31. Oktober 2015

Lieber Dieter Dorn,

zu Ihrem Geburtstag habe ich Ihnen ein Bekenntnis zu machen und eine Dankesanzeige abzustatten. Sie werden heute 80 Jahre alt, hoffentlich bei guter Gesundheit, ich war 25 Jahre, als ich 1982 in Ihre "Was ihr wollt"-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen geriet.

Die wahre innere Reaktion ...

21. März 2015. In Peter Brooks "Der leere Raum" – einem der wahrsten Bücher, die je über das Theater geschrieben wurden – gibt es eine Stelle, die sich mir besonders tief eingeprägt hat. Und es ist nicht jene (auch sehr schöne) über die Kritiker: "Ein Kritiker dient dem Theater immer, wenn er eine Unzulänglichkeit ausfindig macht. Wenn er fast die ganze Zeit mosert, hat er fast immer recht."

Es gibt wenige Schauspieler, deren Namen Stücktitel zieren. Ilse Ritter ist – neben ihren Kollegen Kirsten Dene und Gert Voss – nicht nur darin eine Ausnahmeerscheinung auf den deutschsprachigen Bühnen, auf denen sie weit herum gekommen ist zwischen Hamburg und Wien. Allein ihre kunstfertige Sprachbehandlung! Textaufsagen? Niemals! Sowie sie die Lippen öffnet, gurrt und singt sie, zirpt und grollt, haucht und tobt auf atemberaubend schöne Weise.

villaverdi 280 thomasaurin hIlse Ritter in "Villa Verdi", Volksbühne Berlin
© Thomas Aurin
Alles an ihr flirrt und flirtet, über ihr bebt das blonde Lockenhaupt, in ihr toben die Leidenschaften, ironisch distanziert, ein Dauererdbeben im Salonformat. Davon haben Peter Zadek profitiert und Claus Peymann, Luc Bondy und Jossi Wieler. Eine "wundervolle Kunstfigur" hat man sie genannt, ein "Vielzweck-Eroticum", und das stimmt auch jetzt noch, wo sie, man staune, 70 Jahre alt geworden ist. Wir gratulieren herzlich! (geka)

 

Ein Satz der Goethe'schen Iphigenie – die sie, natürlich in der Regie ihres Ehemanns Hans Neuenfels, vor mehr als drei Jahrzehnten verkörperte – ist ihr besonders lieb: "Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd." Nein, eine Vertrautheitsspielerin ist Elisabeth Trissenaar nicht. Sie sucht in den ihr aufgegebenen Figuren nicht das Alltägliche auf, nicht das Natürliche, sondern das Ferne, Fremde und Künstliche. Vom Fremden in sich aber wird sie, wenn sie Fräulein Julie, Penthesilea, Medea oder all die anderen großen Frauenrollen spielt, regelrecht durchtobt. Ihr sprachlicher Duktus nähert sich dabei dem hohen Ton, dem sie jedoch alles Elegische und alles Kulinarische ausgetrieben hat. Sie kann schrecklich sein, schrecklich spitz, schrecklich schrill, schrecklich ironisch und schrecklich schön. Und manchmal hält man sie kaum aus. Doch immer bleibt sie dabei, wie im ersten, fremd – und groß.