Für später, wenn du tot bist

von Leopold Lippert

Wien, 19. Februar 2017. "Trisomie heißt eins zuviel", erklärt der Arzt den Eltern, und im konkreten Fall heißt es auch: ein Jahr, das dem Neugeborenen gegeben ist. Ein Jahr Leben, nicht mehr. Das ist die melancholische Ausgangsituation in Wolfram Hölls "Drei sind wir", für das der Autor den Mülheimer Dramatikerpreis 2016 gewann. Ein Jahr vorgezogene Trauerarbeit, ein Jahr, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Eine herzzerreißende Mär, in der Höll versucht, die Sprachlosigkeit der Eltern in Worte zu fassen, oder in Wortschleifen zu umkreisen. Als die Eltern beschließen, das Jahr in Kanada zu verbringen, sagen sie: "Wir setzen über. Wir übersetzen ihn. Wir üben ersetzen ihn."

Schicksal eines Rasenden

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 18. Februar 2017. Es wirkt zunächst, als bräuchte es nicht viel, um das unauflösbare juristische und moralische Dilemma des Michael Kohlhaas auf eine Bühne zu bringen: ein paar graue Stühle, 289 streng zum Quadrat gestellte Tische, eine Leinwand aus Papier. Ab wann darf man zur Selbstjustiz greifen, wenn das eigene Recht missachtet wird? Macht man sich gar zum Mitläufer eines korrupten Systems, wenn man es nicht tut? Ist Kohlhaas' maßloses Aufbegehren gegen die Obrigkeit nicht auch ein gerechter Aufstand, ohne den es Veränderungen auf der Welt nie gegeben hätte? Oder ist Kohlhaas ein Fundamentalist, der um jeden blutigen Preis, auch den des eigenen Lebens, im Namen einer unverhältnismäßigen Sache Amok läuft?

Entschleunigung im U-Bahn-Netz

von Petra Hallmayer

München, 18. Februar 2017. Die Geister geben keine Ruhe. Auf einem nächtlichen U-Bahnhof begegnen die Lebenden den Toten, die von Schuldgefühlen oder einer unvollendeten Aufgabe gepeinigt nach Erlösung suchen.

Fressen für die Geier

von Sascha Westphal

Moers, 18. Februar 2017. Dieses Stück ist eine Zumutung, auch für den Leser und Theatergänger, aber vor allem für die Theatermacher, die sich ihm zuwenden. Auf der einen Seite greift der US-amerikanische Autor Michael Yates Crowley ganz tief in die Kiste, in der die abgeschmacktesten Klischees über Hedgefonds-Manager und die moderne Arbeitswelt gelagert werden. So ziert das Firmenlogo der Beteiligungsgesellschaft "CarryOn Partner" die Silhouette eines Geiers. Wer wüsste schließlich nicht, dass Firmen dieser Art sich gierig über finanziell angeschlagene Unternehmen hermachen und sie genüsslich zerpflücken.

Auf dem Albtraum-Dampfer

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. Februar 2017. Das Dienstmädchen breitet seine Arme aus, schaut verträumt in die Ferne, hinter ihr baumelt ein Rettungsboot der SS Titanic. Aber es erschallt ein Nebelhorn und nicht Celine Dion. Nicht Leonardo di Caprio hält sie in den Armen, sondern ein kaputter Trinker. Und die dunkle Schiffswand ist "nur" ein Symbol für Ausweglosigkeit: Am Ende "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist die Familie Tyrone ertrunken im Meer ihrer Traumata.

Soapcast auf Speed

von Michael Wolf

Berlin, 17. Februar 2017. Die Erwartungen waren hoch. Regisseur Ersan Mondtag ist so etwas wie ein Shootingstar. Gerade dreißig Jahre alt, wurde er just bereits zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Nur ein Hype, sagen einige, Feuilleton-Liebling, sagen andere. Mit seiner ersten großen Inszenierung auf dem harten Theatermarkt Berlin hatte er die Chance, es seinen Kritikern zu zeigen. Und zumindest dieser Kritiker hier hätte es sich auch gerne zeigen lassen. Was er dann aber sah, war kein Durchbruch, eher Fraktur. Zugezogen bei einer überambitioniert ausgeführten Fingerübung.

Zum Nachtisch Kindsragout

von Andreas Wilink

Oberhausen, 17. Februar 2017. Wie umgehen mit dem Skandal, der diese Frau ist? Mit dem Ungeheuerlichen ihrer Tat, eines Racheaktes, mit dem sie sich ins eigene Fleisch schneidet. Gibt es eine Rangfolge des Monströsen, angesichts dessen Götter und Menschen sich voll des Grauens abwenden – Muttermord (Orest), Vatermord (Ödipus), Brudermord (Eteokles und Polyneikes), Kindesmord (Medea)? Die individuelle Verkörperung mythischen Verhängnisses sträubt sich gegen historisches, politisches, soziales, psychologisches oder gendertheoretisches Instrumentarium, um das Unsagbare kommunikativ zu integrieren.

