"übersatt, unzufrieden, gehetzt, also: frei"

von Jens Fischer

Hannover, 15. September 2012. "Geld bedeutet Wohlstand. Wohlstand ist Freiheit. Der moderne Mensch bestimmt seine Identität über den Grad an Freiheit, über den er verfügt. Genau genommen sind sie also ... ihr Geld", charmiert der Conferencier ins Publikum. Er preist diesen Wert, die Verführungskunst des Kapitalismus. Den zwar keiner mehr mag, an den auch kaum einer noch glaubt, der aber trotzdem funktioniert. "Alles, was nicht neoliberal ist, ist naiv." Und nun? Was tun gegen "diese grenzenlose Beschissenheit, über die zu klagen nicht verboten ist – über die jeder klagt. Über die zu klagen ... aber eben einfach nichts bringt. Nichts bringen kann. Man kann sich ja nur vermieten oder wegschmeißen. Oder sich einen Knoten in die Aufrichtigkeit machen."

Menschenwurm in giftig zischendem Wind

Mit solch herrlicher Wut, erfrischender Direktheit, emotionaler Wucht, aber auch intellektueller Emphase und poesiewilliger Empörung arbeitet Nis-Momme Stockmann seit Jahren daran, das gesellschaftliche Panoptikum unserer Krisenzeiten in all seinen Widersprüchen zu dramatisieren. Aus dem eisigen Herz der Finsternis, den Banken, lockt er nun einen dunkelgrauen Menschenwurm in ein Herbstgrau-Drama, giftig zischender Wind auf einem kahlen Platz, der Himmel hängt wahlweise voller Wolken oder kotender Tauben. "Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir" sollen sich dort ereignen.

Stockmann gab ihm Worte ...

Leer ist die große Bühne des Schauspiels Hannover – als Show-Areal für die Fantasie des namenlosen Ex-Bankers. Er hat sich am sozialen Miteinander, an Abhängigkeiten, Job und Ehe wundgearbeitet, daher alles weggeschmissen. Hagen Oechel als klassischer Stockmann-Held ist ein wortreich Leidender, der nicht mehr mit-, aber trotzdem weitermachen will, um die Ich-Leere zu füllen. Rührend hilflos tut er sich leid, ist verquickt mit allem Elend der Welt. Und träumt davon, die Wurzel allen Übels zu greifen, um sie zu zerstören. Aber da ist nichts, außer ihm selbst.

wiederauferstehung 295 560 katrinribbe uHagen Oechel allein auf weiter Bank. © Katrin Ribbe

Okay, er hat als Abschiedsgeschenk von seinem Arbeitgeber 4,5 Millionen Euro mitgehen lassen, aber für einen Systemabsturz des gehassten Finanzmarktes per Hyperinflation wird das nicht reichen. So sucht er weiter Ansatzpunkte, wie wirklich etwas zu verändern wäre. Er weiß: Wertewandel ist notwendig. Nur welcher? Er durchschaut die Verblendungszusammenhänge, in die er verstrickt war. Aber wer und wo ist denn der Feind?

.. zu sagen, nicht zu handeln

So nachdenklich setzt sich der Aussteiger an die Rampe, plaudert mit dem Publikum und lässt die Puppen aus seinem Kopf auf die Bühne tanzen: Erinnerungen, Träumereinen, aber auch Lebenswirklichkeitsfetzen der in ein Hochhaus abgeschobenen Menschen, die jetzt seine Nachbarn sind. Ein Kopfdrama: Selbst flackernde Dialoge erzählen nur vom Handeln, es wird zumeist als sinnlos oder klischeehaft denunziert und unterlassen.

Stockmanns Textkonvolut ist in der jetzt uraufgeführten Fassung auf schlanke 320 Seiten gekürzt – und sprachlich wieder ein mit würzigem Formulierungszauber abgeschmeckter Stil- und Metaphernsalat. Der Autor will aber mehr als nur im Alltäglichen – Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Altersdemenz – das große Ganze spiegeln. Dieses Stück ist die disparat ins Umfassende strebende Materialsammlung einer mäandernden Recherche. Impulse und Ideen sind grob geordnet, nur ansatzweise ausgearbeitet. Weniger Horvath oder Kroetz – mehr Pollesch. Statt stringenter Entwicklung von Geschichte und Personal: Collage von Gedankenmaterial, das einfach mal herumschweifen oder gar um sich selbst kreiseln darf, ohne Rücksicht darauf, sofort verstehbar zu sein.

