War's das?

von Michael Laages

Göttingen, 9. Februar 2013. Zugegeben – wer, sagen wir mal, kurz vor Mauerfall geboren ist, wird zu Beginn des neuen Historien-Spektakels von andcompany&Co. am Deutschen Theater in Göttingen womöglich einige Schwierigkeiten mit dem Personal bekommen. Klar, John Lennon ist eine der ewigen Ikonen des vorigen Jahrhunderts und auch nach seiner Ermordung vor bald 33 Jahren allemal wiedererkennbar; auch wenn gegen Ende keine Yoko Ono neben ihm sitzt beim friedensfördernden "bed in" anno 1969 in Amsterdam, sondern ein junger Mann, der den ganzen Abend als "Rudi Dutschke" ausgewiesen wird. Rudi who? Klar – die Kino-Schauspielerinnen Brigitte Bardot und Jeanne Moreau leben beide noch, 80 wird Bardot im nächsten Jahr, 85 Moreau in diesem; aber dass Louis Malles Film "Viva Maria" von 1965 Dutschkes Lieblingsfilm war auf dem Weg der deutschen Revolte vor 1968: wer weiß das schon?

Nachdenk- und Erinnerungsfutter
Und wer war eigentlich Martin, der 1959 als einer der ersten konsequenten Gammler das Bett nicht mehr verließ und unter Decke nichts als coole Sprüche abließ – angeblich gab's einen Film über ihn, der "Zur Sache Schätzchen!" hieß und DER deutsche Kinohit des Jahres 1968 war. Weiß jemand mehr? Wer ist schließlich dieser wunderliche Moderator, der zu Beginn das Publikum immer als "meine goldigen Landsleute" anquatscht; dieser alternde Hippie mit Haaren bis zum Arsch und zuweilen derart auf Gras-Droge, dass er sich für seine eigene Frau hält – das ist "Wolfgang Neuss". Tja. Hm. Interessant.

ZurSache1 560 ThomasMueller xEin bed in für die deutsche Geschichte – "Zur Sache" © Thomas Müller

Vielleicht überschätzen Nicola Nord und Alexander Karschnia, Bühnenbauer Jan Brokof und Musiker Sascha Sulimma ja die historischen Vorkenntnisse der Kundschaft gewaltig. Sicher: Wer die vielen Typen und  alltagskulturellen Assoziationen zuordnen kann, etwa die ZDF-Show mit dem beunruhigend doppelsinnigen Titel "Der Goldene Schuss", der bekommt am Deutschen Theater in Göttingen an einem Abend Nachdenk- und Erinnerungsfutter für mindestens drei oder vier Folgenächte, allein oder zu zweit; doch wer auf die hilfreichen Texte im Programmheft angewiesen ist, mag zuweilen auch außen vor bleiben wie der Ochs vor'm Tor.

Der goldene (Dutschke-)Schuss
Zur Sache – der Hippie Neuss, verstorben kurz vor Mauerfall 1989, kommt zu Beginn schon aus dem Jenseits zu uns herüber, und er bringt sogar den alten Kumpel Wolfgang Müller mit, der als Hobbyflieger bei einem Absturz aus nicht sehr großer Höhe zu Tode kam. Neuss reflektiert den eigenen Ausstieg – wie der Kino-Martin anno 1959 (der jetzt auftritt) wurde er, Neuss, später zum Gammler, saß daheim in der Berliner Lohmeyerstraße 7 und ließ sich von besten Freunden aushalten. Die "Viva Maria!"-Frauen poltern ins Bild und sprengen mal hier und mal da was, und schnell beginnt in dynamisch montierten Szenen das deutsche Gesellschaftspanorama der Zeit: mit den Berliner Demonstrationen gegen den Schah von Persien 1967 und dem an deren Rand ermordeten Studenten Benno Ohnesorg aus Hannover, mit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke ein Jahr später zu Ostern. Perfide und polemisch lassen andcompany&Co. den Dutschke-Schuß des Arbeitslosen Josef Bachmann als Siegerschuß in der ZDF-Show ausführen, wo zuvor rauf und runter Szenen, Mono- und Dialoge der theatralischen Weltliteratur geraten wurden.

