Kuh oder die Frage nach dem Geld

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. März 2017. Das Vokabel-, äh, Programmheft bereitet auf den Besuch der Vorstellung vor: "Exklusiv in dieser Ausgabe: Kleines ABC der Wirtschaft". "Derivat" zum Beispiel, oder "Leitzins", was war das alles nochmal eigentlich wirklich jetzt genau? Wissen wir nicht. Wissen wir viel zu wenig über Wirtschaft. Hat sich FUX gedacht und also "Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence" im Wiener Schauspielhaus gemacht. FUX, das sind Nele Stuhler und Falk Rößler (die diesmal ohne Stephan Dorn zusammen gearbeitet haben), wurde 2011 beim Angewandte-Theaterwissenschafts-Studium in Gießen als Gruppe gegründet. Schon die letzte Arbeit "FUX gewinnt" wies aufs Interesse an der Geldwirtschaft voraus.

Auf dem Band

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2017. Matti Krause läuft und läuft und läuft. Stoisch, gleichmäßigen Schrittes. Auf dem Laufband mitten auf der Bühne, einem quadratischen, von weißen Vorhängen umschlossenen Tanzsaal im Fünfziger-Jahre-Design, der sich immer wieder rasant um sich selbst dreht, auch manchmal von stürmischen Wetterverhältnissen durchpustet wird, die die Vorhänge zausen. Krause ist Hans Beumann, einer der vier Protagonisten in Martin Walsers erstem, 1957 erschienenen sozialkritischen Roman "Ehen in Philippsburg", der jetzt – erstmals für die Bühne bearbeitet – im Stuttgarter Schauspiel Premiere hatte.

Im Helikopter zu Helios

von Kornelius Friz

Plauen, 11. März 2017. Für ihren Göttergatten Iason, den Argonauten-Führer, hat Medea ihre Familie verraten und betrogen. Das Goldene Vlies haben sie ihrem Vater gestohlen und sich auf der Argo, einem sagenhaft schnellen Schiff, auf den Weg nach Korinth gemacht, wo sie zunächst Asyl finden. Nun muss und kann die "Medea", die Intendant Roland May am Theater Plauen/Zwickau auf Kiel gelegt hat, keine Argo sein. Und kleine Schiffe müssen sich, so der Volksmund, stets am Ufer halten. Diese Produktion lässt sich allerdings auch mit größter Mühe kaum aus dem Brackwasser der Vogtländer Weißen Elster bewegen.

Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen

von Tim Slagman

München, 10.März 2017. Es gibt nichts zu entschlüsseln in Jean-Paul Sartres Bearbeitung von Euripides Tragödie – und weil zwischen der Antike, dem Frankreich nach dem Algerienkrieg und der Gegenwart der Mensch immer noch des Menschen Wolf geblieben ist, bietet sich der Stoff nach wie vor an mit einer Dringlichkeit, die mit Händen zu greifen ist.

Was hat Willy Loman eigentlich falsch gemacht?

von Dorothea Marcus

Köln, 11. März 2017. Wie ein schwarzes Loch – oder eine überdimensionierte Designerlampe – hängt ein gigantischer Quader über dem Esstisch des Willy Loman. Wasser sickert von außen ein, ein lockender Todesweiher. Nur unter dem Tisch scheint es zunächst trocken zu bleiben: das Irrationale dringt in ein bürgerliches Mittelstandsambiente ein, das im schwarzen Riesenraum der Fabrikhallenbühne des Depot 1 wie eine winzige beleuchtete Insel wirkt.

Brecht zersägen

von Willibald Spatz

Augsburg, 9. März 2017. Dieses Brechtfestival ist ein Festival der Brecht-Darsteller. Schon am Mittwoch bei den "Svendborger Gedichten" des Baggard Teatret Svendborg und der Augsburger Bluespots Productions spielte einer den Brecht. Und einen Tag später steht Patrick Wengenroth auf der Bühne und stellt den Brecht dar, er steht unter besonderer Beobachtung, denn er ist seit diesem Jahr der Leiter des Brechtfestivals.

Männer weinen heimlich

von Christian Rakow

Zürich, 9. März 2017. Hall liegt auf diesem Abend. Schon in den Celloklängen und minimalistischen Gitarren-Riffs, die Live-Musikerin Maartje Teussink aus der Tiefe des Bühnenraums in Richtung Parkett weht. Aber auch die Figuren sind von einem ganz eigenen Hall erfasst. Bildlich gesprochen. Es ist, als würde sich alles, was sie einander zu sagen haben, sogleich von ihnen entfernen, in die Höhe entschweben, nie zum Sprecher zurückkehren.

Den Bruder vergessen

von Maximilian Pahl

Zürich, 8. März 2017. Moussa! Dieser Name hallt hinein in eine Schrecksekunde. So hieß also der namenlose Algerier, den Albert Camus in "Der Fremde" niederschießen ließ, um seinen überdrüssigen Mörder Meursault mit dem Todesurteil zu erlösen. Und so politisch und dicht kann also heute wieder ein Theaterabend sein, der sich lose auf diesen Geburtstext des Existenzialismus bezieht. Das alles freilich nur dank des Journalisten und Autors Kamel Daoud und seinem 2013 erschienenen Roman "Der Fall Meursault. Eine Erwiderung". Und dank Özgur Karadeniz, der als Moussas Bruder Haroun auf einem Stuhl im Theater Neumarkt sitzt und von einem wiederum namenlosen Europäer darauf angesprochen wird.

