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archiv » Volksbühne Berlin (17)
Volksbühne Berlin

Unter Würstchen

von Christian Rakow

Berlin, 12. September 2019. Am Willen zur großen Tat mangelt es jedenfalls nicht. Allein das Bühnenbild von Daniel Angermayr: Einen fliegenden Elefanten gibt's zu blicken, einen rollenden Panzer, zig Kilo Kartonware voller Slogans. Und natürlich das herrlich abgerockte Floß des Odysseus, wie aus Kevin Costners "Waterworld" stibitzt. Überall hängen Texte und Banderolen im Raum, sogar Heiner Müllers geheimnisvolles Poem "Traumwald" (es ist die Berliner Volksbühne, da sind Müller-Zitate Pflicht!).


Volksbühne Berlin

Gerade oder lieber extra krumm?

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Juni 2019. "Warum hasst uns niemand?" fragt oder singt jemand an diesem Abend irgendwann – stellvertretend für die Bauhäusler*innen. Zu hören ist es durch die Kopfhörer, die zu Beginn ausgegeben werden und unter denen man nun durch die endlosen Weiten der Berliner Volksbühne wandelt, in die Schorsch Kamerun seinen Abend zum 100. Bauhaus-Jubiläum verteilt hat: verschiedene Foyers und schließlich der große Saal des Hauses samt seiner Bühne.


Volksbühne Berlin

Critical Maleness

von Elena Philipp

Berlin, 30. Mai 2019. Verlebt. Verrucht. Sexy. Lasch. Oder Exaltiert. Die Personage dieser "Lulu" lebt von ihrer Haltung, äußerlichen Posen, die auf ein Inneres nicht mehr verweisen, denn im vermutet Innersten geht's letztlich nur darum: Wer bleibt hart und wer hat den weichen Kern? Wer gewinnt, wer verliert? Das gilt in dem hier gezeigten Spiel von Mann und Frau mit seinen Abhängigkeiten und Dominanzgesten. An Lulu, dem Wedekind'schen Monstre-Geschöpf, das sei Suspense-killend verraten, zerschellen letztlich alle Männer.


Volksbühne Berlin

Pinke Party

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Mai 2019. Auf eigenen Füßen zu stehen, kann so einfach sein. Die Schauspielerin, die eben noch als glitschiger Säugling auf der Bühne zappelte, wird links und rechts untergehakt, hochgehievt und in rosa Puschen gesteckt. Schon hält sie ihre Dankesrede ans Erwachsenwerden. Danke Danke dafür, dass aus ihr etwas hätte werden können. Danke, dass sie nicht sichtbar werden musste. Danke auch, dass sie erlernte, nicht Nein zu sagen.


Volksbühne Berlin

Stop-Motion-Hausbesetzung

von Janis El-Bira

Berlin, 4. April 2019. Den Leuten geht's wieder gut. Kaum glimmt das Licht zur Pause auf, da steht das Publikum an diesem Vorsommerabend auch schon in Saalstärke auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Späti-Wein wird geköpft, Bierflaschen klappern. Das Räuberrad wirft wie eh und je seinen langen Schatten über die qualmende Menge, drinnen gibt es längst wieder Streichholzschachteln zum Mitnehmen. Es ist warm, es ist Berlin, es ist Volksbühne. Gerade so, als sei nie was gewesen. Das sanfte Retro-Feeling dürfte auch damit zu tun haben, dass im Haus selbst die schleichende Rückeroberung nun eingeläutet scheint.


Volksbühne Berlin

Im Wellness-Modus

von Elena Philipp

Berlin, 17. Januar 2019. Sanfte Stimmen aus dem Off weisen uns den Weg durchs Portal. Vom Parkett auf die Bühne, den heiligen Ort des Theaters. "Experiences, experiences" versprechen die körperlosen Stimmen oder die stimmlosen Körper von neun Performer*innen – in solch gedämpfter Tonlage und von säuselnder Muzak untermalt, dass man die Offerte kaum mitbekommt. Jahrmarkt war gestern. Heute lockt eine supersofte Wellness-Welt, in der die hyperherzlichen Hosts meditativ bis stoned lächeln und alle ganz, ganz freundlich sind. Eigentlicher Kontakt ist aber unterbunden. Willkommen in der Zukunft! Entworfen von der Regisseurin Susanne Kennedy und dem Bildenden Künstler Markus Selg. Für die Berliner Volksbühne.


