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archiv » Theater Freiburg (57)
Theater Freiburg

Potpourri der Fliehkräfte

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. März 2017. Gegen Ende der Ära Barbara Mundel wagt das Theater Freiburg noch einmal den großen Wurf. Mit Hilfe von acht internationalen Künstlerteams soll unter dem Titel "Eurotopia" untersucht werden, was von der Utopie Europa geblieben ist. Um dem Ganzen mehr Tiefgang zu verleihen, werden die Aufführungen in den kommenden zwei Monaten in vier unterschiedliche Themenblöcke eingebettet.


Theater Freiburg

Die Nichtsnutze und das Biest

von Steffen Becker

Freiburg, 28. Januar 2017. "Hast du mal darüber nachgedacht, warum alle Männer so sind, als hätte sie keine Mutter geboren, sondern als wären sie bloß von den Vätern gemacht?" Fragt die Fabrikantin Wassa Schelesnowa, räkelt sich auf einem der beiden Flügel, wirft ihr Haar nach hinten und demütigt weiter ihre Söhne – auf dass sie nicht vergessen, von wem sie abhängen. Den Sohn von Pelagea Wlassowa trifft es unwesentlich besser. Auf der Flucht vor den Schergen des Zaren sieht er letztmals seine Mutter. Fürs Butterbrot-Schmieren fehlt ihr allerdings die Zeit, der Druck revolutionärer Flugblätter duldet keinen Aufschub.


Theater Freiburg

Verführen und Meucheln mit Heinzilein

von Elske Brault

Freiburg im Breisgau, 30. September 2016. Ein kunterbuntes Spektakel entfaltet sich an diesem Abend im Theater Freiburg: Wir betreten den Saal und werden sofort, noch stehend oder einen Platz auf den zu beiden Seiten aufgereihten Podesten suchend, vom Geschehen umringt, eingenommen, die Darsteller laufen mitten durch uns Menschenmenge, zwei ringen lautstark miteinander wie auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt.


Theater Freiburg

Activation! Vibration!

von Jürgen Reuß

Freiburg, 1. Juli 2016. Im Foyer gibt es Ohrstöpsel. Auf der Großen Bühne mag es laut werden, das Publikum darf wegfiltern. Es wird wummern, und wummern muss es, wenn Doris Uhlich das Ergebnis eines zweiwöchigen Crashkurses in technogetakteter Philosophie des Fleisches für 35 Freiburger Freiwillige der Öffentlichkeit präsentiert.


Theater Freiburg

15000-Dollar-Adoptionen

von Jürgen Reuß

Freiburg, 24. März 2016. Man möchte mit einem Stoßseufzer beginnen: Ach, diese Suche nach dem Theater auf Augenhöhe mit der Globalisierung! Schon länger treibt sie auch das Theater Freiburg um. Und so langsam scheint sich dabei ein gewisses Muster abzuzeichnen: Die Ankündigung liest sich spannend, die Beteiligten sind mit großem Engagement dabei, können sehr viel kluge Dinge über ihren Stoff und wie sie ihn sich erarbeitet haben erzählen. Man liest mit Gewinn ihr Arbeitstagebuch im Netz und freut sich schon auf die Präsentation der vielen gesammelten und erlebten Geschichten. Ehrliche Vorfreude und Neugier macht sich breit, wie es wohl gelingen wird, all diese Erfahrungen und Pläne auf den Punkt hin zu bündeln, auf den es beim Theater nun mal drauf ankommt – die Premiere. Und dann sitzt man drin und spürt ihn wieder kommen, diesen Seufzer. Ach.


Theater Freiburg

Im Schatten der Bombe

von Elske Brault

Freiburg, 4. Dezember 2015. Acht Personen suchen einen gemeinsamen Handlungsfaden – und der ist am Ende so verknäuelt, dass sogar das Programmheft anderthalb Seiten benötigt, ihn auseinander zu wirren. Ein vermeintlicher Terrorist legt mit einer Bombenattrappe einen Flughafen stundenlang lahm. In dieser Zeit trifft sich seine Angebetete mit einem anderweitig verheirateten Mann. Dessen Frau verzweifelt, weil das gemeinsame Kind verschwunden ist. Und irgendwie sind davon auch eine egozentrische Filmproduzentin mit Migräneanfällen, eine junge Alleinerziehende mit Helfersyndrom und ein Obdachloser betroffen. Waren das schon acht?


