Mittwoch, 23. April 2014
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Demokratie – Am Deutschen Theater reichern Kühnel / Kuttner Michael Frayns Brandt-Guillaume-Nacherzählung mit ost- und westdeutschem Schlagerliedgut an

Willy ist Gott

von Nikolaus Merck

Berlin, 21. September 2012. Der Mann ist ein Star. Wie er da steht, offenes Hemd, Jacke und Weste locker, die Hände lässig ausgebreitet, bereit zu empfangen, vielleicht auch zu segnen. Hoch steigt die Sonne hinter ihm empor, jubelnd steigt der hymnische Gesang: "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf …".

Der Mann heißt Willy Brandt, eben hat er, Bundeskanzler der Bundesrepublik alt, also West, den größten Wahlsieg in der Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eingefahren, es ist das Jahr 1972. Doch die Sonne ist nur ein Scheinwerfer, die Hymne bloß von Udo Jürgens, und die Willy-Wahl lediglich eine Erinnerung vor plissierten Vorhängen im Deutschen Theater zu Berlin.

Nacherzählt und typisiert
Die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner widmen sich, nach Die Sorgen und die Macht von Peter Hacks an gleichem Ort, in dem sie die Vergangenheit der sozialistischen Utopie mit Spott, aber ohne Häme besichtigten, abermals der Wiederaufbereitung ost-west-deutscher Geschichte. "Demokratie", das 2003 uraufgeführte Drama von Michael Frayn über die Kanzlerschaft Willy Brandts, kommt ihrem stereoskopischen Blick entgegen, weil Frayn den Aufstieg und Fall des ehemaligen Emigranten im Kanzleramt aus der Sicht des Stasi-Spions Günter Guillaume schildert, dessen Enttarnung 1974 zu Brandts erzwungenem Rücktritt führte.

demokratie1 560 arno declair hWilly Brandt und seine Truppen unterwegs zum nächsten Schlager. © Arno Declair

Kühnel und Kuttner halten sich eng an Frayns Stück (nur den Schluss haben sie neu gedichtet). Weshalb der Abend über Schillers Kabinettspolitik in "Maria Stuart" kaum hinauskommt. Denn weder analysiert Frayn die Interessenslagen im "Monopolkapitalismus", noch verdichtet er das Konkrete zum Allgemeingültigen. Er erzählt nach. Aus Akten, Zeitungen und Autobiographien. Und typisiert. Also gibt Bernd Stempel denn Herbert Wehner mit notorischer Pfeife, Frisur, Gebell und Tasche als Kontrollfreak mit reichlich Leichen im Altkommunisten-Keller, Helmut Mooshammer den Kanzleramtsminister Horst Ehmke mit schärfstem Ehmke-Scheitel als Antreiber und Daniel Hoevels den Guillaume als sonnenbebrillten, blassen Kundschafter eines fahlgelben Landes.

Revuehaft animinierte Geschichtsstunde
Der Abend in Schlips und Anzug hätte gut auch well made im Fiasko enden können, wären Kühnel und Kuttner nicht auf die Idee verfallen, die angeblich unausgesprochenen Gefühle der Politokraten per ost-westlichem Schlagerliedgut zu veröffentlichen. Wovon du nicht sprechen kannst, davon musst du singen. Was aber auch nicht wirklich stimmt, weil wir bloß einer Olympiade der Lippenbeweger zuschauen und die Schlager mit Gefühlen soviel zu tun haben wie Limonade, die im Rinnstein neben dem Leben herläuft. Den Gesang liefern neben anderen Hilde Knef, Herman van Veen und die Tonbandmaschine, womit die Unternehmung unversehens vom fiaskösen Weg in Richtung Kabarett und Fernsehunterhaltung der achtziger Jahre abbiegt.

So wohnen wir einer revuehaft animierten Geschichtsstunde bei, in der das Kabinett schu-bi-dubi-dua tanzt, derweil der Stasi-Verbindungsmann seinen Bauch bräsig in ein putzig-eiförmiges Stasimobil pflanzt. Hören, denn meistens herrscht hier Botenbericht, von "mehr Demokratie wagen", Ostverträgen und Misstrauensvotum, das dem öligen CDU-Matador Rainer Barzel krachend misslingt, weil die Stasi die notwendigen Stimmen zu Brandts Mehrheit gekauft hat, was wir jedoch hier und heute nicht erfahren. Dafür müssen wir diverse Auftritte von Jürgen Kuttner über uns ergehen lassen, der seine perverse Perückenkollektion und einen Filmschnippsel vorführt, in dem sich Sebastian Haffner über Bismarck und leidenschaftlich abgerissene Türklinken verbreitet.

demokratie2 280 arno declair hDer Spion, der mich liebte: Daniel Hoevels (Guillaume) und Felix Goeser (Brandt)
© Arno Declair
Die moralische Überlegenheit des Charismatikers
Darüber wären wir unverzüglich in die Theaterverdrossenheit versunken, wäre da nicht das Rätsel Willy Brandt. Der einzige deutsche Kanzler, der, trotz Alkoholabusus, Frauengeschichten und Radikalenerlass (der linke Zeitgenossen vom Staatsdienst fernhalten sollte) jemals so etwas wie Heilserwartung bei einem Teil des Publikums zu wecken vermochte. Selbst der von Andreas Döhler mit Prinz Heinrich-Mütze wundervoll ins Rumpelstilzchenhafte gerückte Helmut Schmidt muss bekennen: "Ich bin absolut dazu bereit, der verbreiteten Meinung zuzustimmen, Willy ist Gott." Und Gott ist in der Darstellung von Felix Goeser eine echt coole Sau. Unter mokant hoch gezogenen Brauen beäugt er mal melancholisch, mal lauernd abschätzig das Publikum und seine Truppen. Den "deutschen Kennedy" und ersten "Medienkanzler" beglaubigt die allgegenwärtige Live-Kamera, die Goesers Rockstar-Glamour überlebensgroß auf die bühnebegrenzenden Vorhänge projiziert.

Frayns Stück und mit ihm die Inszenierung paddeln selig in prästabilierter Brandt-Parteinahme. Da geht die Rede von den kleinen, spontanen aber umso wirkungsvolleren Gesten, wie dem Kniefall im Warschauer Ghetto, von der Fähigkeit zuzuhören, von seiner Wirkung auf Frauen. Gezeigt wird das nicht, die Leerstellen füllt Goeser mit entspanntem Herumschlaksen und ironischem Grinsen. Je länger Markwart Müller-Elmaus gelber Pullunder-Genscher den Koalitionsbruch-Dolch im Gewande führt, der frühere Wehrmachtsoffizier Schmidt und Altstalinist Wehner im Chor mit der Springer-Presse gegen den "feigen" Emigranten hetzen, desto mehr nährt das Zuschauerherz die moralische Überlegenheit des Charismatikers. Felix Goeser hält derweil noch die Rotwein-Flasche wie eine Geliebte und wenn nach seinem triumphalen Wahlsieg "immer, immer wieder" Udo Jürgens' Sonne aufgeht, steht er im Licht wie ein anderer Jesus Christus nach der Wiederauferstehung. Seht her, ruft das Stück, ein Mensch. Wirklich ein Mensch?, munkelt die Inszenierung, oder doch ein Messias?

Demokratie
von Michael Frayn, Deutsch von Michael Raab
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Markus Hübner, Video: Jo Schramm, Marlene Blumert, Live-Kamera: Marlene Blumert, Anna Pawlicki, Ane Nicolás-Rodriguez, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Schweighöfer, Helmut Mooshammer, Jürgen Kuttner, Bernd Stempel, Andreas Döhler, Markwart Müller-Elmau, Matthias Neukirch.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Mehr von Michael Frayn? Sebastian Hartmann verschnitt Frayns Nackter Wahnsinn 2011 am Centraltheater in Leipzig mit Was ihr wollt von William Shakespeare.

 

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler grüßt in der Berliner Zeitung (24.9.2012) zunächst die Inspizientin Kathrin Bergel, die den logistisch und technisch hochkomplexen Abend backstage zu koordinieren hatte. Die Souffleuse Marion Rommel bekommt auch ein Lob. Dito der Dramaturg Claus Caesar. Und natürlich der Abend selber, den Seidler als "zeitgeschichtlich forschende, populärwissenschaftliche, staatsbürgerkundliche Polit-Theater-Revue-Bastelarbeit" nicht nur durchaus vergnüglich sonden auch sonst bemerkenswert fand. Michael Frayn hangele sich brav an der Zeitgeschichte entlang, und die Inszenierung "nicht unbrav" am Stück. Dabei ist es für Seidler "die Kühnel-Kuttnersche Hinzufügung", das "Gefühlsimitatsverfahren", das den Abend zum Vergnügen macht: Schauspieler, die ohne Vorwarnung mitten im Satz beginnen, "mit viel Liebe ausgesuchte Schlager zu ... ja was? ... zu playbacken. Und zwar nicht nur lippen-, sondern auch augenbrauen-, zungen-, gaumen- und vielleicht sogar seelensynchron."

Andreas Schäfer schreibt im Berliner Tagesspiegel (23.9.2012): Alle Schauspieler trügen "immer ein Mikrofon griffbereit in der Jackettasche" und fingen "gefühlt alle dreißig Sekunden" an, einen Schlager zu "schmettern", schließlich sei der Abend von Jürgen Kuttner und der arbeite immer mit Video und Musik. Kuttners "Arbeitsweise" beschreibt Schäfer so: "Im aus Trashflicken zusammengenähten Ironiedeckmäntelchen streunt er kichernd über die Bühne, bis er irgendwann Buhh! macht, den Mantel aufreißt und ein sehr aufgeregtes Aufklärertum präsentiert." Das aber nur seine "rührend einfältige Sentimentalität" verdecke. Außerdem schrumpften Kuttner und Kühnel die Figuren, "indem sie ihre Emotionen durch Chansons zu verstärken vorgeben", zu "albernen Witzfiguren des Pop". Nur Bernd Stempel, der Wehner ins "eisig Monströse" entrücke, umwehe die Luft einer "ernstzunehmenden Figur".

Simon Strauß schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (23.9.2012): "Bei Michael Frayn nehme die Guillaume-Affäre geradezu "Shakespearesche Züge" an. Was Kuttner und Kühnel daraus machten, habe allerdings wenig mit Shakespeare, mehr mit Alain Resnais' Film "Das Leben ist ein Chanson" zu tun. Der Schlagermix diene dazu, "Charaktere und Handlung klamaukhaft zu unterstreichen" und Gefühle zu behaupten die dem "trockenen Humor" des Originals "naturgemäß" fehlten. Die Figuren rutschten ab ins "Chargenhafte", "Schunkelstimmung" stelle sich ein. Mit "musikalischem Einfallsreichtum und durchchoreographiertem Slapstick" versuche die Inszenierung Frayn "aufzupeppen". Die "tragisch-sentimentale" Dimension des gefallenen Helden Brandt werde ausgeblendet.

Das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mache aus Frayns "Well-made-Play" "ein lässiges Musical", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2012). Die Schlager der 70er Jahre sorgten darin nicht nur für für Zeitkolorit sondern auch gute Laune. "Brechts guter alter Verfremdungseffekt geht auf den Boulevard und fängt an zu tanzen – und das ist an diesem Abend ohne Zweifel das Beste, was Frayns Stück und den harten, grauen, weltkriegs- und emigrationsgestählten Pfeifenrauchern und Anzugträgern im Bonner Bundeskanzleramt passieren konnte." Mit diesem Abend zur deutschen Geschichte werde das Deutsche Theater seinem Namen "auf das Schönste" gerecht.

"Das Bonner Palais Schaumburg wird zur Berliner Bühne im Playback-Modus. Die Gema freut sich. Purple Schulz, Hildegard Neff, Udo Jürgens, aber auch Rio Reiser und Rammstein", schreibt Jasper Fabian Wenzel in der Welt (26.9.2012). Entspannung nach außen sei das Thema, zwischen Intellektuellen und Politik, zwischen Geist und Macht. "Bei soviel Harmoniebedarf passt Schlagermusik prima: Wie hat der Pop das damals abgeholt?" Fazit: "Mitunter untermalen die Strophen das Gespielte zu genau, wirken zugleich gezeigter und behaupteter Hochmut, Zweifel, Trivialität überzogen – Schlager als bewusstseinserheiternde Kitschnotiz."

 

 




Kommentare (111)

1. Demokratie, Berlin: Was hat der mit Brandt zu tun?
Wie kommen die denn auf Hermann van Veen? Was hat der mit Willy Brandt zu tun?
Quark-Ente , 22. September 2012 - 11:59 Uhr
2. Demokratie, Berlin: vorwiegend Hilde Knef
Na ja, das ist ganz einfach: Herrrrrrrman ist ja ein Meister der sentimentalen Wehmut, der Nostalgie und Rückwärtssehnsucht. Und in "Demokratie" bewegt nicht Willy Brandt seine Lippen zu solchem van Veen-Gesang, Brandt singt vorwiegend Hilde Knef-Sachen, sondern Daniel Hoevels als Günter Guillaume, der gerne nach Hause möchte, der sich nach der Choriner Straße und der Schönhauser Allee zurücksehnt. Und, das muss man hinzufügen, er ist einer der besten, weil synchronsten Lippenbeweger an diesem Abend.
nikolaus merck , 22. September 2012 - 12:32 Uhr
3. Demokratie, Berlin: absoluter Leerlauf
Der Hacks-Abend war genial. Fragmentarisch, suchend.
Dieser Abend aber ein absoluter Leerlauf.
Kauft eine Biografie über Brandt oder andere historische Literatur, da ist die Geschichte besser aufgehoben. Nicht alles muss auf die Bühne gebracht werden, besser gesagt man sollte gut überlegen, welche neuen Erkenntnisse man damit erreichen will.
Nach drei Stunden gefühlten Schlagern, muss man auch als NichtSchlagerFan zugeben, dass einige gute Stimmen vorhanden sind.
Was das mit Demokratie zu tun hat?
Selten so leer im DT gefühlt.


Marc Andree , 22. September 2012 - 13:05 Uhr
4. Demokratie, Berlin: schönste Theaterunterhaltung
Klaro, verstehe schon: man hätte das auch als Clash der Systeme inszenieren können, statt als Schlagermärchen über die Demokratie. Aber das ist doch bei näherem Hinsehen sehr fein, unsere Volksvertreter, wie sie da so die Lippen bewegen und statt nichtssagende austauschbare Textbausteine aber Schlager die Rede über das Eigentliche ersetzen, auch technisch. Wie überhaupt was Bühne, Videos und Synchronisierung von Bild und Ton betrifft echte handwerkliche Meisterschaft konstatiert werden muss. Es rührt natürlich auch die posthume BRD-Verehrung der beiden Regisseure, und das Kindlich-Staunende, mit dem der Daniel Hoevelsche Guillaume immer zum demokratischen Freigeist aufschauen darf. Da hätte man sich ein wenig des Spottes von "Die Sorgen und die Macht" gewünscht, nicht bloß diese Anhimmelung. Aber Hildegard Knef, Udo Jürgens und Willy Brandt zusammenzudenken: sehr prima. Schönste Theaterunterhaltung mit Sinntieffliegern.
Anna Log , 22. September 2012 - 13:53 Uhr
5. Demokratie, Berlin: Frage und Antwort
Welchen Text spricht Bernd Stempel ganz zu Beginn?

Aufwind.

Ich weiß jetzt nicht, was Sie mit "Aufwind" meinen. Der nachgefragte Text ist offenbar einer CD mit Liedern des Ministeriums für Staatssicherheit entnommen, die 1999 erschien (http://cdtrrracks.com/bid1097537.html), und heißt "Die Rückkehr des Kundschafters".
Die anderen Titel auf der CD sind:
1 Dynamo-Marsch
2 Wir tragen die roten Spiegel
3 Tschekistenlied
4 Rückkehr des Kundschafters
5 Euer Dienst ist die Aufklärung
6 Kämpfer an der unsichtbaren Front
7 Dank den Genossen
8 Wir schützen die Früchte der Revolution
9 Signal auf 20! Freie Fahrt!
10 Neues Heimatlied
11 Einer von uns
12 Marsch der Kampfgruppen der Arbeiterklasse
13 Oktober hat uns geboren
14 Jungs aus Moskau und Berlin
15 Zum Parteitag voran
16 Arbeitsmänner
17 Mein Menschenrecht
18 Dzierzynski-Lied
19 An meinem Fenster stehn zwei Blümelein
20 Freunde für immer
21 Befreiung
22 Von Regiment zu Regiment
23 Soldatenlieder-Folge
24 Präsentiermarsch des Wachregiment Feliks Dzierzynski

Gruß
nikolaus merck
Hans Uwe Zisch , 22. September 2012 - 15:35 Uhr
6. Demokratie, Berlin: archäologische Maulwürfe
@ nikolaus merck: Danke für die Information, aber ich sah Kühnel und Kuttner bisher nicht als DDR-Nostalgiker an, vielmehr als archäologische Maulwürfe, welche sich in die Vergangenheit zurückgraben, um unsere utopielose Gegenwart kritisch zu beleuchten.
Quark-Ente , 22. September 2012 - 16:28 Uhr
7. Demokratie, Berlin: keine Frauen?
Wieso sind keine Frauen in dem Stück?
Jakeline , 22. September 2012 - 20:30 Uhr
8. Demokratie, Berlin: kann ich mir gar nicht vorstellen
@Hans Uwe Zisch: Wie jetzt, 1999 erschien eine CD mit Liedern des MfS? Wer war denn da Zielgruppe: alte Stasi-Nostalgiker oder neue Stasi-Fans? Andere Zuhörerschaften kann ich mir gar nicht vorstellen.
Stasi CD von 1999 , 22. September 2012 - 22:05 Uhr
9. Demokratie, DT Berlin: ja, wieso keine Frauen?
ja, wieso sind eigentlich verdammt noch mal keine frauen in dem stück?
@jakeline , 22. September 2012 - 23:32 Uhr
10. Demokratie, Berlin: es geht nicht ums Geschlecht
@ Jakeline: Es gab kaum Frauen im Brandt-Kabinett, ausser Käthe Strobel und Katharina Focke. Und ich würde gern die Frage anschließen, ob bzw. was das ändern würde. Schließlich geht es in der Politik um die Inhalte und die Sache, nicht um das Geschlecht. Oder ist Kristina Schröder mit ihrer Extremismusklausel besser als Willy Brandt mit seinem Radikalenerlass? Nur als Beispiel.
Quark-Ente , 23. September 2012 - 00:43 Uhr
11. Demokratie, Berlin: Leben und Limonade
Nikolaus Merck schreibt: "Was aber auch nicht wirklich stimmt, weil wir bloß einer Olympiade der Lippenbeweger zuschauen und die Schlager mit Gefühlen soviel zu tun haben wie Limonade, die im Rinnstein neben dem Leben herläuft."

