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archiv » Wiener Festwochen (81)
Wiener Festwochen

Ringelpiez mit Ablass

von Eva Biringer

Wien, 9. Juni 2017. Gut, Mensch, akzeptiere, dass Dein Wasserkocher der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es gibt nämlich, frei nach Adorno, keine richtige Charity im Falschen. Man ahnte das bereits, nach dem Besuch von "Traiskirchen" weiß man es. Als "Musical" kündigt das Volkstheater diese Koproduktion mit den Wiener Festwochen an. "Jahrmarkt der Barmherzigkeit" und "Abendunterhaltung weit jenseits der Obergrenze" floskelte das Programmheft, da wird man doch mal sagen dürfen: Es war ein Potpourri der bunten Einfälle und die meisten schossen über ihr Ziel hinaus.


Wiener Festwochen

Plündert einer den Spielzeugladen

von Eva Biringer

Wien, 4. Juni 2017. Wo ist Brigitte Renate Meese? Diese Frage hielt in den letzten Tagen das deutschsprachige Feuilleton auf Trab. Ihr Sohn Jonathan würde bei den Wiener Festwochen einen "Parsifal" inszenieren. Und weil Jonathan Meese der Typ mit den Mummy Issues ist, war nicht die Frage ob, sondern wie seine 85-jährige Mutter dabei sein würde. Sie ist es in Form eines Porträts in Eierform, auf dem dazugehörigen Becher steht "Siehste". Das klingt ein wenig wie "Ätsch!" und könnte zum Beispiel an die Bayreuther Festspiele gerichtet sein, die Meese seine Arbeit nicht zu Ende bringen ließen. 2016 hätte er in Bayreuth inszenieren sollen wie vor ihm bereits Castorf und Schlingensief.


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Balzac ist so tot

von Martin Pesl

Wien, 1. Juni 2017. Während oben in der Halle E im Museumsquartier Jude Law seiner Obsession für Motoröl frönt, tummeln sich ein Geschoss weiter unten, in der Halle G, gleich zwei Handvoll Superstars. Diesen Eindruck vermittelt zumindest Nadine Jessen aus dem Leitungsteam der Wiener Festwochen bei ihrer Einführung zur Premiere von "Die selbsternannte Aristokratie".


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Grundrecht Leidenschaft

von Gabi Hift

Wien, 31. Mai 2017. Ein Mann. Fast nackt. Behaart. Was er schöner ist als ein Aff’, ist ein Luxus – und Jude Law ist Luxus pur. "Sex" lautet das Versprechen. Nicht als Scherz, nicht als lächerliche oder widerliche Beigabe, sondern als Urgewalt: "Obsession". Begierde.


Wiener Festwochen

Harder!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Mai 2017. Schon beim Kartenabriss dampft es muffig aus der Halle G im Museumsquartier. 150 Minuten später, nach Verschleiß von unüberschaubar viel Knallfröschen, Spritzkerzen und Bühnennebel, ist der läuternde Sauna-Gang vorbei, wird draußen nach Luft geschnappt. Viele sind da längst schon gegangen, andere sitzen immer noch drinnen. Weil: Als es wieder hell wird im Publikumsbereich und die letzten Country-Akkorde verklingen, kommt niemand auf die Bühne zurück, um sich dem zögerlich einsetzenden Applaus zu stellen. Einzig Baso Fibonacci, bildender Künstler aus Kanada, bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt.


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Rave ins Nirwana

von Martin Thomas Pesl

Wien, 13. Mai 2017. Dafür, dass es Tianzhuo Chens erstes Mal im Theater ist, lernt er schnell. Sonst zeigt er Performances in Museen oder im Berghain. Dennoch beginnt er sein Gastspiel "Ishvara" in der Halle E im Museumsquartier mit einem neckischen Witz, der mit den Erwartungen des Theaterpublikums spielt: Ein Vorhang geht auf. Chens Skulpturen sind über die Bühne verteilt. Hinten leuchtet ein Neonkreuz neben einem Riesencomic von einer abgehackten Hand, die einen abgerissenen Kopf hält. Vorne steht starr ein Mensch mit chinesischem Schirmchen, rechts spielt Kirikoo Des auf einer Biwa einzelne Töne. Ton. Pause. Ton. Pause. Sonst passiert nichts. Nach wenigen Minuten geht der Vorhang wieder zu, und die Wiener Kulturnasen haben etwas zu kichern.


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Zwischen K2 und Küchenzeile

von Leopold Lippert

Wien, 13. Juni 2016. Eine sterile, anthrazitfarbene Küche, drei Arbeitsplatten für drei Frauen (Sétâreh Eskandari, Elhâm Kordâ, Bârân Kosari), Kochutensilien, Lebensmittel, Kerzen. Davor hat Bühnenbildner Manouchehr Shojâ drei längliche schwarze Teppiche platziert, die den Figuren als Laufstege dienen, auf denen sie ihre Geschichten in Richtung Publikum erzählen können. Und das werden sie auch den ganzen Abend lang tun: ihre Geschichten in Richtung Publikum erzählen. "Die Anpassung" von Mahin Sadri ist dokumentarisches Theater, das drei iranische Frauenschicksale von der Revolution 1979 bis zur Gegenwart in drei ausführliche, dabei inhaltlich allerdings kaum verwobene Narrative verpackt.


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Der mysteriöse Ozean im Kopf

von Martin Pesl

Wien, 10. Juni 2016. Wäre es nicht schön, wenn Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick gemeinsam einen Sci-Fi-/Psychothriller mit Orson Welles gedreht hätten? Andriy Zholdaks Inszenierung "Solaris" für die Wiener Festwochen und das Mazedonische Nationaltheater sieht in einzelnen Momenten so aus: Wenn das leere und doch abgebrühte Heldenhaftigkeit ausstrahlende Gesicht des Schauspielers Dejan Lilić halb im Licht, halb im Schatten und auch noch vergrößert auf die Leinwand oberhalb projiziert ist. Oder wenn er im weißen Raumanzug einen Meteoriten anstarrt, der über einem sterilen weißen Raum und einem weiß gekleideten kleinen Mädchen schwebt.


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Das Schicksal der Anderen

von Leopold Lippert

Wien, 9. Juni 2016. Noch vor dem Einlass wendet sich die litauische Regisseurin Yana Ross ans Publikum: Sitzplätze gebe es keine; man solle sich während der Aufführung ruhig frei im Raum bewegen. "Take the space", insistiert sie, und entschuldigt sich auch gleich dafür, dass es im kleinen Saal des brut Wien ziemlich heiß ist. Falls es unerträglich werde, erklärt sie verschmitzt, werde sie einfach die Türen aufmachen. Ross' rührende Sorge um das Wohlbefinden ihrer Zuschauer*innen hat etwas seltsam Profanes, weiß man doch, dass es gleich um viel Existenzielleres gehen wird: Schließlich endet Franz Xaver Kroetz’ wortloses Sezieren einer Wirtschaftswunderentfremdung "Wunschkonzert / Koncert życzeń" mit dem Selbstmord seiner Solistin Frau Rasch ("Fräulein" Rasch bei Kroetz), hier gespielt von Danuta Stenka, durch eine Überdosis Schlaftabletten.


Wiener Festwochen

Reise an den Anfang der Zeit

von Gabi Hift

Wien, 3. Juni 2016. Ein Kopf auf einer Stange steht grau und augenlos im Zentrum der Bühne. Noch hat es nicht begonnen, oder doch? Simon McBurney kommt und geht, linst verschmitzt unterm Rand seines Käppis hervor ins Publikum. "Wieso soll ich im Theater Kopfhörer aufsetzen?", sagt eine Dame mit Perlenohrringen indigniert. "So ein Blödsinn!" Fünf Minuten später juchzt sie beglückt: McBurney, der Menschenflüsterer, hat ihr ins Ohr geblasen. Manchen wird das rechte Ohr ganz heiß. Der Stangenkopf, den McBurney umtänzelt, mit dem er ganz intim spricht, ist der Kopf jedes Einzelnen im Saal. In den Gehörgängen sitzen Mikrofone, wir hören binaural, können jedes Geräusch im Raum verorten.