Theater Freiburg

Kirchzarten ist wie im Irak

von Annette Hoffmann

Freiburg, 2. Mai 2015. "In der Straßenbahn wird nur noch ausländisch gesprochen" – Tagelang konnte man an öffentlichen Plakatstellen diesen Vorwurf lesen. Eine Absurdität, die sich im Alltag festsetzte. Das vom Verein zur Förderung der Jugendkultur Element 3, dem Theaterkollektiv Turbo Pascal und dem Theater Freiburg gemeinsam veranstaltete Theaterprojekt "Die Völkerwanderung", auf das diese Plakate hinwiesen, bedient hingegen keine Ressentiments. In keine der denkbaren Richtungen.


Theater Freiburg

Papa, du guckst die ganze Zeit auf das Ding

von Jürgen Reuß

Freiburg, 3. Dezember 2014. Im Theater Freiburg brummt's zur Zeit. "Carmen", "Tschick", "Homo Faber", "Bremer Stadtmusikanten" – alles restlos ausverkauft. Und das zurückliegende Festival Politik im freien Theater hat gezeigt, dass selbst solche Themen das Haus füllen können, die es sonst im Spielplan eher schwer haben. In diese Kategorie fällt auch die Premiere von "Nachts sind das doch Tiere", eine Collage aus (vorwiegend) Texten der Schriftstellerin und Netztheoretikerin Juli Zeh zu, na sagen wir mal, irgendwas mit Internet.


Theater Freiburg

Die oder wir?

von Steffen Becker

Freiburg, 28. November 2014. Beim Spazieren gehen Richtung Weinberge fielen mir neulich schmucklose Neubauten auf. Die Stadt möchte darin Flüchtlinge unterbringen – humanitäre Pflichtaufgabe, löblich, richtig, wichtig. Mein erster Gedanke: Wo ist für die der nächste Supermarkt? Der, in dem ich auch einkaufe? Und wird das Naherholungsgebiet am See durch die grillenden Drittgenerations-Türken nicht schon genug verschmutzt? In der Freiburger Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" werden ähnliche Fragen von Ganzkörper-Vermummten ebenfalls gestellt, dem Akzent nach werden dabei Mitglieder der gut situierten Wiener Gesellschaft typologisiert.


Theater Freiburg

Demokratismus ohne Bart

von Jürgen Reuß

Freiburg, 21. Juni 2014. Ein Mann am Keyboard bzw. der gedämpften Trompete, zwei Schauspielerinnen, ein Schauspieler, drei Stühle, eine Weste, zwei Jacken und zwei Perücken – fertig ist die letzte Schauspiel-Premiere des Theater Freiburg in dieser Spielzeit. "Mag der Thron in Flammen glühn!" heißt das, was die Autorin Jenny Warnecke selbst als ein "soziologieaffines Theaterstück über 1848 und die Frauenemanzipation" und "unterhaltsame Bühnenessenz" ihrer Doktorarbeit über Louise Aston, eine radikale Vormärzautorin und Revolutionsanhängerin, bezeichnet.


Theater Freiburg

In der Strafgaleere

von Jürgen Reuß

Freiburg, 27. März 2014. Galeerenschläge beschleunigen in immer schnelleren Takt, es öffnet sich die Rückwand. Erst wabert Nebel hervor, dann folgen Performer in Fellen und markieren in der Urgeschichte der Menschheit den Startpunkt, von dem aus im Folgenden eine kurze Geschichte der Arbeit in einer Mischung aus unterhaltsamem Volkshochschulkurs und Eckhardt-von-Hirschhausen-erklärt-die-Welt durchgejagt wird: Jagen und Sammeln als erste Arbeitsteilung, schnelles Zwangsverschlingen hoch verderblichen Mammutfleisches als erste Erfahrung, dass Konsum auch anstrengend sein kann. Und so weiter in verschiedenen thematischen Sprüngen vor und zurück durch die Geschichte der Mechanisierung, Freisetzung von Arbeit, Arbeiterbewegung und bis in die moderne Doppelstruktur von digitaler Bohème und ausgelagerter Versklavung.


Theater Freiburg

Verkratzte Seelen unterm Lack

von Elisabeth Maier

Freiburg, 2. Februar 2014.Über Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen und über Jugendliche ohne Perspektive schreiben Paul Brodowsky und Dirk Laucke. Die miserablen gesellschaftlichen Verhältnisse sind die inhaltliche Klammer der Stücke "Intensivtäter" von Brodowsky und "Seattle" von Laucke, die das Theater Freiburg in einer Doppelpremiere zeigt. Brodowskys sinnlich aufgeladene Chöre aus dem Großstadtdschungel und Lauckes Roadmovie aus der Plattenbausiedlung siedeln beim oberflächlichen Lesen nicht weit weg von Betroffenheitstheater und Boulevard-Schlagzeilen. Doch die jungen Regieteams pusten mit erfrischenden Lesarten den Grauschleier dröger Sozialkritik weg, der die Texte stellenweise überzieht.


