zurück zur Übersicht

archiv » Theater Luzern (22)
Theater Luzern

Apokalypse reloaded

von Geneva Moser

Luzern, 15. März 2017. Ein Glaskasten voller Nebel und Stroboskoplicht, darin ein Mensch. Darüber hängt ein weiterer Mensch in Camouflage-Kleidung vor weißem Flies. Vorne noch ein Mensch, mit aufgeblähtem Lawinen-Airbag um den Hals. Das alles getaucht in weißes Flutlicht, in weißen Nebel.


Theater Luzern

Wenn gar nichts mehr hilft

von Valeria Heintges

Luzern, 24. November 2016. Katja Brunner buchstabiert die Schweiz durch. Von A bis Z. Von A wie kein Adolf Hitler über K wie klein aber fein und R wie Roger Federer bis Z wie Zwingli. Oder lieber so: Von A wie Anna Göldi über D wie Dagobert Duck wäre in diesem Land ein Durchschnittsbürger über P wie Puff, U wie Untersuchungshaft, X wie Xenophobie entsteht doch nur, weil es hier so klein ist und gut bis Z wie Zwang.


Theater Luzern

Ho Ho Hochkomplex

von Christoph Fellmann

Luzern, 15. April 2016. Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte zwei wirksame Strategien entwickelt, die dazu dienen, dass sich Aussenstehende, allfällige Kritiker zumal, möglichst nicht mit ihm befassen. Die eine Strategie besagt, dass die Wirtschaft zu komplex sei, um sie zu verstehen; ein Schimäre, die die Mehrheit der Menschen den Neoliberalen nur zu gerne glaubt. Hochfrequenzhandel, wie ging der nochmal? Flash Crash, anyone?


Theater Luzern

Gespenster an der Gehhilfe

von Christoph Fellmann

Luzern, 8. Mai 2015. Wehe, wenn es klingelt, und dieser Mann steht vor der Tür. Der Herr von der Enkeltrickprävention. Er meint es gut, aber natürlich weiß man in diesem Moment, dass man unwiderruflich alt ist. Und bald wird dieser eloquente Herr ein paar unheimliche Fragen stellen: "Wer braucht Sie noch?" Und dann wird er aufzeigen, wohin das führt, wenn man sich nicht mehr selbst mit Klopapier versorgen kann. Man wird dann zum schwitzenden, nach Scheiße riechenden Etwas, das sich in den Regalen des Großmarkts nicht mehr auskennt. Und so wird man ins Heim überredet und landet in der Anstalt, wie sie hier heißt, im neuen, jetzt in Luzern uraufgeführten Stück von Katja Brunner. "Geister sind auch nur Menschen", heißt es, und auch der nette Mann vor dem Haus ist nur einer von der Sorte. Durch ihn spricht ein Lautsprecher den Text, den jeder anständige Mensch nur denkt: "Wer will Sie schon?"


Theater Luzern

Kriegszitterer ohne Krieg

von Christoph Fellmann

Luzern, 13. Dezember 2014. Wir befinden uns in einem jener Bunker, welche die Schweiz ab den Sechzigerjahren gebaut hat, damit ihre Bevölkerung darin einen Atomunfall oder den Dritten Weltkrieg überleben kann. Betonwände, Metallrohre, Maschendraht. Heute werden diese Bunker zwar gelegentlich noch beübt, vor allem aber bringt die Schweiz hier, metertief unter der Erde, die Asylsuchenden unter. Neun von ihnen, alle aus Afrika und derzeit wohnhaft in einer Unterkunft im Kanton Zug, stehen hier nun auf der Bühne des Luzerner Theaters im Nachbau eines solchen Bunkers. Man versteht nicht, was sie reden, nur einmal eine Frage: "Das ist ein Bunker?" – Und die Antwort: "Nein, das ist ein Theater."


