Demokratiemangel vorrechnen

von Dirk Pilz

20. März 2014. Die Moskauer Prozesse von Milo Rau bleiben ein ungemein cleveres, streitbares Kunststück. Theater, das zu einer Form von politischer Installationskunst findet, mit der die Bühne keine moralische, sondern eine im besten Sinne intellektuelle Anstalt wird, weil sie die Teilnehmer wie die Zuschauer als Selbstdenker ernst nimmt, nicht zu bloßen Botschaftsempfängern erniedrigt, nicht zu Schulbankhockern macht.

Sie bleiben es auch nach diesem Film. Aber der Film tut etwas, was Milo Rau sonst zu vermeiden weiß: Er verlässt den Anspruch an seine Kunst durch den Hinterausgang der Pädagogik. Er inszeniert den Zeigefinger. Immer ist es Ausdruck mangelnden Vertrauens auf die Kräfte der Kunst, wenn sie glaubt, pädagogisch werden zu müssen. Immer erhebt die Ideologie ihr vielköpfiges Haupt, wenn aus Ästhetik Belehrung wird. 

Das ist das Irritierende an diesem Film: Er dokumentiert, was auf der Bühne zu sehen war, es sind dieselben Menschen, Situationen, Konflikte, aber alles unter anderem, eindeutigem Vorzeichen.

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Immense Unterschiede und Verluste

Nein, es geht nicht darum, dem Film das Theater vorzuhalten um festzustellen, dass sich Film und Theater nicht sinnvoll vergleichen lassen. Dass die Bühne etwas kann, was die Leinwand nie vermag, und umgekehrt. Es geht darum, dass der Film hier das Theater behandelt, als zeige es nicht, was der Fall ist, sondern verkünde, wie der Fall zu betrachten sei. Der Unterschied ist immens, die Verluste sind es auch.

Mit den "Moskauer Prozessen" hat Milo Rau vor einem Jahr drei reale russische Gerichtsprozesse als Theater noch einmal aufgerollt, die beiden Prozesse gegen die Ausstellungen "Achtung! Religion" und "Verbotene Kunst" und jenen gegen Pussy Riot. Die russischen Gerichte verhandelten die vermeintlichen Verletzungen der Gefühle von Gläubigen, sprachen von Blasphemie, Tabu-Brüchen und den Grenzen der Kunst.

Milo Rau ließ diese Fragen binnen drei Tagen im Moskauer Sacharow-Zentrum Beteiligte und Betroffene, Experten, Juristen und Journalisten vor einer Geschworenen-Jury in einem Gerichtsverfahren wiederholen, alles gemäß russischer Verfassung und russischen Gesetzen, aber als Schau-Prozess mit offenem Ausgang. Zu sehen war dabei weder ein Reenactment noch eine Gerichtsshow: Man saß in einer geschlossenen Veranstaltung, in der die Wirklichkeit einer Überprüfung unterzogen wurde. Und man erlebte den seltenen Glücksfall eines Theaters, das mehr ist als die Summe seiner Intentionen.

Unerhörte Freiheit der Fragen

Es war kalt auf den Moskauer Straßen damals, hitzig ging es auf der Bühne und in den engen Zuschauerreihen zu, unübersichtlich, unberechenbar. Die russische Einwanderungsbehörde unterbrach das Theater, Kosaken drängten in den Raum, das Fernsehen kam. In meinem Hotel wussten die Damen an der Rezeption, wohin ich will, bevor ich davon gesprochen hatte. Und im Sacharow-Zentrum trafen Menschen aufeinander, die sich spinnefeind sind, orthodoxe Fundamentalisten und Regierungskritiker, Kunstfeinde und Künstler.

Aber all das schuf nicht diese gleichzeitig elektrisierende und beängstigende Atmosphäre. Sondern die unerhörte Freiheit, mit der hier Fragen gestellt wurden, die vom Westen aus gesehen und gedacht längst beantwortet scheinen: Gibt es Grenzen für die Kunst? Muss sie Rücksicht nehmen, zum Beispiel auf die Gefühle ihrer Rezipienten? Steht sie im Dienst einer anderen Idee, zum Beispiel einer Weltanschauung? Und wozu überhaupt Kunst?

Welch Widerspruchsreichtum: in Moskau sitzen und gerade keine Zeugnisausgabe an Russland erleben, sondern eine exemplarische Verhandlung grundlegender Fragen.