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Edward Snowdens Geistesschwestern

von Leopold Lippert

Wien, 31. Mai 2016. Im kleinen Wiener Theater Akzent wartet eine sterile Multifunktionskulissenwand (Bühne: Mihai Păcurar), aus der allerlei Schubladen, Klappsitze, Zwischenwände und eine Drehtür platzen. Davor stehen sechs Schauspieler*innen in unzähligen Rollen und erzählen, wie aus ganz normalen Angestellten sogenannte "Whistleblower" wurden, die sich alleine gegen ein ungerechtes System stellten. Sie sind zwar nicht so berühmt wie Edward Snowden, aber sie sind nicht weniger couragiert. Sie tragen unscheinbare Business-Outfits in Blau- und Grautönen und weiße Ärztekittel. Sie berichten vom scheinbar aussichtslosen Kampf des Individuums gegen die Windmühlen der Bürokratie, gegen Korruption und Vertuschung in der Justiz. Und sie ächzen unter den persönlichen Entbehrungen, die das Aufstehen für die gerechte Sache mit sich gebracht hat.


Wiener Festwochen

Der Terror der Ästhetik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 29. Mai 2016. Die Botschaft ist einfach. Sie lautet: Das Problem ist ganz einfach. Welches Problem? Na! Das ganze Problem. Das mit der Gewalt und dem Terrorismus und der Islamophobie und dem Kolonialismus und dem Kapitalismus und dem Faschismus und alles. Inwiefern aber einfach? Darüber schweigt sich der neue Abend von Oliver Frljić aus und wiederholt anstatt dessen in zusammenhangslosen Sequenzen die Tatsache eines bestehenden Zusammenhangs zwischen den einzelnen genannten Phänomenen. Die Idee für die Dramaturgie von "Naše nasilje i vaše nasilje. Unsere Gewalt und eure Gewalt" ist nämlich auch einfach. Sie lautet: An jedem einzelnen Problem trägt jemand eine Schuld. Selbst am ganzen Problem. Diese Schuld erfahrbar zu machen, also dem wohlmeinenden Herz der westeuropäischen Wohlstandsgesellschaft zum plötzlichen erschrockenen Stillstand zu verhelfen, darauf zielt die Chose. Und verfehlt's.


Wiener Festwochen

Vatikan douze points!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 20. Mai 2016. Der Vatikan ist der kleinste Staat der Welt, es wurde noch nie ein Mensch dort geboren, und Joseph Ratzinger zum Gesicht einer Weltreligion zu ernennen, war eine fragwürdige Entscheidung, nicht zuletzt, weil dieses Gesicht so hässlich ist. Der IS kommt besser an, weil er geilere Revoluzzer hat und auch Frauen mitmachen dürfen.


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Mach Mensch!

von Eva Biringer

Wien, 13. Mai 2016. Regelbruch: Blickkontakt aufnehmen, sich beschnüffeln lassen, dann die Hand in den Hundekäfig strecken. Anders als angekündigt wird die Hand nicht gebissen, sondern geleckt, von einem Hund in Menschengestalt. Kurz zuvor wurde er ausgezogen, auf ein Klappbett geschnallt, gewaschen und für mangelnden Gehorsam ausgepeitscht. "Pax" gehört angeblich zu den schwierigen Fällen im Zwinger, jenem Kellerraum eines unscheinbaren Wiener Wohnhauses, aus dem man am schnellsten wieder weg will, nicht zuletzt wegen des Gestanks nach frisch gebratener Leber. Bei mir ist Pax komischerweise ganz brav. So oder so würde ich keinen Gebrauch von dem Elektroschocker machen, der mir beim Betreten des Zwingers ausgehändigt wurde. Dass er voll funktionsfähig ist, gehört zum Konzept von "Wir Hunde/ Us Dogs", der neuen Produktion von Signa.


Wiener Festwochen

The kids are alright

von Johannes Siegmund

Wien, 17. Juni 2015. Der wilde Schrei der Jugendlichen füllt die Halle mit reiner Intensität. Er dröhnt verstärkt aus dem Boxentrichter in der Mitte, reißt nicht ab. Unglaublich, mit was für einer Kraft die schreien. Keine Kategorisierungen! Gegen die Enge! Noise! AAAAHH! Der Schrei wischt alle Formen weg, er ist pure Möglichkeit. Und er stellt damit die Frage des Abends: In welchem zeitgemäßen Protest ließe sich diese Energie politisieren?


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Militärgericht aus der Gulaschkanone

von Kai Krösche

Wien, 11. Juni 2015."Ein österreichisch-tschechisch-ungarisches Militärgericht" verspricht der Abend im Programmheft, zusammengestellt "aus Originalzitaten" aus Jaroslav Hašeks unvollendetem tschechischem Roman "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von 1923. Regisseur Dušan David Pařízek schafft in seiner international besetzten Festwochen-Produktion "Der Fall Švejk" jedoch vielmehr ein 140 Minuten langes Kammerspiel der gegenseitigen Erniedrigungen durch Sprache, der eingeforderten Hierarchien und der missbrauchten Macht.


Wiener Festwochen

Atemlos durch die Schlacht

von Kai Krösche

Wien, 5. Juni 2015. Drei Herrscher, drei Kriegskönige im England der frühen Renaissance, drei zentrale Protagonisten der Rosenkriege zeichnete William Shakespeare in seinen Königsdramen Henry V., Henry VI. und Richard III.: Da liegt es nicht fern, einen Mammut-Abend, der alle drei Geschichten miteinander chronologisch verknüpft, auf die Bühne zu bringen. Der niederländische Regisseur Ivo van Hove, der bereits mit seinen 2008 bei den Wiener Festwochen zu sehenden Römischen Tragödien mehrere Werke Shakespeares zu einem sechsstündigen Theatermarathon zusammenfügte, widmet sich mit "Kings of War" diesmal den Kriegen um die englische Krone im 15. Jahrhundert – und verdichtet die Vorlagen Shakespeares zu einem fünfstündigen, dreigeteilten Politthriller.


Wiener Festwochen

Heimat, Schmerz und Körper

von Kai Krösche

Wien, 24. Mai 2015. Es beginnt mit nackten Körpern. Zwei Frauen, zwei Männer taumeln stumm über die seitlich beleuchtete Bühne, verlieren die Kraft, tragen sich auf den Rücken der anderen, hieven sich wieder hoch, sinken zusammen. Assoziationen an Krieg und Gewalt werden wach, wenn die entblößten und verletzlichen Körper in den Armen des anderen leblos liegen: Schlachtenbilder, Heldentode, Kriegsfotografien.


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Tote in der Wirtschaft

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 20. Mai 2015. Ein Wurm, ein Würmchen. Wer sich selbst so charakterisiert, verdient Misstrauen wegen Koketterieverdacht. Doppelte Vorsicht ist am Platz, wenn sich ein solches  "Würmchen" durch untadelige Manieren und geschmeidige Eloquenz in Ohren und Herzen der Obrigkeiten schmeichelt. Im Dorf geht er um, die Gutsbesitzer sind seine potentiellen Kundschaften: Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ist einer der ersten Wirtschaftsverbrecher in der Literaturgeschichte. Vielleicht sogar der erste im Sinn, den das Wort mittlerweile hat. Zu Dumpingpreisen kauft er die Namen von verstorbenen Bauern, deren Tod noch nicht aktenkundig ist. Sozialbetrug heißt das moderne Wort dafür. Was Nikolai Gogol 1842 in seinen Roman "Die toten Seelen" beschrieben hat, taugt immer noch als Geschäftsmodell. Die Tschitschikows unserer Tage luchsen dem wirtschaftsliberalen Staat Bauprojekte und Kanalsysteme, zu verwettende Schulden oder ungeliebte Spitalsleistungen ab. Derivate, "Heuschrecken": Wetten, dass Gogol selbst die Panik erfasste ob dem, was er da bedrohlich hellsichtig heraufbeschwor.


