zurück zur Übersicht

archiv » Theater Magdeburg (29)
Theater Magdeburg

Die Welt ist scheiße – wir tun was dagegen

von Hartmut Krug

Magdeburg, 3. Februar 2017. Fünf Clowns marschieren auf die leere Bühne, immer um eine Stellwand herum. Die roten Mähnen über den kahlen Stirnen wippen mächtig, so wie die weißen Blumen in den Knopflöchern, und ihre großen Schuhe geben ihnen eine komische Schwerfälligkeit. Sie diskutieren, sie streiten und werfen dabei mit kleinen Bällen oder ihren Schuhen, und sie stellen sich vor eine Kamera, um zu erzählen, was ihre Gruppe mit dem Namen "George Kaplan" ihnen bedeuten soll.


Theater Magdeburg

Fuchsjagd mit Kollateralschäden

von Alexander Kohlmann

Magdeburg, 9. Dezember 2016. Schon beim Betreten des Studios wähnt man sich in einer anderen Welt. Wie auf einem riesigen Dachboden ist fast die gesamte Fläche der kniehohen Bühne mit schweren Holzbohlen ausgelegt. An einigen Stellen klaffen Löcher, an anderen neigt sich der Boden bereits gefährlich nach unten. Irgendwo mittendrin gucken zwei Kinder-Beine unter einem dreckigen Tuch aus dem Abgrund hervor. Um dieses Holzpodest herum sitzen an allen vier Wänden die Zuschauer – und blicken in die Nebelschwaden, die über die Bühne wabern. Vor dem inneren Auge öffnet sich der Blick auf eine englische Landschaft im Morgengrauen, als alles noch friedlich ist, kurz bevor zur Fuchsjagd geblasen wird.


Theater Magdeburg

MG-Feuer im Foyer

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 19. Mai 2016. Reden wir also über die Ukraine. Schlimm genug, dass die gleichnamige Krise im medialen Aufmerksamkeits-Ranking hinter andere zurückgefallen ist. Schlimm genug, dass es eine, was politische Fragen angeht, ziemlich verlogen wirkende Veranstaltung wie den "European Song Contest" brauchte, um wieder mehr über dieses Land im Umbruch zu hören. Mit der absurden Debatte darüber, ob ein Lied, das "1944" heißt und von einer Vertreibung auf der Krim erzählt, politisch ist oder nicht.


Theater Magdeburg

Eis, Eis, Baby!

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 1. April 2016. Zwei Waffeln, in der Erinnerung leicht pappig schmeckend, und dazwischen zwei Zentimeter weißes Eis. Sahneeis. Oder Vanille. Eine Art Vanille. Das ist Moskauer Eis, das war die DDR. Am Ende essen die Schauspieler dem Publikum eins vor, zu dieser Musik, die jeder kennt. "Ice, Ice, Baby" von – richtig! – Vanilla Ice. Das ist ein bisschen plump, aber trotzdem ein schönes Ende, weil der Song aus dem Jahr 1991 stammt, in dem ja auch die Rahmenhandlung von Annett Gröschners Roman spielt. In den 100 Minuten zuvor war zu erleben, warum dieser Roman, der eigentlich gar nicht "Moskauer Eis", sondern "Eingefrorene Guthaben" heißen sollte, was dann aber wegen der schwarzen Kassen bei der CDU missverständlich schien, eines der schönsten Bücher über die DDR ist. Über die Traurigkeit, die über allem schwebte, die Eiszeit, um den Kalauer nun doch noch einmal zu machen. Über das vergebliche Warten auf alles Mögliche. Über das Sich-Einrichten in diesem Land und vor allem über die Schwierigkeiten mindestens einer Generation, nach dessen Ende einfach ganz neu anzufangen.


Theater Magdeburg

Die Schiffbrüchigen gehen aus

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 25. September 2015. Die Bühne – eine Insel. An der Rückwand ein riesiges Naturgemälde. Aus den Lautsprechern mystische Streicher. Nebel. Ein Land vor unserer Zeit. Robinsons Insel, Krusos Hiddensee. Die Uraufführung von Lutz Seilers Roman "Kruso" beginnt sehr atmosphärisch. Eine Grenzpatrouille mit Maschinenpistolen im Anschlag wird vor der Idylle durchs Bild geschoben. Der Zauber des Theaters: Wer den Roman gelesen hat, kann seinen zentralen Satz sehen: "Wer hier war, hat das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten." Wer das Buch nicht kennt, bekommt ihn bald darauf zu hören, dürfte ansonsten aber Schwierigkeiten haben zu verstehen, was die Insulaner antreibt.