wiederauferstehung 526 560 katrin ribbe uHagen Oechel, Dominik Maringer, Beatrice Frey, Camill Jammal, Juliane Fisch, Aljoscha Stadelmann, Susana Fernandes Genebra, Zink Tonsur, Charlotte Simon. © Katrin Ribbe Auch wenn er mit ein bisschen Revue-Glamour, Sozialdrama-Realismus, TV-Soap und surrealer Fantasie den Text aufmischt: Regisseur Lars-Ole Walburg bringt (mit einem selten so überzeugend erlebten Ensemble) die Reflexionsbrocken, -krümel, -fussel, all die Zitate und Fundstücke in einen langen, ruhigen, dramatischen Fluss. Er zelebriert den Text durchaus, aber nicht in Ehrfurcht, sondern gibt ihm Leichtigkeit durch Humor. Atemberaubendes Psychokabarett bietet Aljoscha Stadelmann, wenn er als Hausmeister der Sauberkeit-Ruhe-und-Ordnung-Ideologie monologisch in die Tiefen seines Bewusstseins hinabsteigt und vom Krieg gegen die von ihm verachteten Welt fabuliert.

Und jetzt! Ein Musical zum Thema!

Stockmann öffnet die Lamento-Struktur seines Textes aber auch immer wieder zum Diskurs, wobei sich die Aufführung gern mal selbst ins Wort fällt, Aussagen untergräbt, überhöht, in Frage stellt, ironisch bricht. Wenn beispielsweise vom Ekel übers elende Dasein ("übersatt, unzufrieden, gehetzt. Irgendwie, also auf eine Art, also ganz grundsätzlich: frei.") die Rede ist, wird von einem "Chor durchschnittlich informierter EU-Bürger" stets ein Musical zum Thema gefordert.

wiederauferstehung 620 280 katrin ribbe uCamill Jammal, Susana Fernandes Genebra, Dominik Maringer. © Katrin RibbeAber auch Stockmanns anarchistischer Held ist ein Kitschträumer, verfällt in faustische Anwandlungen, lässt sich von einer jungen Frau sogar zu Liebes-Propaganda hinreißen, bis ihm ein morgenländisch kostümierter Schwadroneur "Gerechtigkeit" als schönes, wahres, gutes Lebensziel ins Ohr flüstert. Aber das ist natürlich auch Schwindel. Eigentlich möchte er nur zum Essen eingeladen werden. Das werden die Zuschauer in der 2. Pause. Würstchen und Kartoffelsalat gibt es. Aber keine Pause. Mitten im Foyer hocken "Investmentbanker" bei Sushi und erklären ihre zynische Sicht der Dinge. Wollte keiner so recht hören, sondern endlich mal mit anderen Besuchern reden. Wer so radikal zeigt, was alles falsch läuft, wie man nicht leben sollte, weckt halt Lust auf Antworten, wie richtiges Denken mal wieder in richtiges Leben zu übersetzen sei ... und richtig gedacht und gemacht war es auf alle Fälle schon einmal, diese gute Inszenierung richtig herzlich zu feiern.

 

Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir (UA)
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Gwendolyn Bahr, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Video: Viviane Andereggen, Musik: Les Trucs, Chorleitung: Burkhard Niggemeier.
Mit: Hagen Oechel, Aljoscha Stadelmann, Beatrice Frey, Juliane Fisch, Dominik Maringer, Camill Jammal und Susana Fernandes Genebra.
Dauer: 5 Stunden, zwei Pausen

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (17.9.2012) sah Ronald Meyer-Arlt ein "großes Stück, und Lars-Ole Walburg hat daraus großes und trotzdem stellenweise federleichtes, wundersam schwebendes Theater gemacht." Walburgs Inszenierung schaffe es, durch szenische Kreativität die Länge erträglich zu machen, ohne sie inhaltlich abzuschwächen. Und Stockmann gelänge "politisches Theater, das belehrt, ohne alles besser zu wissen. Er stellt einfach nur die richtige Fragen." In der Gesamtbilanz stünden auf der Defizitseite "nerviger Weltverbessererton, Philosophie auf Tresenniveau, nöliges Moralisieren, dummes Verkürzen", was aber nicht die Habenseite aufwiege, denn dort "stehen fett unterstrichen zwei Worte: Mut und Kunst." Der Kritiker schließt mit den Worten: "Es ist verrückt, dass ein Dramatiker, der Erfolg so infrage stellt, so erfolgreich ist. Aber absolut in Ordnung."

"Das Stück ist reine Literatur, eine Überdosis, die kaum Rücksicht auf die Bühne nimmt", befindet Siegfried Barth in der Neuen Presse Hannover (17.9.2012). "Der Autor braucht keine Theaterfiguren. Er braucht Sprecher für eine Literaturperformance, Stimmen für die Ströme seines Nachdenkens über die Welt." Regisseur Walburg ergreife jede Chance der Bebilderung. Zwar blitze zuweilen tatsächlich Genialität auf, doch viel Wiederholung, Wörterseligkeit, Ritual und Routine ließen spüren: "Literatur ist auch nur Papier."