Wiener Festwochen

Lebensbejahender Appell

von Kai Krösche

Wien, 10. Juni 2014. Die poppig glitzernden, goldenen Vorhänge, die die Bühne des Burgtheaters an diesem Abend zieren, entpuppen sich beim näheren Hinsehen als Geflecht aus leeren Patronenhülsen: Eine widersprüchliche Schönheit lässt der kongolesische Künstler Freddy Tsimba da erblühen, die auf die fesselnde Ambivalenz des Abends verweist.


Wiener Festwochen

Im Zweifel für den Angeklagten

von Teresa Präauer

Wien, 7. Juni 2014. "Ich bitte um Ruhe!", hört man gleich zu Beginn den strengen Gerichtsdiener ins Mikrofon sprechen, und schon wird es still im Publikum der Vorstellung von "Please, Continue (Hamlet)". Die österreichische Erstaufführung im Rahmen der Wiener Festwochen ist zugleich die 82. Aufführung von Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie.


Wiener Festwochen

Die Neger sollen sich vernegern

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 3. Juni 2014. Nur zwei haben ein Gesicht, und die beiden sind einer. Der eine, Stefan Hunstein, stellt sich uns als Archibald vor, Spielleiter der bevorstehenden bitterbösen Clownerie. Aber er bekommt augenblicklich Konkurrenz von einem Zweit-Archibald: Felix Burleson aus den Niederlanden ist wirklich dunkelhäutig. Wirklicher "Neger" also, wie der Stücktitel von Jean Genet heißt, der prompt im Vorfeld der Wiener Festwochen-Premiere die politisch Korrekten auf den Plan gerufen hat – so dass jetzt nach jeder der drei Vorstellungen im Wiener Theater Akzent ein Publikumsgespräch angesetzt ist, damit nur ja niemand irritiert bleibt von Sätzen wie "Es ist genug Schuhpaste vorrätig"…


Wiener Festwochen

König im Kongo

von Teresa Präauer

Wien, 24. Mai 2014. Die Harrods- und Pradataschen sind gefüllt. Macbeth und seine Lady, in Camouflage und Leopardenprints, rekeln sich lässig auf dem gemusterten Sofa und zählen ihr Geld: Der südafrikanische Regisseur Brett Bailey ist wieder bei den Wiener Festwochen zu Gast und zeigt diesmal eine Art Kammeroper – mit neun Sängern und zehn Musikern – nach Guiseppe Verdis "Macbeth". Bailey wählt einen der wenigen Opernstoffe, der nicht hauptsächlich um Liebe kreist, sondern vielmehr ein Getriebensein und Getriebenwerden von Mordlust und Macht nachzeichnet. Er scheint damit geeignet für die Transponierung nach Zentralafrika, an die Bürgerkriegsschauplätze des Ost-Kongo, wo die Bevölkerung unter den Folgen der Kolonialisierung und den neuen Mitteln von Politik und Wirtschaft zu leiden hat. Der Kongo gilt trotz reicher Vorkommen an Bodenschätzen als eines der ärmsten Länder der Welt.


Wiener Festwochen

Die Feinmechanik hinter der Grob-Klotz-Story

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 23. Mai 2014. "Die Geschichte könnte noch lange weitergehen", verrät die wandernde rote Schrift, "aber es hat absolut keinen Sinn". Zum letzten Mal hat Konstantin Bogomolov die Lacher auf seiner Seite. Mit Entsetzen treibt der russische Regie-Wunderknabe der mittleren Generation (Jahrgang 1975) nicht wenig Scherz in der Geschichte, die er mit dem lettischen Liepājas Teātris umgesetzt hat und die nun bei den Wiener Festwochen gastiert.


Wiener Festwochen

Im freien Fall

von Kai Krösche

Wien, 12. Mai 2014. Yasser Mroué wurde im Alter von 17 Jahren von einem Scharfschützen im Libanon in den Kopf geschossen. Teile seines Hirns wurden zerstört, sein Sprachzentrum dauerhaft beschädigt, wie durch ein Wunder hat Mroué den Anschlag überlebt. Mit einem Mal: Sprachkenntnisse auf Grundschulniveau, Schwierigkeiten, Menschen und Gegenstände auf Bildern wiederzuerkennen, Lähmung einzelner Körperteile. Vorbei die angestrebte Karriere als Musiker, stattdessen ein mühseliges Neuerlernen von Sprache, ein Neuerkennen der ihn umgebenden Welt.


Wiener Festwochen

Denn sie wissen nicht, was sie tun

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. Mai 2014. Schon im Foyer wird das Publikum darauf hingewiesen, dass ein Nacheinlass nicht möglich ist. Es bilden sich Schlangen vor den Toiletten. Der Publikumsdienst versucht die Gespräche der Wartenden zu dämpfen. Telefone unbedingt ausschalten! Keinesfalls in den Taschen kramen! Absolute Ruhe bewahren! Der Einlass dauert pünktliche zehn Minuten. Dann sitzt das Publikum um Lautlosigkeit bemüht im Halbfinstren. Es wird ihm vom Regisseur Claude Régy, der nie eine Aufführung seiner Inszenierungen verpasst, der Wille zur Heiligkeit abverlangt.


Wiener Festwochen

Das war nicht ich!

von Kai Krösche

Wien, 11. Juni 2013. "Ich" ist ein seltenes Wort im Zuschauerraum des Theaters. Allzu leicht nimmt man in der Anonymität seines bequemen Sitzes im Publikum den distanzierten Blick ein, zieht eine imaginäre, trennende Linie zwischen sich und dem Bühnengeschehen, lässt Reflexion oft erst im Nachhinein zu.


Wiener Festwochen

Das Theater als oralische Anstalt

von Leopold Lippert

Wien, 5. Juni 2013. "Le dernier cri" – "Der letzte Schrei" heißt die Jubiläumsausgabe der feministischen Literaturzeitschrift "Die schwarze Botin". Nach den 33 Nummern, die von 1976 bis 1987 in Berlin, Paris, und Wien produziert wurden, soll 2013 ein Sonderheft entstehen, das die schwarzen Botinnen von damals mit einer neuen feministischen Generation zusammenbringt – remastered und remistressed also.


Wiener Festwochen

Wi-Fi in der Höhle

von Leopold Lippert

Wien, 4. Juni 2013. Zu Beginn passiert gut zehn Minuten so gut wie gar nichts. Ein Streichquartett vom Band spielt Schostakowitsch. Nebel wabert durch den Saal. Im schummrigen Licht kann man ein Holzgerüst mit Spanplatten und Plexiglas erkennen, ein größeres Zimmer wahrscheinlich. Dann einen improvisierten Eingang zu einer Höhle. Am Boden schließlich eine Sumpflandschaft. Irgendwann werden schemenhaft drei Gestalten sichtbar, und eine LED-Laufschriftanzeige schaltet sich ein. Sie wird in Endlosschleife bis zum Ende des Stücks dreisprachig die Programmpunkte des Abends verkünden. Dieser fremdartige, entrückte Ort, so erfahren wir, heißt Swamp Club, ein Kunstzentrum im Nirgendwo, das Philippe Quesne mit seiner international besetzten Truppe Vivarium Studio in der Halle G des Wiener Museumsquartiers bespielt


Wiener Festwochen

Die nackte Wahrheit mit Blaskapelle

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 1. Juni 2013. Im medialen Feinkostladen ist die ganze Wahrheit wohl nicht im Stück zu haben. Eher nur scheibchenweise und möglicherweise appetitlich vakuumverschweißt, was sie attraktiver, aber nicht unverdächtiger macht. Da sitzen wir also in der Halle E des Wiener Museumsquartiers, auf zwei gegenüberliegenden Zuschauertribünen, und haben zwischen uns eine messehallenartige Versuchsanordnung, audiovisuell aufgemotzt bis zum Gehtnichtmehr.


