Protagonisten der Angst

von Falk Richter

24. Juni 2016

 

1. WAS KANN THEATER?

Diese Frage wird immer wieder gestellt. Meine Antwort lautet: Theater soll sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen, soll sich einmischen in gesellschaftliche Diskussionen, soll auch den politischen Diskurs in einer Gesellschaft vorantreiben, Ideen liefern, aktuellen Strömungen in der Gesellschaft nachspüren und ein Diskussionsforum ermöglichen. Das Theater ist der besondere Ort, wo Menschen zusammen kommen, gemeinsam eine Inszenierung zur selben Zeit erleben und sich anschließend darüber austauschen können.

Fest steht unser gemeinsamer Feind

von Friederike Felbeck

Düsseldorf, 18. Juni 2016. Die Finnen haben's erfunden. Die Kuratorin Eva Neklayeva machte ihren Traum "Art goes Politics" in ihrem letzten Jahr als künstlerische Leiterin des renommierten "Baltic Circle" in Helsinki wahr: Unter dem Titel "Make Art Policy" und mit Unterstützung des israelischen Kollektivs Public Movement wurden ein Jahr vor dem Wahlkampf Politiker und Parteien befragt, welche Positionen und Programme sie im Hinblick auf die Kulturpolitik haben. Ein Jahr vor den Landtagswahlen in NRW wiederholten Public Movement als internationales Auftragswerk des Theater Festival Impulse nun das Format mit einer Veranstaltung im Rathaus der Landeshauptstadt Düsseldorf, die gediegen und ohne Kratzer als kulturpolitische Fragestunde mit Klärungsbedarf daherkam.

Nach Istanbul! Nach Istanbul!

von Eva Biringer

Europa, 13. Juni 2016. Wenn die schönsten Melodien aus der Ferne klingen, muss sie jemand nachsingen. Wenn Geschichten in der Vergangenheit spielen, muss sie jemand nacherzählen. Auf die Frage nach seinem besten Operndolmuş-Moment antwortet Tenor Johannes Dunz nach der Dernière in Istanbul: "Als sich bei der Münchner Vorstellung im Giesinger Bahnhof ein ehemaliger Gastarbeiter und sein bayerischer Nachbar zufällig wiedergetroffen haben, zum ersten Mal nach vierzig Jahren." Ich muss diese Geschichte glauben, denn die ersten 590 Kilometer habe ich ausgelassen, in München war ich nicht dabei. Zugestiegen in den Operndolmuş-Tourbus der Komischen Oper Berlin bin ich erst in Wien, wo ich seit kurzem wohne. Hier bin auch ich eine Fremde, ein Gast mit Bleiberecht, gekommen, um zu arbeiten und vielleicht, um zu bleiben. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, mich als Gastarbeiterin zu bezeichnen, wie die in den Sechzigerjahren von der Bundesrepublik angeworbenen Türken. Seltsam aus der Zeit gefallen wirkt dieser Begriff aus heutiger Sicht, sind doch alle ständig unterwegs, freiwillig oder gezwungenermaßen.

Operndolmuş on tour

Ab 1. Juni 2016. Der Operndolmuş geht auf Tour. Das mobile Kleinbus-Musiktheater der Komischen Oper, bestehend aus zwei Sänger*innen, drei Musiker*innen und einem/r Moderator*in, schwärmt seit 2012 in die Berliner Kieze aus, dorthin, wo – so die Selbstbeschreibung – "besonders viele Bürger_innen unterschiedlicher kultureller Herkunft leben". Seit dem 29. Mai ist der Operndolmuş nun unterwegs – auf Reisen entlang der sogenannten "Gastarbeiterroute", auf der die Arbeitsmigranten in den Sechziger Jahre gen ursprünglicher Heimat in den Urlaub fuhren. Es geht von Berlin über München, Wien, Belgrad und Sofia nach Istanbul, wo der Bus am 7. Juni ankommen soll. Im Gepäck: eine 45-minütige Revue quer durch die Geschichte des Musiktheaters. Mit an Bord: nachtkritik-Autorin Eva Biringer, die in Wien zugestiegen ist und deren Eindrücke von unterwegs dieses Liveblog füllen (sukzessive aktualisiert – letztes Update: 8. Juni 2016, 19:40 Uhr).

Jenseits der Ansprüche

von Michael Wolf

Berlin, 30. Mai 2016. Mit der Freien Theaterszene verhält es sich wie mit der Sozialdemokratie. Sie hat die Theaterlandschaft so sehr geprägt, dass sie an Kontur verliert, disparat und orientierungslos wirkt. "Früher ...", raunt man sich auf Probebühnen zu, "früher gab es noch diese herrlich produktive Opposition zum Stadttheater. Und es gab die Verachtung für feste Strukturen, Selbst- statt Fremdausbeutung war noch allein unser Ding, der freie Künstler hatte die Armut auf seiner Seite und Hans-Thies Lehmann noch volles Haar." Dieses "Früher" muss gewesen sein, lange bevor Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele übernommen hat, Gruppen wie Rimini Protokoll und Gob Squad zu Big Playern wurden und Gerhard Stadelmaier in Rente ging.

Palmarès vom Schreibtisch?

von Andreas Klaeui

Genf, 27. Mai 2016.Wer einmal eine seiner Produktionen gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Das Zürcher Theater Hora ist schon eine ganz besondere Institution. Seit einem Vierteljahrhundert leistet es Pionierarbeit in der künstlerischen Förderung von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Die allererste Produktion war "Momo" nach dem Roman von Michael Ende, die Figur des Meisters Hora darin, der die Zeit verwaltet, gab dem Theater den Namen. Über den Umgang mit Zeit kann man manches lernen in den Hora-Aufführungen, über Geduld, und Hingabe auf der Bühne. International bekannt – und kontrovers diskutiert – wurde es mit Disabled Theater in der Inszenierung von Jérôme Bel, das den Schutz von Rollen hinter sich ließ. Das aktuelle Langzeitprojekt nennt sich "Freie Republik Hora": Hier entwickelt das Ensemble eigene Inszenierungen und Choreografien; abermals ein Schritt über das herkömmliche "Behindertentheater" hinaus.

Die Panels bei "Theater und Netz. Vol. 4"

Mai 2016. Unter dem Schwerpunkt "[Digitale] Bühnen des Extremismus" veranstalteten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung am 8. Mai 2016 in Berlin die vierte Auflage der Konferenz "Theater und Netz". Die Diskussionsveranstaltungen des Tages wurden live gestreamt. Die Mitschnitte der Panels stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. Arne Vogelgesangs Performance "Medienkompetenztraining für Propaganda-Einsteiger" kann aus rechtlichen Gründen nicht als Mitschnitt veröffentlicht werden. Das gesamte Konferenzprogramm finden Sie unter www.theaterundnetz.de.