Das Leben, Herr Merck, ist also auf dem Bürgersteig unterwegs, ja?
Es läuft da so lang. Okay. Und neben dem Leben fließt also nun Limonade im Rinnstein. Eine typische, urbane Szenerie. Was aber hat das nun mit Gefühlen zu tun? Naja, ungefähr so viel wie Schlager.
Habe ich das richtig verstanden?
Fanta Cordalis , 23. September 2012 - 07:51 Uhr
12. Demokratie, Berlin: musikalisches Brainwashing?
@8:
Ich hab mir so um 2000 auch 2 DDR-Propaganda-CDs gekauft: "Die Partei hat immer recht" (DeutschlandRadio) und "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht. Kinderlieder aus der DDR" (Barbarossa). Ich bin weder DDR-Nostalgiker noch Stasi-Fan, sondern wollte einfach selbst mal hören, wie Brainwashing funktioniert.
Guttenberg , 23. September 2012 - 09:55 Uhr
13. Demokratie, Berlin: genauso wie in Hannover
Typisch Kühnel: Schon seine letzten Hannoveraner Inszenierungen versanken trotz inhaltlicher Steilvorlagen im oberflächlichen Klamauk. Ich geh schon nicht mehr hin.
J.A. , 23. September 2012 - 11:41 Uhr
14. Demokratie, Berlin: die tatsächliche Unerträglichkeit
Demokratie ist eine Herausforderung, vorallem aber für das Publikum im DT. Es soll nämlich noch Theaterprojekte geben, die zur Denkarbeit auffordern, aber manch einer meint vielleicht, fürs Denken nicht bezahlt zu haben. Und bevor man sich zu denken traut, sollte man sehen, fühlen und vorallem zuhören können.
Diese Arbeit von Kuttner und Kühnel kommt scheinbar verspielt und leichtfüßig, aus vermeintlich besseren Zeiten daher getänzelt und zeigt uns fröhlich-fies, dass wir nichts, aber auch gar nichts dazugelernt haben in den vergangenen Jahrzehnten. Wir lassen uns doch allzu gerne einlullen mit romantischen Versprechungen bezüglich unsrer desolventen Existenz in einer Gesellschaft oder besser 'Aktien'-Gesellschaft, die uns schon lange weit hinter sich gelassen hat.
Doch genau das entspricht gerade der tatsächlichen Unerträglichkeit des politischen Sein Wollens unserer Tage.
Die ausgelatschten Debatten ringsum, die abgewichsten Grinsebacken, die alle angeblich nur „das Bestes“ wollen. Die gefühlte Sinn-Flut von Melodien ist ein herrliches Sinnbild für den wissentlich inszenierten Ping-Pong der Pseudo-Kontrahenten, auf deren Schleimspur wir regelmäßig ausrutschen. Und so lange keiner mehr den Mumm hat, für die Menschen und nicht für die Macher in unserer Gesellschaft einzustehen, solange MUSS es solche Arbeiten wie die von Kühnel und Kuttner geben. Oder eben Dynamit. Ersteres scheint mir konstruktiver.
Das Grauen hat beste Markt- und Sendeplätze, Titelseiten, Diskussionsrunden in denen viel geredet und nichts gesagt wird. Es verspöttet uns in teuer gedruckten Flyern und auf Pappaufstellern pünktlich zum staatlichen Wahlfeiertag.
Und am Tag der Offenen Tür im Berliner Regierungsviertel drängen sie sich dann, die Crowds, lechzend in den Warteschlangen, frisch rasiert, angemalt und parfümiert, um ihren Volksverführern zu huldigen.

DAS alles ist für mich 'oberflächlichen Klamauk'.
DA, geh ich schon nicht mehr hin.
Kopfkantine , 23. September 2012 - 17:22 Uhr
15. Demokratie, Berlin: amüsant & harmlos
Statt Polittheater geben Kühnel und Kuttner eine nette, kurzweilige und streckenweise hochkomische Politrevue, die näher an der Comedy als am Kabarett ist. Das Politische interessiert nicht, schließlich gibt es laut Kuttner ja keine Politik mehr. Da kann man den ganzen politischen Prozess genüsslich durch den Kakao ziehen, ohne sich um Inhalte kümmern zu müssen. Das ist so amüsant wie harmlos. Wenn man das doch nur von der wirklichen Politik sagen könnte...

Komplette Kritik: http://stagescreen.wordpress.c...erkanzler/
Sascha Krieger (Prospero) , 23. September 2012 - 17:29 Uhr
16. Demokratie, Berlin: Gegrinse im Publikum
Ich kann die Kritiker ja verstehen, es gäbe einiges zu bemängeln.
Aber Sie haben vergessen zu schreiben, dass man einen tollen Abend verbringt, mit viel Gelächter und Gegrinse im Publikum.
Ist ja auch nicht ganz unwichtig.
Annabeljulia , 23. September 2012 - 18:19 Uhr
17. Demokratie, Berlin: in Herz & Hirn gespielt
@ Annabeljulia

Stimmt. Das sollte dick unterstrichen werden: war einfach mal scheiße amüsant! Und Felix Goeser ist zwar irre smart, aber Daniel Hoevels möchte ich an dieser Stelle mal ein ausserordentliches humoristisches Talent bescheinigen! Da reicht bereits die reine physische Anwesenheit auf der Bühne und man kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Ich sag nur: "A wimoweh...a wimoweh...a wimoweh...a wimoweh..." Die ganze Truppe hat sich bei mir in Herz und Hirn gespielt! ;-)
Kopfkantine , 23. September 2012 - 22:31 Uhr
18. Demokratie, Berlin: Sir Henry-Assoziation
@ Kopfkantine: Was, Daniel Hoevels singt "The lion sleeps tonight"? DER Song erinnert mich immer an Sir Henry von der Volksbühne. Ich muss mir das Ding unbedingt bald mal anschauen, glaub ich.
Quark-Ente , 24. September 2012 - 11:27 Uhr
19. Demokratie, Berlin: die ganze Rasselbande
@ Quark-Ente
Nee, die ganze Rasselbande 'singt' & swingt das. Ich geh da im Oktober, glaub ich, noch mal hin. So viele Details, die man bei dem Speed, den das Stück teilweise drauf hat, zu schnell übersieht/-hört.


Kopfkantine , 24. September 2012 - 12:39 Uhr
20. Demokratie, Berlin: echte Glatze?
Hat Jürgen Kuttner eigentlich eine echte Glatze jetzt?
Jakeline , 25. September 2012 - 14:53 Uhr
21. Demokratie, Berlin: hä?
@ Jakeline: Hä?! Und wen interessiert das?
Inga , 25. September 2012 - 15:48 Uhr
22. Demokratie, Berlin: Ästhetik
@ Quark-Ente: Ändern würde es zumindest im Theater etwas in punkto Ästhetik und außerdem waren die Frauenschuhe damals so schön und Katharina Focke's Frisur ist so schön und eine Schreibtischliebesszene im Theater ist doch auch schön, welcher Schlager wohl dazu passen würde? Außerdem, vielleicht hat SIE ja Willy vom Thron gestürzt?
Jakeline , 25. September 2012 - 16:40 Uhr
23. Demokratie, Berlin: Hinweis Küsse
Jakeline , 25. September 2012 - 16:41 Uhr
24. Demokratie, Berlin: bei mir schön
@ Jakeline: Dreimal schön, da geht dann wohl nur noch der Schlager "Bei mir bist du schön" von den Andrews Sisters:
http://www.youtube.com/watch?v=Be4lYdku6k4
Quark-Ente , 25. September 2012 - 20:04 Uhr
25. Demokratie, Berlin: oberflächlicher Klamauk
Am Ende der Vorstellung hatte es das Publikum eilig. Selten so einen kurzen, müden Schlußapplaus erlebt. Zur Verbeugung vor dem Publikum kam es gar nicht mehr. Und richtig so. Denn für so so einen oberflächlichen Klamauk geht doch keiner ins DT.
onwards , 26. September 2012 - 14:05 Uhr
26. Demokratie, Berlin: immer wieder geht die Sonne auf
Naja...das derzeitige wechselhafte Berliner Wetter macht halt so manchem Publikem nen' dicken, müden Kopf.

'Aber immer immer wieder geht die Sonne auf...' Gel?

Ein Glück, dass Team und Schauspieler nicht müde sind 3 Stunden alles auf den Punkt genau zu geben. Die verdienen ja auch soooo irre viel. Wer braucht da schon Anerkennung.
Vitalitasia , 26. September 2012 - 15:53 Uhr
27. Demokratie, Berlin: köstlich amüsiert
Ich habe mich köstlich amüsiert und fühlte mich blendend unterhalten.

Das kommt leider nicht so oft vor im Theater.

5 Sterne alleine für die Spielfreude der Akteure!
TheBrave , 26. September 2012 - 20:08 Uhr
28. Demokratie, Berlin: Politik mit Spaßfaktor
Nur mit einem so exzellenten, spielfreudigen Ensemble gelingt diese Gratwanderung zwischen politischer Bildung und Unterhaltung - siehe auch mein Blog "Politik mit Spaßfaktor" www.capakaum.com
Capa-kaum , 10. Oktober 2012 - 09:09 Uhr
29. Demokratie, Berlin: dieses ominöse "Wir"
Toll, wie Kuttner und Kühnel es schaffen, eine scharfe Kritik an der Demokratie in ihrer aktuellen Form - gespiegelt als frontales Politikspektakel bzw. komponiertes Schlagerbewusstsein - zu formulieren, indem sie einen alles zersetzenden Humor darüber stülpen. Das sieht in den Videoeinspielungen (it's just an illusion!) aus wie die Fernsehwerbung der 50er oder die Beinchen-hoch-Shows aus dem nahegelegenen Friedrichstadtpalast. Das sieht aus wie die 50er/60er Jahre in der BRD, in welcher noch eine klare Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau vorherrschte und die Möglichkeiten des politischen Aufbruchs nach Krieg und Nazi-Zeit schon sehr bald wieder verspielt werden sollten. Die Politik wurde mehr und mehr zur durchinszenierten und -choreographierten Show, wobei diese bei Willy Brandt (Felix Goeser) zunehmend Pose, bei Günter Guillaume (Daniel Hoevels) dagegen tatsächlich gefühltes politisches Wollen und Tun war. Eine reine Männergesellschaft war das damals in der Politik, in welcher Frauen - und schon gar nicht Frauen mit einer dezidierten politischen Haltung - offenbar (noch) nicht willkommen waren. Ausser Sekretärinnen und Journalistinnen-Groupies, über welche Brandt dann auch prompt stolpern musste. Das gibt es doch alles bis heute, dass Politiker nicht aufgrund der Sache, die sie vertreten, stürzen, sondern im Grunde über ihr medial sauber aufgebautes Image: über Seitensprünge, Affären und Pornogeschichten - oder: die Erotik der Macht. Wen gibt es da nicht alles, welcher, unter tätiger Mithilfe der konservativen BILD-Medien, vom politischen Thron gestürzt wurde und wird? Auch Oskar Lafontaine (ehemals SPD, jetzt LINKE) lässt ganz gegenwärtig grüßen. Das ist natürlich völlig nebensächlich, aber es zerstört die politische Schlagkraft von Parteien von innen heraus und in Bezug auf ihre Koalitionspartner. Und so verhindert sich eine starke Linke ständig selbst, von der Zeit der Weimarer Republik bis heute.

Das ist im Grunde die Linie, welche sich durch diese Inszenierung durchzieht. Wir springen zurück in die Zukunft, wir fragen uns, wofür die SPD unter Brandt einmal stand, vor allem für was und für wen sie einmal stand, nämlich für die Sache der Arbeiter und eine neue Ostpolitik. Und schon sind wir irritiert. Na ja, ich jedenfalls. Wo steht die SPD heute? Und wer ist eigentlich dieses ominöse "Wir"? Genau.

"Im Grunde war es der Gebrauch des winzigen Fürworts 'wir', was dieser Rede und damit der ganzen Kampagne den Erfolg sicherte - diese Art, sich auszudrücken, stellte die eigentlich erst angestrebte Versöhnung zwischen denen, die in den Gräben wohnten, und den Adligen in den Burgen als bereits vollendet dar."
(Dietmar Dath, "Abschaffung der Arten")
Inga , 12. November 2012 - 00:08 Uhr
30. Demokratie, Berlin: eine Frage der Rhetorik
Es ist eben alles eine Frage der politischen Rhetorik. Ob man dann auch etwas tut, wen interessiert das schon so genau? Hauptsache, man bleibt anständig, so Gerhard Schröder. Nee nee nee, wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Wo also steht die SPD heute? Nach dem auf Willy Brandt folgenden Erzreaktionär Helmut Schmidt? Ich ertappe mich mehr und mehr dabei, folgendem, permanent wiederholten, Satz des Führungsoffiziers von Günter Guillaume, Arno Kretschmann (Michael Schweighöfer), zuzustimmen: "Aber denk daran, die BRD ist immer noch eine Form des Staatsmonopolkapitalismus." Oder so ähnlich. Ist doch vielleicht gar nicht so falsch, oder? Geht es den heutigen Demokratien noch um die Interessensvertretung ihrer Bürgergesellschaften oder geht es ihnen nicht vielmehr längst um eine "marktkonforme Demokratie" (Angela Merkel)?

"Die großen Demokratien zeichnen sich heute weniger durch eine Überschneidung als vielmehr durch eine Verschmelzung von unternehmerischer und staatlicher Macht aus: Staatliche Aufgaben von Schulen über Gefängnisse bis hin zum Militär werden in großem Stil outgesourcet; Investmentbanker und Konzernchefs fungieren als Minister und Staatssekretäre; auch wenn sie die entsprechenden Fonds nicht selbst verwalten oder anlegen, sind Staaten doch Eigentümer unvorstellbar großer Mengen an Finanzkapital; und vor allem ist die Staatsmacht über ihre Steuer-, Umwelt-, Energie-, Arbeits-, Sozial-, Finanz- und Währungspolitik sowie einen endlosen Strom direkter Unterstützungen und Rettungsprogramme für sämtliche Bereiche des Kapitals ganz unverhohlen in das Projekt der Kapitalakkumulation eingespannt."
(Wendy Brown, "Wir sind jetzt alle Demokraten...", in: "Demokratie? Eine Debatte")

Geht es jetzt also um "wir" oder nicht doch um "wir bürgerlichen Politiker" und "ihr gemeines Volk"?

Ein großes Lob an die Video- und Tonabteilung für die textlich bzw. von der Gefühlsstimmung her wunderbar passenden Schlager bzw. Schlager-Neusynchronisierungen. Besonders im Fall der Figur von Günter Guillaume hat das die Politik plötzlich wieder lebendig erlebbar machen können und mich mit einer Sache mitfühlen lassen. Ja, der ist wirklich für etwas eingestanden, der hat wirklich an die Sache geglaubt und dafür auch die Verantwortung übernommen, wohingegen die Spitzel vom BRD-Verfassungsschutz, hier in der Figur von Günther Nollau (Matthias Neukirch), bloß "Opfer" für ihre verfehlte Politik forderten und fordern. Ich musste plötzlich unwillkürlich auch an die aktuelle Verschleierungstaktik im Zusammenhang mit den NSU-Morden denken.

Kuttner/Kühnel haben es wieder einmal geschafft, mit intelligentem Humor und viel Spaß einen Denksturm der immer noch offenen politischen Möglichkeiten zu entfachen. Wir müssen nur daran glauben. Und selbst tätig werden. Mehr Demokratie wagen, denn es geht uns (von vorn) an. Dem großen Schauspiel der Politik immer nur weiter zuzuschauen, das reicht nicht. Soziale Plastik! Erweiterter Kunstbegriff! Wir müssen hier raus!

Und noch eine Frage: Was hatte es mit dieser "Solidaritätsmarke" auf sich? Wandel durch Annäherung.
Inga 2 , 12. November 2012 - 00:09 Uhr
31. Demokratie, Berlin: Umverteilungswirrwarr
@30:
Liebe Inga 2,
"Aber denk daran, die BRD ist immer noch eine Form des Staatsmonopolkapitalismus." Das ist in der Tat ein verführerischer Satz. Die Frage ist nur: wo verläuft die Grenzen zwischen den Profiteuren dieses Staatsmonopolkapitalismusses und den Opfern?
Zur Klärung dieser Frage empfehle ich den Besuch der "Volksfeind"-Inszenierung von Jorinde Dröse im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Da kippen nämlich einer nach dem andern all' die Vertreter der aufgeklärten Meinung und die gesamte Bevölkerung um, weil sich nämlich auf einmal erweist, dass die ganze Gemeinde zu den Profiteuren des Schwindels gehören. Insofern vertritt Frau Merkel vielleicht wirklich ganz demokratisch die Interessen der Mehrheit, weil nämlich von dem großen Umverteilungswirrwarr alle profitieren: die Großen wie die Kleinen. Auch das "Opfer"-Spiel - so zeigt jedenfalls Dröses "Volksfeind" - ist eine Inszenierung.
Hans Magnus Enzensberger hat das mit Bezug auf den "Hessischen Landboten" in den 60er Jahren mal sehr schön auf den Punkt gebracht: "Wer auch immer sich auf Büchner berufen kann, wir sind es nicht."
Wir alle sind Profiteure des Systems: wenn auch vielleicht nicht so geschickte wie Ackermann, Steinbrück, Schröder...

Die positive Handlungsanweisung, die Sie der Kühnel/Kuttner-Inszenierung entnommen haben, verstehe ich nicht. Auch mich hat die Inszenierung angeregt und amüsiert. Aber nur, weil sie das öffentliche Auftreten von Politikern als auf gleicher Ebene wie Schlager-Rhetorik und -Inszenierung stehend entdämonisiert. Außerdem finde ich klug an der Figur Guillaumes, dass er westliche Demokratie als extrem pluralistisch und verwirrend empfindet. Jeder ist sein eigener Staat. Alle zerren am gleichen Strang, aber in unterschiedliche Richtungen. Demgegenüber steht die totalitäre (in diesem Fall: DDR-)Sehnsucht nach dem einfachen Staat, in dem alle das gleiche denken und wollen. Und wenn sie es nicht tun, werden sie eben dazu gezwungen. Daran ist die DDR zerbrochen. "Das Publikum möchte nicht bevormundet werden" wusste schon Brecht 1942 in seinem Arbeitsjournal.
Unsere Demokratie ist halt ein Pausenhof mit Dauerprügelei, in dem sich die - wie auch immer - Stärkeren durchsetzen. Dieser realexistierende Sozialdarwinismus wird durch sozialliberale Umverteilungsstrategien ein wenig abgemildert. Finde ich aber immer noch besser, als mir von einem Herrn Honecker vorschreiben zu lassen, was ich zu studieren habe und wohin ich reisen darf.
Guttenberg , 12. November 2012 - 10:42 Uhr
32. Demokratie, Berlin: räumliche Konstellation
@ Guttenberg: Ich verstehe nicht ganz, wie Sie von Michael Frayns bzw. Kuttners/Kühnels "Demokratie" jetzt plötzlich auf Ibsens bzw. Jorinde Dröses "Volksfeind" kommen. Ausser vielleicht, dass es in beiden Stücken/Inszenierungen um die Frage bzw. den Widerspruch zwischen einem liberalen Bürgerlichen als Helden (der Volksfeind bzw. Willy Brandt) und den Interessen des Volkes geht (Demokratie in ihrer ursprünglichen Bedeutung).

Sie wollen jetzt aber nicht wirklich ernsthaft behaupten, dass "alle" vom "großen Umverteilungswirrwar" (was genau verstehen Sie darunter?) profitieren. "Wir" sind eben gerade NICHT "alle" Profiteure des kapitalistischen Systems. Nein, das können Sie jetzt wirklich nicht ernsthaft behaupten. Es sein denn, sie steckten ebenso in genau dem Verblendungszusammenhang fest, welchen Kuttner und Kühnel hier in meiner Wahrnehmung thematisieren. Dass nämlich die Politik oftmals auch nur noch eine von allen Inhalten entleerte Show ist, in welcher das Spaß-Imperativ als universelle Adoleszenz gilt.