Wiener Festwochen

Wände und Leinwände

von Martin Pesl

Wien, 23. Mai 2013. Ist das Leben wichtiger als die Kunst? Wer sich diese Frage stellt, ist meistens Künstler und beantwortet sie mit nein, weiß aber nur zu gut: Die Kunst beeinflusst das Leben und vice versa. Der argentinische Regisseur Mariano Pensotti nahm sich vor, dieses Wechselspiel anhand von Filmemachern zu untersuchen, befragte einige von ihnen in Buenos Aires zu ihrem Leben und schrieb dann, derart vom Leben inspiriert, völlig fiktive Geschichten nieder. Obwohl er selbst Film studiert hat, wollte Pensotti, der seit ein paar Jahren mit Theaterproduktionen durch die Welt tourt, diese Geschichte keinesfalls mithilfe des Mediums Film erzählen, und so ist es ein Theaterabend geworden.


Wiener Festwochen

Abseits vorgegebener Pfade

von Martin Thomas Pesl

Wien, 22. Mai 2013. Die Sonne scheint, es ist kurz vor sechs. Die Premiere von Schorsch Kameruns Produktion "Agora I" steht an, aber der Künstler plaudert entspannt im Garten der Secession, dem Festivalzentrum der Wiener Festwochen. An der Abendkassa ist noch nicht genau bekannt, wo das Publikum gleich eingelassen wird, aber es werden Kopfhörer ausgegeben. Es fühlt sich nicht so recht nach Premiere an, denn in der Wiener Secession herrscht die "Unruhe der Form": So haben die Festwochen in diesem Jahr ihre Performance-Schiene genannt.


Wiener Festwochen

Leben mit dem Kuckuckskind

von Kai Krösche

Wien, 18. Mai 2013. Man traut kurz seinen Augen nicht. Das Licht geht an in dem gläsernen Kubus, um den das Publikum platziert ist – und auf der leeren Bühne macht es Quack, Quack, Quack. Keine ausgestopfte, eine echte Wildente watschelt schnatternd über den grauen Boden, als wäre das Publikum gar nicht da. Das Licht geht wieder aus, erneut wird es stockfinster, klassische Musik ertönt. Und ein paar Sekunden später ist die Ente weg, sind Menschen dort und werfen sich rasante, pointierte Dialoge gegenseitig zu.


Wiener Festwochen

Krieg schreibt Familiengeschichte

von Leopold Lippert

Wien, 19. Mai 2013. Eben erst hat Oliver Frljić in Graz die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert neu geschrieben (nachtkritik vom 27. April 2013). Für die Wiener Festwochen im Brut Wien macht er es eine Nummer kleiner: "Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit!" erzählt die Geschichte seiner vierköpfigen Familie in den Wirren vor und während der Balkankriege. Eine Geschichte allerdings, die gerade erst geschrieben wird. Auf einer von allen Seiten einsehbaren Bühne, um die das Publikum im Quadrat platziert ist, versuchen die einzelnen Familienmitglieder (Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan und Iva Visković) ihre Erinnerungen zu rekonstruieren. In der reduzierten Wohnkulisse mit Küchentisch, Bett, und Plattenspieler entsteht so eine gemeinsame, oft widersprüchliche Erzählung.


Wiener Festwochen

Endzeit Europa

von Kai Krösche

Wien, 17. Mai 2013. Draußen vor dem Wiener Parlament scheint noch die Sonne hinter der weißen Wolkenfront. Zwei lange Warteschlangen reihen sich vor den Metalldetektoren des Besuchereingangs und fast scheint es, als gäbe es kein Fortkommen, so lange dauert die Sicherheitsprozedur samt Taschenscan. Die Geduld, die Christoph Marthalers Abende dem Publikum auf so radikale Weise abverlangen, wird hier schon vor Beginn auf die Probe gestellt – scheinbar endlos der Weg durch die prächtigen Hallen und Gänge des 130 Jahre alten Parlamentgebäudes.


Wiener Festwochen

Vergessene des Krieges

von Martin Pesl

Wien, 15. Mai 2013. Anna Maria Krassniggs harte, klare Stimme gibt den Ton für diesen Abend an. In einer Einleitung vom Band weist die Regisseurin die Gäste der weitläufigen Expedithalle fernab des Zentrums von Wien darauf hin, dass ihnen nun eine Geschichte erzählt und sie auf "eine Art Reise" mitgenommen werden. "Ihre Mobiltelefone werden Sie dabei nicht brauchen." Sofort ist das Bild der Frau Lehrerin da, fast als wolle sie uns beweisen, dass sie das kann mit dem Lehrersein, sie, die 2012 als neue Regieprofessorin am Wiener Max-Reinhardt-Seminar von Studierenden und Lehrenden massiv abgelehnt wurde, nachdem das Rektorat sie dem allgemein favorisierten Stefan Bachmann vorgezogen hatte.


Wiener Festwochen

Hölle der Sehnsucht

von Kai Krösche

Wien, 9. Mai 2013. Dieser Peter Pan ist nicht der, den wir kennen. Er ist kein gutgelaunter Ewigjunger, der den Kampf gegen die Vernunft der Erwachsenwelt antritt. Er ist vielmehr ein Mann, der einfach nicht erwachsen werden will, sich gegen den Fortlauf der Dinge stemmt, ohne wirklich zu wissen, warum. Und das Mädchen Wendy, das von Peter Pan mit seinen Brüder nach Neverland gelockt wird, jener Insel eben, wo man niemals erwachsen wird, ist hier nun eine Frau, die der Sehnsucht nach Jugend, Schönheit und Unschuld verfallen ist.


Wiener Festwochen

altDas Leben is dead

von Martin Pesl

Wien, 15. Juni 2012. Das Haus der Gewalt wird irgendwann Mexiko sein, konkret Ciudad Juárez, die berüchtigte Stadt des Drogenkrieges. Das Haus der Gewalt ist aber zunächst eine Kraftkammer, ein Fitnessstudio also, zum Sich-Abarbeiten an der eigenen verhassten Körperlichkeit. Das Haus der Gewalt ist weit, wüst und recht leer, aber genug mit kleinen Sachen übersät, um nicht steril zu wirken.


Wiener Festwochen

altIm Gesangsverein

von Kai Krösche

Wien, 13. Juni 2012. Einmal, zweimal kann der Mann auf der Leiter hochsteigen, um ein paar der fehlenden Buchstaben auf der Überdachung dieses in die Jahre gekommenen 50er-Jahre-Baus anzubringen, da brechen schon die Sprossen und machen jede weitere Arbeit an der Fassade unmöglich: "ANAT ... M ... INST" steht nun über dem Eingang; gerade noch genug Bedeutung, um der Sinnlosigkeit zu entgehen, um das "Anatomische Institut" für diejenigen anzudeuten, die es (noch) kennen – und doch weit entfernt von einer seine Funktion erfüllenden Beschilderung.


