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archiv » Theater Heidelberg (41)
Theater Heidelberg

Ökos beim Mauerbau

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 12. Februar 2017. Am Anfang spricht, von einer Videokamera aufgenommen, ein überdimensionales Gesicht auf das überwiegend junge Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Zwinger, der Nebenspielstätte des Heidelberger Theaters, herab. So weit, so üblich. Immerhin: dass man auch dem Video unverbrauchte Effekte abgewinnen kann, beweist jene Szene, in der die Gesichter der Gesprächspartner bei einem Fernsehinterview durch flatternde Teile der Projektionswand grotesk verzerrt werden. Am Ende fällt der Bühnenprospekt, der rechts von einer schäbigen Sperrholzwand mit diversen Bildern und Nippes in einem kleinen Hängeregal sowie einem Stadtplan begrenzt wurde, in sich zusammen und gibt den Blick frei auf das zu einer Gruppe vor altmodisch gemalter Gebirgslandschaft arrangierte Ensemble, das zur sehr deutschen Musik von Richard Wagner einen poetischen Text rezitiert.


Theater Heidelberg

Verloren im Gefängnishof

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 26. November 2016. Ein wenig mulmig ist einem schon, wenn man vor den hoch aufragenden, roten Sandsteinmauern des ehemaligen Gefängnis "Fauler Pelz" steht, das den Heidelberger Kessel noch hermetischer und auswegloser erscheinen lässt. Ein Spiel, eine Installation, was regst du dich auf, denkt man – und tritt ein. Nach vorherigem Klingeln, einzeln und im streng eingehaltenen Fünfminutentakt. Betont unfreundlich ist das Personal, das Vollzugsbeamte mimt, Anweisungen gibt und Wege anzeigt. Sehr beruhigend ist auch der ausgehändigte Handzettel nicht, dass das Leitungswasser hier nicht trinkbar sei und man – noch beunruhigender – jederzeit mit dem Codeword "Abbruch" aussteigen könne. O Gott, was kommt da auf mich zu? Was ist das hier? Ein SM-Käfig?


Theater Heidelberg

Der Fall des weißen Mannes

von Steffen Becker

Heidelberg, 30. September 2016. Pegida-Frontmann Lutz Bachmann hat eine Fehlentscheidung getroffen. Er ist auf die Kanaren ausgewandert. Japan wäre die bessere Wahl für alle um die Volksidentität besorgten Bürger. Abgeschottet, kaum Einwanderung, ethnisch homogen. Nachteil: Das Land ist demografisch erledigt. Das Heer der Alten wird inzwischen von Pflegerobotern versorgt.


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Flüchtlingspolitik zum Anfassen

von Steffen Becker

Heidelberg, 23. April 2016. Als die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, im September 2015 Heidelberg zur Recherche besuchten, erschienen Flüchtlinge als perfektes Thema für eine Uraufführung. Europa war in Aufruhr, das Thema brannte auf den Nägeln: heißes Zeug für die Bühne. In ihrer Einführung zur Premiere berichtete Dramaturgin Sonja Winkel von den Proben ein halbes Jahr später. Geschlossene Balkanroute, leere Lager und eine Stimmung, die sagt "schon wieder was über Flüchtlinge, das Thema ist doch durch". Spoiler: Es wurde trotzdem ein aufregender, aufwühlender, manchmal ärgerlicher und doch gelungener Abend.


Theater Heidelberg

Das Böse stirbt nicht aus

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 9. März 2016. Den Darstellern steht eine Fläche von geschätzten zwölf Quadratmetern zur Verfügung. Beate Faßnacht, das seltene Exemplar einer Bühnenbildnerin, die selbst auch Dramen schreibt, hat eine schräge schwarze Plattform in den Raum gestellt, die an einen Boxring mit kaputten Stäben anstelle der Seile erinnert und in einiger Entfernung umgeben ist von einer bedrohlichen Wand aus rostigen Stahlplatten wie von Richard Serra. Die Plattform muss von der offenen Unterbühne her hinten erklommen werden – der Begriff "Auftritt" ist in dieser Inszenierung wörtlich zu verstehen.