Der König tanzt

von Falk Schreiber

Hamburg, 8. März 2017. Der Diktator hat Humor. "We are the press", singt er zur Melodie der Charity-Schnulze We are the world, "we are objective, we are reporting in the name of truth and always neutral ... We're here to make a better world for you and me". Und als die Gesangseinlage vorbei ist, zeigt er, was er wirklich von der Presse hält: "Habt ihr eine bessere Welt geschaffen? Eure Scheißkameras sind Waffen! Ich hasse Journalisten!"

Abwärtsspirale im Schnelldurchlauf

von Martin Pesl

Wien, 6. März 2017. Die Zeiten haben sich geändert. Sah man im vergangenen Jahrzehnt ein Theaterstück mit weit unter 90 Minuten, wollte man einen Teil seines Eintrittsgeldes zurück. Oder nach der Pause noch ein zweites Stück sehen. Heute wird eher über Überlänge gemotzt. Dazu jedoch besteht bei dieser freien Produktion im Werk X Eldorado kein Anlass. Die Uraufführung des im Rahmen des Autor*innenprojekts Wiener Wortstätten entstandenen Textes "mutterseele. dieses leben wollt ich nicht" von Thomas Perle in der Regie von Lina Hölscher dauert etwa 50 Minuten. Diese Flüchtigkeit macht es aber auch nicht leichter, den Abend so ernst zu nehmen, wie das darin verhandelte sozialpathetische Drama es zu verlangen scheint.

Ade Tabu!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 5. März 2017. Sie reden über Sex und Liebesspiele. Erotische Fantasien sprudeln nur so aus ihnen heraus. Nach sechs Ehejahren ist das junge Paar leidenschaftlich wie am ersten Tag. Tabus gibt es keine. Der Mann lässt sich den eigenen Samen auf der Zunge zergehen, der "wie Putzmittel" schmeckt. Nervös zupft die Frau im weißen Hochzeitskleid Blätter einer roten Rose ab. Bis ihr das Lächeln auf den kirschrot geschminkten Lippen gefriert, als sie von der Hochzeitsreise ins verschlafene US-Küstendorf Montauk redet. Da sind die Musterkinder des amerikanischen Traums bei einer Unfallflucht zu Mördern geworden.

Jana und Henny fahren zur Hölle

von Janis El-Bira

Halle, 5. März 2017. Es scheppert und die Fahrt beginnt. Im Rücken wuselt das Orchester, auf der Hinter-, den Seitenbühnen und im Zuschauerraum öffnen sich kleine Welten und mittendrin wir, kreiselnd, wie Willenlose von Szene zu Szene geworfen. Vielleicht gibt es im Theater keine größere Machtentfaltung als die, das Publikum nicht vor, sondern auf einer Drehbühne zu platzieren, es somit ungefragt in Bewegung zu setzen, seinen Blick zu lenken. Der Schwindel wird dabei im doppelten Wortsinn zum Prinzip. Denn wer immerfort im Kreis sich dreht, dem verschwimmen Anfang und Ende, Wirkung und Ursache.

Gut gelauntes Klagelied

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 4. März 2017. Die Erkenntnis, dass man aus Liebe nicht stirbt, hat schon manch ein Leben gerettet. So gesehen, verläuft auch für die Figuren in diesem Stück alles glimpflich. Zwar kommen sie vor Liebe um, aber eben nicht ums Leben. Patrick Marbers Stück "Drei Tage auf dem Land" fußt auf Iwan Turgenews 1872 uraufgeführtem fünfaktigen Sommerwahnsinn "Ein Monat auf dem Lande", der die Liebe als flatterhaftes Wesen karikiert und die Menschen in all ihrer Selbstbezogenheit desavouiert. Darin ist das Stück durchaus ein Vorläufer der späteren großen Dramen von Anton Tschechow, der das Spiel mit dem manisch aneinander Vorbeilieben auf die meisterliche Spitze trieb.

Potpourri der Fliehkräfte

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. März 2017. Gegen Ende der Ära Barbara Mundel wagt das Theater Freiburg noch einmal den großen Wurf. Mit Hilfe von acht internationalen Künstlerteams soll unter dem Titel "Eurotopia" untersucht werden, was von der Utopie Europa geblieben ist. Um dem Ganzen mehr Tiefgang zu verleihen, werden die Aufführungen in den kommenden zwei Monaten in vier unterschiedliche Themenblöcke eingebettet.

