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archiv » Theatertreffen 2019 (16)
Theatertreffen 2019

Die Seelen in Fetzen

von Dag Schölper

Berlin, 20. Mai 2019. Vier Stunden lang lasse ich mich von der Bühne herab anbrüllen. Eine seltsame Leere entsteht. Ein martialisch-infernalischer Klangteppich durchwühlt monoton Magen und Gedärm. 16 junge Männer verkörpern Zwillinge, die im Kriegselend von der Mutter aus der Großstadt aufs vermeintlich sichere Land verbracht werden. Der Vater ist an der Front. Von der honigsüßen Mutterliebe mit Hemd und Federbett in die küchenbankschroffe Welt der Dorf-Hexe am Ende der staubigen Straße. Wie alt mögen die Jungs sein, vielleicht acht, neun? Im Silben-Stakkato überflutet mich das Elend, die Welt im Krieg, die Randständigkeit, die Armut, die Seelenpein.


Theatertreffen 2019

Es leben die Zumutungen!

von Gabi Hift

Berlin, 17. Mai 2019. Jedes der fünf Stücke des diesjährigen Stückemarkts ist auf seine Art eine Zumutung. Die Autor*innen brennen für ihre Themen, sind leidenschaftlich auf der Suche nach der einzig richtigen Form. Diesmal recken sich keine vorwurfsvollen Zeigefinger aus Texflächen – ein Schelm, wer das damit in Zusammenhang brächte, dass es nur einen einzigen deutschen Text gibt, und der kommt von einem erst vor wenigen Jahren nach Wien geflohenen Iraner.


Theatertreffen 2019

Hairy Poppers Witzigkeit

von Şeyda Kurt

Berlin, 15. Mai 2019. Als ich erstmals den Namen des Stücks lese, muss ich gleich an Pornofilme denken. Es gibt eine lange Liste von Titeln, die Klassiker der Film- und Literaturgeschichte parodieren, ich meine solche wie "2001 Orgien im Weltraum". Die Überschreibung des Molière-Klassikers, die am Dienstagabend auf dem Theatertreffen aufgeführt wird, nennt sich "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" und ist offenkundig an den ersten Roman der Harry-Potter-Reihe angelehnt ("Harry Potter und der Stein der Weisen"). Auch den hat die Pornoindustrie schon vor langer Zeit für sich entdeckt: "Hairy Popper und der Stab der Steifen".


Theatertreffen 2019

"Es hat meine Psyche nicht verspuhlt"

Sandra Hauser im Gespräch mit Sophie Diesselhorst

15. Mai 2019. In der Reihe "Das Theatertreffen 2019 von außen betrachtet" hat nachtkritik.de Expert*innen von Disziplinen außerhalb des Theaterbetriebs gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Im Anschluss an das Theatertreffen-Gastspiel von "Erniedrigte und Beleidigte" nach Fjodor Dostojewskij in der Regie von Sebastian Hartmann vom Staatsschauspiel Dresden sprach die bildende Künstlerin Sandra Hauser mit Sophie Diesselhorst. "Ich mochte es ganz gern, dass die mich angebrüllt haben", sagt sie im Audiofile. "Die einzelnen Schicksale sind aus dem Nebel auf mich zugeflogen." Aber dann folgte Unerträgliches.


Theatertreffen 2019

Das Politische ist nicht nur privat

von Andrej Holm

Berlin, 13. Mai 2019. "Oratorium" von She She Pop, das ist politisches Theater, es will intervenieren, will im besten Sinne aufklären. Besonders gut gelungen ist es, den polit-ökonomischen Charakter der Wohnungsfrage in den Vordergrund zu stellen, speziell im ersten Teil. Da wird thematisiert: Wo kommt eigentlich der Eigentumsgedanke her? Diese Frage wird vom römischen Recht über Marx bis in die aktuelle Gesetzgebung verfolgt. Im zweiten Teil ging es stärker um die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit verschiedener Lebenssituationen in Bezug auf das Eigentum. Da sind die Mieter*innnen, die gleichzeitig potenzielle Erb*innen sind; oder diejenigen, die mit dem Kauf einer Wohnung Stress mit Vermieter*innen aus dem Weg gehen wollen, während genau dieser Kauf für andere zum existenziellen Problem wird.


Theatertreffen 2019

Die Welt hereinlassen

von Iwona Uberman

Berlin, 10. Mai 2019. Das Berliner Theatertreffen zieht die Aufmerksamkeit nicht nur im deutschsprachigen Kulturraum auf sich. Auch wir, die ausländischen Journalisten, schauen uns die Stücke und Veranstaltungen an und suchen dort nach gewichtigen Inspirationen und Anregungen, um sie über die Grenzen zu tragen. Ein Fazit kann natürlich erst nach dem Festival gezogen werden und für meinen Bericht nach Polen werde ich dies dann tun. Aber schon jetzt möchte ich mich an der deutschen Diskussion beteiligen, die wie jedes Jahr im Umfeld des TT stattfindet, öffentlich und privat.


Theatertreffen 2019

Ein quietschnasser Stöckelschuh

von Sonja Eismann

Berlin, 9. Mai 2019. Vor Jahren wählte eine feministische Freundin von mir für eine ihrer digitalen Identitäten das Alias "Persona". Das klang weltläufig, abgeklärt und irgendwie mystisch. Ich war neugierig, schämte mich aber zuzugeben, dass ich den Film von Ingmar Bergman noch nicht gesehen hatte. Jetzt, mit der gleichnamigen, auf dem Film basierenden Theateraufführung in meinem Terminkalender, suchte ich ihn endlich. Und fand online die Originalversion mit spanischen Untertiteln (die ich, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, alle paar Minuten mit dem englischen Dialogskript auf einer anderen Website abglich). Wie feministisch war Bergmans Blick? Ging es darum überhaupt? Und wie ist die Perspektive einer jungen Regisseurin über 50 Jahre später im immer noch männerdominierten Theaterbetrieb auf eben diesen Blick?


