Der Verlust der Volksbühne

Berlin, 30. Dezember 2015. Viel Zündstoff, viel Erregung, viele Kommentare gleich viele Textaufrufe. Diese Gleichung der Aufmerksamkeitsökonomie galt eigentlich verlässlich in den letzten Jahren, in denen Nachtkritik für Silvester die Jahresauswertung der "meistgelesenen Texte" präsentierte. Der Wiener Billeteur mit dem Streit ums Outsourcing des Abenddienstes am Wiener Burgtheater, die Finanzkrise ebendort, die Solidarität des Berliner Ensembles mit Pussy Riot und immer wieder das nachtkritik-Theatertreffen sind einige der Top-Titel der letzten Jahre.

Platz 1: William Shakespeare

Berlin, 31. Dezember 2015. "Ist Shakespeare überbewertet?", lautet eine beliebte Essayfrage an englischen Universitäten. "Und wenn ja, wie stark?", könnte man hinzusetzen. Mit rund hunderttausend Textaufrufen erreichte der Anteilseigner des Londoner Globe Theaters (anno 1599ff.) in diesem Jahr so viele Leser*innen wie alle weiteren Platzierten in den Top-5-Klassiker-Charts 2015 (*Anm.) zusammen. Goethe, Kleist, Schiller, Dostojewski. Die Liste der Abgeschlagenen ist illuster. Also: Ist Shakespeare überbewertet?

Platz 2: Johann Wolfgang Goethe

Berlin, 30. Dezember 2015. Keine Sorge, liebe Deutschlehrer*innen. Goethe ist schon noch die Nummer 1. Jedenfalls mit seinem Faust. Er führt in den weiten Theaterlanden (laut Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins). Und auch auf nachtkritik.de steht des Drama des Teufelspaktierers oben. Mit vier Besprechungen (aus Düsseldorf, aus Konstanz, aus Naumburg, aus dem Berliner Ensemble). Rekord für ein einzelnes Drama.

Platz 3: Heinrich von Kleist

29. Dezember 2015. Das Kleistjahr 2011 liegt schon länger zurück, aber der Dichter aus dem Herzen Brandenburgs wird noch immer landauf und landab gespielt. Nicht nur in Preußen. 2015 haben sich mehrere große Häuser seiner Werke angenommen und den Kleist-Texten auf nachtkritik.de hohe Gesamtzugriffszahlen beschert, weshalb sich Kleist in der Klassiker-Top-5 (*Anm.) noch an Schiller vorbei schob.