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archiv » Kampnagel Hamburg (34)
Kampnagel Hamburg

Statistiken des Schreckens

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. April 2017. Männer links, Frauen rechts: Am Eingang zur Kampnagel-Halle wird man segregiert. Was von einem Geschlechterdualismus ausgeht, die dem halbwegs gendertheoretisch beschlagenen Zuschauer etwas unterkomplex vorkommen mag. Zumindest bis er in der testosteronschwangeren Publikumshälfte zu verstehen beginnt: Bei "Portrait Explosiv", Branko Šimićs Eröffnung des Hamburger Krass-Festivals, geht es um genau diese Unterkomplexität. Thema des Abends ist Gewalt, und Gewalt fragt nicht nach Vielschichtigkeiten, Gewalt ist einfach da und ebnet alle Differenzen ein.


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Döntjes vom besseren Leben

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. November 2016. Vor kurzem ist Hamburg seinem Hafen ein Stück näher gerückt. Seit vergangenem Samstag ist die Elbphilharmonie öffentlich zugänglich, und, ja, die Architektur des Konzerthauses ist spektakulär, ja, der Blick von der sogenannten Plaza auf die Elbe nimmt einem den Atem. Nur der Hafen, naja, der sieht beeindruckend aus, aber er ist vor allem Kulisse, für Hochkultur auf der einen, für Immobilieninvestment auf der anderen Seite.


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Die Kartoffelgesellschaft

von Falk Schreiber

Hamburg, 4. März 2016. Ach, schön, der Frühling kommt. Noch liegt ein wenig Schnee, aber die Bäume blühen, die Vögel sind da, und die jungen Leute springen übermütig über die Wiesen. Denkt man, bis das Licht angeht und man erkennt: Marlene Lockemanns Bühne ist eine gemalte Kulisse, und für die Protagonisten von Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" sind Löcher ausgespart, in die sie mehr schlecht als recht passen. Kein fröhliches Springen ist das, sondern ein verkrampftes Klammern an Strukturen, die nicht für einen gemacht scheinen.


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Entwarnung!

von Michael Laages

Hamburg, 25. Februar 2016. Was ist denn hier los? Droht Gefahr für Leben, Leib und geistige Gesundheit? Als gehörten sie zum Sicherheitsdienst der Kampnagelfabrik und als stünden absehbar Klagen ins Haus, zeigt das Programmzettel verteilende Personal jedem und jeder den fettgedruckten Satz auf dem Faltzettel – gleich unter dem Titel steht: "Der Text enthält Beschreibungen psychischer und sexueller Gewalt!" Donnerwetter. Und der Ansager im Haus weist mehrfach auf das drohende Übel hin, und obendrein auf den Stroboskop-Einsatz. Sollte irgendwann mal jemand Shakespeares "Titus Andronicus" auf Kampnagel zeigen wollen oder ein Stück von Sarah Kane, wird wahrscheinlich eine kleine Krankenwagen-Brigade oder ein mobiles Krankenhaus vor dem Theater parken ...


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Wohin, zwischen Manga und Haute Couture?

von Tim Schomacker

Hamburg, 24. April 2015. Und dann gibt es da diesen Moment, an dem man denkt: Aha. Doch noch ein Bruch mit den ermüdenden Auf- und Abtritten, mit der Logik der unterkomplex gezeichneten Spielfiguren, die hier beharrlich über einen imaginierten alltäglichen Platz gescheucht werden. Doch noch einmal alles auf einen anderen Anfang. Da setzen sich die acht Akteure auf die graue Umfassung dieser Mischung aus Brunnen und Luftschacht, über den (und über dem) bisher Schauspielerinnen, Hunde und Zeitungsseiten getänzelt waren. Setzen sich hin, ganz ruhig, ein wenig ausgelaugt schon vom vielen Rauf und Runter, vom häufigen Umziehen.


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Pflanzt Klee!

