Flugsand im Wind der Zeit

von Harald Raab

Mannheim, 22. Januar 2017. Papier, Papier: eine ganze Bühne voll weißer Papierbahnen. An den Wänden, an der Decke, am Boden. Selbst der Vorhang ist aus Papier. Das Papier verweist auf das Experiment, eine märchenhafte Erzählung zu spielen: Hier wird weniger direkt agiert als berichtet, dass gehandelt wird. Hier wird meist nicht dialogisch gesprochen, sondern auch erzählt, dass jemand etwas gesagt hat. Statt unmittelbarer Dramatik ein Narrativ à la Gebrüder Grimm.

Roadmovie ans Meer

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 21. Januar 2017. "Faust (to go)" - Faust zum Mitnehmen? Faust auf die Hand, im Laufschritt zu verzehren? Nein, die Schauspieler nehmen ihre Inszenierung mit von Ort zu Ort. Ein Klassiker-Projekt, das das Laufen lernt.

Ich bin der Herr? Mein Gott!

von Dirk Pilz

Berlin, 21. Januar 2017. Gott ist ein Kuschelmonsterchen in Weißfell, wer hätte das gedacht. Er hat ein Schaf dabei, kein Lamm, es läuft davon, und Gott stürzt. Agnus Dei, das war einmal.

Jedermann ist Biedermann

von Sascha Westphal

Bochum, 21. Januar 2017. Zuerst kommen die Brandstifter auf die Bühne, dann die anderen. Das ist natürlich plakativ. Aber vielleicht sind die Zeiten für Feinsinniges tatsächlich erst einmal vorüber. Der Gedanke drängt sich angesichts der aktuellen politischen Ereignisse in den Vereinigten Staaten wie in der Türkei, in Großbritannien wie in Deutschland fast schon auf. Hasko Weber lässt auf jeden Fall von Anfang an keinen Zweifel an der Dringlichkeit seiner Inszenierung aufkommen.

Exihibitionismus und (Daten)schutz

von Martin Jost

München, 20. Januar 2017. Gut die Hälfte des Publikums geht bei der Premiere von "Situation mit Zuschauern" in München kurz vor dem Höhepunkt aus dem Saal. Banafshe Hourmazdi, die eben noch auf der Bühne stand, sagt: "Ich werde mir das Video nicht ansehen", und geht mit hinaus. Denn ein Video ist alles, was jetzt noch kommen soll. Es ist gut vier Minuten lang und wir wissen schon, was es zeigen wird. Oliver Zahn hat es uns zuvor Bild für Bild beschrieben. Es ist schwer, hier von einem bewegten Moment zu sprechen. Denn alle Gefühle haben die Akteure längst aus dem Raum vertrieben. Doch gerade die Abwesenheit aller Affekte macht diesen Moment jetzt so wichtig: Er ist ein Sieg der Aufklärung über den Wahnsinn.

... weil wir ihm nicht vergeben

von Michael Wolf

Berlin, 20. Januar 2017. Bernd Moss ist ein charmanter Gastgeber. Aufmerksam drückt er mir ein Glas Sekt in die Hand. "Der mit den Drehungen!", schäkert Moss mit ein paar Damen. "Ich hoffe, der reicht auch." Der richtige Sekt, der mit den Drehungen, geht zur Neige. Den Theatersekt, schnödes Mineralwasser, verschmäht das Publikum. Logisch. Ein kleiner Schwips vor dem zweiten Klingeln ist nur vernünftig. Da braucht es gar keinen Verweis auf Dionysos – bekanntlich zugleich Gott des Rausches und des Theaters. Jeder Pollesch-Abend sollte mit einem Sternburg-Export auf den Treppen der Volksbühne beginnen. Bei Castorf rate ich zu einem Viertel Riesling und den restlichen drei Vierteln in der tiefen Innentasche, für Vegard Vinge gilt: Wodka-Bull für die Dame, Lockstedter für den Herrn. (Da müssen Sie durch.)

