Begrabt mich, wo ich scheiterte

von Elena Philipp

Berlin, 13. August 2013. Sieben sind's, die sich Glück und Gold entgegen mühen. Ein Häuflein deutscher Auswanderer in den Weiten des kanadischen Nordens. Zusammengeführt hat sie eine Anzeige: Gegen Bares bietet der Geschäftsmann Wilhelm Laser den Deal, sie vom nördlichsten Bahnhof Kanadas auf der Landroute an den Klondike River zu führen. Dorthin, wo das Goldfieber grassiert. Eine Strapaze, die nur eine Einzige von ihnen durchstehen wird: Emily Meyer, zäh und stoisch, schweigsam, aber handfest.

gold 560  schrammfilm uNina Hoss in "Gold" © Schramm Film

Nina Hoss spielt diese Frau, in Thomas Arslans "Gold" – dem "wohl eigenwilligsten Beitrag zum Western-Genre seit den DEFA-Indianerfilmen", wie Moderator Knut Elstermann bei der Berliner Premiere im Filmtheater am Friedrichshain bemerkt. Auf der diesjährigen Berlinale lief "Gold" im Wettbewerb, in einer leicht umgeschnittenen Fassung kommt der Film am Donnerstag mit 40 Kopien in die Kinos.

Allstar-Theateraufgebot

Der Cast liest sich wie ein Allstar-Aufgebot deutscher Film- und Theaterschauspieler: Neben Hoss spielen Peter Kurth, der mit Armin Petras von Berlin nach Stuttgart geht, und Marko Mandić, der in Slowenien auf der Bühne steht und parallel eine Filmkarriere verfolgt. Rosa Enskat ist am Staatsschauspiel Dresden engagiert, Wolfgang Packhäuser war in einem früheren Berufsleben Ensemblemitglied in Wiesbaden, Zürich und Dortmund. Lars Rudolph stand für Schlingensief, Marthaler und Baumgarten auf der Bühne, Uwe Bohm für Zadek. Allesamt Doppelprofis, die locker vom theatralen Überspielen auf das filmische Unterspielen umsteigen. Ihre Figuren sind sorgfältig mit persönlicher Geschichte und Charakter ausgestattet, die sich in lediglich minimaler Mimik äußern. Aufrecht und verschlossen wirkt etwa Hoss' Emily, nur ab und an leuchtet ein innerer Reichtum auf ihrem Gesicht. Sie ähnelt der Barbara, die Hoss für Christian Petzold spielte – wie Arslan ein Regisseur der "Berliner Schule".

Durch deren europäische Filmvorbilder – Nouvelle Vague, Robert Bresson, Michaelangelo Antonioni – gefiltert wirkt denn auch das uramerikanische Genre, dem sich der Berliner Deutsch-Türke Arslan widmet. Ergebnis ist ein tatsächlich eigenwilliger filmischer Hybrid, eher Migrationsmovie denn Heldenhistorie. Ungelenk bewegen sich die deutschen Goldsucher durch die überwältigende Landschaft, erkennbar fremd. Verstohlen klammert sich Nina Hoss an den Sattelknauf, während die Übrigen bereits lässig den einhändigen Westernreitstil imitieren. Erschöpft, mit gerötetem Gesicht steigt sie nach der ersten Tagesetappe vom Pferd – und muss sich von Gustav Müller (Uwe Bohm) dabei helfen lassen, ihr Zelt aufzustellen. "Auch ein Stadtkind", schnöselt der Journalist, der die Reise aus Goldgier wie Ruhmsucht antrat. Eine sehr heutige Figur, dieser aasige Karrierist im historischen Kostüm. Die zeitliche Distanz zwischen Darsteller und Figur stellt Arslan offen aus, kaschiert sie auch in den Dialogen nicht – was "Gold" auf angenehme Weise vom Großteil der derzeitigen deutschen Historienfilmproduktion abhebt.