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. März 2015. 50, 60 Zuschauer stehen vor dem Kampnagel-Verwaltungsgebäude, trinken Bier, rauchen, smalltalken. Ein wenig abgerissen sehen einige aus, andere campy, die meisten elegantly wasted, Kampnagel-Premieren-Schick. Nur dass heute keine Premiere ansteht, sondern die Gründung einer Interessengemeinschaft: des Zentralrats der Asozialen in Deutschland, kurz ZAiD. "Es ist ZAiD!", ruft Tucké Royale, Berliner Performer, Autor, Künstler und vor allem Erster ZAiD-Sprecher in den warmen Frühlingsabend und durchtrennt ein blaues Band. Hurra, Einweihung! Einzelne klatschen, jemand johlt, dann zieht die Gruppe in das Gebäude, zur "Feierlichen Inauguration des Zentralrates".


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Wer mögen die Spitzel sein?

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. Dezember 2014. Natürlich kann man sich Lignas "Die große Verweigerung" verweigern. Man hat nur nichts davon, man sitzt dann im Zuschauerraum des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel, starrt auf eine Bühne und sieht deren Bespielung, Darsteller, die den Raum durchmessen – aber man versteht nicht, was sie da tun. Auf der Bühne derweil sind die Zuschauer, die sich nicht verweigert haben, die sich mittels Headset durch den Raum leiten lassen. "Die große Verweigerung" ist zumindest in der ersten Hälfte das, was man von Ligna kennt: eine Publikumschoreographie mit politischem Überbau.


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Protestverstärkungsapparatur

von Tim Schomacker

Hamburg, 1. Mai 2014. Einen viel besseren Premierentermin als den Ersten Mai mit seiner wechselhaften Protesttagsgeschichte kann man sich schwer vorstellen für eine Arbeit, die das Megaphon in den Mittelpunkt rückt. Als Fetisch- und Demo-Ding. Als tragbaren Teilhabe-Verstärker.


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Der Kontext? Frontex!

von Tim Schomacker

Hamburg, 5. Februar 2014. Ein Text aus knappen Sätzen, die Verben stets im Infinitiv. Alltägliches – Kaffee zubereiten, die Zeitung hereinholen, Pflanzen von anderen Pflanzen unterscheiden, eine Reise vorbereiten – erscheint als Unvollendetes. Fast ein wenig ortlos. Irgendwann bricht ein Krieg über den Text herein. Und zwar ein durchaus zu verortender. Es geht um den Irak. Nikola Duric liest den Text vom Tablet-PC. Hochgewachsen und mit einem sandig-grauen Rock steht er an einem Mikrophon. Gelegentlich ist ein Echo zu hören, die hohe Frauenstimme von Jasmina Music. Sie legt Wege zurück. Umrundet einen Tisch, geht zwischen luftig herabhängenden Gazestreifen herum.


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Konfrontation auf kleinstem Raum

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. Dezember 2013. Der Europäer konnte am besten nachdenken und verzweifeln, heißt es am Ende. Und von Anfang an ist klar, die Zeit des Europäers ist vorbei. Hier, auf diesem kleinen Kontinent, wurde zwar die Demokratie erfunden, hier wurde die Aufklärung erdacht, aber hier wird schon lange nicht mehr Weltgeschichte geschrieben. Die Weltgeschichte schreibt vielmehr China, zumindest ökonomisch und weltbevölkerungsanteilig betrachtet – "Ihr verschwindet, schwupp!"


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Hinter Glas

von Falk Schreiber

Hamburg, 22. November 2013. "Wo-soll-man-da-hin-flie-hen?" fragt der Deserteur stockend, "Ü-ber-all-ist-der-Mensch!" Es gibt kein Entkommen, überall Kommunikation. Und weil sie nicht fähig ist, sich in diesem Kommunikationszwang als Kollektiv zu verstehen, wird die kleine Gruppe Fahnenflüchtiger in Bertolt Brechts zwischen 1926 und 1930 entstandenem Fragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" eben zu einem Haufen Verräter und Mörder. Keine Chance auf Solidarität, nirgends.