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Im Rausch der Flammen

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 10. Oktober 2015. Die letzte Bibliothek der Welt geht in Ray Bradburys Zukunftsroman "Fahrenheit 451" in Flammen auf. Und mit ihr die Hüterin der Literatur, die schrullige Mrs. Hudson. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó zeigt den Klassiker der dystopischen Literatur, mit dem der amerikanische Autor und Journalist 1953 den Durchbruch schaffte, als pessimistisches Science-Fiction-Spektakel. Mit dem Videokünstler András Juhász und einem deutsch-ungarischen Ensemble nimmt er die Zuschauer im Theater Heidelberg auf eine atemberaubende Bilderreise mit.


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Das Drollige und das Höhere

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 29. März 2015. "Mit 476 Mark in der Tinte sitzen", ach das wäre schön, mag man da, das Drama verkennend, mit Blick auf heutige Kontoauszüge denken. 1911, im Uraufführungsjahr von Carl Sternheims fünfaktiger Komödie war das eine Menge Geld. Auch für Oberlehrer Heinrich Krull (Michael Kamp), der per anno 5.000 verdient, aber eine Tochter aus erster Ehe unterhalten, ein Hausmädchen (Magdalena Neuhaus) und vor allem eine kostspielige junge Frau (Nannette Waidmann) sowie einen aufwendigen Lebensstil finanzieren muss. Bei Tante Elsbeth (mit dem Zorn der Gerechten: Christina Rubruck) steht er in der Kreide – und die sitzt fest und fordernd auf dem Geld wie auf dem titelgebenden Objekt der Begierde: "Die Kassette", voll mit lukrativen Wertpapieren, die eine rosige Zukunft sichern zu scheinen, falls er sie beerbt ...


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O ewiges Schlachten!

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 5. Dezember 2014. Irgendwie passt er nie so recht in die Zeit, Brechts aus vielerlei Quellen und Vorlagen zusammengeklaubter "dreizehnter Versuch", der zum Stück in elf Bildern reifen sollte. Außer natürlich in seine Entstehungszeit der Weltwirtschaftskrise, aber da traute sich niemand, diese Parabel um Klassenkampf, Ausbeutung und entfesselten Kapitalismus zu spielen. Bis auf einen, das war Gustaf Gründgens, dem Brecht 1949 schrieb: "Sie fragten mich 1932 um die Erlaubnis 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe' aufführen zu dürfen. Meine Antwort ist ja."


Theater Heidelberg

Bilder vom zerschnittenen Himmel

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 3. Oktober 2014. Das US-Hospitalgelände in Heidelberg war für Deutsche jahrzehntelang tabu. "Da gab es sogar einen Schießbefehl", erinnert sich eine Besucherin des Theaterspektakels "Born with the USA", das noch bis 5. Oktober auf dem leer stehenden Areal zu erleben ist. Mit Theaterstücken, Tanz, Performances, einer Kammeroper, Zeitzeugenberichten und einer Parade made in USA nähert sich das Theater Heidelberg der durchaus schwierigen deutsch-amerikanischen Geschichte an.


Theater Heidelberg

Save my beer

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 9. Juli 2014. Durch einen mit Stacheldraht gekrönten Zaun gelangt man zur Turnhalle des ehemaligen US-Hospitals am wenig attraktiven Südrand Heidelbergs. Konventionelles Theater ist hier nicht zu erwarten; Darsteller, die Rollen verkörpern oder Dialoge sprechen, wird hier niemand verlangen. Aber oh Wunder: Was an diesem ungewöhnlichen Ort geboten wird, ist so innovativ und experimentell wie eine katholische Sonntagsmesse. Nicht ein Einfall, den man nicht anderswo schon gesehen hätte, nicht ein Augenblick der Überraschung. Stattdessen: ein permanenter Déjà-vu-Effekt und eine Ästhetik der Beliebigkeit.


