Jamben für die Denunziantin

von Christoph Fellmann

Basel, 23. März 2017. Der Beton, in den diese Geschichte eingelassen ist, zeigt eine Haft-, aber auch eine Pflegeanstalt. Es gibt vier kleine Zellen mit Wandtelefonen, eine Art von Rezeption und durchaus auch eine Fensterfront, die allerdings durch einen schweren, ebenfalls grauen Vorhang abgedeckt ist, der aussieht, als müsse er nicht Blicke, sondern Röntgenstrahlen abfangen. Im Grunde aber, so erfahren wir bald, befinden wir uns mit diesem Theatertext von Ewald Palmetshofer in der Anstalt der Geschichte.

Schuss ins Irgendwo

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 23. März 2017. "Ground Control to Major Tom" – nein, das wird nicht gesungen an diesem kleinen Abend im Ballhaus Ost. Wobei "Space Oddity" als Genre eigentlich ziemlich gut passen würde für diese Koproduktion des für seine fantasievollen multimedialen Spielereien bekannten Post Theater und der bulgarischen Gruppe Subhuman Theatre aus Sofia.

Die Fremde hinter dem Vorhang

von Steffen Becker

Heilbronn, 19. März 2017. "Türkische Männer machen sich keine Gedanken über die Gefühle von Frauen" – ein Satz, der im Publikum des Theaters Heilbronn breites Gelächter auslöst. So hat man es ungefähr schon immer geahnt, und wenn's denn wie hier sogar eine türkische Figur sagt... Aber Sinan Ünels Stück "Pera Palas" hat eine ganze Menge mehr zu bieten als Klippklapp-Wahrheiten aus dem Klischee-Magazin.

Träumen unterm Lebensbaum

von Michael Laages

Hamburg, 18. März 2017. Shakespeare hin, Molière her – kaum jemals sonst taucht das Theater derart tief ins vorvorvorgestern ein wie gerade mit diesem klassischen Stoff: mit der träumerischen Märchenfabel um "Cyrano de Bergerac", den Edmond de Rostand 1897 dem tatsächlichen französischen Landedelmann aus dem 17. Jahrhundert nachempfand und als sehr speziellen Sonderling auf die Theaterbühne schickte. Dieser Cyrano nämlich ist ein ziemlich zerrissenes Wesen – einer körperlichen Besonderheit wegen (die Nase ist übermäßig groß) bleibt sein Werben um die schöne Cousine Roxane unerhört; die einen jüngeren und exzeptionell dümmeren Mann erhören will. Dieser Christian hat zwar einen schönen Körper, kann dafür aber weder gut reden noch gar gut schreiben. So leiht der Titelheld diesem perfekten Körper den eigenen perfekten Geist – und weil das natürlich praktisch sehr komisch ist, muss es tragisch enden. Die Wahrheit, unabweisbar spätestens im Tode, macht alle zu Betrügern und Betrogenen zugleich.

Der Rechtsstaat als Zombiefilm

von Leopold Lippert

Wien, 18. März 2017. Eine amorphe Masse schiebt sich langsam an die schummrig beleuchtete Rampe des Burgtheaters. Sieben Schauspielerinnen, in fahle Stofffetzen gezwängt, blass geschminkt mit blutroten Lippen und aschblonden Haarresten (Kostüme: Victoria Behr), erzählen mit einer – soghaften – Stimme vom Trojanischen Krieg. Sieben Frauen berichten von der geopferten Tochter: Iphigenie, die von Agamemnon "wie eine Ziege" am Blutstein getötet wird, für gute Winde. In Antú Romero Nunes' Orestie ist der Erinnyenchor ein untoter Zombiehaufen, der je nach Lichteinfall gespenstisch, gar furchterregend, oder eben ganz schön trashig wirkt.

Gott und die Welt und die Limonade

von Henryk Goldberg

Eisenach, 18. März 2017. "Nein!" schreit die Frau, "Nein!". Aber Nein heißt nicht nein. Nicht für Sapor, der als Leiter der Eingliederungseinheit bei TreeSync Widerstand gewohnt ist. TreeSync haben ihre Zentrale in Celle und immunisieren sich und die "beglückbaren" Glieder der Menschheit gegen die "Individualisierungsindustrie", gegen die "Ereignisflut", alles so was. Zu diesem Zweck wird Sapor hier einziehen bei Claudette und Klaus, bei Ivan und Yvette, ihren Kindern. Und Nein heißt auch nicht nein für Claudette, die es schreit. Zwar, Claudette ist die Chefin einer erfolgreichen Limonadenherstellerei und kennt die drei Grundprinzipien des Biolimonadenbusiness, doch sie ist auch eine dumme Nuss – wenn auch nicht so schlimm wie ihr Mann, der den Werner sich das Qualitätsmanagement der Limonadenherstellung hinter die Ohren schreiben lässt, obgleich, wie er feststellt, es nicht einfach ist, sich was hinter die Ohren zu schreiben, denn man sieht es ja nicht. Deshalb, weil sie so blöde sind, ist es eigentlich egal, was sie sagen. Und auch deshalb hat dieser Abend ein Problem.