Theater Magdeburg

Wolf im Schafspelz

von Ute Grundmann

Magdeburg, 2. Mai 2015. Ein greisenhaftes Kind sitzt in einem Lichtstrahl und Nebel allein auf der Bühne. Noch weiß es nicht, dass aus ihm einmal der Nazi-Massenmörder Max Schulz und das jüdische Opfer Itzig Finkelstein werden wird. Doch schon in den Jubel über seine Geburt, der rund um es begangen wird, kann es nicht einstimmen. Mit dieser beeindruckenden Szene beginnt im Magdeburger Schauspielhaus die Inszenierung von Edgar Hilsenraths Roman "Der Nazi & der Friseur", den die Regisseurin Susanne Lietzow als Bühnenfassung eingerichtet und inszeniert hat. Mehr als drei Stunden dauert der Abend und leider wird keine der folgenden Szenen an diesen Auftakt heranreichen.


Theater Magdeburg

Sozialistischer Retroismus

von Ute Grundmann

Magdeburg, 26. September 2014. Die Brigade schwingt die Preßlufthämmer. Rhythmisch zucken die Körper im Takt ihrer Arbeitsgeräte, es fließt der Schweiß, und ein bißchen dürfen die Arbeiter mosern über die Verhältnisse, die hier kein Material, dort keinen Plan bieten. Doch insgesamt ist man ein fröhlich-anarchischer Haufen. Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht die von der Partei wären. Wie ein Ölgemälde des sozialistischen Realismus kommt diese Inszenierung von Erik Neutschs Roman "Spur der Steine" daher, mit der Cornelia Crombholz ihren Einstand als neue Schauspieldirektorin in Magdeburg gibt.


Theater Magdeburg

Alles fit im Schritt?

von Ute Grundmann

Magdeburg, 21. März 2014. Wie bestellt und nicht abgeholt hockt Blanche zwischen abgelegten Möbeln, einer Kleiderstange, all dem Kram, der vom Leben so übrigbleibt. Sie ist mit kleinem Schwarzen, Perlenkette, Hochsteckfrisur herausgeputzt wie zu einem wichtigen Besuch oder einem besonders wirkungsvollen Auftritt. Sie ist deutlich fremd in dieser Umgebung, in der ihre Schwester Stella lebt, und wird es auch bleiben, allen verzweifelten Versuchen zum Trotz. Mit diesem starken Bild in der beeindruckenden Szenerie von Wolf Gutjahr beginnt Sascha Hawemanns Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" im Theater Magdeburg. Doch in diesen stummen Auftakt marschieren zwei ganz coole und betont lässige Typen quer über die Bühne, nehmen ihre Plätze links vorn an Klavier und Gitarre ein – die Musiker Günther Harder und Raphael Tschernuth, die später als Steve und Pablo in Stückrollen hinein- und wieder zur Musik zurückwechseln. Erst einmal starren sie feixend ins Publikum, bis Ruhe ist, und beginnen dann mit wehmütiger Südstaatenmusik.


Theater Magdeburg

Hexen an die Macht

von Hartmut Krug

Magdeburg, 2. November 2013. Keine Inszenierung von Volker Lösch ohne Laienchor: Auch in seiner ersten Operninszenierung spielt er eine entscheidende Rolle, was der Regisseur mit einem Satz Giuseppe Verdis zu seinem "Macbeth" begründet: "Die Hexen beherrschen das Drama, alles geht von ihnen aus." So kommen bei Lösch zu den drei Kunst-Hexen von Shakespeare und Verdi noch 15 Magdeburger Sprechhexen mit ihren subjektiven Erfahrungen und Anklagen.


Theater Magdeburg

Neue Ostdeutsche Welle

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 27. September 2013. Auf den ersten Blick sieht, was wir gerade erleben, wie eine zweite (N)ostalgiewelle aus. Die ARD bestellte sich soeben die dritte Staffel der Serie "Weißensee" – und Katrin Sass, die eine der Protagonistinnen, eine Sängerin, spielt, ist mit den Liedern ihrer Figur auf Konzerttournee. Jochen Schmidts Roman "Schneckenmühle" setzt fort, was Wolfgang Herrndorfs "Tschick" und Jan Josef Liefers' "Soundtrack meiner Kindheit" begannen. Von Uwe Tellkamps "Turm" bis zu Rayk Wielands "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" reicht das breite Spektrum, und ihnen allen gemeinsam ist, dass das Erinnern privater als zuvor ist. Postideologisch, könnte man sagen. Es kommt ohne die anstrengende Polemik des "Dafür oder Dagegen" aus, dieses "Ja, aber es war doch nicht alles schlecht". Es beschreibt das Leben in der DDR sowohl in seiner Absurdität als auch in seiner Normalität.

