprodukt (Wohnzimmer-Ventilatoren nämlich) in Pappkartons und sehen dabei hübsch biedermeierlich adrett aus. Senta wirft derweil der munter abschnurrenden Arbeitswelt ihre Kreativität entgegen und bastelt sich aus den Kartons ihre Holländer-Vision zusammen.

An Abgründen vorbeigeschifft

Das alles schürft nicht tief, es wirkt vor allem pragmatisch und harmlos arrangiert: Der Personenführung haftet etwas Behäbig-Gemütliches an, das sich vor Hetzers kühn erdachtem (und ab dem zweiten Aufzug von einem Kasten verstellten) Lichtgerüst reichlich brav ausnimmt. Die zentrale dramaturgische Idee des Abends teilt sich im Duett Senta-Holländer mit: Der flexible und sich selbst entfremdete Mensch bekommt wieder Zugang zu seinen Gefühlen, er ritzt sich den Arm und erkennt sich als Wesen aus Fleisch und Blut. Immerhin: Wenn Senta und Holländer zeitverloren auf den zur Stadtlandschaft mit Häusern und Schiff arrangierten Pappkartons kreisen und sich ihre Silhouetten an der Kastenwand wie die von Riesen über einer Skyline abzeichnen, dann ist das ein schönes Bild.

An den wirklichen Abgründen jedoch ist Gloger mit seiner planen Deutung routiniert vorbeigeschifft, an denen des modernen Menschen ebenso wie an denen der romantischen Oper mit ihren Brüchen und Fantastereien. Für letztere freilich konnte man sich an die musikalische Seite der Aufführung halten. Christian Thielemann – mittlerweile so etwas wie der Mr. Bayreuth – machte vom ersten Takt der Ouvertüre an klar, dass er einen forschen, rhythmisch sehr präzise gestalteten, mitunter fast federnden, immer aber konturscharfen "Holländer" dirigieren würde, wobei ihm nicht zuletzt fabelhaft artikulierende Holzbläser zur Verfügung standen. Und natürlich der wie immer in Bayreuth so ausnehmend durchschlagkräftige, von Eberhard Friedrich einstudierte Chor (der sich allerdings im Steuermanns-Chor einen kapitalen, vermutlich zu Lasten Thielemanns gehenden Fehleinsatz leistete).

Aufmerksames Zuhören

In der Titelrolle schlug sich der erst vor vier Tagen für den wegen seiner zweifelhaften Tätowierungen abgereisten Evgeny Nikitin eingesprunge Samuel Youn wacker, an Farbreichtum und Textverständlichkeit könnte er noch zulegen. Facettenreicher präsentierte sich die Senta der Kanadierin Adrianne Pieczonka, die mit einer enorm breiten Palette an Ausdrucksvaleurs aufwartete und nur in der Höhe etwas an Strahlkraft vermissen ließ. Eine echte Entdeckung ist Benjamin Bruns, der einen blitzsauberen und wunderbar lyrischen Steuermann sang. Franz-Josef Selig gab einen robusten, klug zwischen Klangschönheit und Artikulation austarierenden Daland, und der Charaktertenor Michael König ließ dem Erik einige schöne Gesangslinien angedeihen, die nur im hohen Register mitunter ins Unkontrollierte auszubrechen drohten.

Es ist ja gewissermaßen ein Verdienst von wenig aufregenden Operninszenierungen, dass sie aus unaufgeregten Zuschauern aufmerksame Zuhörer macht. Dieses Verdienst Glogers jedenfalls haben die Premieren-Besucher gewürdigt: indem sie das musikalische Team des Abends ausgiebig feierten.

Nächstes Jahr aber wird alles anders: Da kommt Frank Castorf. Und dann wird es, so darf man mutmaßen, wohl wieder vorbei sein mit dem soliden Stadttheater-Charme …


Der fliegende Holländer
Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Inszenierung: Jan Philipp Gloger, Musikalische Leitung: Christian Thielemann, Bühnenbild: Christof Hetzer, Kostüme: Karin Jud, Licht: Urs Schönebaum, Video: Martin Eidenberger, Dramaturgie: Sophie Becker, Chorleitung: Eberhard Friedrich.
Mit: Franz-Josef Selig, Adrianne Pieczonka, Michael König, Christa Mayer, Benjamin Bruns, Samuel Youn, Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele.

www.bayreuther-festspiele.de

Mehr zu den Bayreuther Festspielen: im vergangenen Jahr berichteten wir über Sebastian Baumgartens Neuinszenierung des Tannhäuser. Mehr zu Jan Philipp Gloger im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