Theater Luzern

Atem der Angst

von Elisabeth Maier

Luzern, 21. März 2014.Die Zuschauer finden sich in die Rolle einer Beerdigungsgesellschaft versetzt, an einer langen, mit weißem Leinentuch gedeckten Tafel. Oder wohnen sie dem letzten Abendmahl bei? Mit dieser starken Setzung beginnt Marco Štormans Uraufführung von Katja Brunners Stück "Ändere den Aggregatzustand Deiner Trauer oder Wer putzt Dir die Trauerränder weg?" im UG, der kleinen Spielstätte des Theaters Luzern. Im neuen Stück der Überraschungssiegerin des Mülheimer Dramatikerpreises 2013 geht es um das Tabu-Thema Tod. Verstörend komisch nähert sich die 22-jährige Schweizer Autorin dem Trauerprozess an, der nach dem Freitod eines Jungen in seinem Umfeld einsetzt – über der Erde ebenso wie darunter.


Theater Luzern

Der Ententanz im Einheitspyjama

von Christoph Fellmann

Luzern, 7. Dezember 2013. Der Himmel existiert nicht, Gott sitzt im Publikum. Da drängelt er sich in Form von drei älteren Herrschaften durch die Stuhlreihen, um schließlich am Rand des Parketts seinen Platz einzunehmen, wer weiß, vielleicht muss er ja vorzeitig weg. Wir befinden uns im Luzerner Theater, sehr wohl, aber irgendwie auch in einer Nachmittagsshow auf RTL 2, in der Verlierermenschen durchgereicht werden zum Amüsement der zappenden Götter.


Theater Luzern

Scheitern an der Zeitenwende

von Geneva Moser

Luzern, 13. Oktober 2013. Ljubow Andrejewna Ranewskaja kehrt zurück. Ihr Vermögen hat sie in Paris in den Sand gesetzt, und auch das Gutshaus in Russland steht auf sandigem Boden. Der Mann ist tot, der Sohn ertrunken, der Liebhaber ein Dieb. Davon ist zunächst wenig zu spüren, als Ranewskaja, exaltiert bis ins Unerträgliche, am Ort ihrer Herkunft eintrifft. Dass ebendieser Ort der drohenden Versteigerung wegen hoher Verschuldung nicht wird entgehen können, scheint sie nur marginal zu kümmern. Die rettende Idee des Serbisch sprechenden Kaufmannes Lopachin bleibt unverstanden und ignoriert.


Theater Luzern

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

von Charles Linsmayer

Luzern, 10. Oktober 2012. Von Anfang an spielt die Musik eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung: sie gibt den Rhythmus vor, zeigt unter Verwendung elektronischer Klänge und verfremdeter Stimmen Bedrohliches und Dramatisches an und vermittelt den makellosen Versen, in denen die Tragödie daherkommt, zusammen mit den Lichteffekten, die das Geschehen in den entscheidenden Momenten gespenstisch in Hell und Dunkel portionieren, etwas Dissonantes, Heilloses, Erschreckendes. In eine ähnliche Richtung geht auch das Bühnenbild, das zunächst gar keines ist, sondern einfach das nackte Bühnenhaus mit all seinen technischen Einrichtungen zum Spielraum macht. Dann aber, als das Drama sich zuspitzt, erhebt sich eine hölzerne Wand in die Luft und grenzt eine enge Spielfläche ab, bis sich deren Teile zu einem schwarzen Kubus vereinen, der Drohkulisse und Gefängnis in einem ist.


Theater Luzern

Befreie den inneren Idioten!

von Beat Mazenauer

Luzern, 25. August 2012. Die Idioten sind immer die andern, glauben wir, frei nach Sartre, (meist) zu wissen. Wie wäre das Leben schön, wenn nur all diese Idioten nicht wären! Daraus hat Lars von Trier 1998 ein Experiment entwickelt, das die vermeintliche Normalität durch eine Gruppe von idiotischen Provokateuren in Frage stellt. Um den Ideologen Stoffer versammelt, drehen sie den Spieß um und geben sich lustvoll selbst als Idioten aus. Indem sie so peinliche Szenen kreieren, halten sie der Gesellschaft nicht nur die Idiotie vor, sie möchten zugleich den eigenen "inneren Idioten" in sich befreien. Allerdings gehen auch sie, neben diesem Spiel, einem bürgerlichen Leben nach. Der Spagat ist nicht leicht auszuhalten.


