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archiv » Münchner Volkstheater (43)
Münchner Volkstheater

Das Kreuz mit der Bierdimpfligkeit

von Tim Slagman

München, 12. Februar 2017. Wer möchte da behaupten, diese Inszenierung habe kein Zentrum? Mitten in das schmale Rechteck, das noch bleibt von der zwischen jeweils zwei Zuschauerreihen auf der Längsseite eingepferchten kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters, hängt ein Leuchtstoffring. Die Schauspieler können ihn über eine Seilwinde hoch und runter ziehen, er strahlt mal weiß, selten verrucht rot, hin und wieder gar nicht.


Münchner Volkstheater

Jeder könnte K. sein

von Petra Hallmayer

München, 26. Januar 2017. Er ist nicht willkommen, daran lassen die Dorfbewohner von Beginn an keinen Zweifel. Er ist und bleibt ein Fremder. In Kafkas 1926 postum veröffentlichtem unvollendeten Roman "Das Schloss", den Nicolas Charaux nun für die Bühne adaptiert hat, kommt ein Mann namens K. eines Abends in ein Dorf, das von einer mysteriösen Schlossbehörde, einem undurchschaubaren und unerreichbaren Machtapparat beherrscht wird. Er erklärt, er sei ein vom Grafen bestellter Landvermesser und versucht ins Schloss vorzudringen, um sein Aufenthaltsrecht einzufordern.


Münchner Volkstheater

Shitstorm

von Willibald Spatz

München, 28. Oktober 2016. Das Schönste ist immer noch ein Abenteuerspielplatz, wo man klettern und abstürzen, einbrechen und rauskrabbeln kann und der garantiert keine Abnahme durch den TÜV bekommt. Stefan Hageneier hat ein Schiffswrack auf der Bühne des Münchner Volkstheaters eingerichtet mit gefährlich in den Weg rankenden Planken und Löchern in den Brettern, die den Boden bilden, in die man prächtig stolpern und schmerzhaft hinfallen kann. Und Christian Stückl jagt seine Schauspieler-Mannschaft knapp zwei Stunden über dieses Klettergerüst, zu deren und des Publikums wachsendem Vergnügen.


Münchner Volkstheater

"Ich werde nun gehen und die Schlafenden töten"

von Cornelia Fiedler

München, 19. Juni 2016. Was für ein Arschloch von einem Gott! Nicht nur hängt Krishna als Schaulustiger beim kriegsentscheidenden Duell zwischen den Anführern der verfeindeten Pandavas und Kauravas herum. Nein, gerade als der Kampf entschieden und ein Frieden greifbar scheint, stachelt er den unterlegenden Bhima per Handzeichen zu einem ehr- und regelwidrigen letzten Keulenhieb unter die Gürtellinie an: eine Steilvorlage für den nächsten Racheschwur – und die Garantie für den nächsten Krieg.


Münchner Volkstheater

Roadtrip im Gaga-Gewitter

von Petra Hallmayer

München, 20. April 2016. Die fetten Jahre sind vorbei. Nora Abdel-Maksoud führt uns in ein frostig kaltes Deutschland der nahen Zukunft, in dem das "Große Fasten" ausgerufen wurde. Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin, deren Berliner Kunstbetriebssatire "Kings" auch beim Münchner Festival "Radikal jung" zum Publikumshit wurde, hat für das Volkstheater ein neues Stück geschrieben, das nun unter ihrer Regie Premiere feierte.


Münchner Volkstheater

Ursprung vieler Schrecken

von Willibald Spatz

München, 24. Januar 2016. Ein Held, der auch nach 3000 Jahren nicht seine Faszination einbüßen will, braucht Widersprüchlichkeiten, die dazu reizen, seine Geschichte immer wieder in aktuellen Kontexten zu betrachten. Odysseus hat am Beginn seiner Irrfahrt schon einiges hinter sich: den zermürbenden, zehnjährigen Krieg um Troja, an dessen Beendigung er wesentlichen Anteil hat. Er hat einiges geleistet, er hat den Sieg errungen, an seinen Händen klebt aber auch Blut.