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Dreck und Schmiere

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. Oktober 2013. Die Premiere fällt dann mal aus. Stefan Kolosko tritt ins Kampnagel-Foyer und kündigt an, dass "Parzivalpark" nicht wie geplant stattfinden könne: "Die Pharmaindustrie" fühle sich verleumdet und habe eine Unterlassungsklage angestrengt. Dietrich Kuhlbrodt wird dazugeholt. Der ist pensionierter Staatsanwalt und bestätigt das Schreiben: Es geht anscheinend um viel Geld, darauf will man es nicht ankommen lassen. Oder? Nina Ender schnappt sich ein Mikro und wütet los: über die Präimplantationsdiagnostik, die untersucht, ob ein in vitro erzeugter Embrio womöglich eine Erbkrankheit ins sich trägt und entsprechend besser nicht in die Gebärmutter eingesetzt werden sollte. "Schwangerschaft wird mit SS abgekürzt!", brüllt Ender. "Eine schwangere Frau ist nicht mehr wert als ein verdammter Nazi-Offizier!" Kurz überlegt man, ob die Pharmaindustrie womöglich zu Recht Angst hat, hier verleumdet zu werden, dann ergreift Kolosko wieder das Wort. Es gibt keine Unterlassungsklage, alles nur Theater! "Wir sind gar nicht so politisch, wie wir immer tun." Aufatmen beim Publikum, Einlass, Stückbeginn.


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Ein hartes Brot

von Falk Schreiber

Hamburg, 3. Mai 2013. Es ist so armselig. Mag ja sein, dass der Berliner Tänzer und Choreograf Jochen Roller sich zu seinem 20. Bühnenjubiläum ein Musical in der Hamburger Kampnagel-Fabrik wünscht, mitreißende Songs, atemberaubende Kostüme, fantastische Massenszenen, aber man muss auch mal den Tatsachen ins Auge sehen: Ein Musical ohne Samtvorhang, das ist nichts. Und wenn der Vorhang schon 15.070 Euro kostet, bei einem Budget von gerade mal 15.000 Euro, dann braucht man an atemberaubende Kostüme nicht einmal zu denken.


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Die U-Bahn kommt pünktlich

von Nikolaus Stenitzer

Hamburg, 12. April 2013. Am Anfang ist Chaos. Die Mitglieder des Hajusom-Ensembles bewegen sich zwischen Kulissen aus Metall, die wie hohe Lastenregale aussehen. Einige scheinen in sich versunken, sitzen oder liegen auf dem Boden; andere begrüßen die Zuschauerinnen und Zuschauer, die noch auf der Suche nach Plätzen sind. Nebenher setzt Musik ein. Ein Ensemblemitglied tippt in einen Laptop, der Text erscheint auf einer Leinwand in Form eines Blogs, das den Abend lose begleiten wird.


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Aktionen // Attraktionen: Bilder eines Ausgestelltseins

von Tim Schomacker

Hamburg, 22. März 2013. Jemand drapiert Kunststofflaub am "Haunted Mansion". Jemand richtet Plastikenten zum Angeln und Schmalzkuchen zum Essen aus. Fahrgastlose Gondeln ruckeln durch den Frühlingsschnee. Erinnerungsfotoautomaten warten auf Menschen. Dann schallen zwei Böllerschüsse übers Hamburger Heiliggeistfeld. Die ersten Kinderwagen kommen, später die ersten Jugendlichen. Das Riesenrad, Wahrzeichen des Hamburger Volksfests "Dom", schaut Richtung Reeperbahn. Zu seinen Füßen hockt eine Schaubude. "Revue der Illusionen" steht auf der Fassade. Das steht da auch, wenn die fahrende Bühne nicht ausnahmsweise von Performern bespielt wird, die anderswo heimisch sind. Die Hamburger Performancegruppe "Geheimagentur" wagt den ungewohnten Sprung in die Atmosphäre aus dem Duft bratender Champignons und schnarrenden Stimmen aus Losbuden und Fahrgeschäften.


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"Ich bin deutsch"

von Falk Schreiber

Hamburg, 14. Februar 2013. Wie schnell Haltung doch zur Pose wird! Noch ist es hell in der Hamburger Kampnagel-Fabrik, das Publikum sucht plaudernd seine Plätze, und auf der Bühne im Halbdunkel steht Franklyn Kakyire: breitbeinig, mit verschränkten Armen, schwarz, drohend. Eigentlich könnte Constanza Macras' Tanzstück "Distortion" jetzt beginnen, aber durch irgendeinen dummen Fehler passiert nichts, der Saal bleibt hell. Und Kakyire steht da. Und steht da. Und steht da. Gut zehn Minuten lang, und dabei wirkt er immer lächerlicher, in seiner drohenden, pseudocoolen Pose.