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Moritat vom Loser mit den gelähmten Beinen

von Harald Raab

Heidelberg, 23. November 2013. Harry Schnee ist nicht Willy Loman, Dirk Laucke nicht Arthur Miller. Lauckes neues Stück "Samurai" ist nicht der "Tod eines Handlungsreisenden", obwohl das inhaltliche Grundkonzept verblüffend ähnlich ist: Das Zerfasern eines kleinen Leben, das Platzen eines Traums. Kein American Dream, sondern ein sehr deutscher Traum vom Häuschen mit Garten, schnuckeligem Frauchen, Ansehen durch Arbeit, famosen Kindern und ewiger Gesundheit. Dirk Laucke hat wieder ein Loser-Stück geschrieben: mit dem kämpferischen Titel "Samurai".


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Boom! Zong! Schluck! Dekonstruier!

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 12. Oktober 2013. Im atemlosen Redaktionsalltag eines Comicverlags lässt die Autorin Rebekka Kricheldorf den amerikanischen Helden Sergeant Superpower sterben. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York weiß der Kämpfer, der in früheren Jahrzehnten brutale Nazischergen in die Flucht geschlagen hat, nicht weiter. Klar umrissene Feindbilder gibt es in der zerfallenden Welt nicht mehr. So genügt ein gezielter Schuss, um die Identifikationsfigur ganzer Generationen ins Jenseits zu befördern. Denn als Zweifler, der die Welt hinterfragt, wird sie nicht mehr gebraucht. Im 21. Jahrhundert jagen Jugendliche platte Cyberhelden wie Super Mario über die Computerbildschirme. Längst ist die Zeit der Sprechblasen vorbei. "Sergeant Superpower rettet Amerika" lautet der Titel der Zeitreise durch die Welt der Medienkonstrukte, die am Theater Heidelberg uraufgeführt wurde.


Theater Heidelberg

Das Leiden des Kapitalisten

von Harald Raab

Heidelberg, 20. Juni 2013. Das ist wirklich Mut zum Risiko. Das Theater Heidelberg adaptiert Upton Sinclairs Riesenwälzer "Oil" von 1927, einen monströsen Rundumschlag gegen den Monopolkapitalismus und seine Destruktionskraft in Gesellschaft, Familie und Individuum. Die von Patricia Nickel-Dönicke und Regisseur Jan-Christoph Gockel unter Mitwirkung des Ensembles erarbeitete Bühnenfassung bleibt dabei eng am Dialogmaterial des Romans und beweist, dass – mit Bertolt Brecht gesprochen – der Schoß noch fruchtbar ist, aus dem das alles einmal gekrochen ist. Früher Öl, heute schmierige Derivate der Finanzjongleure; im Grunde hat sich wenig geändert.


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Lern Deutsch, Du osteuropäischer Koproduktionsaffe!

von Stefan Keim

Heidelberg, 27. April 2013. Ein Flugzeug stürzt ab. Zombiestewardessen tanzen mit blutigen Köpfen ihr Sicherheitshinweise-Ballett zu Carl Orffs "Carmina Burana". König Ubu sagt sein berühmtes "Schreiße", zieht sich die Hose runter, klettert auf eine Tonne und produziert mit wilden Durchfallgeräuschen vom Band Exkremente. Damit veredelt er die Pampe, die seine Gattin als Mahlzeit produziert. Es sind erst ein paar Minuten vergangen in Viktor Bodós Inszenierung der wilden Farce "König Ubu" in Heidelberg. Krasse Bilder und durchgeknallter Slapstick prasseln auf das Publikum ein.


Theater Heidelberg

Wenn die Luftballonherzen aufgeblasen werden ...

