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archiv » Neue Bühne Senftenberg (11)
Neue Bühne Senftenberg

Fremd in der Heimat

von Hartmut Krug

Senftenberg, 8. April 2017. Ein riesiger Kasten steht im kleinen Studio des Senftenberger Theaters. Das Publikum, das in einer Reihe an allen Seiten des Raumes sitzt, bekommt erst einmal wenig zu sehen. Aber viel zu hören, denn ein Mann geht mit seiner E-Gitarre musizierend um den Kasten herum.


Neue Bühne Senftenberg

Go east!

von Hartmut Krug

Senftenberg, 24. September 2016. Ein Entkommen gibt es für den Theaterbesucher nicht: Wer zum Senftenberger Theaterspektakel will, der muss über einen roten Teppich gehen und sich einem Blitzlichtgewitter stellen. Drinnen wird dann mit Sekt in neu gestalteten, hellen Räumen Geburtstag gefeiert. An den Wänden Porträtfotos von Künstlern, die die Geschichte des Theaters geprägt haben. Und Fototapeten mit Motiven aus der 70-jährigen Geschichte einer Bühne, die auf Befehl des damaligen Stadtkommandanten Iwan Demjanowitsch Soldatow in einer alten Schulturnhalle eingerichtet wurde.


Neue Bühne Senftenberg

Auf Brecht gebaut, keine Fragen

von Hartmut Krug

Senftenberg, 19. September 2015. Vor dem Theater steht ein buntes Zeltlager, in dem es Speisen und Getränke gibt und Ausrufer für kommende Theaterereignisse mit kleinen Spielszenen werben. Auf diesem Jahrmarkt kann man mit der Armbrust schießen, sich beim "Hau den Lukas" beweisen, bei einem Flohzirkus über die Geschicklichkeit der unsichtbaren Sprunghelden staunen oder sich bei der Auswahl der Stücke beraten lassen. Denn gleich vier Stücke und ein Liederabend sind im Angebot. Für alle Zuschauer beginnt es mit der "Courage" im Theatersaal und endet dort auch nach zwei Pausen mit "Tränen, Schnee und gestern Abend – Brecht Lieder" nach Mitternacht. Dazwischen aber muss man sich für eines von vier Stücken entscheiden: Für "Lux in Tenebris", "Die Kleinbürgerhochzeit", "Hannibal" oder"Baal".


Neue Bühne Senftenberg

Für die Nachgeborenen

von Hartmut Krug

Senftenberg, 28. September 2014. "Machs leicht", hat Heiner Müller zum Uraufführungsregisseur Leander Haußmann gesagt, als dieser seinen Text "Germania 3. Gespenster am toten Mann" uraufführen sollte. Ein so kesser wie vergeblicher Wunsch des 1995 gestorbenen Autors, der die ersten beiden Inszenierungen seines Stücks nicht mehr erlebte. Die fanden, gar nicht leichtgewichtig, sondern bedeutungssatt, 1996 in Bochum (durch Leander Haußmann) und am Berliner Ensemble (durch Martin Wuttke) statt, gefolgt von Frank-Patrick Steckels Zugriff aufs ausuferndes Textkonvolut am Akademietheater Wien. Danach ist es ruhig geworden um Müllers letztes (Un)Stück. Seine Forschungsreise durch Geschichte und gescheiterte Utopien des 20. Jahrhunderts ist  eine düstere Totenbeschwörung. Wer wie Manuel Soubeyrand dieses Werk zum Auftakt seiner Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg auf die Bühne bringt, beweist Mut. Und Vertrauen in ein "Provinz"-Publikum, das durch Soubeyrands nach Rostock gewechselten Vorgänger Sewan Latchinian und dessen "Glückaufspektakel" schon manche Überforderung bestanden hat und nun auch "Germania 3" gebannt folgte.


Neue Bühne Senftenberg

Aufklärungsflug durch gesellschaftliche Wirklichkeiten

von Hartmut Krug

Senftenberg, 14. September 2013. Die Neue Bühne Senftenberg hat sich in den (funktionierenden) Flughafen Senften-BER verwandelt, mit Gates, Terminals, Transitraum und zahlreichen, unterschiedlichsten gastronomischen Angeboten. Hinein kommt man nach obligatorischer Körperkontrolle. Dann geht es durch enge Gänge in die offene Wartehalle, wo der Flugkapitän (Intendant Sewan Latchinian) auf einer Hebebühne zum Sektempfang für das Publikum und für das Einläuten mit der alten Bergwerksglocke einschwebt. Schließlich spaziert man hinter einem Auto und dessen "Follow me"-Leuchtschrift einmal um das Theater herum, zurück zum Theatereingang mit Wurst- und Getränkestand.