Die "Hineingeborenen", die heute Mitte bis Ende 40 sind, haben die literarische Deutungshoheit über das verblichene Land übernommen, und ihre Botschaft lautet: Es ist das Land unserer Kindheit und Jugend, und die zeigen wir euch jetzt. Ja, wir haben heftig geliebt und gelebt; wir waren jung und in Maßen wild. Wir lachen und wir weinen ohne Rücksicht auf das, was mal der Sozialismus werden wollte.


Theater Magdeburg

Listenkandidat auf Abwegen

von Ute Grundmann

Magdeburg, 25. Januar 2013. Martin ist neu. Und jung. Und engagiert. Also stellt er einen Antrag, mit dem sich seine Polit-Kollegen befassen müssen, obwohl sie lieber zu Frau und Kindern gehen oder ihr baufälliges Haus trösten würden. So beginnt Kai Ivo Baulitz' neues Stück "Die Fraktion", das in der Studiobühne des Theaters Magdeburg uraufgeführt wurde.


Theater Magdeburg

alt

Der Gelehrte in Zeiten des Krieges

von Ute Grundmann

Magdeburg, 9. Juni 2012. Blutige Gestalten in langen, schwarzen Mänteln schreiten aufeinander zu und aneinander vorbei. Manche tragen altertümliche Waffen: eine Sichel, ein Schwert; oder sie ziehen Kugeln wie Morgensterne hinter sich her. Kein Wort fällt zwischen ihnen, Gewalt flammt kurz auf, es gibt neue Opfer, zwischen denen ein buchlesender Mann im Gelehrtengewand scheinbar ungerührt hindurchgeht. Das ist eine der zentralen und immer wieder variierten Szenen in Jo Fabians jüngster Regiearbeit am Theater Magdeburg. Sein "Guericke-Labyrinth" (ent)führt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Theater Magdeburg

altDas Große im Kleinen

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 5. April 2012. Warum spielen eigentlich so viele Theater dieses Stück, diesen Roman, wenn doch eigentlich so klar ist, worin seine Botschaft besteht? Wir wissen es ja längst: die neuen Pinnebergs und Lämmchens sind unter uns. Vielleicht sind es die so genannten Schlecker-Frauen. Vielleicht sind es die, die unter dem Unwort "Arbeitnehmerüberlassung" rubriziert sind. Vielleicht sind es ja auch gar nicht die Unterdrückten, sondern die "unter Druck". Die mit der permanenten Angst, aus der Mittelschicht zu fallen, in die Lämmchen und ihr Mann gar nicht erst hineinkommen.


Theater Magdeburg

Wegen der Action

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 3. Februar 2012. Die deutsche Sprache weiß es. Sie hält für den Beziehungskrieg einen Satz bereit, der uns als Phrase in den Ohren dröhnt, wenn wir ihn hören, der eigentlich aber sehr klug ist. Es ist dies der Satz, wonach der Krach darin besteht, dass einer dem anderen eine Szene macht. In August Strindbergs "Totentanz" machen sich Alice und Edgar dauernd eine Szene. Wie kein Dramatiker vor ihm hat August Strindberg erkannt, dass der Beziehungskrieg, im bürgerlichen Milieu mithin der Ehekrieg, eine verzweifelt spielerische Dimension hat. Das Stück lebt noch heute ganz gut von der Wucht und der Abgründigkeit des Spielerischen in den Zonen des ehelichen Hasses.


Theater Magdeburg

altDas Griechenvolk, es taugte nie recht viel

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 30. September 2011. Spätestens mit dem Auftritt des Schatzmeisters springt der Funke aufs Publikum über: Der Mann beklagt bekanntlich, dass auf die Parteien kein Verlass und zudem das Geld knapp sei. Mephistos findige Idee, Zauberblätter einzuführen, kann man gerne als putzige Analogie auf das Auflegen von Eurobonds verstehen. Den Kaiser hat Regisseur Martin Nimz mit Iris Albrecht besetzt, die – kanzlerinnenhaft gestikulierend – durch eine Staatskrise rudert. Ha, genau wie in Berlin! Es wird gelacht. Wir sind zugleich bei Goethe und im Kabarett.