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 1. März 2013. Ein hübsches Paar, und ein nettes. Die Art, wie Feli und ihr Mann Pep miteinander umgehen, ist von liebevollem Spieltrieb und entwaffnender Jugendlichkeit geprägt. Das verrät der Text von Kleist-Förderpreisträgerin Marianna Salzmann ohnehin, und Regisseur Paul-Georg Dittrich hat es sich auf phantasievolle aber auch überbordende Weise zur Aufgabe gemacht, diese Besonderheit jungen Eheglücks mit dem dicken Stift und allerlei spaßigem Kindergeburtstagsschabernack szenisch nachzuzeichnen. Doch dann begegnet Barkeeperin Feli der noch spaßigeren Lil und es gilt, was das Fernsehen schon in den 70ern zu wissen glaubte: "Drei sind einer zuviel" – und Gatte Pep (erstmal) raus.


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Das schmerzhafte Einmaleins der Liebe

von Harald Raab

Heidelberg, 14. Dezember 2012. "Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler …" Shakespeare-Texte eignen sich ganz fabelhaft als Chansons. Besonders wenn sich Georgette Dee mit rauchiger Stimme und großer Revuegeste ihrer annimmt. Neben Anne Schäfer als Rosalinde steht die Diseuse als Jaques in Heidelberg auf der Bühne: Zwei Frauenfiguren, zwei Leistungen, die dem chaotischen Mechanismus der Shakespeare-Komödie "Wie es euch gefällt" Drive und Witz in den Irrungen und Wirrungen der Liebe geben.


Theater Heidelberg

Mach nur einen Plan

von Harald Raab

Heidelberg, 22. November 2012. In Heidelberg steppt der Bär, als Weihnachtsengel verkleidet. Die Altstadt ist ein einziger großer Weihnachtsrummel – jetzt schon. Lichterglanz und Glühweinduft in der deutschesten aller deutschen Städte. Das Geschäft mit den Touristen brummt. Und ausgerechnet hier findet die Revolution statt, im Studiotheater Zwinger 1.


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Trautes Heim, Unglück allein 

von Dennis Baranski

Heidelberg, 6. Oktober 2012. All die schönen Dinge, die dem konsumbewussten Wohlstandsbürger zur Befriedigung unbestimmter Bedürfnisse gereichen, sind plötzlich in Gefahr. Denn als Marco und Sabine von außerhäusiger Suche nach Zerstreuung heimkehren, finden sie ihre Wohnungstür gewaltsam geöffnet. Auf den ersten Blick scheint die teure Habe noch komplett und so weicht der anfängliche Schock schnell Erleichterung. Indes bleibt das plötzlich aufgekommene Unbehagen, geteilt von den Einbrechern selbst: Sie sind noch zugegen.


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Hass, Mord, Minderheit und Klischees

von Hartmut Krug

Heidelberg, 16. Juni 2012. Eine Schauspielerin tritt vor das Publikum und erzählt vom Mord an einem Roma-Vater und seinem kleinen Sohn. Sie soll eine ungarische Menschenrechtlerin sein, bleibt aber deutlich Schauspielerin und Textvermittlerin. Die nicht anklagt, nicht "auf betroffen macht", sondern einfach erzählt. So wirkt die Menschenjagd auf Roma, die im ungarischen Sprachgebrauch "Zigeunerjagd" heißt, erschreckend normal, so wie die Erzählweise, die hier gewählt ist.


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alt

Moralischer Tsunami in der Erregungsgesellschaft

von Harald Raab

Heidelberg, 27. April 2012. Was waren das noch für romantische Zeiten, als die 68er-Generation eines Joschka Fischer unter dem Pflaster den Strand vermutete – paradiesisch, hedonistisch, das ganze Leben eine einzige Woodstock-Party, Flower-Power, freie Liebe satt. Und heute, ein halbes Jahrhundert später? Ach, wären die Strände doch gepflastert. Öl aus havarierten Tankern und lecken Bohrinseln ließe sich ganz einfach wegspülen, samt allen anderen Themen, die in der deutschen Empörungsgesellschaft hohe Wellen schlagen.