Das Stück "umkreist einen einzigen Gedanken in geschätzten 291 Varianten", schreibt Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau (19.9.2012), und zwar jenen, dass es uns im Kapitalismus scheiße gehe und etwas geändert werden müsse. "Wahr sein, dumm, naiv: Das Gute an diesem Mega-Stück ist, dass es mehrere Figuren gibt, die das sein wollen." Doch das Problem dieser gewollten Naivität sei, "dass dieses Stück  immer recht hat. Dass es ein nahezu konfliktloses Stück ist. Dass der Grundgedanke grobschlächtig genug ist, um selbst  Holzköpfe zum Abnicken zu bewegen." Der Zeigefinger im Text stehe der Kunst im Wege, doch Walburgs "sinnenschäumendes Rundumschlagtheater", sein "zeichendralles Bühnenwirrspiel" und der "Szenendauerbeschuss" schafften es, den Zeigefinger zu brechen.

"Hat sich hier jemand an seinem Faust II versucht, obwohl er noch gar keinen Faust I geschrieben hat?" fragt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2012). "An einem verzettelten Werk, das alles will, vor allem die Ehrenrettung des Universalgenies in der eigenen Person?"Wenn man das systemreflektierende Gestrüpp des 240-Seiten-Stücks etwas lichte, wie Walburg und seine Dramaturgin Judith Gerstenberg es für Hannover getan hätten, dann finde man darin weniger einen Marx für Superhelden als einen Don Quijote de la Stockmann. Natürlich mache Walburg mit dieser Lesart das Stück konventioneller, als es ist. "Man könnte also sagen, dass Lars-Ole Walburg aus Stockmanns Faust II einen Faust I befreit hat." Allerdings sei Nis-Momme Stockmann so wenig Goethe wie Naomi Klein Karl Marx. "Aber einen Superheld der Theaterliteratur braucht es auch so wenig wie die Hyperinflation." Und weil Stockmann das selber wisse, fliehe er "in die Ausrede der Ironie, die am Ende immer heißt: Scheitern ist der wahre Sieg."

"Szenensplittermonstrum" nennt Nicole Korzonnek Stockmanns Stück in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2012). Es gehe darin um nichts Geringeres "als um die große Weltkritik samt Finanzkrise, Konsumwahn, Gier, Neid und was sonst noch so zum moralinsauren Besserwisserzeigefinger gehört". Insgesamt handle es sich also um "eine ungeordnete Panorama-Anschuldigung von gut fünf Stunden Aufführdauer". Lars-Ole Walburg bewirke "mit seinem übergroßen Drang zum Zirkulieren von Symbolen, die dann noch hübsch und zu jedem plumpen Gag bereit durchchoreographiert werden", Erstaunliches. Walburg vertraue dem Text, streiche ihn sinnig ein und arbeite die Details heraus, statt auf die Universalanklage zu setzen, wodurch die von Stockmann geschriebenen Menschenklischees tatsächlich Leben eingehaucht bekämen. "Genau diese Details, teils locker, teils lustig und immer mit Bedacht gewählt, holen 'Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir' aus dem diffusen Ideologiehimmel herunter auf die blanke Bühnenwelt von Robert Schweer." Und so treffe Walburg endlich auf ein Stück, bei dem sein Hang zum humoristischen Symbolisieren die Figuren nicht klein, sondern groß werden lasse. "Minus mal minus kann manchmal eben auch auf dem Theater ein Plus ergeben."

"Nis-Momme Stockmanns Text lässt keine Plattitüde vom bösen Banker und einer angeblich so perversen Wachstumsideologie aus", schreibt Alexander Kohlmann in der taz (19.9.2012). Irgendwelche Antworten, irgendetwas zu Ende Gedachtes gebe es in Stockmanns Verzweiflungsepos nicht. Und Lars-Ole Walburgs Inszenierung versuche zum Glück nicht klüger zu sein als der Text, sondern füge eine ganz eigene, surreale Atmosphäre hinzu. "Die kollektive Ratlosigkeit nicht mit einfachen Antworten zu überspielen, sondern eben dieses Unbehagen ins Zentrum der Inszenierung zu rücken, ist mutig." So entlarve die Inszenierung das Geflecht aus gefühltem Antikapitalismus und scheinbar einfachen Erklärungen am Beispiel eines Systemaussteigers, der von eine besseren Welt träume und doch keinen Schritt in eine neue Richtung finden könne.

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