Theatertreffen 2019

So lang, wie ewig ist

von Kai Pfeiffer

Berlin, 17. Mai 2019. Dokumentarische Comics sind seit einigen Jahren ein angesehenes Subgenre der 'Neunten Kunst'. In Deutschland hat der Comic-Künstler Kai Pfeiffer zu ihrer Ausbreitung beigetragen: mit dem Kollektiv monogatari veröffentlichte er Comicreportagen wie "Alltagsspionage" oder "Operation Läckerli". Für nachtkritik.de wohnte Kai Pfeiffer nun dem zehnstündigen Antikenprojekt "Dionysos Stadt" der Münchner Kammerspiele bei – und hält, zeichnerisch verdichtet, die Höhepunkte von Christopher Rüpings Inszenierung fest. Zum Öffnen einfach auf das erste Panel in der Bildergalerie klicken.


Theatertreffen 2019

Obertöne der Flageolette

von Ulrich Wolff

Berlin, 6. Mai 2019. Das war wie eine Entführung in eine Kinderwelt. Zu Weihnachten gibt's den Baukasten, der dann ausprobiert und natürlich auch zweckentfremdet wird. Die Nebelwolken aus Thom Luz' "Fog Machine Factory" schaffen die Atmosphäre, die Phantasie in sich selbst anzuregen. Im Bühnenhintergrund stehen denn auch wie zufällig Verpackungskisten mit der Aufschrift "Look solutions".


Theatertreffen 2019

Berliner Theatertreffen

Berlin, 3. bis 20. Mai 2019.

 


Theatertreffen 2019

"Ich geh doch geil ab"

von Andreas Merkel

Berlin, 5. Mai 2019. Mit zwei Fragen gehe ich in diese Vorstellung. Erstens: Wie gut spielte David Foster Wallace wirklich Tennis (diesen ebenso literarischen Monolog- wie theatralischen Dialog-Sport)? Zweitens: Wie lange halte ich die vierstündige Aufführung eines Romans aus, den ich als Bad Reader nach 120 von 1500 Seiten im ersten Zehntel abgebrochen habe?


Theatertreffen 2019

Das Gegenteil von Angst? Effizienz!

von Ersan Mondtag

Berlin, 4. Mai 2019. Liebe Shirin, Du musst mittlerweile ganz schön wahnsinnig geworden sein, bist du doch die einzige Person, die, soweit ich weiß, alle meine Arbeiten seit Frankfurter Tagen gesehen hat. Respekt. Aber auch ich habe all deine Texte gelesen, auch deshalb möchte ich mich hier herzlich bei dir bedanken, nicht nur für die bewegende Laudatio, sondern auch für deine kritische Begleitung meiner Arbeiten. Auch sie hat mich mit geprägt. Wie so viele Menschen hier heute im Raum.


Theatertreffen 2019

Ficken im Puppenhaus - #HotelStrindberg in Notizheft-Tweets

von Berit Glanz

Berlin, 3. Mai 2019. Als ich angefragt wurde, ob ich aus der Perspektive einer Person, die nicht oft ins Theater geht, über die Premiereninszenierung des Theatertreffens berichten möchte, musste ich erstmal ein dunkles Geheimnis offenbaren:


Theatertreffen 2019

#nachtkritiktakeover

ab 3. Mai 2019. Für die Dauer des Berliner Theatertreffens übergeben wir unseren Instagram-Account an drei Künstler*innen, die als Teilnehmer*innen des Internationalen Forums das Festival beobachten: @matejameded, @afrohomo und @tarassova.a sind für je 6 Tage hier am Steuer.

Den Auftakt machte Regisseurin, Schauspielerin, Autorin, Allroundkünstlerin der Herzen Mateja Meded. Es übernimmt ab Donnerstag 9. Mai der Performer, Choreograph und DJ Kieron Jina aus Johannesburg/Südafrika.

 

     

    Mehr auf Instagram: @nachtkritik


    Theatertreffen 2019

    Sinnbilder des Menschseins

    von Shirin Sojitrawalla

    Berlin, 4. Mai 2019. Liebe Damen und Herren, lieber Ersan Mondtag, es ist das Unheimliche, das die Bühnenwerke von Ersan Mondtag verzahnt. Doch was ist das Unheimliche? Das Wort 'unheimlich' wendet das Wort 'heimlich' in sein Gegenteil. Heimlich nicht nur im Sinne von verborgen, sondern im Sinne von heimelig. Heimelig wie womöglich das eigene Zuhause, das Vertraute, das nicht Fremde. Mondtag verkehrt aber nicht nur das Heimliche in sein Gegenteil, sondern offenbart auch das Gespenstische im vermeintlich Heimeligen. So umgibt die Behausungen, die er auf die Bühne stellt, immer ein märchenhaftes Grauen.


    Theatertreffen 2019

    Wenn die Realität dazwischenhaut

    Kay Voges stellt sich den Fragen von Simone Kaempf

    29. März 2019. Das Gastspiel von Ersan Mondtags Dortmunder Produktion "Das Internat" beim Berliner Theatertreffen 2019 fällt aus. Der Fall sorgt für Wirbel. Technische Hindernisse werden von den Berliner Festspielen und dem Theater Dortmund als Begründung für den Ausfall angeführt. Aus Medienberichten der vergangenen Tage vernahm man, dass die Produktion hinter den Kulissen für Verwerfungen sorgte. Simone Kaempf hat für nachtkritik.de beim Intendanten des Schauspiels Dortmund Kay Voges nachgefragt.


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