Das Keifen der Schmunzelmonster

von Dieter Stoll

Nürnberg, 4. März 2017. "Wanzenburg" soll der Berliner Volksmund solche verkommenen Mietshäuser wie dieses zu Zeiten der Ehrenrunde von Gerhart Hauptmanns letztmals siegreichem Naturalismus genannt haben. Aber spätestens seit Michael Thalheimer vor nun auch schon wieder fast zehn Jahren die Figuren der Tragikomödie "Die Ratten" geduckt durchs Querschnitt-Labyrinth schickte, wird niemand mehr das Bröckeln der Originalkulisse als Grundvoraussetzung einklagen. In der Nürnberger Inszenierung von Sascha Hawemann, die ziemlich genau doppelt so lange dauert wie die von Thalheimer, käme kein Kammerjäger auf seinen Mindestlohn, denn auf den ersten Blick ist klar, dass hier selbst die titelspendenden Ratten nur für Metaphern gebraucht werden. Wir sind nicht im Leben, wir machen Theater.

 

Keine Erlösung, keine Erschöpfung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. März 2017. Frank Castorf ist wohl wirklich das, was man eine coole Sau nennt. Als es bei den Bayreuther Festspielen vor vier Jahren galt, dem geballten Unmut des Publikums zu trotzen, verharrte er volle 10 Minuten im Buh-Orkan. Allein. Nun aber, da das Publikum ihn am Ende seiner letzten großen Inszenierung nach einem Vierteljahrhundert Intendanz an der Berliner Volksbühne feiern will, betritt er, weit nach Mitternacht, um 1:09 Uhr im Schutze seines Ausnahme-Ensembles die Bühne. Und um 1:10 Uhr verlässt er sie wieder – nach einigen linkischen Verbeugungen –, um nicht wiederzukommen. I am a poor lonesome cowboy ... Die freudig erschöpften Zuschauer*innen müssen sich so in ihrem Jubelbedürfnis an den Schauspieler*innen schadlos halten. Was sie ausgiebig tun. Denn immerhin liegen sieben Stunden Spieldauer hinter ihnen, und da ist der Schlussapplaus auch immer eine Erlösung.

Und alle: Scheiß drauf!

von Sascha Westphal

Dortmund, 3. März 2017. Mike Daiseys Monolog "The Trump Card" stammt noch aus der Zeit vor der Wahl am 8. November 2016. Während Donald Trump durch die Vereinigten Staaten reiste und auf Wahlkampfveranstaltungen seine Reden hielt, war der Autor und Performer Daisey auf seiner eigenen Tour durch das Land. In kleinen Theatern hielt er seinen Wut-Monolog und konfrontierte sein meist linksliberales Publikum mit dessen eigener Verantwortung für den Aufstieg des Milliardärs zum Präsidentschaftskandidaten. Die letzte dieser Vorstellungen fand genau eine Woche vor der Wahl in einem New Yorker Theater statt und wurde live im Netz übertragen. Sieht man sie sich heute auf YouTube an, merkt man an den Reaktionen des unsichtbar bleibenden Publikums, dass die wenigsten mit einem Sieg Trumps gerechnet haben.

Welche Medizin schmeckte zu schlecht dem Sterbenden?

von Willibald Spatz

Augsburg, 3. März 2017. Gleich von Beginn an macht Selcuk Cara deutlich, dass er hier nicht einfach ein Lehrstück von Bertolt Brecht inszeniert, weil man das von ihm auf einem Brechtfestival erwartet. "Die Maßnahme" besitzt für ihn eine hohe Aktualität und Dringlichkeit, und das soll auch der Zuschauer spüren. Zunächst muss er in einem eigentlich für diese Menschenmenge zu kleinen Zelt in der Kälte auf den Einlass warten. Dieser wird dann auch nur portionsweise gewährt. Man wird von zwei Türsteherinnen mit Fragen wie "Bist du ein Mensch?" oder "Wofür bist du dir zu gut?" belästigt, bekommt Taschenlampen ausgehändigt und wird schließlich ins Kühlergebäude des Gaswerks Augsburg geführt.

Kind im Bestatteranzug

von Ulrike Gondorf

Essen, 3. März 2017. Es klingelt. Der Tod steht vor der Tür. Und will den namenlosen Helden der Geschichte abholen. So beginnt der Roman "Sophia, der Tod und ich", mit dem der Musiker und Songwriter Thees Uhlmann es im vorletzten Bücherherbst auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft hat. Mit seinem Debüt als Schriftsteller.

Die Welt, eine Heimat für Herren und Sklaven

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 3. März 2017. "Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister", sagt Debuisson mit drastischer Geste, auf dass auch seinen "Geschäftspartnern" die Augen aufgehen: "Der Auftrag" in Sachen exportierter Revolution ist obsolet. Im Mutterland hat sich Napoleon aufgeschwungen zum Alleinherrscher, und die "schwarze" Revolution am karibischen Rand-Schauplatz, in Jamaika, ist nun auch zum Scheitern verurteilt. Eine solche wäre, laut Auftrag, anzuzetteln gewesen – von Leuten, denen man besser nicht über den Weg traute. Aber es bestätigt sich, was die Pseudo-Revolutionäre zumindest schon zwischendurch mal ahnten: "Immer bleiben die Engel aus am Ende."