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Staatsschauspiel Dresden

Die Nachwuchsbürgerseele atmet Schwarz

von Lukas Pohlmann

Dresden, 9. April 2017. Die Zuschauer kommen in den Saal. Eine Schauspielerin ist schon da. Sie beschreibt mit weißer Kreide den schwarzen Boden eines kleinen Bühnenrunds. Dessen hintere Wand umstellen schwarze Bohlen. Der Rest des Raumes: schwarz. Wenn das Licht ausgeht, bleibt viel Dunkelheit für den gepflegten Weg ins eigene Innere – und allen Ängstlichen der Blick auf die grüne Notausgangsleuchte an der Bühnenrückwand.


Staatsschauspiel Dresden

Einer muss die Tür zumachen

von Hartmut Krug

Dresden, 31. März 2017. Engagiert und fröhlich wirkt der junge Mann, der sich vor dem Bühnenvorhang im Scheinwerferspot aufstellt. Doch er wirkt genervt, wenn er sich vorstellt. Rouni heiße er und sei vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Aus Syrien geflohen, über viele Länder und das Meer.


Staatsschauspiel Dresden

Nach Art der Litfaßsäule

von Christian Rakow

Dresden, 24. Februar 2017. Der Live-Musiker, der meistbeschäftigte Mann an diesem Abend, hat wirklich immer noch einen auf Lager: Wenn sich ein Liebespärchen zum letzten Mal in die Arme fliegt, orgelt er George Michaels "Careless Whisper (never gonna dance again)"; wenn Edmond Dantés als Steuermann auftrumpft, rauscht die "A-Team"-Titelmelodie rein; und wenn's bloß mal so dramatisch werden soll, gibt es Wagners "Walkürenritt". Es fühlt sich an wie bei einem Animateur auf einer landesüblichen Silberhochzeitsfeier: Die größten Hits der 80er und 90er und das Beste von vorgestern. Bis der Morgen graut.


Staatsschauspiel Dresden

Fürchte den Endzeit-Zwilling

von Lukas Pohlmann

Dresden, 20. Januar 2017. Es ist ein Kreuz mit der Erwartungshaltung. Da könnte man hinter dem Stücktitel "kein Land. August" ein Annäherung an den Sächsischen Freistaats-Kleingeist vermuten und seinen Lieblingsmonarchen August den Starken. Doch dann liefert das Dresdner Staatsschauspiel die ganze Welt. Ehrlich.


Staatsschauspiel Dresden

Im Reich des Edelsachsen

von Wolfgang Behrens

Dresden, 13. Januar 2017. Man kann den Herausgebern von "Karl May’s Gesammelten Werken" (der Apostroph steht da wirklich!) beileibe nicht viel Gutes nachsagen – dazu haben sie dann doch ein paarmal zu häufig verfälschend in die Texte eingegriffen. Doch als sie Band 34 der Ausgabe, der unter anderem Karl Mays Autobiographie enthält, "'ICH'" betitelten und das "ICH" dabei in Anführungszeichen setzten, da hatten sie einen lichten Moment. Denn das "Ich" Karl Mays war in der Tat ein uneigentliches, ein höchst schwankendes und immer ein anderes, ein präpostmodernes Sammelsurium gewissermaßen.


Staatsschauspiel Dresden

Gekommen, um zu sterben

von Tobias Prüwer

Dresden, 9. November 2016. Die Bombe tickt. Sie werden zum Gehen aufgefordert, aber die Zuschauer bleiben im Rund sitzen. Sie haben ja gerade erst Platz genommen, starren auf die mysteriöse Frau in der Mitte. Ihre Hände wie zum Gebet auf den Tisch gelegt, das Gesicht unter einer schwarzen Hutkrempe verborgen, zählt sie ihren Countdown, während Bedienstete herumwuseln und jemand die Zuschauer warnt. Dann geht die Bombe hoch. Aus, stumm, still. Die Zeit hält Zeit an. In Slow-Motion schaut sich die Bedienung um, starrt leer. Das Publikum ist zum Sterben hierher in die kleine Bühne des Staatsschauspiels Dresden gekommen. Regisseurin Pınar Karabulut haut ihnen die Fetzen eines Dramas wie Schrapnelle um die Ohren.


Staatsschauspiel Dresden

Platt gemacht

von Wolfgang Behrens

Dresden, 4. November 2016. In einem Interview, welches das Dresdner Staatsschauspiel im Vorfeld der Stückentwicklung "Requiem für Europa" auf seine Website gestellt hat, sagt der Regisseur Oliver Frljić Folgendes: "[…] ist es nicht der ultimative Zynismus gegenüber den Menschen, die an den Grenzen Europas stehen – wo immer diese Grenze ist – zu sagen, wir akzeptieren die Opfer politischer Unterdrückung, aber nicht Opfer wirtschaftlicher Ausbeutung? Warum? Gibt es einen vernünftigen Grund hierfür? Ist wirtschaftliche Unterdrückung weniger gefährlich als politische Unterdrückung?"


Staatsschauspiel Dresden

Shakespeare im Farb-Fachgeschäft

von Matthias Schmidt

Dresden, 29. Oktober 2016. Das Vorspiel zu "Othello" findet auf dem Platz vor dem Theater statt. Auf einer riesigen Video-Leinwand sprechen Schauspieler, Dresdener und Gäste der Stadt Zitate aus einem Text, der wie gemacht scheint für das Dresden dieser Tage: "Die Fremden". Zu hören sind Aufrufe für Toleranz gegenüber Menschen, die Zuflucht suchen, wirkstarke Worte, die an einen Pegida-Spaziergang gerichtet sein könnten. Nur sind sie eben mehr als 400 Jahre alt und mutmaßlich von Shakespeare geschrieben.


Staatsschauspiel Dresden

Wer hat Angst vor Mutter Blomberg?

von Lukas Pohlmann

Dresden, 11. September 2016. Lange nicht mehr in so einen Guckkasten geguckt. Richtig mit Rampe und hinten rechts eine Tür. Hinten links ein Kreuz an der Wand. Dieser Guckkasten ist komplett weiß ausgekleidet wie ein hübsch-hässliches Polstersofa, ansonsten anfangs leer. Bis auf Christine Hoppe, die an der rechten Wand hockend bald Gesellschaft von einem Kronleuchter bekommt, der durch ein kreisrundes Loch in der Decke schwebt und den Raum golden erstrahlen lässt.


Staatsschauspiel Dresden

Die Wende bleibt Geschichte

von Lukas Pohlmann

Dresden, 27. August 2016. Extreme Lautstärken und Stroboskop-Geflacker! Wird wohl ein harter Abend, wenn ein Theater derart warnt und am Eingang Ohrstöpsel verteilt. Die versammelte Zuschauerschar ist trotzdem voller Vorfreude. Es geht ja auch um sie und ihre Stadt. Der 2015 für den deutschen Buchpreis nominierte Roman "89/90" des in Dresden geborenen Peter Richter erzählt, dem subjektiven Erinnerungsfaden des Autors folgend, in fein beobachteten, mal erschreckenden, mal himmelschreiend komischen Anekdoten die Erfahrungen eines 16-Jährigen im Jahr des Mauerfalls. Und erzählt in dieser Prosaform gleichsam viel über Tendenzen der Kleingeistigkeit und Weltabgewandheit im Dresden der Gegenwart.


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Das Leben als Anderer

von Janis El-Bira

21. August 2016. Zehn Jahre können ein Wimpernschlag sein, wenn man die Beharrlichkeit deutscher Diskursdauerbrenner als Maßstab anlegt: Als im Frühjahr 2006 Ilija Trojanows Roman "Der Weltensammler" am Buchmarkt erschien, sangen die Feuilletonisten der Republik zwar artig seinen Lobpreis, verdienten das meiste Zeilengeld aber gerade beim Einkreisen eines fast schon wieder vergessenen Begriffs: Die "Leitkultur" (jetzt ohne "deutsche") feierte im Nachgang des Streits um die Mohammed-Karikaturen ein kleines Comeback. Als "gesellschaftlicher Konsens" sollte sie den Relativismen der multikulturellen Republik die Grenzen aufzeigen.


Staatsschauspiel Dresden

Setzkasten auf hoher See

von Lukas Pohlmann

Dresden, 19. März 2016. Die Exzentriker tanzen am Rand des Vulkans: Im Dresdner Staatsschauspiel steht "Das Schiff der Träume (E la nave va)" auf dem Programm – nach dem Film von Federico Fellini, in dem eine überkandidelte Trauergemeinde am Vorabend des ersten Weltkriegs serbische Flüchtlinge an Bord nimmt und schlussendlich von einem Kriegsschiff versenkt wird. Hausregisseur Jan Gehler begibt sich ins Bällebad der großen Analogien. Denn wie das Programmheft und Fellinis Film versprechen: Der Luxusdampfer "Gloria N." wird nie wieder einen Hafen ansteuern. Und das ist doch großartig, die dem Untergang Geweihten feiern schließlich besonders ausgelassen.


Staatsschauspiel Dresden

Erlösungsfantasie eines verwahrlosten Intellektuellen

von Esther Slevogt

Dresden, 5. März 2016. Das ist natürlich bereits eine Crux von Michel Houellebecqs Roman: dass Islamisten und rechtsradikale Beschwörer der Islamisierung des Abendlands einander im Grunde näherstehen als der alten liberalen, bürgerlichen Mitte Europas, von deren Identitätskrise sie gleichermaßen profitieren.


Staatsschauspiel Dresden

Den ehrlichen, leidenden Menschen erkennen

von Hartmut Krug

Dresden, 16. Januar 2016. Lichterscheinungen und zischelnde Geräusche peinigen Fürst Myschkin, der ganz allein vor den grauen Wänden einer schmalen Bühne steht. Der Epileptiker durchlebt seinen Anfall nicht nur als Pein, sondern er fühlt Kopf und Herz bewegt von höchstem Selbstempfinden und empfindet glückhafte Harmonie. Mit diesem Glücksmoment erklärt in einer vorangestellten Eingangsszene Regisseur Matthias Hartmann das Verhalten dieses "Fürst Christus", als den Dostojewski den Protagonisten seines Romans "Der Idiot" in einem Entwurf bezeichnete und mit dem er die "Darstellung eines wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen" versuchte.


Staatsschauspiel Dresden

Tausendundein Klischee

von Michael Bartsch

Dresden, 29. November 2015. Am Samstag Abend hat Volker Lösch auf der Bühne des Dresdner Staatsschauspiels mit seiner Max Frisch-Inszenierung Graf Öderland/Wir sind das Volk ätzend gegen Pegida polemisiert, am Sonntag Abend geht die Bürgerbühne des Staatsschauspiels mit "Morgenland" unerwartet in die Charmeoffensive. Dem rassistischen "Dschihad-Reflex" gegen Menschen mit schwarzen Haaren, dunklem Teint und einer Sprache, die irgendwie nach "Allahu akbar" klingt, haben die Blutbäder von Paris wohl Wasser auf die Mühlen gegeben. In Dresden setzen nun sieben Akteure und vier Musiker solchen Vorstellungen einen heiteren Grundkurs Arabistik entgegen, der unter anderem zeigt, mit welch locker-emanzipiertem Gestus sowohl Eingebürgerte als auch Flüchtlinge sich selbst zum Besten haben können.


