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archiv » Werk X Wien (14)
Werk X Wien

Wer hat das geschrieben?!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 3. Mai 2019. Es ist ein ungeschriebenes Bühnengesetz, Tausende Male eingehalten: Wenn in die Musik hinein jemand frustriert: "Aus! Aus! Aus!" ruft, dann tritt, mit kurzer Verzögerung, Stille ein. Wenn nicht, wie hier, dann ist das schier unerhört, dann muss das Theater aus den Fugen sein. Martin Hemmer kann noch so oft "Aus!" kommandieren, Andreas Dauböck spielt die begonnene Nummer zu Ende. Am Multiinstrumentalisten, der abseits der Bühne von heimeligen Lampenschirmen umgeben sicher hinter seinem Schlagzeug sitzt, verpufft die selbstbehauptete Autorität von Hemmers Figur Stan. Diese Autorität meint er zu haben, weil er hier so etwas wie der Autor/Regisseur ist, und mehr noch, weil er sich zu niemand geringerem als dem großen Rainer Werner erklärt hat: "Je suis Fassbinder".


Werk X Wien

Sprachgymnastik

von Martin Thomas Pesl

Wien, 13. Dezember 2018. Diesen Sommer lehnte ein österreichischer Asylbeamter den Antrag eines Afghanen ab, weil dieser sich nicht "schwul genug verhielt", obwohl er behauptete, daheim wegen Homosexualität verfolgt zu werden. Der Fall könnte auch aus Shumona Sinhas autobiografisch inspiriertem Roman "Erschlagt die Armen!" stammen. Der erschien in Frankreich freilich schon 2011. Die gebürtige Inderin dröselt darin harsch und sprachgewaltig die Absurditäten des Asylwesens auf. Ihren Job als Dolmetscherin bei der Flüchtlingsbehörde, den sie aus Liebe zur "Sprachgymnastik" angenommen hatte, ist sie seither los.


Werk X Wien

Todesschüsse am Traualtar

von Andrea Heinz

Wien, 27. November 2018. "Frei, endlich", sagt die Braut am Traualtar, nachdem der Priester erst den Bräutigam und dann sich selbst erschossen hat. Das sind so die Pointen, die die sieben Szenen in Esteve Solers "Gegen die Freiheit (Contra la llibertat)" haben. Immer geht es in ihnen um Freiheit – oder halt das, was die Menschen im reichen und manchmal ganz schön armen Europa dafür halten. Wenn man daneben weiß, dass Soler einer der erfolgreichsten zeitgenössischen katalanischen Film- und Theaterautoren ist und das Stück auf Katalanisch schrieb, bekommt das mit der Freiheit sowieso noch mal einen anderen Klang.


Werk X Wien

Weißes Rauschen

von Martin Thomas Pesl

Wien, 15. März 2018. Servus. Das ist ja eigentlich Latein und bedeutet "Sklave". Mit "Onkel Toms Hütte" hat dieser Hinweis nur oberflächlich zu tun – mit dem Roman von Harriet Beecher Stowe und mit dem Theaterabend, den Harald Posch im Werk X drumherum gebaut hat. Dort spielen drei Männer und zwei Frauen, alle weiß. Das Backstage-Team, die sogenannten "Schwarzen": auch alle weiß. Haha. Oh je. "Es hat sich kein Schwarzer beworben", heißt es irgendwann. Und ein verstümmeltes Zebra kommt auch vor. Das Zebra ist schon schwarz, aber eben auch weiß. Oh Gott, das arme Zebra.