Fit wie die Freimaurer

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. Februar 2017. "Glaubt Ihr wirklich, dass das alles einfach Zufall ist?" Eric Parfait Francis Taregue ist sich sicher: Die Welt steht unter dem Einfluss von Geheimgesellschaften. Zu 100 Prozent. Und diese wiederum stehen unter dem Einfluss des Bösen.

Ausgeburt der Aufklärung

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 12. Februar 2017. "Aufklärung ist der Ausgang" und immer so weiter bei Kant. Jedenfalls: "des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Wenn also ein Großfürst die Aufklärung per Dekret über seine Untertanen verhängt, dann verheddert sich das Bild der Bottom-up-Ermächtigung. Und wenn derselbe Großfürst die Protagonisten des Mythischen, nämlich Feen, Drachen, Kobolde und so weiter, aus seinem Reich verbannt, diese dort auf Rache sinnen, das Unternehmen Aufklärung unterwandern und schließlich doch noch zauberhafte Hochzeit gefeiert wird, dann ist das: "Klein Zaches – Operation Zinnober". Der Autor, Dramaturg und Regisseur Péter Kárpáti hat seinen Text nach einem Kunstmärchen aus dem Jahr 1819 von E.T.A. Hoffmann gebaut. Heißt: Die Motive, Figuren und groben Handlungsverläufe zu einem eigenständigen Zusammenhang verwoben.

Ökos beim Mauerbau

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 12. Februar 2017. Am Anfang spricht, von einer Videokamera aufgenommen, ein überdimensionales Gesicht auf das überwiegend junge Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Zwinger, der Nebenspielstätte des Heidelberger Theaters, herab. So weit, so üblich. Immerhin: dass man auch dem Video unverbrauchte Effekte abgewinnen kann, beweist jene Szene, in der die Gesichter der Gesprächspartner bei einem Fernsehinterview durch flatternde Teile der Projektionswand grotesk verzerrt werden. Am Ende fällt der Bühnenprospekt, der rechts von einer schäbigen Sperrholzwand mit diversen Bildern und Nippes in einem kleinen Hängeregal sowie einem Stadtplan begrenzt wurde, in sich zusammen und gibt den Blick frei auf das zu einer Gruppe vor altmodisch gemalter Gebirgslandschaft arrangierte Ensemble, das zur sehr deutschen Musik von Richard Wagner einen poetischen Text rezitiert.

Das Kreuz mit der Bierdimpfligkeit

von Tim Slagman

München, 12. Februar 2017. Wer möchte da behaupten, diese Inszenierung habe kein Zentrum? Mitten in das schmale Rechteck, das noch bleibt von der zwischen jeweils zwei Zuschauerreihen auf der Längsseite eingepferchten kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters, hängt ein Leuchtstoffring. Die Schauspieler können ihn über eine Seilwinde hoch und runter ziehen, er strahlt mal weiß, selten verrucht rot, hin und wieder gar nicht.

Körper in der Dunkelkammer

von Gerhard Preußer

Dortmund, 11. Februar 2017. Zeit und Licht: Zusammengeballt werden sie für uns durch die Fotografie. Sie reduziert die Wirklichkeit auf Licht und schrumpft die Zeit auf einen Augenblick, den ausdehnungslosen Moment. Das Theater aber braucht Zeitdauer, es entwickelt die Dinge im Nacheinander. So hat die Fotografie bisher im Theater nur eine Hilfsfunktion, für Presse und Marketing. Kay Voges, der Dortmunder Schauspielintendant, macht nun aus der Fotografie eine Theaterkunst. Theater lebt von geteilter Gegenwart, von der flüssigen Gleichzeitigkeit von Darstellern und Publikum. Fotografie aber fixiert, ist geteilte Vergangenheit. Die Lösung des Widerspruchs ist live-Fotografie.