Staatsschauspiel Dresden

Pegida, zieh dich warm an!

von Wolfgang Behrens

Dresden, 28. November 2015. Angsttraum eines Kritikers: Man reist zur Premiere nach Dresden, und schon vom elbseitigen Eingang des Zwingers hört man die Rufe: "Linke Bazillen!" "Lügenpresse!" "Theaterfuzzis raus!" Vor dem Schauspielhaus hat die Polizei alle Hände voll zu tun, den Zuschauern sicheres Geleit ins Foyer zu gewähren, Pöbeleien, Handgreiflichkeiten... Tatsächlich kommt es anders, von der Horrorvision – war sie ein heimlicher Wunschtraum, beseelt von der Hoffnung auf die grundstürzende Bedeutung des Theaters? – ist in der Realität rein gar nichts übrig. Kein Pegida-Anhänger, nirgends. Entspannt plaudernd begibt sich das Premierenpublikum in den Saal, man ist gewissermaßen unter sich. Es liegt fast so etwas wie Vorfreude in der Luft, denn gleich wird Volker Lösch, die Speerspitze des politischen Bürgerchor-Theaters, zum großen Schlag ausholen. Pegida, zieh dich warm an!


Staatsschauspiel Dresden

Helden in Zipfelmützen oder Warum sind die Russen schuld?

von Matthias Schmidt

Dresden, 11. Oktober 2015. Als der Anruf aus Damaskus kommt, nach der Pause, ist der Abend gescheitert. Spätestens hier. Die Nibelungen sitzen bei Etzel, der bei Sebastian Baumgarten ein Russe ist, brechen das Brot mit ihm, nicht wissend, dass er sie damit gerade radioaktiv vergiftet. Da klingelt das Telefon. Damaskus ist dran.


Staatsschauspiel Dresden

Verregnete Muttersuche

von Michael Bartsch

Dresden, 3. Oktober 2015. "Der Westen ist an mir schuldig geworden." Dieser Westen hat Peter Wawerzineks Mutter einst "die Sinne vergiftet ..., so dass sie dem Westruf höriger geworden ist als ihrer Mutterpflicht." Dieser Anklage des Waisenkindes fügt die Dresdner Bühnenfassung seines preisgekrönten Romans "Rabenliebe" noch den aktuellen Seitenhieb auf die Flüchtlinge hinzu, die sich auch nur blind "unter die Fittiche des Westens begeben wollen". Mit dieser Passage kurz vor dem Finale reiht sich die Uraufführung doch noch in den Tenor des Spielzeitauftakts am Dresdner Staatsschauspiel ein. Hier wird derzeit unter den spezifischen Dresdner Bedingungen intern und auf der Bühne um relevante Antworten auf das Volksgrummeln und das Thema Flüchtlinge gerungen.


Staatsschauspiel Dresden

Micky Mouse tanzt auf der Metaebene

von Matthias Schmidt

Dresden, 19. September 2015. Es ist einfach schön, wenn die Hütte voll ist. Wenn die Zuschauer kommen, was sie in Dresden in rekordverdächtiger Anzahl tun. Im Staatsschauspiel und auch bei Dynamo, dem früheren Spitzenfußball-Verein, der im Gegensatz zum Staatsschauspiel nur noch drittklassig ist, trotz hoher städtischer Subventionen.


Staatsschauspiel Dresden

Im Sperrbezirk

von Michael Laages

Dresden, 11. September 2015. Der Abschied von Dresden hat also begonnen. Und niemand wird manchem und mancher im Schauspielhaus-Ensemble im Ernst verdenken können, dass dieser Abschied womöglich etwas leichter fällt als sonst üblich nach so viel Zeit an einem so schönen, großen Haus. Das neu-germanische Bandenwesen, in Sachsen stärker entwickelt als sonstwo, von Pegidas Pöbel-Paranoia bis zur Vorhölle des offenen Terrors mit Nachbarschaftsbeifall in Heidenau, hat mächtig gezerrt an den Nerven weltoffener, liberaler Menschen in Dresden; auch und gerade im Theater. Sicher auch darum beginnt Tilmann Köhlers Shakespeare-Inszenierung zur letzten Saison-Eröffnung des Teams um Wilfried Schulz ganz tief in diesem schwarzbraunen Sumpf – "Maß für Maß", an sich schon die finsterste (und letzte) der Shakespeare-Komödien, bekommt ganz viel sächsisch-deutsche Wirklichkeit mit auf den Weg.


Staatsschauspiel Dresden

Die Legende vom Billion-Dollar-Crash

von Michael Bartsch

Dresden, 5. Juni 2015. Kaufen, kaufen, kaufen, heißt die neue Welteinheitsreligion. Dow Jones und DAX haben die zehn Gebote abgelöst, und an die Stelle der alten Götter sind Namen wie Goldman Sachs oder eben Lehman Brothers getreten. Im Epilog kriegen sich die auferstandenen Herren der Lehman-Dynastie kichernd wie die Kinder gar nicht mehr ein bei dem Gedanken, ihrer verstorbenen Bank die Totenehre nach jüdischem Ritus zu erweisen. Ein wachsender Bart, ein zerrissener Anzug und das tägliche Heiligungsgebet Kaddisch würde dazugehören. Wie damals, vor ihrer Auswanderung aus dem bayerischen Rimpar im Jahre 1844, oder wie noch beim Ableben der Firmengründer Henry, Emanuel und Mayer.


Staatsschauspiel Dresden

Die Kinder der Revolution fressen

von Tobias Prüwer

Dresden, 2. Mai 2015. Lebemann oder Tugendtropf? Für Friederike Heller ist das keine Frage. Am Staatsschauspiel Dresden schlägt sich ihr "Dantons Tod" eindeutig auf die Seite des gemäßigten Genießers. Ein Abend mit tollen Bildern und deutlichen Schwankungen auf der Genussskala.


Staatsschauspiel Dresden

Gewöhnliche Menschen, ungewöhnlicher Beruf

von Michael Bartsch

Dresden, 28. März 2015. Soldaten – bei diesem lakonischen Titel ziehen unwillkürlich der "Universal Soldier" oder Hannes Waders "Es ist an der Zeit" durchs Ohr, tauchen packende Bilder der gleichnamigen Oper von Bernd Alois Zimmermann auf, die einst an der Semperoper lief. Die Dresdner Bürgerbühne grenzt die Beschäftigung mit dieser militant-maskulinen Konstante des Menschengeschlechts mit einem langen Untertitel ein: "Ein Dokumentartheater über Helden, Heimkehrer und die Zukunft des Krieges".


Staatsschauspiel Dresden

Freiheit, die wir alle meinen

von Michael Bartsch

Dresden, 19. März 2015. Kann man "Tschick" toppen? Einen Jugendroman, der rund zwei Millionen Mal verkauft wurde, eine Bühnenfassung, die in keinem Spielplan mehr fehlen darf und an ihrem Dresdner Uraufführungsort wegen der großen Nachfrage von der Probebühne ans große Haus wanderte? Man darf dem Dresdner Staatsschauspiel unterstellen, dass es nicht auf Besucherzahlen eines Nachfolgehits spekuliert, wenn es nun Wolfgang Herrndorfs Abschiedsfragment "Bilder deiner großen Liebe" auf die Bühne bringt. Denn trotz des Premierenerfolges am Donnerstag dürfte diese Uraufführung die bislang 130 "Tschick"-Vorstellungen kaum erreichen.


Staatsschauspiel Dresden

Asyl auf der Augenweide

von Tobias Prüwer

Dresden, 17. Januar 2015. Stadtluft macht frei? Von wegen. In "Wie es euch gefällt" kennzeichnet Shakespeare den Wald als Hort der Freiheit. In Jan Gehlers Inszenierung im Staatsschauspiel Dresden fügen sich agiles Sprechtheater und Life-Musik zum melankomödischen Patchwork mit eingewebter Sehnsucht nach einer besseren Welt: "Kein Gott
/ Kein Staat
/ Keine Arbeit
/ Kein Geld
/ Mein Zuhause
/ Ist die Welt" (Das Zelt, Jeans Team).


Staatsschauspiel Dresden

Salafistenhass im Plattenbau

von Tobias Prüwer

Dresden, 13. Dezember 2014. Wenn in Dresden montäglich "gegen die Islamisierung des Abendlandes" (PEGIDA) demonstriert und im nahen Großröhrsdorf ein Überfall durch Migranten erfunden wird, erübrigt sich die Frage, was Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" auf dem Spielplan des Dresdner Staatsschauspiels zu suchen hat. Das undramatische Drama ist eine schnelle Aneinanderreihung von sozialem Elend und Kleinkonflikten: Marie arbeitet in Laden und drückt Geld an ihren kleinkriminellen Stecher Erich ab. Der träumt vom großen Deal, den er zusammen mit Paul landen will, der gerade dabei scheitert, seine schwangere Freundin zu verlassen. Geld für Sex nimmt Rosy, während sie von einer Fernsehkarriere träumt. Peter liegt Kleinunternehmerin Elisabeth auf der Tasche, die ihn drangsaliert, ist aber wie alle anderen mit der Gesamtsituation unzufrieden, ohne etwas ändern zu wollen. Gewalt und Seitensprünge gehören zum Alltag, der ansonsten vor allem durch Nichts geprägt ist.


Staatsschauspiel Dresden

Gestern war schlimm, morgen wird schlimmer

von Michael Bartsch

Dresden, 4. Dezember 2014. Es muss nicht so gewesen sein, Thomas Freyers "mein deutsches deutsches Land" ist kein Dokumentarspiel. Aber nach allem, was durch Recherchen und die Untersuchungsausschüsse bislang bekannt geworden ist, könnte die Geschichte des "Nationalsozialistischen Untergrunds" plausibel so beschrieben werden, wie es die Uraufführung am Donnerstagabend im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels zeigte. Freyer hat sich früher schon sehr konkret mit ostdeutschen Verhältnissen beschäftigt, zuletzt in Dresden mit Das halbe Meer aber auch metaphorisch-utopische Qualitäten gezeigt. Nun wird er ausgesprochen politisch, auf eindringliche, aber nicht agitatorische Weise.


Staatsschauspiel Dresden

Vier Fäuste! Halleluja!

von Tobias Prüwer

Dresden, 29. November 2014. Im deutschsprachigen Raum ist Linus Tunström ein weitgehend Unbekannter. Nach seiner "Faust"-Premiere im Dresdner Staatsschauspiel wird sich das gewiss ändern. Der schwedische Regisseur und Uppsalas Stadttheater-Direktor, der lediglich in Bern einmal 2007 inszenierte, hat das deutscheste aller Dramen ins Zentrum der Ermüdungsgesellschaft verlagert. Unbefangen im Zugriff, verabreicht er einen unkonventionellen "Faust" jenseits von Hausrezept und Aktualisierungsplacebo – und bleibt dabei erstaunlich texttreu.


Staatsschauspiel Dresden

Reißt Eure Papierträume ein!

von Christian Rakow

Dresden, 4. Oktober 2014. Menschen in auskömmlichen Verhältnissen hocken ein wenig zu eng beieinander, philosophieren über die Zukunft, als sei sie die Vergangenheit, verlieben sich in die, die nicht zurücklieben, nehmen Abschied, wenn sie bleiben müssten, und im Wesentlichen vergeht viel Zeit. Das ist Tschechow. Mancher sagt: Das ist das Leben. Dieses Leben ist fraglos schwer, aber doch nur so schwer, wie die Schultern schmal sind, die es tragen sollen. Und Regisseur Tilmann Köhler ist sicher kein Mann für schmale Schultern.