Die Konsequenz daraus wäre, und deshalb meine positive Handlungsanweisung am Ende, dass die Masse des Volkes/der Bürger erkennt, dass der medial inszenierte Thron des Politikers als Held/Schauspieler wirklich leer ist und die Entscheidung, wie es weitergehen soll, wirklich bei ihm liegt, dem Demos. Es geht um die Frage, wer die Marschrichtung (siehe das in eine Richtung Marschieren auf der Drehbühne) vorgibt - der eine da vorn oder "wir alle da unten im Parkett". Oder sitzt da inzwischen nur noch die "neue Mitte" im Parkett? Und was ist das überhaupt, diese "neue Mitte"? Gleichmacherei zwischen allen Parteien etwa? es gibt keine kämpferischen Antagonisten mehr? Nein, ich will auch nicht die DDR zurück, aber man kann ja trotzdem mal wieder über den Kommunismus als alte neue innere Wahrheit einer politischen Gemeinschaft nachdenken.

Zudem meine ich mich an eine räumliche Konstellation zu erinnern. Günter Guillaume (Daniel Hoevels) und Arno Kretschmann (Michael Schweighöfer) sind meines Erachtens die Einzigen, welche auch mal vom Balkon herunter auf die Bühne des Willy-Brandt-Spektakels sprechen. Das heisst, sie schauen nicht zu Willy Brandt hoch, wie auf einen Gott, sondern sie setzen sich selbst an die Stelle der Macht, sie erheben ihre eigene Stimme über die (politische) Bühne. Und das heisst konkret: In der Demokratie geht es nicht um Personalisierung bzw. Machtkonzentration in einer Person (Brandt, Honecker, whoever), sondern es geht um DIE SACHE. Das wird in unserer sogenannten "Mediendemokratie" offenbar längst verwechselt - die Person mit der zu vertretenden Sache.

Demokratie ist kein Pausenhof mit Dauerprügelei, sie ist auch kein Fussballmatch oder eine Dauerparty (Guillaume). Es geht auch nicht um die Macht als Beherrschen (siehe den exzessiven Ausrutscher von Willy Brandt/Felix Goesers "Ich will!" von Rammstein), sondern es geht um die Freiheit des politischen Miteinanders, es geht um das gemeinsame Machen und Herstellen von Welt, nicht allein um das Konsumieren von Wein und Frauen usw., und zwar von unten, vom Volk ausgehend, nicht von oben, dem mit einer ungebremsten Finanzelite verbandelten Staat ausgehend.

Noch kurz zum Begriff des "Opfers". Ich bezog ihn allein auf die Begrifflichkeit des Verfassungsschutzes und anderer staatlicher Organe, wenn mal wieder nach einem Schuldigen gesucht wird, den man stellvertetend entlassen kann, anstatt für die Fehler in der eigenen Politik verantwortlich einzustehen.
Inga , 12. November 2012 - 14:39 Uhr
33. Demokratie, Berlin: imitierte Rhetorik
Liebe Inga,
das habe ich doch klar und deutlich geschrieben.
Bei Dröses "Volksfeind" fallen alle Mitglieder der Gesellschaft - selbst die "Aussteiger" - nach einander um.
In "Demokratie" wird gezeigt, warum. Politiker-Reden und -Auftritte imitieren Rhetorik und Inszenierung von Show-Acts, weil wir alle im selben Boot der Umverteilungsgesellschaft sitzen. Selbst die Minderprivilegierten. Siehe "Volksfeind". (Hier inszenieren sich die "Aussteiger" als Stars der "Aussteigerei" und ihr "Aussteigen" ist auch nur eine politische Show=politische Unterhaltung.)

Bezeichnend ist Guillaumes Leiden an der Demokratie, die so unübersichtlich ist, weil so viele mitreden. Daraus entsteht dann die regressive Sehnsucht nach einem Staat, der das Gute verwirklicht. Nach Eindeutigkeit.

"Freiheit des politischen Miteinanders" ist immer eine Rangelei, denn wenn 3 Menschen "das gemeinsame Machen und Herstellen von Welt" praktizieren, haben sie garantiert 3 verschiedene Vorstellungen davon. Es sei denn, es gibt 2 Klügere, die nachgeben.
Was für ne blöde Diskussion.
Guttenberg , 13. November 2012 - 08:39 Uhr
34. Demokratie, Berlin: lieber Plechanow zitieren
@ Guttenberg: Genau. Was für eine blöde Diskussion. Denn vielleicht fallen die 'Aussteiger' (was wollen Sie über die Verwendung dieses Begriffs eigentich aussagen?)ja auch nur deswegen um (warum fallen die gleich um?), weil sie allein sind. "Allein machen sie dich ein" (1972), sangen schon "Ton, Steine, Scherben". Und das wirft ein problematisches Licht auf die Verfasstheit unserer bürgerlichen Gesellschaft. Wie sagte es Heiner Müller?:

"Nehmen wir den VOLKSFEIND. Das ist eines der zentralen Stücke Ibsens. 'Der Starke ist am mächtigsten allein.' Das kann man aber nicht übernehmen; das gibt es eben nicht. Ich will lieber Plechanow zitieren: 'Die erste Qualität des Proletariats ist seine Quantität.'"

Ungeachtet des möglicherweise etwas veralteten Begriffs des "Proletariats", welches als Arbeitsbegriff aber erstmal nur auf die Marxschen Produktionsverhältnisse verweisen soll, heisst das folgendes: Gleichheit ist eine Voraussetzung der Demokratie. Es geht - mit Jacques Rancière gesprochen - um folgendes:

"Was ich zu sagen versuche, ist, daß die Demokratie im Sinne der Volksherrschaft, als Herrschaft derer, die weder einen besonderen Anspruch auf ihre Ausübung noch eine spezifische Eignung dafür besitzen, Politik überhaupt erst denkbar macht. Wenn die Herrschaft wieder in die Hände der Geschicktesten, Stärksten und Reichsten gelangt, findet keine Politik mehr statt. [...] Nach meinem Verständnis setzt die Demokratie eine Gleichheit voraus, gegenüber der sich sogar eine oligarchische Staatsform wie die unsere mehr oder weniger rechtfertigen muß."

Kurz: Ich kann Ihre Art, Schlüsse zu ziehen, nicht nachvollziehen. Es geht um folgenden Satz von Ihnen: "Politiker-Reden und -Auftritte imitieren Rhetorik und Inszenierung von Show-Acts, weil wir alle im selben Boot der Umverteilungsgesellschaft sitzen." Wie bitte? Es verhält sich doch gerade umgekehrt: Wir sitzen eben gerade NICHT alle im selben Boot. Und was heisst überhaupt "Umverteilungsgesellschaft"? Ja. Es ist wirklich un-heimlich komisch, wie solch dialektische Fragen von Kuttner und Kühnel in dieser Inszenierung wiedergespiegelt werden. Politik ist hier tatsächlich nur noch ein großes, frontales Schauspiel. Und vielleicht stimmt es ja tatsächlich, dass auch auf der realen politischen Bühne nur noch schauspielerisch imitiert wird. Vielleicht gibt es tatsächlich nichts mehr, womit sich Politiker und/oder Bürger unserer Gesellschaft identifizieren können - in der SACHE. Vielleicht ist Politik tatsächlich zum Showgeschäft mutiert? Zur reinen Unterhaltung? Zum Massenspektakel? Genau. Politiker sondern doch sowieso alle immer nur dieselbe leere Rhetorik ab. Also kann man auch gleich Schlager einspielen. Das trifft wenigstens noch die inszenierten (sic!) Gefühle. Für mich zeigt sich hier eine gefährliche Ästhetisierung von Politik, wobei Kuttner/Kühnel diese Benjaminsche These ironisch hinterfragen bzw. mit dem Sprung in die SPD-Vergangenheit auch danach fragen, was wir vielleicht bereits verloren haben: glaubwürdige Politiker, wie es Willy Brandt zu Beginn seiner Amtszeit vielleicht noch war. Schauen Sie doch einmal ins Programmheft, wie der "Sozialist und Vaterlandsverräter" schon damals von den konservativen "Springer"-Medien torpediert wurde. Zitat zum berühmten Warschauer Kniefall aus der "Berliner Morgenpost" (8.12.1970):

"Den Deutschen, scheint es, mangelts an Maß, Balance und Würde. Einmal verheeren sie im nationalsozialistischen Rausch die Welt, dann ersticken sie selbstverständlich Patriotismus in der Asche des übertriebenen Büßertums. Bevor dieser Gegensatz in unserem politischen Alltag nicht ausgependelt ist, droht unserer demokratischen Mitte ein Requiem von der Güte Warschaus. Der deutsch-polnische Vertrag kann es eingeläutet haben."

Demokratie heisst: die Kraft des besseren Arguments. Und vor allem: der Versuch eines echten, und nicht nur simulierten, offenen Dialogs.

In meiner Perspektive scheitert Guillaume übrigens nicht am Pluralismus der Meinungen. Für mich scheitert er vielmehr daran, dass der Meinungspluralismus nur ein rhetorischer ist, ansonsten aber die Macht des Stärkeren (Geld = Macht) gilt und praktiziert wird. Guillaume wird zunehmend zum Spielball zwischen den Machtinteressen beider Systeme (BRD und DDR). Demokratische Freiheit sieht anders aus.
Inga , 13. November 2012 - 19:11 Uhr
35. Demokratie, Berlin: Macht ist ein komplexes Phänomen
Liebe Inga,
was wollen Sie uns mit Ihrer Art, zu diskutieren, eigentlich sagen?

Wenn jemand schreibt: "Der Schnee ist weiss."
Dann erwidern Sie: "Was genau verstehen Sie unter Schnee?"

Und man spürt förmlich, wie Sie im Vollbewusstsein ihrer "Kraft des besseren Arguments" glühen.
"Wir müssen uns Inga als einen glücklichen Menschen vorstellen." (Camus)

Schauen Sie: Im "Volksfeind" fällt der gesellschaftskritische Redakteur Billing um, weil er den Job im Rathaus haben und aus seiner Prekariatssituation raus will.
Hovstad, der Chefredakteur des linken Volksboten, fällt um, weil der Drucker sein Blatt boykottiert.
Herr Stockmann, der linksalternative Hausmann, fällt um, weil er Angst um das sichere Familieneinkommen hat.
Petra, die idealistiche Lehrerin, fällt um, weil sie ihren Job verliert.

Sie argumentieren: Die Aussteiger fallen um, weil sie allein sind.
Da haben Sie nicht genau hingesehen. Das linke Milieu ist am Anfang der Aufführung in der Mehrheit, der Bürgermeister ist das von allen verachtete Schwein.
Am Ende ist es genau umgekehrt.

Die Berliner Inszenierung belegt exakt das Gegenteil von dem, was Sie behaupten.
Wie ich finde, ziemlich überzeugend. Nicht, weil ich die Position des Bürgermeisters so toll fände. Ich glaube einfach, so ist es.
Die Menschen wollen leben.
Und zwar gut.
Gerechtigkeit, Umwelt etc. sind nur Rhetorik. "Überbau". Sagt Marx. Und der hat die Sache verstanden.
Ideologie kann man nicht essen.
(Daran ist die DDR gescheitert. Sie wollte ihre Bevölkerung mit Lügen und Versprechungen speisen.)

Ihre Gleichung Geld = Macht ist etwas schlicht. Romney hatte mehr Geld, aber Obama hat die Macht. Auf EINER Ebene.
Was kann heute nicht alles Macht sein? Und über wen?
Lady Di war die Königin der Herzen.
Heidi Klum bestimmt, wie die Mädchen aussehen wollen.
Oprah Winfrey bestimmt, welche Bücher die Leute lesen und kaufen wollen.
André Schmitz bestimmt, wer Intendantin am Gorki-Theater wird.
Guttenplag hat Guttenberg gestürzt.
Der allmächtige General Petraeus wird von der Öffentlichkeit abgeschossen.
Irgendwelche Leute bestimmen, welche Nasen einen Job bekommen.
Osama bin Ladin hatte die Macht, die Terrorismus-Hysterie zu entfesseln usw. usw.

Macht ist ein komplexes Phänomen.
Auch Worte haben heute einen "Pluralismus" der Bedeutungen.
Die "Kraft des besseren Arguments" ist ein Relikt der hierarchisierten Herrschaftsspache. Wer entscheidet das denn bitte?
Ihre implizite Antwort ist klar: Inga! Insofern ist ihr "Meinungspluralismus" "rhetorisch".
Ein "nicht nur simulierter, offener Dialog" ist eben ein solcher: OFFEN.
Er kommt auch durch die "Kraft des besseren Arguments" nicht zum Stillstand.

Was, bitte sehr, verstehen Sie unter "Volk"?
Was verstehen Sie unter "Gleichheit"?
Was verstehen Sie unter einem "gewissen Anspruch auf Herrschaft"?
Was unter einer "gewissen Eignung für Herrschaft"?
Wer ist das "Mastermind", das die "Machtinteressen beider Systeme " steuert?
Haben Sie den ganzen Poststrukturalismus, die Systemtheorie, die simpelste Erkenntnistheorie verschlafen, dass Sie so fortschrittsfroh mit Begriffen wie mit Bauklötzchen arbeiten?
Guttenberg , 13. November 2012 - 23:18 Uhr
36. Demokratie, Berlin: es geht um Argumente und Überzeugungen
@ Guttenberg: Komisch, dass Sie hier jetzt nur noch über den "Volksfeind" am Gorki schreiben. Der scheint Ihnen ja am Herzen zu liegen.

Es geht hier doch um den Begriff der Demokratie. Und da geht's nicht nur um Wahrheiten. Sondern auch darum, dass die zahlenmäßige Mehrheit niemals ein Beweis für Wahrheit oder Gerechtigkeit ist. Ich empfinde es als zulässig, dass ich in diesem Zusammenhang dann auch danach fragen darf, wie es aktuell eigentlich um die Demokratie steht. Und ob wir auf positive oder negative Weise aus der "Geschichte der Sozialdemokratie" bzw. im Falle von Brandt "des demokratischen Sozialismus" gelernt haben.

In der Demokratie geht es um Argumente und Überzeugungen innerhalb eines konstruktiven Dialogs ZWISCHEN MENSCHEN. Und zwar vor allem hinsichtlich der Übereinstimmung der Ideen mit den Tatsachen. Die Idee der Demokratie ist schon alt, auch Sie kennen sicher den griechischen Marktplatz, auf welchem die Interessen und Probleme ALLER Bürger GEMEINSAM und ÖFFENTLICH verhandelt wurden. Auch das Theater fungierte hier (noch) als öffentlicher Raum, nicht als frontale Machtdemonstration. Folglich ist hier der erste und entscheidende Aspekt, das Denken der Politik vom Denken der Macht abzukoppeln.

Und zweitens, wenn Sie schon so schön rhetorisch danach fragen, was ich unter "Volk", "Gleichheit" usw. verstehe. Könnten wir nicht mal wieder von den Ideen Rousseaus sprechen, welcher meines Erachtens immer schon auch die Ideen der "alten bzw. revolutionären Sozialdemokratie" vertreten hat? Es geht mir um den sogenannten Gemeinwillen bzw. um den Gesellschaftsvertrag und folglich um die Spannung zwischen der Legalität und der Legitimität der politischen Macht des Volkes. Es geht mir um die freiwillige Unterwerfung unter das unpersönliche Gesetz gegenüber der persönlichen Abhängigkeit von Politikern. Man sollte meinen, das sei seit dem Ancien régime sowieso längst passé, stimmt aber nicht. Der wesentliche Aspekt liegt in meiner Wahrnehmung nach wie vor zunächst in der Klärung der Eigentumsfrage. Da liegen die alten und neuen Abhängigkeiten. Man sollte die Frage der Demokratie also wieder mit der Frage nach dem Eigentum bzw. des öffentlichen gegenüber dem Privateigentum verknüpfen. Da aber eine Partei keine Klasse IST, sondern die Klassenverhältnisse immer nur im Kampf ZWISCHEN den Parteien zum Ausdruck kommen, entstehen die für die parlamentarische Demokratie typischen Widersprüche, wie sie auch in der sozialliberalen Koalition unter Brandt zu beobachten waren. Die politischen Verhältnisse in den USA sind damit eher nicht zu vergleichen, denn dort herrscht ein ganz anderes Wahlsystem vor als in Europa. Beiden gleich ist bzw. sollte aber sein, dass es tatsächlich das Volk ist, welches über seine eigenen (lokalen und regionalen) Interessen bestimmt bzw. verhandelt und nicht der Staat, darauf habe ich ja bereits oben verwiesen.

Dabei geht es aber sicher nicht um Heidi Klum, welche Ihnen nach "bestimmt, wie die Mädchen aussehen wollen". Wollen? Eher sollen, oder? Und vielleicht geht es ja auch weniger um Heidi Klum als vielmehr um die (schwulen) Modepäpste, welche von den wahren Interessen junger Frauen nun wirklich gar keine Ahnung haben. Und Sie wollen hier jetzt doch wohl nicht bestreiten, dass es in der Modeindustrie allein ums Geld geht. Dafür hungern sich junge Frauen zum Skelett runter und vernachlässigen über der Pflege ihres Körpers das Pflegen ihres denkenden Kopfes. Mir persönlich jedenfalls ist das zu billig. Solchen Dumpfbacken wie Heidi Klum entziehe ich meine Macht. So einfach ist das.