Theater Luzern
alt

Der stille Tod des Rechts

von Christoph Fellmann

Luzern, 11. November 2011. Als das Ende dann da ist, wird Ill und mit ihm der Rechtsstaat zwischen Zypressen begraben, mit Blick aufs Mittelmeer. Ist es das Glück der Tagesaktualität oder das Geschick des Regisseurs, das dazu führt, dass der Schluss eines 56 Jahre alten, schon vor langer Zeit zu Tode gespielten Stücks einen hier und heute anspringt wie der grimmige Gesichtsausdruck des Nachrichtensprechers, der gerade den Zusammenbruch der Eurozone moderiert? Es ist das Geschick des Regisseurs, eindeutig.


Theater Luzern
alt

Der Streit der Karikaturen

von Christoph Fellmann

Luzern, 19. März 2011. Babette und Gottlieb Biedermann sind das, was der rechte Mainstream den linken nennt. Er Klimaforscher, sie Sprachlehrerin für Ausländer. Gut situiert, gut gesinnt, aber nicht so gut gelaunt. Diese links-liberale Bürgerlichkeit wird herausgefordert, als der Bruder von Gottlieb in der Türe steht: Thomas beziehungsweise Abdul Qadir, denn er ist während der langen Zeit, die er fort war, zum Islam konvertiert. Er zieht bei Biedermanns ein – genau so, wie in deren Haushalt vor 52 Jahren, als der noch eine ganz und gar konservative Bürgerlichkeit verströmte, schon zwei Hausierer eingezogen waren, die sich dann als Brandstifter entpuppten.


Theater Luzern
alt

Des Herzogs Dusche unter der Gießkanne

von Charles Linsmayer

Luzern, 5. Februar 2011. Das Luzerner Theater ist in jüngster Zeit wiederholt in Frage gestellt worden, als es um die von einem anonymen Mäzen in Aussicht gestellte, 100 Millionen Franken teure "Salle modulable" hinter dem KKL, dem monumentalen Luzerner Kunst- und Konzerthaus, ging. Dadurch wäre der Theaterbetrieb in die Südpol-Hallen der Stadt verdrängt worden. Nachdem das Geld zurückgezogen wurde - die Presse karikierte das Projekt im vergangenen Oktober als "Salle blamable" bzw. "Salle modul-Adé"! - , reagierten die Verantwortlichen schließlich auf die Kritik der Theaterfreunde und planten in eine neue, allerdings noch keineswegs finanzierte Variante des leicht hybriden Projekts auch wieder den Dreispartenbetrieb Luzerner Theater für eine jährlich neunmonatige Spieldauer mit ein.


Theater Luzern

Swann im Amrainer Universum

von Beat Mazenauer

Luzern, 10. Dezember 2010. Die Freunde Baur und Bindschädler gehen und reden. Das heißt: Bindschädler spricht und Baur hört geduldig zu. Aus dieser Konstellation hat der Schweizer Autor Gerhard Meier (1917-2008) eine Roman-Tetralogie geschaffen, in der sich alles im Flecken Amrain konzentriert. "Amrain war das Zentrum der Welt", erinnert sich Bindschädler. So kennt man Gerhard Meier – doch dieser Gerhard Meier ist auf der Bühne des Luzerner Theaters kaum wiederzuerkennen.


Theater Luzern

Selbstbefragung eines Lügners

von Beat Mazenauer

Luzern, 14. Oktober 2010. Im Herbst 2008 krachte das isländische Finanzwesen in sich zusammen. Die Landsbanki und weitere Institute spuckten ihre spekulativen Verluste aus und zogen das Land tief in den Bankrott. Zurück blieben Ratlosigkeit und Schulden. Vor diesem Hintergrund scheinen isländische Theaterschaffende geradezu prädestiniert dafür, das nordische Epos des phantastischen Bankrotteurs Peer Gynt auf die Bühne zu bringen. Aber so einfach macht es sich die Luzerner Inszenierung freilich nicht.