Münchner Volkstheater

Der Attentäter in unserer Mitte

von Sabine Leucht

München, 10. Dezember 2015. Im Hintergrund dreht sich ein auf die Seite gelegtes Hamsterrad – oder das mit feiner Gaze bespannte Innere einer übergroßen Salatschleuder. Darauf erscheinen kurz und verschwinden schnell: Bilder von Menschenaufläufen, asiatische Gesichter, Männer mit Bart, Szenen mit Blut, ein landendes Flugzeug, Tabellen mit (Börsen?-)Zahlen. Nichts bleibt lange genug sichtbar, um sich mit konkreten Ereignissen synchronisieren zu lassen.


Münchner Volkstheater

Crashkurs mit Live-Musik

von Petra Hallmayer

München, 27. November 2015. Aus rotgrauen Nebelwolken tauchen Schattengestalten mit grotesken Tierkopf-Gasmasken auf und verkünden die grausige Nachricht: Ein aggressives Vogelvirus hat einen Großteil der Menschheit ausgelöscht. Ein gespenstisches Szenario eröffnet im Volkstheater Jessica Glauses Inszenierung "Das Handbuch für den Neustart der Welt" nach Lewis Dartnells gleichnamigem Buch. Darin lädt uns der britische Astrobiologe zu einem spannenden Gedankenexperiment ein: Angenommen, eine globale Katastrophe hätte die Erde heimgesucht und nur wenige Menschen hätten überlebt, welche Kenntnisse und Fähigkeiten würden sie für einen Neuanfang benötigen? Er erläutert in rasanten Sprüngen die Grundlagen der Metallurgie, der Elektrizität und der Medizin, einfach "alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht". Den Sachbuch-Bestseller für die Bühne zu adaptieren, ist ein ziemlich kühnes Unterfangen, und nach der Lektüre fragt man sich etwas bang: Kann das wirklich funktionieren?


Münchner Volkstheater

Der Mummenschanz im Mythos

von Tim Slagman

München, 27. März 2015. Von Jakob Geßner sieht man zuerst seinen Hintern, wackelnd zu den Takten von AC/DC und "T.N.T.". Ein Kerl wie Dynamit ist er, dieser Siegfried, das ist durchaus wörtlich zu nehmen. So wie an diesem Abend alles wörtlich zu nehmen ist, an dem Stefan Hageneier die Bühne zum requisitenprallen Illusionsraum macht und dabei genau weiß, dass seine Illusionen nicht mehr funktionieren können: Entlarvung durch Übertreibung, die germanische Heldensage als genau der Kokolores, als den wir uns die Beschwörung von Herrschaft und Männlichkeit heute hoffentlich nur noch vorstellen können.


Münchner Volkstheater

Von der Lust, die wehe tat

von Tim Slagman

München, 23. Oktober 2014. Die Liebe plätschert, das Verderben brummt. Keine Frage, Abdullah Kenan Karacas Inszenierung am Theater hat Sound: Der junge, in Oberammergau aufgewachsene Regisseur und sein Dramaturg David Heiligers holen aus dem Büchner'schen Dramensteinbruch die Brocken hervor, mit denen der Dichter zum Empfindsamen, ja vielleicht gar zum Romantiker machen zu wäre. Ihr Woyzeck am Münchner Volkstheater geht in den Bauch, bestenfalls ins Herz.


Münchner Volkstheater

Der Gott der Algen

von Sabine Leucht

München, 25. September 2014. Braunalgen sind braun, Grünalgen sind grün. Das ist nicht weiter kompliziert. Dass sie auch in den Ritzen zwischen vergilbten Tapetenbahnen wachsen, ist hingegen neu und liegt vermutlich daran, dass auf der Bühne des Münchner Volkstheaters sehr viel von dem vorhanden ist, was Algen gerne mögen: Wasser – denn Pawel Fjodorowitsch Protassow hat seine chemischen Experimente rund um einen stark frequentierten, aber erst halb ausgepackten Whirlpool angelegt. Und Sonne – weil von der in Maxim Gorkis Stück immer dann die Rede ist, wenn es um jene bessere, erhabenere Art von Menschen geht, zu der das Stückpersonal aus Wissenschaftlern und Künstlern sich zählt.