Ebenso wie man als Wähler den Politikern und Bankern/Banken die Macht entziehen kann, indem man sie einfach nicht (wieder-)wählt. Aber vielleicht gerät man dann ja auch vom Regen in die Traufe, alles schon gegeben, alles schon passiert. Oder: Nach rot-gelb kam 1982 schwarz-gelb. Grün steckte damals gerade erst in den Kinderschuhen und orange gab's damals noch gar nicht. Wer hat das eigentlich gewollt? Diese Kohl-Jahre? Braucht es mehr Aufklärung und Information? Mensch, ich seh ich rot. Und sicher nicht nur ICH. Aber warum war der Bühnenvorhang von "Demokratie" jetzt eigentlich gelb? Und geht's hier jetzt eigentlich nur noch um die Interessen von schwarz-rot-gelb? Wie geht Demokratie auf europäischer und globaler Ebene? Es gibt wohl tatsächlich noch viel zu tun, wollen wir - wir sind das Volk - nicht alles dem (mit den Parteien verbandelten) neoliberalen Markt überlassen.
Inga , 14. November 2012 - 13:12 Uhr
37. Demokratie, Berlin: pluralistisch zerlabert
@ Guttenberg
Aha, Macht ist also ein Phänomen und ein komplexes noch dazu. Und alle, die das auf eine einfache Gleichung bringen wollen, sind demnach etwas unterkomplex. Dann macht Macht doch mal transparenter! Oder was hätten Sie da so für Vorschläge, dass sich das eventuell ändern könnte? Erkenntnis ist ja nur ein erster Schritt auf dem Weg zur Veränderung.
„Die Menschen wollen leben. Und zwar gut." Das ist auch so eine Binse, um das Problem auf eine recht vereinfachte Formel zu bringen. Und damit vermutlich auch etwas unterkomplex, genau wie der Satz: „Ideologie kann man nicht essen. Daran ist die DDR gescheitert. Sie wollte ihre Bevölkerung mit Lügen und Versprechungen speisen." Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern, was mir der Sozialismus so alles versprochen hat. Vermutlich habe ich eh nicht so richtig daran glauben wollen. Es hat ja vieles, wie in der Kirche oder auch mit der bitteren Pille, mit Glauben zu tun. An Unterernährung habe ich trotz Mangel an Apfelsinen und Bananen aber nicht wirklich gelitten. Das kann sicher in Rumänien oder Albanien anders gewesen sein. Auch die Polen hatten da wohl zeitweilig ihre ideologisch bedingten Engpässe. Und wegen des Exports von Apfelsinen zur Jahresendversorgung im europäischen Ostblock ist vermutlich die kubanische Revolution gescheitert. Über eines bin ich mir aber mittlerweile ziemlich sicher, geredet und gepost (siehe Kuttners Demokratie-Inszenierung) wird viel in der Politik. Ob das nun alles in einer 99,99 prozentigen Übereinstimmung endet oder pluralistisch solange zerlabert und in Unterausschüsse verlagert wird, bis kein Mensch mehr versteht, worum es eigentlich noch geht. Da unterscheiden sich die Machtmenschen da wie dort nicht viel. Zudem ist unsere Demokratie zu einem Marktplatz lobbyistischer Interessengemeinschaften verkommen. Auch das kann man an den beiden Volksfeind-Inszenierungen in Berlin gut erkennen. Und das ist kein Überbau sondern ziemlich unterirdisch. Wenn man sich mal die Überbau-Basis-Theorie von Marx hernimmt, so stellt sie doch ein geniales Modell zur Verdeutlichung von gesellschaftlichen Abhängigkeiten dar. Ideologischer Überbau bedeutet da aber auch nicht zwangsweise immer eine negative Einflussnahme auf z.B. die Wirtschaft. Und selbst wenn, welche Ideologien bestimmen denn heute die gesellschaftlichen Zusammenhänge und gehören Banken und Finanzsysteme nun zur ökonomischen Basis oder schon zum Überbau? Auf jeden Fall beeinflussen sie ihn entsprechend ihrer Interessen. Es scheint ja generell immer der Überbau an allem Übel Schuld zu sein. Damit reduziert man aber den ideologischen Überbau auf eine rein staatliche und ideologische Funktion. Da hängt aber so viel mehr dran, wie Bildung, Religion, Wissenschaft und auch Kunst. Die Basis bestimmt den Überbau, und dieser wirkt auf sie zurück, so ist vereinfacht die These von Marx zu verstehen. Der gesellschaftliche Überbau entsteht und handelt nicht losgelöst von der ökonomischen Basis. So entstehen im Kapitalismus wie im Sozialismus wechselseitige Abhängigkeiten, die nicht von ungefähr durch den Besitz der Produktionsmittel definiert werden. Es lässt sich auch philosophisch mit der Wechselwirkung von Sein und Bewusstsein erklären, wenn man denn Anhänger einer materiellen Weltanschauung ist. Wie auch immer. Wer wen, wie Brecht richtig feststellte, bleibt die eigentliche Frage.
Und da kann Inga noch so viele schöne Zitate finden und Willy Gott oder einen guten Mann sein lassen.
Stefan , 14. November 2012 - 13:46 Uhr
38. Demokratie, Berlin: nackte Polizei
@ Stefan: Was meinen Sie mit "Wer wen, wie Brecht richtig feststellte, bleibt die eigentliche Frage"?
Jedenfalls, wenn sich Politik in bloße bzw. nackte Polizei verwandelt, dann ist das keine Demokratie mehr.
Inga , 14. November 2012 - 14:41 Uhr
39. Demokratie, Berlin: konstruierte Feindbilder
@36:
"Und vielleicht geht es ja auch weniger um Heidi Klum als vielmehr um die (schwulen) Modepäpste, welche von den wahren Interessen junger Frauen nun wirklich gar keine Ahnung haben."

Inga, Inga, mir graut vor Ihnen!
Was sie nicht alles für Feindbilder konstruieren.
Guttenberg , 14. November 2012 - 16:15 Uhr
40. Demokratie, Berlin: Lagerfeld mit Heiner Müller
@ Guttenberg: Nee nee nee, keine Feindbilder. Ich habe Karl Lagerfeld bloß mal reden gehört, zwar nicht live, aber in einem Video zur John Cage-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste. Parallel dazu waren eine Reihe anderer Videos/Interviews zu hören bzw. sehen (man konnte/musste Bild und Ton hier eigenständig über Kopfhörer synchronisieren). Da erkennt man dann schon Unterschiede in der Art des Sprechens oder des Agumentationsgangs, zum Beispiel wenn man Karl Lagerfeld mit Heiner Müller vergleicht. War/ist nur eine Beobachtung meinerseits. Völlig subjektiv, natürlich.
Inga , 14. November 2012 - 17:58 Uhr
41. Demokratie, Berlin: sehr eindeutig
@ Inga
Wer redet von Polizei, oder meinen Sie Polizeistaat? Ich habe von ganz anderen Dingen geschrieben, und doch wohl auch sehr eindeutig. Was verstehen Sie davon konkret nicht?
Stefan , 14. November 2012 - 17:59 Uhr
42. Demokratie, Berlin: Wer wen
@ Stefan: Es fehlt ein Wort in Ihrem Satz "Wer wen, wie Brecht richtig feststellte, bleibt die eigentliche Frage." Darum ging's mir. Ansonsten stelle ich nur Fragen. Manche sagen ja, die Polizei f.... mit. Im Angesicht des Verbrechens oder so.
Inga , 14. November 2012 - 19:46 Uhr
43. Demokratie, Berlin: schales Lächeln
Liebe Inga, nein, es fehlt nichts. Es ist nur aus dem Kontext gerissen. Brecht meint natürlich die Ausbeutung, das Herr-Knecht-Verhältnis (Herr Puntila und sein Knecht Matti). Sie können für die Begriffe Ausbeutung oder Unterdrückung natürlich auch andere modernere Formeln für Machtverhältnisse oder gesellschaftliche Abhängigkeiten wählen. Es läuft im Großen und Ganzen aber sinngemäß immer wieder auf die Frage dieser Abhängigkeiten hinaus. Und die Politik wird ja nicht müde neue Vokabeln dafür zu finden, wie eben Merkels Begriff der "marktkonformen Demokratie" beweist. Ich dachte erst Kuttner wird daraufhin arbeiten, das herauszustellen und Politikersprech gestern und heute zu vergleichen. Aber er zieht sich zu sehr in die 70er Jahre zurück, und betreibt damit nur alberne Geschichtsschau mit garantiertem Unterhaltungswert. Das hat weder mit Frayns Stück über die tragische Figur Willy Brandts zu tun, - Das wäre durchaus menschlich interessant, aber eben auch nicht gerade neu. – noch sagt es etwas über heutige Politiker aus. Aber wahrscheinlich hat sich seitdem auch nicht sehr viel Grundlegendes geändert. Nur wo kommt sie dann her, die Politikverdrossenheit, die es so unter Willy Brandt noch gar nicht gab? Oder war der Anfang des medialen, öffentlichen Politikers tatsächlich auch das Ende der Politik? Warum konnte Schröder lächelnd eine unsoziale Politik verkaufen, an der die SPD noch lange knappern wird, während es der biederen Frau Merkel kaum noch gelingt, mit ihrer Bittermiene stabilisierende Rettungsschirme an Banken zu verteilen? - Übrigens hat der jetzige SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück als Finanzminister der großen Koalition entscheidend daran mitgewirkt. Auch wenn Mister Bad Bank das jetzt etwas anders sieht. Wat mutt, dat mutt, ne. Das sollte man bis zur nächsten Wahl nicht gleich wieder vergessen. - Das alles hätte mich in Zusammenhang mit dem Stück „Demokratie“ mehr interessiert. Es geht eben beim Verkaufen von Politik nicht mehr so sehr um die Inhalte sondern um die Verpackung. Und heute tritt mit Sicherheit ein Politiker erst zurück, wenn die Medien den letzten Fetzen Lack von ihm abgekratzt haben, wenn die Fassade bröckelt und das Lächeln schal wird.
Stefan , 15. November 2012 - 13:23 Uhr
44. Demokratie, Berlin: Zweifel
@ Stefan: Mir kamen beim Zuschauen auch immer mal wieder Zweifel, worauf Kuttner/Kühnel hier eigentlich hinaus wollen. Auf eine Art Parodie eines pauschalisierenden Dekadenzvorwurfs gegenüber dem kapitalistischen Westen? Oder auf eine Art alles entlarvende Radioshow, wie beispielsweise "Good Morning, Vietnam"? Aber dann las ich doch überall immer wieder nur folgendes: "Die Inszenierung Tom Kühnels und Jürgen Kuttners kreuzt die große Politik jener Jahre mit Songs und Schlagern. Um zu kommentieren. Und die Emotionen der Figuren zu verstärken oder überhaupt erst sichtbar werden zu lassen." Schade, in meiner Perspektive hätte man wirklich mehr daraus machen können.
Inga , 15. November 2012 - 15:30 Uhr
45. Demokratie, Berlin: was gelernt?
Und, liebe Inga, haben Sie irgendetwas über die Emotionen der Figuren gelernt, was jenseits der Banalität angesiedelt war?
nikolaus merck , 15. November 2012 - 15:38 Uhr
46. Demokratie, Berlin: hin- und hergerissen
@ nikolaus merck: Ich bin hin- und hergerissen. Denn bei genauerem Nachlesen kann ich Stefans These "Aber er [Kuttner] zieht sich zu sehr in die 70er Jahre zurück, und betreibt damit nur alberne Geschichtsschau mit garantiertem Unterhaltungswert" so auch nicht unterschreiben. Für mich wurde da schon mehr hinterfragt, zum Beispiel auch im Hinblick auf die Frage, wie der sogenannte "Wandel durch Annäherung" eigentlich ausging. Auch für Guillaume (Daniel Hoevels). Alle zeigten mit dem Finger auf IHN bzw. OST und somit waren die Fronten offenbar klar, wie heute wohl für viele Menschen (aus dem Westen?) die Fronten klar sind: Weil die DDR ein sogenannter "Unrechtsstaat" war, war alles an ihm schlecht. Das stimmt so pauschal natürlich nicht. Vor allem, wenn man die aktuelle angebliche Alternativlosigkeit des global durchgesetzten Kapitalismus betrachtet.

Daher noch die kurze Schilderung zweier Szenen, welche möglicherweise das Gegenteil offenbaren: Guillaume schaut beim gemeinsamen Laufen/Marschieren der sozialliberalen Koalition immer mal wieder zurück, wohingegen diese im Gleichschritt stramm weitermarschiert. Ausserdem streckt Guillaumes Führungsoffizier Kretschmann (Michael Schweighöfer) einmal die Hand nach seinem "Untergebenen" aus. Ist das die gespentische Hand des Kommunismus, welche Guillaume (vorübergehend) und/oder "wir" heute ganz zu verlieren drohen? Ganz im Sinne des Benjaminschen "Über den Begriff der Geschichte": "Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte."

Wie das abschließend zu bewerten ist, das muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Ich habe meine Perspektive ja bereits ausführlich dargelegt. Ein Zuschauer neben mir wiederholte permanent, Willy Brandt hätte es nicht verdient, dass nun der neue Flughafen BER, welchen ich sofort mit Wowereit (SPD) identifiziere, nach Willy Brandt benannt werde. Eine Erklärung dafür gab er allerdings nicht ab.
Inga , 15. November 2012 - 18:10 Uhr
47. Demokratie, Berlin: zu glatt
Mache ich den Hintergrund "Hacks-Rand-Frayn als Trilogie" auf, und Stefan schreibt ungefähr dies auf seiner Seite in seiner Kritik gut nachvoll-
ziehbar, so gerät dieser (dennoch sehr unterhaltsame, hierin stimme ich Prospero zu, ich komme letztlich nicht zu dem Ergebnis, daß alles
dies "nüscht" war) Abend entschieden zu glatt; im ersten Teil ist zudem das Verhältnis der Musikeinlagen zum "Spiel" nicht wirklich ausgewogen; wenn Herr Schäfer den Umriß einer "ernsthaften Figur"
nur bei Bernd Stempels Herbert Wehner findet, so liegt das meineserachtens vor allem an diesem Mißverhältnis: Bernd Stempel bekommt mehr Spielmöglichkeit und nutzt sie vortrefflich (ich muß mich einigen Kritikern und dem Einzelapplaus des gestrigen Publikums auch durchaus anschließen, denn Bernd Stempel bekam am meisten Zuspruch). Nach der Pause gewinnt die Inszenierung an Spiel, und der Einsatz der Gesangseinlagen wirkt konzentrierter, gezielter, treffender. Wenn Genscher "Ich sprühs an jede Wand, neue Männer braucht das Land" schmettert, ahnt man, daß sich "Geheimdienstarbeit" auch für denjenigen lohnt, der sich darauf verlegt, "Leihstimmen" zu "erpressen". Und die eine oder andere Affäre hiernach wird Pressereferenten gekannt haben, die auch immer wieder wie ein Trabant um ihre Sonne bzw. ihren Planeten kreisen (wie eben der kleine Konspirationsverschlag ums große Palais kreist, nicht ohne den Witz von jenem Kreisgang, bei dem Guillaume von einem Grüppchen zum nächsten geradezu umlaufmäßig Notiz nehmen kann, ein Umlauf, der durchaus auf den Kuppelrundgang und den "gläsernen Abgeordneten" des Reichstages bzw. der jetzigen Berliner Republik anspielen könnte). Aber, abgesehen von immer wieder richtig lustigen Ideen (Postminister Ehmke spielt das reformierte Posthorn: Saxophon) und alledem, was Herr Seidler nicht zu unrecht an dem Abend lobt, sehe ich auch nicht ganz, wohin dieser über die "unterhaltsamen drei "Geschichtslehrstunden""
hinausgehen soll. Eher spielt der Abend einer wohlfeilen Willy-Verehrung zu und einer Charismasehnsucht als irgendwelche Abgründigkeiten einer solchen Entwicklung zu diagnostizieren oder wie schnell aus der Annährungspolitik eine Abwehrpolitik wurde (Extremistenerlaß etcpp.). Gerade Schröder hat doch Herkunft (aus dem "Milieu"), Charisma und den unbedingten am Zaun rüttelnden und "Ich will hier rein" rufenden Willen zum Kanzleramt eindrucksvoll und folgenreich miteinander zu verbinden gewußt, folgenreich auch gerade für die Wahrnehmung der Sozialdemokraten als linke Partei;
Kühnel/Kuttner entsorgen das aber irgendwie, so als habe die Möglichkeit einer "sauberen" Politik mit dem "Drama Brandt" gewissermaßen einen Endpunkt erfahren. Auch die DDR-Seite wird so einseitig und plump dargestellt, daß man beinahe denken könnte, dergleichen Personagen im vergleichbaren Maßstab wie Wehner,Ehmke,Brandt, Schmidt und alle "Strippenzieher"-Typen mit all dem dazugehörigen taktischen Geplänkel habe es im Osten nicht gegeben, wobei die Aufbauliteratur, verbotene Filme, gecancelte Inszenierungen (wie zB. eben auch Hacks) ein viel differenzierteres Bild aufgeworfen haben. Ein bißchen Spannung und mögliche Korrespondenz von Willy-Verehrung und dem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", der genau in die Brand-Zeit paßt (als Begriffsschöpfung), wäre wünschenswert gewesen..
Arkadij Zarthäuser , 17. November 2012 - 13:13 Uhr
48. Demokratie, Berlin: die Einen, der andere
@ Arkadij Zarthäuser: Interessant ist doch vor allem, an was dieser "kleine Konspirationsverschlag" erinnert. Nämlich an eine dieser Nischen in einer Kirche. Und welche Funktion hatte die Kirche in der DDR? Sie war eben gerade nicht da, um kirchliche und weltliche Macht zu verquicken. Es ging nicht um Gott als ausserweltlichen Oberboss, mit dessen Hilfe innerweltliche Macht über Menschen bzw. die Bürger eines Gemeinswesens ausgeübt wurde. Vielmehr öffnete die Kirche in der DDR Widerstandsnester, welche sich vor allem auch gegen die eigene DDR-SED-Führung richteten.

Und ich erinnere daran, dass es Guillaume (Daniel Hoevels) ist, welcher hier den Rio Reiser-Song "König von Deutschland" singt. Diesen Song, welcher sich gegen jegliche Instrumentalisierung von Macht wendet. Hölderlin gelesen?:
"Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr. [...] Schämet euch,
Daß ihr noch einen König wollt; ihr seid
Zu alt; zu eurer Väter Zeiten wärs
Ein anderes gewesen. Euch ist nicht
Zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft."
("Der Tod des Empedokles")

Und noch eine Frage an Sie, Herr Zarthäuser. Ich verstehe Ihre Sätze bezüglich Schröder und dessen linker Politik nicht. Ich verbinde Schröder ("Genosse der Bosse") jedenfalls nicht mit einer genuin linken Politik, sondern vielmehr mit einer Aufweichung derselben. Spätestens seit der Agenda 2010 und den Hartz IV-Reformen der Schröder-SPD (in Koalition mit den Fischer-Grünen) steht diese für mich gerade NICHT mehr für die Arbeiter bzw. sogenannten "sozial Schwachen". Ich möchte dazu folgendes ins Gedächtnis zurückrufen: Luxemburg und Liebknecht waren die Einen, Scheidemann der andere.
Inga , 18. November 2012 - 18:20 Uhr
49. Demokratie, Berlin: Version Papamobil
@ Inga

Entschuldigen Sie, ich habe vielleicht zu sehr vorausgesetzt, man würde schon verstehen, wie ich das mit Schröder so meine: Folgenreich für die Wahrnehmung der SPD als linker (und/oder sozialreformerischer) Partei gerade aufgrund der nicht linken Politik, so war das gemeint.

Die Assoziation mit einem Kirchen-Seitenraum, einem Gebetsraum oder
einem Beichtstuhl (freilich kennen die Kirchenbauten auch noch andere "Abteilungen" zB. zur Heiligenverehrung, zur rituellen Handlung, aufgebahrte Särge finden sich -auch von Königen), liegt
(siehe "Willy ist Gott") tatsächlich nahe; irgendwie beichtet Guillaume seinem Verbindungsmann ja auch seine Brandt-Anbetung, ja, irgendwie bittet er auch darum, die Relevanz des "Wandels durch Annährung" für sich selbst zu überprüfen. Aber, allein dies bleibt ziemlich anbindungslos in der Inszenierung. Mit "Wer soll sich wandeln, etwa wir ?!" ist die Sache schnell vom Tisch. Was bleibt, ist eine Art von "Einheitssehnsucht", die sich im "König von Deutschland" Luft macht. Kirchliche Opposition, Aufbruchliteratur, Sozialismus mit menschlichem Antlitz, "Spur der Steine", "Die Sorgen und die Macht" - all das hätte so eine "Kirchennische" beeinflussen, füllen können, Kuttner/Kühnel aber entscheiden sich dafür, gerade diese Nische nicht aufzuladen, sondern fahren die Version "Papamobil", denn unser Trabanten-vehikel fährt gelegentlich auch allein auf die Bühne: straight forward ! Parteilinie !. Vermutlich wäre die Hereinnahme der Außenspannungen qua Guillaume in das Vehikel auch zu sehr einer Romantisierung der Guillaume-Figur entgegengekommen. Aber, angesichts der möglichen "Trilogie" aus den letzten Kühnel/Kutner-Sachen hätte es da gewiß andere Möglichkeiten des Spannungsaufbaus gegeben, welche (siehe Schröder-Steinbrück-Kontinuität) bis ins Heute hineinreichen würden: stattdessen die Komplettabdankung des Politischen in einer verdummten Zeit-Genossenschaft..
Arkadij Zarthäuser , 19. November 2012 - 10:56 Uhr
50. Demokratie, Berlin: eine gewisse Intoleranz
Was für eine Rolle hatte eigentlich der von Kuttner gespielte Herr mit Glatze im Brandt-Kabinett? War das der Leibwächter? Dieser, welcher für Sebastian Haffner eintritt und gegen zeitgenössische Dichter, wie zum Beispiel Durs Grünbein. Wozu dieser szenische Einschub? Zeigt sich darin nicht auch eine gewisse Intoleranz gegenüber anderen Künstlern bzw. Autoren? Oder geht's da eher um eine Entschiedenheit der Stellungnahme gegenüber der aktuellen Lauheit eines entleerten Politiker-Image-Geschäfts. Das wird mir hier nicht so ganz klar. Wer kann was dazu sagen?
Inga , 24. November 2012 - 22:26 Uhr
51. Demokratie, Berlin: der Hund in West und Ost
Dieser Herr mit Glatze jedenfalls, der sah aus wie ein kleiner, armseliger Hund, wie er da so, nach seiner Festnahme und gemeinsam mit Guillaume, zum Überwachungsfischauge der Gefägniszelle hochschnüffelte.