Werk X Wien

#Metoo und Spitzenhäubchen

von Leopold Lippert

Wien, 19. Februar 2018. An Tagen, an denen ernsthaft darüber debattiert wird, ob Herzogin Kates dunkelgrünes Kleid mit schwarzem Gürtel nun als Symbol der Verweigerung oder doch der Solidarität mit der "Time's up"-Initiative verstanden werden soll, hat Sybille Bergs flapsige Frauenrevue mit augenzwinkerndem Bibelbezug schon fast etwas Ehrenrühriges. Nicht dass ihr kurzes Stück "Missionen der Schönheit: Holofernesmomente", bereits 2010 uraufgeführt, an Aktualität verloren hätte: von sexueller Gewalt über sexistische Rollenklischees bis zu alltäglichen Mikroaggressionen thematisiert Berg vieles, was "Time's up" und #metoo in den letzten Monaten wieder ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt haben. Aber die acht Skizzen, in denen acht Judits ihre Lebensgeschichten erzählen, sperren sich gegen simple politische Instrumentalisierung: zu nonchalant, zu kontextfrei, zu paradox reiht Berg ihre Frauenschicksale aneinander.


Werk X Wien

In Zeiten linker Selbstgefälligkeit

von Martin Pesl

Wien, 6. April 2017. Langatmig ist dieses Zeltfest nicht. Gerald Fresacher hat es mit Discokugel, Bierbänken und viel Dampf unter der Plastikplane ausgestattet. Ein Urinal, Dixi-Klos und geschmacklos gekleidete Menschen beiderlei Geschlechts komplettieren die Atmosphäre. Darin spielt es sich dann ab: Hassposts, Voguing, Judith Butler, Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge, Selfies, Trump: Harald Poschs Abend "Demokratische Nacht – Du Prolet!" ist ein unkonzentriertes Konzentrat von allem, was so beim schnellen Durchscrollen der News-Seite hängenbleibt.


Werk X Wien

Abwärtsspirale im Schnelldurchlauf

von Martin Pesl

Wien, 6. März 2017. Die Zeiten haben sich geändert. Sah man im vergangenen Jahrzehnt ein Theaterstück mit weit unter 90 Minuten, wollte man einen Teil seines Eintrittsgeldes zurück. Oder nach der Pause noch ein zweites Stück sehen. Heute wird eher über Überlänge gemotzt. Dazu jedoch besteht bei dieser freien Produktion im Werk X Eldorado kein Anlass. Die Uraufführung des im Rahmen des Autor*innenprojekts Wiener Wortstätten entstandenen Textes "mutterseele. dieses leben wollt ich nicht" von Thomas Perle in der Regie von Lina Hölscher dauert etwa 50 Minuten. Diese Flüchtigkeit macht es aber auch nicht leichter, den Abend so ernst zu nehmen, wie das darin verhandelte sozialpathetische Drama es zu verlangen scheint.


Werk X Wien

Eine höhere Art Non-Sense

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 2. Dezember 2016. Achtung! Bei dieser Veranstaltung wird Stroboskop-Licht eingesetzt. Unangenehme zwanzig Minuten lang. Oder zumindest zehn unendlich unangenehme Minuten lang. Und wenn dann nach zwanzigminütiger Anfangs-Verspätung und zehnminütiger Club-Beschallung etwas los geht, dann ist es der Nonsens. Der nach hinten los geht. Oder auch nicht. Der jedenfalls zwei Stunden dauert. Dass solche Art von Nonsens überhaupt gar nicht gehen kann, sondern mühsam auf der Stelle stampft, macht die Sache nicht angenehmer. Da mag das Programmheft noch so sehr irgendwelche "Möglichkeiten" beschwören oder gar behaupten, dass der "Nonsens die sinnvollste Form zwischenmenschlicher Kommunikation ist".


Werk X Wien

Ein wenig Offenheit

von Johannes Siegmund

Wien, 2. November 2016. Die alarmierenden politischen Nachrichten aus der Türkei überschlagen sich, seit das Land von der Regierung Erdogan mit harter Hand in eine Autokratie umgeformt wird. Das Theater kann in solchen Situationen entweder direkt politisch werden, Missstände anprangern und sich den Empörungs- und Erregungsdiskursen von Politik und Medien anschließen. Oder es kann ein realistisches Kammerspiel der sozialen Spannungen liefern und leise und präzise nach den gesellschaftlichen Umbrüchen fragen, die unter den Schlagzeilen liegen. Dafür hat sich Ülkü Akbaba mit ihrer Inszenierung des Stücks "Du schaust, und die Wolken ziehen" von Özen Yula im Eldorado, der kleine Spielstätte des Werk X, entschieden.