Münchner Volkstheater

"Wollt ihr die totale Interpretation?"

von Sabine Leucht

München, 3. Mai 2014. Führt man die ersten mit den letzten Worten dieses Abends zusammen, mutieren die zwei Stunden dazwischen zum Beweis dafür, dass die Kunst ein Scharlatan ist und "der künstlerische Raum bloß ein unfruchtbarer Boden", der einen vor der Auseinandersetzung mit der Realität bewahrt. So schallt es aus einem neunmalklugen Audioguide namens "Gott" ganz am qualvollen Ende von Eyal Weisers erster Inszenierung außerhalb seiner Heimat Israel.


Münchner Volkstheater

Der Mensch ist eine dreckige Bagage

von Petra Hallmayer

München, 9. März 2014. Eben noch sahen wir ihn mit Polixenes unbeschwert lachen, nun lodert Misstrauen in seinen Augen. Vor einer halbrunden Hausfront mit Glastüren beobachtet Leontes seine hochschwangere Frau Hermione, die mit seinem Gast spricht. Die Rasanz, mit der in Shakespeares "Wintermärchen", das unter der Regie von Christian Stückl im Volkstheater Premiere feierte, aus Heiterkeit Horror wird, ist atemberaubend. Als Hermione schafft, was Leontes zuvor misslungen war, und seinen besten Freund zum Bleiben überredet, stürzt der König von Sizilien in eine Hölle aus Eifersucht.


Münchner Volkstheater

Mörderischer Wahnsinn mit Musik

von Petra Hallmayer

München, 21. November 2013. Auf der Bühne des Volkstheaters türmen sich Berge kohlschwarzer Kleider, die an die Toten erinnern. "Hier zu diesem Zeitpunkt! - Theaterspielen! Ich finde das schamlos!", ruft Kruk aus. Ja, denkt man unwillkürlich, er hat Recht. Allein an diesem Ort des Grauens haben unsere Begriffe von Recht und Unrecht ihre Gültigkeit verloren. Wenn der Zionist Gens (Johannes Meier) beschließt, im Ghetto von Wilna ein Theater zu eröffnen, dann hat er dafür ebenso gute Gründe wie der Sozialist Kruk (Sohel Altan G.)  für seine Empörung.


Münchner Volkstheater

Postmortale Realitätsverweigerung

von Cornelia Fiedler

München, 15. Oktober 2013. So perfekt – und so tot: Gerade mal eine Minute lang durfte Jay Gatsby ganz von sich eingenommen mit einem schimmernden Luftballon in der Hand aus dem Dunkel ins Licht schlendern. Dabei plauderte er seinen Gewinner-Tagesablauf herunter, vom Training am Morgen über Geschäftstermine bis hin zu den legendären Partys ... Dann ein Knall – und Gatsby fällt, wie auch die winzigen Fetzen des Ballons, zu Boden. Kann einer so etwas akzeptieren, der sich selbst so konsequent erfunden und optimiert hat wie Gatsby? Selbstverständlich nicht! Aus der Idee einer postmortalen Realitätsverweigerung durch Gatsby entwickeln Regisseur Abdullah Kenan Karaca und die Dramaturgin Katja Friedrich die Dynamik ihrer Adaption des American-Dream-Romans von F. Scott Fitzgerald.


Münchner Volkstheater

Ausgebeutet, befreit – verkatert

von Petra Hallmayer

München, 28. September 2013. Die Wände sind dicht mit Geweihen und Jagdtrophäen behängt, in einer Glasvitrine thront ein ausgestopfter Wolf neben dem herrschaftlichen Ledersessel. Die Bürger und Untertanen stehen auf der wie ein Museum ausstaffierten Bühne geduldig still, bis endlich die Dame Cäsar hereinstolziert und sich von einer Schuhputzmaschine genüsslich lange ihre Pumps polieren lässt.