Und hier noch ein Gedichtauszug von Durs Grünbein, wozu ich gleichwohl fragen möchte, warum bzw. zu welchem Zweck ein junger Dichter eigentlich so ein Bundesverdienstkreuz bekommt:

"[...] Im Westen, heißt es, geht der Hund dem Herrn
Voraus.
Im Osten folgt er ihm - mit Abstand.
Was mich betrifft, ich war mein eigner Hund,
Gleich fern von Ost und West, im Todesstreifen.
Nur hier gelang mir manchmal dieser Sprung
Tief aus dem Zwielicht zwischen Hund und Wolf."
(aus: Schädelbasislektion, Kapitel V: Der cartesische Hund. Portrait des Künstlers als junger Grenzhund)

Und noch eine Frage an Arkadij Zarthäuser: Wie kommen Sie vom Rio Reiser-Song "König von Deutschland" auf eine "Einheitssehnsucht"? Und vor allem, von wem soll diese ausgehen? Vom Volk oder vom Staat? Das ist hier wohl die entscheidende Frage bzw. der entscheidende Unterschied: Aristokratismus für alle oder Heraufbeschwörung sogenannter "altehrwürdiger Werte" wie die Erbfolge und der von Gott auserwählte Adel. Rio Reiser kritisiert diese Form der anarchischen Disziplinlosigkeit der Könige und vermeintlichen Gottheiten (Willy Brandt) ja eher ironisch als sie zu bejahen.
Inga , 25. November 2012 - 16:11 Uhr
52. Demokratie, Berlin: frische Luft
Liebe Inga, Sie haben ein Problem. Gehen Sie bitte mal an die frische Luft und reden Sie mit realen Menschen. Viele Probleme lösen sich dann fast von allein.
Stefan , 25. November 2012 - 22:36 Uhr
53. Demokratie, Berlin: x=Jauch, y=Knopp, z=Ferres
@ Inga

Durs Grünbein kam in der Version von "Demokratie", die ich gesehen habe, nicht vor,
soweit ich mich erinnere; es scheint so, als würden hier immer andere Namen für X,Y, Z
gesetzt, was in meinem Falle hieß: "Günther Jauch als politischer Moderator, Guido Knopp als Historiker und Veronica Ferres als Schauspielerin".
Nein, Inga, das ist es ja gerade: vom Volk und vom Staat aus irgendwie: das ist die von mir angesprochene Einheitssehnsucht; für Guillaume beginnt in "Demokratie" hier der Spagat zwischen seinem Auftrag und der Faszination für den "Wandel durch Annährung": in einem kurzen Moment des Überschwanges, des Träumens winkt der König des "volonte general" aus weiten utopischen Fernen. Nicht so sehr "Deutsche Einheit" war da von mir gemeint als eine wirkliche "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands" in etwa: Willys Utopie plus die nicht gar so beliebigen Strukturen des SED-Staates, soetwas blitzt hier kurz auf, bleibt dann aber (siehe oben) ziemlich anbindungslos im Raum stehen, nachdem der Kontaktmann das eindeutig runtergebügelt hat "Wer soll sich wandeln, etwa wir ??"
Arkadij Zarthäuser , 26. November 2012 - 18:03 Uhr
54. Demokratie, Berlin: eine gewisse Hybris
@ Stefan: Ach, ja? Na, das ist aber mal eine liebevolle Antwort. Einfach zu behaupten, dass der/die Andere ein Problem habe, anstatt zu beherzigen, dass Freiheit immer auch die Freiheit des/der Andersdenkenden ist.

@ Arkadij Zarthäuser: Gut, wenn die Namen immer wechseln, dann geht's hier wohl eher um den Unterschied zwischen Oberfläche und Substanz, und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. In der von mir gesehenen Aufführung wurden in meiner Erinnerung auch noch ein paar andere "Dumpfbacken" genannt. Wobei man hier ja eben auch wieder eine gewisse Hybris unterstellen könnte. Vielleicht braucht's aber auch jemanden, der aufklärt und alle menschlichen Leidenschaften durchschaut, ohne sie selbst zu empfinden. Bloß, wer schafft das schon? Wir sind eben keine rationalen Maschinenwesen bzw. Roboter. Ein Glück, möchte ich hinzufügen.

Sozialistische Einheitspartei Deutschlands = SED? Das halte ich persönlich für keine gute Lösung, einfach zurückzufallen in die alten Strukturen. Eine Vereinigung der Linken, das wäre es schon eher, und zwar am Besten noch global betrachtet. "Wir" sind alle Weltbürger. Das heisst - mit Zizek gesprochen:
"Eine neue emanzipatorische Politik wird nicht mehr an einen einzelnen sozialen Akteur geknüpft sein, sondern muß von einer möglichst unkalkulierbaren Mischung verschiedener Akteure getragen werden. Uns vereint, daß wir im Gegensatz zu den Proletariern von einst, die 'nichts zu verlieren haben als ihre Ketten', Gefahr laufen, ALLES zu verlieren. Die Gefahr ist, daß wir auf abstrakte, leere cartesianische Subjekte ohne jeden Substanzgehalt reduziert werden, daß wir unserer symbolischen Substanz beraubt werden, daß unsere genetische Basis maipuliert wird und wir in einer lebensabweisenden Umwelt dahinvegetieren müssen. Diese dreifache Bedrohung unseres gesamten Seins macht uns gewissermaßen alle zu Proletariern, die auf eine 'substanzlose Subjektivität' reduziert sind, wie Marx in den GRUNDRISSEN schreibt."
Inga , 27. November 2012 - 17:45 Uhr
55. Demokratie, Berlin: Vereinigte Linke mit Žižek
Liebe Inga, ich frage mich manchmal, ob Sie das, was sie da so schreiben, auch wirklich in die Tat umsetzen wollen, oder einfach nur Angelesenes wiedergeben. Gründen Sie doch eine Vereinigte Linke mit Zizek und dann sehen wir weiter. Übrigens die Bestrebung einer VL gab es schon gleich nach der Wende. Sie erreichte ca. 0,40 % der Stimmen bei der ersten freien Wahl noch in der DDR 1990. Ich glaube ein Vertreter war sogar im Parlament, da es keine 5%-Hürde gab. Danach ist sie verschwunden. Die gesamte ostdeutsche Bürgerbewegung ob nun links oder rechts hat sich im Verlauf des Einigungsprozesses aufgelöst und ist in der Einheitsparteienlandschaft der BRD aufgegangen. Jetzt geht der Trend zur regionalen Wählerinitiative oder zur Spaß- und Protestpartei, siehe Piraten. Ihr Weltbürger besteht nur im World Wide Web oder interessiert sich mehr dafür, dass alles schön transparent wird, ( Lesen Sie dazu mal hier nach: http://www.jungewelt.de/2012/11-26/017.php?sstr= ) oder dass es vor seiner eigenen Haustür auch bitte schön ruhig bleibt. ( Bei Bedarf bitte hier entlang: http://www.berlin.de/ba-charlo...iegen.php. ) Mehr substanzlose Subjektivität gibt es ja wohl kaum noch. Wo sehen Sie sich da jetzt eigentlich so als neuer Proletarier und wie sieht es mit Ihrer Einstellung zu mehr Demokratie aus?
Stefan , 28. November 2012 - 09:41 Uhr
56. Demokratie, Berlin: nach Zizek sind wir alle Proletarier
@54:
Liebe Genossin Inga,
ist Ihnen aufgefallen, dass Zizeks Definition des Begriffs „Proletarier“ auf alle Menschen zutrifft?

Oder können Sie mir Mensch nennen, die nicht davon betroffen wären, "daß unsere genetische Basis manipuliert wird und wir in einer lebensabweisenden Umwelt dahinvegetieren müssen", dass also „diese dreifache Bedrohung unseres gesamten Seins uns gewissermaßen alle zu Proletariern macht“?

(Was mit der „symbolischen Substanz“ gemeint ist, verstehe ich nicht.)

Nach dieser Definition sind auch Banker, Gen-Techniker, Waffenhändler, Millionäre „Proletarier“. Ihr Klassenkampf bekommt damit etwas Tautologisches (wenn alle Proletarier sind, gibt keine Feinde mehr), Ihre Menschenliebe etwas Papiernes (da Sie behaupten, nicht gegen reale Menschen zu kämpfen, sondern gegen Prinzipien).
Guttenberg , 28. November 2012 - 13:28 Uhr
57. Demokratie, Berlin: vom Anteil der Anteillosen
@ Stefan: Eben. Zizek geht es um die zivile Bürgerbewegung von unten, nicht um die staatliche Parteiengründung von oben. DAS ist Demokratie.

@ Guttenberg: Natürlich ist mir das aufgefallen. Was meinen Sie, warum ich das Zitat sonst genannt hätte? Ich betrachte Menschen übrigens nicht nach dem Freund-Feind-Schema. Und ich kämpfe auch nicht GEGEN Menschen, sondern MIT Menschen. MIT dem "Anteil der Anteillosen", welcher die Bedingung der Möglichkeit ist, eine Mitte der Gesellschaft denken und konstruieren zu können. Diese in sich abgeschlossene Mitte gibt es aber im Grunde gar nicht. Denn in den Anteillosen verkörpert sich die Allgemeinheit.

Mit Verlust der "symbolischen Substanz" ist das vollkommen "medialisierte" Subjekt gemeint, welches ganz und gar in die virtuelle Realität bzw. die darüber gesteuerten ökonomistischen Prozesse eingetaucht ist. Persönliche Beziehungen und emotionale Bindungen zwischen Menschen gelten hier nichts mehr. Kennen Sie den Film "Matrix"?
Inga , 02. Dezember 2012 - 17:01 Uhr
58. Demokratie, Berlin: der Weg der Individualität
@Inga:
Oh ja, Matrix kenne ich. Ist ein gutes Beispiel dafür, dass es die Aufgabe des Menschen ist, in entfremdeten Zusammenhängen selbst seine Individualität zu bewahren.
Statt die Aufgabe der Individualitätsbewahrung an übergeordnete Instanzen zu delegieren.
Ich würde übrigens "Persönliche Beziehungen" und "emotionale Bindungen" nicht zum Fetisch eines allein seligmachenden Heilmittels stilisieren. Individualität ist gerade das nicht Vor-geschriebene: Der Weg, den man selbst einschlägt - ohne Rücksicht auf Applaus.
Guttenberg , 02. Dezember 2012 - 22:21 Uhr
59. Demokratie, Berlin: Nachschlag
Genau wenn es ums Geschlecht geht, geht's um Inhalte und um die Sache.
@Quark-Ente-Nachschlag von Jakeline , 07. Januar 2013 - 18:06 Uhr
60. Demokratie, Berlin: Blumen behalten
Und die Blumen zum Frauentag könnt ihr behalten!
Jakeline , 07. Januar 2013 - 18:55 Uhr
61. Demokratie, Berlin: gegen Frauenquote
@ 59., Jakeline: Wie meinen Sie das jetzt. Ironisch? Ich hoffe doch, dass Männer/Politiker Frauen/Politikerinnen heutzutage nicht bloß als Wichsvorlage, sprich: als Objekt betrachten. Wobei Willy Brandt da wohl nicht das einzige Gegenbeispiel wäre. Neben drei Ehefrauen wurden ihm ja durch Guillaume auch noch zahlreiche Geliebte bzw. Prostituierte zugeführt. Das - die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern - ist dann wohl der (bis heute übliche?) immanente Widerspruch des kapitalistischen UND sozialistischen Systems. Und genau deshalb bin ich übrigens auch gegen eine Frauenquote. Frauen sollten aufgrund ihrer Kompetenz und nicht aufgrund ihres biologischen Geschlechts eingestellt werden.
Inga , 07. Januar 2013 - 22:18 Uhr
62. Demokratie, Berlin: bestimmte Rollen
Ich meine das ganz und gar nicht ironisch. Kennen Sie eine deutsche Bundespräsidentin? Oder eine Theaterintendantin? Ich nicht und da fängt das Problem schon an, Frauen bekleiden leider immer noch viel zu häufig Nebenrollen oder dienen dazu, den Mann abzubilden bzw. ins Licht zu rücken. Frauen werden auch heute noch bestimmte Rollen oder Merkmale zugeschrieben, die nur die Macht der patriarchalischen Ordnung sichern sollen. Deshalb interessieren mich auch solche Stücke nicht, wo nur Männer die Hauptrollen besetzen bzw. Frauen Randfiguren sind.
Jakeline , 08. Januar 2013 - 15:53 Uhr
63. Demokratie, Berlin: Frauen und Männer - für Inga
Inga, es muss Ihnen leider gesagt werden: die meisten Frauen brauchen den Männern nicht zugeführt werden. Nicht wenige lassen sich freiwillig auf sie ein. Einige haben sogar Freude daran. Das Solidarverbrechen, der Verrat ans Borstentier erfolgt durch die eigene Schwester.
gast , 08. Januar 2013 - 17:27 Uhr
64. Demokratie, Berlin: Frauen am Theater, Wahnsinn
Man vergleiche das Verhältnis der Abteilung Regie am DT: 47 Männer und 13 Frauen, das ist ja fast 1/3 - Wahnsinn! Ich glaube nicht, dass es an untalentierten oder inkompetenten Regisseurinnen (das Wort wird als Fehler markiert) mangelt!
Jakeline , 08. Januar 2013 - 18:08 Uhr
65. Demokratie, Berlin: halten Frauen sich zurück?
@ Jakeline: Theaterintendantinnen gibt es schon einige, und das sollten Sie auch wissen. Proportional betrachtet, ist dieser Posten aber wahrscheinlich tatsächlich weniger mit Frauen als mit Männern besetzt. Aber da wäre die Frage dann eben AUCH, neben den männlichen Seilschaften, welche für mich in dieser Kuttner-Inszenierung u.a. kritisch hinterfragt werden, ob manche Frauen sich nicht auch ganz bewusst aus diesen sogenannten "Mehrbelastungsjobs" heraushalten.

Es ist natürlich EBENSO eine Frage der Veränderung der Arbeitszeitgestaltung, der bereitgestellten Infrastruktur (siehe das Thema Ausbau der Kinderbetreuungsplätze auch für unter Dreijährige) UND ZUGLEICH der männlichen Verhaltensänderung. Solange das Thema Haushalt und Kinder, auch übrigens in PolitikerInnenköpfen (man erinnere sich beispielsweise an Gerhard Schröders Bezeichnung des Familienministeriums als "Gedöns"), weiterhin eine "Frauenrolle" ist und das Thema Beruf "Männersache", wird sich daran grundlegend wohl auch nichts ändern.

Übrigens, das mit dem Rosen verteilen durch Felix Goeser (Willy Brandt) im Publikum, das habe ich so verstanden, dass das "Wählervolk" hier im Grunde nur in der Rolle eines "Applaudeurs" wahrgenommen wird, nicht aber als ein dem Staat/der Regierung eigenständig gegenüberstehender Akteur. Kennen Sie das Benjamin-Zitat "Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern"? Passt hier doch ganz gut, oder nicht?
Inga , 08. Januar 2013 - 19:18 Uhr
66. Demokratie, Berlin: da gibt's doch gar keine Schwester ...?
@ gast: Versteh ich nicht. Welche Schwester jetzt? In Bezug auf Brandt und Guillaume? Hier kommt doch gar keine Schwester drin vor. Jetzt aber mal Klartext, bitte.
Inga , 09. Januar 2013 - 11:15 Uhr
67. Demokratie, Berlin: eigene Politik
@Inga, klar weiß ich, dass es auch einige Intendantinnen gibt, aber aus dem Stehgreif fällt mir keine ein. Nein, das Zitat kenne ich nicht, mir fällt dazu nur ein, dass beides Schauspieler sind, die einen gut bezahlte, die anderen schlecht bezahlte und beide machen Theater, tun so als ob. Wenn also in den Parlamenten nicht mehr gestritten wird und alle Fahrwasser schön ruhig sind, dann ist auch auf der Theaterbühne nix los? Ich finde, Theater sollten sich nicht so sehr an aktuellen politischen oder alten Debatten, Skandalen abarbeiten, sondern ihre eigene Politik machen und ihre Visionen und Utopien darstellen, natürlich nicht ganz losgelöst vom Zeitgeschehen. Es stellt sich die Frage, wie politisch ein Theater sein kann, das staatlich subventioniert ist oder von wirtschaftlichen Faktoren abhängig ist.
Jakeline , 10. Januar 2013 - 00:28 Uhr
68. Demokratie, Berlin: es geht nicht um die Form
@ Jakeline. Ich nenne jetzt einfach mal beispielsweise zwei Intedantinnen, welche bereits Intendantinnen waren und in der kommenden Spielzeit 13/14 an anderen Häusern neu beginnen werden: Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus und Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater Berlin. Es gibt noch weitere, aber das können sie auch selbst recherchieren.

Das Zitat ist aus Benjamins Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Es bezieht sich darauf, dass, wenn die Politik zunehmend ästhetisiert wird, die Kunst sich politisieren muss. Was jetzt aber nicht gleich politische Propaganda heissen soll. Nein, es geht um die Form. Die Livekamera (Stichwort: Medien- bzw. marktkonforme Demokratie) auf der Bühne wird hier möglicherweise nicht ganz ohne Grund eingesetzt. Ich zitiere Benjamin:

"Die heutige Krise der bürgerlichen Demokratien schließt eine Krise der Bedingungen ein, die für die Ausstellung der Regierenden maßgebend sind. Die Demokratien stellen den Regierenden unmittelbar in eigener Person und zwar vor Repräsentanten aus. Das Parlament ist sein Publikum! Mit den Neuerungen der Aufnahmeapparatur, die es erlauben, den Redenden während der Rede unbegrenzt vielen vernehmbar und kurz darauf unbegrenzt vielen sichtbar zu machen, tritt de Ausstellung des politischen Menschen vor dieser Aufnahmeapparatur in den Vordergrund. Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern. Rundfunk und Film verändern nicht nur die Funktion des professionellen Darstellers, sondern genau so die Funktion dessen, der, wie es die Regierenden tun, sich selber vor ihnen darstellt. Die Richtung dieser Veränderung ist, unbeschadet ihrer verschiedenen Spezialaufgaben, die gleiche beim Filmdarsteller und beim Regierenden. Sie erstrebt die Aufstellung prüfbarer, ja übernehmbarer Leistungen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Das ergibt eine neue Auslese, eine Auslese vor der Apparatur, aus der der Star und der Diktator als Sieger hervorgehen."