Theater Luzern

In moralischen Feuchtgebieten

von Beat Mazenauer

Luzern, 8. April 2010. Man nehme den Fisch, schneide ihn längs durch, schiebe die Oberseite sorgsam weg und ziehe vorsichtig das Grätenskelett mitsamt Kopf ab. Auch ohne Filetstücke lassen die Gräten untrüglich noch den Fisch erkennen. Ähnlich verhält es sich mit der Bühnenadaption von Romanen. Unter Weglassung der erzählerischen Passagen muss in der Stückfassung dessen Grundidee sichtbar bleiben. Dabei liegt die Kunst in der Subtilität des Zerlegens.


Theater Luzern

Die Macht der Erfindungen

von Christoph Fellmann

Luzern, 13. Februar 2009. Das Geld ist weg. Die einzige Zahl, die sich noch nach oben bewegt, ist die der Pfändungsbeamten. Es steht nicht gut um die Liegenschaft "Abendstern", aber der Bankrott, der sich vor unseren Augen abspielt, ist gemessen an den verrückten Zeiten drumherum geradezu ergreifend schlicht.


Theater Luzern

Achtelherz unterm Knochenhimmel

von Christoph Fellmann

Luzern, 26. Oktober, 2008. Es gibt eine ganz, ganz leise Klaviermusik im Reiche Popo, die so gepflegt dahinperlt, als untermale sie das Geschehen am Hof seit tausenden von Jahren. Es gibt einen längst verdämmerten Staatsrat und einen König, den nur noch ein Anzug von fossilem Violett sowie eine dicke Schicht von Puder überhaupt im Leim halten. Ach, es ist bereits entsetzlich lange so, dass das Geschehen am Hof nur noch geschieht. Der Ennui als letzte Staatsraison.

Da fällt der Selbst-, Zweit- und Drittekel natürlich leicht. Gerade dem Leonce, dem jungen Prinzen des Hauses. Seine Haut ist blass, seine Augen sind schwarz gerandet, und er redet existenzialistisches Zeug. Ein klarer Fall von Emo, dieser Jugendkultur, in der es nur einen kurzen Gedankenflug bedeutet vom Lidschatten zur Todessehnsucht und zurück. Samuel Zumbühl spielt Leonce in Luzern sehr schön als chic zerrütteten und souverän blasierten Jüngling, der so melodramatisch wie ungefähr mit Liebe, Revolution und Tod kokettiert. Sein Selbstmordversuch ist nicht mal halb-, allenfalls achtelherzig.

Das Protokoll ist stärker

Im Grunde genommen, zeigt Andreas Herrmann in dieser Inszenierung von Georg Büchners "Lustspiel", fühlt Leonce ja das gleiche wie sein Vater, bloß 40 Jahre später. Nicht, dass er das schon wüsste, aber er wird es, wie man weiß, im Verlaufe der zweieinhalb Stunden erfahren. Und er wird wie sein Vater lernen, wie man sich im Leben einrichtet mit so einer Todessehnsucht.

"Leonce und Lena" ist eine ganz und gar tragische Komödie. Ja, man könnte sie schwarz und zynisch nennen: Ist es doch die Liebe, die zwei junge Leute zusammen und soweit auch ins Happy End, vor allem aber zurück in den Schoß der bürgerlichen Konvention führt. Das ist schon sehr schlau: Der König verheiratet zwei Automaten, um dem Protokoll zu genügen. Doch die Automaten, das sind nur die zwei jungen, dummen, verkleideten Betrüger, die dem Protokoll entkommen wollten. Das Protokoll ist stärker, und die Betrüger sind in Wahrheit die Automaten, die es erfüllen. Das nennt man noch eine Moral von der Geschicht'. Aber Andreas Herrmann macht das sehr klug: Er übergibt seinen Büchner, übergibt seine Figuren ganz der Ausweglosigkeit und schafft so – wirkungsvoll unterstützt durch die Musik von Jacob Suske – eine dichte, aber auch leise ironische Atmosphäre des großen Weltennuis. Darin aber lässt er dann seine Schauspieler ganz leicht und verspielt agieren.

