Mittwoch, 22. Oktober 2014

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Nathan der Weise – Ulrich Greb inszeniert eine ruhige Reflexion über Lessings Drama am Schlosstheater Moers

Töpfern für die Toleranz

von Stefan Keim

Moers, 8. Februar 2014. Das Ensemble sitzt um einen großen Lehmklumpen herum. Drei Männer und zwei Frauen murmeln Sätze aus der Ringparabel und aus der Beschreibung eines Pogroms, in dem Nathans Familie ermordet wurde. Dabei kneten sie Figuren. Einer stellt ein liebevoll gemachtes kleines Männchen auf den Berg, ein anderer klatscht seine grobe Skulptur einfach drauf. Plötzlich liegt Aggressivität im Raum. Töpfern für die Toleranz ist doch nicht so einfach wie man glauben könnte.

Alle sind Nathan

Ulrich Greb macht gleich zu Beginn seiner Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" klar, dass er das berühmte Stück nicht bloß neu erzählen will. Zwar hält er sich weitgehend an die Szenenfolge Lessings, doch die Texte sind stark gekürzt und werden manchmal chorisch gesprochen. Vor allem den Schluss, in dem Lessing ein kompliziertes Verwandtschaftsverhältnis über alle Religionen und Nationen hinweg konstruiert, skandiert das Ensemble rhythmisch und ironisch. Die im Text vorgeschriebenen Vielfachumarmungen hatte es bereits nach der ebenfalls gemeinsamen Rezitation der Ringparabel gegeben. Doch als dann heraus kam, dass Nathans angebliche Tochter Recha ein Christenkind ist, wollte plötzlich niemand mehr mit ihr kuscheln.

nathan 4 c 560 jakob studnarHier entsteht die Terracotta-Armee im "Nathan" zu Moers, von links: Frank Wickermann, Marissa Möller, Matthias Heße, Sabine Osthoff, Patrick Dollas. © Jakob Studnar

Einen personifizierten Nathan gibt es nicht in Moers. Alle sprechen mal Texte des Titelhelden. Der reiche und weise Jude erscheint nicht als Mensch, sondern als Geist oder als These. In diesem Konzept fällt natürlich einiges an Spielmöglichkeiten weg, die Inszenierung wird manchmal spröde und sperrig. Auch wenn es eine Lehmschlacht gibt und einige überraschende Bilder. Vor der Ringparabel holen die Schauspieler aus einem Ofen eine Menge gebrannter Figuren und stellen sie auf wie eine skurrile Terracotta-Armee.

Im Feinripp sind wir alle gleich

Zusammen mit der Dramaturgin Jurgita Imbrasaite hat Ulrich Greb einige aktuelle Texte in die Spielfassung eingefügt. Die Schauspieler lesen sie von Zetteln, die an die Wand geheftet sind. Zu Beginn tragen alle fünf Reifrockkleider, die sie später ablegen und in weißer Unterwäsche weiter spielen. Im Feinripp sind wir alle gleich.

Nathan2 280 JakobStudnar xSabine Osthoff, Patrick Dollas und Marissa Möller 
© Jakob Studnar
Ulrich Greb inszeniert allerdings kein klares Diskurstheater. Die Charaktere entwickeln durchaus Beziehungen, zum Beispiel deuten Frank Wickermann und Sabine Osthoff als Sultan Saladin und Schwester Sittah ein ziemlich erotisches Verhältnis an. Und Matthias Heße hat hübsch fanatische Momente als Patriarch von Jerusalem. Natürlich kann man sich die Pointe nicht entgehen lassen, dass der katholische Kirchenfürst meint, alles, was man an Kindern tue, sei Gewalt. Nur nicht das, was die Kirche an Kindern tue.

Spielerisches Nachdenken

Ulrich Grebs "Nathan"-Reflexion ist eine Art Mittelweg zwischen zwei radikalen Interpretationen des Stücks. Die eine stammt von Nicolas Stemann, der den Text am Hamburger Thalia-Theater angereichert mit ein bisschen Jelinek als fast pures Hörspiel ausstellte. Die andere – schon etwas ältere – von Claus Peymann, der in seiner großen Zeit am Bochumer Schauspielhaus den oft als kopflastig verschrienen "Nathan" mit leichter Hand als abgründig märchenhafte Menschheitskomödie inszenierte. Der Moerser "Nathan" stellt nun das Nachdenken über das Drama in den Vordergrund ohne ganz auf die spielerischen Möglichkeiten zu verzichten. Große Begeisterung löst das Schlosstheater damit nicht aus, liefert aber eine respektvolle Auseinandersetzung mit dem Gedanken der Toleranz und den Problemen seiner Umsetzung.


Nathan der Weise
nach Gotthold Ephraim Lessing, Textfassung Jurgita Imbrasaite und Ulrich Greb Inszenierung: Ulrich Greb, Bühne: Birgit Angele, Kostüme: Elisabeth Strauß, Dramaturgie: Jurgita Imbrasaite.
Mit: Patrick Dollas, Matthias Heße, Marissa Möller, Sabine Osthoff und Frank Wickermann. Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schlosstheater-moers.de

 

Kritikenrundschau

Ulrich Greb dreht Lessings Nathan aus Sicht von Karen Kliem auf dem WAZ-Portal Der Westen (9.2.2014 | 18:02 Uhr) "ganz schön auf links, wenngleich er sich nah am stark gekürzten Original bewegt". Er beschwöre viele Bilder herauf, denen der Zuschauer in den durchaus spannenden fast zwei Stunden zu folgen versuche. Dass der "weise Nathan" dabei vom gesamten Ensemble plus Chor gesprochen werde, macht den Zugang aus Sicht der Kritikerin "etwas schwer" und werfe auch Fragen auf: "Alle fünf Schauspieler spielen zunächst in weißen, langen Kleidern, später in weißen Unterhosen. Alle sind gleich?

Auf Anja Katzke von der Rheinischen Post (10.2.2014) wirkt die Inszenierung "fast wie ein Bewusstwerdungs-Trip mit esoterisch angehauchten Bewegungsübungen, die angeblich das Bewusstsein schulen und einen wachen Zustand fördern". Greb schicke seine fünf Protagonisten immer wieder zu Tafeln mit Toleranz-Thesen. "Es sind Sätze wie 'Ich fördere alternative Lebenskonzepte' und 'Ich habe keine Probleme, politische Flüchtlinge aufzunehmen'. Es darf angekreuzt werden: 'Ich stimme zu, ich stimme nicht zu.' Und am Ende passt schließlich auch Lessings 'unter stummer Wiederholung allseitiger ', mit der er den Ausgang seines dramatischen Gedichts offen ließ, wunderbar in diese Inszenierung hinein." Das Moerser Ensemble treibe diese Sätze, so die Kritikerin, "so humorvoll und ausgiebig auf die Spitze, dass die Zuhörer schmunzeln dürfen."




Kommentare (1)

1. Nathan der Weise, Moers: einschmelzen
Leider gibt es in der Ringparabel immer noch das Urbild (jüdisches Original), und die restlichen beiden Ringe sind lediglich Kopien. Korrekterweise hätte man die drei Ringe nochmals einschmelzen müssen, alles gut durchmischen müssen, und dann die drei Ringe als Originale fertigen müssen. Leider war Lessing ein Loser, der wirklich nichts richtig durchdacht hat. Darum hat die so unintelligente Ringparabel auch keinen Antisemitismus verhindert...
Mapologist , 01. März 2014 - 04:21 Uhr

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