Wenn einen die eigene Spur überholt

von Janis El-Bira

19. November 2015. Einmal, es ist schon gegen Ende seines neuen Buchs, lässt Joachim Meyerhoff seinen würdig-gestrengen Großvater mit großer Sorgfalt einige Messtischblätter ausbreiten. Wanderkarten sind das, auf denen der Maßstab so groß gewählt ist, dass auch winzige Details abgebildet sind: Trampelpfade, einzelne Hütten, Zäune und Bänke. Doch den hochbetagten Mann bringt es völlig aus der sonst wie in Marmor gehauenen Fassung, wenn die Wanderwirklichkeit nicht mehr einlösen kann, was die veralteten Karten versprechen. Ein Parkplatz steht dort, wo einst das bevorzugte Restaurant sich befand, das vormals glasklare Nass der Wasserfälle ist längst nicht mehr trinkbar. Mit spitzem Bleistift ersetzt der Großvater in den Karten das Gewesene durch den Ist-Zustand: "Jetzt Parkplatz!", "Kein Trinkwasser!".

Reminiszenz an "Berlin, einig Theaterstadt" aus Anlass der 25. Wiederkehr der deutschen Vereinigung, mit Blick auf die Theatertagebücher von Michael Eberth.

von Nikolaus Merck

7. Oktober 2015. Im November 1995 fährt der Chefdramaturg des Deutschen Theaters (DT) Michael Eberth ins sibirische Omsk. Mitten im russischen Winter begegnet ihm ein Theaterwunder.

Wie Nutten oder Taxifahrer

von Thomas Rothschild

17. September 2015. Es sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die im Theater buchstäblich im Rampenlicht stehen. Gleichwohl ist Theater ein Ergebnis kollektiver Arbeit, zu der die Schauspieler zusammen mit dem Regisseur einen zwar entscheidenden, aber keineswegs den alleinigen Teil beitragen – wenn auch Besprechungen gelegentlich diesen Eindruck erwecken mögen. Wie oft wird schon die Kunst der Beleuchter gewürdigt, wie oft das Handwerk der Kostümschneider? Wer könnte die Namen von Inspizienten oder von Maskenbildnern nennen, ohne die am Theater nichts läuft?

Wider die Vertreibung des Menschen aus der Kunst

von Thomas Rothschild

5. August 2015. Es gibt bestallte Theater- und Literaturwissenschaftler, die so gut wie nie ins Theater, geschweige denn in Konzerte oder Ausstellungen gehen. Wozu auch? Für die Beschreibung einer antiken Arena oder die Auflistung von Premieren an der Comédie-Française, ja sogar für ein Exzerpt von Erika Fischer-Lichtes "Semiotik des Theaters" bedarf es keiner sinnlichen Erfahrung. Man muss dies einmal in aller Deutlichkeit aussprechen, um die tatsächlich intelligenten, pflichtbewussten, fleißigen Professoren zu würdigen, die es auch gibt und die man nur insofern für die schwarzen Schafe zur Rechenschaft ziehen kann, als sie sie aus einem falsch verstandenem Korpsgeist decken.

Angehörige einer Dynastie

von Thomas Rothschild

15. Juni 2015. Gleiche Bildungschancen: es gibt sie im künstlerischen Bereich ebenso wenig wie in Hinblick auf eine medizinische oder diplomatische Laufbahn. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Elternhaus die Berufswahl und damit das Leben von Kindern ganz wesentlich bestimmt – die zahlreichen Schauspielerkinder, die ihrerseits eine Theater-, Film- oder Fernsehkarriere anstreben, lieferten ihn. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich. Der bekannte Name hilft, keine Frage. Aber wer ihn trägt wird nicht nur an den Vorfahren gemessen, er erbt in der Regel auch die Bürde der Negativurteile, die jene gegebenenfalls einstecken mussten.

Im Bitterfelder Seelensumpf

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Juni 2015. Das Buch als Buch ist hübsch. Hat am Rücken einen Leinenstreifen, hat innen drinnen drei Schrifttypen. Das was typographisch nicht ins Auge fällt, ist die sich über weiteste Teile hinwegziehende Erzählung von Phillip Odetski. Das was Schreibmaschinenschrieb und von Fehlern und Verbesserungen durchzogen ist, das sind die Briefe seines Vaters Hermann F. Odetski an Margot Honecker. Eigentlich sollte der Sohn diese Briefe zur Post bringen und nach Chile senden lassen. Das tut er aber nicht. Sondern lässt irgendwann seine, Freundin wäre viel zu viel gesagt und Flamme wäre viel zu leidenschaftlich gesprochen, jedenfalls lässt er Nicole einen Antwortbrief erfinden. Das wäre dann der dritte Schrifttyp, der eine hübsche Handschrift imitieren mag.

Schabloniaden

von Eva Biringer

11. Juni 2015. Allein aus einer Notsituation heraus reisende Frauen provozieren entweder Mitleid oder Bewunderung. Frauen in dieser Verfassung verlaufen sich bewusst oder nehmen den längeren, an der Küste entlang führenden Weg zum Ferienhaus. Diese Ferienhäuser sind spärlich möbliert und auf unbestimmte Zeit gemietet, die Frauen erwartet dort nichts außer bleierner Schlaf. Statt mit Fremden in schummrigen Bars, betrinken sie sich alleine zu Hause. Sie essen nichts oder trockenes Brot. Ihr Haarschnitt ist eng, mitunter untrennbar an eine männliche Anwesenheit geknüpft.

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