Der "Schafft-sie-weg!"-Reflex

von Steffen Becker

München, 8. Februar 2013. Denken Sie an die seltsame Type in der U-Bahn, neben die Sie sich nicht setzen wollen. Denken Sie an das schwarze Schaf der Familie, das Sie nicht zu Ihren Feiern einladen. Denken Sie an Ihre Nachbarn oder Ihre Kollegen, die irgendwie komisch sind und über die Sie sich lustig machen – weil es die Zeit vertreibt oder weil es Sie selbst aus der Schusslinie nimmt. Anschließend gehen Sie in "Fegefeuer in Ingolstadt" in den Kammerspielen München.

Regisseurin Susanne Kennedy wirft Sie dort in einen kalten, kahlen Bühnenraum, der durch Schrägen und geschickte Anordnungen in seinen Proportionen verrutscht wirkt – wie die verzerrte Kopie von Kleinbürgerlichkeit. Gleiches gilt für die Personen, die ihn benutzen. Die schwangere Olga, ihre eifersüchtige Schwester Clementine, ihr Vater, der stinkende Nachbarsjunge Roelle, seine Mutter und das undurchsichtige Duo Protasius und Gervasius. Marieluise Fleißer hatte ihr 1926 uraufgeführtes Erstlingswerk als Zusammenprall ihrer klösterlichen Erziehung und der Werke Lion Feuchtwangers und Bert Brechts beschrieben. Susanne Kennedy deutet das Fegefeuer in Zeiten des Rückzugs kirchlicher Moralvorstellungen um. Die Hölle sind bei ihr nicht Religionsgemeinschaften oder Kleinstädte, sondern dass die Figuren in sich selbst gefangen sind.

Zeitlose Hüllen

Die schroffe Kunstsprache der Fleißerin wird bei Kennedy zum Slang schräger Außenseiter, die sich abstoßen, um dazuzugehören. Den Ton lässt sie so abmischen, dass die Schauspieler klingen, als würden sie neben sich stehen. Kostüme (kurze Hose mit Pulli), Mimik (Starren), Gestik (Herzattacke im Epileptikmodus) – alles hat etwas Befremdliches, Alienhaftes an sich. Immer bewusst neben der Spur "normaler Menschen", aber nicht ins Lachhafte gezogen. Die Figuren interagieren auch meist nicht, Kennedy platziert sie wie in einer Familienaufstellung.

Fegefeuer 560 JulianRoeder xWenn Personal und Raum gleichermaßen in den Proportionen verrutschen © Julian Röder

Das komplett Seltsame der Inszenierung ist nur auf den ersten Blick erleichternd – das ist Ironie, das ist nicht echt, das bin nicht ich. Je länger das Stück dauert, umso mehr sickert der Bezug zur eigenen Lebenswelt in die Wahrnehmung. Die Figuren und das Setting sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden, ihre (für heutige Verhältnisse fremden) gesellschaftlichen Rollen sind nur eine Hülle, die für den Fortgang einer Geschichte notwendig sind. Indem die Inszenierung nicht bestimmte Menschen zeigt, sondern Schauspieler, die wie Beobachter ihrer Figuren wirken, legt sie den universellen Kern des Stückes offen. Die Eigentümlichkeit des Kennedy'schen Fegefeuers lässt den Zuschauer wie durch einen Fiebertraum die Gewalt erblicken, die Menschen sich und anderen antun. Auch man selbst.

Man könnte fast Schüttelfrost davon bekommen. Diesen Effekt verdankt der Abend vor allem einem hervorragend aufeinander abgestimmten Ensemble. Kaputt-skurril aus einem Guss. Insbesondere Cigdem Teke als schwangere Olga kann unglaublich ungläubig schauen. Sie verkörpert eine Sehnsucht nach Geborgenheit genauso wie nach Ausbruch und vor allem die Ratlosigkeit, wie das zu erreichen sei. "Ich sehe mich nicht hinaus", sagt sie – es ist der Kernsatz des Stücks. Eine echte Überraschung ist zudem die Paarung Protasius – Gervasius. Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper befeuern vor allem die Auseinandersetzungen der anderen Figuren. Und überzeugen durch harmonische Grausamkeit, sardonisches Lächeln und schwule Zärtlichkeit.