Staatsschauspiel Dresden

Sex, Drogen und Konsum

von Tobias Prüwer

Dresden, 12. September 2014. Was für eine Welt, die schöne neue. Zwischen Kollektivnorm und Konsumrausch lässt sie den Individuen nur die Möglichkeit, sich zu fügen. Roger Vontobel inszeniert die Theaterfassung von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" als Uraufführung, mit der das Staatsschauspiel Dresden technisch spektakulär, aber nicht in Gänze überzeugend in die neue Spielzeit startet.


Staatsschauspiel Dresden

An der Ideologie irre werden

von Michael Bartsch

Dresden, 19. Juni 2014. Über Vergangenes lässt sich trefflich spotten – so es denn wirklich vergangen ist. Wer wird heute noch so naiv wie nach 1990 annehmen, mit dem vermeintlichen Ende der Geschichte sei auch das Ende omnipräsenter staatlicher Überwachung gekommen? Zur Eröffnung des Parallel Lives Festival am Donnerstag in Dresden redete nicht nur Schriftsteller Ilija Trojanow Klartext. Auch die Auftaktinszenierung "Reflex" der Gäste aus Budapest spielt zwar im spätkommunistischen Ungarn, wirkt aber überhaupt nicht wie von gestern. Wer auch nur entfernt etwas von den Nöten des ungarischen und insbesondere des Budapester aufgeklärten Theaters unter der Orbán-Regierung gehört hat, fühlte diesen Kontext beim fulminanten Auftritt der Sputnik Shipping Company stets mitschwingen.


Staatsschauspiel Dresden

Lechts und rinks

von Hartmut Krug

Dresden, 14. Juni 2014. "Sächsische Demokratie?" fragte der einstige Bundestags-Vizepräsident Thierse einmal ironisch anklagend, um die Taktik der Polizei bei den jährlichen Aufmärschen von Rechtsextremen zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens zu charakterisieren. Die Polizei beschützte die Neonazis. Als sich am 19. Februar 2011 eine große Zahl von Gegendemonstranten blockierend den Rechten entgegenstellte, kam es nach großem Polizeieinsatz zu heftigen Ausschreitungen. Die Folge: Verfahren gegen hunderte von Gegendemonstranten.


Staatsschauspiel Dresden

Mondsüchtige in Neverland

von Hartmut Krug

Dresden, 31. Mai 2014. Ein weiter Wintergarten, wie aus jeder Zeit gefallen. Draußen, hinter den hohen gläsernen Wänden, huschen die Menschen wie Schatten im wabernden Nebel zwischen kahlen Bäumen. Wer drinnen ist, präsentiert sich im Konzert der Stimmen wie eine Traumfigur auf der Suche nach Sinn.


Staatsschauspiel Dresden

Powergirl geht unter

von Tobias Prüwer

Dresden, 26. April 2014. Mit Gezeter auf Hebräisch beginnt der Abend. In der ersten Reihe streiten sich zwei Frauen und ein Mann. "Ich will den König sehen!": Eine trotzige Rahel in Abendgarderobe springt, von den Warnungen ihres Vaters und der Schwester ungerührt, auf die Bühne. Sie versteckt sich in einer zwischen Herrschaftszeichen in die hintere Bühnenwand vertikal eingelassenen Grünfläche. Von dort mag sie auch nicht herunterklettern, als sie entdeckt wird. Kämpferisch nennt sie den Auftritt des königlichen Gefolges Kriegspropaganda. Als das auftürmende Gestrüpp zu Boden fährt und in die Horizontale kippt – schöne Idee im insgesamt sehr ansprechenden Bühnenbild (Irina Schicketanz) – nötigt Rahel Alfonso den Schutz aller Minderheiten ab. Die Tagesschau berichtet "live" via Videoprojektion von dem königlichen Versprechen. Rahel bezirzt dann wunderbar respektlos und entwaffnend ausgelassen, Busenblitzer inklusive, den König, und beide ziehen gen Lustschloss ab. Eine Clip-Collage à la Boulevard-TV leitet schmissig in den nächsten Akt über, und von da ab ist alles anders.


Staatsschauspiel Dresden

Schelme los!

von Lukas Pohlmann

Dresden, 17. April 2014. Manchmal, wenn sich das Theater alter Stoffe bedient und sie mit aktuellen Bezügen, historischen Referenzen anreichert, fragt man sich, warum da überhaupt noch ein Klassiker-Titel drübersteht – und nicht "versuchter Diskurs über irgendwas". Simon Solberg tut all das: Er fügt dem Schelmenroman von Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen alles mögliche hinzu, nimmt ihn ernst, nur um ihn im nächsten Moment mit Ironie zu brechen. Als Schablone und geniale Arbeitsgrundlage scheint er ihn aber zu lieben. Und so wird aus einem dreieinhalb Jahrhunderte alten Stoff ein Bühnenwerk des 21. Jahrhunderts, das taugt, die Notwendigkeit von Theater zu begründen.


Staatsschauspiel Dresden

Wer nicht lacht, wird abgeschafft

von Lukas Pohlmann

Dresden, 28. März 2014. Am Fuß der Zuschauertribüne steht ein riesiger runder, schwarzer Tisch von Stühlen umrundet. Viel mehr Stühle, als die Männer des Trusts oder später der Stadtverwaltung und des Gericht besetzen können. Dahinter nur ein graues Podest mit Rednerpult vor Videowand, Auftrittsort für Eliten. Was für ein Bild zu Beginn: Wer auch immer verhandeln, wer Entscheidungen treffen wird, wird einer von ausgewählten Wenigen sein. Letztlich wird dieser Tisch als realiter verbindendes Element scheinbar unvereinbarer Positionen gar zur Arena eines Einzigen.


Staatsschauspiel Dresden

Sebastorffokles Müller

von Matthias Schmidt

Dresden, 22. März 2014. Eine gute, eine demokratische Gesellschaft wünschen wir uns wohl alle. So richtig perfekt war bislang nichts, weshalb der Menschheits-Traumort weiterhin Utopia heißt. Ein Ort, den es nicht gibt. Weil wir es einfach nicht auf die Reihe kriegen, weil Starrsinn und Fanatismus und Machtgehabe stärker sind als das Gute im Menschen. Weil wir zu wenig miteinander reden. Das gab es bei den alten Griechen, und das gibt es bei uns. So war es vor 2500 Jahren, und es ist noch lange nicht vorbei. Das ist, leicht verkürzt gesagt, was Sebastian Baumgarten mit seiner Dresdener "Antigone" erzählt, 90 Minuten lang: in teils verstörenden Bildern, immer wieder auch die Komik in der Tragödie suchend, voller vielschichtig verrätselter Andeutungen und phasenweise mit einem geradezu ärgerlich didaktischen Gestus.


Staatsschauspiel Dresden

Mein Krampf

von Dirk Pilz

Dresden, 8. Februar 2014. Oh wir Bejammernswerten. Wir sind alle gleichermaßen Menschen, gottlob. Aber wir sind auch alle gleichgeschaltet. Denken gleich, fühlen gleich, lieben gleich, sehnen gleich. Das macht der Kapitalismus, der neoliberale, für den es uns nur als gleiche Konsumenten und gleiche hamsterradelnde Selbstverwirklicher gibt. Und er macht zudem, dass wir derlei als Glück, als Erfüllung womöglich, erleben. Wahrlich, wir sind zu bedauern, bejammernswert.


Staatsschauspiel Dresden

Bumsti!

von Wolfgang Behrens

Dresden, 18. Januar 2014. "Bumsti!" Das ist wohl die kürzest-mögliche Formel, auf die man Karl Kraus' 800-seitiges Monsterdrama "Die letzten Tage der Menschheit" bringen kann, gewissermaßen eine Ein-Wort-Inhaltsangabe. "Bumsti": die beim Ausatmen genießerisch nachgeschmeckte Lautmalerei für eine Explosion, das zynisch knappe sprachliche Zeichen für einen alles zerfetzenden Tod. Irgendwo in diesem kaum überschaubaren Textgebirge – nämlich in der 29. Szene des 4. Aktes, in meiner Ausgabe auf Seite 506 – legt Karl Kraus der Figur des Nörglers, mit der er sich selbst in sein Drama hineinschrieb, den Satz in den Mund: "Dieser Heros, der 'Bumsti!' rief, als er im Kino Soldaten fallen sah, dieser Ehrendoktor der Philosophie, dieser Kretin war der Marschall unseres Verhängnisses."


Staatsschauspiel Dresden

Goethe statt Geschichtsbewusstsein

von Lukas Pohlmann

Dresden, 17. Januar 2014. Wie praktisch: Vergangenheit wird uns üblicherweise in Guido Knoppschen Schlagzeilenhäppchen und expertenflankierten Events serviert. Das bedeutet, dass wir uns der Geschichte entziehen können, wir müssen uns ihr nicht stellen, wenn sie Einfluss auf unser Jetzt zu nehmen droht. Wenn sie uns überfordert, unseren emotionalen Haushalt verändert oder uns unliebsame Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt.


Staatsschauspiel Dresden

Voyeure willkommen

von Lukas Pohlmann

Dresden, 23. November 2013. Will man mit einem 80 Jahre alten Volksstück mehr erreichen als eine museale Darstellung von Pseudorealitäten, muss man Weltgehalt in ihm beweisen. Barbara Bürks Umgang mit Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" zeigt, wie dies gelingen kann. Wenn bloß die Schicksale der Figuren ernst genommen werden und ihre (Nicht-)Bewältigung nicht im albernen Dusel verkommt, kann sich eine Inszenierung auch ruhig ein gerüttelt Maß an Albernheiten erlauben.


Staatsschauspiel Dresden

Du machst einen auf Amerikaner

von Nadja Lauterbach

Dresden, 21. November 2013. Mit dem Humor ist es ein bisschen so wie mit italienischem Wein: Man kann einen ganz passablen Abend mit ihm verbringen, selbst wenn er zu wünschen übrig lässt. Aber ab einer gewissen Menge knallt er, dass einem schwummerig wird. Da ist weniger doch irgendwie mehr. Und apropos Heiterkeit: Welcher Komödiant ist eigentlich der komischere? Derjenige, der die Klischees hemmungslos ausspielt, oder jener, der im Spiel den Versuch unternimmt, partout nicht komisch sein zu wollen?


Staatsschauspiel Dresden

Historie trifft auf Hormone

von Matthias Schmidt

Dresden, 26. Oktober 2013. Sollte es Zweifel daran gegeben haben, ob Jochen Schmidts Roman "Schneckenmühle" für die Bühne geeignet sei, so dürfen sie seit gestern als ausgeräumt gelten. Mehr noch, die Uraufführung wirkt auf den ersten Blick wie ein Selbstläufer à la "Man nehme einen Erfolgsroman, verrühre ihn mit der Spielfreude eines jungen Teams, einer ordentlichen Portion putziger Kostüme sowie einer gut verdaubaren Beilage aus Klang und Video zu einem lockeren Publikumsmagnet".