Jan Philipp Gloger verwandle "dieses leidenschaftlich tobende Stück" in ein "schlicht gestricktes Sozialdrama à la Franz Xaver Kroetz", findet Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (27.7.2012). Gloger biete eine gut verständliche und alltagsrealistische Lesart, der alles Übernatürliche, Religiöse und Romantische fehle. Davon halte Christian Thielemann offenbar nichts. "Auch wenn er ein ausnehmend sängerfreundlicher Dirigent ist, weiß er doch ganz genau, dass Wagner – wie immer – die Extreme auslotet, die dann eben auch extreme musikalische Lösungen erfordern."Was die Inszenierung angehe, hätten am Ende "Kunsthandwerk und Provinz" gesiegt. "Kein Wunder, dass das Regieteam kräftig ausgebuht wird, während Sänger und Musiker lautstarker Jubel empfängt."

In wenigen Sätzen sei alles gesagt über diese Produktion, schreibt Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.7.2012). Musiziert werde himmlisch vielfältig. Die Szene sei hölzern einfältig. Die Chöre, einstudiert von Eberhard Friedrich, seien eine Wucht. Glogers Inszenierung hingegen schiebe die Figuren "auf höchst unriskante, biedere Weise" auf der Spielfläche herum, "als wären sie aus Pappe geschnitten".

Jan Philipp Gloger sei ein Ausgleicher, wolle zeitgenössisch erzählen, die Motive von Weltekel, Materialismus, mädchenhaftem Wirrsinn, von Ideal und Ernüchterung, Utopie und Marktwirtschaft filettieren, dabei aber Wagners Handlungsgerüst erhalten. "Ein wenig musterknabenhaft kommt das rüber", schreibt Manuel Brug in der Welt (27.7.2012). Gloger verlasse sich in Schlüsselmomenten zu sehr auf die Aura, die Überwältigung des Musikalischen. "Er erzählt dabei nichts, deutet kaum aus, lässt seine eigentlich radikalen, alles wollenden und schrecklich scheiternden Figuren immer wieder hölzern erstarren." In Bayreuth habe der Deutungswind um den "Holländer" schon stärker geweht. "Doch mit dieser letztlich ausgeglichenen, musikalisch glücklichen und samt den obligatorischen Regiebuhs lange bejubelten Produktion kann man in ruhigem Festspielfahrwasser schippern."

In der Neuen Zürcher Zeitung (27.7.2012) geht Peter Hagmann zunächst vor allem auf die Sänger ein. Dem Nikitin-Einspringer Samuel Youn fehle es "doch merklich" an Ausstrahlung und Format, "die spezielle psychische Verfassung, in der sich der wie Ahasver ewig auf den Meeren irrende Holländer befindet, vermochte er nicht über die Rampe zu bringen."
Im Übrigen habe "sängerisch glanzvolles Mittelmass" geherrscht. Zum großen Ganzen meint Hagmann: Die Produktion gerate nicht wirklich in Fahrt, was sowohl an Christian Thielemanns musikalische Leitung liege (der Abend stehe "im Zeichen des vokalen Überdrucks", weil Thielemann das Orchester nicht immer und überall genügend zu bändigen verstehe), aber ebenso sehr an der Inszenierung. "Jan Philipp Gloger, der dem Schauspiel entstammt und bisher nicht weiter aufgefallen ist, hat sich seine Gedanken gemacht – nicht die falschesten", schreibt Hagmann. Was am Ende dabei herausgekommen sei, habe jedoch "die Spannung einer Seminararbeit".

Jan Philipp Glogers Inszenierung der Seemannssage blieb trotz manch eindrücklicher Bilder konventionell und flach, findet Regine Müller in der taz (27.7.2012) klare Worte. Glogers Deutung sei herzlich brav und verkürze die Dimensionen des Stoffs ins allzu Handliche. "Auch die geschickt gebauten Chortableaus verraten solides Handwerk, aber keine tieferen Einsichten in die Dynamik von Massen." Dem szenischen Mittelmaß sei die musikalische Seite des Abends weit überlegen.

