Willy ist Gott

von Nikolaus Merck

Berlin, 21. September 2012. Der Mann ist ein Star. Wie er da steht, offenes Hemd, Jacke und Weste locker, die Hände lässig ausgebreitet, bereit zu empfangen, vielleicht auch zu segnen. Hoch steigt die Sonne hinter ihm empor, jubelnd steigt der hymnische Gesang: "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf …".

Der Mann heißt Willy Brandt, eben hat er, Bundeskanzler der Bundesrepublik alt, also West, den größten Wahlsieg in der Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eingefahren, es ist das Jahr 1972. Doch die Sonne ist nur ein Scheinwerfer, die Hymne bloß von Udo Jürgens, und die Willy-Wahl lediglich eine Erinnerung vor plissierten Vorhängen im Deutschen Theater zu Berlin.

Nacherzählt und typisiert
Die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner widmen sich, nach Die Sorgen und die Macht von Peter Hacks an gleichem Ort, in dem sie die Vergangenheit der sozialistischen Utopie mit Spott, aber ohne Häme besichtigten, abermals der Wiederaufbereitung ost-west-deutscher Geschichte. "Demokratie", das 2003 uraufgeführte Drama von Michael Frayn über die Kanzlerschaft Willy Brandts, kommt ihrem stereoskopischen Blick entgegen, weil Frayn den Aufstieg und Fall des ehemaligen Emigranten im Kanzleramt aus der Sicht des Stasi-Spions Günter Guillaume schildert, dessen Enttarnung 1974 zu Brandts erzwungenem Rücktritt führte.

demokratie1 560 arno declair hWilly Brandt und seine Truppen unterwegs zum nächsten Schlager. © Arno Declair

Kühnel und Kuttner halten sich eng an Frayns Stück (nur den Schluss haben sie neu gedichtet). Weshalb der Abend über Schillers Kabinettspolitik in "Maria Stuart" kaum hinauskommt. Denn weder analysiert Frayn die Interessenslagen im "Monopolkapitalismus", noch verdichtet er das Konkrete zum Allgemeingültigen. Er erzählt nach. Aus Akten, Zeitungen und Autobiographien. Und typisiert. Also gibt Bernd Stempel denn Herbert Wehner mit notorischer Pfeife, Frisur, Gebell und Tasche als Kontrollfreak mit reichlich Leichen im Altkommunisten-Keller, Helmut Mooshammer den Kanzleramtsminister Horst Ehmke mit schärfstem Ehmke-Scheitel als Antreiber und Daniel Hoevels den Guillaume als sonnenbebrillten, blassen Kundschafter eines fahlgelben Landes.

Revuehaft animinierte Geschichtsstunde
Der Abend in Schlips und Anzug hätte gut auch well made im Fiasko enden können, wären Kühnel und Kuttner nicht auf die Idee verfallen, die angeblich unausgesprochenen Gefühle der Politokraten per ost-westlichem Schlagerliedgut zu veröffentlichen. Wovon du nicht sprechen kannst, davon musst du singen. Was aber auch nicht wirklich stimmt, weil wir bloß einer Olympiade der Lippenbeweger zuschauen und die Schlager mit Gefühlen soviel zu tun haben wie Limonade, die im Rinnstein neben dem Leben herläuft. Den Gesang liefern neben anderen Hilde Knef, Herman van Veen und die Tonbandmaschine, womit die Unternehmung unversehens vom fiaskösen Weg in Richtung Kabarett und Fernsehunterhaltung der achtziger Jahre abbiegt.

So wohnen wir einer revuehaft animierten Geschichtsstunde bei, in der das Kabinett schu-bi-dubi-dua tanzt, derweil der Stasi-Verbindungsmann seinen Bauch bräsig in ein putzig-eiförmiges Stasimobil pflanzt. Hören, denn meistens herrscht hier Botenbericht, von "mehr Demokratie wagen", Ostverträgen und Misstrauensvotum, das dem öligen CDU-Matador Rainer Barzel krachend misslingt, weil die Stasi die notwendigen Stimmen zu Brandts Mehrheit gekauft hat, was wir jedoch hier und heute nicht erfahren. Dafür müssen wir diverse Auftritte von Jürgen Kuttner über uns ergehen lassen, der seine perverse Perückenkollektion und einen Filmschnippsel vorführt, in dem sich Sebastian Haffner über Bismarck und leidenschaftlich abgerissene Türklinken verbreitet.

