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archiv » Landestheater Schwaben Memmingen (8)
Landestheater Schwaben Memmingen

Ein suizidaler Ziegenhirt

von Steffen Becker

Memmingen, 7. Dezember 2018. Als "Ein ganzes Leben" für die Hauptfigur Andreas Egger bereits dem Ende entgegengeht, verdingt sich der Alpenbewohner als Fremdenführer. Das Geschäft läuft gut in den 50ern und 60ern des vergangenen Jahrhunderts. Schon damals suchen viele Menschen in den Bergen, was sie glauben, verloren zu haben: Ruhe, das einfache, vorhersehbare Leben. Andreas Egger hat ein solches Leben scheinbar geführt. Aus seinem Dorf ist er fast nie herausgekommen. Robert Seethalers Roman kommt im Stil denn auch so daher, als sei er an einem plätschernden Gebirgsbach geschrieben worden. Dass die Bühnenfassung im idyllischen Allgäu, am Landestheater Schwaben, uraufgeführt wird, ist da nur konsequent. Hier wird einem der Hauptdarsteller zum Schlussapplaus statt Blumen eine Fleischwurst zugeworfen (über die er sich freut). Alles sehr urig.


Landestheater Schwaben Memmingen

Die Eleganz der Intriganz

von Christian Muggenthaler

Memmingen, 5. Oktober 2018. Historische Stoffe stehen seit längerem schon nicht unbedingt im Zentrum der Arbeit von Dramatikern. Da haben vermutlich zu lange zu viele Menschen an jener Historismus-Grütze gelitten, in der Inhaltliches blubbernd unterzugehen pflegte. Aber wenn man dann aus der Premiere des Dramas "Margarete Maultasch" von Christoph Nußbaumeder kommt, das jetzt Uraufführung am Landestheater Schwaben in Memmingen hatte, fragt man sich: Wieso eigentlich diese Zurückhaltung? Nußbaumeder erzählt vermittels einer historischen Figur und ihrem Schicksal davon, dass vieles an ihr und ihrer Geschichte absolut gegenwärtig ist. Das geht von der immerwährenden Maßlosigkeit der Liebe bis zur Frage, was einem Staat gut tut: Abschottung und Dogma oder Offenheit und Durchlässigkeit.


Landestheater Schwaben Memmingen

In der Mordmaschinerie

von Christian Muggenthaler

Memmingen, 16. März 2018. Erst wurden sie im Dritten Reich propagandistisch gebrandmarkt, als "lebensunwert" und "unnütze Esser", dann zwangssterilisiert und schließlich massenhaft und systematisch ermordert: psychisch kranke Menschen, Menschen mit Behinderung, Menschen mit irgendeinem Fehlverhalten. Medizinisch wurde das als Euthanasie bezeichnet, ideologisch als Schutz der Rasse verbrämt, auf Seiten der Täter – zumeist Pflegepersonal – sprach man von Mitleid mit solchen, die ohnehin nichts mehr vom Leben hätten. In speziell dafür eingerichteten Tötungsanstalten wie Hadamar, Hartheim und Grafeneck wurden vor allem jene zu Tode gebracht, die als nicht mehr arbeitsfähig galten. Allein in Grafeneck wurden im Jahr 1940 mehr als 10.500 Menschen mit Kohlenmonoxid vergast.


Landestheater Schwaben Memmingen

Sorry, Jungs!

von Steffen Becker

Memmingen, 13. Oktober 2017. Wenn Kathrin Mädlers Inszenierung von Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn" am 31. Oktober erneut aufgeführt wird, könnte es heiß hergehen in Memmingen. Ein Vor- und Nachgespräch diskutiert das Thema "Klassiker heute". Puristische Besucher des Landestheaters Schwaben könnten der Inszenierung eine übergriffige Skelettierung des Stoffes vorwerfen. Intendantin Mädler hat den Text radikal gekürzt und den Schluss so umgestaltet, dass er wie ein feministischer Stinkefinger wirkt. Während bei ihr die Brautkleider an der Theaterdecke hängenbleiben, hat ihr Käthchen andere Pläne.


Landestheater Schwaben Memmingen

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von Steffen Becker

Memmingen, 3. Juni 2017. Ich glaube nicht an die Versprechungen des Glaubens. Ich bin überzeugt, das Produkt eines logischen Evolutions-Prozesses zu sein. Eine Fortsetzung wird mein Dasein als Zerfallsprodukt im Erdreich finden, nicht in einem anderen Leben. Diese Vorstellung macht mich mulmig: Als ich geboren wurde, lag die Lebenserwartung der Jungen bei 72 Jahren. Die Hälfte ist inzwischen rum. Das Programmheft zu "Glauben" am Landestheater Schwaben hält dazu wenig tröstliches bereit. Es zitiert Ivanka Trump mit "Wahrnehmung ist wichtiger als Realität. Wenn jemand an etwas glaubt, ist das wichtiger, als dass es wirklich wahr ist."


Landestheater Schwaben Memmingen

Der Zweck des Lebens

von Steffen Becker

Memmingen, 8. Oktober 2016. Wagen wir ein Gedankenexperiment: Wer von uns würde aus seinem Leben ausbrechen? Vielleicht nach einem Schicksalsschlag oder als Folge eines katastrophalen Umfelds. Aber solange alles in halbwegs normalen Bahnen abläuft, nimmt die Mehrheit Ungerechtigkeiten hin und versucht sich einzurichten. Der Roman "Alles, was wir geben mussten" stellt die Frage an eine Gruppe Menschen, deren Bestimmung es ist, ihre Organe zu spenden. Es sind Klone, deren Leben nur funktionalen Wert hat. Das Buch von Kazuo Ishiguro macht aus dem Stoff keinen Bio-Tech-Thriller, sondern eine philosophische Betrachtung über Sinnsuche.


Landestheater Schwaben Memmingen

Eine Geschichte der Angst

von Willibald Spatz

Memmingen, 10. Oktober 2014. Einen Skandal wie einst zur Uraufführung 1995 kann man mit Sarah Kanes "Zerbombt" nicht mehr auslösen. Und Schocken muss man auch keinen mehr damit. Dafür gibt es inzwischen derberes Material. Aber man kann immer noch gut von der Einsamkeit des Menschen erzählen und von dessen Sehnsucht nach Berührung. Diese Themen stecken zwischen den kalkulierten Tabubrüchen und Scheußlichkeiten, die in dem Stück vordergründig aneinander gereiht werden.


Landestheater Schwaben Memmingen

Am Ende kommen alle lebend raus

von Willibald Spatz

Memmingen, 20. Juni 2014. Es geht darum, dass dem Theater die Wirklichkeit nicht abhanden kommt, dass es nicht die Relevanz verliert. Deswegen muss es manchmal raus in die Realität und ein Stück von ihr auf die Bühne bringen. Das beweist, dass es sich einmischen will, dass es keineswegs in einem Elfenbeinturm vor sich hinproduziert. Im Landestheater Schwaben gibt es seit Jahren Projekte mit Laien, die sich und ihr besonderes Leben vorführen dürfen. Es gab schon Jugendliche, die auf der Suche nach einer Lehrstelle waren, und Patienten der Psychiatrie, Strafgefangene und Depressive.


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