Hysterisch gelangweilt

Und Herrmann hat für sein Ensemble viele kleine Kabinettstückchen eingerichtet, die das bekannte und ja auch etwas wohlfeile Stück zu einem zeitgenössischen Abend machen, in dem es in der Tat viel zu lachen gibt: Die zwei Kammerdiener (Jeanne Devos, Newa Grawitt), die hoch komisch vom Klavierstuhl kippen; der König (Christoph Künzler), der ganz verdutzt zu seinem schütteren Staatsrat spricht; Prinzessin Lena (Daniela Britt), die auf Gitarre und Glockenspiel das Lied "Auf dem Kirchenhof will ich liegen" übt. Und Valerio, dieser kriegsversehrte Narr, der seine Sottisen beim tollen Jörg Dathe ganz ernüchtert und bloß spricht. Und das alles in einer Landschaft aus riesigen, vom Bühnenhimmel bimmelnden Knochen, die, weil aus Stretch-Stoff gefertigt, dem suizidalen, auf seine hysterische Art gelangweilten Personal lustigerweise auch als Ruhekissen und Sitzsack dienen.

Zwar vertrödelt Andreas Herrmann seine "Leonce und Lena" gegen Ende in zwei, drei Szenen unnötig, etwa mit einer doofen Publikumsanimation oder ein paar Witzredundanzen aus dem ersten Teil. Über weiteste Strecken ist ihm aber doch eine sehr überzeugende Comédie humaine gelungen.

 

Leone und Lena
von Georg Büchner
Regie: Andreas Herrmann, Bühne: Max Wehberg, Kostüme: Catherine Voeffray, Musik: Jacob Suske. Mit: Samuel Zumbühl, Daniela Britt, Christoph Künzler, Jörg Dathe, Wiebke Kayser, Manuel Kühne u.a.

www.luzernertheater.ch


Lust auf mehr Leonce und Lena? Wir berichteten zuletzt von Dimiter Gotscheffs Hamburger Inszenierung.

 

Kritikenrundschau
Regisseur Andreas Herrmann und Bühnenbildner Max Wehberg stellten in der Luzerner Inszenierung von "Leonce und Lena" nun das Morbide dieses "wohl morbidesten Lustspiels der Weltliteratur" mit aller Deutlichkeit in den Vordergrund", schreibt Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (28.10.): auf der Bühne Totenbeingebilde und andere Vergänglichkeitssymbole. Die Begegnung von Leonce und Lena etwa finde im Innern eines Höhlengebildes in Totenschädel-Form statt – "Todessehnsucht als Seelenverwandtschaft". Wie stark Büchners Text Shakespeares "Hamlet" und "Was ihr wollt" verschmölze, habe man "noch kaum je so deutlich – man könnte manchmal fast sagen: didaktisch – vorgeführt bekommen". Zumbühl gebe Leonce als "Poseur des Wahnsinns und des Weltschmerzes", Dathes Valerio sei ein "kraftvoller Narr (...), der die Posen mit grobem Witz und intelligenter Ironie zu erden vermag". Leider ziehe Herrmann die Expositions-Szenen um König Peter "noch zusätzlich in die Länge zu ziehen", mit um "Entertainment bemühten" Regieeinfällen allerdings. Als "Vorspiele für die Kulmination im zweiten Akt" könnten sie jedoch "sowohl punkto Atmosphäre wie auch szenischen Witz nicht genügen".

"Die pure Leere wohlstandsverwahrloster Übersättigung" sei diesem Leonce "ins bleich geschminkte Gesicht geschrieben", so Urs Bugmann in der Neuen Luzerner Zeitung (28.10.). Lena hingegen die "selbstbewusste Unschuld, zwischen Naivität und Keckheit". "Zauberhaft poetisch" näherten sich die beiden an, "verloren in der Liebe, durch Gazewände getrennt" im "traumhaft ausgeleuchteten Bühnenbild". Herrmann biete "ein bisschen Spaß, ein bisschen Melancholie und Trauer, dazu ein bisschen Poesie und schönes Gefühl" – jedoch sei "die Färbung (...) zu uneinheitlich".