Lebensbedrohliche Grenzerfahrung

Tagebücher, Briefe, Fotoaufnahmen deutscher Goldgräber im ausgehenden 19. Jahrhundert inspirierten Arslan zum Dreh. Eine Figur wie Emily wird in den 1890ern eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein, heute ist sie ein Idealtypus der starken Frau: Geschieden, unabhängig und freiwillig alleine unterwegs. Aus Bremen stammt sie, war Dienstmädchen in Chicago – und hat nichts, wofür es sich zurückzukehren lohnt in die Zivilisation. Ihr bleibt die Bewegung nach vorne, ins Unbekannte. Emily lernt schnell, nicht nur das Reiten, auch die Handgriffe, die ihr Überleben sichern. Und sie wählt den richtigen Mann – den Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), Trapper und heimlicher Leitwolf der Truppe, der als Einziger in der Wildnis überlebensfähig ist. Wie Emily ist er von biegsamer Härte, ein im Innersten von Humanität geleiteter Outlaw.

gold 560b  schrammfilm uDa waren's nur noch vier... © Schramm Film

Der Reiseführer Laser (Peter Kurth) hingegen erweist sich bald als orientierungslos. Materialisierten sich nicht gelegentlich geisterhaft ortskundige Indigene, um gegen Gebühr den Weg zu weisen, wäre der Treck früh zum Scheitern verurteilt. Ein Wagenrad bricht, die Küchenutensilien müssen auf die Pferde umgeladen werden. Ein Gaul stürzt am staubigen Steilhang, ein weiterer verendet im sumpfigen Wald. Das Unheil rückt den Reisenden auf den Leib, und was Laser als angenehmen Ausritt anonncierte, wird zur lebensbedrohlichen Grenzerfahrung. Arslan bannt seine Figuren in klaustrophobische Bilder, so eng wie der Ausschnitt, den die Reisenden von dem sie umgebenden Gebiet wahrnehmen. Oft filmt die Kamera in Untersicht, beobachtet die Gruppe durch zunehmend dichter werdendes Gehölz, wie aus der unbeteiligten Perspektive eines Tieres. Die E-Gitarre jault verzerrt, die Landschaft spiegelt die Bedrängnis: Ein Tod kündigt sich in grauen, abgestorbenen Baumstämmen an, kaum einmal weitet sich der Blick auf die grandiose Kulisse aus Bergen, Prärie, Wäldern.

Sehr eigene Genre-Interpretation

Laser interpretiert die Lage als ausweglos und stiehlt sich mit dem ergaunerten Geld davon. Bohmer stellt ihn, und nur knapp entgeht Laser einem Akt westerntypischer Selbstjustiz. Über die Frage 'Hängen oder nicht' wird jedoch demokratisch entschieden – ein weiterer Hinweis darauf, dass sich Arslan dem uramerikanischen Genre aus zeitgenössischer Perspektive nähert. Untergründig wirkt in "Gold" eine sehr eigene Interpretation des Genres: Die frontier, die die Siedler in frühen Filmen des Genres immer weiter nach Westen verlegten, markiert bei Arslan die Grenze der individuellen Leidensfähigkeit. Als die dezimierte Truppe nach Wochen im unwegsamen Nirgendwo einen Erhängten entdeckt, der in einer Notiz mit beigelegtem Brief an seine Familie bittet, "bury me here where I failed", da bricht der naiv-gutherzige Familienvater (Lars Rudolph) zusammen, der den Seinen ein besseres Leben ermöglichen wollte. Verstört und gehetzt, nackt wie der erste Mensch, verschwindet er in den Wäldern. Auf immer.

Auch Emily reitet am Schluss allein in die Wildnis, nach einem Shootout im abgelegensten Winkel Kanadas. Als Einzige, die noch übrig ist von diesem versprengten Häuflein Deutscher im Wilden Norden. Eine wahre Westernheldin.

 

Gold
Regie: Thomas Arslan, Kamera: Patrick Orth, Musik: Dylan Carlson.
Mit: Nina Hoss, Marko Mandić, Lars Rudolph, Uwe Bohm, Peter Kurth, Rosa Enskat, Wolfgang Packhäuser.
Dauer: 1 Stunde 53 Minuten
Filmstart: 15. August 2013

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