Münchner Volkstheater

Vom Original zum Mythos

von Willibald Spatz

München, 14. Mai 2013. Der originale Mensch Roberto Succo hat den Schriftsteller Bernard-Marie Koltès irgendwie gepackt, als er ein Fahndungsplakat von ihm gesehen hat. Er hat die Geschichte recherchiert, hat Zeitungsartikel gesammelt, bis er genug Material hatte, um ein Stück über ihn zu schreiben. Vielleicht hat er versucht zu verstehen, was einen bewegt, der anscheinend grundlos seine Eltern umbringt, vergewaltigt und beliebig Fremde ermordet; sein ursprüngliches Anliegen mag es gewesen sein, nachzuvollziehen, wie jemand von sich sagt: "Ich bin ein Mörder, ich töte beruflich Menschen." Das klingt beinahe unschuldig.


Münchner Volkstheater

Anything for Love

von Cornelia Fiedler

München, 25. März 2013. Die Krise ist eine wunderbare Ausrede, eben noch in den Nachrichten im Autoradio, wenige Minuten später dann auf der Bühne: für schlechtes Benehmen, für miese Laune, für Egozentrik, für Gewalt. "Vor lauter Krise und Wirbel", behauptet der Möchtegern-Dandy Alfred, käme er nie dazu, seine Mutter zu besuchen – die erste verlogene Phrase des Abends, und viele weitere werden folgen.


Münchner Volkstheater

Revoluzzer unter sich

von Steffen Becker

München, 25. Oktober 2012. Die Welt aus den Angeln heben, den Schurken in den Hintern treten – nein, besser: sie ausradieren, auf dass eine räuberische Elite den kleinen Mann auf der Straße nicht länger knechten und ausquetschen kann. Die Fantasien der Französischen Revolution, mit denen sich Georg Büchners "Dantons Tod" auseinandersetzt, wirken am Abend im Münchner Volkstheater nicht mehr wie ein fernes Echo der Geschichte, wenn man am Nachmittag die neuesten Nachrichten aus Griechenland oder Spanien gehört hat. Insofern schaut Regisseur Christian Stückl mit dem Stück nicht zurück, sondern nach vorn. Was kommt nach der großen Tabula Rasa? Bei Büchner ist es Fatalismus – Geschichte ist für ihn ein Prozess, der diejenigen überrollt, die sie zu machen glauben.


Münchner Volkstheater

Der Rezensent ist zufrieden mit der Aufführung. Weniger zufrieden ist er mit seinem ersten Versuch, eine Kritik zu rappen. Unter der Nachtkritik gibt's das gescheiterte Werk.

Gangsta im Gelobten Land

von Michael Stadler

München, 28. September 2012. Der Müllhaufen ist die Kehrseite des Kapitalismus, der Ort, an dem all das, was vielleicht mal einen Wert hatte, am Ende landet und sich ohne Glamour, ganz demokratisch mit allem anderen vermischt. Ein passendes Bühnenbild hat sich Simon Solberg (unter Mitarbeit von Yvonne Kalles) also gebaut für seinen "Moses"-Abend, den er als "Mash-up-Musical" auf die Bühne des Volkstheaters zum Auftakt der Spielzeit bringt: Über den Bibelstoff schichtet er unbekümmert aktuelle Kapitalismus-Kritik, den Propheten Moses macht er kurzerhand zum Rapper und vermengt, so wie man es von Solberg kennt, alle möglichen Ideen und Assoziationen, geborgen aus dem Glanz und Schutt der Erinnerung, zu einem Theater des anything goes, das sowohl politisch aufgeladen als auch unterhaltsam sein will.