Unterstellte Eindeutigkeit

Und jetzt der Film. Vorspann. Man sieht die Stadt, den Fluss, die Christ-Erlöser-Kathedrale, Schornsteine, Himmel. Milo Rau erinnert aus dem Off an die realen Prozessen. Er sagt: "Alle drei Prozesse verliefen nur äußerlichen nach rechtsstaatlichen Standards. Kirchliche und staatliche Organe arbeiteten reibungslos zusammen, und Zeugen und Experten der Verteidigung der Angeklagten wurde kein Gehör geschenkt. Mit diesen drei Prozessen endete das demokratische Russland." moskauerpfilm1 560 maximlee uMoskauer Neuverhandlung vor laufenden Kameras  © Maxim Lee

Das ist die Brille, die dem Zuschauer aufgesetzt wird. Das soll er sehen, das will dieser Film. Und das ist, was die "Moskauer Prozesse" als Theater gerade nicht wollten: Deutungen vorgeben, die Wahrnehmung festlegen, den Zuschauerkopf abschalten. Im Sacharow-Zentrum durfte – und musste – man selbst denken, vor der Leinwand soll man nicken. Damit steht die Kunst von Milo Rau nackt und schutzlos da, nichtssagend. Sie wird zum Leitartikel, zum Meinungsstück über Russland und Demokratie, über Politik, Kunst und Kirche. Der Film tut damit so, als wäre das Theater auf seinen Inhalt zu bringen: Die Leinwand unterstellt der Bühne Eindeutigkeit. Der Filmemacher Milo Rau grätscht den Theatermacher Milo Rau ins Abseits.

Werbung für die Wirkung

Es war keine gute Idee, dem Theaterregisseur auch die Filmregie zu überlassen, zu angefasst, zu verwickelt ist er in seine Moskauer Theatererfahrungen. Man kann es verstehen. Im Herbst letzten Jahres wollte Milo Rau noch einmal nach Moskau, um mit den Beteiligten der "Moskauer Prozesse" zu sprechen. Man ließ ihn nicht einreisen. Was für ein Erfolg für sein Theater – und was für eine Versuchung für das Kino, daraus einen Werbe-Clip für die Wirkmacht der Bühne zu machen. Milo Rau ist ihr erlegen.

Ja, es ist alles noch da. Man sieht Maxim Schewtschenko, in den Prozessen der Staatsanwalt, wie er sagt, in Russland seien Staat und Kirche identisch, und das sei gut so, das müsse gegen jene modernen Künstler verteidigt werden, die "die Vorhut eines liberal-totalitären Staates sind, eines liberal-faschistischen Staates, der sich in unser Land eingeschlichen hat". Sieht die dankbare Pussy-Riot-Frau Katja Samuzewitsch, weil sie in diesen Theaterprozessen endlich ihre Meinung habe sagen können, was vor einem echten Gericht in Russland unmöglich sei. Erlebt den Politiker und Gründer einer Freikirche Gleb Jakunin, der behauptet, das Moskauer Patriarchat strebe die totale Klerikalisierung des öffentlichen und rechtlichen Raums an. Hört die Kosaken schimpfen, die gesamte Veranstaltung gebe es nur, um Russland anzuschwärzen, hört Dmitri Gutov erklären, Russland kenne schon immer nur Extreme, nicht den vorsichtigen, ausgewogenen Dialog. Die meisten Russen lehnten die Kunst ab, weil sie ihre Identität als Russen zerstört, sagt ein orthodoxer Priester. Der Kurator Marat Gelman meint, es brauche den Schmerz der Kunst, um die Gesellschaft daran zu erinnern, wo es weh tut.

In Moskau bewirkten die aufgebrachten Debatten, dass man auch auf den Gedanken kam, Russland sei nicht von gestern, sondern erlebe Auseinandersetzungen, die dem Westen womöglich noch bevorstehen. Im Film ist es, als solle Russland Demokratiemangel und Aufholbedürfnis vorgerechnet werden: Die Kamera ist immer Partei, die Off-Stimme immer unmissverständlich.

Und zum Abspann: der Pussy-Riot-Song, für den sie verurteilt wurden. Film aus, keine Fragen offen.

 

Moskauer Prozesse
Ein Film von Milo Rau, Deutschland 2013, 86 Minuten

www.realfictionfilme.de
www.the-moscow.trials.com
international-institute.de

Das Buch zum Film erscheint im April 2014 im Verbrecher Verlag, ca. 320 S., 18 Euro

 

Mehr zu Milo Rau: Im November 2013 zeigten die Berliner Sophiensaele die Milo-Rau-Ausstellung Die Enthüllung des Realen.

Der Filmtrailer:Die Moskauer Prozesse

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