Die digitale Bühne ist eröffnet

von Sascha Ehlert

Berlin, 8. Februar 2016. Brennende Türme, brennende Fahnen, Abu Ghraib. Burkas, maskierte Kriegsmänner, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Bombenangriff: Willkommen in der Welt der Familien Montague und Capulet. Was für ein bedrückender Einstieg! Manuel Braun heißt der Regisseur (arbeitete bisher unter anderem am Münchner Volkstheater) und Videokünstler, der mit seiner "Romeo und Julia"-Inszenierung die Stimmung von der ersten Szene an tief in den dunklen Keller drückt. Betende Muslime, gehängte Simpsons, dazwischen ein Satz: "She loved him and he loved her, but it wasn't that simple." Und die Wiener Sängerin Anja Soap & Skin singt über eine elektronisch-melancholische Ambient-Produktion des Berliner Musikers Apparat: "Neither ever, nor ever, goodbye, goodbye", derweil man im Browser hinauf und hinab scrollt.

Das Theater als Hort der Neu-68er

von Esther Slevogt

Hamburg, 24. Januar 2016. "Warum sollen wir hier überhaupt 'wir' sagen? Warum sagen wir nicht 'zusammen'?" fragt Azadeh. Das Wort "Wir", ein Schlüsselwort der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Lessingtage des Thalia Theaters, schreibe einen Kreis – und nur wer darinnen stehe, gehöre zu diesem "Wir". Die anderen blieben draußen. Daran, dass sie das Wir-Wort für ungeeignet hält, den Diskurs über eine neue und diverse Stadtgesellschaft überhaupt zu führen, ändert für Azadeh auch die Frage nach einem "neuen Wir" nur wenig.

Auf die Wiedereröffnung des Comptoir Voltaire

von Pieter De Buysser

Anmerkung: Der Text entstand vor der tatsächlichen Wiedereröffnung des "Le Comptoir Voltaire" Mitte Dezember.

24. Dezember 2015. Momentan steht nicht fest, ob "Le Comptoir Voltaire", das Bistro in Paris, in dem sich einer der Terroristen am 13. November in die Luft sprengte, je wiedereröffnet wird. Sollten sich die Kellner ihre Schürzen wieder umbinden, ist ebenso wenig sicher, dass sich die folgende Situation dort abspielen wird. Aber es ist möglich. Möglichkeitssinn ist heute ebenso wichtig wie Wirklichkeitssinn.

Hype und Elend des Artivismus

von Sophie Diesselhorst

7. Dezember 2015. "Text, Text?!?" unterbricht sich die Schauspielerin immer wieder in ihrem Monolog – in einem langen roten Flatterkleid hängt sie an zwei aus dem Schnürboden des Theaters Dortmund kommenden Seilen und wird hektisch rauf und runter gezogen. Unter solchen Bedingungen ein populistisches Manifest zu rezitieren, das die Massen mitreißen soll, ist keine einfache Aufgabe. Das Hauptproblem dieser Vorrednerin scheint aber zu sein, dass sie selbst nicht so recht an die positive Aufbruchsstimmung glauben kann, die sie zu verbreiten hat.

Der Zustand Europas

von Jan Fischer

23. November 2015. Von Tür zu Tür, von der Leine an die Oker oder zurück, vom Zuhause in Hannover bis zu einer der drei Braunschweiger Spielstätten oder zurück, brauche ich ungefähr zwei Stunden. Ich fahre Bahn, im Dunkeln, in der Dämmerung, und betrachte der Herz Niedersachsens, wie es an mir vorüberzuckelt.

In der Reflexionsmanufaktur

von Janis El-Bira

Berlin, 22. November 2015. Seit einiger Zeit rüttelt die große Welt da draußen wieder hörbarer an den Türen jener Bühnen, deren Bretter bekanntlich selbst wenn schon nicht die, so doch wenigstens eine Welt bedeuten sollen. Dieses Klopfen war freilich immer schon da, aber zuletzt schien es besonders, als hätten die entfesselten Tatsachenfabriken der Wirklichkeit nun einen uneinholbaren Vorsprung erreicht, dem die mühsam mahlenden Reflexionsmanufakturen der Kunst und des Theaters nur noch hinterher hecheln können.

Fast and Furious?

Braunschweig, 19. bis 22. November 2015. Zum fünften Mal läuft am Staatstheater Braunschweig das Festival für junge europäische Regie "Fast Forward".