Taking Time

von Tim Etchells

22. Juni 2015. Working with Forced Entertainment in the early '90s we were preparing for a theatre performance with the title "Emanuelle Enchanted". As was often the case for us then, the piece was made from more-or-less discrete sections, each involving text and action, governed and guided by a particular rule-system or structure. Based in games, explorations, and an inventive energetic playing-through of limits, the sprawling improvisations the work grew from were flowing and endlessly generative, appearing to resist both the time demands of theatre and the shaping hand of direction, even as the form we were tied to (a theatre performance) was a frame of more-or-less inbuilt demands and expectations.

Leichte Beute

von Esther Slevogt

Berlin, 21. Juni 2015. Es ist ungewiss, ob es die junge syrische Mutter wirklich gegeben hat, deren Begräbnis in Berlin neulich die spektakuläre Kunstaktion Die Toten kommen des Zentrums für Politische Schönheit eröffnet hat. Ob sich ihr angeblich aus einem anonymen Massengrab exhumierter Leichnam wirklich in dem weißen Sarg befand, der auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow in die Erde versenkt wurde. Denn sie ist in erster Linie eine Theaterfigur, erschaffen, um zu erreichen, was gut ausgedachte Theaterfiguren seit Aristoteles zu erreichen versuchen: nämlich beim Zuschauer Jammern ("Eleos") und Schaudern ("Phobos") hervorzurufen, um schließlich Läuterung (und Erkenntnis) zu bewirken. Und wie sehr das ZPS mit dieser Aktion einen Nerv getroffen hat, zeigt schon das enorme Medienecho.

Subversive Spielesammlung

von Friederike Felbeck

Mülheim, 21. Juni 2015. An seinem letzten Abend steht das Impulse Theater Festival in voller Blüte. Florian Malzacher, sein künstlerischer Leiter, eröffnet eine "durational performance", in dessen Verlauf eine im Mülheimer Wald verstorbene Eiche zunächst coram publico wieder zusammengesetzt wird, um sie dann endgültig zu Holz werden zu lassen. Wenige Meter entfernt ist gerade die letzte Veranstaltung der "Silent University" zu Ende gegangen, ein subversiver Schwarzmarkt von Wissensvermittlung von Akademikern, die durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus keine Lehraufträge annehmen können.

Bitte vermitteln Sie das Gute

von André Mumot

Berlin, 16. Juni 2015. "Das hier ist kein Theater, das ist die Realität", sagt Stefan Pelzer. "Wer glaubt, das hier sei eine Geschichte, der ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten." Noch steht er am Rande, abgerückt von der eigentlichen Grabstelle auf dem Landschaftsfriedhof Gatow, und um ihn herum drängen sich die Journalisten, recken ihm ihre Mikrofone entgegen und tun das, was sie in solchen Fällen meistens tun: Sie zischen sich platzneidig zu, sie rempeln einander an, sie kämpfen sich nach vorn. Ob er beim "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) wirklich der "Eskalationsbeauftragte" sei, will eine Stimme hinter den Mikros wissen. Ja, das gibt Stefan Pelzer zu. Eigentlich schon. "Aber heute bin ich nur Vater."

Geheiligter Schuldner

Darmstadt, 14. Juni 2015. Als Mitinitiatorin der Kunstaktion, die die Gala-Datterich Aufführung am 10.6.2015 unterbrach, ist es mir zunächst wichtig zu klären, wie diese entstanden ist und welche inhaltlichen Anliegen sie motiviert haben. Dabei handelte es sich nicht um eine geplante Aktion des Theaterensembles oder der Regie der Produktion "Schulden. Eine Befreiung", sondern um eine, die spontan nach dem Applaus und mit den Zuschauer_innen der Mittwochsvorstellung entstanden ist. Dieses Projekt hat als experimentelles Gesamtkunstwerk über neun Tage hinweg ein dionysisches Forum in der Stadt geschaffen, das jeden Tag mit neuen performativen Aktionen die in Europa brennende Schuldenproblematik thematisiert und mit verschiedenen interaktiven Formaten das Publikum teilweise als Akteure darin mit eingebunden hat.

Schwitzhütten-Katharsis

von Alexander Kohlmann

Hamburg, 8. Juni 2015. Es sieht aus wie eine Szene aus der Sex-Orgie in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut", wie die Zuschauer mit weißen Masken auf Einlass in das "Cabinet of Political Wonders" warten. Um eine Orgie geht es hier auch, jedoch nicht um sexuelle Aktionen, sondern um politische Spielarten. Zwischen Lenin und amerikanischem Popcorn werden die Besucher Eindrücken von politischen Brand-Reden des 20. Jahrhunderts ausgesetzt. Reden, die von dem slowenischen Künstlerkollektiv um Ana Vujanović als Performance begriffen und in Installationen verwandelt werden.

Krieg (und Frieden) und Schuld (und Sühne)

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 7. Juni 2015. Das schreckliche Gesicht des Kriegs in Georgien offenbaren fünf Frauen in Data Tavadzes Euripides-Inszenierung "Die Troerinnen". Starr blicken die Akteurinnen ins Leere. Sie erzählen vom Tod ihrer Männer und Söhne. Flüsterstimmen versickern in der Klangwüste. "Jetzt lebe ich im Frieden", sagt der 26-jährige Regisseur später. "Aber wenn wir uns in Georgien nicht an den Krieg erinnern, geht es wieder los." Tavadzes radikales Theater gegen den Krieg offenbart eine starke Regie-Handschrift. Die Nachfrage beim Karlsruher Publikum des Festivals "Premières" war so groß, dass spontan eine dritte Vorstellung ins Programm geschoben wurde.