Volksbühne Berlin

Der diskrete Charme der Ost-Künstlerbohème

von Christian Rakow

Berlin, 14. Dezember 2018. Das muss er gewesen sein, der schnellste Szenenapplaus der Saison. Da sitzt man also erst und blickt ins kahle Rund der Volksbühne, enttäuscht, weil Leander Haußmann ja Schauwerte versprochen hatte und jetzt alles leer ist, aber es kann natürlich immer auch Verarsche sein. Silvia Rieger tritt aus einer Falltür hervor, und immerhin schieben Bühnenarbeiter ihr noch zwei Kabuffs heran.


Volksbühne Berlin

Göttliches Grundeinkommen

von Frauke Adrians

Berlin, 26. November 2018. Vorspiel auf, nein, vor dem Theater: Mehrere Personen, manche lustig, andere weniger, strengen einen Prozess an. Angeklagt ist Gott und mit ihm sein frommes Bodenpersonal dreier Weltreligionen – also könnte dieses Vorspiel auch heißen: Treffen sich ein Rabbi, ein Mullah und Pope vor der Volksbühne. Die Ankläger sind die Gläubigen des noch jungen Sowjetkommunismus, unbedarft und übereifrig; viel mehr als die alten Theodizee-Fragen haben sie gegen Gott nicht vorzubringen. Jungpioniere, die aussehen wie die Straßenreinigung im Blaumann, hämmern ruhegebietend auf Mülleimer ein, eine Art Rosa-Luxemburg-Wiedergängerin (Margarita Breitkreiz) gibt die Richterin, Teufel und Superfrau sekundieren und deklamieren. Als hätte mal eben eine fahrende Laienspieltruppe ihre Fassbühne in Berlin aufgeschlagen und Theater mit Karneval verwechselt.


Volksbühne Berlin

Ich hab Angst, Angst, Angst!

von Gabi Hift

Berlin, 12. Oktober 2018. Was für Draufgängerinnen, was für unerschrockene Abenteuerinnen! "Gebt mir die Volksbühne den Bundestag das Universum Und ihr werdet sehen, dass ich das bin was euch so lange schon gefehlt hat," schreibt Zelal Yesilyurt im Programmheft. Und jetzt steht der Jugendclub P14 auf der großen Bühne.


Volksbühne Berlin

Springen statt Marschieren

von Elena Philipp

Berlin, 12. September 2018. Linie, Kreis, Spirale. Gehen, Springen, Fallen. Aus einfachen Bestandteilen baut Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrer Compagnie Rosas seit 35 Jahren komplexe Choreographien. Bevorzugt transponiert die flämische Choreographin und Tänzerin In ihren Körper-Raum-Klang-Gebilden die Partituren klassischer oder zeitgenössischer Kompositionen in Bewegung. An der Volksbühne hat sich die flämische Choreographin jetzt, beauftragt noch von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock, alle sechs "Brandenburgischen Konzerte" von Bach erschlossen, mit 16 Tänzer*innen und 20 Musiker*innen des B'Rock Orchestra unter der Leitung der Violinistin Amandine Beyer. Ein Großauftrag, der ihr Werk, wie es bislang in Berlin zu erleben war, in ein anderes Licht rückt.


Volksbühne Berlin

Madame, President Twittler ist am Telefon!

von Frauke Adrians

Berlin, 12. April 2018. Was wäre, wenn Frauen die Welt regierten? Das ist die Frage des Abends, und um der Antwort nachzugehen, sitzt hier ein Fünf-Frauen-Kabinett, das Autorin und Regisseurin Yael Bartana um einen runden Tisch im "War Room" versammelt, der hier zum "Peace Room" umgetauft ist, denn es handelt sich um eine ihrem Anspruch nach pazifistische Regierung. Der Tisch ist dem aus Stanley Kubricks Filmsatire "Dr. Seltsam" nachempfunden.


