Mozärtlicher Elefant und Sohn

von Esther Slevogt

Berlin, 23. Juli 2013. Das zumindest hat dieser Film geschafft, einen vergessenen Großschauspieler noch mal auf die Bühne der Gegenwart zu holen: Heinrich George, Theater- und Filmstar der 1920er bis 1940er Jahre, dessen animalische Wucht auch nach über sieben Jahrzehnten noch regelrecht aus dem dokumentarischen Material hervorwuchert, das Joachim A. Lang in sein Fernseh-Doku-Drama "George" montiert hat.

Lebenslänglich für Cassius

von Sophie Diesselhorst

3. Januar 2013. "Jetzt ist aber Schluss", sagt der eine Wärter zum anderen. "Jetzt müssen sie  wieder rein." Die beiden stehen in einer Galerie und schauen hinunter auf einen der Höfe im Gefängnis Rebibbia (bei Rom). Dort unten schüttelt Antonius gerade die blutigen Hände der Verschwörer um Brutus und bittet darum, Julius Caesars Leiche aufs Forum bringen zu dürfen. "Lass sie doch die Szene noch zu Ende spielen", sagt der angesprochene Wärter. Während Antonius also, nun alleine mit Caesars Leichnam, einen Racheplan ausheckt, kommt oben noch ein dritter Wärter hinzu, der die anderen beiden darauf aufmerksam macht, dass "sie" jetzt wieder reinmüssen. Auch er lässt sich dann aber vom Spiel im Hof faszinieren, es folgt oben auf der Galerie noch eine kleine Diskussion darüber, ob Antonius ein sympathischer Charakter ist ("Ja, er ist doch kulant") oder nicht ("Er ist ein Hurensohn!").

Überwirkliche Wirklichkeit

von Georg Kasch

Berlin, 4. Dezember 2012. Es ist nur ein Gesicht, schwarz und weiß fotografiert, das vor nachtfinsterem Grund pulsiert zwischen Klarheit und Unschärfe: Mal glaubt man, deutlich die dunkel glänzenden Augen zu erkennen unterm vollen, dunklen Haar und den sinnlichen Mund, dann wieder verschwimmen die Konturen. Ein treffendes Bild, das die Macher des Dokumentarfilms "Alexander Granach – Da geht ein Mensch" im Abspann gefunden haben für das Bemühen, eine Person lebendig werden zu lassen, die seit über 65 Jahren nicht mehr lebt. Zumal einen Schauspieler, von dem – immerhin! – ein paar Kinofilme existieren (darunter legendäre wie Murnaus "Nosferatu" und Lubitschs "Ninotschka") und wenige Tonaufnahmen, Fotos natürlich und Briefe.

So verletzlich wie sie

von Sophie Diesselhorst

November 2012. Dieses Lachen. Es ist irgendwo zwischen Grunzen und Würgen und kurz sehr irritierend, dann sehr lustig und ansteckend. Das erste Mal erklingt es nach einem Fotoshooting, für das Marina Abramovic sich in engem Korsett und mit Teufelshörnern auf dem Kopf hergemacht hat. "Künstlerin auf der Höhe ihrer Karriere sucht Single-Mann", albert sie und erklärt, wie es zu den Teufelshörnern kam: Auf einem Foto aus ihrer Kindheit trägt sie solche Hörner, in ihrem elegischen Blick die gesammelte Traurigkeit ihrer lieblosen ersten Jahre. Mit dem neuen Foto, auf dem die 63-jährige die pure Lebenslust ist, werden die Hörner rehabilitiert, wird die Widersprüchlichkeit, die in einem Menschenleben steckt, zelebriert.

"Spiel doch kein Theater!"

von Sophie Diesselhorst

13. November 2012. Für anderthalb Stunden glaubt man nicht, dass Susanne Lothar und Ulrich Mühe nicht mehr am Leben sind. So wie sie ihre Filmfiguren Claire und Robert, ein sich trennendes Ehepaar, zusammen miteinander und einzeln mit ihrem jeweiligen Figuren-Eigenleben verstricken und dann äußerst lebendig gegen die Verstrickung anzappeln.

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Ein Totenmal voller Leben

von Elena Philipp

Berlin, 5. Juni 2012. Christoph Schlingensief bei einer Aufgabe, die ihm "so viel Kraft gibt wie ich, glaub' ich, in den letzten hundert Jahren nicht bekommen habe": beim Bau des Operndorfes Remdoogoo in Burkina Faso. Es ist die letzte und wichtigste Arbeit für den krebskranken Künstler.

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Vamp mit Wutmotor

vom Matthias Weigel

Berlin, 6. Februar 2012. "Die Unsichtbare" wird es sich wohl gefallen lassen müssen, mit "Black Swan" verglichen zu werden. Letzterer Hollywood-Film von Darren Aronofsky aus dem Jahr 2010 zeigt Natalie Portman als unschuldige Balletttänzerin auf der Suche nach ihrer dunklen Seite, die sie in Tschaikowskys berühmten Ballett nach außen kehren soll. Der 1978 auf Rügen geborene Regisseur Christian Schwochow, der mit seinem Diplomfilm "Novemberkind" (2008) einige Preise abräumte, verfilmte nun mit "Die Unsichtbare" eine Art Pendant zu "Black Swan". Ein Pendant in zweifacher Hinsicht: Schwochows Film dreht sich um die Welt des Sprechtheaters, nicht des Balletts. Und: "Die Unsichtbare" ist ein (geförderter) europäischer Film, keine industrielle Hollywood-Großproduktion. Dabei ist "Die Unsichtbare" in mancher Hinsicht vielleicht viel amerikanischer als ihr Bruder "Black Swan".