Werk X Wien

Que(e)rschnitt der Gesellschaft

Von Kai Krösche

Wien, 10. März 2016. Als Arthur Schnitzler seinen "Reigen" im Jahr 1903 veröffentlichte, war die Welt noch eine andere; ein Theaterstück, welches das Balzverhalten quer durch die Gesellschaftsschichten hindurch unverhohlen (über-)zeichnete und lediglich den Geschlechtsakt selbst aussparte: Ein Skandal, nicht aufführbar, verkommen.


Werk X Wien

Einfach loslabern

von Kai Krösche

Wien, 18. Februar 2016. Man könnte meinen, es sei im Jahr 2016 nicht mehr nötig, darauf hinzuweisen, dass die Aussage einer Romanfigur nicht mit einer Aussage ihres Autors gleichzusetzen ist; dass Kunst Ressentiments darstellen kann, ohne sie dadurch automatisch zu reproduzieren; dass, ganz konkret, Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" weder islamophob ist noch die politisch rechte Strömung der "Identitären" verharmlost. Vorwürfe, die dem Roman nach Erscheinen gemacht wurden, dessen Theateradaption im Werk X nun seine österreichische Erstaufführung erlebte.


Werk X Wien

Europa im Rollstuhl

von Veronika Krenn

Wien, 5. November 2015. Aus einer überdimensionalen Shreddermaschine drehen sich Papierstreifen von der Bühnendecke. "Ich will mit Geld nichts zu tun haben – Karl Lagerfeld" ist zu entziffern, als die Bögen bis zum Boden reichen. Die Krise sei für den Luxus nicht gefährlich, meinte der Modeschöpfer 2008 in einem FAZ-Interview, aus dem dieses Zitat stammt. Symbolisch steht diese Aussage wohl für die wachsende Ungleichheit in der Welt, in der Reichtum und Wohlstand nur wenigen vorbehalten bleiben, während die Krisen viele bedrohen. An den hohen Sichtbetonwänden im Werk X in Wien Meidling ist mit Neonröhren ein Schriftzug angebracht: "Embrace or die". Man hört Züge ein- und ausfahren, eine computergenerierte Stimme verweist auf Sicherheitsabstand und Sicherheitslinie: Willkommen im Wartesaal Europa.


Werk X Wien

Haltung, trotz allem!

von Kai Krösche

Wien, 22. Januar 2015. Endlich! Endlich einmal nicht durch ein Übermaß an Ironie zerbrochenes Schulterzucktheater, endlich einmal keine gelähmte Ratlosigkeit, nur weil die Welt nun einmal eben so (komplex, undurchdringlich und widersprüchlich) ist, wie sie ist, endlich einmal Mut zur klaren politischen Haltung, obwohl – oder gerade weil – eine klare politische Haltung so schwierig, kompliziert und vorbelastet ist!


Werk X Wien

Dealer, Dollars, Demokratie

von Martin Pesl

Wien, 13. November 2014. Wladimir Putin ist böse, da sind sich bei uns wohl die meisten einig. Freilich gilt das nicht für eine ganze Menge Russen: Die mögen Putin oder nehmen ihn zumindest als gegeben hin. Das hallt als verstörende Erkenntnis einer Uraufführung nach, die den "Schlüsselroman der Generation Putin" auf die Bühne bringt. Millionen 30-jährige Russen haben ihn seit 2006 gelesen, auf Deutsch hingegen landete Sergej Minajews "Seelenkalt" nur in der Hardcore-Nische des Heyne-Verlags.


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