Ein Herz für die Alltagstraurigkeit

von Kai Bremer

Bielefeld, 22. September 2013. Gesellschaftskritik im Theater ist, wenn eine adrette Frau in einer Kabine hockt, um die Übersetzerin einer Brandrede von Hugo Chávez zu geben, und wenn dessen Kritik am westlichen Kapitalismus und der imperialistischen Ressourcenverschwendung immer wieder die Probleme und Problemchen der anderen Figuren überblendet.

Komödie ist, wenn ein Mann im zu engem Pullunder eine Prostituierte aufsuchen will, damit seine Freundin ihn verlässt. Wenn eine frustrierte Frau unvermittelt Streuselkuchen in fremde Gesichter matscht, wenn ein bärtiger Bubi in beigem Blazer seinen Vater schriftlich bittet, ihm nichts als dessen Brillen zu hinterlassen. Oder wenn die knapp bekleidete Frau, die sich gekonnt um die Stahlstange schwingt, Edith heißt.

wir schweben2 560 philipp ottendoerfer u"Wir schweben wieder" © Philipp Ottendörfer

Melodramatisch und zugleich arg konstruiert ist, wenn der Mann mit dem Pullunder seinem Leben ein Ende setzen will und just in dem Moment, da er zur Tat schreitet, die Tänzerin vorbeikommt und sich zum Baum rettend aufschwingt. Noch melodramatischer (und konstruierter) ist, wenn der Bubi mit dem Sakko die Frustrierte, die sich sicher ist, dass sie nie jemand wahrnimmt, anspricht, um den angehenden Selbstmörder gemeinsam mit der Tänzerin zu retten und diese schließlich glücklich ausruft: "Wir schweben wieder".

Schluss ist im Theater, wenn der titelgebende Satz gesagt ist und es dunkel wird.

Eine Katastrophe ist, wenn's dabei bleibt – ein Glücksfall, wenn nicht.

Wie der Vater, so der Sohn

Für die Uraufführung von "Wir schweben wieder", ein Stück, das schon beim Heidelberger Stückemarkt und bei den Autorentheatertagen am DT in Berlin für Aufmerksamkeit sorgte, war gestern in Bielefeld Dariusch Yazdkhasti zuständig. Er hat hier unter anderem kreuzbrav Tom Peuckerts szenische Kempowski-Biographie inszeniert. Man durfte also neugierig sein, wie er Charlotte Roos' Stück umsetzt – nicht nur, weil es eine variantenreiche Auseinandersetzung mit einem bunten Strauß von Theaterplattitüden ist, sondern allem voran, weil es ein Herz hat für seine vielleicht nicht tragischen, aber immerhin alltagstraurigen Figuren.

wir schweben3 280h philipp ottendoerfer uGitte Reppin in der Übersetzerkabine
© Philipp Ottendörfer
Die engen Möglichkeiten auf der dritten und kleinsten Bühne des Theaters am Alten Markt hat Katharina Kromminga jenseits der Übersetzerkabine für Laura (Gitte Reppin) gar nicht erst groß auszustaffieren versucht: ein paar Stühle, natürlich die Stahlstange für Edith und die Tomaten, die vor Bruno (Lukas Graser) bereits sein Vater gezüchtet hat und derer sich nun der Sohn annimmt, seit er die Brillen des Vaters trägt.

Diese Sparsamkeit lenkt den Blick aufs Detail. Das Zerrissene der Figuren spiegelt sich zum Teil in den Kostümen wieder. Unter der blau-weißen Spießerbluse von Maria (Lisa Jopt) schimmert ihr roter BH, während sie sich beklagt, dass sie niemand beachtet und sie sich offenbar eben danach sehnt. Carl (Niklas Herzberg) trägt zu Beginn einen Ballonseidenblouson in den Farben Venezuelas, während er berichtet, seine Freundin Lena schlafe mit den Typen, deren Rede sie übersetzt.

