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archiv » Theater im Bauturm Köln (4)
Theater im Bauturm Köln

Lost in Polyethylen

von Cornelia Fiedler

Köln, 22. April 2017. "Das Einzige, was uns retten kann", proklamieren die drei Theatermacher im Manifest "Für ein Theater der Reise", "ist die "Bewegung, die zum Verlassen der eingeübten Perspektive führt". Mag sein, dass wir Social-Media-Fuzzis glaubten, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein. Das helfe aber nicht, einfach weil der Mensch vor dem Computer mit der Welt nur "konfrontiert" werde, sich aber nicht "mit ihr verbinde". Also raus aus dem Theater, rein ins Unberechenbare, und dann ab auf die Bühne mit dem Erlebten.


Theater im Bauturm Köln

Erstickt an 500-Euro-Scheinen

von Martin Krumbholz

Köln, 27. November 2015. Diese Sophokles-Inszenierung ist gewissermaßen von Verwesungsgeruch geprägt. Die Leiche des Polyneikes, des Ödipussohns, der im Zweikampf mit seinem Bruder Eteokles fiel, ist direkt an der Rampe aufgebahrt. Wobei ja die Bahre strenggenommen schon des Guten zuviel ist. Der Verräter Polyneikes soll unbestattet liegen bleiben, wo er liegt, so hat der Herrscher Kreon es befohlen. Kreon wird sich später daran machen, den Leichnam buchstäblich auszuschlachten. Oder jedenfalls so zu tun, als ob. Denn "gespielt" wird der tote Polyneikes von einem echten und, wie man sehen wird, lebendigen Schauspieler. Der freilich ohne Text auskommt und sich erst zum Applaus erhebt.


Theater im Bauturm Köln

Sympathy for Humbert Humbert

von Sascha Westphal

Köln, 23. Juli 2015. Wenn Hendrik Vogts Humbert Humbert sich selbst als naiv und unwissend beschreibt, wenn er seinen verbotenen Neigungen gar einen Anstrich von Unschuld verleihen will, fällt es zunächst gar nicht schwer, ihm zu glauben. Mit seiner viel zu großen, nicht sonderlich modischen Brille, dem beigen Cord-Jackett und dem weißen Hemd wirkt er wie der klassische Intellektuelle, ein wenig weltfremd und auch ein bisschen verschroben, aber keineswegs wie ein Monster, auch wenn er sich später selbst als solches beschreiben wird. Nur Humberts perfekt sitzende Frisur weist auf seine Eitelkeit und sein Geschick hin, sich in jeder Situation bestmöglich in Szene zu setzen.


Theater im Bauturm Köln

Ritus im Regen

von Tilman Strasser

Köln, 21.06.2015. Springt aus vollem Lauf auf einen Felsen neben der Freiluftbühne, rutscht weg, fängt sich gerade noch  und fordert unverdrossen Applaus: Der Mann im Anzug, Spielleiter, Showmaster (Lamine Diarra) ist nicht von seinen Animateurskünsten abzubringen, schon gar nicht durch das widrige Gelände. Applaus für die Darsteller! Applaus für die Musik! Und immer wieder: Applaus für die Sponsoren, diese geheimnisvollen Gestalten, deren Gesicht niemand kennt, die aber alles, was er in seine raumgreifenden Gesten einschließt, erst möglich gemacht haben. Alles: Das sind die mit grünen Zweigen ausgelegten Podeste, die Schauspieler, angereist aus Westafrika, sind die aus Altmetall gefertigten Kunstwerke auf dem Gelände des Odonien. Das Publikum applaudiert. Die Schauspieler singen.


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