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altPurzelbaum in Richtung Schweinfurt

von Michael Laages

Heidelberg, 18. Februar 2012. Der Abend hat noch gar nicht begonnen, da sind schon die zauberhaftesten, verstörendsten Begegnungen möglich mit einem Maß von Fremde, das von nun an und für den Rest vom theatralischen Exkurs Thema bleiben wird. Sonderbare Typen begegnen der Theaterkundschaft – sauber, ordentlich, geradezu chic, freundlich und zuvorkommend in jeder Hinsicht; aber er redet wirklich vollkommen zusammenhangloses Zeug, der junge Mann, der sich da gerade auf dem Herrenklo erleichtert hat. Seine Worte sind durchaus zugänglich, ihr Sinn aber nie – oder verstehen wir nur nicht die (vielleicht) poetische Grammatik, die das Geplapper formt? Na, da müsse er ja wohl noch ein wenig Text lernen, pflaumt ihn ein Theatergänger an – und der Junge fängt mit größter Selbstverständlichkeit von vorne an, will offenkundig erklären, was und wie er spricht und denkt. Wir werden ihn nie verstehen – Hans Prinzhorn, 1886 im westfälischen Hewer geboren und 1933 an Typhus gestorben, hat Leute wie ihn verstanden. Ein bisschen wenigstens.


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Neue digitale Zukunft mit alten Zielen

von Harald Raab

Heidelberg, 10. Dezember 2011. Spätestens seit die Piraten-Partei im Berliner Senat sitzt, sollte die Elite der Schwarmintelligenz im Hier und Jetzt angekommen sein. In den Wolken des schönen neuen World Wide Web muss die Freiheit noch grenzenlos gewesen sein. Jetzt ist die schnöde Wahrheit nicht länger zu übersehen: So lang der alte Adam Netzwerker ist, bleibt alles beim Alten. Man macht sich gegenseitig etwas vor, tritt mit dem Anspruch an, die Menschheit zu retten und steht sich am Ende selbst am nächsten. Die conditio humana ist immer noch: Fressen und gefressen werden in der Konkurrenzgesellschaft, die auch im digitalen Zeitalter fröhliche Urständ' feiert. Das Morgen, das schon heute sprießt, ist auch von gestern.


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Das tolle andere Bunte

von Bernd Mand

Heidelberg, 20. Oktober 2011. Am Ende ist alles wieder auf Anfang gestellt. Wie so oft im Leben. Stunde null. Jetzt noch schnell aufräumen, und dann geht es auch schon wieder los. Optimistisch sieht anders aus, aber auch die Wiederholung hat ja ihre Reize für den Liebhaber.


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Bunt gemischte Gefühle

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 21. April 2011. "Aus einem Gramm Nachrichten" hat Jakob "eine Tonne Hoffnung" gemacht. 1944 ist die Hoffnung in einem polnischen Ghetto als letzte Kraft bitter nötig, wenn leider auch unbegründet. Doch das kann auch Jakob Heym nicht wissen, der sich eher aus Trotz und Versehen in die Behauptung verstolpert, heimlich ein natürlich streng verbotenes Radio zu besitzen. Aus dem NS-deutschen Polizeirevier hat er ein paar Fetzen um Gefechtsstände aufgeschnappt, die ihm und seinen jüdischen Leidensgenossen eine neue Welt möglich erscheinen lassen.


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Die Tempomacher des Wirtschaftsabschwungs

von Bernd Mand

Heidelberg, 6. März 2011. Der Volksmund weiß es ganz genau: "In der Ruhe liegt die Kraft." Seltsam bloß, dass weite Teile der Bevölkerung dem eigenen Mund nicht trauen wollen. Das kollektive Hetzen und Ermüden des modernen Menschen spricht jedenfalls eine andere Sprache als der gern zitierte Lautbildungsapparat, den wir schon lange nicht mehr verstehen können oder wollen.