Wiener Festwochen

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Die Fragen der Stunde

von Leopold Lippert

Wien, 9. Juni 2012. "Vielleicht sind Sie ja informiert", erklärt gleich zu Beginn der griechische Arbeitsökonom Pavlos Laoutaris, der sich im normalen Leben mit EU-Richtlinien herumschlagen muss, "nächsten Sonntag haben wir Wahlen." Der Zeitpunkt für die Aktualisierung von "Prometheus in Athen" könnte nicht besser sein. Für die Wiener Festwochen stellt Rimini Protokoll ein zwei Jahre altes Theaterprojekt kurz vor den umstrittenen Neuwahlen in Griechenland erneut zur spannenden Diskussion.

Wiener Festwochen

altGemeinsam einsam

von Martin Pesl

Wien, 5. Juni 2012. Wann ist ein Mann ein Mann? Genauer gesagt: Wann ist ein heterosexueller Mann zwischen 40 und 60 aus einer sozial eher niedrigen Schicht ein Mann? Wenn er mit dem Schwanz denkt, wenn Sport(lichkeit) in irgendeiner Form eine Rolle für ihn spielt, wenn er zu Aggressionen und blockierten Emotionen neigt und am liebsten im Keller in Pornoheften blättert. So ist das mit der kollektiven Männerseele laut Ulrich Seidl, unweigerlich, und wenn wir anderer Meinung sind, dann heißt das, wir sind nicht bereit, uns diese Wahrheiten einzugestehen. Was soll man sagen? Bei dieser Argumentationslinie kann dem kontroversen österreichischen Filmemacher zumindest niemand das Gegenteil beweisen.


Wiener Festwochen

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Und?

von Thomas Askan Vierich

Wien, 3. Juni 2012. Auf einer dreistufigen Bühne vor einer kahlen Wand stehen fünf TV-Geräte, mit dem Bildschirm dem Publikum zugewandt. Ansonsten erkennt man noch ein paar trittfeste Blechverzierungen. Alles schwarz-weiß. Es sieht aus wie der Aufbau für eine Videoinstallation in den frühen 90er Jahren. Es sieht nicht gut aus.


Wiener Festwochen

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Ein Teil von jener Kraft

von Kai Krösche

Wien, 1. Juni 2012. Moskau, 1939: Der Teufel in Gestalt eines "Professors für schwarze Magie" kommt mit seiner höllischen Gefolgschaft nach Moskau, um dort seinem dämonischen Treiben nachzugehen. Das bringt den Schriftsteller Ponyrew flugs in die Irrenanstalt, wo dieser einen mysteriösen Schriftsteller kennenlernt, der sich nur noch mit dem Kosenamen "Meister" vorstellt, den ihn dessen geliebte Margarita gegeben hat. "Meister" hat einen Roman über das Verhältnis von Pontius Pilatus zu Jesus geschrieben, fiel damit aber in der sowjetisch-atheistisch geprägten Gesellschaft in Ungnade – und drehte durch. Schließlich geht Margarita, seine Geliebte, in einer Faust'schen Walpurgisnacht einen Pakt mit dem Teufel ein, um schließlich wieder mit ihrem Geliebten vereint sein zu können. Die Realitätseben fließen zunehmend ineinander über; die antike Pilatus-Geschichte vermischt sich untrennbar mit den Geschehnissen in Moskau.


Wiener Festwochen

altMein größter Wunsch

von Leopold Lippert

Wien, 30. Mai 2012. Als Árpad Schilling und seine Theatertruppe Krétakör 2005 zu den Wiener Festwochen eingeladen waren, stand Tschechows "Die Möwe" auf dem Programm. Doch die Zeiten, in denen sich der ungarische Regisseur mit klassischem Dramenmaterial zufrieden gegeben hat, sind vorbei. Krétakör sieht sich nun als pädagogische Institution, die mitten in der Gesellschaft verankert sein will. Ihr Theater soll ein öffentliches Forum sein, das den demokratischen Austausch über soziale und kulturelle Problemstellungen ermöglicht.


Wiener Festwochen

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Wenn das Draußen an die Tür klopft

von Kai Krösche

Wien, 26. Mai 2012. Unter dem Titel "Neues Autorentheater aus Lateinamerika" zeigen die diesjährigen Wiener Festwochen verschiedene Theaterarbeiten aus Argentinien, Chile, Mexiko und Kolumbien – darunter auch die Trilogie "Sobre algunos asuntos de família / Familienangelegenheiten" der kolumbianischen Theatergruppe "La maldita vanidad" ("Verdammte Eitelkeit"), die nun in drei verschiedenen Stationen im Wiener Palais Kabelwerk durch verschiedenste problematische Familienangelegenheiten führt.


Wiener Festwochen

altDie Überwindung des Unmöglichen

von Kai Krösche

Wien, 24. Mai 2012. Ganesh, indische Gottheit mit Elefantenkopf, hat es satt, dass die Nazis die Swastika, im hinduistischen Glauben ein altes Symbol für Glück, zu ihren menschenverachtenden Zwecken missbrauchen – und weil er, anders als Obergott Shiva, nicht die Welt, ja das ganze Universum an sich, zerstört sehen möchte, macht er sich im Jahr 1943 auf ins Dritte Reich, das Hakenkreuzsymbol zurückzugewinnen und damit die Erde vor der Verdammnis zu retten. Auf seinem Weg zum in Berlin verschanzten Hitler führt es ihn zunächst im Konzentrationslager in die Hände von Dr. Mengele; schließlich begleitet er einen geflohenen Juden und hilft ihm bei der Flucht in die Schweiz, bis er am Ende tatsächlich auf den "Führer" stößt – und begreifen muss, dass er das Hakenkreuz zwar zurückholen kann, dieses aber auf ewig mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus befleckt sein wird.


Wiener Festwochen

altGeschichte und Körpergedächtnis

von Leopold Lippert

Wien, 18. Mai 2012. Die einsamen Lichtkegel von Taschenlampen schweifen durch den Theaterraum, suchend, sich langsam durch die Dunkelheit tastend. Ein Videoprojektor beginnt zu surren, man sieht historische Aufnahmen von China um 1960, zur Zeit der großen Hungersnot. "Memory 2: Hunger" von Wu Wenguang und dem Living Dance Studio nähert sich auf poetisch-dokumentarische Weise einem totgeschwiegenen Kapitel chinesischer Geschichte: Aufgrund der überhasteten Industrialisierung und Vernachlässigung der Agrarproduktion verhungerten zwischen 1959 und 1961 Millionen Menschen vor allem im ländlichen Raum.


Wiener Festwochen

Ein Hundelebenalt

von Martin Pesl

Wien, 17. Mai 2012. Mensch siegt über Tier, Mann über Frau, Stadt über Land, Weiß über Schwarz. Dieses Karussell kollektiver Erniedrigungen ist der Südafrikaner J.M. Coetzee 1999 abgefahren, in seinem schmalen, aber komplexen Roman "Schande" ("Disgrace").


Wiener Festwochen

altDie Leere nach dem Sturm

von Kai Krösche

Wien, 17. Mai 2012. Als wollte er das Theater selbst für nichtig erklären: Cornelius Obonya alias Caligula weigert sich zu Beginn schlicht und ergreifend, laut genug zu sprechen, dass ihn sein Mitspieler Hermann Scheidleder alias Helicon versteht. Mehr als einmal muss dieser die Souffleuse bitten, ihm zu wiederholen, was der acht Meter entfernte Caligula gerade noch zu ihm gesagt hat. Doch sein Herr lässt seinen Untertanen vor versammeltem Publikum auflaufen und macht sich mittels seiner Nuschelei über ihn lustig. Zumindest soweit er sich noch lustig machen kann.

