Unter Ängstlichen

von Dirk Pilz

März 2017. Es ist ja nicht so, dass es einen Mangel an Religion auf deutschsprachigen Bühnen gäbe. Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" zum Beispiel: von Bamberg bis Berlin gern inszeniert. Überhaupt sind Stücke über die vermeintliche Problem-Religion Islam hoch im Kurs. Aber auch sonst spielen Glaubensfragen ständig eine Rolle, so oder so. "Nathan der Weise", "Hamlet", "Faust": lauter viel gegegebene Klassiker mit deutlichem Religionsbezug. Religion gehört schließlich nicht erst in der Gegenwart zu den umstrittensten und heikelsten Themen überhaupt.

Gilt die Freiheit des Andersdenkenden auch für völkische Denker?

Februar und März 2017.  Die (nicht nur) Zürcher Kulturszeneprotestiertgegen eine geplante Veranstaltung im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee. Unter dem Titel "Die neue Avantgarde" sollen am 17. März der Sprecher der baden-württembergischen AfD und Philosophie-Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Marc Jongen, der Publizist Olivier Kessler von der rechten Schweizerischen Volkspartei, der Kunstwissenschaftler und Journalist Jörg Scheller sowie Laura Zimmermann von der liberalen Bewegung Operation Libero  "debattieren, was Kategorien wie 'liberal', 'progressiv' und 'reaktionär' heute bedeuten. Ist die Renaissance des Rechtsnationalen eine Avantgarde-Bewegung?"

Diese 7 Katzen gehören auf die Bühne

von Michael Wolf

13. März 2017. Tiere sind auf dem Vormarsch in der Theaterlandschaft. Von vertraglich verankerten Probenzeiten unbetroffen, bieten vor allem Hunde klammen Theatern immer öfter willkommenen Ersatz für menschliche Schauspieler. Warum aber streunt nicht viel häufiger der natürliche Hausfeind des Hundes über die Bühnen – die Katze? Einzig in Musical-Tempeln darf sie ihr Können beweisen. Der Zugang zu den Fleischtöpfen öffentlich geförderter Häuser bleibt ihr bislang verwehrt. Dabei bietet die Katze, im Gegensatz zum der Dressur zugeneigten Hund, das Moment der Unberechenbarkeit. Sie ist, wie die Theaterwissenschaft sagen würde, ein "Ereignis". Bello bleibt dramatisch, während Felix längst in Performance macht. Als Wappentier des World Wide Web versöhnt die Katze zudem die Bühnenkünste mit neuesten Medien und – das sei nicht vergessen – macht stets eine knuffige Figur. Wir fordern mehr #catcontent und haben schon mal die Kritiken geschrieben.

Reservate der Unabhängigkeit

von Alexander Kerlin

Dortmund, 1. März 2017. Dieser Essay ist lang geworden. Das war nicht geplant. Ich konnte nicht aufhören. Oder sagen wir so: Es hörte nicht auf, mich anzugehen. Ich nehme das als Indiz: Wir werden es länger mit diesen Angriffen zu tun haben. Länger, als wir annahmen, und länger, als uns lieb sein wird.

I.

Ausgangspunkt zu meinen Überlegungen war ein Kurzaufenthalt in Belarus (= Weißrussland) im vergangenen Herbst. Ob ich nicht einen kleinen Reisebericht veröffentlichen dürfte? Nachtkritik so: "Gern. Wie wäre es, dem Ganzen einen thematischen Spin Richtung Kunstfreiheit zu geben?" Damit war die Büchse der Pandora geöffnet, und ich habe sie nicht wieder geschlossen bekommen. Die folgenden Beobachtungen führen von den USA über Ungarn, Polen und Israel in die Türkei, verharren lange in Belarus – und versuchen immer wieder Rückschlüsse auf die Situation in Deutschland zu ziehen. Es sind unsystematische Stippvisiten in ultrarechte und autokratische Kulturdiskurse und -politiken, auf der Suche nach Berührungspunkten zwischen Donald Trump, der PiS-Regierung in Polen, Viktór Orbán (Ungarn), Aljaksandr Lukaschenka (Belarus) und der AfD.