Mumm in den Knochen

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2015. Da ward also vor ein paar Tagen Österreichs Spitzen-Populist HC Strache gesichtet im Salzburger "Jedermann"-Publikum. Mit ihm Johann Gudenus, ein landesweit bekannter Rechtsaußen und Chef der FPÖ-Fraktion im Wiener Stadtparlament. Die Musiker der "Tischgesellschaft" sahen's und haben reagiert: In ihre jazzigen Improvisationen ließen sie ein paar Takte der "Internationale" einfließen.

Lob des Ungehorsams

von Simone Kaempf

Berlin, 7. August 2015. Roter Teppich ist auf dem Bürgersteig ausgerollt. Jean-Claude Junckers Foto schmückt das Rednerpult, neben dem die EU-Flagge gehisst ist. Und mächtig thront auch das Brandenburger Tor im Bild. Die theatrale Setzung stimmt schon mal, die Bildsymbolik auch, um etwas offiziell Staatsmännisches zu suggerieren. Und ziemlich viele Kamerateams, Fotografen, Pressevertreter sind gekommen zur Verleihung der Europäischen Verdienstkreuze, die die Künstlergruppe Peng! Kollektiv an diesem Vormittag an acht Fluchthelfer beziehungsweise ihre Stellvertreter vergibt.

"Jeder Raum, den du gebaut hast, erzählt diese Autonomie, lieber Bert. Und lässt einen an der eigenen Autonomie bauen."

von René Pollesch

Im April 2015

Liebster Bert!

Das berühmteste Theaterlogo, das es je gegeben hat, stammt von dir. Dass wir an der Volksbühne mit Video arbeiten, liegt daran, dass du irgendwann anfingst, geschlossene Räume oder sogar ein ganzes Haus auf die Bühne zu stellen, und uns damit einen ganz konkreten Grund geliefert hast, eine Kamera in die Hand zu nehmen: Es war einfach die einzige Lösung, dem Publikum zu zeigen, was in seinem Inneren vorgeht. Diese Idee stammt also auch von dir. Und sie berührt auch das, was man vor allem sein kann, in deinen Bühnenbildern: konkret.

Ein Mann für alle Räume

von Sabine Leucht

München, 13. Juli 2015. So viele vergangene Welten! Via Bildschirm sieht man Helmut Griem als Faust und die großen Sprechtheater-Dioskuren Thomas Holtzmann und Rolf Boysen als Gloucester und Lear wundersam verjüngt von den Toten auferstehen. Aus der bis aufs letzte Knöpfchen präzisen Handwerklichkeit der Kostüme spricht eine Sorgfalt, die immer schon ihresgleichen suchte. Und aus den Zeichnungen und Gemälden, die Jürgen Rose als Vor-Studien für seine unzähligen Kostüm- und Bühnenbilder entworfen hat, springt einen ein gutes Jahrhundert Kunstgeschichte an. Mal zart aquarelliert, mal schroff und holzschnittartig hingeworfen, dann wieder wie eine Klimt- oder Degas-Kopie, in ihrer Bildkomposition aber stets gleichermaßen perfekt: Selbst der lockerste Strich immer und exakt an der richtigen Stelle.

Tetralogie der Sommerfrische

von Thomas Rothschild

Reichenau, Juli 2015. Es ist nicht frei von Ironie. Da wurden 1988 die Festspiele Reichenau gegründet, als traditionalistische Reaktion auf Claus Peymann, der zwei Jahre zuvor die Direktion des Burgtheaters übernommen hatte, und auf das, was man irreführend Regietheater nannte. Inzwischen gilt Peymann selbst vielen geradezu als der Inbegriff des Altmodischen, und sein engster Mitarbeiter Hermann Beil hat sich als Dauergast in Reichenau etabliert.

In den Dunkelkammern der praktischen Philosophie

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 7. Juli 2015. Tino Sehgal hat mich auf einen Orbit geschickt, auf dem ich weiterkreise, nachdem seine Performance "This Progress" zuende ist. Und ich merke es erst, als ich mich auf dem Fasanenplatz neben dem Haus der Festspiele auf eine Bank setze, um den Pärchen zu lauschen, die an mir vorbeiflanieren, ins Gespräch vertieft. Pärchen, die in der gleichen Dialogperformance spazieren, in der ich noch wenige Minuten zuvor lief. Wie weit sind sie im Vergleich zu mir und meinen Gesprächspartnern gekommen auf den 200 Metern, die sie vom Anfangspunkt im Haus der Festspiele zurückgelegt haben, wie viel hat ihr Gespräch noch mit der Anfangsfrage zu tun: "Was ist Fortschritt?"

Taking Time

von Tim Etchells

22. Juni 2015. Working with Forced Entertainment in the early '90s we were preparing for a theatre performance with the title "Emanuelle Enchanted". As was often the case for us then, the piece was made from more-or-less discrete sections, each involving text and action, governed and guided by a particular rule-system or structure. Based in games, explorations, and an inventive energetic playing-through of limits, the sprawling improvisations the work grew from were flowing and endlessly generative, appearing to resist both the time demands of theatre and the shaping hand of direction, even as the form we were tied to (a theatre performance) was a frame of more-or-less inbuilt demands and expectations.