Wiener Festwochen

Mehr sein als Hüter von Büchern und Enkeln 

alt

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 13. Mai 2012. Die wackeren Oldies waren, wenn's wahr ist, aus anderem Schrot und Korn: So jedenfalls lautet ihre Selbsteinschätzung angesichts der deutlich leiseren jüngeren Generationen. Die wahren Kerle also, das waren die Alten. Politisch engagiert gingen sie auf die Straße, wenn's sein musste. Die Südamerikanerin Lola Arias hat genauer hingeschaut – und als erstes ausgerechnet eine Trantüte entdeckt. Nein, das ist zu deftig formuliert. Die ältere Dame, ihre Mutter, ist wirklich krank, ertränkt von der sprichwörtlichen schwarzen Galle, der Melancholie. Wann deren Pegelstand gestiegen ist? 1976, nach dem Militärputsch in Argentinien. Die Regisseurin/Autorin Lola Arias ist im gleichen Jahr zur Welt gekommen, und sie argwöhnte, womöglich selbst Ursache der mütterlichen Depression zu sein. Das war sie definitiv nicht. Im Stück, einem Schreibauftrag der Wiener Festwochen, kommen Kommentare zur politischen Lage von damals leider nicht mal in Spurenelementen vor.


Wiener Festwochen

Strahlende altWanderin in dieser Welt

von Christian Desrues

Wien, 12. Mai 2012. Muss man ein Stück von Botho Strauß nach Australien exportieren, um es dann in den europäischen, deutschsprachigen Raum zurückzuholen, noch dazu auf Englisch? Muss man nicht, es befremdet zunächst sogar ziemlich, aber wenn jemand wie Benedict Andrews sich der Sache annimmt, Cate Blanchett so wie hier die Lotte spielt, dann sollte man das öfter machen.


Wiener Festwochen

altFeuer im Teich

von Martin Pesl

Wien, 10. Mai 2012. Mind-Map: "Die Roma". Und los! Da schießt einem gleich allerlei in den Kopf, und das Anfangsbild in Constanza Macras' neuer Großproduktion "Open For Everything" fasst vieles davon zusammen: Ein Auto fährt ein, eine alte Rostschüssel, hübsch folkloristisch dekoriert, darin so viele Roma wie sich hineinpressen können. Sie sind ständig unterwegs, aber arm, sie sind Familienmenschen, es gibt unzählige von ihnen, und der herkömmliche Gadscho-Ignorant, also der Nicht-Roma, tut sich schwer, sie auseinanderzuhalten. Klischees! In Wirklichkeit sind die Roma "wie andere Europäer auch, nur mit einem besseren Rhythmusgefühl", sagt Constanza Macras im Programmheft, und da sie Choreografin ist, beweist sie es uns in erster Linie anhand von Tanz und Musik.


Wiener Festwochen
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Verhaltene Party

von Thomas Askan Vierich

Wien, 7. Juni 2011. Dies ist die dritte Dramatisierung eines amerikanischen Prosaklassikers durch die prominente New Yorker Off-Broadway-Truppe Elevator Repair Service. 2006 inszenierte sie den Roman "The Great Gatsby" von F. Scott Fitzgerald und tourte damit erfolgreich durch Europa. 2008 folgte das preisgekrönte The Sound and the Fury nach William Faulkner. Dabei hielt sie sich jeweils streng an die Romanvorlagen und brachte die Texte (bei Faulkner war es das erste, strukturell besonders komplizierte erste Kapitel) Wort für Wort auf die Bühne. Mit "The Sun Also Rises", Hemingways Romandebüt von 1926, auch bekannt unter dem Titel "Fiesta", hat sie jetzt ihre "Amerikanische Trilogie" abgeschlossen.


Wiener Festwochen

Und träumen mit ihnen

von Kai Krösche

Wien, 1. Juni 2011. Dieses "Castle" ist kein gewöhnliches Schloss: Wenn sich auf der Bühne des brut Wien die Leinwand, die zugleich ein Vorhang ist, hebt, gibt sie den Blick frei auf eine – könnte man meinen – beliebige versiffte Bude im japanischen Tokio: Straßenlärm fegt durchs Theater, hupende Autos, ferne Sirenen. Durch eine Fensterfront hinter einem mit Abfallsäcken und Flip-Flops zugestellten Austritt blicken wir in das Innere dieser zugemüllten Wohnung: "Hello Kitty" hängt neben "Pokémon", japanische Popstars grinsen von Plakaten, Müllsäcke stapeln sich, links ein Fernseher, der die banalen Flimmerbilder japanischer Sender oder die ewiggleichen Animationen gestriger Konsolenspiele zeigt.


Wiener Festwochen
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Den Geist der Jugend töten

von Martin Pesl

Wien, 24. Mai 2011. Ivo van Hove ist in Benelux als Regisseur bekannt geworden, der seine Technik im Griff hat. Einer, der beweisen kann, dass Videowände und Kameras in einer Inszenierung nicht bloßer Firlefanz sind. Dieses Können kam auch schon an deutschen Häusern zum Einsatz (beim Menschenfeind in Berlin, Ludwig II. in München) und geriet unter die Räder der Kritik. Nach einer Absage 2009 wird nun seine fünf Jahre alte Filmadaptation "Opening Night" mit der Toneelgroep Amsterdam doch bei den Wiener Festwochen und somit erstmals im deutschsprachigen Raum gezeigt.


Wiener Festwochen
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Es ist nichts passiert

von Thomas Askan Vierich

Wien, 14. Mai 2011. "Das ist also das berühmte englische Theater", sagt ein kluger Kollege danach. "Keine Mätzchen." Genau. Katie Mitchell verzichtet auf alle medientechnischen Tricks, für die sie bekannt ist. Keine Videos, keine DJs auf der Bühne, keine Traumwelten. Nur zwei Schiebetüren, die sich öffnen und schließen und wie ein Maul die Realität ausspucken.


Wiener Festwochen
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Es gibt kein Außenleben

von Dirk Pilz

Wien, 13. Mai 2011. Zu Zeiten, als das Beichten noch geholfen hat, fanden die Menschen Trost im Erzählen von Geschichten. In jenen Zeiten aber, die das Beichten verlernt haben, zerfallen die Geschichten zu Brosamen des Nichts. Der New Yorker Theaterexperimentator Richard Maxwell kehrt sie in seiner neuen, bei den Wiener Festwochen präsentierten Inszenierung "Neutral Hero" zusammen. Er will aus ihnen eine Großgeschichte schaffen, er nennt sie Mythos. Eine schöne Unmöglichkeit: den Himmel abdichten, einen Gott erfinden, einen neuen, haltbaren Mythos errichten in himmel-, gott- und mythenferner Gegenwart.


Wiener Festwochen
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Aqquserngit qerrukut. Gefrorene Wege.

von Stefan Bläske

Wien, 12. Mai 2011. Über allem glänzt das Eis. Tisch, Tasse, Teller und Toilette sind glaciert, mit dicker Eisschicht überzogen. Die Plakate der Wiener Festwochen 2011 bringen Frische in den Frühling, Abkühlung an sonnigen Sommertagen, sie versprechen klirrende Kultur und passen wohl zu keiner Produktion besser als zur in Grönland glückhaft entwickelten Eröffnungsinszenierung.


Wiener Festwochen

Mensch, ist das alles komplex hier!

von Stefan Bläske

Wien, 12. Juni 2010. Kunst muss sein. Ausrufezeichen! Aber warum eigentlich? Es gibt eine Frau, ihr Name ist Hase, sie weiß Bescheid. Denn Frau Hase (estnisch Jänes) ist Kultusministerin im theaterbegeisterten Estland. Kulturförderung dient ihr zur Heimat- und Imagepflege, zur Prestigeaußenpolitik. Frau Ministers Auftritte sind zwar engagiert, ihre Gedanken allerdings weit einfacher gestrickt als ihre Trachtenkostüme. Sie meint es vermeintlich gut mit ihren Künstlern, aber "leider ist immer zu wenig Geld da".