Am Ende nur das fürchterliche Leben

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Februar 2017. Am Ende sank Claus Peymann vor seinem Publikum auf die Knie. Seine Inszenierung von Kleists letztem Drama "Prinz Friedrich von Homburg" hatte ein überraschend fatalistisches Ende gefunden: Als schon alle Zeichen auf Rettung des Prinzen von Homburg standen, beschwingte Musik eingesetzt und alle Beteiligten fast heiter noch einmal die in kaltes, gespenstisches Licht getauchte Bühne betreten hatten, quoll plötzlich Blut aus dem Mund der zusammensackenden Prinzessin von Oranien. Dann hing auch der Prinz selber wie eine jämmerliche Stoffpuppe tot oben auf dem Seil, über das er gerade noch mit verbundenen Augen seiner Rettung entgegen balanciert war. Auch die anderen Figuren schienen am Ende wie vom Optimismus der Cat-Stevens-Hymne If you want to sing out dahingemäht – als wollte uns der Abend, der zuvor keine Spur vom Weg des Textes in Richtung Deutung abgewichen war, nun doch noch einmal sagen: Es gibt nichts zu lachen und zu hoffen. Und was wir zu träumen glauben, ist am Ende nur das fürchterliche Leben.

Euthanasie 2.0

von Christoph Fellmann

Zürich, 10. Februar 2017. Fabienne Villiger und Gianni Blumer liegen auf weißem Bettzeug und liebkosen sich im Scheinwerferlicht. Sie trägt eine Unterhose, er ist nackt. Eine Kamera filmt sie und überträgt die Bilder live auf die Großleinwand, wo man die Haut von nahem sieht, die Haare, die Küsse. Was ist das? Porno? Pasolini? Die Performerin und der Performer sind geistig behindert. Was ändert das? Geht das zu weit? Oder ist es ergreifend? Und wenn ja, warum? Weil dazu die ergreifenden Leçons de ténèbres von François Couperin laufen?

Burn-out Faust

von Friederike Felbeck

Köln, 10. Februar 2017. Vier große schwarze Vögel tragen einen Sarg auf die Bühne, begleitet von einem schrägen Trauermarsch. Aus der schlichten Holzkiste kippen die Engel eine dunkelhäutige weißbärtige Puppe im Kleidchen, die sich erst einmal mit einem Blick unter den Rock versichert, ob sie Männlein oder Weiblein ist. Eine Mafia-Beerdigung ist es, bei der es zum Streit zwischen den Erben des Padrone kommt, die auch auf Hebräisch und Arabisch parlieren können. Am Ende schwatzt der renitente Außenseiter dem Alten das Schicksal eines Erdenbewohners ab. Kaum zu glauben, um wen es da geht:

Lebensgefühl? Egal!

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 10. Februar 2017. Am Ende sperren sich die vier Personen in eine Art Erinnerungskäfig. An den Wänden ihres Plexiglaskastens haften zahllose Fotos, von denen es egal geworden ist, ob sie der eigenen Vergangenheit entstammen oder auf dem Flohmarkt gekauft wurden. Was war und was wahr ist, kann unmöglich unterschieden werden. Die eigene Erinnerung als Fake-Reality.

Vorsicht: scharfe Kurve!

von Michael Laages

Kassel, 10. Februar 2017. Ob wohl Rebekka Kricheldorf dem Kollegen Ferdinand Schmalz ein paar praktische Tipps mit auf den Weg geben mochte – am Abend, bevor Schmalz in Kassel der "Förderpreis für komische Literatur" verliehen werden sollte? Kricheldorf bekam ihn ja vor mittlerweile schon sieben Jahren; mit dem jüngsten Stück, uraufgeführt wieder am Theater des Intendanten Thomas Bockelmann, der die Autorin schon seit seiner Intendanz am Theater in Münster begleitet und neue Stücke von ihr immer wieder in den Spielplan nimmt, müht sich Rebekka Kricheldorf aber unüberspürbar um ein anderes Profil.

Halt dich an deiner Flasche fest

von Lukas Pohlmann

Zittau, 10. Februar 2017. Blanche DuBois hat Geburtstag und was macht ihr Schwager? Schaufelt sich den Kuchen mit bloßen Händen rein und erklärt sich zum König seiner kleinen Wohnung. Seiner Welt aus Sehnsucht und Bedürfnissen. Aus Alkohol und Abgehängtsein.

Man kann auch ohne Beine nach Hollywood gehen

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 9. Februar 2017. Krüppel Billy wächst auf einer Müllhalde auf. Plastiktüten und Dosen hat die irische See auf die Insel vor der Westküste gespült. In dieser Hölle der Zivilisation siedelt Nicolai Sykosch seine Inszenierung von Martin McDonaghs "Der Krüppel von Inishmaan" am Staatstheater Karlsruhe an. Sogar das Kreischen der Möwen erstickt in diesem Niemandsland.

Hokuspokus Schauspielkunst

von Jens Fischer

Hannover, 4. Februar 2017. Solche Dozenten braucht das Land? Seiner Worte nicht würdig sei das Publikum, macht der unwirsche Bildungssnob in seinem Thirdhand-Stubenhocker-Jackett deutlich, als er betont widerwillig ans Vortragspult schlendert.