Nun gut, Willy Brandt als "Diktator" (siehe die Rammstein-Entgleiseung "Ich will!") darzustellen, das geht dann wohl doch zu weit. Aber seit es die technisch reproduzierenden Medien gibt, ist die Tendenz dazu potentiell immer vorhanden, u.a. auch bei sozialdemokratischen und/oder (demokratisch) sozialistischen Politikern. Und stimmt es nicht, dass man manchmal als Bürger den Eindruck hat, dass es Politikern heutzutage oftmals nur noch um die persönliche/private Selbstdarstellung, nicht mehr aber um die Sache bzw. ihre gesellschaftspolitische Verantwortung geht? Anders gefragt: Demokratische Politik soll von den Bedürfnissen und Interessen der Bürger eines politischen Gemeinwesens ausgehen, oder etwa nicht?
Inga , 10. Januar 2013 - 12:44 Uhr
69. Demokratie, Berlin: in Hellersdorf leben
Einige wenige mögen noch ehrenhafte politische Ziele verfolgen, die meisten sind jedoch korrupt und passen sich der Parteilinie an und es geht nicht so sehr um Selbstdarstellung, wie ich finde, sondern eher um eine schöne fette finanzielle Absicherung und die Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse. Politiker sollten nach Einzelhandelstarif oder ähnlichem bezahlt werden und nur wenn sie wirklich etwas fürs Unternehmen Gesellschaft leisten, Prämien kassieren. Sie sollten in Hellersdorf leben und die Miete selbst zahlen und wenn das Geld nicht reicht, Zuschuss beim Jobcenter beantragen. Dann würde sich vielleicht was ändern.
Jakeline , 10. Januar 2013 - 15:43 Uhr
70. Demokratie, Berlin: Identifizierung mit Unterdrückern
@ Jakeline: Das sind jetzt aber irgendwie ziemlich abgegriffene bzw. platt polarisierende Begriffe, auch wenn Sie sich möglicheweise auf Guillaume Paoli beziehen. Einmal die "fette finanzielle Absicherung" und ausserdem noch die "herrschende Klasse". Aber okay, wollen Sie dann nicht vielleicht selbst Politkerin werden und daran etwas ändern?

Ich verstehe schon, was Sie meinen. Es stimmt schon, dass viele Politiker heutzutage noch nicht einmal mehr die Fachkompetenz in ihrem Gebiet besitzen, u.a. eine Folge der von mir genannten Seilschaften bei der Zuschanzung von Ministerposten usw. Auch geht es vielen, sind sie erstmal "oben" angekommen, wohl leider tatsächlich nur noch um die Erhaltung ihrer Macht, auch klar.

Trotzdem, auch so manch ein Einzelhandelskaufmann/-frau hat Dreck am Stecken, vergessen Sie das nicht. Machtlosigkeit rechtfertigt nicht, ohnmächtig nach oben zu buckeln und ressentimentgesättigt nach unten zu treten. Sowas passiert nämlich leider auch nicht ganz selten, dass sich die Unterdrückten mit ihren Unterdrückern identifizieren und in der Folge ihre eigenen Leute unterdrücken. Das möchte ich Ihnen persönlich natürlich nicht unterstellen, ich gebe nur zu bedenken, dass auch "unten" nicht immer alles Gold ist, was glänzt.
Inga , 10. Januar 2013 - 19:13 Uhr
71. Demokratie, Berlin: Ancien régime Banker-Klerus
@69:
Angesichts des Umstandes, dass Wowereit Aufsichtsrats-Honorare kassiert, ohne für den Job qualifiziert zu sein oder auch nur Zeit und Energiereserven zu haben; angesichts des Umstandes, dass diese Sinekure nun an seinen Parteifreund Platzeck weitergereicht wird, auf den dasselbe zutrifft, finde ich Jakelines Vorschlag hervorragend.
Ich frage mich schon lange, wann eigentlich unser Ancien régime, unsere Polit-Bourbonen und unser Banker-Klerus sein 1789 und 1793 erleben werden.
Guttenberg , 10. Januar 2013 - 23:12 Uhr
72. Demokratie, Berlin: Ursachen und Zusammenhänge
@Inga, die Worte mögen abgedroschen klingen, sie treffen aber den Kern, wie ich finde und sie sind einfach und verständlich, was man von den von Ihnen zitierten Texten nicht behaupten kann. Die Ursachen und Zusammenhänge für die vorherrschenden Ungerechtigkeiten sind klar, auch ohne dass man immer wieder die gleichen Texte dazu heranziehen und anklagen muss. Was fehlt sind wirkliche Maßnahmen, die bei den Menschen ankommen und ihr Leben spürbar verbessern (Mist das hört sich schon sehr politikerlike und abgedroschen an), und damit meine ich nicht diese statistikschönenden Bildungsmaßnahmen. Ich habe in meiner vorhergehenden Äußerung mit Einzelhandelstarif auf das Gehalt bzw. auf die Einkommenshöhe angespielt, nicht mehr und nicht weniger, mir ist schon klar, dass es überall Heuchler und machtgeile Idioten gibt, die darauf aus sind, auf der Hierarchieleiter nach oben zu kommen oder sich krampfhaft an ihrer Sprosse festhalten. Ich habe mich nicht auf Paoli (er hat doch nicht diese Begriffe erfunden, oder??) bezogen, sondern ich mache mir meine eigenen Gedanken und dazu muss ich zwangsläufig Vokabular benutzen, das mir bekannt ist und von der Bedeutung her passt (lösen Sie bitte Ihre vorbesetzten Begriffsbedeutungsblockaden) und nein, ich möchte nicht in die Politik gehen, da es mir dort viel zu unübersichtlich ist und ich Gruppenzwang nicht ausstehen kann. Desweiteren möchte ich keine Verantwortung übernehmen, sondern lieber auf die da oben schimpfen und mein eigenes Süppchen kochen. An den Debattierklub im Reichstag glaube ich schon lange nicht mehr! Wenn dann gehen die Änderungen vom Volk aus und ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern @Guttenberg.
Jakeline , 11. Januar 2013 - 11:54 Uhr
73. Demokratie, Berlin: Suppekochen ändert nichts
@ Jakeline: Fremdtexte können in Bezug auf die Interpretation der heutigen Situation weiterhelfen. Manchmal ist es auch gar nicht so schlecht, erstmal zu denken, bevor man blind aktionistisch handelt. Wenn Sie sich mit solchen Texten nicht auseinandersetzen wollen und/oder können, dann ist das Ihre Sache. In meiner Wahrnehmung hilft Bildung, im Sinne von Selbstbildung, da schon weiter. Und vergangene Texte können genau deswegen für die heutige Zeit relevant sein, weil sie darauf verweisen, dass - geschichtlich betrachtet - immer wieder dieselbe Gefahr bestand und besteht, dass nämlich gerade die Interessen der gesellschaftlichen Basis permanent übergangen werden. Das heisst: Ohne Geschichtsbewusstsein werden Sie auch die Gewordenheit der Gegenwart weniger gut verstehen und darüber hinaus auch auf die Zukunft gestaltend und verändernd einwirken können.

Und, entschuldigen Sie bitte, aber mit dem folgenden Satz machen Sie sich doch nur selbst lächerlich: "Desweiteren möchte ich keine Verantwortung übernehmen, sondern lieber auf die da oben schimpfen und mein eigenes Süppchen kochen." Na, dann mal viel Spaß beim Schimpfen und Suppekochen. Fragt sich nur, ob sich allein durch das Schimpfen etwas ändern wird. Verantwortung zu übernehmen, und zwar sowohl von unten wie von oben, das geht anders.
Inga , 11. Januar 2013 - 12:51 Uhr
74. Demokratie, Berlin: let's go live
@ Jakeline: Übrigens, wissen Sie, was mir gerade auffällt? Sie könnten auch eine Agentin "von oben" sein, so wie Sie diesen Satz mit dem "Suppekochen" formulieren. Das wäre allerdings wiederum eine manipulierende Sauerei. Ich würde deshalb sagen: Wenn Sie mir live gegenüberstehen/-sitzen würden, dann könnten wir unseren Konflikt besser austragen. Wir würden dann wohl schon wechselseitig an unserer Gestik und Mimik erkennen, ob Sie es ernst meinen oder nicht. Wetten?
Inga , 11. Januar 2013 - 13:24 Uhr
75. Demokratie, Berlin: Rahmen des Möglichen
@Inga, wollen Sie mir vorwerfen, ich hätte kein Geschichtsbewusstsein? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ihre maßregelnde, belehrende Art nervt schon sehr, muss ich an dieser Stelle mal anmerken! Dass ich nicht für einen ganzen Staat Verantwortung übernehmen will, finden Sie lächerlich? Können Sie denn die Komplexität und Vernetzung von Wirtschaft/Politik/Soziale Belange total durchschauen? Ich nicht und deshalb, dass ich mein eigenes Süppchen koche, heißt nicht, dass ich gar keine Verantwortung übernehme, in meinem Umfeld kann ich das sehr wohl, z.B. in dem ich mich fair und respektvoll anderen gegenüber verhalte und nicht versuche, mich auf Kosten von anderen zu bereichern oder Ihnen willentlich Schaden zuzufügen. Oder in dem ich etwas schaffe/tue, was der Gemeinschaft zu Gute kommt.
Und stellen Sie sich mal vor, ich kann mich auch mit Fremdtexten auseinandersetzen, ich habe nur eine Abneigung gegen übermäßiges Zitieren und das Hochhalten von Zitaten und womöglich noch ihre Verwendung als Axiome. Aber vielleicht sollten Sie Politikerin werden, Sie wissen ja immer alles besser! Ich jedenfalls habe keine Lust mich in Korruption und Volksverdummung verstricken zu lassen, da erreiche ich mehr, wenn ich da Veränderungen unternehme, die ich wirklich veranlassen und beeinflussen kann, z.B. wenn ich einen Streik organisiere, um Arbeitsrechte einzufordern und durchzusetzen. Ich schlage Ihnen vor, mal ein halbes Jahr in einer Fabrik als Billiglöhner arbeiten zu gehen, um die Basis auch mal praktisch zu erleben!
Jakeline , 11. Januar 2013 - 14:18 Uhr
76. Demokratie, Berlin: Anonymität bevorzugt
@Inga
P.S. Ich bin Frau Merkel.
Und nein, ich möchte Sie nicht live treffen, sondern schön aus meiner Anonymität heraus agieren. Hätte Angst, dass Sie mich in Grund und Boden zitieren.
Jakeline , 11. Januar 2013 - 14:26 Uhr
77. Demokratie, Berlin: ich weiß nicht alles besser
@ Jakeline: Und genau das könnte dann doch auch wieder Ihre eigene Hybris sein bzw. Ihre Vorurteile mir gegenüber. Woher wissen Sie denn, wie bzw. wo ich schon gearbeitet habe. Vielleicht fühlen Sie sich ja auch unbewusst selbst irgendwie minderwertig und werfen mir deswegen vor, ich würde Ihnen etwas, was Sie aber möglicherweise auch nur auf mich projizieren, unterstellen? Puuh, ist das alles schwierig. Aber eines ist sicher: Mit so einem Diskussionsstil komme ich persönlich nicht klar.

Davon abgesehen, freue ich mich natürlich darüber, dass Sie ein Geschichtsbewusstsein haben. Wäre ja auch noch schöner, wenn nicht. Und übrigens, dass ich "maßregeln und belehren" wolle, dass ist vielleicht auch wieder nur Ihre Sicht auf die Dinge. Mir geht darum aber wirklich gar nicht. Wie blöd würde ich sein zu behaupten, ich wisse alles besser. Nein, das tue ich nicht. Ich behaupte aber, dass wir nur über einen tatsächlich offenen face-to-face-Dialog zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung kommen könnten. Und genau da liegt eben wohl auch das Problem von vielen Politikern. Dass sie die Lebenswelt der Basis gar nicht (mehr) kennen bzw. kennen wollen und zudem auch nur über die Medien mit dieser kommunizieren. Wissen Politiker denn immer über das fachlich Bescheid, was sie tun? Und tun Politiker denn immer das, was der Gemeinschaft zugute kommt? Rhetorische Frage. Sie haben das ja schon selbst beantwortet.

Und Ihre Formulierung der "Verwendung von Zitaten als Axiome" - wunderbar. Meinen Sie damit, dass es nicht um den Zitatenschatz, sondern um Aneignung geht? Da stimme ich Ihnen vollkommen zu.
Inga , 11. Januar 2013 - 15:09 Uhr
78. Demokratie, Berlin: trügerische Worte
Nun fangen Sie auch noch mit Psychologie an, Inga! Ehrlich gesagt, ich habe manchmal bewusst Minderwertigkeitsgefühle, die an manchen Tagen stark ausgeprägt sind, an manchen gar nicht, dass hängt mit meiner seelischen/körperlichen Verfassung meist zusammen, und mit einer Reihe weiterer Faktoren, die ich hier allerdings nicht weiter erörtern will, da wir hier schließlich nicht in einer Therapiesitzung sind und hier nicht der Ort ist, um über Konventionen, Normen und Maßstäbe zu reden, die meine Person betreffen. Haben Sie nie Minderwertigkeitskomplexe? Ja, sicher habe ich auch Vorurteile Ihnen gegenüber , die sich wohl aus Ihren Ausführungen und deren Art und Weise ergeben. Natürlich kenne ich Sie nicht und weiß nicht, wo sie schon überall gearbeitet haben, aber ich bin des Lesens mächtig und kann auch interpretieren. Mag sein, dass wir aneinander vorbeireden oder uns gänzlich missverstehen, aber wieso bemängeln Sie meinen Diskussionsstil? Sind meine Sätze so unverständlich, ohne Argumente, ohne Begründungen, ohne Beispiele - inhaltsleer? Wenn Sie wollen kann ich auch ein paar Zitate einbauen. Wie finden Sie dieses: "Ein Problem ist eine Lösung, die nicht mehr funktioniert." Ich kann Ihnen leider nicht sagen, wer das gesagt hat, aber ich finde es gut. Übrigens, ich glaube, wir beide haben kein Problem, was befriedigend gelöst werde müsste oder könnte. Ihre letzte Frage verstehe ich allerdings nicht ganz. Meinen Sie mit Aneignung, das Ausprobieren von Zitaten hin auf ihre Brauchbarkeit im Alltag bzw. das Reflektieren über Zitate? Wenn ja, stimme ich Ihnen in diesem Punkt ebenfalls zu. In Punkto (Face-to-Face)-Kommunikation kann ich nur sagen, Worte sind trügerisch: „Beurteile einen Menschen lieber nach seinen Handlungen als nach seinen Worten; denn viele handeln schlecht und sprechen vortrefflich.“ - Matthias Claudius -
Jakeline , 11. Januar 2013 - 16:53 Uhr
79. Demokratie, Berlin: Aneignung mit Fragen
@ Jakeline: Eben. Wir sind hier nicht in einer Therapiesitzung. Und warum gehen Sie dann auch noch öffentlich auf meine diesbezügliche Frage ein?

Könnten Sie mir ausserdem noch Ihr frei erfundenes Zitat "Ein Problem ist eine Lösung, die nicht mehr funktioniert" ein wenig näher erläutern? Ich verstehe nicht, worauf sich das jetzt beziehen soll. Auf die Demokratie?

Schließlich, mit Aneignung meine ich, genau, das Gelesene auch im Alltagshandeln anzuwenden bzw. das eigene Denken und Handeln danach auszurichten.
Inga , 11. Januar 2013 - 22:29 Uhr
80. Demokratie, Berlin: Loch in der Sohle
@Inga, weil ich die Höflichkeit besitze, auf ihren Text einzugehen, habe ich das Thema Minderwertigkeit angerissen.
Das Zitat ist nicht frei erfunden, sondern ich habe es irgendwo mal gehört oder gelesen und es mir eingeprägt. Mir scheint, wenn Sie keine Quellenangabe haben, können Sie gar nichts mit einem zusammenhängenden Satz anfangen. Sie können das Zitat auf jedes Problem beziehen, sei es privat oder gesellschaftlich,technisch usw. und natürlich auch auf Probleme innerhalb einer Demokratie. Simples Beispiel, nehmen wir an, ihr Schuh hat ein Loch in der Sohle und es kommt Wasser rein, wenn es draußen regnet. Das heißt Sie haben dann ein Problem, nämlich einen nassen Fuß und das ist schlecht, weil Sie dann krank werden können oder schlechte Laune kriegen können. Der kaputte Schuh ist also eine Lösung, die nicht mehr funktioniert (jedenfalls bei Regenwetter). Um also einen trockenen Fuß zu haben, müssen Sie also eine andere Lösung suchen, in diesem Fall, wäre ein heiles paar Schuhe ratsam oder sie gehen einfach nicht mehr raus, wenn es regnet.
Also ich werde mich hüten, jedes Zitat anzuwenden und auch noch mein Denken und Handeln danach auszurichten, Zitate sind für mich eher Anregung als Handlungsanweisung.
Jakeline , 12. Januar 2013 - 11:02 Uhr
81. Demokratie, Berlin: Gegenbegriff
@ Jakeline: Ich habe noch ein Zitat für Sie. Was sagen Sie dazu?:

"Was unsere Zeit von jenem außergewöhnlichen Augenblick Rimbauds unterscheidet, ist der sogenannte kalte Krieg und sein Ende. In Bezug auf die Entwicklung der 'Demokratie' ist der enorme Gewinn, den die westlichen Regierungen daraus ziehen konnten, daß sie 'Demokratie' als Gegenbegriff zum 'Kommunismus' etablieren konnten, kaum zu überschätzen. Sie haben das Wort praktisch in Beschlag genommen und nichts von seinem früheren emanzipatorischen Beiklang übriggelassen. Demokratie ist zu einer Klassenideologie zur Rechtfertigung von Systemen geworden, die das Regieren einem kleinen Personenkreis überlassen - und sozusagen ohne das Volk regieren; diese Systeme scheinen jede andere Möglichkeit als die endlose Reproduktion ihres eigenen Funktionierens auszuschließen." (Kristin Ross, "Demokratie zu verkaufen")

Kristin Ross bezieht sich übrigens auf das Gedicht "Solde" ("Ausverkauft") von Rimbaud:

"Zu verkaufen die unbezahlbaren Körper, außerhalb jedes Volkes, jeder Welt, jedes Geschlechts, jeder Herkunft!"

DAS ist Geschichtslosigkeit pur. DAS ist die Gleichsetzung von Demokratie mit dem Recht, (Menschen als Ware) zu (ver)kaufen. DAS ist die totale Entpolitisierung der Beziehungen zwischen Menschen.
Inga , 12. Januar 2013 - 12:51 Uhr
82. Demokratie, Berlin: nur Schuhe?
@ Jakeline, 80.: Denken Sie eigentlich, ich sei blöd? Ich habe schon verstanden, worauf Sie mit Ihrem selbst erfundenen Zitat möglicherweise hinaus wollten. Aber geht's Ihnen jetzt wirklich "nur" um die Schuhe? Oder eher um die Frage des funktionalen Habens, also um die existentiellen Lebensgrundlagen für JEDEN Menschen?
Inga , 12. Januar 2013 - 13:23 Uhr
83. Demokratie, Berlin: große Wörter
Liebe Inga, wollen Sie mich provozieren? Oder warum schreiben Sie zum zweiten Mal, ich hätte das Zitat erfunden? Und nein, es geht mir nicht um die Schuhe, das war nur ein Beispiel, ein einfaches - die kaputten Schuhe können Sie als Metapher für alles mögliche verwenden, z.B. Jugendkriminalität.
Zu Frau Ross, was soll ich dazu sagen? Finden Sie diese Erkenntnis wirklich neu? Jedes politische System möchte sich solange wie möglich erhalten, besonders diejenigen, die davon profitieren, oder nicht? War es nicht schon immer so, dass der politische Gegner verteufelt wurde? Oder eliminiert? Aus dem Weg geräumt?
Verstehe nicht wieso "außerhalb" beim zweiten Zitat, macht für mich irgendwie keinen Sinn, vielleicht auch einfach nur schlecht übersetzt? Vielleicht wären Sie so freundlich und könnten mal das ganze Gedicht hier reintippen. Nein, es geht mir nicht nur um die Schuhe, sondern darum, dass jeder schöne Schuhe hat und warme Füsse und ne warme Suppe auf dem Tisch und ein schön warmes Bettchen und Zeit und Geld für seine Lieben! Sie werfen aber wieder mit großen Wörtern um sich, Geschichtslosigkeit=Zeitlosigkeit?Demokratie=Sklaverei? Wieso ist das die Entpolitisierung der Beziehungen zwischen den Menschen? Das müssen Sie mal genauer erklären!
Jakeline , 12. Januar 2013 - 19:51 Uhr
84. Demokratie, Berlin: alle Körper zu Waren
@ Jakeline: Stimmt, Sie schrieben ja bereits, Sie hätten das Zitat irgendwo mal gehört oder gelesen. Jugendkriminalität? Und wie passt das jetzt zu dieser Inszenierung? Davon abgesehen, ich würde mich auch nicht dafür bedanken, wenn ich Opfer von kriminellen Jugendlichen (geworden) wäre. Ich würde eher fragen: Wer trägt hier jetzt eigentlich die Verantwortung? Welche Ursachen stecken dahinter und auf welche Weise wird "resozialisiert", anstatt nur wegzusperren. Man könnte ja zum Beispiel auch mal danach fragen, wer eigentlich verantwortlich ist, wenn ein Jugendlicher aus einer Jugendtheatergruppe plötzlich durchknallt. Die Theaterpädagogin? Wenn ja, müsste diese zumindest die Situation aufklären. Tut sie es nicht, ist das keine Demokratie mehr, sondern Verschleierung.