Münchner Volkstheater

alt

Ein irakischer Simplicissimus

von Petra Hallmayer

München, 29. Juni 2012. Nur wenige schaffen es so weit. Wer Erfolg haben will, braucht Zielstrebigkeit, Ausdauer, unbändigen Mut und ungeheure Willenskraft. Doch das alles, meint der junge Iraker Rasul Hamid, den ein jeder aufgrund seines Aussehens für einen Inder hält, genüge noch nicht. Dass er Deutschland überhaupt erreichen konnte, glaubt er, dafür waren obendrein mehrere Wunder nötig.


Münchner Volkstheater

altGanz er selbst

von Sabine Leucht

München, 22. März 2012. Doch, das ist eine Möglichkeit: Man kann David Foster Wallaces 1547-Seiten-Roman auf unglaubliche zweieinviertel Bühnenstunden bringen, ohne sich ganz auf platte Hedonismus- oder Materialismuskritik, Paargeschichten oder familiäre Kommunikationsprobleme einzuschießen. Denn in "Unendlicher Spaß" – durch dessen disparate Sozial-, Sprach- und Gedankenwelten man sich tagelang graben kann, ohne die leiseste Ahnung, wohin es geht – gibt es nichts, was es nicht gäbe. Vor allem mannigfache Abhängigkeiten: von Anerkennung, Erfolg, einem Menschen oder Drogen mit unerhörten Namen.


Münchner Volkstheater

altVon Jetzt nach Damals und zurück

von Michael Stadler

München, 25. Januar 2012. Weil der eine konsequent schweigt, kommen die anderen ins Reden. Eine gehörige Masse an Diskurs hat Rolf Hochhuth in sein erstes Theaterstück "Der Stellvertreter" von 1963 gepackt, um im Rückblick unter anderem Papst Pius XII. anzuklagen. Dieser vermied es während der Nazizeit, sich verbal gegen Hitler aus dem Fenster zu lehnen, aus Angst vor einem Sturz in ungewisse Tiefe. War es Vorsicht, war es Feigheit, war es Berechnung, weil der Vatikan eine größere Gefahr im vorwärts schreitenden Bolschewismus zu ahnen meinte? Hochhuth fand genug Anhaltspunkte für seine Kirchenkritik und schickte den fiktiven Jesuitenpater Riccardo Fontana auf einen Überredungsfeldzug zwischen Berlin und dem Vatikan: Der Papst soll das Konkordat mit Hitler mittels klarer Worte durchschneiden, so die hoffnungslose Forderung.


Münchner Volkstheater
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Flatterhaft oder endlich flügge

von Sabine Leucht

München, 25. Juni 2011. Ein Vogelkostüm in Rosa und Weiß. Unten herum sieht es nach Flamingo aus. Oben eher nach Papagei. Auch ein Huhn wäre möglich. Und wer einen plausiblen Grund dafür findet, warum Prinzessin Natalie dieses Kostüm überstreift, ehe sie dem Prinzen von Homburg die Nachricht bringt, dass seine Hinrichtung vielleicht gestoppt werden kann, versteht möglicherweise auch, warum sie sich da umzieht, wo Moritz Krämer Gitarre spielt und singt. Wenn er nicht gerade auf dem Bauch liegend die Schauspieler beobachtet oder die Spitzenvorhänge rund um sein kleines Zimmer herum zuzieht, das auf Stelzen über der nackten Bühne des Münchner Volkstheaters thront wie eine Mischung aus Jäger-Ausguck und objektgewordener Meta-Ebene.


Münchner Volkstheater

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Ich auch

von Willibald Spatz

München, 17. Juni 2011. Etwas Unfertigem beizukommen, indem man es noch unfertiger macht: Thomas Mann hat den "Felix Krull" nicht geschafft, da hätte noch so viel kommen sollen. Jedenfalls ist so viel noch angedeutet in dem vorliegenden Teil, aber irgendwie hat er es nicht hinbekommen, hat mehrere, teilweise über Jahrzehnte auseinanderliegende Versuche unternommen und es dann nach ungefähr 400 Seiten sein lassen.