Staatsschauspiel Dresden

Die Primzahlen des Lebens

von Ralph Gambihler

Dresden, 15. September 2013. Ein Herr Brad Pitt, so heißt es etwas näselnd im Programmheft, habe die Filmrechte an dem Stoff vor Jahren erworben, weggekauft sozusagen, vorsorglich gebunkert für Hollywood. Die Bühnenrechte seien deshalb eigentlich "vom Markt" gewesen. Die Dinge liefen dann aber doch etwas anders. Und so kam es, dass nach der Uraufführung der englischen Theaterfassung vor einem Jahr in London nun auch die deutschsprachige Erstaufführung von Mark Haddons Romanbestseller Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (2003) in der Adaption des Erfolgsdramatikers Simon Stephens zu erleben war.


Staatsschauspiel Dresden

Ein Sommernachtskrieg

von Ralph Gambihler

Dresden, 13. September 2013. Dryden? Und Purcell? Zum 100. Geburtstag? – Auf den ersten Blick ist man irritiert und fragt sich, was diese 1691 uraufgeführte und ziemlich nationalistisch anmutende Halboper aus dem britischen Hochbarock mit der Eröffnung des Dresdner Schauspielhauses vor genau 100 Jahren zu tun hat. Ach ja! Der eine der zwei königlichen Recken, die sich in diesem Stück zuerst ganz grundsätzlich und dann insbesondere wegen einer Frau bekriegen, ist Sachse. Aber kann es das gewesen sein?


Staatsschauspiel Dresden

Worte statt Wandel

von Hartmut Krug

Dresden, 7. Juni 2013. Drei Personen, allesamt mit wuscheliger Perücke dem Autor ähnelnd, umrunden aufmerksam die schmale Bühne. Sie suchen und forschen nach neuem Sinn, wenn sie die großen Buchstaben umstellen, die die Bühne mit dem Titel des Stückes ausfüllen. Dabei werden spielerisch neue Wörter geschaffen, und neue Buchstabenkonstruktionen schaffen reale Funktionen, werden zum Waschbecken oder zu Schreibgeräten, zu Computern.


Staatsschauspiel Dresden

Im europäischen Zimmer

von Ralph Gambihler

Dresden, 24. Mai 2013. Wenn es stimmt, dass Europa, vom Krieg einmal abgesehen, keinen gemeinsamen narrativen Nenner hat, dass also die große, alles verbindende Erzählung und damit der Urgrund für eine europäische Identität fehlen, ist der Gedanke der kulturellen Interaktion wohl nahe liegend, schon aus therapeutischen Gründen. So oder so ähnlich mag man vor vier Jahren in der Birmingham Repertory Theatre Company ("THE REP") gedacht haben, als die Finanzkrise ausbrach und die europäischen Angelegenheiten wieder mal schwierig zu werden begannen.


Staatsschauspiel Dresden

Himmel und Hölle in hoher Halle

von Ute Grundmann

Dresden, 10. Mai 2013. Den Kinderwagen lässt sie nicht los und nicht aus den Augen. Eine Hand hat sie immer an diesem Gefährt, das feiner aussieht als seine Umgebung; sie stellt sich davor, lässt anfangs noch ihren Mann in die Nähe, dann jedoch niemand mehr – es geht nur noch darum, dieses Kind zu verteidigen, von dem sie längst vergessen hat, dass es nicht ihres ist. Solche dichten, eindringlichen Szenen gelingen immer wieder in dieser Inszenierung, mit der Susanne Lietzow Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführtes Drama "Die Ratten" ins Große Haus des Dresdner Staatsschauspiels gebracht hat. Dominiert anfangs noch die "Berliner Tragikomödie", gerinnt die Aufführung mehr und mehr zu einer Tragödie, die jederzeit, auch heute, spielen könnte.


Staatsschauspiel Dresden

Lässiger Befreier

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. April 2013. Wer es mit diesem Stück aufnimmt, bekommt es mit einem legendären Kapitel der deutschen Theatergeschichte zu tun. Benno Bessons Berliner Bearbeitung von Jewgeni Schwarz' Politmärchen "Der Drache" aus dem Jahr 1965 gilt als die erfolgreichste Inszenierung des Deutschen Theaters nach dem Krieg. Aufgeführt wurde sie bis in die 70er Jahre hinein mehr als 600 mal. Der Abend tourte als Gastspiel durch halb Europa und machte Eberhard Esche in der Rolle des Drachentöters Lanzelot berühmt.


Staatsschauspiel Dresden

Genau so denken doch die Männer!

von Christian Rakow

Dresden, 15. März 2013. Ein hehres Ziel hat Jakob Fabian da: "Ich möchte helfen, die Menschen anständig und vernünftig zu machen", sagt er. "Vorläufig bin ich damit beschäftigt, sie auf ihre diesbezügliche Eignung hin zu betrachten." Und was bietet sich dem anständig vernünftigen Auge dieses Menschenbetrachters dar? Torkelnde Weibsbilder in leichter Bekleidung; Ladies, die bleischwer vom Stuhl rutschen. Na, Prosit. Wenn hier mal nicht Hopfen und Malz längst verloren sind.


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Durch die rosarote Ingenieursbrille

von Tobias Prüwer

Dresden, 9. März 2013. Nach dem Eintreten in den Saal, anfänglich von zwei großen Standscheinwerfern geblendet, kann der Zuschauer im grellen Licht bald eine riesige Kugel ausmachen, die die Mitte des Bühnenraumes in einer linearen Bewegung durchmisst. Wie das Foucaultsche Pendel, das die Erdrotation anschaulich werden lässt, zieht das Objekt am Stahlseil die Inszenierung hindurch seine Bahn. Mit Spiegelwänden rechts wie links ausgekleidet und Licht durchflutet, erscheint die von Künstler Carsten Nicolai entworfene Bühne ganz so, als ob sie eine der kristallenen Sphären des geozentrischen Weltbilds selbst wäre.


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Das missbrauchte Theater

von Ralph Gambihler

Dresden, 15. Februar 2013. Es gibt eine erzählerische Ausgangssituation in diesem neuesten Pollesch-Palaver, die in Variation wie ein Loop durch die den Abend geistert. Sie geht so: Ein Theaterregisseur ist sauer. Er hat spitz gekriegt, dass die Darsteller und die "Praktikanten" aus dem Regiestab während der Probenpausen Filme drehen und dazu die Theaterkulissen nutzen, also frech zweitverwerten. Natürlich kränkt ihn, was da hinter seinem Rücken abläuft, menschlich und künstlerisch. Der Regisseur revanchiert sich, indem er während der Proben die Darsteller grob herumkommandiert. Mehr noch: Er degradiert sie zu bloßen Puppen, indem er ihnen jede Bewegung einer Gliedmaße vorschreibt.


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Rutschende Erinnyen

von Hartmut Krug

Dresden, 8. Februar 2013. Zwei junge, clowneske Wandervögel stehen im hellen Licht, der eine trägt eine Umhängetasche, der andere eine Schiebermütze über hellem Jackett. Die weißgeschminkten Kunstfiguren mit schwarzgerändert aufgerissenen Augen sind Orest (Christian Clauß) und der Pädagoge (konzentriert komisch: Torsten Ranft), der den als Kind von seiner Mutter im Wald Ausgesetzten in Korinth erzog und ihn nun in dessen Heimatstadt Argos begleitet hat. Noch ist offen, ob Orest in Argos zum Racheengel werden wird, wo nun seine Mutter Klytämnestra mit Ägist (Benjamin Höppner mit dickem Zufriedenheitsbauch) nach dessen Mord an ihrem aus dem Trojanischen Krieg heimgekehrtem Mann Agamemnon herrscht.


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Zwischen uns und unseren Wünschen

von Esther Slevogt

Dresden, 19. Januar 2013. "Wenn man immer vorher wüsste, was noch kommen wird", sagt die Frau im grünen Kleid am Ende. Sie sitzt an der Rampe und das Stück ist vorbei. Sie ist eine Überlebende – die überlebende Protagonistin aus Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" und gleichzeitig ihre Erzählerin. Hannelore Koch spielt diese Frau, eine das Ensemble des Staatsschauspiels Dresden durch die vergangenen vier Jahrzehnte fast durchgehend prägende Schauspielerin. Und fast scheint es (nicht allein wegen des getragenen Theatertons ihrer Diktion), als spiele sie nun auch Erinnerungen an viele Theaterfiguren mit, die sie auf dieser Bühne gewesen ist – eine reif gewordene Iphigenie vielleicht, die hier Jahrzehnte nach ihrer Rückkehr von der Insel Tauris noch mal die Bilanz ihres Leben zieht.


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Ich bin dann mal harmlos

von Ralph Gambihler

Dresden, 6. Dezember 2012. Romantik! Und dann auch noch Eichendorffs heiter-herziges Erzählmanifest zum Thema Aussteigen! Das sieht erst einmal nach einem eher langen Bart aus. Einerseits. Andererseits könnte das ein voreiliger Schluss sein. Denn ist es wirklich so uninteressant geworden, dieses Nebeneinander eines naiv beschwingten Lebenshungers und der wahrscheinlich friedlichsten Rebellion, die es gibt, nämlich Gehen und Ausbrechen in die Welt? Und ist nicht die lässige Abgeklärtheit, mit der wir Gelegenheits-Globetrotter des 21. Jahrhunderts über eine sechsmonatige Auszeit in Asien oder anderswo liebäugeln, genau genommen eine modische Attitüde, mit der wir uns über das wahre Ausmaß der Träume, Sehnsüchte und Ängste, die mit einem solchen Schritt verbunden sind, hinwegtäuschen? Und die Frage der Freiheit, die sich mit der Figur des Taugenichts unweigerlich stellt, ist die wirklich schon so erledigt?


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Fanatiker am Werk

von Ralph Gambihler

Dresden, 24. November 2012. Dass Hamlet nicht unbedingt ein netter Mensch ist, wussten wir schon. Es hat uns nie etwas ausgemacht. Denn natürlich haben wir ein Riesenverständnis für einen, dessen Vater auf so hinterhältige Weise gemeuchelt wurde. Der mit Lüge bemäntelte Mord aus niederem Motiv ist das Skandalon, das uns jede seiner Zumutungen und Rasereien verständlich macht. An seinem edlen Geist haben wir nie gezweifelt. Gerade wir Deutschen nicht, die wir uns gerne in seinem erhabenen Charakter wiedergefunden haben und bis heute wiederfinden. Egal wie es kommt: Hamlet ist der Gute!


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Im Bann der Entgleisung

von Ralph Gambihler

Dresden, 6. Oktober 2012. Das Staatsschauspiel Dresden ist eine halbe Lutz Hübner-Bühne. Vier seiner Stücke stehen dort aktuell im Spielplan. Autor und Theater sind sich seit einigen Jahren herzlich zugetan und im Erfolg verbunden, und so geht die Zusammenarbeit einfach weiter, nun mit der Uraufführung der neuesten Komödienkreation, die als Auftragswerk für Dresden entstand.


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Römerbraten auf Schwarzbrot - Manche mögen’s plakativ

von Matthias Schmidt

Dresden, 29. September 2012. Der Dresdner Theaterwirt hatte eine Tafel vor das Haus gestellt: "Heute Römerbraten mit Schwarzbrot". Witz mit Hintersinn, der hoffen ließ.


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Tschüss Stunkmacher, hallo Showmacher

von Christian Rakow

Dresden, 14. September 2012. Den Muppets ging es letzthin nicht gut. Mit ihrem Serienabschied 1981 waren Glamour und Prominenz aufgebraucht. Trist dümpelten Kermit, Gonzo, Fozzie Bär und Co. seither in bürgerlichen Alltagsjobs dahin. Aber dann kam Walter, ein kleiner Kuschelkamerad und großer Fan aus der Provinz, und verhalf den alten Anarchopuppenstars zu einer ganz großen Comebackshow – nachzuschauen im Disneyfilm "Die Muppets" von 2011.