Menschmaschine im Räderwerk

von Friederike Felbeck

Neuss, 18. März 2017. Die Besetzungsliste liest sich zunächst wie ein Phantomschmerz. Franziska Gramms, Schauspielerin und Regisseurin, ihr Team mit u.a. Kostümbildner Andy Besuch und Musiker Nikolai Meinhold, haben sich nach zwei Dritteln der Strecke kurz vor der Premiere aus der Produktion verabschiedet, lediglich auf ihre ursprüngliche Konzeption wird noch verwiesen. Die seit 2014 am Rheinischen Landestheater Neuss tätige Regieassistentin Nicole Erbe übernimmt.

Die Übriggebliebenen

von Eva Biringer

Wien, 17. März 2017. Verzeihung, aber die Party ist bereits zu Ende. Die Gläser sind ausgetrunken, das ist Tischfeuerwerk abgebrannt. Konfetti klebt an den Sohlen. Kein Geld mehr für die Jukebox. Noch bevor das Stück richtig begonnen hat, ist es vorbei. Erzählt wurde die Geschichte eines Liebespaars, das an der finanziellen Not zerbricht. Karoline verlässt Kasimir, weil sie Achterbahn fahren will, auch seine Kündigung ist schuld. Um sie herum lauter gescheiterte Existenzen, die den letzten Rest Anstand im Schnapsglas versenken: Erst kommt das Saufen, dann die Moral.

Wo der Unheilsrabe fliegt

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 17. März 2017. Wer ist Medea? "Ich bin Medea", sagt sie und diese bloße Namensnennung ist zur Formel der Selbstbehauptung geworden, zur Definition ihrer Singularität. Was sie in Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung nicht ist, lässt sich leicht sagen: weder bereuende Mutter, noch wütende Rächerin, noch exotische Zauberin, noch betrogene Flüchtlingsfrau. Oder sie ist alles das. Medea als Charakter bleibt offen, daher rätselhaft, von Anfang an eine Halbverrückte, die nie ruhig stehen kann vor Jammer, Leid und Wut. Am ehesten ist sie ein Familienmensch, was die ständige Präsenz ihrer beiden Kinder auf der Seitenbühne nahelegt. Doch auch das legt sie nicht fest. Eine Frau von heute jedenfalls, in glitzernden, hautengen Leggings und locker hängendem T-Shirt.

Let's talk Dschihad

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 17. März 2017. Diese Kritik ist für alle, die denken, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden etwas bringt. Ja, ja, we've got news: Wir gehören in eine geschlossene Selbsthilfegruppe. Wir sollten schleunigst lernen aufzuhören die Welt zu nerven mit unserer weltfremden Einstellung, sonst passiert was. Eigentlich ist schon voll was am passieren! Und zwar diverse Kriege, die für alle, die glauben, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden nix bringt, radikalere Handlungsmöglichkeiten im Angebot haben. Lebensmodelle, in denen man morgens nicht aufwacht und nachdenkt, sondern: aufsteht und kämpft und kämpft.

Schattenspiel mit Dämonen und Schauspielern

von Michael Wolf

Berlin, 17. März 2017. Vor Kurzem präsentierte Kanzlerkandidat Martin Schulz die Zielgruppe seines Wahlkampfs: Hart arbeitende Menschen. Die Kollegen von Spiegel bis Anne Will fragten sich daraufhin, ob Deutschland überhaupt ein Gerechtigkeitsproblem hat. Den Zahlen nach gilt im Großen und Ganzen der berühmte Satz der Kanzlerin: "Deutschland geht es gut." Keineswegs selbstverständlich also, abstiegsbedrohte Arbeitnehmer ins Zentrum des Interesses zu rücken. Trotzdem hat im Deutschen Theater Berlin Bastian Kraft nun Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" auf die Bühne gebracht.

Die Todgeweihten grüßen uns

von Tobias Prüwer

Leipzig, 17. März 2017. Ruinierte Leiber schieben sich durch den steril ausgeleuchteten Saal. Die fünf Frankensteins gleichen eher untoten Kreaturen denn Lebenden. Die grotesken Flickenteppiche ihrer Haut werfen Falten. Als Madensäcke schwanken die Figuren über die kleine Bühne am Schauspiel Leipzig, wo Hausregisseurin Claudia Bauer mit "geister sind auch nur menschen" ins Innenleben eines Alters-, besser Siechendenheim schaut. Sie inszeniert Katja Brunners Text als Feldlazarett, aufgeschlagen für die finale, dahindämmende Schlacht im Kriegsspiel des Lebens.

