Der Frühling unseres Missvergnügens

von Esther Slevogt

22. März 2017. Der Frühling, das ist im Grunde natürlich eine Urangelegenheit aus dem bürgerlichen Heldenleben. Denn kaum sind Flüsse und Bäche (im hiesigen Brandenburg auch die Seen) vom Eise befreit durch des Frühlings holden, belebenden Blick, da grünt im Tal auch schon das bürgerliche Hoffnungsglück. Da flattert wieder das blaue Band durch die Lüfte, wie aktuell Martin Schulz über der SPD.

Die Welt als GIF und Verstellung

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Februar 2017. Richtig aufgefallen ist die Sache im vergangenen Sommer, als mich durch die digitalen Kanäle plötzlich verstärkt sternübersäte Fotos von Leuten mit Hasengesichtern oder zierlichen Mauseöhrchen und Nagerstupsnäschen erreichten. Bald fand ich selbst Gefallen daran, mein Gesicht in die Smartphone-Kamera zu halten und mich in ein Alice-in-Wonderland-lookalike Kaninchen zu verwandeln, rosa Herzen als Sprechblasen auszustoßen, mir digitale Blumenkränze aufzusetzen oder Videoschnipsel zu produzieren, in denen ich als Manga-Figur mit verzerrter Stimme wiedergeboren werde.

Weil ihr es wert seid

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Januar 2017. Dass ich das noch erleben darf, in meinem bürgerlichen Heldenleben! In einer Stadt geht dieser Tage einer der spektakulärsten und schönsten Bauten der letzten Jahre ans öffentliche Netz, und es ist kein Büro- und Luxuswohnungsturm, der sich in schwindelerregende Höhen windet, kein güldener Tower, keine Shoppingmall, mit der zum x-ten Mal den üblichen verdächtigen globalen Marken eine glitzernde Lokalumrandung gegönnt wurde. Vielmehr handelt es sich um einen Ort, der schon fast anachronistisch schien in unseren Zeiten, in denen man lieber Theater schließen oder abreißen will (siehe Düsseldorf, siehe die Berliner Ku'dammbühnen) statt neue Orte des öffentlichen Kunstgenusses zu eröffnen: einen Bau, den man im Wesentlichen nur betritt, um dort friedlich einem Konzert zu lauschen. Oder ist da doch noch mehr?

Ein digitaler Raum, was sonst?

von Esther Slevogt

8. November 2016. Unsere Theater verstehen sich gerne als die letzten Schauplätze bürgerlicher Öffentlichkeit, die noch nicht von marktorientiertem Denken geprägt und von Wirtschaftsinteressen privatisiert worden sind. Unter diesem Denken hören Orte nämlich auf, öffentlich zu sein; nur merkt man es manchmal nicht gleich. Privatinteressen (und nichts anderes sind Wirtschaftsinteressen) drohen inzwischen alles platt zu machen, was nicht unmittelbar monetarisierbar ist beziehungsweise einer Monetarisierung im Wege steht. Auch staatliche Einflusssphären werden unter diesem Druck zunehmend aufgeweicht.

Aus dem Alltag einer Theaterabgrenzungsbeauftragten

von Esther Slevogt

5. Oktober 2016. Ja, früher war auch das Kritikerleben noch über- und vor allem durchschaubar. Beziehungsweise das Kritikerinnenleben. Denn da waren zumindest die Grundlagen klar. Zum Beispiel, dass der Typ da auf der Bühne mit dem Totenschädel in der Hand nicht wirklich ein verwirrter dänischer Prinz, sondern Schauspieler XY war. Dass ich aber für die nächsten zwei, drei oder wie viele Stunden auch immer einfach einen dänischen Prinzen in ihm sehen würde. Und auch glauben würde, dass es sich bei dem Schädel in seiner Hand nicht um ein Plastikteil aus der Requisite, sondern um den sterblichen Überrest eines früheren Hofnarren handelt, der von zwei Totengräbern, die sich gerade ebenfalls auf der Bühne befanden, soeben beim Ausheben eines neuen Grabes wieder zu Tage befördert wurde.

Der Toaster ist schuld!

von Esther Slevogt

28. Juni 2016. Das hatte doch mal was, dieses bürgerliche Repräsentationssystem. Man wählt jemanden, der etwas besser kann oder weiß als man selber und vertraut dann darauf, dass der oder die einigermaßen so denkt und handelt wie man selbst. Natürlich nicht ganz genau: Immerhin ist diese*r Repräsentant*in Ergebnis der Vielen, die ihn oder sie gewählt haben und die ebenfalls darauf vertrauen, dass ihre Interessen berücksichtigt werden. Doch dieses Vertrauen ist offenbar weg.

Das große Eintauchen

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Mai 2016. In der letzten Zeit wird im Theaterwesen viel mit einem neuen Wort gewedelt, das eigentlich so neu nicht ist. "Immersion" ist das Wort, es bedeutet ungefähr so viel wie Einbettung oder Eintauchen. Und es ist anscheinend ein neues Zauberwort. Sogar auf dem Netzkongress "Republica" (der bisher nicht durch besonderes Kunstinteresse aufgefallen ist) hat man sich in diesem Jahr dieses neuen Trends angenommen und die "Performersion" erfunden: ein Programm, das die "Immersion" mit der "Performance" amalgamiert und das als Kontakthof für Leute aus der künstlerischen Praxis, Theoretiker und digitale Forscher*innen und Technologieentwickler*innen gedacht war.