Münchner Volkstheater
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Alles irre oder was?

von Mounia Meiborg

München, 7. Mai 2011. So sieht sie also aus, die Irrenanstalt von morgen. Klinisch rein, der Boden und die Wände mit grauen Schaumpolster-Quadraten verkleidet. Die Patienten schlafen im Stehen und mit k.o-Pillen. Und das Personal? Das registriert per Monitor jede Regung der Patienten, bleibt aber selbst unsichtbar. Stattdessen schickt die Schwester mit computerhafter Stimme ihre Anweisungen (Frühstück! An die Arbeit! Schlafen!) durch die Lautsprecher.


Münchner Volkstheater
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Rosa Desperate Housewives-Welt

von Steffen Becker

München, 18. März 2011. "Führen Sie ein glückliches Leben? Ja? Sehr gut. Immer weitermachen." Felix Kramer kann im Münchner Volkstheater als Albert nicht einfach fortfahren wie bisher. Nach der Plauderei mit dem Publikum muss er auf die Bühne der Inszenierung von Ödön von Horváths "Eine Unbekannte aus der Seine" steigen. Ben Baur hat einen unwirtlichen Ort aus grau-braunen Holzfassaden gestaltet – inklusive Schild mit dem Schriftzug "Glückselig", dessen grelles Motelwerbung-Pink die Aussage ins Gegenteil verbrutzelt. Darunter klagt Albert die Grausamkeit der Welt an, die ihn nach einer Unterschlagung verstoßen hat – auch seine Verlobte Irene. Die Menschen bewegen sich unterdessen wie auf Schienen um ihn herum und gehen ihrem Leben nach. Grelle Neonröhren töten ihre Farben, freudlos sagen sie ihre Dialoge auf. Nur das lächelnde Mädchen, das später als Unbekannte aus der Seine enden wird, macht Albert zum Mittelpunkt ihres Geschehens.


Münchner Volkstheater

Prototypen machen Politik

von Steffen Becker

München, 25. November 2010. "Was ist Demokratie?", will das Münchner Volkstheater von Henrik Ibsen sowie von Damen beim Enten füttern, unbedarften Jugendlichen und schimpfenden Männern im youtube-Trailer zur Premiere von "Ein Volksfeind" wissen. Die Antworten reichen von "wenn das Volk mitbestimmen darf" (Jugendliche), "das Gegenteil von dem, was gerade abläuft" (wütender Mann) bis "wenn jeder sagen kann, was er will" (alte Dame).


Münchner Volkstheater

Wo eine Liebe ist, ist noch kein Weg

von Sabine Leucht

München, 30. September 2010. Es ist kein kleines Wagnis für ein Theater mittleren Formats, zur Saisoneröffnung einen so schweren Stoff zu kredenzen. Schwer nicht, weil das Buch, aus dem er stammt, auch materiell von beachtlichem Gewicht ist. Schwer auch nicht deshalb, weil Lew Tolstoi in "Anna Karenina" die moralische Hoheitsmacht über ein Heer von Figuren ausübt, denen nichts weniger als die Suche nach dem rechten Leben aufgegeben ist - das im Russland der Jahre 1875 bis 78 um die Klippen von religiösen und Standesdünkeln, Ackerbau und Industrialisierung navigiert werden musste.


Münchner Volkstheater

Interview mit einem russischen Angeber

von Petra Hallmayer

München, 17. Juni 2010. Dass die Welt von Vampiren beherrscht wird, haben wir längst schon geahnt. In Viktor Pelewins Roman "Das fünfte Imperium", dessen Theateradaption die Regisseurin Mareike Mikat nun auf die Bühne gebracht hat, dient der Mensch nur mehr als ohnmächtiges Melkvieh für die Kaste der Blutsauger.


Münchner Volkstheater

Eingeborene im Topfstauden-Urwald

von Matthias Weigel

München, 7. Mai 2010. Theaterregisseur, jung, erfolgreich und mit hohem Drang zu politischen Aussagen, sucht devotes Drama zum Benutzen, gerne urheberrechtsfrei, mit der Bereitschaft, sich entsprechende Stellen operieren zu lassen. Eine Jungfrau meldete sich bei Simon Solberg; klar, dass er da nicht zimperlich ist und so richtig zulangt.