Wiener Festwochen

Siebzehn Jahre Einsamkeit

von Thomas Askan Vierich

Wien, 9. Juni 2010. Sprechen wir von der zweiten Hälfte. Denn von der ersten ist nicht viel zu sagen, außer dass man Birgit Minichmayr als Titelheldin in Euripides' "Helena" bei den Wiener Festwochen kaum verstand, weil sie so nuschelte. Vielleicht war das ihrem Bemühen nach Authentizität geschuldet, wenn sie ihr trauriges Schicksal im ägyptischen Exil beklagt und dass wegen ihrer Schönheit zehn Jahre lang um Troja gekämpft wurde: Vielleicht wollte sie dem Pathos ihrer Worte durch Lässigkeit im Ausdruck entkommen.


Wiener Festwochen

Kafkas Luftzug an der Ferse

von Stefan Bläske

Wien, 6. Juni 2010. Sie zappeln und sie strampeln. Sind wackelig auf den Körpern, ihre Gliedmaßen gehorchen ihnen nicht. Das Laufen ist labil, die Knie knicken ein, Extremitäten werden weggeschleudert, Köpfe zur Seite geworfen. Die Wirbelsäulen sind zum Hohlkreuz durchgedrückt, die Muskeln aufs Äußerste gespannt. Konvulsionen, Spasmen, Explosionen. Es soll in "Out of Context" um Zustände der Hysterie und der Ekstase gehen, um den Kontrollverlust. Out of Control.


Wiener Festwochen

Die Zeitbombe tickt im Lotterleben

von Thomas Askan Vierich

Wien, 3. Juni 2010. Zwölf Stunden Theater mit sechs Pausen. 26 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Allein die Zahlen sind beeindruckend und machen die erste Aufführung von "I Demoni" im deutschsprachigen Raum zu einem Ereignis. Die Uraufführung der Dramatisierung (oder soll man sagen: szenischen Nacherzählung?) von Dostojewskis 900-Seiten-Roman fand vor einem Jahr auf dem umbrischen Landsitz von Peter Stein in San Pancrazio statt. Dort noch als Gemeinschaftserlebnis: Schauspieler und Regisseur speisten mit dem Publikum, man verbrachte gemeinsam einen langen Theater-Tag.


Wiener Festwochen

Hämmern auf Höhe des Herzens

von Stefan Bläske

Wien, 2. Juni 2010. Niemand muss hier einsam sein. Niemand allein aufwachen. Ein Mann erwacht in einer großen Wanne, von warmem Wasser umspült, ihm gegenüber zwei nackte Frauen. Ein anderer erwacht im weißen Bett, nackt, eine junge hübsche Krankenschwester legt ihre warmen Finger erst an sein Gelenk (zum Pulsfühlen), später an sein Glied (...). Eine Frau erwacht, nackt, an ihren Rücken schmiegt sich sanft ein braungebrannter, muskulöser Mann mit blauen Augen.


Wiener Festwochen

Ziemlich viel Gatsch

von Thomas Askan Vierich

Wien, 27. Mai 2010. Gummistiefel wären hilfreich gewesen bei diesem Ausflug an den Stadtrand von Wien. Mit Bussen werden die Besucher vom Karlsplatz (Treffpunkt: Brut im Künstlerhaus) in die Leopoldau gekarrt. Dort, in "Transdanubien", befindet sich das Alte Gaswerk, eine Industriebrache, wie man sie eher aus postsozialistischen Gegenden kennt. In Wien nennt man solche Gegenden Gestätten. Brachland. Hier dürfen die Zuschauer hinter dem Schauspielerensemble über matschige (auf Wienerisch: "gatschige") Wiesen herlaufen. Für den verregneten Frühsommer kann die new space company natürlich nichts. Aber dafür, dass man sich als Zuschauer wie ein Pauschaltourist auf einer Safari durch ein Elendsquartier fühlt. Es soll uns an diesem frühen Abend das bedauernswerte Schicksal von entwurzelten Jugendlichen mit Migrationshintergrund vorgeführt werden. Ein berührender Theaterabend wird es nie.


Wiener Festwochen

Im Jenseits spielt die Blasmusik

von Stefan Bläske

Wien, 16. Mai 2010. Haben Sie sich schonmal Gedanken darüber gemacht, welche Musik bei Ihrer Beerdigung gespielt werden soll? Nein? Sollten es vielleicht eher Kirchenlieder sein? Klassische Musik oder moderne? Fröhliche Klänge, auf die Sie gerne getanzt haben, pardon, tanzen? Oder etwas Getragenes, Klagendes? Wie wär's mit Mozart, Beethoven oder den Beatles? Mit "Yesterday" oder "Ave Maria" als Gänsehautgarantie und Äugleinnässer? Sollten die Zurückgebliebenen eher traurig gestimmt oder in Festtagslaune gebracht werden?


Wiener Festwochen

Großer Welttheater-Zampano ready for take off

von Stefan Bläske

Wien, 12. Mai 2010. Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir sehen Bilder von Galaxien und Sternen, wir hören dazu die Stimme von Robert Lepage, der uns erklärt, wie all das entstand, wie groß unser Universum ist, wie winzig wir Menschen. In seinem ersten Kino-Auftritt, 1989 in "Jesus von Montreal", erklärte uns Robert Lepage als Schauspieler René die Welt, indem er in einem Tonstudio den Text für eine sternfunkelnd-universelle Edutainment-Doku einspricht.


Wiener Festwochen

Das Böse im Biedermann

von Eva Maria Klinger

Wien, 14. Juni 2009. Am Schluss liegen drei Leichen malerisch drapiert auf der vier Quadratmeter großen, beleuchteten Glasscheibe, von zehn Monitoren bewacht. Das kantige Gebilde im schwarz getünchten kahlen Bühnenraum hat viereinhalb Stunden lang als Spiel-, Liege- und Liebesfläche gedient und trägt nun auch Othello, Desdemona und Emilia. Zwei weitere hat der Tod im Hintergrund ereilt.


Wiener Festwochen

Hellsicht ist was anderes

von Stefan Bläske

Wien, 9. Juni 2009. Wenn Theater ein Spiegel der Gesellschaft sein sollte, sieht's derzeit ziemlich düster aus. In den Produktionen jedenfalls, die die Wiener Festwochen darreichen, geht es nachtschwarz zu. Dort werden wir kafkaesk überwacht (Der Prozess), in die Unterwelt entführt (Orfeus) oder im Fegefeuer malträtiert (Purgatorio), lauschen einem Abgesang auf den amerikanischen Süden (The Sound and The Fury) und auf unsere eigene Wohlstandgesellschaft (Riesenbutzbach). Hellsicht ist was anderes.


Wiener Festwochen

Müll und Mythos

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 5. Juni 2009. Eine Reise ins Blaue ist angesagt, nein: ins Schwarze. Denn schwarz verhängt sind die Fenster der beiden Busse, die die Festwochenbesucher an einen nicht genannten Ort karren. Dreißig Minuten dauert diese Reise. Auf den Fernsehschirmen im Bus sieht man Aufnahmen vom unfeinen Stadtrand Kapstadts. Wie sagt man in Südafrika zu Favelas? Viel Armut, Schäbigkeit, Wellblech jedenfalls. Wird's an Wiens Borderline attraktiver?


Wiener Festwochen

Glaube nicht, dass du anders gehandelt hättest

von Stefan Bläske

Wien, 7. Juni 2009. Apoll soll ein guter Bogenschütze gewesen sein. Vermutlich mit nicht ganz so hohem Pfeilverschleiß wie Amor, aber dafür mit ähnlich grausamer und sicher nachhaltigerer Wirkung auf die Opfer.