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Nicht so wild, bitte!

von Katrin Ullmann

Hamburg, 20. April 2012. Er will von seinem Vater erzählen und von sich. Von seiner Kindheit in den 68ern, von seiner ersten eigenen Katze und vom Leben in Italien. Einerseits war seine Kindheit wie jede andere: angesiedelt irgendwo zwischen Strichmännchen, Spielzeugpistolen und langweiligen Autofahrten. Andererseits war seine Kindheit wie keine andere: Sein Vater war der Autor und Jurist Peter O. Chotjewitz (1934–2010), seinerzeit ein angesagter Jungstar des Literaturbetriebes mit sehr guten Kontakten zur RAF. In autobiografischen Prosatexten hat David Chotjewitz seine Vergangenheit zusammengefasst und hat sie für den Theaterabend "Narziss und die Revolution" verschiedenen Künstlern, Performern, Schauspielern und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt. Entstanden sind Annäherungen und Fragmente, Interpretationen und Intonationen.


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Glas, Glas, Glas

von Falk Schreiber

Hamburg, 9. März 2012. Einer der eigenartigsten Auswüchse unseres Wirtschaftssystems ist die Firmenhymne. Sind solche Hymnen in Fernost Gesang gewordene Unterordnung im konfuzianischem Sinne und in den USA Happy-go-Lucky-Kapitalismus, trauen sich Betriebe in der Bundesrepublik nur zögerlich ans kollektive Singen. Vielleicht mal bei der Weihnachtsfeier, auf keinen Fall aber öffentlich: Könnte ja sein, dass die Allgemeinheit Verse wie "Germany's Topmodel, das sind wir / Wir bei VW / Denn ein VW / Ist echt okay" nicht wirklich als Identifikation des Autoschraubers mit seinem Arbeitgeber interpretiert, sondern womöglich als lächerlich.


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Ich und Moi

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. Februar 2012. Ich, ich, ich. Der Schauspieler, der über sein Coming out ein Selbst konstruiert, der Tänzer, der einen wirtschaftlichen Erfolg erringt (und ihn, weil es eben nicht nur ein einziges "Ich" gibt, auch gleich wieder gegen die Wand fährt), schließlich der Popstar, dessen "Ich" nicht mehr ist als die Kopie eines viel größeren Stars: Alle versuchen sie, "Ich" beziehungsweise "Moi" in Monika Gintersdorfers und Knut Klaßens "Insistieren" irgendwie in Bezug zu sich zu stellen. Ich?


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Das Klischee im Tollhaus

von Eva Biringer

Hamburg, 6. Dezember 2011. Erinnert sich noch jemand an die finnische Gruselcombo Lordi, Sieger des Eurovision Songcontests 2006? Abgesehen davon, dass die Musiker hier statt Zottelmähne Kronen aus Pappkartons auf dem Kopf tragen, ist die Ähnlichkeit frappierend. Auch im Kampnagel wird gegrölt und geheadbangt, werden die Instrumente so mustergültig malträtiert, dass jeder Hardcore-Rocker seine helle Freude hätte. Wie war das gleich mit den nordischen Klischees? Und war da nicht was mit Dostojewski?


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KulturSubventionsKunstSprech

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. Oktober 2011. Alle Kunst will Ewigkeit und alle Kunst braucht Geld. Letzteres gibt es etwa von Stiftungen, Behörden und Vereinen – aus Politik, Privatvermögen und Wirtschaft. Für den frei schaffenden Künstler, der Kunst und Existenz sichern will, heißt dies Anträge schreiben, kalkulieren, hofieren, präsentieren. Jedes Jahr aufs Neue. Oder der frei schaffende Künstler stellt sich ins Warenlager von H&M, telefoniert sich durch Callcenter, bewacht Tiefgaragen und Shoppingmalls und kämpft so um seine Kunst und sein Überleben.


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Gruppendynamisch für's Gemeingut

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. August 2011. Rohstoffe, Fischbestände, die Erdatmosphäre: alles Gemeingüter. Sie wurden – vor allem von den Industrienationen – in der Vergangenheit so sehr beansprucht und missbraucht, dass ihre natürliche Regeneration mittlerweile kaum mehr möglich ist. Das ist der Stand der Dinge. Gibt man sich jetzt die Kugel? Oder gibt man seinem Handeln eine Richtung?