Und siehe, so ein Revival treibt Blüten. Plötzlich tauchen die Muppets als Ganovenbande in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Dresdener Staatsschauspiel auf, wo sie die Hochzeit des Gangsterkönigs Mackie Messer mit der Tochter des Bettlerkönigs Polly Peachum umwitzeln. Zum Comeback geladen wurden sie hier von Friederike Heller.


Staatsschauspiel Dresden

Unentschieden alt

von Matthias Schmidt

Dresden, 8. Juni 2012. Er wird bejubelt, aber er sieht geschafft aus. Und traurig, irgendwie. Reichlich anderthalb Stunden hat Liliom sein Bestes gegeben - gereicht hat es nicht. Der Rummel-Ausrufer schafft es einfach nicht, ein guter Mensch zu sein. Er schlägt seine Freundin Julie, verschreckt und vertreibt die, die ihn lieben oder ihm helfen wollen, lässt sich zu einem Überfall überreden, obwohl er sich innerlich dagegen sträubt. Er bringt sich schließlich um und landet im Fegefeuer. Als er nach 16 Jahren Schmorens darin per Wunder die Gelegenheit erhält, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, um eine gute Tat zu vollbringen, ohrfeigt er seine Tochter und vergeigt damit auch diese letzte Chance.


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altDiabolischer Tanz auf deutschen Gräbern

von Ralph Gambihler

Dresden, 13. April 2012. Im Bühnenbild von Barbara Ehnes ist alles beisammen. Der böhmische Wald liegt an einem sehr idyllischen Alpensee. Gleich ums Eck blicken wir auf ein andeutungsweise modernes Luxuswohnzimmer, in dem an der Wand sehr groß, sehr schwarz und sehr reaktionär ein doppelköpfiger Reichsadler prangt. Oben drüber, in einer zweiten Etage, muss man sich eine Art Klettergarten vorstellen, bestens geeignet für das fröhliche Verrinnen von deutschem Jungmännerschweiß. Schillers "drei außerordentliche Menschen" sind in dieser zusammengezimmerten Deutschland-Installation ungut vereint. Die Story: Der Vater liebt die Söhne nicht. Die Söhne kriechen unter ins Vaterland. Man kennt Verlauf und Ende.


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altIch bin das Opfer!

von Hartmut Krug

Dresden, 17. März 2012. Er ist weiß, reich und berühmt, doch es sieht nicht gut aus für Charles Strickland, denn er wird der Vergewaltigung bezichtigt. Es war in einem Hotelzimmer, wo er einer jungen Schwarzen das Paillettenkleid mit den Worten "Jetzt fick ich dich, du kleine Negernutte" vom Leib gerissen haben soll. So jedenfalls wollen es die Zimmernachbarn gehört haben, ein weißes, langjähriges Ehepaar, – der Mann ist Pastor. Die Rechtsanwaltskanzlei, in die Strickland mit der fordernden Behauptung "Ich bin das Opfer, ich bin unschuldig!" kommt, wird vom Weißen Jack Lawson und vom Schwarzen Henry Brown betrieben, und die junge schwarze Mitarbeiterin Susan hat eine Abschlussarbeit über "Das strukturale Fortleben des Rassismus' bei angeblich vorurteilslosen Transaktionen" geschrieben. Die Wahl dieses Anwaltsbüros durch den reichen Weißen ist kein Zufall, hofft er doch mit einem schwarzen Rechtsanwalt auf Vorteile bei den Geschworenen.


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altBrav aufs Knie geküsst

von Georg Kasch

Dresden, 11. Februar 2012. Ist er nun echt oder nicht? Nachdem sich der grüne Rausch, der sekundenlang durchs Dresdner Staatsschauspiel flitterte, erwartungsgemäß als Theatergeld entpuppte und auf der Bühne Philipp Lux erklärte, dass es im Roman an dieser Stelle echte Rubelscheine regnen würde, taumelt ein einsamer 50-Euro-Schein kurvenreich von der Decke. Angeblich hat ihn der Intendant bewilligt, um in jeder Vorstellung einen Zuschauer zu beglücken. Und tatsächlich bestätigt der Herr, der den Spätzünder fängt, die Echtheit des Geldes.


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Nuancen der Ohnmacht

von Christian Rakow

Dresden, 14. Januar 2011. Das könnte eine Einöde an der amerikanisch-kanadischen Grenze sein. Man trägt Holzfällerhemden unter den Steppjacken und eine Flinte im Hosenbein. Wenn der Sohn nicht spurt, wird er vertrimmt, bis das Blut fließt. Die Sitten sind rau wie das Land. Es wird kaum hell. Durch die Jalousien des trostlosen Gerichtsraums sieht man unablässig Schneeflocken rieseln. Nur der Kachelofen in der Ecke, den Bühnenbildnerin Magda Willi in die Szenerie geschmuggelt hat, verströmt von Weitem die Wärme des Rokoko-Genrebildes, nach dem Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug" gearbeitet hat, seine große Posse um den nächtlichen Fehltritt des menschlich mickerigen Dorfrichters Adam aus Huisum bei Utrecht.


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Hedda, die Egoshooterin

von Matthias Schmidt

Dresden, 12. Januar 2012. Ihre Smartphones noch in der Hand, treten die Spieler aus dem Publikum auf die Bühne. Die Bühnenrückwand ist ein Spiegel. Das sind also Leute wie wir: die Hedda Tesman, geborene Gabler, und ihr Ehemann, der Jörgen. Die Thea und ihr Geliebter, der Autor Eilert Lövborg. Sie sind gekleidet wie wir und können auch auf der Bühne die Finger nicht von ihren iPhones lassen. Wie wir. Die Egoistin Hedda spielt, auf einem Flügel fläzend, ein Egoshooter-Spiel, ballert weg, was sich ihr in den Weg stellt und teilt ihrem Mann kühl mit, dass sie auf ein Pferd und ihre Pilates-Stunden auch dann nicht verzichten werde, wenn er die erhoffte Professorenstelle nicht bekommt. Immer mal wieder nervt die Tante Julle mit ihrem fürsorglichen Stolz auf das Erreichte. Wir sehen Glück, das keins ist und wackeligen Wohlstand, der zudem langweilt. Kennt man ja alles, wenn nicht aus dem eigenen Leben, dann vielleicht aus den Büchern von Sybille Berg.


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Alle träumen von der Freiheit

von Caren Pfeil

Dresden, 19. November 2011. Wie spielt man mit siebenundzwanzig glaubwürdig einen 14-Jährigen? Man lässt ihn sprechen wie den Maik aus Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick", der dafür den diesjährigen Deutschen Jugendbuchpreis erhielt. Die Geschichte birgt zwar viel Reflexion und stimmungsvolle Bilder, aber wenig Dramatik in sich, so dass man nicht sofort darauf kommen würde, sie auf die Bühne zu bringen. Dennoch ist Dresden zwar das erste, aber nicht das einzige Haus, das den Roman zum Theater macht, es folgen Karlsruhe, Osnabrück, Potsdam, Berlin, Nürnberg …


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Sturz aus dem Himmel

von Ralph Gambihler

Dresden, 1. Oktober 2011. Anders als Kurt Vonnegut, der Autor des bekanntesten Romans über die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 ( "Schlachthof 5"), hat Harry Mulisch die Tragödie nicht selbst miterlebt. Er lernte die Stadt erst 1956 kennen, als Teilnehmer eines Heinrich-Heine-Kongresses in Weimar, den er für einen Abstecher an die Elbe nutzte. Bereits drei Jahre später erschien "Das steinerne Brautbett", eine erzählerische Fantasie über die Bombardierung Dresdens.


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Die Lust an der Ausgrenzung

von Matthias Schmidt

Dresden, 9. September 2011. Die Dresdener waren hungrig auf Theater. Als seien sie auf Entzug, drängten sie am vergangenen Wochenende in das Große Haus des Staatsschauspiels – in eine eigentlich unspektakuläre Veranstaltung, das Theaterfest zum Saisonstart. Ausverkauft! Selbst die Stehplätze im Rang. Einige mussten draußen bleiben.


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Mein Gold, Dein Gold, kein Gold

von Michael Laages

Dresden, 28. Mai 2011. Der Herr im Haus hat fertig. Er hat seine Lieblingsoper zu Ende dirigiert, mit Kopfhörern auf den Ohren, Partitur vor der Nase und den ganzen Wagner im Sinn, räumt jetzt auf im Wohnzimmer, das gerade eben noch die Traum- und Alptraum-Figuren seiner Musik-Phantasie bevölkert haben, für die er der magische Über-Dirigent und Geschichten-Beschwörer war, haut Knicks in die Kissen auf dem Sofa, füttert schnell noch die Fische zur Nacht im Aquarium, setzt sich und macht das Licht aus. Ende.


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Einsam auf dem Teppichquadrat

von Nikolaus Merck

Dresden, 27. Mai 2011. Milder Abend am Elbufer. Frauenkirche, Schlosskirche, Semperoper, alles am Platz, Lachen vom Wasser her unterm letzten wolkengestreiften Abendrot. Ein Posaunentrio in der gepflasterten Gasse gibt das Air von Bach – "das Leben ist doch auch SCHÖN!", pflegte der Großsarkast Wolfgang Neuss in diesen Momenten auszurufen.

Sollten wir aber anstatt gemütsgepinselt nicht vielmehr seelenerschüttert sein? Immerhin war Johannes Vockerat eben ins Wasser gegangen.

Warum ist uns der Wassertod so wurscht?


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Was wäre, wenn heute Revolution wäre?

von Hartmut Krug

Dresden, 7. Mai 2011. Hier findet Theaterarbeit statt, und zugleich wird sie ausgestellt. Zu Beginn bereiten sich die Schauspieler auf offener Bühne in weißen Bademänteln vor (nur der Darsteller des Marat trägt einen roten). Sie lockern die Glieder oder cremen sie ein, dann reihen sie sich am Bühnenrand auf. Eine Frau zeigt die Taschenbuchausgabe des Stückes vor, nennt dessen Titel und ihre Funktion: Ich bin der Ausrufer. Ein paar Erklärungen, ein paar Spielereien mit dem Publikum, das in den ersten beiden Reihen mit Plastikbahnen versehen wird, und los geht es.


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Kahl und kalt und meist verhängt

von Ute Grundmann

Dresden, 6. Mai 2011. Otto lässt das Haus tanzen. Ein Plüschtier in der einen, ein Steuergerät in der anderen Hand, bewegt er damit den kleinen, flachen Bau auf der Drehbühne hin und her, immer schneller. Doch wirklich aussteigen kann er nicht, er muss wieder zurück in das kahle Zimmer, in dem seine Eltern ihn erziehen, auf Leben und Tod vorbereiten wollen. So beginnt im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels die Uraufführung des neuen Stücks von Martin Heckmanns, "Vater Mutter Geisterbahn". Vater Johann, Mutter Anne und Sohn Otto werden alle mal versuchen, aus dem kahlen, kalten Raum zu fliehen, in dem sie zwecks Erziehung und Lebensbewältigung zusammengesperrt sind.