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Schweigen für die Welt

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 4. März 2011. Kennen Sie den: "Lesen Sie mehr Ibsen!", rät der Intendant dem aufstrebenden Jungautor und wünscht sich dann ein spielbares und gut verkäufliches Drama mit Globalisierungswahnsinn, Sprengstoffanschlägen, Kindesmissbrauch, Nahostkonflikt und Rechtsradikalismus. Erfolgsdramatiker Nis-Momme Stockmann hat die Not des Auftragsdichters für Stuttgart erfolgreich mit Kein Schiff wird kommen dramatisiert. Das darin vom Intendanten bestellte Stück zum Wendejubiläum 2009 ist es absichtlich nicht geworden, dafür aber eine tiefgründige wie anrührende Begegnung zwischen und Vater und Sohn. Desgleichen bot Stockmann nicht minder eindrücklich schon in seinem Erstling Der Mann der die Welt aß. Darin konfrontierte er einen am Kapitalismus verzweifelten Egoisten mit seinem dementen Vater und gewann damit 2009 den Preis des Heidelberger Stückemarkts. Zurück in Heidelberg, experimentiert Stockmann in seiner Auftragsarbeit "Expedition und Psychiatrie" nun mit all seinen Themen.


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Wenn junge Männer in den Krieg ziehen

von Harald Raab

Heidelberg, 27. Januar 2011. Was machen Kriegserfahrungen aus jungen Menschen? Wie verändern ihre Traumata eine Gesellschaft? Und kann dieses Thema überhaupt glaubwürdig auf der Bühne dargestellt werden? Mit Kämpfen und Sterben deutscher Soldaten in Afghanistan werden solche Fragestellungen auch hierzulande immer aktueller. In Israel, dem seit seiner Gründung 1948 permanent bedrohten Land, ist das eine alltägliche Herausforderung.


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Unglückliche Liebe auf Turnmatten

von Bernd Mand

Heidelberg, 22. Januar 2011. "Es gab eine Pause" antworte ich einem Freund am Telefon, der mich kurz nach dem finalen Schwarz anruft und nach meinem Theaterbesuch fragt. Das ist nicht einmal eine halb so böse Antwort, wie sich das jetzt beim ersten Mal lesen mag. Entgegen dem allgemeinen Trend, sich auf knappe anderthalb bis zwei Stunden Spielzeit ohne Unterbrechung zu stürzen, setzt Regisseurin Mareike Mikat nämlich nach 90 Minuten eine Zäsur. Fast hätte man ja schon vergessen, wie so ein Pausenzeitfenster angemessen mit Zigarettenkonsum und Bargesprächen zu füllen ist. Aber erst einmal zurück auf Anfang.


Theater Heidelberg

Einzelschicksale, Generationskonflikte, Wertedebatten

von Bernd Mand

Heidelberg, 3. Dezember 2010. Die Familie also. Die Familie als lebender Beweis dafür, dass zwischenmenschliche Angelegenheiten nicht ganz so leicht zu verhandeln sind, wie der Einkauf neuer Wandfarbe. Dieser Mikrokosmos, den wir auf die eine oder andere Art ein Leben lang mit uns herumtragen müssen, steht hier hell ausgeleuchtet auf der Bühne im Heidelberger Zwinger 1. Die Würzburger Autorin Eva Rottmann hat sie dort nämlich abgestellt. Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt erhielt die Absolventin der Zürcher Hochschule der Künste mit ihrer Arbeit "Unter jedem Dach (ein Ach)" den Publikumspreis und Dominique Schnizer inszenierte jetzt die Uraufführung im Theater unter dem Schlossberg.


Theater Heidelberg

Der Sohn des Hirnforschers reist in die Vergangenheit

von Bernd Mand

Heidelberg, 14. November 2010. Arie Stein hat einen Albtraum. Immer wieder denselben Albtraum. Auch jetzt. Ein Labor, das in Flammen aufgeht. Er steht mittendrin, will heraus und wird doch irgendwie vom Feuer angezogen. Da klingelt sein Mobiltelefon und lässt ihn zwischen den Theaterbesuchern auf einem Stuhl aufschrecken. Seine Frau Anna ist am Apparat und sitzt ihm gegenüber ebenfalls im Publikum. Sein Vater ist gestorben. Herzstillstand. Und zugleich der Anfang einer Reise in die Vergangenheit.


