Tanz über die Splitter der Explosion

von Lena Schneider

Paris, 27. November 2015. Nach dem Verstummen kamen die Ausrufezeichen. Am Wochenende, das auf die Attentate vom 13. November folgte, waren alle Vorstellungen in den Theatern in und um Paris abgesagt worden. François Hollande hatte am Sonntag vor dem Parlament eine flammende Kriegsrede gehalten und dann gemeinsam mit den Abgeordneten viele Strophen der Marseillaise gesungen. Im Laufe der Woche drauf schickten die Theater Lebenszeichen durch ihre Mail-Verteiler. "Ensemble!" (Zusammen!), rief das städtische Théâtre de la Ville am Dienstag, dem ersten Spieltag nach den Attentaten. "Le Théâtre reste ouvert!" (Das Theater bleibt offen), hieß es aus dem Banlieue Sartrouville am Tag drauf. Und gleich nochmal das Théâtre de la Ville: "Ensemble!"

Tod auf Bewährung

von Lena Schneider

Avignon, 18. Juli 2015. Ein Gespenst schwebt überm diesjährigen Festival in Avignon, das Gespenst des Verschwindens. Es hat verschiedene Gestalten. Eine davon hat sich das Festival zum Programm gemacht. "Ich bin der Andere" heißt die Saison 2015. Es ist ein Echo auf "Je suis Charlie", die weltweite Solidaritätsbekundung nach der Ermordung der 12 Mitarbeiter von "Charlie Hebdo". Doch der 7. Januar scheint vom südfranzösischen Sommer aus fern. Die Menschen drängen sich bis spät in die Nacht auf Plätzen, in Sälen und Warteschlangen zusammen wie jedes Jahr. Die halbherzigen Taschenkontrollen (noch gilt in Frankreich das Terrorschutzprogramm "Vigipirate") nehmen sie gelassen hin. Business as usual. Der erste Schock nach dem Attentat ist längst verklungen, und wenn da so etwas wie eine Angst vor der plötzlichen Auslöschung geblieben ist, wird sie mit dem Fächer, dem wichtigsten Utensil im Avignoner Hochsommer, beiseite gewedelt.

Das Blau der Gauloises

von Ute Nyssen

4. Februar 2014. Paris im Winter. Im Licht des fortlaufend milden Wetters ist die Stadt überwältigend in ihrer Schönheit. Der Himmel leuchtet in ganz unwirklichen Farben. Ist das echt oder unecht? Fragen, die von außen auch ins Theater wirken. "Ravel", im sympathischen Privattheater Artistic Athévains im 11. Arrondissement, passt zu dem irrealen Licht der Stadt. Vielleicht hat das Blau der Abenddämmerung, die Stunde zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, die Regisseurin Anne-Marie Lazarini und den Ausstatter Francois Cabanat inspiriert, den gesamten Bühnenraum mit allen Lebensrequisiten des Komponisten Maurice Ravel blau anzustreichen. Konkret ist es das Blau einer Packung Gauloises, der Zigaretten, die Ravel bis zu seinem Tode 1937 exzessiv rauchte. Die Inszenierung von Jean Echenoz' gleichnamigem Roman, 2006 erschienen, umkreist die letzten zehn Lebensjahre des Musikers.

Der Krise mit Theater trotzen

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2013. Das erste Drittel der Saison neigt sich dem Ende zu. Nach der Pause zum Jahreswechsel heißt es wieder neues Spiel, neues Glück. Ist der Lack ab in Paris, in der Krise? Vor den Ausstellungen sind die Schlangen so lang wie eh und je, gefühlte 500 Meter bei Dali. Aber im Gastgewerbe lauert Krisenangst, wird es bei der Anzahl der Touristen bleiben, der aus Italien, Spanien? Die Hotelpreise schießen trotzig in die Höhe. Teure Events im Restaurant allerdings fallen schon länger flach und damit auch einige hundert Euro Trinkgeld, erzählt ein Garcon. Doch niemand klagt.