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Schönes Spiel um schönen Schein

von Tobias Prüwer

Dresden, 9. April 2011. "Der Bock holt sich die goldene Gans". Don Juan bringt den Plot der Shakespeare-Komödie mit einem Satz auf den Punkt. Claudio, ein florentinischer Graf, will Hero, die Tochter des Gouverneurs von Messina Leonato, ehelichen. Er hat sich auf den ersten Blick in sie verliebt und eine üppige Erbschaft erwartet sie auch noch. Gottlob hat Shakespeare der Geschichte zwei Figuren beigegeben, die für ordentlich Schmackes sorgen. Leonatos Nichte Beatrice und der Edelmann Benedikt fetzen sich wie Hund und Katze – und sind doch füreinander wie geschaffen. Das allerdings müssen sie erst einmal merken. Bis dahin ist der Weg lang, aber Regisseur Thomas Birkmeir gestaltet diesen in Dresden so amüsant wie kurzweilig.


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Also ist Hoffnung

von Hartmut Krug

Dresden, 8. April 2011. In einer Reihe stehen die Insulaner und erzählen sich ihre Geschichte ihrer einst unwirtlichen und einsamen Insel. Wie diese entdeckt, wieder vergessen, dann vom Matrosen Kobelitz, schiffbrüchig mit der Genesis, neu gefunden und mit Regeln einer Gesellschaft versorgt wurde. Wie zu dieser andere Menschen hinzu kamen und alle nach freien und gleichberechtigten Regeln lebten. Alle waren gleich, alles gehörte allen, keiner hatte mehr Macht als der andere, jeder half jedem und Entscheidungen wurden demokratisch gefällt. Ackerbau und Handel mit vorbeifahrenden Schiffen schufen die Grundlage für diese gelebte Utopie.


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Krieg und sein hämmernder Befriedungsaktivismus

von Ralph Gambihler

Dresden, 26. Februar 2011. Lessing als Aufklärer ernst nehmen heißt für Simon Solberg, eine Welt der misslingenden Aufklärung, der taumelnden Vernunft zu beleuchten und in das Zentrum seiner Inszenierung zu rücken. Solberg sucht seine Rolle als Interpret des fast zweieinhalb Jahrhunderte alten Stückes, indem er es mit einem großen Ruck und radikal auf die Gegenwart bezieht. Das hat Folgen. Eine davon: Die Komödie zweier Liebender, die ihre Gefühle erst mühevoll um einen ebenso rigorosen wie antiquierten Ehrbegriff herum mogeln müssen, bis sie sich endlich kriegen, fällt flach. Nichts von "Soldatenglück" und "Lustspiel in fünf Aufzügen". Stattdessen: 100 grelle Minuten Weltbetrachtung zum Thema Krieg, Entertainment und misslingende Liebe. Denn so ist das hier: Die Liebe misslingt nicht weniger als die Aufklärung.


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Kleist unter der Rüttelplatte

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. Februar 2011. Unter einer Misophonie versteht man, vereinfacht gesagt, die Abneigung gegen bestimmte Geräusche. Das Kreischen von Kreide an einer Tafel oder das Schnurpseln beim kräftigen Biss in einen Apfel zählen dazu. Auch Styropor macht solche Geräusche. Wer Verpackungsquietschen nicht mag, wird an der Dresdner Inszenierung der Kleist-Novelle zu Beginn wenig Freude haben, denn groß sind die Mengen an Styropor, die auf der Bühne des Kleinen Hauses verbaut und zerstört werden. Wer hingegen einen faszinierenden Schnellkurs in Sachen theatrale Vielfalt sucht – bitte sehr! Hier wird experimentiert, was das Zeug hält. Armin Petras geht mit seinen Schauspielern öffentlich auf die Suche nach einer Ansprechhaltung für die Kleist-Novelle. Die Geschichte wird leidenschaftlich getanzt und geturnt, erschuftet und geschwitzt. Sie wird mal mit Pathos vorgetragen und mal mit ironischer Leichtigkeit, in Dialoge zerlegt oder wie in einer Familienaufstellung analysiert. Sie kommt auch mal als Oratorium daher und gleich darauf als Kammerspiel. Der Weg scheint das Ziel zu sein, und dieser Weg ist streckenweise großartig.


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Die Macht, wie sie feuert und lacht

von Caren Pfeil

Dresden, 27. Januar 2011. Adam Krusenstern, der leitende Angestellte einer Firma, die gerade von einer neuen Leitung übernommen worden ist, die bereits die meisten Mitarbeiter entlassen hat, wird von eben dieser neuen Leitung in das Landhaus der Firma eingeladen und weiß nicht warum und wozu. Soll er die neue Firma leitend mitgestalten? Soll er gehen? Aber warum dann noch diese Prüfung? Was wird von ihm erwartet?


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Die Erniedrigten und die Sorglosen

von Hartmut Krug

Dresden, 8. Januar 2011. Die Dresdner Bühnenversion von Hans Falladas Roman beginnt mit einem Vorspiel vor dem Vorhang, angekündigt unter dem Titel "Die Sorglosen". In einer langen Tischreihe sitzen die Darsteller vor Xylophonen, einige rasseln, einer klampft, und gemeinsam intonieren sie eine zart-besinnliche Musik. Ganz beiläufig, ohne die Tische zu verlassen, rutscht man dann vom Spiel in die demonstrierende Vorführung. Wenn der Arzt, von dem das unverheiratete Liebespaar Pinneberg und Lämmchen Verhütungstipps erhofft, die Schwangerschaft der Frau verkündet, ist das auch eine lustige Nummer. "Das wird schon, das wird schon gehen", beruhigt man sich, denn man hat ja sich und die Liebe, und geheiratet wird nun auch.


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Wühlen im Schicksals-Müll

von Caren Pfeil

Dresden, 20. November 2010. Die Thebaner tragen sorgsam ihre toten Kinder zu Grabe, unzählige schwarze Müllsäcke bedecken bereits die Bühne, wieder und wieder, schließlich schleifen sie nur noch entkräftet die Säcke hinter sich her, lassen sie und sich selbst einfach fallen, mitten hinein in diese düstere Landschaft aus Müllsäcken. Die Seuche hat gesiegt. Das Bild ist stark und assoziiert kalte Unlebendigkeit, Asche, Verfall und Stillstand.


Staatsschauspiel Dresden

Die andere Welt hinter dem Spiegel

von Caren Pfeil

Dresden, 29. Oktober 2010. Man nehme das neueste Buch der gerade angesagtesten deutschen Bestsellerautorin, bringe es, noch bevor es ganz ausgelesen ist, auf die Bühne, tue dies zur besten Zeit des Jahres Ende Oktober, also eigentlich in der Vorweihnachtszeit, mische dazu die Musik einer gerade angesagten Pop-Band, bereite das ganze professionell marketingtechnisch auf, und schon hat man Zuschauerzahlen, von denen jedes Theater träumt.


Staatsschauspiel Dresden

Aus einem Land vor unserer Zeit

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. September 2010. Den ersten Szenenapplaus gab es nach weniger als einer Minute. Das gesamte Ensemble hatte sich, als Chor der Turmbewohner vor dem Eisernen Vorhang stehend, genau die eigentümliche Kopfbedeckung aufgezogen, mit der Uwe Tellkamp 2008 den "Deutschen Buchpreis" für seinen Roman "Der Turm" entgegen nahm. Es sei dies, so Tellkamp damals vor der erstaunten Presse, eine Winzer-Mütze, die vom Elbhang stamme, wie er selbst auch.


Staatsschauspiel Dresden

Der Kampf gegen das Verschwinden des Menschen in Dir

von Caren Pfeil

Dresden, 11. September 2010. Der Zuschauerraum im Kleinen Haus des Staatsschauspiels blieb ungenutzt, dafür war die Bühne freigegeben fürs Volk. Unter einem Bierzeltrahmen aus Neonleuchten standen lange Reihen von Biertischgarnituren, etwas erhöht rechts und links an den Wänden noch zusätzliche Zuschauerbänke. Ein frisch gezapftes Bier bekam hier jeder, ob er nun unten saß oder oben.


Staatsschauspiel Dresden

Ein Traum als Bewusstseinsspiel

von Hartmut Krug

Dresden, 10. September 2010. Das "Grosse Historische Ritterschauspiel" beginnt auch in Dresden mit dem Femegericht. Aber es gibt keine nur von einer Lampe erleuchtete unterirdische Höhle, keine vermummten Ritter, keine Häscher mit Fackeln, sondern nur eine Diskussion im Dreieck. Drei Männer, die über Käthchen entscheiden wollen oder sollen, stehen vor dem Vorhang und dem Publikum und verhandeln mehr über als mit einer jungen Frau, versuchen mit Rationalität deren unbedingtes, ihr selbst unerklärliches Gefühl eher zu er- denn zu begreifen.


Staatsschauspiel Dresden

Die Stille im Riss der Zeit

von Ralph Gambihler

Dresden, 28. Mai 2010. Sachsen ist nicht unbedingt der Mittelpunkt der Theaterwelt, manchmal kommt es einem aber vor, als sei in Sachsen die weite, in sich zersplitterte Welt der Regieauffassungen en miniature verdichtet. Der Blick auf zwei "Kirschgärten" aus der laufenden Spielzeit zeigt deutlich die Gegensätze. Wo Sebastian Hartmann in Leipzig die Tschechow-Figuren in den Ruhestand schickt, den Text reihum sprechen lässt und damit die Handlung ins Echohafte auflöst, nähert sich der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler Tschechows Gutsbesitzerfamilie mit dem freundlichen Ernst und der Neugier desjenigen, der diesen Menschen erst einmal begegnen möchte. Sein "Kirschgarten" ist, pathetisch gesprochen, eine verhaltene Tschechow-Hommage. Wie geht das aus?


Staatsschauspiel Dresden

Vergnüglich ist's im Sumpf des Scheiterns

von Michael Laages

Dresden, 23. April 2010. Schon wieder so ein Theatertext, dessen Titel absichtsvoll und einigermaßen spekulativ in die Irre führen will. Wie bei Simon Stephens kein Punk Rock erklingt, obwohl das Stück so heißt, und auch kein handelsüblicher Video-Sex zu sehen ist, wenn Pornographie auf dem Spielplan steht, so handelt auch Jan Neumanns neue Theaterphantasie weder von Sekten noch im irgendwie kirchlich-religiösen Sinne von den vorletzten Fragen des Glaubens an sich. Bestenfalls vom Glauben an sich selbst.


Staatsschauspiel Dresden

Mörderische Macht, menschlicher Abgrund

von Michael Laages

Dresden, 27. März 2010. Wer konnte das schon ahnen? Hätten Hollywoods Filmgötter nur ein bisschen anders entschieden, hätten gestern gleich zwei "Oscar"-Preisträger in Dresden Theater-Premiere gefeiert. Aber auch so, mit den Schauspielern Christian Friedel und Burghart Klaußner als "nur" nominierten "Oscar"-Kandidaten aus Michael Hanekes vielgerühmtem Film Das weiße Band, ist am Dresdner Staatsschauspiel mit Friedrich Schillers "Don Carlos" ein außerordentlicher Theaterabend gelungen.


Staatsschauspiel Dresden

Entsetzliches Rauschen

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. März 2010. Es sind nur Kofferradios. Zehn stinknormale Kofferradios. Aber hat man eigentlich schon einmal so intensiv wahrgenommen, wie unheimlich es sein kann, wenn zehn Kofferradios rauschen? Bloß rauschen? Als hätten sie die Musik und die Stimmen, die sie sonst auf Knopfdruck von sich geben, vor lauter Schreck verlernt?