Fürchte den Endzeit-Zwilling

von Lukas Pohlmann

Dresden, 20. Januar 2017. Es ist ein Kreuz mit der Erwartungshaltung. Da könnte man hinter dem Stücktitel "kein Land. August" ein Annäherung an den Sächsischen Freistaats-Kleingeist vermuten und seinen Lieblingsmonarchen August den Starken. Doch dann liefert das Dresdner Staatsschauspiel die ganze Welt. Ehrlich.

Der Monarch als Bürgerrechtler

von Jens Fischer

Bremen, 20. Januar 2017. Keine Chance für das mit einem Kaltgetränk garnierte Pausengespräch. Die Kakophonie des Volkszorns schwappt aus Lautsprecherboxen über den mit Plastikblumen geschmückten Sarg Elisabeths II. und die Schauspieler stürmen das Foyer. Einige tragen Vendetta-Masken und schwingen Baseballschläger, andere singen die britische Nationalhymne, brüllen traditionsselig "lang lebe der König" oder revolutionsselig "an die Laterne mit ihm". Auf herumflatternden Flugblättern steht: "Die Monarchie hält uns klein". Und die druckfrisch verteilte Nacktausgabe der hauseigenen Boulevardzeitung "Blick" macht mit den Brüsten und dem Breitmaulgrinsen der neuen Freundin eines gewissen Prinz Harry auf. Während sich dieser ihr im allgemeinen Tohuwabohu als Liebesbettler live und in Farbe zu Füßen wirft.

"Vor den Dichtern sterben die Geier"

von Martin Pesl

St. Pölten, 20. Januar 2017. Kärnten, Indien, Japan – das sind die Schauplätze von Josef Winklers "Roppongi. Requiem an einen Vater" aus dem Jahr 2007. Darin setzt er sich mit Begräbnisritualen in Varanasi in Indien und Kamering im Kärntner Drautal auseinander, mit dem Tod seines Vaters und der eigenen Abwesenheit von dessen Beerdigung.

Gestrandet unter Kunstpalmen

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 20. Januar 2017. "Falsch!" heißt das erste gesprochene Wort, Mephisto brüllt es, als das Licht an der falschen Stelle angeht, schließlich ist es der Herr der Finsternis, der darüber befinden muss und darf, wann und wo diese Finsternis "das Licht gebar". "Gerettet!" lautet dreieinhalb Stunden später das letzte. Falsch ist an dieser "Faust"-Inszenierung von Pedro Martins Beja vieles und gerettet wird am Ende wenig. Woran aber liegt es, dass das eminent ehrgeizige Unternehmen, mit nur fünf Schauspielern immerhin den ersten Teil von Goethes Hauptwerk auf die Bühne zu stemmen, so grandios abstürzt? Schließlich gibt es doch ein paar – nein, nicht direkt geniale Momente, aber doch Eruptionen eines markanten Stilwillens, eines "Zugriffs", wie man treffend sagt, wenn man andeuten will, dass ein Text nicht unbedingt um seiner selbst willen, sondern aufgrund einer regie-polizeilichen Order zurechtgestutzt und -gerückt wird. Klammergriff wäre auch nicht verkehrt.

There will be blood

von Cornelia Fiedler und Michael Stadler

München, 19. Januar 2017. Münchner Kammerspiele, William Shakespeares "Hamlet", Regie: Christopher Rüping. Der Kritiker-Chat, powered by Skype:

MS: Also, blutleer war diese Inszenierung von "Hamlet" sicherlich nicht.

CF: Ne, 240 Liter laut SZ-Vorbericht. Da stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität ...

MS: Es wird in "Hamlet" eben ein Blutbad angerichtet.

CF: Naja, die drei Schauspieler*innen übergießen am Anfang vor allem den Bühnenboden aus Metallgittern mit Blut, was nicht besonders effektiv ist. Das Blut versickert ja. Gespielt wird also über einem See aus Blut, den man nicht sieht, von dem man aber weiß. Ist das die Metapher?