Das ganze Rimbaud-Gedicht werde ich hier nicht reintippen. Recherchieren Sie doch bitte selbst im Internet oder in der Bücherei. Es geht darin für mich um die Mechanismen des Kapitalismus, welcher alle Körper zu Waren macht, ohne ihre Individualität, ihren Eigensinn und ihre geschichtliche Gewordenheit zu berücksichtigen. Hinterfragt wird die Durchdringung der Beziehungen zwischen Menschen durch den Markt. Das können Sie sowohl auf innerstaatlicher als auch auf globaler Ebene beobachten, schauen Sie nur einmal auf die Ausbeutung der sogenannten "Schwellenländer" und/oder des "Nahen Ostens" durch das globalisierte Finanzkapital, Stichwort: Öl, zum Beispiel.
Inga , 13. Januar 2013 - 13:18 Uhr
85. Demokratie, Berlin: Männerparade
@Inga: Jugendkriminalität war auch nur ein Beispiel und das passt wohl tatsächlich nicht in die Inszenierung, vielleicht peripher, aber auch das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich mir das Stück nicht angesehen habe und auch nicht ansehen werde und jetzt fangen Sie bitte nicht an, mir vorzuwerfen, wie ich denn überhaupt etwas hier schreiben kann, wenn dem so ist, sie sehen ja, ich kann es. Mich interessieren alte Politikskandale nicht, vor allem nicht wenn es eine reine Anzugträger-Männerparade ist, und Schlager-Playbackshow auch nicht. Unser Briefverkehr hat sich halt in diese Richtung entwickelt, angefangen hat es mit der Unterrepräsentation von Frauen in dem obigen Stück.
Ich glaube, Jugendliche in Theatergruppen ticken eher nicht aus, sie können ja auf der Bühne austicken und ich glaube auch nicht, dass dann die Theaterpädagogin dafür verantwortlich gemacht werden könnte, sondern, dass eher tieferliegende soziale Ungerechtigkeiten dafür ausschlaggebend sind. Und da wären wir wieder bei der Politik, die dafür Sorge tragen sollte, dass alle Kinder und Jugendlichen (und zwar nicht nur formal) die gleichen Chancen und Möglichkeiten, und zwar unabhängig davon, wie sehr sich die Eltern da reinhängen, manche tun es nämlich überhaupt nicht, weil sie nicht wollen oder nicht können,haben. Das Bildungspaket ist auch so ein formaler Witz, der echt nicht zum Lachen ist und das oft nicht bewilligt wird, obwohl ausreichend Gründe vorliegen und welches zugleich noch für die betroffenen Kinder äußerst diskriminierend ist (sie werden vor der Klasse, der ganzen Schule, dem Sportverein bloßgestellt als Hartz IV-Loser). Kinder deren Eltern nicht in der Lage sind, entsprechende Anträge zu stellen bzw. einzuklagen, haben vom Bildungspaket gar nichts. Und das ist die Scheinheiligkeit der Politik, deswegen interessiere ich mich auch nicht für Politik im Sinne eines Bühnenspektakels, sei es im Reichstag oder im DT! Das Gedicht habe ich nicht gefunden im Netz und ich werde es mir auch nicht in der Bücherei ansehen, weil mir ihre Anmerkungen dazu nun ausreichen. Ich glaube, Sie sehen das alles zu schwarz, Kapitalismus ist nicht nur schlecht und sicher nicht jeder muss seinen Körper verkaufen, aber es gibt eine große Kluft zwischen Arm und Reich und sehr viele menschenunwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen und soziale Ungerechtigkeiten und das ist eine riesengroße Sauerei! Das liegt aber an denen, die die Hebel in der Hand haben und das sind Menschen! Es ist leicht immer alles auf ein politisches System zu schieben.
Jakeline , 13. Januar 2013 - 20:04 Uhr
86. Demokratie, Berlin: nicht umsonst
@ Jakeline: Sie können aber auch nicht alles "der Gesellschaft" anlasten. Es kommt immer AUCH auf die individuelle Anstrengung des Einzelnen drauf an. Nicht umsonst heisst es bei Marx "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Es gab immer schon Unterschiede zwischen Menschen, und die sollten Sie auch respektieren. Nicht aber in der Weise, um damit unhaltbare soziale Strukturen - muss es zum Beispiel Höchsteinkommen geben, die weit mehr als das Tausendfache der Mindesteinkommen betragen? - zu rechtfertigen. Davon abgesehen, sind wir zum Glück nicht alle gleich bzw. gleichgeschaltet.

Und was machen Sie mit den Opfern von Jugendgewalt? Sagen Sie denen dann auch immer nur, ja, sorry, aber das liegt nunmal an den gesellschaftlichen Strukturen? Ich würde das als zynisch empfinden, ohne jedes Mit- und Verantwortungsgefühl.

Warum verwenden Sie den Begriff des "Reichstags"? Entschuldigen Sie bitte, aber im Dritten Reich leben wir dann wohl doch nicht (mehr), Sie sollten schon versuchen, das ein wenig zu differenzieren. Oder haben Sie konkrete Anhaltspunkte für diese Annahme?

Das Problematischste ist für mich schließlich, wenn sich Menschen, denen es von den Arbeits- und Lebensbedingungen her ähnlich geht, auch noch wechselseitig das Leben zerstören, anstatt sich zu solidarisieren. Sowas macht mich traurig. Ja, es stimmt also, ganz wie Sie es sagen, es kommt tatsächlich auf den einzelnen Menschen drauf an.

Wenn eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich ist, dann läuft grundsätzlich etwas falsch. Erich Fromm hat das bereits 1976(!) in seinem Buch "Haben und Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft" thematisiert. Das Erschreckende daran ist: Die meisten seiner Veränderungsvorschläge gelten bis heute:

- Die Ausrichtung der Produktion auf einen "gesunden und vernünftigen Konsum".
- Gesunder und vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn wir das Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden, drastisch einschränken.
- Um eine am Sein orientierte Gesellschaft aufzubauen, müssen alle ihr Mitglieder sowohl ihre ökonomischen als auch ihre politischen Funktionen aktiv wahrnehmen. Das heißt, daß wir uns von der Existenzweise des Habens nur befreien können, wenn es gelingt, die industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie (participatory democracy) voll zu verwirklichen.
- Die aktive Mitbestimmung im politischen Leben erfordert maximale Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik.
- Aktive und verantwortungsvolle Mitbestimmung ist nur möglich, wenn das bürokratische durch ein humanistisches Management ersetzt wird.
- In der kommerziellen und politischen Werbung sind alle Methoden der Gehirnwäsche zu verbieten.
- Die Kluft zwischen den reichen und den armen Nationen muß geschlossen werden.
- Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen.
- Die Frauen sind von der patriarchalichen Herrschaft zu befreien.
- Ein wirksames System zur Verbreitung von objektiven Informationen ist zu etablieren.
- Die wissenschaftliche Grundlagenforschung ist von der Frage der industriellen und militärischen Anwendung zu trennen.
- Eine unabdingbare Voraussetzung einer neuen Gesellschaft ist die atomare Abrüstung.

Wir leben nicht in Banken, sondern in Städten.
Inga , 14. Januar 2013 - 13:26 Uhr
87. Demokratie, Berlin: der Großteil schaut weg
@Inga, ich laste nicht alles der Gesellschaft an und ich pflichte Ihnen bei, dass jeder auch eigene Verantwortung trägt, habe ich was anderes behauptet?! Ich finde es auch nicht gut, dass manche soviel verdienen und andere nicht wissen, wie sie die nächste Stromrechnung bezahlen können.
Klagen Sie mich doch nicht immer so an! Was ich mit Opfern von Jugendgewalt mache? Na, meistens nichts, kann mich doch nicht um alles kümmern, bin damit beschäftigt, mein eigenes Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Wenn ich persönlich jemanden kenne würde, würde ich der Person zumindest Trost spenden und mentale Unterstützung anbieten bzw. versuchen, die Sache aufzuklären, sofern ich dazu in der Lage wäre. Zivilcourage habe ich schon mal bewiesen, nachdem ich einen jungen Mann aufgefordert hatte, seine Ex-Freundin/Anschafferin? nicht zu bedrohen und zu attackieren(auf dem Bahnhof), das wäre beinahe eskaliert, kann ich Ihnen sagen. Und da beide auch drogenabhängig waren, war das nicht ganz ungefährlich, zumal der Typ richtig ausgetickt ist. Das Problem bei sowas ist doch immer, dass der Großteil der Leute wegschaut, wenn es sie nicht selbst betrifft oder wenn sie denken, dass die Situation zu gefährlich ist und sie nichts ausrichten können. Auch ich habe schon mal nichts unternommen, als ich einen Angriff gegen jemanden gesehen habe, da man gegen einen ganzen Haufen gewaltbereiter, besoffener Hooligans nichts ausrichten kann und sich somit auch noch in Lebensgefahr begibt. Ich habe schon Mit- und Verantwortungsgefühl, aber ich bin auch nicht lebensmüde! Die Frage ist doch, warum gibt es so viel Brutalität? Meiner Meinung nach, weil viele keine Perspektiven für sich sehen und selber Opfer von Gewalt geworden sind, welcher Art auch immer. Dass die Menschen sich gegenseitig fertig machen, kann doch den oberen Zehntausend nur recht sein und ist sicher auch gewollt, so haben sie keine Kraft mehr, wirklich gegen etwas anzukämpfen, aber im Grunde ist man schon mit dem ganzen bürokratischen Scheiß so beschäftigt, dass man völlig ausgelaugt ist. Und was machen Sie mit den Opfern von Jugendgewalt? Lesen Sie Ihnen vielleicht Karl Marx vor? oder vielleicht den Tätern? Oder sind sie vielleicht Sozialarbeiterin oder beim weißen Ring tätig?
Ihre zitierten Stichpunkte sind sehr idealistisch und klingen zwar in vielen Punkten gerecht, aber auch sehr nach Verboten und Beschränkungen. Wollen Sie etwa Planwirtschaft? Man hat doch gesehen, dass die nicht funktioniert ... Ich denke, viele wollen diese neue Gesellschaft nicht, weil es vielen einfach darum geht, besser zu sein als der andere, mehr zu haben als der andere, ein schöneres Haus, ein schöneres Auto, einen schöneren Urlaub, ein höheres Einkommen, schickere Klamotten, einen cooleren Beruf. Ja, ich find Krieg auch Scheiße, letztendlich geht es doch wie immer um Ressourcen. Aber immerhin haben wir Dank unserer Politik seit '45 keinen Krieg mehr gehabt im eigenen Land! Inga, ich habe keine Antworten auf die vielen großen Fragen, ich wäre froh, wenn ich wüsste, wie ich die nächsten Monate meine Miete bezahlen kann! Noch froher wäre ich, wenn man gar keine Miete zahlen müsste!
Jakeline , 15. Januar 2013 - 15:49 Uhr
88. Demokratie, Berlin: Reichstag
Zum Reichstag: http://de.wikipedia.org/wiki/Reichstag
Der Reichstag steht nicht nur in Verbindung mit dem Dritten Reich, Reichstag oder Bundestag oder Parlament, das sind doch nur unterschiedliche Namen für ein und dieselbe Sache. Für mich ist das der Reichstag im Reichstagsgebäude.
Jakeline , 16. Januar 2013 - 01:32 Uhr
89. Demokratie, Berlin: menschenwürdig
@ Jakeline: Was ich mit Opfern von Jugendgewalt machen würde? Als das Wichtigste würde ich persönlich - wenn die Täter ermittelt werden können - eine mediatorisch begleitete Täter-Opfer-Konfrontation empfinden. Dadurch würde dem Jugendlichen ermöglicht werden, sich der Verantwortung für seine Tat UND die Auswirkungen auf das Leben des anderen Menschen bewusst zu werden. Ansonsten riskiert man, dass die "Opfer" wiederum zu "Tätern" werden, was einen Kreislauf der Gewalt in Gang setzen würde.

Wie kommen Sie denn jetzt darauf, dass ich "Planwirtschaft" wolle? Ich finde, das lässt sich aus den von Erich Fromm genannten Stichpunkten nun wirklich überhaupt nicht ablesen. Nein, ihm geht es um eine nicht marktkonforme, um eine menschenwürdige Wirtschaft. Konkrete Vorschläge dazu können Sie auch in anderen, aktuelleren Büchern nachlesen, zum Beispiel in Rudolf Hickels "Zerschlagt die Banken. Entmachtet/Zivilisiert die Finanzmärkte" (2012).

Okay, Reichstag. Dieser Begriff klang für mich beim ersten Lesen irgendwie komisch. Aber er ist tatsächlich Teil des aktuellen Sprachgebrauchs. Ich verwende eher den Begriff des Bundestags.
Inga , 16. Januar 2013 - 12:40 Uhr
90. Demokratie, Berlin: dringlichst diskutieren
@ Jakeline: Vor allem, Ihr Satz "Aber immerhin haben wir Dank unserer Politik seit '45 keinen Krieg mehr gehabt im eigenen Land!, das klingt auf mich beinahe unfreiwillig komisch. "Wir" beteiligen uns dafür nämlich gern mal in vielen anderen Ländern dieser Welt an Kriegseinsätzen, welche oftmals nur als humanitäre Einsätze getarnt sind. Und ob all diese Bundeswehrauslandseinsätze zur Verteidigung der äusseren und inneren Sicherheit (oder nicht vielmehr doch der Wirtschaftsinteressen Deutschlands?!) notwendig sind, das müsste man - auch im Bundestag - erst einmal dringlichst diskutieren!
Inga , 16. Januar 2013 - 14:38 Uhr
91. Demokratie, Berlin: keine Kuschelpädagogik
@Inga: Ja, ist mir (auch) beim Schreiben schon aufgefallen, dass in diesem Satz eine gute Portion Egoismus mitschwingt. Dass da vor allem politische und Wirtschaftsinteressen bei den Auslandseinsätzen dahinterstecken, ist mir klar und ich denke, dass es den meisten Bürgern ebenso klar ist.
Wer entscheidet denn was gesunder und vernünftiger Konsum ist? Genau diese Frage hat bei mir den Gedanken an Planwirtschaft ausgelöst.
Die meisten Täter werden aber leider gar nicht gefasst oder zur Anzeige gebracht. Ich finde so einen Täter-Opfer-Dialog nicht unbedingt erstrebenswert und weiß nicht, ob das das Allheilmittel ist und ob die Opfer das überhaupt wollen. Anti-Aggressionstraining fände ich besser und davor 8 Wochen arbeiten in einem Erziehungslager und dann erst wieder das schrittweise Loslassen auf die Öffentlichkeit, beim nächsten Vergehen gleich ab in den Knast. Im Knast kann dann meinetwegen auch pädagogische Betreuung geboten werden, aber Sozialstunden und sowas bringt doch bei wirklichen Problemfällen nichts. Halte nicht viel von Kuschelpädagogik.
Was tun sie eigentlich konkret für eine menschenfreundlichere Wirtschaft?
Jakeline , 16. Januar 2013 - 21:31 Uhr
92. Demokratie, Berlin: R2G
@ Jakeline: Es kommt wohl erstmal darauf an, um welche "Konsumbedürfnisse" es eigentlich geht. Erich Fromm schreibt dazu folgendes: "Wir werden differenzieren müssen, welche Bedürfnisse in unserem Organismus entspringen; welche das Ergebnis des kulturellen Fortschritts sind; welche einen Ausdruck individuellen Wachstums darstellen; welche synthetisch sind und dem Menschen von der Industrie aufgezwungen werden; welche aktivieren und welche passiv machen; welche in Krankheit und welche in psychischer Gesundheit wurzeln."

Es ist also eine Frage der individuellen Entscheidung, nicht eine Frage biblischer Ge- und Verbote und dergleichen autoritären Quatsches.

Wenn Sie sich auf die EU-Agrarreform bzw. die aktuelle Diskussion um die sogenannten "Greening-Flächen" beziehen, dann müsste man das - soweit ich das Thema bis jetzt durchdrungen habe - meines Erachtens mit den Interessen vor allem kleinerer Landwirtschaftsbetriebe abgleichen, welche bei Nicht-Einhaltung der prozentualen Flächennutzung relativ gesehen höhere Abzüge bei der Öko-Prämie als Großbetriebe zu erwarten hätten.

Zum Täter-Opfer-Ausgleich. Ich halte einen solchen für besser als zum Beispiel Erlebnispädagogikreisen für jugendliche Straftäter. Denn nur über einen - natürlich zunächst einmal vom sogenannten "Opfer" gewünschten - Dialog könnte eine ursächliche Klärung der Straftat erfolgen. Was sich erklären lässt, lässt sich besser verstehen. Meistens stecken ja doch komplexere Gründe dahinter. Wenn nicht, dann hat man offenbar das absolute Böse vor sich, Menschen, welche mit voller Absicht und ohne Reue andere quälen, was ich persönlich mir nur schwer vorstellen kann. Was verstehen Sie unter "8 Wochen arbeiten in einem Erziehungslager"? Gibt's sowas? Klingt wie Sibirien, irgendwie. Inwiefern empfinden Sie das als besser als philosophische Gespräche (siehe auch der Film "Die Eroberung der inneren Freiheit" von Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser) und/oder kreative Gestaltung wie Kunst-, Musik- und Theaterprojekte?

