Prophezeiung

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Prophezeiung auf nachtkritik.de bisher: 32 Mal

5. Januar 2016. Angesichts der Lektüre eines aktuellen Interviews mit Bob Wilson im britischen Guardian kann ich nicht anders, als das neue Kolumnenjahr auf nachtkritik.de mit einem Close Reading zu eröffnen. Nachdem Bob Wilson in diesem Interview selbst die Kunst der Prophezeiung praktiziert, möge Folgendes nun mit dem Habitus des Ausblicks aufs noch frische Jahr gelesen werden. Vorausgeschickt sei allerdings, dass die mediale Berichterstattung mitunter dazu neigt, Aussagen ihrer Interviewpartner verkürzt oder vereinfacht darzustellen – freilich als Serviceleistung für den Leser und die Leserin, die "in unserer schnelllebigen Zeit" komplexer Inhalte gar nicht mehr habhaft werden können –, wir wissen also nicht, ob Bob Wilson tatsächlich so geweissagt hat, als er, in Linz/Oberösterreich seine Inszenierung von Verdis "La Traviata" probend, den Guardian an der Strippe hatte. Doch womöglich hielt er sich, auch eingedenk der Telefonkosten, an den Neujahrsvorsatz: "Keep it simple."

Heiner Müller aber schmunzelt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. Dezember 2015. In drei Wochen, am 30. Dezember 2015, wird Heiner Müller 20 Jahre tot sein. Doch richtig tot ist er ja Gott sei Dank noch nicht, denn er lebt natürlich weiter in den Anekdoten derer, die jedwede ihrer Äußerungen mit den Worten einleiten: "Der Heiner hat einmal gesagt ...". Als ich noch ein Zuschauer war und Müller noch lebte, da gab es nämlich als ständige scharwenzelnde Begleiterscheinung um den Dramatiker herum eine kleine Traube von Leuten, die gebannt an seinen Lippen hingen.

Hässliche Frauen?

von Georg Kasch

1. Dezember 2015. Sind sie nicht süß, die bigotten Konservativen? Die CDU zum Beispiel: Einerseits wird es beim Bundesparteitag Mitte Dezember einen Antrag geben, der alle Zuwanderer verpflichten will, unter anderem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie Homo- und Heterosexuellen anzuerkennen. Gleichzeitig spricht sich ein weiterer Antrag des Parteivorstands dafür aus, das bestehende Eheverbot für lesbische und schwule Paare aufrechtzuerhalten.

Gespräche über Bäume

von Esther Slevogt

Berlin, 24. November 2015. Wahrscheinlich ist das auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben: dass man in Zeiten wie diesen den Rat der alten Meister sucht. Von Bertolt Brecht zum Beispiel, der, als seine eigenen Zeiten immer radikaler wurden, auch von der Kunst Parteinahme gefordert hat. Der fand, ein Gespräch über Bäume beispielsweise könne ein Verbrechen sein, weil es das Schweigen über so viele Untaten einschließen würde. Zwischen 1933 und 1938 war das, als dieses berühmte Gedicht "An die Nachgeborenen" entstand, aus dem die berühmte Zeile von den berühmten Bäumen stammt. In diesen Jahren war Brecht schon im Exil. Geflohen aus einem Land, in dem sein Leben und das seiner Familie nicht mehr sicher war. Aus diesem Land.

Hosenrolle

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Hosenrolle auf nachtkritik.de bisher: 14 Mal.

17. November 2015. Ich will zurück nach Iowa. "Ach, geh doch zurück nach Iowa!" Nein, Wien ist eh auch gut, sagt die ZEIT in der aktuellen Ausgabe ihres Magazins. Hinzugefügt werden darf, dass die Stadt Wien ja aus mehreren Dörfern besteht. Was bloß heißt, dass es uns Bewohnern leicht fällt, einander geografisch aus dem Weg zu gehen. Das macht es auch einfacher, hier in Wien an seinem sogenannten Roman zu arbeiten, anstatt dort, in Iowa, ständig davon abgelenkt zu werden.

Livrierte Halbgötter

von Wolfgang Behrens

10. November 2015. Kann sich noch jemand an Christian Diaz erinnern? An jenen Billeteur, der vor gut zwei Jahren während eines Theaterkongresses der Weltöffentlichkeit ins Bewusstsein rief, dass der Publikumsdienst am Wiener Burgtheater längst outgesourct ist – und zwar an eine Firma mit zumindest zweifelhaftem Leumund. Christian Diaz wurde in der Folge rausgeschmissen, ein paar Monate später wurde dann auch Burgintendant Matthias Hartmann geschasst (wenn ich mich recht erinnere, aus anderen Gründen) – und über den Fall Diaz wuchs Gras.

Unter Glaubenskriegern

von Dirk Pilz

3. November 2015. Gehöre ich zur Lügenpresse? Zum ersten Mal wurde ich vor drei Jahren als Lügenjournalist bezeichnet. Damals schrieb ich zur Debatte um das Recht auf Beschneidung und wehrte mich gegen einen ahnungslosen Atheismus, der seine Weltanschauung zur Norm erhebt und dabei die eigenen Glaubensannahmen ausblendet. Das erschien mir bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft, weil sich mit Ahnungslosen so wenig wie mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern zu Dogmen erhobene Meinungen.