Volksbühne Berlin

Das Schaukeln der Sänften

von Esther Slevogt

Berlin, 22. Februar 2018. Die Preußen sollen missioniert werden und Anne Tismer trägt als Comtesse de Weinsbach das missionarische Anliegen folgendermaßen vor: "Wenn wir den Preußen etwas zu kosten geben, was sie noch nie probiert haben, etwas dessen Geschmack sie hoffnungslos betört, könnten wir sie für unsere Sache gewinnen. Wir können nur versuchen, ihre Sinne zu wecken." Das weckt natürlich allerfreudigste Erwartungen.


Volksbühne Berlin

Porno auf Distanz

von Elisabeth Nehring

Berlin, 13. Dezember 2017. Allein steht sie im großen Saal der Volksbühne. Die strenge schwarze Hose und das weiße Hemd hat Mette Ingvartsen längst abgelegt; ihre Stimme, eine Weile im abgedunkelten Bühnenraum das einzige Präsente, hat nun einen Körper bekommen. Nur durch ihre Erzählungen lässt die Performerin in unseren Köpfen Bilder und Geschichten erstehen: Es geht eine marmorne Treppe hinauf, hinein in ein prächtiges Herrenhaus, in dem sich eben jene Szenen abspielen, mit denen dieses Solo als Teil der Serie "Red Pieces" betitelt ist: "21 pornographies".


Volksbühne Berlin

Den Himmel gibt es auch ohne Gott

von Michael Wolf

Berlin, 30. November 2017. Langsam und stockend, wie Avatare, schleichen sie über die Bühne. Eine Erzählstimme kündigt an, wenn sie gleich lachen. Mit Verzögerung folgen die Figuren ihren Anweisungen. Sprechen sie selbst, bewegen die Menschmaschinen nur die Lippen und imitieren die Tonaufnahmen aus dem Off. Die Wände ihrer Welt: pink, grün, gelb, Tropfenmuster, klinisch sauber, in jedem Raum mindestens ein großer Flachbildschirm. Nicht nur die Bühne in Susanne Kennedys Inszenierung "Women in Trouble" ist radikal künstlich.


Volksbühne Berlin

Zurück in die Zukunft

von Georg Kasch

Berlin, 10. November 2017. Los geht's! Schon im Foyer brausen die E-Gitarren, flackert das Licht über dem neuen, türkisfarbenen Teppichboden – 45 Minuten lang. Drinnen dann, im großen Saal, dröhnt der Hardrock ohrenbetäubend weiter, während abstrakte Lichtstreifen über die Wände blitzen, auf der leeren Bühne die Hubpodien rauf- und runterfahren und sich am Ende der große Glaslüster ins Parkett senkt.


Volksbühne Berlin

I feel you

von Christian Rakow

Berlin, 30. September 2017. Schöner, als Alaa Naser es an diesem Abend formuliert, lässt sich der Charakter dieser Theaterarbeit gar nicht fassen: "Ich weiß: ich bin keine gute Schauspielerin. Aber, ich will ehrlich mit euch sein, ich hab das Gefühl, dass dieses Projekt mir sehr wichtig ist gerade." Denn das Projekt biete ihr die Gelegenheit, "mich mit den Menschen zu verbinden".


Volksbühne Berlin

Auf der Suche nach dem historischen Moment

von Elena Philipp

Berlin, 10. September 2017. Verrückt vor Volksbühne. So fühlt man sich in Berlin seit mehr als zwei Jahren. Castorf raus, Dercon rein. Altes zerschlagen, Neues wagen (frei nach Kulturstaatssekretär a.D. Tim Renner). Daraufhin Theaterstreit bis -kampf: Pro. Kontra. Kontra. Pro. Zwei Fronten, unversöhnlich. Verrückt. Wenn dann doch die Kunst in diesen Kontext kommt – wie soll man sie bitte schön noch lesen? "Objektiv" womöglich? Ein hoffnungsloser Selbstversuch: Boris Charmatz eröffnet mit seinem Tanzfest "Fous de danse. Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" die Spielzeit der "neuen" Volksbühne Berlin unter Chris Dercon und Marietta Piekenbrock.


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