Theater Magdeburg

alt

Kratzen an der Tür

von Ute Grundmann

Magdeburg, 20. Mai 2011. Schon die leisen Stimmen ihrer Kinder lassen die Frau zusammenzucken. Je drängender, bedrohlicher die "Mama, Mama"-Rufe werden, desto mehr wehrt sie sich dagegen, schreit, droht, wünscht sich weit weg, würde die Kinder gerne mal vergessen, nur für eine Weile. Dass das nicht geht, zeigt eindringlich die Magdeburger Inszenierung des Romans "Durst" von Michael Kumpfmüller. Schauspieldirektor Jan Jochymski hat ein beklemmendes Kammerspiel von Überforderung, Aggressivität und Hilflosigkeit ins Studio gebracht.


Theater Magdeburg

altSchnitzler im Swingerclub

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 1. April 2011. Zehn Augenmasken tragende Menschen betreten die Bühne, legen ihre Bademäntel ab und stehen in Unterwäsche da. "Keine Zeit mehr für die Liebe", heben sie zu singen an und begleiten ihren frommen Choral mit vulgärerotischen Gesten. Hintern werden präsentiert, Brüste geschüttelt, Zungen spielerisch herausgestreckt. Was ist das, ein Swingerclub? Und wer ist, wenn alle gleich aus der Wäsche schauen, wer? Wer die Dirne, wer die junge (Ehe-)Frau, wer die Schauspielerin? Wer der Graf und wer der Soldat?


Theater Magdeburg
alt

Allein unter Menschen

von Claudia Klupsch

Magdeburg, 25. März 2011. Auf die Frage, was ihn am Hamlet-Stoff reize, antwortet Regisseur Dirk Cieslak: "Der Wahnsinn." Der Wahnsinn ist Thema im "Hamlet in Magdeburg" – der Wahnsinn im Leben des Einzelnen, der Wahnsinn der Gegenwart in einer ostdeutschen Stadt wie Magdeburg, der Wahnsinn in der Welt.


Theater Magdeburg

altVerlassen und verlassen werden

von Ute Grundmann

Magdeburg, 4. Februar 2011. Caro übt an zwei Holzstücken, was sie ihren beiden kleinen Söhnen sagen will. Doch erst mal kommen nur verdrehte Sprichwörter aus ihrem Mund – "Hochmut fängt den Wurm" -, was sie ihnen wirklich sagen will, muss warten. Wie sie die beiden Holzklötze dann anblafft, "und jetzt geht euer Wege, aber leise" macht schon deutlich, dass da keine rundum glückliche Mutter nette Neuigkeiten für ihre Kinder hat.


Theater Magdeburg

Im Bann des Blümchenmusters

von Ute Grundmann

Magdeburg, 20. Februar 2010. Man kann die Hände noch so heftig waschen, die Finger und das Gewissen werden nicht wirklich rein davon. Das wußte schon Lady Macbeth. Und so schrubben auch die Herren Lenglumé und Mistingue ihre Hände plantschend in der Waschschüssel. Zwar haben sie kein Blut, sondern nur Kohlenstaub an den Fingern; aber da sich Herren der feinen Pariser Gesellschaft gewöhnlich nicht in Kohlenkellern herumtreiben, bleibt die Frage, wo kommt der Schmutz her? Und dann sind da noch ein Damenschuh und ein Häubchen...


Theater Magdeburg

Ritter von der rasenden Gestalt

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 19. Dezember 2009. Cervantes' "Don Quijote" gilt gemeinhin als tragikomischer bis burlesker Roman über die Frage von Ideal und Wirklichkeit. Unter gattungsgeschichtlichen Aspekten kann man ihn zudem als Satire lesen, insofern sich der Autor über die Ritter- und Abenteuerromane lustig machte, die damals, im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert, populär waren.


Theater Magdeburg

Aasige Jedermanns-Träume

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 14. Dezember 2008. Die umfassende Ökonomisierung des Lebens ist spätestens seit den 1990er Jahren eine thematische Domäne gerade auch der jungen britischen Dramatik. Namen wie Mark Ravenhill und Martin Crimp stehen hier für eine ganze Autorengeneration, der das deutsche Theater eine Weile sehnsüchtig folgte. Zu jenen Autoren, die ein paar Jahre nach der britischen Welle kommen, gehört der 1970 in London geborene, hierzulande noch wenig bekannte Dennis Kelly, dessen Dialogstück "Liebe und Geld" nun in Magdeburg läuft, nach der deutschsprachigen Erstaufführung in diesem Frühjahr am Theater Basel.