Staatsschauspiel Dresden

Geschichte aus einer Stadt vor unserer Zeit

von Christine Diller

Dresden, 27. Februar 2010. Da wiehert der gesamte Fürstenzug: All die ehrwürdigen Repräsentanten des Hauses Wettin, verewigt auf Meißener Porzellan und nun projiziert auf den Vorhang des Dresdner Staatsschauspiels, brechen samt ihren Pferden in schreckliches Gelächter aus ob solch weltfremder Tollpatschigkeit. Gerade nämlich hat der Student Anselmus am Schwarzen Tor zu Dresden ein altes Weib mitsamt seinen Äpfeln umgerannt, einige davon zermatscht, sein ganzes Erspartes vor Schreck und zur Wiedergutmachung dabei in den Sand gesetzt und sich damit den schönen Himmelfahrtstag versaut.


Staatsschauspiel Dresden

Dramen aus dem Lokalteil

von Matthias Schmidt

Dresden, 21. Februar 2010. Schon auf dem Weg in das "Kleine Haus 3" hat man das Gefühl, dass man sich ins wirkliche (Theater-)Leben begibt. Es befindet sich ganz oben, unterm Dach der kleinen Spielstätte des Staatsschauspiels, und zumindest die letzte Treppe ist nicht von der Art, wie man sie für gewöhnlich auf dem Weg in Zuschauerräume begeht. Eine Metallstiege in Richtung Beleuchterbrücke, könnte man denken.


Staatsschauspiel Dresden

Eine Bande Eltern sieht rot

von Caren Pfeil

Dresden, 22. Januar 2010. Selten waren sich in Dresden das Publikum und das Theater so einig: Ja, genau so sind sie! Natürlich immer die andern, und das Theater zeigt sie wie aus dem "richtigen Leben" ausgeschnitten und auf die Bühne gestellt: die Spezies Eltern im Kampf gegen die Schule, die ihren Kindern die Zukunft verbaut.


Staatsschauspiel Dresden

Auch Seifenblasen hinterlassen Trümmer

von Ute Grundmann

Dresden, 30. Dezember 2009. Es ist ziemlich finster in Kötzschenbroda. Irgendwann hat Karl, Handelsreisender, hier mal die Liebe gefunden, doch die ist lange weg, und nun singt er nachts in der Bar von "der Bar nachts um halb drei". So wie er sind alle irgendwann, irgendwie hier hängengeblieben, in diesem düsteren Raum mit "Rezeption/Bar", einem kaputten Fahrstuhl, Staubsauger, Drehtür und Kanzlerinnen-Dekolleté-Bild. Über das regt sich hier allerdings niemand auf, weil alle mit sich selbst zu tun haben, und sei es, um zu beweisen, dass mit einem Lied auf den Lippen zwar vieles besser geht, aber längst nicht alles.


Staatsschauspiel Dresden

Westbesuch

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. Dezember 2009. Friedrich Dürrenmatt schrieb sein "böses Stück", als die Welt zerteilt lag, hingestreckt in zwei Himmelsrichtungen. In der einen, nämlich seinen, siedelte er Güllen an, eine fiktive Kleinstadt "irgendwo in Mitteleuropa", die er zum Schauplatz einer menschlichen Katastrophe machte. Die Konstellation: Geld oder Leben. In diesem Fall: Geld!


Staatsschauspiel Dresden

Kaiserreich der zerrissenen Seelen

von Caren Pfeil

Dresden, 3. Dezember 2009. Was ist das für eine Generation, die weder Hoffnung hat noch Träume? Was ist das für ein Peer Gynt, der nicht schillert, der keine Visionen hat außer dem stereotyp wiederholten Vorsatz, Kaiser werden zu wollen? Der so mutlos, verbittert und armselig ist wie die ganze jugendliche Clique, zu der er gehört und die ihn verachtet. Was ist aus ihm geworden, dem "nordischen Faust", der einmal wild war auf die Eroberung der Welt, und sei es auch nur um seiner selbst willen, der scheiterte, aber wenigstens mit einem Zugewinn an Erfahrung?


Staatsschauspiel Dresden

Krieg siegt. Glück ist zu teuer.

von Michael Laages

Dresden, 21. November 2009. Träume von Theater-Pädagogen werden wahr; seit  Beginn der neuen Intendanz von Wilfried Schulz ganz besonders in Dresden. Das Staatsschauspiel dort hat die "Bürgerbühne" etabliert - theaterbegeisterte Dresdnerinnen und Dresdner sind eingeladen, sich auf unterschiedlichste Weise der eigenen Passion zu widmen, und das weit über die allerorten handelsüblichen Strukturen theaterpädagogischer Strategien hinaus. Diese Bürger begleiten die Bühne nicht nur, sie produzieren selbst - nach einer Fassung des "Nibelungen"-Stoffes für sehr junge Mitstreiter dieses Laien-Projektes stellt sich jetzt das ganze Altersspektrum der Gruppe vor: von 10 bis 75. Und sie greifen ziemlich hoch hinaus - zum "Magazin des Glücks", dem 1932 entstandenen (und Fragment gebliebenen) Film-Buch des Dramatikers Ödön von Horváth.

 


Staatsschauspiel Dresden

Hinter weißen Schrankwandwelten

von Caren Pfeil

Dresden, 5. November 2009. Auf einem schwarzledernen Sitzmöbel im Foyer des Kleinen Hauses des Staatsschauspiels Dresden liegt verlassen ein Ikea-Katalog, von dem niemand weiß, wer ihn hierher gebracht hat. Er fällt jedenfalls auf, schließlich ist dies ein Theater, Hort der Nonkonformität schlechthin, und kein Warenhaus, das sich allem und jedem Bedürfnis anpasst. Wir steigen drei Treppen nach oben bis zur Probebühne unterm Dach. Die halbrunde Bühnenfläche ist eingerahmt von rosa-weißen Wänden, die über und über mit Türen und Klappen ausgestattet sind, also doch: platzsparend mit viel Stauraum, dezent im Design und unglaublich flexibel, – willkommen in Schweden!


Staatsschauspiel Dresden

Im Sog des Unverarbeiteten

von Nikolaus Merck und Dirk Pilz

Dresden, 31. Oktober 2009. Der Titel von Dirk Lauckes Stück ist bitterbös'. "Für alle reicht es nicht", das gab bereits Adolf Hitler einst als Losung aus. Und ließ all diejenigen, für die er nichts übrig hatte, ermorden.


Staatsschauspiel Dresden

Das Fleisch der Armen

von Caren Pfeil

Dresden, 17. Oktober 2009. Da versucht ein junger Mann mit großem Ernst und kräftigen Bildern, den Kapitalismus zu erklären. Zur Verfügung hat er ein engagiert zupackendes Ensemble und einen Text, der in den fast 80 Jahren seiner Existenz nichts an Brisanz eingebüßt hat. Und trotzdem gelingt kein wirklich großer Wurf, sondern bleibt der Eindruck eines sich eher ungenau formulierenden Kraftakts, in dem das Denken mehr zugedröhnt wird, als dass einem mit Hilfe der analytischen Schärfe dieses Textes noch ein Licht aufginge.


Staatsschauspiel Dresden

Onkel Hos vergessene europäische Kinder

von Caren Pfeil

Dresden, 9. Oktober 2009. Ich sitze an der Theke im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden und rede mit meinem Freund über die Weltlage. Die Tanzfläche ist leer. Dahinter, im Dunkel des Foyers, haben die vietnamesischen Hauptdarsteller des Theaterabends die Musikanlage okkupiert. Ich höre fremde fernöstliche Klänge, dazu singt Nguyen Van Loi gefühlvoll in ein Mikrophon, Phung Hang Thanh greift sich ein zweites und mischt ihre Stimme mit seiner. Beide leben seit über 20 Jahren in Deutschland, zumindest mit der Musikauswahl schlagen sie Brücken in ihre Heimat. Einige ihrer vietnamesischen Bekannten stehen dicht vor ihnen und applaudieren.


Staatsschauspiel Dresden

Der letzte Sommer im Damenschneiderparadies

von Matthias Schmidt

Dresden, 20. September 2009. Als der Schriftsteller Ingo Schulze im Kleinen Haus des Staatsschauspiels zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt wird, bleibt er etwas distanziert am Rande stehen, applaudiert kurz dem Inszenierungsteam und setzt sich zügig wieder in die erste Reihe. Wer ihn kennt oder zumindest gelesen hat, weiß, dass Schulze nicht der Typ für wilde Freudentänze ist, und doch schien dies mehr als nur angeborene Zurückhaltung zu sein. Wie viele der Zuschauer schien er sich spontan nicht im Klaren darüber zu sein, wie er die für die Bühne eingerichtete Fassung seines Romans "Adam und Evelyn" finden soll.


Staatsschauspiel Dresden

Choreografierter Wutschrei

von Caren Pfeil

Dresden, 19. September 2009. Unter den Klängen von Noir Desir Des Armes gibt Pater Lorenzo uns die Botschaft mit auf den Heimweg, nun besser zu finden als zu suchen – vor ihm das Liebespaar, im Tod vereint und auf das Dach seines Hausbootes drapiert, welches ihm selbst zuvor Refugium und für Romeo und Julia Liebesnest gewesen war.


Staatsschauspiel Dresden

Wabbel-Wilhelm aus der Wundertüte

von Dirk Pilz

Dresden, 18. September 2009. "Äh, ja, äh, das Glück" sind seine letzten Worte. Das ist hinter dem schweren, samtig roten Vorhang, aus dem Dunkeln heraus. Sein Gesicht sehen wir nicht, aber wir können uns denken, mit welch' fröhlich verblüffter, von Überrumpelung und Überraschung gezeichneter Miene er schließlich in den Schoß des bürgerlichen Lebens geplumpst ist. Wilhelm Meister hat geheiratet, und er wird dies mit einem schaumigen Lächeln begrüßt haben. Die Hände stellen wir uns schlaff und schlampig in die Luft gehängt vor, die Augen sanft auf sein wackres Eheweib gerichtet.


Staatsschauspiel Dresden

Zärtliche Zwiegespräche zwischen Theater und Publikum

von Ute Grundmann

Dresden, 12. September 2009. Was ist, was soll Theater – gestern, heute und morgen? Wieviel gibt der Schauspieler in seine Rollen, was bleibt ihm zum Leben? Und wie kommt man mit den Kollegen klar, ohne ihnen an die Gurgel zu gehen? Solche schweren Fragen verwandelten sich zum Saisonauftakt am Staatsschauspiel Dresden zu einem leichtfüßigen, hintersinnigen Theaterstückchen innerhalb des Eröffnungsfestes.


Staatsschauspiel Dresden

Die Troerinnen in Guantanamo

von Matthias Schmidt

Dresden, 16. Mai 2009. Ein Politiker betritt die Bühne und stellt sich an ein Rednerpult. Auf die Leinwand hinter ihm ist eine dieser militärischen Luftaufnahmen projiziert, die uns seit dem ersten Irakkrieg immer mal wieder gezeigt werden, um die Fähigkeiten der modernen Kriegsführung zu belegen. Es könnte auch eine amerikanische Pressekonferenz zum Krieg in Afghanistan sein.