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Auf der Suche nach dem Mysterium Gegenwart

von Katrin Ullmann

Hamburg, 12. August 2011. Am Anfang steht die Trennung. Die Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt. Eine aktuelle Medienmeldung – sogar die seriöse "Times" hat sie gedruckt – gibt bekannt, dass sich das Schauspielerpaar bereits anwaltlich geeinigt und auch schon einen
Trennungsvertrag unterschrieben habe. Das Promi-Magazin "People" hingegen weist alle
Trennungsgerüchte zurück. Was ist dran an der Geschichte? Was ist wahr, was erfunden? Was ist Fiktion, was Realität? Und wie wirklich ist die Wirklichkeit überhaupt?


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Im Theater-Psycho-Zauberwald

von Daniela Barth

Hamburg, 4. März 2011. Ohrstöpsel: Auf Kampnagel werden Ohrstöpsel verteilt und eine ältere Dame greift auch beherzt zu, denn schließlich seien die "beim Schwimmen ganz hilfreich". Dies gebiert die erste Form der Verstörung – gleich nach dem drohend orakelnden Stücktitel "This is how you will disappear"... Werden wir beim Seniorenschwimmen für immer und ewig abtauchen? Insbesondere an einem frostigen Märzabend macht diese Vorstellung mehr als Gänsehaut. Brr. Gut, dass sich jene Befürchtung als unbegründet herausstellt. Dafür: Flugzeugmotorentinitus. Krachend, hämmernd , pfeifend: Ein blechern monotoner Rhythmus regiert ab jetzt den Pulsschlag – ob Ohrstöpsel oder nicht. Dieser eindringliche Klang ist die ohrenbetäubende wiewohl höchst antagonistische Hauptschlagader eines herbstlich entblätterten Waldes, der solcherart naturalistisch im Theater dargestellt quasi den Atem raubt. Gespenstisch wabert über dem Waldboden Nebel, von dem ein diffuses, bedrohliches Leuchten ausgeht.


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Der Prototyp des 21. Jahrhunderts

von Elske Brault

Hamburg, 7. Januar 2011. Könige sind sie für einen Abend, die 22 jugendlichen Flüchtlinge aus aller Welt, die sonst vor der Ausländerbehörde Schlange stehen für die Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Sie strahlen in ihren bunten, Pailletten besetzten Kostümen, sie strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Anderthalb Stunden lang haben sie das Publikum durch alle Stationen eines klassischen indischen Dramas geführt. Es gehe um Rasa, hat die Choreografin Varsha Thakur erklärt: "Rasa ist der Saft, 'the essence'. Wir, die Performer, tanzen und spielen, und ihr bekommt den Saft." Das ist offensichtlich gelungen: Am Ende springen die Zuschauer von den Stühlen und rufen "Zugabe!".


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Verstehenwollen im bunten Glühbirnenwald

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. Dezember 2010. "Mit Ödipus kann ich meinen Alltag nicht bewältigen." - Mit einer Absage an den antiken Helden beginnt Angela Richter ihre Neu-Inszenierung von Jon Fosses "Tod in Theben". Im Salzburger Festspielsommer war sie mit der Erstaufführung seiner Ödipus-Fassung in scharfe bis vernichtende Kritik geraten. Auf Kampnagel, das neben dem HAU in Berlin und dem Centraltheater Leipzig als weitere Spielstätte geplant war, zeigt sie jetzt eine völlig neue Version, die nun "Der Ödipus Antigone Komplex" heißt, Dauer nur mehr anderthalb Stunden statt der dreieinhalb in Salzburg.


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Der grau-grüne Schnee deines Krieges

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. April 2010. Vor allem nachts nimmt er Hörerwünsche entgegen. Miles Davis, Leonard Cohen, Billie Holiday: Er wird keinen Song spielen. Aber von ihm erzählen. Genauso wie vom Schnee im August, damals 2008, von Kursen fürs Selbstwertgefühl, von Babyfüßen, Erdbeben und Atombomben, von Kriegen und vom Krieg, damals in Georgien.


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Geschichten von den fremden Eltern

von Klaus Witzeling

Hamburg, 14. August 2009. Erinnern kann mit einem zufällig gefundenen Kleidungsstück beginnen. Liza hält sich die Jeans ihrer Mutter aus den Siebzigerjahren an – und die Hose passt ihr. Eine Motorradfahrt mit den Eltern kommt ihr in den Sinn. Und bei E-Gitarre-Spiel und Ventilator-Wind erlebt sie noch einmal den Kick und das freie Gefühl des damaligen Trips.


