Dritter Weg statt McTheatre

von Christopher Balme

Hildesheim, 9. Januar 2013

These 1

Der Titel des Vortrags stellt eine contradictio in adjecto dar. Europäisches Theater, zumal deutsches Theater, steht im diametralen Gegensatz zum Begriff der Kulturindustrie, wie er von Horkheimer und Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" formuliert wurde. Das deutsche Theatersystem wurde ja entwickelt, damit sich Theater den gnadenlosen Mechanismen des Marktes, den Gesetzen von Angebot und Nachfrage entziehen könne. Auch kann das Theater als Kunst des Hier und Jetzt, der Feedback-Schleife der Kopräsenz, kaum mit der gegenwärtigen Diskussion um Globalisierung in Verbindung gebracht werden.

These 2

Historisch betrachtet war das deutsche Theater jedoch viel stärker verwoben mit der Kulturindustrie als allgemein angenommen. Die großen Sternstunden deutscher Theaterkunst – das Deutsche Theater Max Reinhardts, Brecht/Weills "Die Dreigroschenoper", Otto Falckenbergs Münchner Kammerspiele, das Kabarett usw. – waren allesamt privatwirtschaftliche Unternehmungen. Auch das gute, gar nicht so alte Stadttheatersystem wurde von den meisten Städten privatwirtschaftlich finanziert und gewinnorientiert organisiert. Erst unter dem Einfluss sozialdemokratischer Politik nach 1918 setzte seine 'Sozialisierung' ein, mit dem Ziel, es in die jeweilige Staats- oder Stadtverwaltung zu integrieren, ein Prozess, der erst unter den Nationalsozialisten erfolgreich zur Vollendung gebracht wurde.

These 3

Der Begriff der Kulturindustrie muss neu und differenzierter betrachtet werden. Es lohnt ein erneuter Blick auf die Veröffentlichung der UNESCO aus dem Jahr 1982 "Cultural Industries: a challenge for the future of culture". Hier beginnt eine Umfunktionierung des Konzepts von einer ausschließlich negativen hin zur einen positiven Begriffsbestimmung: Kulturindustrien können die Ausübung künstlerischer Berufe und Kreativität im Allgemeinen radikal transformieren, den Austausch zwischen Künstlern und der Bevölkerung fördern und, vor allem, Bildungsinitiativen, sei es innerhalb oder außerhalb der Schule, frischen Impetus verleihen sowie die effektive Partizipation des Volkes in der Gestaltung ihrer Kultur stärken.

These 4

Die theaterwissenschaftliche Diskussion heute um das Thema Globalisierung verharrt weiterhin in einem Wertesystem, das die Thesen der Frankfurter Schule fortschreibt. Dan Rebellatos Begriff des "McTheatre", um die Musicalindustrie als Verlängerung eines, den Dynamiken der Verwertungsketten und Produktentwicklung verschriebenen Großkapitals zu beschreiben, kann als exemplarisch gesehen werden.

These 5

Gibt es einen dritten Weg zwischen McTheatre einerseits und Theater als verlängertem Arm des Sozialstaats andererseits? In Anlehnung an Anthony Giddens' Begriff des "Dritten Wegs" als Reformvorschlag für eine modernisierte Sozialdemokratie kann man die Erfolgsgeschichte des National Theatre of Great Britain betrachten. Sinkenden Zuschüssen der öffentlichen Hand stehen erhöhte Gesamteinnahmen gegenüber, die vor allem durch den 'Export' erfolgreicher Inszenierungen in den kommerziellen Theaterbereich, nicht nur in London, sondern in verschiedene Länder erzielt werden. Giddens' Begriff der Reflexivität folgend soll argumentiert werden, dass das NT diese Reflexivitätsprozesse auf institutioneller Ebene vollzogen hat.

These 6
Für deutsche Verhältnisse bedeutet dies, Entwicklungs- und nicht nur Kürzungspotentiale aufzuzeigen. Es geht auch darum, dem gegenwärtigen öffentlichen Diskurs entgegenzuwirken, der Kulturinstitutionen als Subventionsempfänger diskreditiert. Wenn in der Süddeutschen Zeitung (am 5.1.2013) ein ganzseitiger Artikel über die Höhe der städtischen Zuschüsse für Kultureinrichtungen unter dem Stichwort "Am Tropf" Position bezieht, dann wird die Wirkung nicht lange ausbleiben. Vom Tropf zur Palliativmedizin ist nur ein kleiner Schritt. Wenn 85% der Einnahmen der meisten Theater öffentliche Zuschüsse ausmachen, dann ist es auch einfacher, den Hahn abzudrehen, den Off-Switch zu betätigen. Das Beispiel des NT zeigt aber vor allem, dass öffentliche Gelder im Sinne von Investitionen und nicht nur als Verlustausgleich verwendet werden können. Kulturindustrie bedeutet dann eine komplexe Verflechtung von öffentlichen Zuschüssen, kommerziellen Einnahmen, Spenden, Sponsoring, Fundraising, aber auch von accountability. Jedes börsennotierte Unternehmen in Deutschland gibt mehr finanzielle Informationen preis als die meisten öffentlichen Theater hierzulande.


balmeChristopher Balme, geb. 1957, seit 2006 Professor für Theaterwissenschaft an der Universität München; Herausgeber der Zeitschrift Forum Modernes Theater und Präsident der International Federation for Theatre Research; Projektleiter der Weiterbildung Theater- und Musikmanagement. Wichtige Publikationen: Texte zur Theorie des Theaters, hrsg. mit Klaus Lazarowicz; Decolonizing the Stage: Theatrical Syncretism and Post-Colonial Drama (1999); Einführung in die Theaterwissenschaft (1999). Das Theater der Anderen (Hg.) (2001); Pacific Performances: Theatricality and Cross-Cultural Encounter in the South Seas (2007); Cambridge Introduction to Theatre Studies (2008).

 

Mehr zur Vorlesungsreihe: www.uni-hildesheim.de

Alle Hildesheimer Thesen sind im Lexikon zu finden.

Siehe auch: die Stadttheaterdebatte auf nachtkritik.de

 

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