Münchner Volkstheater

Hamlet-Maschine ohne Müller

von Sabine Leucht

München, 26. November 2009. Eine Rüstung schwebt heran und kracht zu Boden. Aus einer Kunstgras-Sode im Vordergrund von Alu Walters locker mit Holzterrassen-Inseln gesprenkelten Bühne ragt eine bleiche Hand. Und plötzlich ist er da: Michael Tregor, ein am ganzen mageren Körper weiß geschminktes Rumpelstilzchen.

 


Münchner Volkstheater

Besenkammerspiel mit Sukkulent

von Sabine Leucht

München, 5. November 2009. Zwei graue Betonwände, ein rechter Winkel, eine Tür und ein Fenster, das wieder auf grauen Beton schaut: Wo es im Münchner Volkstheater ohnehin eng ist, auf der kleinen "Nachtkastl"-Bühne, geht es heute fast klaustrophobisch zu. Vier Schauspieler stehen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand, wann immer sie in Richtung Publikum spielen, das an zwei Seiten des Raumes auf je vier Stuhlreihen Platz genommen hat und wie weitere Mauern wirkt: Nur 70 Augenzeugen für ein dreifaches Experiment.


Münchner Volkstheater

Nur in der Mitte ein Herz

von Sabine Leucht

München, 25. Juni 2009. Oh jeh! Da stehen sie auf der Bühne, meist frontal zum Publikum, und halten sich die Figuren mit aller Macht vom Leib. Die Figuren, das Figurative - und eine ganze Weile lang auch jede Art von Bild. Gut, es gibt ein paar etwas alberne, wenn auch liebevoll ausgeleuchtete Nebenschauplätze, doch selbst der Auftritt der alten Dame - der ganz große Bahnhof, in dem sie verfrüht auf denselben tritt und ganz Güllen und dessen verzweifeltem Vorbereitungseifer vorerst die Luft abschnürt - diesen Auftritt gibt es praktisch nicht. Nur dass eine der Frauen plötzlich die Worte spricht, die Friedrich Dürrenmatt Claire Zachanassian als erste in den Mund legt, nachdem sie im Eilzug die Notbremse zog: "Bin ich in Güllen?"


Münchner Volkstheater

Neue Zeichen für die Sprache der Liebe

von Sabine Leucht

München, 1. April 2009. Dieser Theaterabend funktioniert nach dem Prinzip: Wenn schon Komödie, dann richtig! Und das macht er prima. Die Lachmuskeln der Zuschauer haben gut zu tun, während die Schauspieler auf der Bühne des Münchner Volkstheaters kaum einen Muskel unbeschäftigt lassen. Xenia Tiling und Kristina Pauls werfen sich in einen Zweikampf, der mit wütend ins Gesicht geschmiertem Kriegsrot und einer Menge falscher Äpfel unter komplett derangierten Kleidern endet.

Münchner Volkstheater

Das große Irgendwie

von Willibald Spatz

München, 29. November 2008. Irgendwie müsste man was tun, irgendwie läuft vieles falsch. Aber irgendwie überrollt einen auch ständig das Leben und zwingt einen in die Knie. Der Autor Philipp Löhle ist dreißig und damit in einem Alter, in dem man einerseits seine Ideale noch kennt, andererseits aber einige Kompromisse eingegangen ist. Das ist eigentlich ein paradoxer Zustand, in dem sich seine Generation da befindet.


Münchner Volkstheater

Kronkämpfe kindlicher Könige

von Sabine Leucht

München, 20. November 2008. Wer eintreten will in diese Inszenierung von Shakespeares "Richard III." muss zuerst eine innere Hürde überwinden. Der vielleicht kälteste Bösewicht der Dramenliteratur vor Roberto Zucco tritt gewöhnlich als reifer Mann vor sein Publikum oder trägt den Charakterkopf eines Laurence Olivier, Gert Voss, Al Pacino oder Ernst Stötzner.