Theater Magdeburg

Generation Schlafanzug

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 19. Oktober 2008. Das postpubertäre Herumsitzen der Generation X hat man zwar nicht vergessen. Irgendwie muss es aber doch etwas aus dem Blickfeld geraten sein zwischen all den Generationenbildern, die nach Douglas Couplands Roman plakatiert wurden. Insofern ist es fast Erinnerungsarbeit, die nun am Schauspiel Magdeburg geleistet wird. Aber eben nur fast. Denn die Generation X kehrt an diesem Abend nicht wieder, allenfalls eine Generation X plus irgendwas. Obwohl man auch daran zweifeln kann, denn diese Menschen sind letztlich nur noch in der Erinnerung vereint.


Theater Magdeburg

Leben nach dem Ascheregen

von Johanna Lemke

Magdeburg, 18. Oktober 2008. Über allem liegt Asche. Ein dünner, grauer Firnis, übrig geblieben vom großen Brand. Eingewickelt in graue Decken, wie gestrandete Flüchtlinge, schleppen sich acht Gestalten auf die Bühne. Sie scheinen gerade noch einmal davon gekommen, der Katastrophe knapp entronnen zu sein, und sie beginnen zu erzählen, während sie sich langsam aus ihren Umhängen schälen.


Theater Magdeburg

Ich hatte mal ein Leben

von Hartmut Krug

Magdeburg, 13. Juni 2008. George F. Walker ist mit seinen über 25 Stücken, in denen er sich mit dem meist hoffnungslosen Überlebenskampf des modernen Großstadtmenschen auseinander setzt, der wohl erfolgreichste kanadische Dramatiker. Bekannt geworden in Deutschland ist er durch die Schaubühne, die im Jahr 2003 seine sechsteilige Einakter-Folge "Suburban Motel" von mehreren Regisseuren im Küchenstudio gegenüber dem Theatergebäude als eine schnelle und grelle, trashig-überdrehte szenische Lesungsfolge präsentierte.


Theater Magdeburg

Der Mensch, oh je

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 24. Mai 2008. Ein "Volksstück" hat Ödön von Horváth seine traurige Geschichte vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Büromaus Karoline im Untertitel genannt. Das war alles andere als ein modisches Lippenbekenntnis an seine Zeit, sondern wirkliche Programmatik. Horváth wollte die Sorgen der einfachen Menschen zeigen. Ein Kleinbürgertheater sollte es sein, bodenständig und unheimlich.


Theater Magdeburg

Heldin ohne Wenn und Aber 

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 15. März 2008. Am besten verstehen sie sich ohne Worte. Da können sie richtig lieb miteinander werden. Der Königsvertraute Arkas, der in Magdeburg von einer Frau gespielt wird, macht gleich am Anfang auf Schmusekätzchen. Mit dem König schwingt Iphigenie ein paar Szenen weiter das Tanzbein. Das sind Momente, in denen das Glück erstrahlt wie der Tag, über dem der Himmel plötzlich aufreißt.


Theater Magdeburg

In den lichten, dunklen Zonen des Gefühls 

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 7. Dezember 2007. Was beim Fußball mit vollem Organ skandiert wird, wenn endlich der Anschlusstreffer fällt, kommt Emilia gleich in der ersten Szene über die Lippen, allerdings vorsichtig und feierlich. Da steht sie vor dem Eisernen Vorhang, mit süßer Verlegenheit und aufgeregt wie eine Schülerin, die zum ersten Mal im Rampenlicht steht. Und sagt: "Jetzt geht's los!" - Das ist natürlich ein dunkler Witz. Schließlich geht ja nicht nur die Vorstellung los, sondern auch die Tragödie – bis zum blutigen Ende.

 


Theater Magdeburg

Big Brother mit Benutzeroberfläche

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 14. Oktober 2007. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. So lautet eine alte Weisheit, die dem einen leicht über die Lippen geht, dem anderen nicht. Wenn man nun das Bild eines Überwachungsstaates sieht, das der kanadische Autor Tim Carlson in "Allwissen" entwirft, dann möchte man diesen Satz endgültig zu den allerdümmsten rechnen – einerseits.


zurück zur Übersicht