Theater Heidelberg

Wie bei Neureichs privat

von Harald Raab

Heidelberg, 25. Juni 2010. Er ist ein Nach-Regisseur, dieser Simon Solberg. Er inszeniert seine Stücke nach Goethe, nach Schiller und nun wieder einmal nach Shakespeare: Hamlet als Freilichtproduktion im Hof des Heidelberger Schlosses. Wie noch immer geriet auch dieser Solberg-Hamlet zu einem Theater-Ereignis/-Ärgernis, bejubelt von den Jungen, weil ihre Seh- und Erlebnisgewohnheiten bedient werden, bestenfalls mit Achselzucken bedacht von den Älteren: Was soll's.


Theater Heidelberg

Varieté der Vergangenheitsbewältigung

von Harald Raab

Heidelberg, 31. März 2010. Als Hannah Arendt 1963 ihr Buch "Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil" herausbrachte, gab es einen Sturm der Entrüstung: Wie könne man für ein Monster einen Platz unter Menschen einfordern? Auch Heinar Kipphardts "Bruder Eichmann" begegnete man 20 Jahre später mit dem gleichen Vorbehalt. Man wollte die Banalität des Bösen nicht wahrhaben, weil sie auf die Disposition zur Unmenschlichkeit in jedem von uns verweist.


Theater Heidelberg

In fernem Land unnahbar euren Schritten

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 21. Januar 2010. Fünf Sekunden Stille. Etwa genau diesen Zeitraum braucht es im internationalen Smalltalk, bis im Kleinhirn die politische Korrektheits- wie historische Bewusstseins- und Gewissenschleife durchlaufen ist, nachdem die Frage "Where do you come from?" mit "Israel" oder "Germany" beantwortet wurde. Ob man will oder nicht, die Art und Weise, wie Israelis und Deutsche fast 65 Jahre "danach" einander begegnen, kommt ohne diese fünf Sekunden Stille nicht aus. SS-Opas, KZ-Omas, Geschichtsunterricht und Aussöhnungspolitik tanzen in dieser Zeit auf beiden Seiten einen verkrampften Ringelreihen auf möglichst politisch-korrektem und dennoch glattem Parkett.


Theater Heidelberg

Das ist einfach nicht sein Beat

von Otto Paul Burkhardt

Heidelberg, 17. Dezember 2009. Dieser Mann ist ein Ungeheuer. Ein schwarzes Loch. Er saugt die Zuneigung, die ihm Verwandte und Freunde entgegenbringen, restlos auf. Statt irgendwann mal satt zu sein, wird er immer gieriger: "Der Mann der die Welt aß". Mit diesem Erstling gewann der 28-jährige Autor Nis-Momme Stockmann zwei Preise beim Heidelberger Stückemarkt und den Werkauftrag beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens.


Theater Heidelberg

Friedhof der Träume

von Anne Richter

Heidelberg, 14. Februar 2009. Die Frau scheint schon sehr lange an dieser endlosen, leeren Tafel zu sitzen. Das raumbreite Möbel auf der Bühne trennt sie vom Publikum ebenso wie vom sozialen und künstlerischen Leben, vor dem sie sich hier offenbar verbarrikadiert hat. Zuvor hat sie drei Monate am Sterbebett ihres Sohnes gesessen, bis der den Kampf gegen einen bösartigen Hirntumor verlor. Ihre Karriere als gefeierte Pianistin hat sie beendet. Da tritt ihr Ex-Mann an den Tisch. Entschieden meint er, ihren Alltag neu organisieren zu müssen und stellt ihr sogar eine Schülerin in Aussicht, um sie aus der Depression zu holen.