Münchner Volkstheater

Alles Blocksberg oder was?!

von Sabine Leucht

München, 2. Oktober 2008. Wenn dieser Abend ein Thema hat, dann ist es das Verschwinden von Sinn durch Tempo, Eile, ungestümes Weiterhecheln, einstmals auch "Fortschritt" genannt. "Der Sinn ist zu", räsonniert Faust, nachdem er seine Forscherkollegen verlassen hat, um statt eines Gummiballs an die Wand des Labors doch endlich ein paar Goethe-Zitate ins Publikum zu werfen. Er wird speziell diesen Satz noch so manches Mal sagen. Zusammen mit "Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan", hüllt er den Abend in die Zwangsjacke verzweifelter Geschäftigkeit.


Münchner Volkstheater

Im Warteschleifensingsang

von Petra Hallmayer 

München, 3. Juli 2008. Am Ende bekommt er Recht. Da allerdings steht seine Hinrichtung schon unmittelbar bevor. Auf dem Weg dorthin liegen verbrannte Städte hinter ihm und mehr als eine Leiche. Als einen "der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" führt Kleist Michael Kohlhaas in seiner großen Novelle ein, deren Dramatisierung im Münchner Volkstheater Premiere feierte. Dramatisierung ist ein nicht ganz treffender Ausdruck für Hanna Rudolphs streng antillusionistische Inszenierung. Sechs Schauspieler tragen (weitgehend wörtlich) die Novelle vor, die stellenweise dialogisch aufgelöst und von kleinen Spielszenen begleitet wird.


Münchner Volkstheater

Kinder, werdet erwachsen!

von Georg Kasch

München, 24. April 2008. Schnee liegt in den Bergen, die Sonne scheint, Sekt schäumt. Babsi, Jeani und Max sind ausgelassen, lachen, die Stimmung könnte kaum besser sein. Ist auch alles nur eine Vision, eine Utopie, auf den Hintergrund projiziert. In Wirklichkeit haben drei Mittdreißiger gerade eine Nacht lang festgestellt, dass sie sich gegenseitig nichts mehr zu sagen haben – und sich selbst so recht auch nicht.


Münchner Volkstheater

Die Macht des bayerischen Dorflebens

von Georg Kasch

München, 25. März 2008. "Brautraub!" – "Was? Blaukraut?" – "Nein, Braaautraaaub!" brüllt Ingrids Vater ins orangene Telefon. Drei Schritte weiter steht Peer Gynts Mutter Aase auf ihrem Hof und will an ihrem Apparat, der ländlich pittoresk direkt am Telefonmast hängt, nichts verstehen. Was hat der Bub jetzt schon wieder angerichtet? Beschützen kann sie ihn nicht: Die gleichaltrigen Männer aus dem Dorf locken Peer, der kurz zuvor Ingrid vor ihrer Hochzeit entführt hat, mit einer Travestienummer vom Dach, und Peer landet kopfüber auf dem Misthaufen. Hinterher ist er so richtig schön braun im Gesicht.


Münchner Volkstheater

Voll das Leben

von Georg Kasch

München, 4. Oktober 2007. Warum ausgerechnet Friedrich Schillers "Don Karlos"? Warum nicht eine Shakespeare-Komödie? Oder, wenn es unbedingt eine Tragödie sein muss, "Hamlet"? Denn darauf läuft Christian Stückls Eröffnungsinszenierung am Münchner Volkstheater mit einem überwiegend jungen Ensemble ohnehin hinaus.


Münchner Volkstheater

Versuchs mal mit Gemütlichkeit

von Georg Kasch

München, 31. Mai 2007. Familienfeiern können so grauenhaft sein: Ein Gang folgt dem nächsten, dazwischen Lieder, Reden, peinliche Anekdoten und Alkohol. Oft sind sie eine ziemlich verlogene Angelegenheit. Eine kleinere Katastrophe kann da sehr befreiend wirken.


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