demokratie2 280 arno declair hDer Spion, der mich liebte: Daniel Hoevels (Guillaume) und Felix Goeser (Brandt)
© Arno Declair
Die moralische Überlegenheit des Charismatikers
Darüber wären wir unverzüglich in die Theaterverdrossenheit versunken, wäre da nicht das Rätsel Willy Brandt. Der einzige deutsche Kanzler, der, trotz Alkoholabusus, Frauengeschichten und Radikalenerlass (der linke Zeitgenossen vom Staatsdienst fernhalten sollte) jemals so etwas wie Heilserwartung bei einem Teil des Publikums zu wecken vermochte. Selbst der von Andreas Döhler mit Prinz Heinrich-Mütze wundervoll ins Rumpelstilzchenhafte gerückte Helmut Schmidt muss bekennen: "Ich bin absolut dazu bereit, der verbreiteten Meinung zuzustimmen, Willy ist Gott." Und Gott ist in der Darstellung von Felix Goeser eine echt coole Sau. Unter mokant hoch gezogenen Brauen beäugt er mal melancholisch, mal lauernd abschätzig das Publikum und seine Truppen. Den "deutschen Kennedy" und ersten "Medienkanzler" beglaubigt die allgegenwärtige Live-Kamera, die Goesers Rockstar-Glamour überlebensgroß auf die bühnebegrenzenden Vorhänge projiziert.

Frayns Stück und mit ihm die Inszenierung paddeln selig in prästabilierter Brandt-Parteinahme. Da geht die Rede von den kleinen, spontanen aber umso wirkungsvolleren Gesten, wie dem Kniefall im Warschauer Ghetto, von der Fähigkeit zuzuhören, von seiner Wirkung auf Frauen. Gezeigt wird das nicht, die Leerstellen füllt Goeser mit entspanntem Herumschlaksen und ironischem Grinsen. Je länger Markwart Müller-Elmaus gelber Pullunder-Genscher den Koalitionsbruch-Dolch im Gewande führt, der frühere Wehrmachtsoffizier Schmidt und Altstalinist Wehner im Chor mit der Springer-Presse gegen den "feigen" Emigranten hetzen, desto mehr nährt das Zuschauerherz die moralische Überlegenheit des Charismatikers. Felix Goeser hält derweil noch die Rotwein-Flasche wie eine Geliebte und wenn nach seinem triumphalen Wahlsieg "immer, immer wieder" Udo Jürgens' Sonne aufgeht, steht er im Licht wie ein anderer Jesus Christus nach der Wiederauferstehung. Seht her, ruft das Stück, ein Mensch. Wirklich ein Mensch?, munkelt die Inszenierung, oder doch ein Messias?

Demokratie
von Michael Frayn, Deutsch von Michael Raab
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Markus Hübner, Video: Jo Schramm, Marlene Blumert, Live-Kamera: Marlene Blumert, Anna Pawlicki, Ane Nicolás-Rodriguez, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Schweighöfer, Helmut Mooshammer, Jürgen Kuttner, Bernd Stempel, Andreas Döhler, Markwart Müller-Elmau, Matthias Neukirch.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Mehr von Michael Frayn? Sebastian Hartmann verschnitt Frayns Nackter Wahnsinn 2011 am Centraltheater in Leipzig mit Was ihr wollt von William Shakespeare.

