Gefährliche Gefühle

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 5. Juni 2013. Auf der Bühne von Jonathan Mertz schmelzen die Eisquader im Hintergrund Stück für Stück dahin und verwandeln sich in das Wasser, auf das auch der Titel von Maria Milisavljevic' erstaunlicher Arbeit anspielt – die 1982 im sauerländischen Arnsberg geborene, heute in Toronto lebende Autorin hat mit "Brandung", wohl ganz zu Recht, den diesjährigen Kleist-Förderpreis gewonnen.

Im Stück selbst aber hat die Vereisung Bestand – ohne dass dies die Autorin zu einem moralischen Befund verleiten würde. Ganz cool und mit analytischer Präzision zugleich erzählt Milisavljevic von drei Twentysomethings – Ich, Sie, Er, zwei von ihnen haben einen Vornamen: Martina und Vlado –, die eine weitere Person vermissen. Die Studentin Karla wurde zuletzt vor einem Edeka-Laden gesehen, in dem sie Käse für eine Studenten-WG-Pizza besorgen wollte. Jetzt zählen die Drei die Tage, die Karla schon fehlt. Und dabei erzählen sie einander von ihren Gefühlen. Und von deren Widersprüchen. Die Polizei meint: Junge Mädchen machen sowas manchmal. Verschwinden. Aber Karla ist für immer verschwunden.

brandung 560 arnodeclair uVor schmelzenden Eisquadern: Barbara Heynen (hinten), Natalia Belitski und Benjamin Lillie  
© Arno Declair

War es Mord?

Milisavljevic geht es natürlich nicht um den Kriminalfall, auch wenn ein paar "Tatort"-Module mitspielen und von der Regie beiläufig-parodistisch bedient werden. Nach und nach kristallisiert sich heraus, und das ist das Kunstvolle an diesem Text, dass der Kern der Geschichte ein erotischer Konflikt ist. Vlado hat nämlich jahrelang mit "Ich" geschlafen, ohne seine Freundin Karla darüber zu informieren. Und auch "Ich" hat noch einen anderen Lover. Karla muss etwas gemerkt haben. Trotzdem handelt es sich bei ihrem Tod nicht eindeutig um Suizid; es könnte auch Mord gewesen sein. ("Es war Mord", heißt der berühmte letzte Satz in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina", vielleicht der Mutter aller modernen Dreieckskatastrophen.)

Der Regisseur Christopher Rüping hat das Eis zwar zum zentralen Sinnbild seiner Inszenierung gewählt, nicht aber zum schauspielerischen Paradigma. Im Gegenteil: Die drei Spieler betonen – gerade in Anbetracht dessen, dass es sich um einen eher epischen Text handelt – frohgemut die Spiellust, die der Erzähllust der Autorin aufs Schönste entspricht. Milisavljevic hat großes Glück mit der Inszenierung und diesen Schauspielern des Deutschen Theaters – das macht das Glück einer Uraufführung erst vollständig. Das satte, gelegentlich fast überschüssige Textmaterial (es ist das Einzige, was man gegen das Stück einwenden kann) werden die Drei nicht müde, mit Charme und Einsatz zu beglaubigen.

brandung 280h arnodeclair uNatalia Belitski und Benjamin Lillie, im Hintergrund: Christoph Hart © Arno DeclairIronie und Identifikation

Namentlich Natalia Belitski füllt die anspruchsvolle Rolle der Ich-Erzählerin mit einer quecksilbrigen Intelligenz aus, an der man eine helle Freude hat. Indem sie ihren Text permanent gestisch und mimisch kommentiert, schafft sie eine Aura für ihre Figur, in der sich Ironie und Identifikation fast die Waage halten. Schlechtes Gewissen? Davon ist nicht die Rede. Es wird so elegant wegcamoufliert und in hektischen Aktionismus verwandelt, dass nichts davon übrigbleibt. Dieser Vlado, gespielt von Benjamin Lillie, ist ja auch ein allzu schöner und smarter Mann. Und Barbara Heynen, als Martina die Dritte im Bunde, ist zuständig für PR und digitales Management – zeitgemäße Codes, die weit mehr Textstoff liefern als die sentimentalen Kugelschreiberherzen, die Karla so gern auf Gummistiefel und Flip-Flops gemalt hat.

Nicht vergessen sei der vierte Mann auf der Bühne: Mit seiner dicken Brille und seinem seltsamen Fischgewand (Kostüme: Lene Schwind) fällt er komplett aus dem zulässigen Zeitrahmen, hat auch überraschend wenig Text und kommt in Milisavljevic' Skript eigentlich gar nicht vor. Er heißt Christoph Hart, ist der Live-Musiker des Abends, hat eine wunderschöne Bühnenmusik komponiert und verschwindet nach einem hübschen Prolog vorläufig hinter den Eisquadern – ohne allerdings wirklich verloren zu gehen. Er bedient dahinten bloß die Instrumente.

 

Brandung (UA)
von Maria Milisavljevic
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Natalia Belitski, Benjamin Lillie, Barbara Heynen, Christoph Hart.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Virtuos spiele die Autorin mit den Sprechhaltungen, "Erzähltext, Gedanken und Dialoge fließen ineinander, realistische Momente wechseln mit lyrischen Verdichtungen. Maria Milisavljevic treibt die Handlung voran, setzt aber auch ständig Brüche", so Stefan Keim auf DLF Kultur vom Tage (6.6.2013), den Stück erinnere streckenweise an mysteriöse Psychothriller aus dem Kino. "Brandung" sei kein Migrationsdrama, aber es gehe auf einer subtilen, unterschwelligen Ebene um komplexe Heimatgefühle, die auch auf die persönlichen Beziehungen durchschlagen. Fazit: "Auch aufgrund der wachen und gedankenklaren Schauspieler Natalia Belitski, Barbara Heynen und Benjamin Lillie ist diese Uraufführung die gelungenste in der Serie mit neuen Stücken bei den Ruhrfestspielen."

Die Handlung sei zwar mehr als eine simple Personensuche, so viel mehr aber denn doch nicht, schreibt Arnold Hohmann (Waz-Portal derwesten.de, 6.6.2013). Dass zwischen den Beteiligten Eiszeit herrsche, mache schon das Bühnenbild aus lauter Eisplatten deutlich. "Eine Drei- bis Vierecksgeschichte entfaltet sich, auch ein wenig Migrantenproblematik. Und das alles in furchtbar viel bedeutsamen Text gekleidet."

 

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