Die wackelige Mitte der Asymmetrien

von Janis El-Bira

Berlin, Oktober 2015. "Also ich bin Zahnarzt", sagt Pouya. Der aus Afghanistan stammende Mann sitzt am Samstagnachmittag zusammen mit anderen in einem Raum der Berliner Universität der Künste auf dem Boden inmitten eines Stuhlkreises. "Nein, ich war Zahnarzt. Jetzt natürlich nicht mehr." Mit den meisten der Menschen neben ihm teilt er die beschämende Existenz in der Schwebe zwischen "nicht mehr" und "noch nicht".

Euer Theater ist viel besser, als ihr denkt

von Holger Syme

Toronto, 2. Oktober 2015. Woran krankt das deutsche Theater? Klagen über Klagen in den Feuilletons, auf nachtkritik.de eine lange Reihe von Texten zur Stadttheaterdebatte. Zwei jüngere Beiträge stammen von der ehemaligen Dramaturgin des Bochumer Schauspiels Sabine Reich und dem ZEIT-Redakteur Peter Kümmel. Beide ziehen in ihren sehr unterschiedlichen Essays ein ähnliches Fazit: Das deutsche Theater krankt an seiner Utopielosigkeit.

The Debris of Modernism

by Alexander Kerlin

Dortmund, October 16, 2014. Must we rebuild theatre from scratch? Matthias Weigel's suggestion to reset the theatre's identity and reputation using "pools and party", made last week as part of his article "Tear Down the Walls of Tradition", must likely be taken with a grain of salt. And yet, he does recommend the theatre sever ties with a particular part of its history – or at least distance itself from it.

Der Minister und seine Gedankenspielkameraden

von Frauke Adrians

24. September 2015. Anfang Juli 2006 lud der Thüringer Kultusminister Jens Goebel (CDU) die Presse ins Erfurter Restaurant "Museumskeller". Auf den Tisch des Hauses kam ein Blatt Papier mit der Überschrift "Modellrechnung“. Tabellarisch war darauf zusammengefasst, wie viel Geld die Thüringer Theater und Orchester seinerzeit vom Land bekamen und wie viel weniger die CDU-Landesregierung ihnen in der nächsten Finanzierungsperiode zugestehen wollte. Einsparungsziel: 10 Millionen Euro.

The Change Actor in the Digital Age

by Nishant Shah

September 2015. The digital technologies are technologies of watching and witnessing. As the quasi jocular adaptation of an old philosophical conundrum says, "If a tree falls in a lonely forest, and there is nobody to tweet about it, did it really fall?". Facetious as it might sound, there is a way by which we are living in a world of looking. From the ubiquitous cameras on our cell phones to the drones flying in the sky; from surveillance systems monitoring our information flow to the satellites spying on our bedroom windows, there is a culture of watching and being watched that surrounds us. And this surplus of data which needs to be watched and the proliferation of watchers who watch us, have transformed our lives into spectacles – tiny snatches of decontextualized performances which can be stitched together to larger narratives but are largely just held together through algorithms of distribution, storage, and curation.

Der blinde Fleck

von Sabine Reich

Bochum, 7. September 2015. In den letzten Jahren war ich damit beschäftigt, den Opelanern in Bochum zu erklären, dass ihre Fabrik schließen wird, sie alle ihre Arbeit verlieren, wir aber uns mit offenen Augen den Prozessen der post-industriellen Globalisierung stellen müssen. Dass wir für die zukünftige Gesellschaft zwar keine Lösungen haben, aber dennoch die richtigen Fragen stellen werden. Und dass sie uns vertrauen sollen. Alles würde sich ändern, erklärten wir: Wir haben den Arbeitern erklärt, dass sie keine Arbeit haben, den Unternehmern haben wir das Kapital erklärt und den Politikern die Welt. Alles würde sich ändern, nur wir nicht, die Theater.

Die Wupper fließt nicht nach Galiläa

von Sascha Westphal

5. September 2015. Intendant an einem deutschen Schauspielhaus zu sein, ist wahrlich kein einfacher Job. In Zeiten immer knapper werdender öffentlicher Mittel für Kultur und Theater gleicht jede Spielzeit mehr und mehr einem Drahtseilakt. Die Politiker und die Kritiker, die Zuschauer und natürlich die eigenen Mitarbeiter, sie alle haben ihre Vorstellungen und Sehnsüchte, die sich gelegentlich nicht einmal überschneiden. Und trotzdem muss der Intendant sie irgendwie zusammenbringen und zugleich noch einen Ausgleich zwischen den Polen finden. Dabei nicht das Gleichgewicht zu verlieren, ist ohne Zweifel eine Kunst, selbst wenn alle Beteiligten ihn nach Kräften unterstützen.

Offener Brief an den Rechten Krieger

von Tine Rahel Völcker

Eine Fiktion, 24. August 2015

Sehr geehrter Herr Menzel, sehr geehrter Rechter Krieger!

Es ist nun ein halbes Jahr her, seit ich im Spiegel-Magazin das erste Mal Ihren Namen las und noch meinte, Sie nicht zu kennen. Der Artikel handelte von Pegida und seinem Dresdner Umfeld, dem vermeintlich intellektuellen Hintergrund. Ich erfuhr von den Gründen Ihrer politischen Enttäuschung, Ihrem Abfallen vom Demokratieglauben, von Ihrer anschließenden Radikalisierung, die in der Gründung des rechten Jugend-Magazins "Blaue Narzisse" mündete. Sie lobten den friedlichen Charakter von Pegida, und ich wurde allmählich stutzig.

Mumm in den Knochen

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2015. Da ward also vor ein paar Tagen Österreichs Spitzen-Populist HC Strache gesichtet im Salzburger "Jedermann"-Publikum. Mit ihm Johann Gudenus, ein landesweit bekannter Rechtsaußen und Chef der FPÖ-Fraktion im Wiener Stadtparlament. Die Musiker der "Tischgesellschaft" sahen's und haben reagiert: In ihre jazzigen Improvisationen ließen sie ein paar Takte der "Internationale" einfließen.

Wir haben das Theater, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen

von Philipp Ruch

Berlin, 19. August 2015.

1. Zur Freiheit der Kunst

Der Begriff der Kunstfreiheit wird gerade bei Aktionskunst gerne rein legalistisch interpretiert. Die Kunst sei völlig frei. Sie kann sich aber diskreditieren. Wir haben das mit unseren Arbeiten nicht vor und die Langzeitwirkung unserer Aktionen dürfte davon künden, dass wir der Kunst eher zur Ehre gereichen und ihr zu neuem Recht verhelfen, die Gesellschaft zu verändern. Zumindest der politischen Kunst, die viele Beobachter in dieser Form nicht (mehr) für möglich gehalten haben und jetzt politischer Kunst eine Renaissance attestieren.

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