Aggression, Emotion, Gegrummel

Schwächen zeigt der Abend da, wo die Schauspieler nur Staffage für technische Spielereien sind. Kennedy wechselt die Szenen in rascher Abfolge durch einen Kurzschlusseffekt und dramatischen Sound. Die Szenerie hält mit dieser Dynamik der Oberfläche jedoch nicht mit: Licht aus, Brummen an – Möbelstück ist verrückt. Licht aus, Brummen an – eine Figur sitzt nicht mehr, sondern steht. Nach einer Stunde hat sich der Effekt erschöpft, die Inszenierung droht trotz starker Textkürzungen ins Langatmige zu driften.

Doch zum Schluss kochen die Emotionen richtig hoch. Kennedy lässt erst die Figur des Roelle eine Beichte mehrmals ablegen. Innerlich baut sich schon beim zweiten Mal der "Schafft-ihn -weg!"-Reflex auf, mit dem auch die Anderen auf der Bühne auf ihn reagieren. Im Anschluss spricht das Ensemble ein Gebet – gefühlte zehn Minuten, in immer schrilleren Tönen. Ein einfacher Trick, um das Publikum zu nerven. Und es reagiert in Teilen erstaunlich heftig. Man kann sie mit den Händen greifen, die "Was-soll-der-Scheiß"-Aggression gegenüber den Freaks auf der Bühne. Die Buh-Rufer bleiben jedoch in Unterzahl. Unter dem missbilligenden Gegrummel der Zufriedenen verlassen sie die Premiere vorzeitig. Die Mehrheit hat die Reihen geschlossen.

 

Fegefeuer in Ingolstadt
von Marieluise Fleißer
Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Müller, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Dramaturgie: Jeroen Versteele, Ton: Katharina Widmaier-Zorn, Martin Sraier-Krügermann.
Mit: Marc Benjamin, Heidy Forster, Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Edmund Telgenkämper
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

 

Kritikenschau

"Kennedys entschiedener Zugriff auf den Fleißer-Erstling irritiert und polarisiert", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.1.2013). "Das spricht, zumal das Konzept handwerklich und schauspielerisch hervorragend umgesetzt ist, eher für als gegen die Inszenierung." Kennedys Inszenierung wirke "in ihrer Affektivität nach wie ein seltsamer Traum, hinterlässt Horrorspuren". Durch den Playback-Effekt werde die im Stück angelegte Entfremdung von Sprache und Körper perfide auf die Spitze getrieben. "Diese Figuren sprechen nicht, sie führen sich selber auf."

"Was bei Kennedys Konzept zunächst angenehm wirkt, die expressive Verfremdung, stellt sich nach und nach als Langeweilefaktor heraus", findet hingegen Simone Dattenberger im Münchner Merkur (11.1.2013). "Denn die in die Regieidee eingemauerten Figuren interessieren immer weniger. Sie sind nur Schaustücke." Zerhackt werden die Spannungsbögen von vielen "Schwarzblenden" mit Dröhnklang. "Dann gibt es noch den abgedroschenen Einfall von Textwiederholungen, den Kennedy am Schluss zur Gebetslitanei auswalzt: ein wohlfeiler Trick, um Buhs zu kassieren. Das macht aber noch lange keine relevante Regie aus."

"Ein Fake" sei dieser Abend im Voll-Playback, so Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (11.1.2013):  "Die Schauspieler, die dazu Sprechen mimen müssen, stehen wie ausgestopfte Zweibein-Tiere starr glotzend herum, dürfen ab und zu Kopf und Hand bewegen sowie gar – Extrem-Action! – einige Schritte gehen oder umfallen." Kennedy halte ihre Stilisierung nicht einmal durch: "Plötzlich wird am Tisch realistisch getrunken und gegessen, und Clementine muss in High Heels auch noch stumm staubsaugen." Die Frage, was uns das heute über Marieluise Fleißer erzähle, auf die als wichtige Dramatikerin der Kammerspiele-Geschichte im 100. Jubiläumsjahr neu geblickt werden sollte, weiß Lorenz keine Antwort.

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