Die Hölle, das sind die Erinnerungen

von Claude Bühler

Basel, 19. Januar 2017. Wer glaubt denn noch an die Hölle? Aber es gibt sie ja vielleicht doch? Unbezweifelbar ist, dass von der Hölle, dem "Inferno", noch immer die größte Anziehung in Dantes Gedicht-Monument "Die göttliche Komödie" ausgeht – auch der geschilderten Entsetzlichkeiten wegen, die der Renaissance-Dichter wie eine ewige Tatsache vor unser geistiges Auge stellt. Erzählt wird in der "Divina Commedia", wie Dante "in der Lebensmitte vom rechten Wege" abkam und vom antiken Dichterfürsten Vergil durch die Höllenkreise geführt wurde, um später via Läuterungsberg ("Purgatorio") ins Paradies ("Paradiso") zu gelangen.

Peers Pas de Deux

von Friederike Felbeck

Mülheim an der Ruhr, 19. Januar 2017. Es gehört zu den Geheimrezepten des Mülheimer Theaters an der Ruhr, sich mit einem Stück so zu verabreden, als müsse man etwas endgültig klären. Dabei sind es oft Paraphrasen oder "nur" ein einzelner Akt von fünfen, den man dazu benötigt. Es werden Figuren verworfen oder miteinander vereint, Stücke eines oder verschiedener Autoren zu einem neuen verknüpft, voluminöse Textkörper durch einen Trichtertunnel geschickt, um am Ende eine Fassung ganz ohne Schnickschnack, ohne Schlenker zu gewinnen. Es bleibt nur das Wesentliche, der Kern.

Not Born in the USA

von Jan Fischer

Hannover, 19. Januar 2017. Es ist guter Brauch, eine Theaterkritik mit einer Szene zu beginnen. Einer, die im Idealfall über sich hinausweist, komprimiert etwas über die ganze Inszenierung erzählt. Das ist im Fall von Kafkas "Amerika", inszeniert von Claudia Bauer am Staatsschauspiel Hannover, schwierig: Man könnte jede Szene erzählen, die zum Beispiel, in der der Einwanderer Karl Roßmann anfangs verloren zwischen Bodennebel und roten Vorhängen steht, chorisch seine eigene Geschichte erzählt bekommt und dann seinen Schirm suchen geht. Oder die, in der sein gerade gefundener Weggefährte Robinson die versammelte Belegschaft eines Hotels vollkotzt, in dem Roßmann Arbeit als Liftboy gefunden hat, was wiederum zu seiner Kündigung führt. Oder die, in der Karls Onkel und seine Freunde Mr. Pollunder und Mr. Green – allesamt in hohen gesellschaftlichen Stellungen – Karl mit kieferorthopädischen Lippenspreizern im Mund anlächeln. Oder. Oder. Aber in Claudia Bauers Inszenierung gehört alles – auf eine assoziative, nicht ganz greifbare Art – zusammen, formt sich erst in der Masse zu einem Klumpen Hyperrealität, der sich kaum aufbrechen lässt.

Michael Thalheimer möchte nicht, dass wir lachen

von Michael Wolf

Berlin, 18. Januar 2017. Sagt ein Theaterbesucher zum anderen: "Also, lustig war das ja nicht." Sagt der andere: "Aber klar, stand doch Komödie dran." So belauscht nach der Premiere von Molières "Der eingebildete Kranke" an der Berliner Schaubühne.

Im Herzen von Roulettenburg

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 16. Januar 2017. So wie Schiller ohne den Geruch faulender Äpfel nicht gut dichten konnte, umgibt sich Dostojewski gern mit Orangen. Zumindest im Wiesbadener Kurhaus, genauer gesagt im prachtvollen Salon Ferdinand Hey'l. Nur ein paar Roulettetisch-Längen entfernt lauert die Spielbank Wiesbaden. Ein Ort, der in zweifacher Hinsicht Literaturgeschichte geschrieben hat: Weil Dostojewski dort Geld verprasste und weil große Teile seines 1867 erschienenen Romans "Der Spieler" dort angesiedelt sind. Im Buch freilich ist nur von Roulettenburg die Rede.