Wiener Festwochen

Wahn-Sinns-Klang

von Stefan Bläske

Wien, 5. Juni 2009. Warum nicht mal ein bisschen jammern, lamentieren über das Leben, das nichts anderes ist als ein Schatten, eine von einem Idioten erzählte Geschichte, voller Klang und Wut, Lärm und Wahn und Schall und Raserei. Ja, das ist Shakespeare: "It is a tale / told by an idiot, full of sound and fury". Macbeth hat da gerade vom Tod seiner Frau erfahren, eine schlechte Botschaft jagt die nächste, alles geht zu Ende.


Wiener Festwochen

Aufstieg der Dickköpfe

von Georg Petermichl

Wien, 17. Mai 2009. In einer Dorfgemeinschaft werden Anomalitäten wie Verdachtsmomente behandelt. Dort, wo Arbeiterhände mit Spucke gereinigt werden und Frauen einen herben Umgangston samt festen Händedruck vorweisen können – dort wird Veränderung mit unverhohlenem Widerwillen Willkommen geheißen: "Was strahlst du, wie ein nackter Arsch im Mondenschein?", geifert seine Frau (Chulpan Hamatowa), während sich Andrei (Jewgeni Mironow) an ihr und ihrem Putzlappen vorbei winden möchte.


Wiener Festwochen

Krisen-Reprisen

von Stefan Bläske

Wien, 10. Mai 2009. Es gibt nur eine, die die Finanzkrise erklären kann und die sogar Verständnis hat. Es ist die Nagelstudioinhaberin. Sie bietet dem Sparkassenangestellten an, sich seiner Nägel anzunehmen, denn ein gepflegtes Äußeres sei in der aktuellen Situation besonders wichtig. Wie nett sie zu ihm ist, wie fingerfertig und verständnisvoll. Man ahnt es, sie will tatsächlich nur sein Bestes: sein Geld bzw. einen Kredit. Denn die Finanzkrise ist inzwischen auch in Riesenbutzbach angekommen.


Wiener Festwochen

Pseudoattitüden der No-Go-Generation

von Georg Petermichl

Wien, 13. Juni 2008. Mitten im Reich der Retromanie, zwischen eingesessenem Jugendkult und anschleichender Bürgerlichkeit, plustern fünf Thirtysomethings ihr bisschen Weltschmerz und die verbleibende Lethargie zur Apokalypse auf: King Lear ist in der schmeichelweichen Einbauwohnzimmergummizelle hängen geblieben.


Wiener Festwochen

Die Weltmacht verschlingt ihre Helden

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Juni 2008. Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel, José Manuel Barroso, Barack Obama oder Hillary Clinton, alle Spieler auf der politischen Weltbühne unserer Tage stehen in diesem spannenden Politkrimi unsichtbar hinter Tribunen und Tyrannen, Königinnen und Feldherren, Fädenziehern und Fallenstellern. Shakespeare hat im 16. Jahrhundert die Mechanismen der Politik ein für alle Mal aufgedeckt. Dass sein Befund als Analyse der Gegenwart durchgeht, dankt man neben Shakespeare dem belgischen Regisseur Ivo van Hove. Seine Bearbeitung der drei Römerdramen "Coriolan", "Julius Caesar", "Antonius und Cleopatra" gerät zur faszinierenden Großtat.


Wiener Festwochen

Zwei Junkies unterm Wunderbaum

von Peter Schneeberger

Wien, 6. Juni 2008. Dorota Masłowska eilt ein einschlägiger Ruf voraus. Bereits Andrzej, der halbstarke Angeber aus ihrem Romandebüt "Schneeweiß und Russenrot" (2004), stand unter Drogen. Der Ich-Erzähler delirierte von Sex und Sehnsucht, Rauschgift und Liebe. Aber auch in Maslowskas zweitem Buch "Die Reiherkönigin" (2007) ging es nicht unbedingt nüchterner zu: giftig und verzweifelt dröhnt der Vers-Roman wie Hip-Hop in den Ohren.

 


Wiener Festwochen

Bewusstseinsplätschern mit doppeltem Boden 

von Dirk Pilz

Wien, 5. Juni 2008. Es gibt an diesem Abend einen kleinen, quadratischen, giftgrün angemalten Holzrahmen, der unversehens ins Erzählzentrum dieser anderthalb Stunden Performance-Theater rückt. Anfangs steckt er an einem schmalen Schauspielerinnenfuß. Später werden die sechs Darsteller abwechselnd auf ihm balancieren, sich über ihn beugen oder ihn betont lässig überschreiten, werden ihn zuweilen majestätisch von links nach rechts tragen, mitunter auch einfach vergessen, dann aber plötzlich mit der Stirn auf ihn einschlagen oder vor ihm in die Knie sinken. 


Wiener Festwochen

Mordhergänge

von Peter Schneeberger

Wien, 22. Mai 2008. Was ist schon die Liebe, wenn sie nicht zugrunde geht? Zumindest die Dichter hatten stets alle Hände voll damit zu tun, ihren Protagonisten das Glück gründlich zu vermiesen. Derart blutig wie Amir Rezas Koohestanis neues Stück Quartet: A Journey to North", das nun bei den Wiener Festwochen Premiere hatte, enden Romanzen jedoch selbst am Theater eher selten: Ein Mädchen schneidet ihrem Liebhaber ausgerechnet am Valentinstag die Kehle durch. Dann ermordet ein Mann im Blutrausch seine Mutter, seine zwei Schwestern und seinen Sohn. - Macht fünf Tote in knapp 90 Theaterminuten.


Wiener Festwochen

Nation ohne Hoffnung

von Georg Petermichl

Wien, 14. Mai 2008. Auf die Goodies der Sponsoren für die Wiener Festwochen-Besucher muss leider auch mal eingegangen werden: Denn die muteten nicht erst bei der Europapremiere von "Interracial", dem südafrikanischen Stück von Mpumelelo Paul Grootboom, ein wenig eigenartig an. Letztes Jahr wünschte beispielsweise der Hauptsponsor "reinen Kunstgenuß" - mit Handreinigungstüchern! Und heuer soll man sich nun mit einem geschenkten Euro2008-Fußball-Fanschal die österreichische Nationalität umhängen.

Wiener Festwochen

Der schrecklichste der Schrecken

von Peter Schneeberger

Wien, 12. Mai 2008. Aus diesem Krieg ist die Luft raus. Seit Jahren lagern Agamemnon, Menelaus, Achilles, Ajax und all die anderen hochfahrenden griechischen Helden vor Troja, doch die dicken Mauern der gut befestigten Stadt wollen trotz aller geballten Waffenkraft nicht fallen. Das zermürbte Heer weiß selber schon nicht mehr so genau, warum es eigentlich in den Krieg gezogen ist: Einst hat Paris, der Trojanische Königssohn, Menelaus’ Gattin Helena entführt. Mit wildem Furor zogen die Griechen übers Meer, um sich die schönste aller Frauen zurück zu holen. Doch der edle Eifer ist verpufft. Aus dem Krieg ist bleierne Normalität geworden.


Wiener Festwochen

"Gatz" oder die Angst vor der Adaption

von Marianne Strauhs

Wien, 15. Juni 2007. Abgenutzte Wände, Regale voller verstaubter Aktenordner, eine speckige Ledercouch, eine Schreibmaschine und ein Oldschool-Computer – Versatzstücke aus verschiedenen Zeiten und Orten. Zusammengewürfelt ergeben sie ein kleines stickiges Büro und damit auch die Bühne für eine sechseinhalbstündige Leseperformance der New Yorker Theatergruppe Elevator Repair Service (ERS), die im Rahmen der Wiener Festwochen in der Halle G im Museumsquartier zu sehen ist.


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