"Verständlich, dass der Bayreuther Regie-Debütant Jan Philipp Gloger befürchtete, die Affäre um den russischen Bariton und ehemaligen Heavy-Metal-Hero Evgeny Nikitin könne seiner Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers" in der öffentlichen Wahrnehmung die Schau stehlen", schreibt Hans-Klaus Jungheinrich in der Frankfurter Rundschau (27.7.2012). "Da war aber nicht gar so viel zu stehlen." Glogers Annäherung kranke daran, die närrische Radikalität des Stoffes zu verfehlen und sich mehr und mehr in kleinen Gags und lächerlichen Effekten zu verzetteln. Die im wesentlichen (auch vokal und beim von Eberhard Friedrich einstudierten Chor) realisierten musikalischen Qualitäten gehörten gleichsam zum Standard der Institution Bayreuth, so Jungheinrich. "Weniger deren Sahnehäubchen als ihre eigentliche Festspiel-Legitimation würden entflammte szenische Entwürfe bedeuten." Ein richtiger Spiritus lasse sich nicht einfach engagieren und kommandieren. "Sagen wir also so: Dass Bayreuth lebt und nicht mausetot ist, wurde diesmal durch eine in der Summe mittelprächtige Premiere dokumentiert."

Jan Philipp Glogers Konzept schwimme im Kielwasser dessen, was Regisseuren in den letzten zehn Jahren zum "Holländer" einfiel, analysiert Volker Hagedorn in der Zeit (2.8.2012). Zwischen Konwitschny und Guth, Bieito und Stölzl hätten sich Motive verfestigt: der Holländr als Projektion Sentas, deren Vater Daland als rücksichtsloser Kapitalist. Beides komme hier vor, mal als Andeutung, mal als Karikatur. "Zum Denkraum verbindet sich das nicht." Immerhin bescheinigt Hagedorn Gloger eine "behutsame Personenregie". Wo dem Rezensenten im Regiekonzept das Visionäre fehlt, findet er im Musikalischen zu viel davon: Christian Thielemann dirigiere "diese vergleichsweise unterkomplexe Partitur" "gleichsam geschichtsphilosophisch" "zu einem Stück auf dem Weg zum 'Tristan'". Das lade den Hörer allerdings eher zur Hingabe ein als zur Reflexion ein.




Kommentare (3)

1. Holländer, Bayreuth: eigener Ton
Dies war ein Kommentar zu Glogers Münchner "Viel Lärm um nichts"-Inszenierung:
"Mafiamilieu, Drehbühne, ineinander fließende Bilder - irgendwie kennt man das doch schon bei "Viel Lärm um nichts! Ja richtig, 2002, Wien, im Theater in der Josefstadt unter der Regie von Marcello de Nardo. Na ja, ist schon eine Weile her, da kann man de Nardos Idee gerne recyceln!
Jens Keller"

Nun also das Matrix-Geflimmer der Datenströme aus dem gleichnamigen Kultfilm der Wachowski-Brüder
das Schattenspiel aus Peymanns "Hermannsschlacht"
das Kitschproduktionsfinale aus Peter Steins "Peer Gynt"...

Müsste ein Künstler nicht einen eigenen Ton finden?
Stefan Herheim zeigt mit seinem zitathaften Assoziationstheater, dass unsere Sprache in einem Netz von Geschichte, Geschichten, kulturellen Codes gefangen sind.
Gloger tut so, als seien die Zitate seine Erfindungen und wurstelt mit Bildern aus 2. Hand herum.
Guttenberg , 26. Juli 2012 - 14:02 Uhr
2. Holländer, Bayreuth: kulturelles Gedächtnis
Ich sollte präziser sein:
Die genannten Beispiele (Matrix, Hermannsschlacht, Peer Gynt) sind allesamt "legendär". Sie gehören zum kulturellen Gedächtnis und können dementsprechend auch benutzt werden. Aber man muss sie eben auch zu etwas verwenden, statt sie einfach auszuschlachten.
Guttenberg , 26. Juli 2012 - 14:08 Uhr
3. Holländer, Bayreuth: Bühnen-Dekoration
...sehr verwunderlich jetzt überall zu lesen, wie "großartig" und "faszinierend" das Bühnenbild sei. Nach dem der Vorhang aufgeht, flimmert es doch schon recht schnell sehr dämlich und wenig geheimnislos im offenkundigen Gestus der Musik. Was auch immer hier elektronisch veranschaulicht fließen soll, führt nirgends wohin und kommt nirgends wo her, sondern ist Dekoration. Wenn die "kühn erdacht" ist, frage ich mich, woran man das sieht, da sie ja nicht erst im 2. Akt unbeholfen zur Seite geschoben wird, sondern schon nach der Holländer-Arie im 1. Akt abgespielt ist. Aufgetreten wird zwischen ihren beiden Flügeln, ins Spiel ist sie wenig bis gar nicht eingebunden - deshalb heißt es wohl Regieteam?
winifred und co , 26. Juli 2012 - 22:10 Uhr

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