Theater Luzern

Familienfanal im Vorstadtgarten

von Severin Perrig

Luzern, 13. September 2008. Hamlet ist, soviel sei gleich vorweggenommen, keinesfalls tot, allenfalls scheintot. Denn sonst wäre nur Schweigen. Aber da ist soviel Gerede am Ort des Schweigens, auf dem Vorort-Friedhof. Nur ein Junger namens Hannes ist so richtig tot. Vor den Vätern beerdigt man eben meist schon die Söhne. Und "diese Zufallsscheiße" beinhaltet, dass sich zwei Paare beim Begräbnis einfach so über den Weg laufen. Bine (Daniela Britt) und Oli (Manuel Kühne) können es kaum fassen, diese "Ironie des Schicksals". Denn die Freunde Dani (Samia von Arx) und Mani (Samuel Zumbühl) sind alte, nur zu gute Bekannte in dieser unheimlichen Vorstadt-Tristesse.


Theater Luzern

Am Puls des Hohlen

von Christoph Fellmann

Luzern, 21. Mai 2008. Sie haben den Schlüssel zum Bankschliessfach des toten Emilio verloren, in Wahrheit aber – aufgepasst jetzt! – fehlt ihnen der Schlüssel zum Weiterleben. Nein, das ist kein Roman von Paulo Coelho, das ist ein Theaterstück von Rafael Spregelburd; bloss, dass es tut, als sei es ein Film von Pedro Almòdovar. Sie wissen schon: Alle angeknallt und exaltiert. In Deutschland wurde "Die Panik" im Januar 2007 in München erstmals gezeigt, jetzt ist das argentinische Stück auch im Land der Bankschliessfächer angekommen; Andreas Herrmann, Chef des Schauspiels, hat es am Luzerner Theater gleich selber inszeniert. Und siehe da, aus Almòdovar, der Coelho verbirgt, ist im Handumdrehen eine bieder-schweizerische Boulevardkomödie geworden. Sagen wir mal: Hans Gmür (muss man woanders nicht kennen).


Theater Luzern

Sternschnuppen auf Delay

von Christoph Fellmann

Luzern, 3. April, 2008. Die menschlichen Beziehungen sind, man kennt das aus dem Leben und, ach, dem Theater, vorläufig. Monique Schwitter hat in ihrem ersten Stück dafür eine Form gefunden, die nun freilich das Leben souverän überragt: Das Personal von "Himmels-W" tritt in fünf "Ansichten" auf, in je anderer Konstellation. Mal bilden die fünf Figuren eine Familie bei Mutterns Geburtstagsfest, mal die Besatzung einer Bar, dann sieht man sie als beste Kumpels im Park, vereinzelt am Flughafen und dann wieder als Familie am Sterbebett des Vaters. Zwei, die eben noch Geschwister waren, sind in der nächsten Szene ein Paar; zwei, die eben noch kein Wort miteinander redeten, sind nun die besten Freundinnen. Fünf Figuren in fünf Konstellationen – eine Stückanlage wie ein Sternbild. Fünf Punkte, die sich auf beliebige Weise verbinden lassen. Das "Himmels-W", das sich Monique Schwitter bei der Kassiopeia geliehen hat, ist nur die eine.


Theater Luzern

Schwarzes Traumspiel

von Christoph Fellmann

Luzern, 20. Oktober 2007. "So." Ein kurzer Antritt von Prospero, und der Abend läuft wie geschmiert. Die Labormenschen rennen von ihren Stühlen los, einmal kurz Sturm, und schon gehen sie aus dem Leim und zeigen, wozu sie fähig sind, wenn die Zivilisation mal eben nicht hinguckt. Nach dreieinhalb Stunden sieht sich Prospero in seiner Vermutung darüber bestätigt, wie die Welt funktioniert.


zurück zur Übersicht