Theater Heidelberg

Immer diese Tschechows aus der Wundertüte

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 20. Dezember 2008. Gotscheff, Hartmann, Niemeyer, Zandwijk haben's getan, doch ansonsten ist Tschechows "Iwanow" keine Aufgabe, um die sich Regisseure reißen. Wenig Handlung, viel Befindlichkeit mag einer der Gründe sein, einen Bogen um Tschechows erstes abendfüllendes Stück zu machen. Schade eigentlich, denn "Iwanow" atmet zwar schon die für Tschechow so typische Gutsherrenmelancholie des untergehenden alten Russland, nimmt sich aber mehr Zeit für die Psychologie der Figuren.


Theater Heidelberg

Fortschrittszweifel, leicht gekürzt

von Otto Paul Burkhardt

Heidelberg, 7. November 2008. Komisch. Über Philipp Löhle wird selten gestritten. Vielleicht, weil seine Stücke eher leise daherkommen. Unschreihalsig sozusagen, unangestrengt, hintersinnig, unaufgeregt. Und dennoch loten seine Szenarien tiefer, kratzen unauffällig, aber beharrlich an scheinbar sicheren Grundfesten des Denkens, des Lebens.


Theater Heidelberg

Selbstbilder aus Mehrheitskroatien

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 8. Mai 2008. Seit einiger Zeit leistet sich der Heidelberger Stückemarkt die Präsentation eines europäischen Gastlandes. Mit einem kleinen Autorenwettbewerb, Podiumsdiskussionen sowie Gastspielen mit Stücken von Gegenwartsautoren. Mit dem Gastland Kroatien und der als Stücke- und Autoren-Scout fungierenden Suhrkamp-Autorin Jagoda Marinić taten Intendant Peter Spuhler und Schauspieldirektor Axel Preuß heuer einen besonders guten Griff.


Theater Heidelberg

Bouleva ...  Boule-voulez-vous? Buuh!

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 18. April 2008. Selten war ich so in Rage. Aber halt! "Ich" ist unjournalistisch. Kritiker sollen ja die Konventionen wahren, um dem Kunstprozess die nötige Stille und Würde zu geben. Dabei möchte man auch gerne mal aufmucken, politisch Unkorrektes in den Saal brüllen und sich unmöglich machen – etwa mit den Worten: "Mareike Mikat sollte man bei Wasser und Brot einsperren, zehn Jahre nichts als Stanislawski und Brecht zu lesen geben, zehn weitere Jahre nur bei Peymann assistieren lassen, zehn Jahre nur Peter Steins "Wallenstein" in Dauervideoschleife vorsetzen und nach 30 Jahren allenfalls 'Peterchens Mondfahrt' mit einem Etat von 200 Euro inszenieren lassen."


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Heiles Leben zwischen Markise und Brustkrebs

 von Hartmut Krug

Heidelberg, 24. November 2007. Albert, Werbefilmregisseur, sichtet mit Kostümbildnerin Franziska Arbeitsdias. Das ganze: ein banales Arbeitsgespräch, das in in einen lockeren Anmachversuch des Manns und eine lockende Abwehrreaktion der Frau mündet. Doch wie Anne Rathsfeld und Victor Calero das spielen, wie sie sich hier gegenüber stehen, während sie sich eigentlich umkreisen, wie sie sich hinter Gleichgültigkeit zu verstecken suchen, während sie doch auf der Suche sind, wie die Körper mehr sagen als die Worte, das treibt die Grundsituation von Volker Schmidts Stück in die Sichtbarkeit.


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Wer hat die Kokosnuss geklaut?

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 10. November 2007. "Die Affen rennen durch den Wald, der eine macht den andern kalt, die ganze Affenbande brüllt: Wer hat die Kokosnuss geklaut?" Wer kennt es nicht, das Kinderlied, in dem alle nur das eine wollen, die Kokosnuss, die Köstlichkeit, die Macht. Doch leider ist sie verschwunden, auch auf der Städtischen Bühne, der so schmucken wie maroden Hauptspielstätte des Heidelberger Theaters, wo Peter Spuhlers drittes schwungvolles Leitungsjahr das "Streben nach Glückseligkeit" untersucht.


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