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archiv » kolumne lara-sophie milagro (18)
kolumne lara-sophie milagro

Mit Gewalt gegen Gewalt

von Lara-Sophie Milagro

14. September 2021. Jüngst schlug mir ein befreundeter Kollege eine Stückentwicklung vor, basierend auf dem Roman "Schande" des südafrikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee, der 1999 erschien und noch im selben Jahr mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt der in der Post-Apartheid-Ära angesiedelten Geschichte steht der weiße Literaturprofessor David Lurie aus Kapstadt, der nach Sexismus-Vorwürfen seine Stellung verliert und zu seiner Tochter Lucy aufs Land zieht. Dort kommt es zu einem brutalen Überfall, bei dem Lucy von drei, vermutlich Schwarzen, Männern vergewaltigt wird. Auf meine Frage, ob denn nicht die Entscheidung, sich mit Diskursen um Rassismus und Sexismus durch das Werk eines weißen Autors, mit einem weißen männlichen Protagonisten auseinanderzusetzen, exemplarisch für genau die Machtverhältnisse steht, auf denen der Roman selbst aufruht (auch wenn er sie zugleich kritisch beleuchtet), gab er sich optimistisch: "Genau das könnten wir dann ja auf der Bühne thematisieren!"


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In der Erklärschleife

von Lara-Sophie Milagro

20. April 2021. Als im März diesen Jahres die Ergebnisse der Studie "Vielfalt im Film" veröffentlicht wurden, war das eigentlich Erstaunliche, dass es kaum jemanden zu erstaunen schien, dass Vielfalt im deutschen Film nach wie vor ein frommer Wunsch ist. "Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung" meldete die Süddeutsche Zeitung und merkte an: "Die Ergebnisse sind bitter, wirklich überraschend sind sie nicht". "Diskriminierung als Normalzustand" titelte die taz und die Nachtkritik veröffentlichte die Ergebnisse unter der lapidaren Headline: "Überraschend?" Mehr als 5.000 Filmschaffende verschiedener Gewerke hatten im letzten Jahr an der Studie teilgenommen, mehr als die Hälfte von ihnen gab an, am Arbeitsplatz rassistisch, sexistisch, aufgrund ihrer sexuellen Identität, Religion, sozialen Herkunft, gewichts- oder altersbedingt diskriminiert worden zu sein.


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Ist es nicht gut, dass es schon mal schlimmer war?

von Lara-Sophie Milagro

9. März 2021. Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie ihr Zimmer aufräumen soll, bittet sie mich zunächst zu bestätigen, dass es zwei Tage vorher noch schlimmer aussah, räumt ein, dass es "natürlich immer noch besser geht" und erklärt sich bereit, darüber nachzudenken, ob sich der Zustand ihres Zimmers durch weitere Aufräumarbeiten verbessern ließe, jedoch nicht, ohne mich darauf hinzuweisen, wie engstirnig es ist, auf kleinen Mängeln herumzureiten, anstatt die großen Verbesserungen im Vergleich zu letzter Woche zu feiern. Wenn ich an diesem Punkt die Diskussion für beendet erkläre und auf dem Aufräumen des Zimmers bestehe, zeigt sie sich schockiert darüber, dass sie "ganz und gar nichts mehr sagen darf“ und ruft ihre Freundin an, die ihr Trost zuspricht und sie darin bestätigt, sich auf keinen Fall den Mund verbieten zu lassen. Das Zimmer bleibt derweil unaufgeräumt.


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In der falschen Galaxie

von Lara-Sophie Milagro

26. Januar 2021. Nachdem das Jahr begonnen hat, wie es geendet hatte, der Lockdown erneut verlängert wurde und seit Ende vorletzter Woche klar ist, dass das kulturelle Leben in Berlin und bundesweit (mindestens) bis Ostern auf Eis liegt, habe ich beschlossen, dass ich ein Paralleluniversum brauche, um dieses Jahr zu überleben. Am besten gleich mehrere. Einige Tage später erreichte mich aus der Kulturredaktion eines renommierten Senders eine Interviewanfrage zum Thema "Colorblind Casting", die tatsächlich aus einer anderen Galaxie zu kommen schien. In der Anfrage hieß es: "Anlass ist der Start der neuen Netflix-Serie Bridgerton, in der unter anderem die englische Königin mit einer afroamerikanischen Schauspielerin besetzt ist. Die Diskussion ist jetzt aufgekommen, ob die Besetzung geschichtsverfälschend sein könnte und wem am Ende damit gedient ist, wenn Rollen ohne Rücksicht auf Herkunft etc. besetzt werden."


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No more feministische Mogelpackung!

von Lara-Sophie Milagro

8. Dezember 2020. Gegen "Arielle, die Meerjungfrau", "Vaiana – Das Paradies hat einen Haken" und "Küss den Frosch"-Prinzessin Tiana hatte ich mich erfolgreich zur Wehr gesetzt und mich geweigert, meiner 4-Jährigen Tochter Haarspangen, T-Shirts oder Bettdecken zu kaufen, die, egal ob in der (B)PoC oder in der weißen Variante, das immer gleiche, mandeläugige Kindchenschema als weiblich an den Mann bzw. das Mädchen bringen. Schließlich möchte ich meinem Kind ein progressives Frauenbild mitgeben: Stark und selbstbewusst soll sie ins Leben schreiten, ihr Potential entfalten und ihren Körper weder einer Hungerhaken- noch einer Knackpo-Doktrin unterwerfen.