Paradise Lost

von Martin Pesl

Wien, 16. März 2017. Lange bevor der Vorhang hochgeht, hört man das Meer rauschen. Man erwartet ein Südseeparadies. "Galápagos" heißt das Stück, und schon der Titel will so gar nicht passen zum verdienten Tiroler Volksdramatiker Felix Mitterer, dessen Geschichten gefühlt in dörfliche Enge und alpine Tristesse gehören. Überraschend gibt der Vorhang dann die nackte Bühnenwand des Theaters in der Josefstadt frei, der Boden ist voll mit zerknüllten Papieren, Beweisen fürs Scheitern.

Apokalypse reloaded

von Geneva Moser

Luzern, 15. März 2017. Ein Glaskasten voller Nebel und Stroboskoplicht, darin ein Mensch. Darüber hängt ein weiterer Mensch in Camouflage-Kleidung vor weißem Flies. Vorne noch ein Mensch, mit aufgeblähtem Lawinen-Airbag um den Hals. Das alles getaucht in weißes Flutlicht, in weißen Nebel.

Als Statist im eigenen Leben

von Eva Biringer

Wien, 11. März 2017. Wer würde sich anmaßen, das Leid dieses Mannes nachzufühlen? Inmitten eines vollbesetzten Saals ist er ganz allein. Zum Ping-Pong braucht es mindestens zwei. Egal wie hektisch er um die Platte rennt – und er rennt mit der Energie des Manikers – kann er gegen sich selbst nur verlieren. Schon das erste Bild dieses bildgewaltigen Abends weist auf sein Ende hin, die totale Einsamkeit.

Bums

von Gabi Hift

Berlin, 11. März 2017. Nackte Plattenbaublöcke, mit hunderten beleuchteten Fenstern, schwarz-weiße Spielzeugquader, einen halben Meter hoch, little boxes – all the same. Dunkel. Ein Knall. Rauch. Schwarze Gestalten entern die Bühne, springen auf die Dächer, Freerunner. "Zieh den Hut ins Gesicht!" skandieren sie. "Verwisch die Spuren!" Anweisungen aus Brechts "Handorakel für Städtebewohner". Dann beginnt das Stück – als Film ohne Ton, auf großer Leinwand. Die Schauspieler, schwarz gekleidet wie Marionettenspieler, fungieren live als ihre eigenen Synchronsprecher.

Die Mauer muss weg

von Andreas Wilink

Bochum, 11. März 2017. Terror-Alarm. Salven knattern, Stimmen überschlagen sich. Aufruhr in den Straßen. Bürgerkrieg. Brennpunkt Verona. Und wir sind live dabei. Kamera ab.

Kuh oder die Frage nach dem Geld

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. März 2017. Das Vokabel-, äh, Programmheft bereitet auf den Besuch der Vorstellung vor: "Exklusiv in dieser Ausgabe: Kleines ABC der Wirtschaft". "Derivat" zum Beispiel, oder "Leitzins", was war das alles nochmal eigentlich wirklich jetzt genau? Wissen wir nicht. Wissen wir viel zu wenig über Wirtschaft. Hat sich FUX gedacht und also "Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence" im Wiener Schauspielhaus gemacht. FUX, das sind Nele Stuhler und Falk Rößler (die diesmal ohne Stephan Dorn zusammen gearbeitet haben), wurde 2011 beim Angewandte-Theaterwissenschafts-Studium in Gießen als Gruppe gegründet. Schon die letzte Arbeit "FUX gewinnt" wies aufs Interesse an der Geldwirtschaft voraus.

Auf dem Band

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2017. Matti Krause läuft und läuft und läuft. Stoisch, gleichmäßigen Schrittes. Auf dem Laufband mitten auf der Bühne, einem quadratischen, von weißen Vorhängen umschlossenen Tanzsaal im Fünfziger-Jahre-Design, der sich immer wieder rasant um sich selbst dreht, auch manchmal von stürmischen Wetterverhältnissen durchpustet wird, die die Vorhänge zausen. Krause ist Hans Beumann, einer der vier Protagonisten in Martin Walsers erstem, 1957 erschienenen sozialkritischen Roman "Ehen in Philippsburg", der jetzt – erstmals für die Bühne bearbeitet – im Stuttgarter Schauspiel Premiere hatte.

Im Helikopter zu Helios

von Kornelius Friz

Plauen, 11. März 2017. Für ihren Göttergatten Iason, den Argonauten-Führer, hat Medea ihre Familie verraten und betrogen. Das Goldene Vlies haben sie ihrem Vater gestohlen und sich auf der Argo, einem sagenhaft schnellen Schiff, auf den Weg nach Korinth gemacht, wo sie zunächst Asyl finden. Nun muss und kann die "Medea", die Intendant Roland May am Theater Plauen/Zwickau auf Kiel gelegt hat, keine Argo sein. Und kleine Schiffe müssen sich, so der Volksmund, stets am Ufer halten. Diese Produktion lässt sich allerdings auch mit größter Mühe kaum aus dem Brackwasser der Vogtländer Weißen Elster bewegen.