Belmondos Lippen

Von Falk Schreiber

Hamburg, 24. August 2016. Wenn András Siebold gut drauf ist, dann ist der Leiter des Internationalen Sommerfestivals Hamburg ein begnadetes Lästermaul. Zum Beispiel bei der Pressekonferenz zum diesjährigen Sommerfestival: "Internet und Theater: Das heißt meistens, dass Nachtkritik irgendwo ein Symposium veranstaltet." Danke für die Blumen. Aber eine Punchline ist gesetzt, und außerdem hat Siebold ja recht: Ein echtes Verhältnis zum Netz hat das Theater wirklich noch nicht gefunden.

Mama, ich werde Theaterkritiker

von Sascha Ehlert

Berlin, 9. August 2016. Die Mutter freut's, aber von diesem Nachtkritik hat sie noch nie was gehört. Nein, meine Familie ist alles andere als theateraffin, in meinem Erinnerungsspeicher kaum Theater-Erfahrungen aus der Jugend. Mit meinen Eltern war ich höchstens mal im Musical, mit der Schule einmal in der Komischen Oper, irgendwann mal in der Schaubühne bei irgendeiner Shakespeare-Inszenierung und einmal im Berliner Ensemble, bei "Arturo Ui". Die einzige Seherfahrung, bevor ich achtzehn wurde, die mich bis heute bewegt. Der Nazi, der zu Heino-Musik strippt, wirkte auf mich zwar albern. Aber dieser kleine Schreihals mit dem Bart auf der Bühne, der hinterließ einen bleibenden Eindruck. Dass das Martin Wuttke und die Inszenierung von Heiner Müller war, wusste ich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, wer die beiden sind.

Die Espressomaschine, die Ameisen und ich

von Claudia Wahjudi

Berlin, 5. Juli 2016. Zum Kern des Werks geht es hinab in den Keller. In der Werkstatt der ehemaligen Freien Volksbühne stapeln sich Paletten, darauf laufen zwei altmodische Fernseher. Sie zeigen zwei Kurzfilme, je eine "Drawing Lesson" von William Kentridge. Der Künstler aus Südafrika spielt darin sich selbst und sein Alter Ego – beide gekleidet, wie er immer auftritt, mit schwarzer Bundfaltenhose und weißem Hemd, den Zwicker in der Brusttasche oder auf der Nase.

"... und lass mich dich in Mädchenkleidern sehen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. Juni 2016. Zuschauern ist es im Grunde egal, ob sie eine Aufführung im Privat- oder Staatstheater sehen. Die Unterscheidung bezieht sich auf die Frage, ob die öffentliche Hand ein Theater betreibt oder ein Privatunternehmen, das freilich nicht ohne öffentliche Gelder auskommen muss – auch Privattheater bekommen Subventionen, wenn auch im nicht mit den Staatstheatern vergleichbaren Umfang. Ästhetisch ist mit dem Label "Privattheater" noch keine Aussage getroffen, was unter diesem Label tummelt, ist so heterogen wie die Theaterwelt als Ganzes. Anders gesagt: Das Melchinger Theater Lindenhof ist mit seinem Anspruch, Bauerntheater fürs 21. Jahrhundert zu schaffen, eine ganz andere Baustelle als das Berliner Ensemble; dass beides Privattheater sind, ist eine zweitrangige Kategorie.

Protagonisten der Angst

von Falk Richter

24. Juni 2016

 

1. WAS KANN THEATER?

Diese Frage wird immer wieder gestellt. Meine Antwort lautet: Theater soll sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen, soll sich einmischen in gesellschaftliche Diskussionen, soll auch den politischen Diskurs in einer Gesellschaft vorantreiben, Ideen liefern, aktuellen Strömungen in der Gesellschaft nachspüren und ein Diskussionsforum ermöglichen. Das Theater ist der besondere Ort, wo Menschen zusammen kommen, gemeinsam eine Inszenierung zur selben Zeit erleben und sich anschließend darüber austauschen können.

Fest steht unser gemeinsamer Feind

von Friederike Felbeck

Düsseldorf, 18. Juni 2016. Die Finnen haben's erfunden. Die Kuratorin Eva Neklayeva machte ihren Traum "Art goes Politics" in ihrem letzten Jahr als künstlerische Leiterin des renommierten "Baltic Circle" in Helsinki wahr: Unter dem Titel "Make Art Policy" und mit Unterstützung des israelischen Kollektivs Public Movement wurden ein Jahr vor dem Wahlkampf Politiker und Parteien befragt, welche Positionen und Programme sie im Hinblick auf die Kulturpolitik haben. Ein Jahr vor den Landtagswahlen in NRW wiederholten Public Movement als internationales Auftragswerk des Theater Festival Impulse nun das Format mit einer Veranstaltung im Rathaus der Landeshauptstadt Düsseldorf, die gediegen und ohne Kratzer als kulturpolitische Fragestunde mit Klärungsbedarf daherkam.

Nach Istanbul! Nach Istanbul!

von Eva Biringer

Europa, 13. Juni 2016. Wenn die schönsten Melodien aus der Ferne klingen, muss sie jemand nachsingen. Wenn Geschichten in der Vergangenheit spielen, muss sie jemand nacherzählen. Auf die Frage nach seinem besten Operndolmuş-Moment antwortet Tenor Johannes Dunz nach der Dernière in Istanbul: "Als sich bei der Münchner Vorstellung im Giesinger Bahnhof ein ehemaliger Gastarbeiter und sein bayerischer Nachbar zufällig wiedergetroffen haben, zum ersten Mal nach vierzig Jahren." Ich muss diese Geschichte glauben, denn die ersten 590 Kilometer habe ich ausgelassen, in München war ich nicht dabei. Zugestiegen in den Operndolmuş-Tourbus der Komischen Oper Berlin bin ich erst in Wien, wo ich seit kurzem wohne. Hier bin auch ich eine Fremde, ein Gast mit Bleiberecht, gekommen, um zu arbeiten und vielleicht, um zu bleiben. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, mich als Gastarbeiterin zu bezeichnen, wie die in den Sechzigerjahren von der Bundesrepublik angeworbenen Türken. Seltsam aus der Zeit gefallen wirkt dieser Begriff aus heutiger Sicht, sind doch alle ständig unterwegs, freiwillig oder gezwungenermaßen.