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Die Vermessung des Rindenmulchs

von Matthias Schmidt

Hamburg, 13. August 2009. Die Kulturfabrik Kampnagel ist frisch gestrichen, überall an den Wänden stehen die Slogans des Internationalen Sommerfestivals. "Wir können uns nicht aus der Krise shoppen" heißt der am häufigsten zu lesende, gekennzeichnet als Zitat der Pet Shop Boys. Wird wohl was dran sein, wenn die Pet Shop Boys es sagen. Aus einer hamburgisch stilsicher und teuer gekleideten Zuschauergruppe schallt es herüber: "Können wir doch!" Auch darin ist kein Widerspruch zu entdecken. Kunst ist eben immer Reibung an der Wirklichkeit.


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Die Vergänglichkeit von Mensch und Theater

von Michael Laages

Hamburg, 22. Mai 2009. Und warum wird beim Happy-End im Film jewöhnlich abjeblendt'? Das wusste schon Kurt Tucholsky: weil es danach immer nur viel schlimmer kommen kann. Ivana Müllers kleine Performance "Playing Ensemble Again and Again" wirkt wie halb übertragen aus dieser Ironie in die Phantasie des Theaters – und erklärt die gemeinhin ja nur wenigen Minuten von Beifall und Verbeugung danach zum eigentlichen Kern ihrer theatralischen Bemühung.


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Botschaft aus dem Labyrinth

Von Susann Oberacker

Hamburg, 2. April 2009. Der erste Eindruck: hunderte von gelben Glühbirnen. Der zweite: die Ouvertüre zu Wagners Oper "Tristan und Isolde". Mit diesen beiden starken Sinneseindrücken beginnt in Hamburg Angela Richters "Der Fall Esra". Der Roman, der dem Abend zugrunde liegt, wurde von dem deutsch-tschechischen Autor Maxim Biller (Jahrgang 1960) geschrieben und beschäftigte in den vergangen fünf Jahren mehrere Gerichte. 2007 wurde die Veröffentlichung des im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienenen "Esra" verboten.


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Das Missgeschick als Happening

von Daniela Barth

Hamburg, 30. August 2008. The Real Fiction auf Kampnagel: Wir finden uns zusammen vor einer perfekt minimalistisch ausgestatteten Bühne. Weiße Wände, weißer Boden, auf dem verschiedene schwarze Trapeze, Quader oder Quadrate aufgeklebt sind. Ja, Theater ist eine ernsthafte Angelegenheit. Ein sehr ernst zu nehmender, kunstvoller Sachverhalt.

 


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Deutlich mehrdeutig

von Hartmut Krug

Hamburg, 6. März 2008. Zwei Männer stürzen mit begeistertem Schwung auf die Bühne. Der eine rast bäuchlings auf einem Rollbrett, während der andere um ihn herum springt und ihm mal seine helfende Hand zur Stabilisierung oder Beschleunigung reicht, mal ihn zu jagen scheint. Bis die leidenschaftlich bewegte Annäherung zu einem schlimmen Ende kommt: Die Hand, die die beiden eben noch im Schwung zur Gemeinsamkeit antrieb und eine Beziehung zusammenhielt, wird plötzlich absichtlich zurückgezogen, und der auf dem Rollbrett Schwebende poltert auf den Boden.


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Mit dem Rentner-Chor in den Untergang 

von Susann Oberacker

Hamburg, 12. Dezember 2007. So was! Da wird uns ein west-östlicher Zusammenprall angekündigt, und dann bekommen wir wieder nur die Hälfte. Einen amerikanischen und einen russischen Text hatte sich Angela Richter für den dritten Teil ihrer Trilogie "Die Schönen und Verdammten" gesucht: F. Scott Fitzgeralds gleichnamiger Roman sollte auf Anton Tschechows "Der Kirschgarten" treffen. Doch dazu kam es nicht. Der Russe gewann bereits im Probenprozess. Und so gab’s auf Kampnagel, in der Fabrik für freies Theater, Tschechow pur – neu angerichtet von Angela Richter.


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