Was ich konkret für eine menschenfreundlichere Wirtschaft tue? Zum Beispiel im Herbst diesen Jahres wählen gehen und für "die Richtigen" - R2G (= zweimal rot, einmal grün oder auch rot-rot-grün) - stimmen.
Inga , 17. Januar 2013 - 00:07 Uhr
93. Demokratie, Berlin: in der Tüte
Von Willy Brandt über die Psychologie des gesunden Konsumverhaltens bis zum richtigen Umgang mit jugendlichen Straftätern. Liebe Inga, Ihre Wissenspalette ist beeindruckend. Und jetzt geben Sie auch noch Empfehlungen für das richtige Wahlverhalten. Könnten Sie Ihre Farbspielchen vielleicht noch etwas konkretisieren? R2G, ist das eine neue Sorte Haribo? Naja, die gelben und die schwarzen haben mir auch nie wirklich geschmeckt. Aber die orangenen mochte ich immer sehr. Würden Sie die bitte freundlicherweise in der Tüte belassen?
Stefan , 17. Januar 2013 - 09:39 Uhr
94. Demokratie, Berlin: kein Orange
@ Stefan: Für Sie lasse ich die orangefarbenen Gummibärchen gern in der Tüte. Ich persönlich bin ein wenig skeptisch (geworden), bei den Piraten. Erstmal gibt es unter denen wohl leider auch ziemlich viele Idioten, die nur Chaos und/oder Vollsuff (eine Fehlinterpretation des Begriffs der "liquid democracy"), nicht aber wirkliche politische Alternativen wollen. Zweitens, weil ich mich frage, wie die eigentlich zu politischen Entscheidungen und einer klaren Positionierung kommen, denn das ist mit der Form der Basisdemokratie, welche bisher ja eher in ausserparlamentarischen Organisationen anzutreffen ist, wohl nur schwer zu vereinbaren. Und dann habe ich vor allem auch deshalb Zweifel, weil die unter Transparenz - zumindest den Gerüchten nach, und auch das benutzen die wohl auch noch zur politischen Werbung bzw. für ihre Imagepflege - möglicherweise den Einbruch in die Privatsphäre bzw. den Ausbruch von Pornografie verstehen. Sowas kann Leben zerstören. Auch an den Theatern gibt's ja so einige Piraten. Ebenso bei deren Medienpartnern (radio eins, zum Beispiel). Und da wird bei manchen Vorgängen und aus meiner persnlichen Erfahrung heraus eher verschleiert als transparent gehandelt. Genau deswegen werde ICH nicht die Piraten wählen. Schade.
Inga , 17. Januar 2013 - 10:58 Uhr
95. Demokratie, Berlin: Schwarz
Inga, gar nicht wählen finde ich ja auch gut. Für Sie würde ich beim nächsten Mal eine Ausnahme machen und die CDU wählen, egal wie sie heißt.
gast , 17. Januar 2013 - 12:10 Uhr
96. Demokratie, Berlin: keine gute Koalition
@ gast: CDU? Gott bewahre! Genau. Und das ist ja das Schlimme. Ich habe neulich davon gelesen, dass die Piraten eigentlich auch ganz gut mit der CDU koalieren könnten. I would prefer not to.
Inga , 17. Januar 2013 - 12:30 Uhr
97. Demokratie, Berlin: mehr folgenloser Klatsch
@ gast: Und wissen Sie noch was? Wo wir gerade beim folgenlosen Klatsch sind, über den ja auch Willy Brandt stolperte. Ich frage mich gerade, was da bei der sogenannten Premieren-Prominenz am vergangenen Wochenende im Theater am Kurfürstendamm passiert ist, wo Maria Furtwängler im Stück "Gerüchte ... Gerüchte ..." spielte. U.a. war auch ihr Gatte Hubert Burda zugegen, ebenso der SPD-Asbach-Uralte Egon Bahr und Frau van der Leyen (CDU), welche laut "Berliner Zeitung" "lobte, dass Maria Furtwängler 'sehr authentisch darstellen kann' betrunken zu sein". Natürlich war auch Klaus Wowereit anwesend, welcher besagten Abend mit folgenden Worten belegte "Ein entspannter Abend ...". Ah, ja.
Inga , 17. Januar 2013 - 13:54 Uhr
98. Demokratie, Berlin: verschiedene Konsumbedürfnisse
@Inga: Also unserem Organismus entspringen, bezogen auf das reine Überleben, nicht viele Konsumbedürfnisse, für mich wären das: Essen und Trinken, Schlafen, angemessener Wohnraum (und damit meine ich nicht diese Karnickelbuchtenbehausungen) witterungsgemäße Kleidung, Sex (nur bedingt ein Konsumbedürfnis, Definitionsfrage, zum Überleben aber notwendig), eine am Wohl des Menschen orientierte medizinische Versorgung. Das wären also die grundlegenden Bedürfnisse, die dafür nötigen Güter zählen somit auch zu den grundlegenden Konsumbedürfnissen, das wären: Fleisch, Getreide, usw. Wasser, Baustoffe, Baumaschinen, Stoffe/Textilien, Medikamente und medizinische Technik.
Schwieriger ist es schon festzulegen, was Konsumbedürfnisse des kulturellen Fortschritts sind. Ich bräuchte zum Beispiel kein Auto und auch kein Flugzeug für den privaten Gebrauch, viele andere wohl schon. Betrachtet man die Umweltbelastung durch Autos und Flugzeuge dann muss man sich fragen, kann man das wirklich als kulturellen Fortschritt betrachten. Reichen Eisenbahn und Schiffe nicht aus und ist die Langsamkeit nicht viel schöner? Elektrizität, Radio, Fernsehen, Computertechnologie, Gentechnologie - Fluch oder Segen?
Die Frage nach den Konsumbedürfnissen des individuellen Wachstum lässt sich am schwierigsten beantworten, denn woran erkennt man denn sein eigenes Wachstum bzw. ist man sich der Quellen und der Ursachen des individuellen Wachstum überhaupt bewusst? Meines Erachtens ist es vor allem der Erfahrungsaustausch mit anderen Menschen, also soziales Lernen. D.h. dann müssten Grundlagen geschaffen werden, Orte und Räume (ein großes Danke an diese Seite mal an dieser Stelle) wo soziales Lernen möglich ist. Dazu zählt für mich natürlich auch die Kunst. Meiner Erfahrung nach sind es Schulen und Universitäten nur in sehr begrenztem Maße und auch Familien sind es nicht, denn wenn man Glück hat redet man angeblich durchschnittlich 6 min am Tag.
Es könnte alles so schön sein, wenn es nicht so viele Egoisten geben würde und wenn wir nicht in diesen technokratischen und was soziale Rollen betrifft, überholten Strukturen gefangen wären.
Wie meinen Sie das mit Einbruch in die Privatsphäre und Ausbruch von Pornografie. Also letzteres ist doch schon längst ausgebrochen, oder etwa nicht?
Jakeline , 17. Januar 2013 - 14:13 Uhr
99. Demokratie, Berlin: nur die Kontrolle herrscht
@ Jakeline: Ich würde Ihnen zustimmen, brauche aber neben eher wenig Fleisch auch Gemüse und Obst sowie nicht nur Sex, sondern vielmehr Liebe, im Sinne von Geborgenheit, Hautkontakt, Nähe, Sinnlichkeit, Zärtlichkeit. Nicht egal, mit wem. Zudem bin auch ich gegen den rasenden Stillstand, also eher für Ent- als für weitere Beschleunigung. Ob vor allem die Computertechnik ein Segen oder ein Fluch ist, das zeigt sich ja schon lange in diesem nachtkritik-Forum. Wo bloß anonyme Shitstorms walten, lässt sich ein öffentliches Gemeinwesen nicht gestalten. UND: Wo der Überwachungsstaat mitschreibt, herrscht keine Freiheit, denn Freiheit herrscht nicht. Nur Kontrolle herrscht.

Ich empfinde die reine Präsenz von Pornos als unsinnlich, und mich regt das auch überhaupt nicht an. Meine Vorstellungskraft kann das viel besser. Ausserdem empfinde ich Andeutungen und Lücken viel erotischer als platte Nacktheit. Auch die alte Malerei ist in meiner Wahrnehmung oftmals weitaus sinnlicher als die allzu realistische Aktfotografie. Wie meinen Sie das, dass die Pornografie schon längst ausgebrochen ist? Auf Werbeplakaten? Kommt ja immer auch drauf an, in welchem Kontext das stattfindet.
Inga , 17. Januar 2013 - 14:54 Uhr
100. Demokratie, Berlin: Ratschlag
mehr machen als quatschen...
gast/-ästin , 17. Januar 2013 - 16:07 Uhr
101. Demokratie, Berlin: wir quatschen nicht
@Inga, mit dem Erziehungslager meine ich tatsächlich einen von der Öffentlichkeit abgeschirmten Bereich, wo es vor allem darauf ankommt, Werte vermittelt zu bekommen, wie ein friedliches Miteinander möglich ist und wie man Verantwortung für sich und andere und seine Handlungen übernimmt. Ich denke da nicht an Boot-Camps, wie es sie in den USA für straffällige Jugendliche gibt, wo nur Drill und Disziplinierung und Unterwerfung praktiziert werden. Körperliche Arbeit, Sport und geistige Betätigung, womit ich auch philosophische Gespräche meine, sollten dort die Grundpfeiler sein und nicht das Ziel, Jugendliche zu drangsalieren. Der Grund warum in einem Lager, einfach, damit es die Jugendlichen aus ihrer gewohnten Umgebung und den damit verbundenen Einflüssen rausreißt, um so auch mal eine Außenperspektive auf ihr Leben werfen zu können und halt auch natürlich als Strafe, nicht mehr am normalen öffentlichen Leben teilhaben zu können. So ähnliche Einrichtungen gibt es schon, was ich aber auch nur aus Fernsehreportagen weiß, wobei mir dabei einige Methoden doch sehr fragwürdig vorkamen bzw. das Personal/die Betreuer zum Teil ungeeignet schienen.

Das usw. stand für Gemüse, Obst, Kuchen ...
Ich brauche auch nicht NUR Sex, es war aber in den Überlebensbedürfnissen Teil der Aufzählung. Sex ist für mich nicht nur für die Fortpflanzung gedacht und natürlich ist es auch nicht egal mit wem. Es gehört natürlich ebenso in die Bedürfnisse des individuellen Wachstums. :-)

Dass die Pornografie ausgebrochen ist, damit meine ich auch den Verfall von Werten, z.B. auch dass Vorgeführtwerden und das Sich-Nackigmachen in Talksshow oder die Unmengen an meist frauenverachtenden Pornos im Netz, an die auch Kinder und Jugendliche ohne Probleme rankommen und die ihre natürliche Entdeckung von Sexualität verhindern oder negativ beeinflussen. Vor allem werden dort Rollenbilder suggeriert, die ich total abstoßend finde. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Pornos, bloß die Zugänglichkeit für jeden ist problematisch und das Wie gefällt mir meistens nicht.

@gast/-ästin: wir quatschen nicht, sondern diskutieren und kritisieren, um daraus Erkenntnisse für unser Handeln zu ziehen und Ihnen die Möglichkeit zu bieten, an einem interessanten Dialog teilzuhaben, der für Sie hoffentlich mehr bringt, als Phrasen hervorzubringen!
Jakeline , 17. Januar 2013 - 16:53 Uhr
102. Demokratie, Berlin: Inga wieder und die Redaktion
@ gast/-ästin: Was meinen Sie damit? Genau. (...)

@ Jakeline: Sagen Sie, wie kamen Sie eigentlich nochmal auf Ihr Beispiel "Jugendkriminalität"? (...)

(Liebe Inga, liebe alle anderen,
wir, die Redaktion, glauben, das jetzt der tote Punkt erreicht ist, ausgehend von einer Theaterkritik über die GANZE Politik, das GANZE Leben und ALLE Fragen zu diskutieren.
Ein solcher Fall/Gespräch wie hier, das fast nurmehr unter zweien geführt wird, ist nicht mehr fruchtbar, wenn der Rest der nachtkritik-Öffentlichkeit nicht mehr folgen kann und mag.
Mit herzlichem Gruß
nikolaus merck für die Redaktion)
Inga , 17. Januar 2013 - 23:37 Uhr
103. Demokratie, Berlin: Inga an die Redaktion
Liebe Redaktion, nein, ich bin nicht auf der Website eingezogen. Ich versuche nur, Dinge herauszufinden. Sie verstehen doch sicher, was ich meine? Gegenüber einem parteinehmenden und/oder verschleiernden Journalismus sind glaubwürdige Informationen ein ganz wesentlicher Faktor für das Funktionieren eines demokratisches Gemeinwesen.
Inga , 18. Januar 2013 - 12:06 Uhr
104. Demokratie, Berlin: überall Gedankenpolizei, uijuijuijui
@Inga: Sie hatten Recht, überall Kontrolle, wo man auch hinschaut. Ich bin dafür, dass Sie eine eigene Webseite machen, ohne Herrn Merck als Gedankenpolizei.

@Nikolaus: Schreiben Sie uns doch nicht vor, worüber wir zu Reden haben! Das Stück ist politisch und wir führen hier eine politische Diskussion. Was kann man mehr von einem Theaterstück erwarten, als dass es zum Nachdenken über Fragen der Zeit anregt?
Jakeline , 18. Januar 2013 - 12:21 Uhr
105. Demokratie, Berlin: Stammtisch
Liebe Jakeline, liebe Inga,

ich finde es sehr gut, für die Kommentarspalte von nachtkritik.de, dass Sie beide insistent nachfragen, um die Position der jeweils anderen genau oder besser zu verstehen.
Trotzdem habe ich den Eindruck, Sie führen eine klassische Stammtischdiskussion. Über Pornos, über korrekte Ernährung, über Parteipräferenzen, über den Frieden in Deutschland nach '45 - man kann sagen, Sie kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, das nenne ich Stammtisch.
Natürlich ist Ihnen das unbenommen. Nicht besonders produktiv finde ich es, wenn Sie jede Wortmeldung von Dritten mit einem Wortschwall belegen. Weil es nämlich sich erwiesen hat, dass Logorrhoe potentielle Kommentator_innen abschreckt.
Trotzdem werde ich den Vorwurf der Gedankenpolizei natürlich in meinem Herzen bewegen.
nikolaus merck , 18. Januar 2013 - 12:52 Uhr
106. Demokratie, Berlin: Jugendkriminalität
@ Jakeline: Ehrlich gesagt, ganz Unrecht hat Herr Merck ja nun auch wieder nicht. Auch ich empfinde unsere Diskussion inzwischen als ziemlich zerfasert, besonders Ihre teilweise sehr weit ausschweifenden Beschreibungen zu allem, was Ihnen offenbar gerade so in den Kopf schießt. Auch für mich hat das nichts mehr mit einem sachlichen Themenbezug auf Kuttners "Demokratie" zu tun. Ein wenig mehr Fokus wäre schon nicht ganz schlecht. Wie kommen Sie denn jetzt auf das Thema "Jugendkriminalität"?
Inga , 18. Januar 2013 - 13:45 Uhr
107. Demokratie, Berlin: was das mit Demokratie zu tun hat?
Nein, ganz Unrecht hat der Herr Merck sicherlich nicht. Inga, ich bin nur auf ihre Fragen, ihre Antworten eingegangen, wenn Ihnen das zu ausschweifend ist, beenden wir die Sache hiermit. Das Thema "Jugendkriminalität" ist mir einfach durch den Kopf geschossen auf der Suche nach einem Beispiel für Sie, weil Ihnen die kaputten Schuhe nicht aussagekräftig genug waren, aber wenn man es genau nimmt, steht Jugendkriminalität eher für die nassen Füsse als für die kaputten Schuhe; diese wären dann wohl eher die Ursache für Jugendkriminalität=nasse Füsse. Vielleicht, weil es ein aktuelles Problem unserer Zeit ist, ist mir genau dieses Thema in den Kopf geschossen oder vielleicht auch, weil mich vor allem die Brutalität von Jugendkriminalität erschreckt, z.B. der Vorfall vom Alexanderplatz.

Was das mit Demokratie zu tun hat? Demokratie ist auch, dass man die Themen anspricht, die dem Volk bzw. Angehörigen dessen unter den Nägeln brennen. Was das mit "Demokratie" am DT zu tun hat? Dass ich die mir unter den Nägeln brennenden Themen dort nicht finden kann, und das, obwohl ich das Stück nicht mal gesehen habe. Kuttner würde dazu wohl sagen: "Man muss nicht alles in den Mund nehmen, um zu wissen, dass es nicht schmeckt."
Jakeline , 18. Januar 2013 - 15:48 Uhr
108. Demokratie, Berlin: es wird immer unverständlicher
@ Jakeline: Wie, Sie haben "Demokratie" gar nicht gesehen? Dann verstehe ich jetzt aber noch weniger, warum Sie sich hier so detailiert dazu äussern. Es geht bei dieser Kuttner-Inszenierung - ob sie das nun interessiert oder nicht, und das ist hier dann wohl die eigentliche Frage - doch wohl vor allem um den Bezug auf den Stücktext "Demokratie" von Michael Frayn und nicht um eine dokumentarische Recherche zum Thema "Demokratie". Es gibt zu diesem Thema übrigens ein gutes Buch, welches unterschiedliche Ansätze von unterschiedlichen Autoren beleuchtet, Titel: "Demokratie? Eine Debatte", erschienen bei Suhrkamp.

Von diesem Buch ausgehend, kann ich auch nachvollziehen, was Sie stören könnte. Denn in Kuttners Inszenierung geht es ja zunächst einmal um die Person Willy Brandts als "Gott" oder "König", wohingegen in einer funktionierenden Demokratie ja eigentlich jeder normale Bürger "König" sein sollte - siehe der Rio Reiser-Song.

Die Ursache von Jugendkriminalität seien nasse Füße? Meinen Sie das ernst? Das klingt absurd, ehrlich wahr. Oder meinen Sie das in übertragenem Sinn? Dass Jugendgewalt oftmals eben leider völlig sinnlos ist und unverständlich bleibt? Das wäre in der Tat traurig. Den meisten Jugendlichen, zumindest in Verhältnissen wie in Deutschland, geht es wohl kaum um nasse Füße und/oder fehlende Schuhe, sondern vielmehr um das Haben oder Nicht-Haben von Konsumgegenständen wie Handy, Laptop, iPhone, iPod, angesagte Klamotten, angesagte Schuhe usw. oder um Konsumgüter wie harte oder weiche Drogen. Da kann man schon versuchen zu vermitteln, was eigentlich zählt im Leben bzw. wo die eigentlichen Potentiale stecken.

Schließlich, woher meinen Sie zu wissen, was Kuttner dazu sagen würde? Und warum dieser Spruch mit dem "in den Mund nehmen"? Es wird immer unverständlicher.
Inga , 18. Januar 2013 - 19:14 Uhr
109. Demokratie, Berlin: Jakeline macht Schluss
@Inga, mir scheint, Sie haben nicht wirklich aufmerksam gelesen, was ich geschrieben habe. Ich habe alles gesagt und da ich Herrn Merck nicht verärgern möchte, werde ich nun gar nichts mehr hier schreiben. P.S. Lesen Sie nicht so viele blödsinnige Bücher.
Jakeline , 18. Januar 2013 - 21:45 Uhr
110. Demokratie, Berlin: Bücher sind nicht blödsinnig
@ Jakeline: Ach, Sie meinen den FAUST-Theaterpreis 2010 und die merk-würdige Entgleisung von Finzi und Koch?: "Nimm ihn in den Mund, den Intendantenpenis!" Tja. Was das bloß sollte. Seitdem frage auch ich mich immer öfter, ob das dt nicht auch längst zum Spektakel bzw. zur Benutzeroberfläche verkommen ist, statt eine Archäologie des Wissens zu betreiben bzw. zurück in die Zukunft zu gehen. P.S.: Bücher sind nicht blödsinnig. Oder haben Sie etwas gegen das Lesen?
Inga , 19. Januar 2013 - 00:41 Uhr
111. Demokratie, DT Berlin: funktioniert gut
Sie nutzen den Stoff als Spielwiese und toben sich mit eingestreuten Schlagern aus Ost und West nach Herzenslust aus. Man muss anerkennen: Was leicht in Albernheiten versinken könnte, funktioniert an diesem Abend richtig gut. Die Songs, die vom Band eingespielt und zu den recht synchronen Lippenbewegungen der Schauspieler in die Handlung integriert werden, setzen meist gelungene Pointen und spiegeln das Innenleben oder die Beziehungen zwischen den Protagonisten.
http://www.e-politik.de/kulturblog/archives/203-Juergen-Kutters-Demokratie-Schlager-Geschichtsrevue-am-DT.html
e-politik , 19. Januar 2014 - 09:25 Uhr

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