Keine Sorge – "Zur Sache" ist (bei aller historischen Last auf den Schultern) frech und fröhlich, der Grundton des Berliner Kollektivs ist wie immer eher ironisch und grotesk. Aber deutlich wird eben auch, dass eine Handvoll bedeutender Toter den Befreiungsprozess der zwischen Verbot und Verdrängung eingezwängten westdeutschen Nachkriegsrepublik begleiten. Hatte nicht Martin, der ewige Faulenzer immer wieder finster geulkt: "Es wird böse enden!" … der Satz war ernst zu nehmen.

Stoff für einen dritten Teil
Auch er sollte ja – wäre es nach dem Drehbuch der Regisseurin May Spils und Hauptdarsteller Werner Enke gegangen – m Film sterben wie Jean-Paul Belmondo in Jean Luc Godards Nouvelle-Vague-Klassiker "Außer Atem". Aber dann war der tote Benno Ohnesorg noch zu frisch in Erinnerung, und Film-Schluss und Schuss wurden geändert: Martin blieb leicht verletzt. andcompany&Co. drehen dieses Hin und Her der Entscheidung (oder Zensur) durch die Rückblenden-Maschine. Dann folgt das "bed in", mit Lennon und Dutschke – und schließlich dem letzten Toten des Abends. Auch Wolfgang Neuss zieht sich da wieder ins durchrauchte Nirwana zurück. "Zur Sache!" kam das Personal von damals nur in engen Grenzen – was "Zur Sache!" heute bedeuten könnte und müsste, außer Marx lesen und Attac unterstützen, bleibt fürs erste ungeklärt. Vielleicht wird ja noch eine Göttinger Trilogie draus.

ZurSache3 560 ThomasMueller xEin Gespenst geht um in Göttingen – "Zur Sache" © Thomas Müller

Schon zum zweiten Mal (nach "Wir Wunderkinder", dem Film von Kurt Hoffmann) haben andcompany&Co. in Göttingen das dort engagierte Ensemble animiert; und auch wenn gelegentlich ein wenig viel geschrieen wird, macht das Zuschauen Spaß. Sarah Schermuly und Andrea Strube sind prächtige Marias, Lutz Gebhardt ist ein schildkrötkluger Neuss. Andreas Jeßing muss immer wieder Polizisten spielen, Andreas Daniel Müller müht sich achtbar mit Dutschkes grandiosem Dialekt, Karl Miller ist Martin, die Bettwurst. In Oldenburg bastelten andcompany&Co. aus Schiller-Material und in deutsch-niederländischer Ko-Produktion den derzeit reisenden Abend "Der (kommende) Aufstand". Die Gruppe wird spürbar unabhängig von den freien Spielstätten mit diesen Stücken für's Stadt- und Staatstheater – und dem Profil hat es bislang nicht geschadet.

Zur Sache!
von andcompany&Co.
Inszenierung, Kostüme, Musik: andcompany&Co., Bühne: Jan Brokof, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Lutz Gebhardt, Andreas Jeßing, Karl Miller, Andreas Daniel Müller, Sarah Schermuly, Andrea Strube.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

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Kritikenrundschau

Wolfgang Neuss zähle ebenso zum Personal dieser mitunter auch sehr klamaukigen Vergangenheitsbefragung wie der Wortführer der Studentenrevolte, Rudi Dutschke, oder Brigitte Bardot und Jeanne Moreau, so Mark-Christian von Busse in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (11.2.2013). So wie sie gespielt werden, haben sie starke Szenen, spielen toll, "deklamieren Parolen, fuchteln mit Pistolen, machen den Reiz der Rebellion, der Gewalt spürbar: Alles muss umgestürzt werden." Die Gegenwartsbezüge - Urherberrechtsdebatte, Occupy-Besetzungen, Netz-Shit-storms - zeigen an diesem Abend, wie ferngerückt der Furor und Zorn, aber auch der selbstgewisse Optimismus der 68er sind.

andcompany & Co. zeichnen ein sehr detailiert recherchiertes politisches Sittenbild der Zeit des Aufbegehrens, schreibt Peter Krüger-Lenz im Göttingener Tageblatt (11.2.2013). Problem sei, dass Karschnia und seine Mitstreiter derart viele Zusammenhänge recherchiert haben. "Wer sich trotz des Wissenrückstandes auf die Inszenierung einlässt, hat viel Spaß an einem sehr unterhaltsam agierenden Ensemble." Vieles sei auch zu erkennen, "und über den Rest kann man im Anschluss an die Vorstellung sehr schön rätseln".

 

 

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