 

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler grüßt in der Berliner Zeitung (24.9.2012) zunächst die Inspizientin Kathrin Bergel, die den logistisch und technisch hochkomplexen Abend backstage zu koordinieren hatte. Die Souffleuse Marion Rommel bekommt auch ein Lob. Dito der Dramaturg Claus Caesar. Und natürlich der Abend selber, den Seidler als "zeitgeschichtlich forschende, populärwissenschaftliche, staatsbürgerkundliche Polit-Theater-Revue-Bastelarbeit" nicht nur durchaus vergnüglich sonden auch sonst bemerkenswert fand. Michael Frayn hangele sich brav an der Zeitgeschichte entlang, und die Inszenierung "nicht unbrav" am Stück. Dabei ist es für Seidler "die Kühnel-Kuttnersche Hinzufügung", das "Gefühlsimitatsverfahren", das den Abend zum Vergnügen macht: Schauspieler, die ohne Vorwarnung mitten im Satz beginnen, "mit viel Liebe ausgesuchte Schlager zu ... ja was? ... zu playbacken. Und zwar nicht nur lippen-, sondern auch augenbrauen-, zungen-, gaumen- und vielleicht sogar seelensynchron."

Andreas Schäfer schreibt im Berliner Tagesspiegel (23.9.2012): Alle Schauspieler trügen "immer ein Mikrofon griffbereit in der Jackettasche" und fingen "gefühlt alle dreißig Sekunden" an, einen Schlager zu "schmettern", schließlich sei der Abend von Jürgen Kuttner und der arbeite immer mit Video und Musik. Kuttners "Arbeitsweise" beschreibt Schäfer so: "Im aus Trashflicken zusammengenähten Ironiedeckmäntelchen streunt er kichernd über die Bühne, bis er irgendwann Buhh! macht, den Mantel aufreißt und ein sehr aufgeregtes Aufklärertum präsentiert." Das aber nur seine "rührend einfältige Sentimentalität" verdecke. Außerdem schrumpften Kuttner und Kühnel die Figuren, "indem sie ihre Emotionen durch Chansons zu verstärken vorgeben", zu "albernen Witzfiguren des Pop". Nur Bernd Stempel, der Wehner ins "eisig Monströse" entrücke, umwehe die Luft einer "ernstzunehmenden Figur".

Simon Strauß schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (23.9.2012): "Bei Michael Frayn nehme die Guillaume-Affäre geradezu "Shakespearesche Züge" an. Was Kuttner und Kühnel daraus machten, habe allerdings wenig mit Shakespeare, mehr mit Alain Resnais' Film "Das Leben ist ein Chanson" zu tun. Der Schlagermix diene dazu, "Charaktere und Handlung klamaukhaft zu unterstreichen" und Gefühle zu behaupten die dem "trockenen Humor" des Originals "naturgemäß" fehlten. Die Figuren rutschten ab ins "Chargenhafte", "Schunkelstimmung" stelle sich ein. Mit "musikalischem Einfallsreichtum und durchchoreographiertem Slapstick" versuche die Inszenierung Frayn "aufzupeppen". Die "tragisch-sentimentale" Dimension des gefallenen Helden Brandt werde ausgeblendet.

Das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mache aus Frayns "Well-made-Play" "ein lässiges Musical", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2012). Die Schlager der 70er Jahre sorgten darin nicht nur für für Zeitkolorit sondern auch gute Laune. "Brechts guter alter Verfremdungseffekt geht auf den Boulevard und fängt an zu tanzen – und das ist an diesem Abend ohne Zweifel das Beste, was Frayns Stück und den harten, grauen, weltkriegs- und emigrationsgestählten Pfeifenrauchern und Anzugträgern im Bonner Bundeskanzleramt passieren konnte." Mit diesem Abend zur deutschen Geschichte werde das Deutsche Theater seinem Namen "auf das Schönste" gerecht.

"Das Bonner Palais Schaumburg wird zur Berliner Bühne im Playback-Modus. Die Gema freut sich. Purple Schulz, Hildegard Neff, Udo Jürgens, aber auch Rio Reiser und Rammstein", schreibt Jasper Fabian Wenzel in der Welt (26.9.2012). Entspannung nach außen sei das Thema, zwischen Intellektuellen und Politik, zwischen Geist und Macht. "Bei soviel Harmoniebedarf passt Schlagermusik prima: Wie hat der Pop das damals abgeholt?" Fazit: "Mitunter untermalen die Strophen das Gespielte zu genau, wirken zugleich gezeigter und behaupteter Hochmut, Zweifel, Trivialität überzogen – Schlager als bewusstseinserheiternde Kitschnotiz."

 

 

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