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Der weite Weg zur Sichtbarkeit

von Lara-Sophie Milagro

27. Oktober 2020. Von all den darstellerischen Übungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, ist mir besonders eine aus der Zeit meines Gesangsstudiums in Erinnerung geblieben: Jede*r sollte aus einer Reihe von Opernpartien ihres oder seines Stimmfachs genau die Rolle verkörpern, die von der Figur her am wenigsten zu ihr oder ihm passt, auf welche Rolle das zutraf, wurde von den Mitstudierenden bestimmt.


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In entlegenen Ecken

von Lara-Sophie Milagro

15. September 2020. Mein erster Auftritt seit dem Lockdown im März fiel ausgerechnet auf den Tag, an dem nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Theater entfernt die bisher größte Anti-Corona-Maßnahmen Demo in Berlin stattfand. Zuverlässig wie stets meldeten sich einen Tag später Vertreter*innen der Bundesregierung und andere aufrechte Demokraten zu Wort, um die erfolgreiche Vereinnahmung der Proteste durch die radikale Rechte zu verurteilen. Von "Chaoten und Extremisten", einem "Angriff auf das Herz unserer Demokratie" war da die Rede, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ verlauten, sie sei angesichts faschistischer Symbole vor dem Reichstagsgebäude "richtig wütend über die Bilder, die man dort gesehen hat" und der Deutschlandfunk kam zu dem Schluss: "Diese Bilder sind ein Schock."


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Ist das Kunst, oder kann das weg?

von Lara-Sophie Milagro

28. April 2020. Als vorletzte Woche Rauchwolken über dem Berliner Humboldtforum aufstiegen, dachte ich als erstes an eine performative Protestaktion: Irgendein mutiger Künstler nutzt das Corona-Vakuum, um den nachhaltigen gesellschaftspolitischen Einschnitt voranzutreiben, den momentan alle prophezeien, und wählt ein großbürgerliches Prestigeobjekt, das seit Jahren wegen seines ignoranten Umgangs mit Berlins kolonialer Geschichte in der Kritik steht, um ein Exempel zu statuieren.


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Wir in Schieflage

von Lara-Sophie Milagro

25. März 2020. Als mich Anfang letzter Woche immer mehr Jobabsagen erreichten, die Leute anfingen, sich bei Rossmann Klopapier und Desinfektionsmittel aus der Hand zu reißen, ich erfolglos versuchte, meiner Mutter ihren Frisörbesuch auszureden und wir am vorerst letzten Kita-Tag mit anderen Eltern zusammenstanden und betretene "Und wo geht ihr jetzt in Quarantäne?"-Gespräche führten, begann ich Dinge zu tun, die ich noch vor zwei Wochen für unvorstellbar gehalten hätte: mäßig witzige "5ter Tag Quarantäne"-Videos mit hustenden Hunden an WhatsApp-Kontakte zu verschicken, einem Aufruf zur Meditation für die endgültige Auslöschung des Virus zu folgen, mir die weiße Massai auf DVD anzusehen (aber nur weil unser Internet mal wieder nicht funktionierte!) und mich mit Freunden zu gemeinsamen virtuellen Museumsbesuchen zu verabreden.


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#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.


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Aufmucken? Verstören!

von Lara-Sophie Milagro

12. November 2019. Als im Sommer letzten Jahres Nicht-Weiße von Nazis durch die Straßen von Chemnitz geprügelt wurden und die Presse ernsthaft darüber debattierte, ob nun "Jagd", "Hetze" oder "Hetzjagd" der angemessene Ausdruck dafür sei, stand man als (wie auch immer) in diesem Land beheimateter Mensch wieder einmal vor der Frage: Was tun? Wie etwas dagegen setzen, wirkungsvoll Widerstand leisten, auch und gerade als Kunstschaffende?


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Radikale Rollenspieler

von Lara-Sophie Milagro

8. Oktober 2019. Während unserer Zeit beim Jugendclub am Bremer Theater nutzten meine Freundin Gülcan und ich jede Gelegenheit, um unsere Schauspieltechniken zu erproben, zu schleifen und auszubauen. Nachdem die NPD Anfang der 90er Jahren mit sechs Abgeordneten in die Bremer Bürgerschaft eingezogen war, bestand eine unserer Lieblingsbeschäftigungen darin, uns an ihren Wahlkampfständen darüber informieren zu lassen, wie wir möglichst schnell Mitglied werden könnten, um ein Zeichen zu setzen gegen "all die Schwarzen und Türken" und "für Deutschland". Über die verdutzten Gesichter der NPD-Leute lachten wir uns hinter der nächste Straßenecke schlapp und spielten uns gegenseitig immer wieder genüsslich vor, wie sie verlegen hüstelnd in ihren Unterlagen geblättert hatten. Nicht nur im Theater, auch in der Politik waren damals bestimmte Rollen ganz klar für Weiße reserviert.