Neue Bühne Senftenberg

altEkel am Krieg

von Hartmut Krug

Senftenberg, 5. April 2012. Der letzte Zuschauer, der die Studiobühne betritt, greift einen Programmzettel und zündet sich eine Zigarette an. Er trägt heutige militärische Tarnuniform und wird von einem Schauspielerkollegen, als vom Eingang "Zurückbleiben bitte" und das von der Berliner S-Bahn bekannte Klingelzeichen für das Schließen der Türen erklingt, harsch angefahren. Alles klar, Horvaths anonymer, arbeitsloser junger Ich-Erzähler, der in seinem 1937 vollendeten Roman "Ein Kind unserer Zeit" zum Militär geht, soll einer von uns sein.


Neue Bühne Senftenberg

Jede Menge Jedermänner

von Caren Pfeil

Senftenberg, 16. September 2011. Wenn Intendant Sewan Latchinian in Senftenberg darauf verfällt, den "Jedermann" zu inszenieren, kann man sich denken, dass es dabei eher weniger feierlich zugeht. Und so fuhr ich mit der großen Hoffnung, diesen verstaubten Moralschinken einmal anders zu erleben, in die ostdeutsche Provinz.


Neue Bühne Senftenberg

Abendklang und Wolgastrand

von Hartmut Krug

Senftenberg, 17. September 2010. Vor dem Theater erhebt sich ein russisches Dorf mit Holzhäusern und einem mit Zwiebeltürmen versehenen Festhaus. Bedienstete in russischen Kostümen laufen herum, und in einer Feldküche auf dem Vorplatz, in einem Kiosk im unteren und einem Zarenzimmer im oberen Theaterfoyer werden allerlei russische Speisen und Getränke angeboten. Schließlich ist ein Glückauffest in Senftenberg ein lang andauerndes Vergnügen: Von achtzehn Uhr bis nach Mitternacht geht es in drei Theateretappen, unterbrochen von langen Pausen. Drei der insgesamt sieben Inszenierungen kann der Zuschauer an einem Abend sehen, denn im Mittelteil laufen vier von ihnen parallel.


Neue Bühne Senftenberg

Graben, Gräber, Grabbe

von Hartmut Krug

Senftenberg, 3. Oktober 2009. Ins Theater geht es auf einem Steg, unter dem Archäologen in weißer Schutzkleidung buddeln und Knochen, Helme und Scherben freilegen. Mit drei Förderbändern wurden auf dem Vorplatz verschiedenfarbige Erdhaufen aufgeschüttet, in Schwarz, in Rot und in Gold. Mit Christian Dietrich Grabbe, dem 1801 im Detmolder Zuchthaus (in der Dienstwohnung seines Vaters) geborenen Dramatiker, der mit seinen Geschichtsdramen als Vorläufer eines realistischen Theaters gilt, gräbt sich die Neue Bühne Senftenberg bei ihrem 6. GlückAufFest hinein in deutsche Geschichte, und meint dabei zugleich deutsche Gegenwart.

Neue Bühne Senftenberg

Weggehängte Identitäten

von Hartmut Krug

Senftenberg, 1. Dezember 2007. Im Jahre 2016 hat man die Arbeitslosigkeit im Griff: durch Trainingslager, in denen die Arbeitslosen sich neu erfinden müssen. Eingesperrt in dieser wie ein geschlossenes Internat funktionierenden Institution, werden sie als Trainees in rigiden Kursen zum Arbeitsmaterial von Trainern und Psychologen.


Neue Bühne Senftenberg

Wir sind Faust

von Jan Oberländer

Senftenberg, 28. September 2007. Am Ende ist’s ein Musical. Die himmlischen Heerscharen und die Teufel im plüschig roten Kostüm stehen auf der Bühne einer alten "Eisenhalle" im Industriegebiet nahe dem ehemaligen Braunkohletagebau und schwenken die Arme. Die Live-Band greift kräftig in die Saiten und singt: "Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Und Sewan Latchinian, Intendant und Regisseur dieses "Fäuste"-Abends, spricht die berühmte Schluss-Sentenz vom Ewig-Weiblichen ins Mikrofon. Das geht fast unter, weil alle mit Armeschwenken und "Aa-haa-aa"-Singen beschäftigt sind. Freude, Taumel.


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