Vor allem aber lenkt die Kargheit auf der Bühne in der Mitte zwischen den beiden Zuschauerreihen die Blicke auf die Schauspieler. So ist man ganz bei Isabell Giebelers Edith, wenn sie erklärt, wie wenig sie ihre Stangenakrobatik samt der sabbernden Blicke der Männer als Erniedrigung begreift. Sie stockt und schildert, wie es zuvor war, mit anderen Familienmitgliedern auf dem Hochseil zu stehen und in die Blicke zu starren, die nichts mehr ersehnten als ihren Absturz. Doch noch bevor Mitleid um sich greifen kann, schwingt sie sich wieder an die Stange, die sie von dieser Vergangenheit befreit hat.

Am Ende, wenn es zum zweiten Mal dunkel wird und wenn klar ist, dass "Wir schweben wieder" nicht der letzte Satz des Stücks ist, setzt langer, begeisterter Applaus ein. Nicht nur weil Yazdkhasti Roos' Text genutzt hat, um virtuos mit Erwartungshaltungen zu spielen, sondern weil er die rührenden Momente des Texts freigelegt hat, ohne sie zu verkitschen.

 

Wir schweben wieder (UA)
von Charlotte Roos
Regie: Dariusch Yazdkhasti, Bühne/Kostüme: Katharina Kromminga.
Mit: Isabell Giebeler, Lukas Graser, Niklas Herzberg, Lisa Jopt, Gitte Reppin.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten.

www.theater-bielefeld.de

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung stecke voller Liebenswürdigkeit, schreibt Johannes Vetter in der Neuen Westfälischen Zeitung (23.9.2013) über diese "oratorisch konzipierten Psychogramme" von Personen im Kerker sozialer Isolation. Was der Kritiker umso verblüffender findet, als vier der fünf Protagonisten im katastrophischen Verlauf des Abends ums Leben kommen. Auch die Schauspieler werden sehr gelobt. Besonders der Schauspieler Niklas Herzberg kann den Kritiker mit seiner Gestaltung des depressiven Carl beeindrucken.

Kommentare  
Wir schweben wieder, Bielefeld: Rezension ist ...
Nochmals, da mein erster Post es nicht ins Forum geschafft hat:

Rezension ist, wenn erkennbar ist, was der Kritiker eigentlich sagen will.
Wir schweben wieder, Bielefeld: nicht schlau geworden
Der Kritikenrundschau ist jetzt also zu entnehmen, dass es gefallen habe. Das wird, für mich wenigstens, durch die Kritik nicht ersichtlich. Man hat eher den Eindruck der Kritiker macht sich über den Text oder die Inszenierung lustig (Gesellschaftskritik ist..., Komödie ist..., Schluss ist...), wobei mir nicht klar ist, ob er das zu unterscheiden weiß.
Ich habe den Abend nicht gesehen, dafür die Präsentation bei den Autorentheatertagen erlebt und war einfach gespannt, was in Bielefeld aus diesem großartig konstruierten (!) Text wohl gemacht wird. Und so, bin ich leider nicht schlau geworden aus dem Geschriebenen. Schade.
Wir schweben, Bielefeld: Antwort des Kritikers
LiebeR RuferIn,
wie Sie selbst schreiben, ist der Text sehr formbewusst (um mal von unserem 'konstruiert' wegzukommen). Inwieweit der Text, den Sie bei den Autorentheatertagen gesehen haben, noch derselbe ist, weiß ich nicht. Vermute, dass er weiterentwickelt wurde. Die Inszenierung in BI nimmt dieses formale Spiel mit den Erwartungshaltungen sehr vielfältig auf, um es dann wiederum ins Leere laufen zu lassen und zu verkehren. Dem habe ich versucht mit der Kritik gerecht zu werden, nicht nur auf der Aussageebene. Dachte eigentlich, dass Sätzte wie "ein Glücksfall, wenn nicht" und die Begründung am Ende, warum der Beifall so berechtigt war, hinreichend klar machen, dass es ein guter Abend war.

Viele Grüße, Kai Bremer
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