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Was tun mit den Arschlöchern?

von Lara-Sophie Milagro

14. Mai 2019. Während meines Gesangsstudiums begrüßte mich Herr Professor B. jedes Jahr zu Semesterbeginn mit demselben Kalauer: "Na junge Frau, haben Sie sich nicht in der Abteilung geirrt? Dies ist der Fachbereich Operngesang, die Jazz-Abteilung ist im Gebäude nebenan". Ich habe immer brav gelacht über Herrn Prof. B., Humor ist ja bekanntlich Ansichtssache. Klassische Gesangstechnik folgt da schon klareren Regeln: Entweder du triffst das hohe C oder nicht. Kein Interpretationsspielraum, kein "ich fänd h aber besser". Natürlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einen Ton zu gestalten, ihm Farben und Nuancen zu verleihen. Aber C ist C und eine gute Oper ist eine gute Oper, das war für mich nie verhandelbar.


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Brandstifter 2.0

von Lara Sophie-Milagro

2. April 2019. An der Seite meiner friedensbewegten Mutter habe ich meine halbe Kindheit auf Demonstrationen und Interventionen verbracht: gegen den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges, die wirtschaftliche Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt und den Paragraphen 175, gegen Kürzungen an Kitas, Schulen und Krankenhäusern, für Umweltschutz und grüne Werte. Diese Veranstaltungen waren bunt, visionär, klug und mutig und haben nicht nur meine Begeisterung für das Performative begründet, sondern auch die Untrennbarkeit von Politik und Kunst in mir verankert.


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Pro Quote Berlinale

von Lara-Sophie Milagro

26. Februar 2019. 69. Internationale Filmfestspiele in Berlin und ich freue mich. Die erste Berlinale, an der ich wieder richtig teilnehme, seit ich vor zwei Jahren Mutter geworden bin. Ich habe Einladungen zu zahlreichen Veranstaltungen und mein Mann arbeitet auf dem European Filmmarket, das heißt günstige Tickets zu Filmen aus aller Welt. Läuft!


kolumne lara-sophie milagro

Daheim zu Gast

von Lara-Sophie Milagro

22. Januar 2019. Neulich bei Label Noir, das Telefon klingelt. Für ein Stück gegen Fremdenfeindlichkeit wird "eine Afrikanerin" gesucht, ob wir einen Tipp hätten. "Aus welchem Land? – "Egal, Hauptsache Afrika und mit sehr guten Deutsch-Kenntnissen." – "Da fällt mir jetzt ad hoc niemand ein." – "Könnten Sie uns vielleicht den Kontakt zu Schauspielerin x geben?" – "Die ist aber Amerikanerin." – "Ach so, ja, das geht auch." – "Sie spricht aber nicht akzentfrei Deutsch." – "Schauspielerinnen y und z, die wir auf Ihrer Website gesehen haben, fänden wir auch passend." – "Ach so, dann suchen Sie Deutsche?" – "Nein, Schwarze." Loriot lässt grüßen.


kolumne lara-sophie milagro

Mütter, Nannys, Babynahrung

von Lara-Sophie Milagro

4. Dezember 2018. Meine zweijährige Tochter ist frech, klug und natürlich das schönste Kind der Welt: blonder Afro, veilchenblaue Augen und ewig lange Wimpern. Wie es sich für ein Schauspieler-Kind gehört, zeichnen sich zudem bereits performativ-theatrale Vorlieben ab. Auf dem Wickeltisch wird mit Luft-Mikro gesungen, vor dem Spiegel verschiedene Arten des Weinens auf ihre Wirkung hin überprüft, sie dreht mit unseren Handys Selfie-Videos und neulich haben wir ganz unzweifelhaft ein Heiner Müller-Zitat aus ihren ansonsten noch unzusammenhängenden Sätzen heraushören können ("Optimismus ist nur ein Mangel an Information"). Seitdem steht fest: Das Kind muss auf eine Bühne und vor die Kamera, natürlich unter den wachsamen Augen ihrer stolzen Mutter.


kolumne lara-sophie milagro

Nicht ohne mein Integrationsstipendium

von Lara-Sophie Milagro

16. Oktober 2018. Ich komme nach einem langen Sommer im Ausland zurück in das Land, von dem ich eigentlich immer dachte, es sei meine Heimat, und habe das Gefühl im falschen Theaterstück gelandet zu sein. In einer vorgezogenen Fastnachtsposse. Protagonisten sind ein als Demokrat verkleideter Neonazi, der sich von Hitlerreden inspirieren lässt, und sein Lakai, der den Tierkundler gibt und gegen die sogenannte Integration hetzt ("Einen Fuchs kann man nicht in den Hühnerstall integrieren", Martin Kohlmann, Pro Chemnitz). Ein Narr hat sich derweil als Innenminister verkleidet und schachert fröhlich mit Ministerialposten. Das Kabinett als Karnevalsverein. Alaaf, Herr Maaßen!


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