Was das Netz mit uns macht

von Alexander Jürgs

Mannheim, 15. Januar 2017. Was für eine kranke Idee. Aber besonders abwegig oder gar undenkbar erscheint sie einem dann doch nicht. Da ist ein Elternpaar, das heimlich Filme davon dreht, wie es seine Tochter – Martina, sieben Jahre alt, Pferdeschwanz und niedliche Kleidchen tragend – zurechtweist, mit Vorwürfen überhäuft und belehrt. Die Videos davon stellen die beiden ins Netz, damit verdienen sie ihr Geld. Und die, die diese Filme konsumieren, dürfen auch noch Wünsche äußern, dürfen Situationen bestellen, die das Paar dann an der Tochter durchexerziert. "Scripted reality", inszenierter Familienkrach, der möglichst "natural" rüberkommen soll. Schöne kaputte Facebook-Welt.

Woran die Frau zu tragen hat

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Januar 2017. "Alles muss raus" – nicht bloß die Ware aus dem Outlet-Store. Auch der gesammelte Widerwillen wird ausgekehrt. Elfriede Jelineks Auftragswerk für Wilfried Schulz’ Schauspielhaus mit dem verspreizten Titel "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" schmiegt sich mehr als nur vage ihrem Münchner Maximilianstraße-Stück an und spielt mit dem Image von Düsseldorf: nicht Kunstakademie, sondern Königsallee. Politur der Oberfläche. Kleidung als "Beschriftung" des Körpers fördert den Kult um ihn. Ähnlich wie in Jelineks "Sportstück" dient die Mode als Metapher für etwas, das mit Gewalt ins Leben eingreift. Sie "ist das Vergangene, das immer neu als Zukunft verkauft werden muß" – und den Wunsch nach Unsterblichkeit ausdrückt. Die Kränkung aber gehört zum Kauf, weil das erworbene Objekt nie erfüllt, was es dem Subjekt suggeriert. Die Frau (der Mann wohl auch) folgt, lustvoll ergeben oder aufbegehrend, dem Schönheitsdiktat.

Die Veranlagung zum Sterben

von Stefan Keim

Bielefeld, 14. Januar 2017. Lange kannten nur Eingeweihte die 1943 in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon. Das hat sich seit 2014 geändert. Da veröffentlichte David Foenkinos seinen Roman "Charlotte", bei den Salzburger Festspielen wurde Marc-André Dalbavies Oper von Luc Bondy uraufgeführt, 2015 folgten ein Ballett von Bridget Breiner im Musiktheater Gelsenkirchen, außerdem einige Ausstellungen. Das kurze Leben Charlotte Salomons – sie starb mit 26 Jahren – ist ein außergewöhnlich berührendes Künstlerinnenschicksal, das über die eigene Biographie hinaus weist. Weil es darum geht, in der Kunst Rettung zu finden.

Gott hat keine Brüste

von Stefan Schmidt

Hamburg, 14. Januar 2017. Der weißhaarige Mann kennt sich für sein Alter ziemlich gut im Netz aus: Auf muslimlove.com gibt er sich als seine älteste Tochter aus, um die manchmal etwas verhärmt wirkende Zarina endlich an den passenden (gläubigen) Mann zu bringen. Arrangierte Ehe 2.0. Also: Rückschritt im Fortschritt? Eine der Ungeheuerlichkeiten in dem Theatertext "The Who and the What" von Ayad Akhtar besteht darin, dass diese Anmaßung des Vaters tatsächlich zum erhofften Erfolg führt. Allerdings nicht so, wie sich der alte Mann das vorstellt.