Zweifel in Flaschen

von Claudia Wahjudi

Berlin, 3. April 2016. Töten und getötet werden, verschwinden oder zurückbleiben: Rabih Mroués Stücke und Performances verhandeln Überlieferungen von Kriegen und Konflikten im Nahen Osten. Der Künstler glaubt keiner, noch nicht einmal seiner eigenen, wie seine Retrospektive durchaus mit feinem Humor plausibel macht.

Der kategorische Imperativ des Spektakels

von Nishant Shah

September 2015. Unsere Digitaltechnologien sind vor allem Systeme des Beobachtens und Observierens. Wie es in Abwandlung eines alten philosophischen Problems witzelnd heißt: "Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand ist da, der es twittert, ist der Baum dann auch wirklich umgefallen?" – so scherzhaft das klingen mag, ist doch wahr daran, dass wir in einer panoptischen Blickwelt leben. Ob es nun die ubiquitären Kameras in unseren Smartphones sind, Dronen am Himmel, Überwachungssysteme, die unsere Informationsflüsse kontrollieren, oder Satelliten, die noch unsere Schlafzimmerfenster ausspähen können: Wir leben in einer Kultur der gegenseitigen Überwachung und Beobachtung, deren Zwang zur Observierung einen wiederum kontrollbedürftigen Datenüberschuss generiert, welcher zusammen mit der ständig wachsenden Zahl von Zuschauern, die uns beobachten, unser Leben in lauter Schauspiele verwandelt hat. Diese präsentieren sich in Form zerstückelter und dekontextualisierter Inszenierungsfragmente, die sich zwar noch zu längeren Narrativen verknüpfen lassen, aber meist mehr schlecht als recht einzig von Algorithmen der Verteilung, Speicherung und Kuratierung zusammengehalten werden.

"Trostpflaster werden nicht vergeben"

Videointerview von Christian Rakow

Franz Wille, Leitender Redakteur von "Theater heute" und Auswahljuror der Mülheimer Theatertage

 

Berlin, 2. März 2016. Franz Wille ist leitender Redakteur des Fachmagazins "Theater heute" und seit 1993 mit zwei Unterbrechungen (2003-2004 und 2011-2013) Auswahljuror der Mülheimer Theatertage. 2016 vertritt er das Auswahlgremium als Sprecher in der Preisjury für den Mülheimer Dramatikerpreis. Im Interview mit nachtkritik.de spricht Franz Wille u.a. über performative Textformen, die Vorzüge des Stadttheaters gegenüber der Freien Szene und über den Hit der Saison "Terror" von Ferdinand von Schirach, der nicht nach Mülheim eingeladen ist. Das Interview fand in der Bahnhofsmission des Berliner Hauptbahnhofs statt.

Mehr zu den sieben Stücken, die 2016 um den Mülheimer Dramatikerpreis konkurrieren.

 

"Damit möchte ich nichts zu tun haben"

von Sascha Westphal

17. Februar 2016. Mehr als neun Monate hat die Suche nach einem neuen Intendanten für das Schauspielhaus Bochum gedauert. Gerüchte kursierten, viele klangen nach Verlegenheitslösungen. Insofern war es schon eine Überraschung, als der Verwaltungsrat des Schauspielhauses am 5. Februar Johan Simons als Nachfolger von Anselm Weber präsentierte. Johan Simons soll das in den vergangenen Jahren ins Schlingern geratene Haus wieder auf Kurs bringen. Sein Konzept: ein "Haus der Kulturen". Über seine Pläne für ein "europäisches Theater" hat Johan Simons mit Sascha Westphal gesprochen.

Die digitale Bühne ist eröffnet

von Sascha Ehlert

Berlin, 8. Februar 2016. Brennende Türme, brennende Fahnen, Abu Ghraib. Burkas, maskierte Kriegsmänner, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Bombenangriff: Willkommen in der Welt der Familien Montague und Capulet. Was für ein bedrückender Einstieg! Manuel Braun heißt der Regisseur (arbeitete bisher unter anderem am Münchner Volkstheater) und Videokünstler, der mit seiner "Romeo und Julia"-Inszenierung die Stimmung von der ersten Szene an tief in den dunklen Keller drückt. Betende Muslime, gehängte Simpsons, dazwischen ein Satz: "She loved him and he loved her, but it wasn't that simple." Und die Wiener Sängerin Anja Soap & Skin singt über eine elektronisch-melancholische Ambient-Produktion des Berliner Musikers Apparat: "Neither ever, nor ever, goodbye, goodbye", derweil man im Browser hinauf und hinab scrollt.

Das Theater als Hort der Neu-68er

von Esther Slevogt

Hamburg, 24. Januar 2016. "Warum sollen wir hier überhaupt 'wir' sagen? Warum sagen wir nicht 'zusammen'?" fragt Azadeh. Das Wort "Wir", ein Schlüsselwort der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Lessingtage des Thalia Theaters, schreibe einen Kreis – und nur wer darinnen stehe, gehöre zu diesem "Wir". Die anderen blieben draußen. Daran, dass sie das Wir-Wort für ungeeignet hält, den Diskurs über eine neue und diverse Stadtgesellschaft überhaupt zu führen, ändert für Azadeh auch die Frage nach einem "neuen Wir" nur wenig.

Auf die Wiedereröffnung des Comptoir Voltaire

von Pieter De Buysser

Anmerkung: Der Text entstand vor der tatsächlichen Wiedereröffnung des "Le Comptoir Voltaire" Mitte Dezember.

24. Dezember 2015. Momentan steht nicht fest, ob "Le Comptoir Voltaire", das Bistro in Paris, in dem sich einer der Terroristen am 13. November in die Luft sprengte, je wiedereröffnet wird. Sollten sich die Kellner ihre Schürzen wieder umbinden, ist ebenso wenig sicher, dass sich die folgende Situation dort abspielen wird. Aber es ist möglich. Möglichkeitssinn ist heute ebenso wichtig wie Wirklichkeitssinn.