Staatsschauspiel Dresden

Bürgerbühne

Berlin, 24. April 2009. In Dresden gibt es den Zwinger, die Elbe und ziemlich viele Nazis im Landtag. nachtkritik gibt es zur Zeit nicht in Dresden. Nur nachtkritik-Ohren und nachtkritik-Augen. Die studierten das Vorwort im Spielzeitheft 2009/2010 des neuen Sächsischen Staatsschauspiel-Vormannes Wilfried Schulz, bisher Intendant in Hannover, vormals Chefdramaturg von Frank Baumbauer am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und noch früher Dramaturgus in Basel. In seinem Geleit- und Programmwort schreibt Schulz:


Staatsschauspiel Dresden

Lottoscheine im Park

von Ute Grundmann

Dresden, 7. März 2009. Die Verwundungen des Soldaten werden mit weißem Klebeband auf seinem schwarzen, zivilen Anzug markiert. So wird sichtbar gemacht, worüber er nicht sprechen kann und vielleicht können die äußeren Verletzungen irgendwann geheilt werden. Doch was ist mit den inneren Versehrungen, was kann ein anderer darüber wissen, was können (Trost-)Worte bewirken.


Staatsschauspiel Dresden

Bomben, Bauernfänger und Bananen

von Matthias Schmidt

Dresden, 14. Februar 2009. Am "Goldenen Reiter" in der Dresdener Innenstadt herrscht Karnevalsstimmung. Eine Truppe mit der Kennung "Jesus verändert" tanzt und trommelt Samba. Direkt daneben ein Hauch von Love Parade: der DGB hat einen LKW mit DJ vorgefahren. Weshalb Claudia Roth von den Grünen ihre Betroffenheit sehr laut in die Fernsehkameras sprechen muss. Franz Müntefering und Gregor Gysi werden noch erwartet. Ein Fahnenmeer wogt. "Geh denken" heißt die Großveranstaltung, ein "Zeichen gegen Rechts" - eine Gegenmaßnahme.


Staatsschauspiel Dresden

Tod eines Despoten

von Johanna Lemke

Dresden, 17. September 2008. Mit dem Ende zu beginnen, ist eigentlich nur bei Shakespeare erlaubt. Weil doch jeder weiß, worauf es hinausläuft. Am Ende des "König Lear" also: Jeder kämpft seinen eigenen Krieg, und diese enorm tiefe, sehr leere und sehr schwarze Bühne hat für jeden ein Plätzchen, an dem die kleinen und großen Intrigen ausgetragen, giftgemordet und duelliert werden können.


Staatsschauspiel Dresden

Zwischen Bach und Helden

von Andreas Herrmann

Dresden, 4. Juli 2008. Der Ort: das Deutsche Musikarchiv als Hort aller Noten und Rechte. Hart, aber korrekt wird es vom blinden Professor Quentmeier dirigiert, der seinen hörigen Dr. Bürge – zuständig für die klassische Bespielung des Aktensaales und bei Misstönen auf harte Schläge erpicht – mit der Partitur prügelt und seine willfährige Beamtenbrigade nach Takt stempeln, aber auch mal einen Aktenreigen mit Polkaeinschlag tanzen lässt. Das ist die Szenerie für zweieinhalb Führungkräfte und fünfeinhalb furztrockene Archivhüter, wobei Chefassistent Strutzer als biederster die Hierarchie anführt.

 


Staatsschauspiel Dresden

Gleichmut des Fressens

von Ralph Gambihler

Dresden, 14. Juni 2008. Wenn das Theater auf Prosa zurückgreift, was es derzeit ausgiebig zu tun pflegt, ist dies keineswegs nur eine Ausflucht aus der Ratlosigkeit der zeitgenössischen Dramatik. Man kann darin ebenso gut eine kalkulierte Rolle rückwärts in bekannte Erzählwelten sehen. In Stoffe, die sich bewährt haben, warum auch immer.


Staatsschauspiel Dresden

Todesurteil per SMS

von Andreas Herrmann

Dresden, 30. Mai 2008. Fünf Studenten und ein Geist: Während Sven (Thomas Hof) schnell zur Sache kommen möchte, aber bei Lili (Hanka Mark) abblitzt, schnappt sich diese den expressiven Darius (Friedrich Rößiger), dem allerdings noch dessen Ex namens Jule (Charlotte Puder) nachtrauert. Nachdem unter den beiden Freundinnen die Freigabe geklärt scheint, tauscht man (bzw. Frau) die Begehrlichkeiten – natürlich nicht ohne zickige Nachwehen. Allein Philosophin Anna (Aischa-Lina Löbbert) ist ihrem baldigen Medizinmann, dem immer abwesenden Phillip (Florian Beyer), treuherzig und streitlos verbunden.


Staatsschauspiel Dresden

Heimsuchung am Hindukusch

von Andreas Herrmann

Dresden, 4. April 2008. Einmal New York, London, Kabul – und zurück. Nunmehr mit Zwischenstopp auch in Dresden. Beim Rückflug. Die Zeitreise in Tony Kushners "Homebody/Kabul" beginnt 1998 und endet 1999. Nicht früher und nicht später. Und sie hätte wohl, wäre nicht das Zwillingsturmtrauma der gefühlten Welthauptstadt dazwischengekommen, nicht Hamburg, Basel oder nun auch Dresden gestreift, sondern den Broadway, Kushners Heimatpflaster, nie verlassen. Doch die Zeitgeschichte tickte anders. Die Uraufführung im Herbst 2001 geriet vor Ort in den bitteren Staub des 11. Septembers und Amerika erklärte seinen "Krieg gegen den Terror". Die "New York Times" nannte das sperrige, konventionslose Fünfstundenoriginal daraufhin eines der wichtigsten Stücke des Jahrzehnts.


Staatsschauspiel Dresden

Hätte werden können

von Dirk Pilz

Dresden, 13. März 2008. Im siebzehnten Kapitel des ersten Teiles der "Wahlverwandtschaften" lässt Johann Wolfgang Goethe die Katastrophe geschehen. Eduard reist unvermittelt ab, ohne seiner Ottilie noch eine letzte Begegnung zu schenken. "Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick", notiert Goethe. "Sie verstand es nicht, sie begriff es nicht." Der Text bedient sich hierauf eines seiner wirkungsvollsten Tricks, dem vorgeblichen Erzählunvermögen: "Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Tränen zu schildern. Sie litt unendlich."


Staatsschauspiel Dresden

Niedergang im Karussell 

von Andreas Herrmann

Dresden, 16. Februar 2008. Wäre die Premiere im großen Schauspielhaus gewesen, so wäre das Publikum mit tagesaktueller Umnachtung konfrontiert: Der Samstag nach dem Jahrestag der Dresdner Zerstörung gerät alljährlich zum traurig-tumben Ideologiefestival und zur logistischen Bankrotterklärung für die gesamte Innenstadt. Also kein guter Tag für gutes Theater. Das Kleine Haus des sächsischen Staatstheaters auf der anderen Elbseite war so wirklich der geeignetere Ort für John von Düffels Dramaversion von Thomas Manns Nobelroman in der Regie von Hermann Schein.


Staatsschauspiel Dresden

Von der Fliehkraft der Gefühle

von Ralph Gambihler

Dresden, 18. Januar 2008. Jede Zeit hat ihre Jugendbilder. In den 70ern waren es die Blumenkinder, in den 80ern die Punks. Aber wie war das eigentlich in den 90ern? Lief da nicht einiges auseinander? In alle möglichen Richtungen? Während der Zeitgeist endgültig dem Waschbrettbauch verfiel und das Feuilleton mit der Generation Golf die unpolitische Jugend ausrief, dominierten in Literatur, Film und Theater Szenarien der Perspektivlosigkeit.

 


Staatsschauspiel Dresden

Der Tag, als Buddy Bolden verschwand

von Janny Fuchs

Dresden, 12. Januar 2008. Die Geschichte der Musik umweht ein Hauch von Mystik und der Singsang ewiger Geschmacksfragen, welche sie in der Vergangenheit geprägt haben und die auch weiterhin für Aufsätze, Filme und Theaterstücke sorgen. Ganz vorn steht hier die Auseinandersetzung mit Jazz und Blues, die sich bei zivilisierten und kultivierten Klangnaturen der größten Liebhaberei erfreuen. Die Vorliebe des Intendanten des Staatsschauspiels Dresden Holk Freytag für Jazz dürfte sich im Laufe der Jahre herumgesprochen haben, und so wundert es wenig, dass nach der Einrichtung der "Jazztage" in Dresden nun eine Inszenierung zum Thema folgte.

 


Staatsschauspiel Dresden

Die Abgründe der Wunscherfüllung

von Ralph Gambihler

Dresden, 20. Dezember 2007. Dass das Streben nach Absolutheiten tendenziell im absoluten Wahnsinn endet und nicht in menschlichen Verhältnissen, hat man vielleicht schon einmal gehört. Hier nun kommt ein ganzes Theaterstück zu diesem Thema. Es spielt in einem Staat, der sich Bestland nennt und seine Bürger seit 500 Jahren in einen permanenten Glückstaumel zu versetzen bestrebt ist. Das Repertoire des staatlichen Beglückungsangebots beinhaltet eine totalitäre Konsumwelt – Freude!-Schoko, Freude!-Pils, Freude!-Schrankwand –, die Gleichheit der Lebensverhältnisse bis hin zur täglichen Arbeitszeit von 6,66 Stunden und die permanente TV-Präsenz des Universalmodels Nadja Nadja.


Staatsschauspiel Dresden

Mein Bruder, der Selbstmordattentäter

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. Dezember 2007. Im deutschsprachigen Theater ist eine neue Antigone-Adaption anzuzeigen. Sie stammt aus der Feder von Yael Ronen, einer jungen israelischen Autorin, die mit ihrer Version des Mythos einen großen Sprung über Jahrtausende wagt, nämlich den aus der griechischen Antike in den islamistischen Terror unserer Tage. Und wie gesprungen wird? Vehement!


Staatsschauspiel Dresden

Der Wahn glotzt mit

von Ralph Gambihler

Dresden, 15. November 2007. Als das Stück vor einem halben Jahr am Berliner Maxim Gorki Theater zur Uraufführung kam, war das Echo ein Konzert in Moll (hier zu lesen, und hier hat nachtkritik.de damals berichtet). Die Kritik fand zwar manches warme Wort für die Regie des Weimarer Senkrechtstarters Tilmann Köhler, verwarf aber den Text seines Jugendfreundes Thomas Freyer als klein, blässlich, naiv.


Staatsschauspiel Dresden

Unter Rechten

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. Oktober 2007. Es sind die Jungen und die Alten, immer wieder. Die Jungen kippen zu viel Bier, klopfen rechte Sprüche und klatschen Beifall, als der Tambourmajor mit Goebbels-Schnauze Anne Franks Tagebücher im Mülleimer versenkt. Die Alten protestieren gegen die "Volksverhetzung", schimpfen über die "Ruhestörung" und zünden Kerzen an. Die Jungen nuscheln "Tschuldigung" und fordern "Meinungsfreiheit für Eva Herman". Die Alten singen das Hohelied auf die Heimat und brüllen "Mahlzeit!". Der Generationenkonflikt ist eine Konstante in Volker Löschs "Woyzeck"-Montage am Staatsschauspiel Dresden. Er zieht sich durch den Besetzungszettel und formt das Setting. Er bewahrheitet sich in sozialen, politischen und sprachlichen Situationen.


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