Im Leitartikelmodus

von Dirk Pilz

Berlin, 23. Februar 2016. Als ich kürzlich die Auskunft von Frank Castorf las, es gehe ihm um einen Streit wider jene "herrschende Konsenskultur", die das "elementare Grundgefühl“ des Hasses leider zudecke, ist mir einer meiner Lehrer im letzten Schuljahr eingefallen, der uns im Fach Geschichte unterrichtete und mitten in der Lehrstunde von der Tafel die Stichworte zur Historie der deutschen Arbeiterbewegung fortwischte, um, wie er sagte, noch einmal von vorn zu beginnen, was für ihn hieß, mit der Sklavenhaltergesellschaft.

Machos in Strumpfhosen

von Georg Kasch

16. Februar 2016. Was war eigentlich mit den deutschen Männern in der Silvester-Nacht von Köln los?, fragten einige verwundert in Blogs und Kommentarforen, darunter manch dunkelbraune. "Standen sie nur daneben, und haben in Angststarre verharrt? Haben sie vielleicht sogar weggeschaut? ... Warum haben die nicht ihre Frauen verteidigt, zur Not mit Fäusten?“ Vielleicht, weil sie Polizei haben (theoretisch jedenfalls) ? Oder weil der Mann von der Emanzipation kastriert wurde? Oder "um ja nichts als Rassist, als fremdenfeindlicher Rechter oder sonst was zu gelten“, wie die "besorgten Bürger“ und ihre prominenten Stimmen vermuten?

Bretter

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Bretter auf nachtkritik.de bisher: 227 Mal

9. Februar 2016. Seit 2011 bietet das Wiener Burgtheater seinen abgetragenen Bühnenboden zum Verkauf an. Nachdem die "Bretter, die die Welt bedeuten" bis dato noch nicht ausverkauft sind, taucht das Angebot nun im Onlineshop eines österreichischen Wochenmagazins wieder auf: für 200 Euro pro Brett. Ein Pappenstiel im Vergleich zum ursprünglichen Preis von 600 Euro, damals veranschlagt und während einer "Matinee" feilgeboten unter der Leitung von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, der in dieser beruflichen Funktion mittlerweile als "historisch" zu gelten hat.

Archiv für Extremisten

von Esther Slevogt

Berlin, 2. Februar 2016. In gewisser Weise ist der höfliche Dschihadist mit dem Mittelscheitel vielleicht auch ein verhinderter Bürger, der von einem Heldenleben träumt. Wie er da so mit seinem Konfirmandenanzug vor die Kamera tritt und Deutschland droht: "Entscheidet sich das deutsche Volk für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt", spricht er freundlich aber bestimmt wie zu einem ungezogenen Kind, dem ungezogenen Kind Deutschland. Es geht um Deutschlands Beteiligung an Nato-Einsätzen in Afghanistan, damals, im Jahr 2009. Hinter dem jungen Mann glüht rot eine Art Theatervorhang.

"Wir sind doch nicht im Puff!"

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. Januar 2016. Natürlich hasse ich Claus Peymann. Wie auch nicht? Er weiß ja selbst, dass er der Antipode des relevanten zeitgenössischen Theaters ist, das hochzuhalten der Theaterkritik ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben ist. Ruft Claus Peymann einen Kritiker an – ja, das kommt vor! –, dann meldet er sich schon mal mit den Worten: "Hier spricht der Todfeind!" Da Peymann zudem der Ansicht ist, Kritiker seien grundsätzlich dämlich, bleibt mir auch gar nichts Anderes übrig, als ihn zu hassen.

Mit der Pumpgun

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Januar 2016. Eigentlich bin ich mit den Tatortkritikern nie einer Meinung. Finden sie eine Folge gut, bin ich garantiert beim Gucken eingeschlafen. Wird kübelweise Häme ausgegossen, war ich bis zum letzten Moment gespannt und habe mich gut unterhalten gefühlt. Der spät-ibsenianische Polizeiruf am vergangenen Sonntag zum Beispiel, der auch in die Tatort-Family gehört. Die Kritik ist ergriffen. Ich schlief schon nach einer Viertelstunde ein. Weil mich der ganze verquälte Psychokram vom Mörder, der endlich als Mörder bestraft werden will, die Willy-Brandt-Frisur von Matthias Brandt und das Christoph-Waltz-Getue von Karl Markovics nicht die Bohne interessierten. Und ich das Menschenbild dahinter eher ätzend fand. Immer diese wilden jungen Frauen, die dann vergewaltigt und ermordet werden. Rape Culture auf öffentlich-rechtlich.

Hört David Bowie!

von Georg Kasch

12. Januar 2016. Was ist das nur mit der Menschheit und der Welt? Kriege, Katastrophen, Flüchtende, die Nacht von Köln und die unsäglichen Reaktionen darauf. Was soll man glauben? Und vor allem: woran? Nun ist zu allem Überfluss auch noch David Bowie tot. Dabei schien er unsterblich, ewig jung, wie von einem anderen Stern. Er, der den Pop revolutionierte und queerness mainstreamfähig machte, vollkommen unabhängig davon, mit wem er letztlich ins Bett stieg.