Theater Freiburg

Wir Armen irren

von Jürgen Reuß

Freiburg, 24. Januar 2014. Beim Einlass ist das komplette Kleine Haus des Theater Freiburg in eine mindestens ebenso dichte Nebelbank gehüllt wie das Schiff in der Themsemündung, auf dem Joseph Conrads Marlowe die Erzählung seiner Reise ins "Herz der Finsternis" beginnt. Irgendwie liegt es wohl nahe, bei einem weißen Autor aus Südafrika auf eines der literarischen Urbilder europäischer Kolonialgeschichte anzuspielen. Vernebelung ist auch keine schlechte Beschreibung für J. M. Coetzees Zugriffsvariante auf diese Thematik, abstrahiert Coetzee doch seine Apartheiderfahrungen zu einer Begegnung kafkaesker Besatzungsmächte mit Barbaren, die ganz unbestimmt für das Andere der Kolonialkultur stehen und auf der Bühne auch kein eigenes Gesicht bekommen, sondern nur eins, das aus der Zuschreibung eines Vertreters der Kolonialmacht entsteht.


Theater Freiburg

Komm und bedien dich

von Martin Jost

Freiburg, 13. Dezember 2013. Den schwierigsten Text im Freiburger "Himbeerreich" hat ein vielleicht sieben Jahre altes Kind. Das Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen gibt eine ellenlange Passage aus Banker-Fachsprache zum Besten, die genauso gut eine alchemistische Formel sein könnte. Kein Hauptwort ist deutsch. Das Mädchen kostet den Klang der Worte aus. "Volatilität", noch das schönste, rollt ihr genüsslich von der Zunge. Ein siebenjähriges Kind kann diese Quacksalberei überzeugend aufsagen. Besser lässt sich die Entkoppelung von Sprache und Bedeutung im Bankendiskurs nicht zeigen.


Theater Freiburg

Blut tropft aus jedem Handy

von Jürgen Reuß

Freiburg, 22. September 2013. Vor den Wahlen fällt es besonders auf: Wir sind es gewohnt, Politik als Anhängsel menschlich dramatisierter Personality-Shows zu konsumieren. Die Form der politischen Erzählung ist die werbeästhetisch perfektionierte Soap. So ist man auch gewohnt, Georg Büchners "Dantons Tod" geboten zu bekommen: Die Französische Revolution als personenzentrierte Gewissensaufstellung zwischen Liebe und Tugend.


Theater Freiburg

Mit Glücklichkeitsindex in den Sozialismus

von Nico Hoffmann

Freiburg, 20. Juli 2013. 24 Stunden, 250 Mitspieler, 2 Dörfer – mit diesen Schlagzahlen preisen Regisseur Klaus Gehre und der Wiener Spieldesigner Lev Ledit ihr Experiment im Theater Freiburg an. Das "Regiodrom": Ein Spiel des Lebens, mit den Zielen, zu überleben und dabei möglichst glücklich zu sein. Einen Tag zu investieren, um Nachhaltigkeit, Geld und Glück zu analysieren und deren Zusammenhang feiern zu können. Eine zweite temporäre Existenz im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzubauen und mit anderen in Interaktion zu gestalten und zu behaupten.


Theater Freiburg

Das Jerusalem-Syndrom

von Annette Hoffmann

Freiburg, 15. Mai 2013. Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theaters Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren Brettergerüst an der Wand steht (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee). Ein Torbogen aus einfachen Holzlatten zusammengezimmert liegt auf dem Laufsteg, später wird er mit viel Bohei aufgestellt und zum Sinnbild der neuen Kirche.


Theater Freiburg

Das Zeug zur Führerin

von Jürgen Reuss

Freiburg, 6. Dezember 2012. Die Bühne im Kleinen Haus des Theater Freiburg ist in dieser Spielzeit eine von drei Seiten mit Zuschauerblöcken umzingelte Mischung aus Arena und anatomischem Theater. Eine passende Anordnung, um vor den Augen des Publikums aus den Stücken die jeweilige Essenz herauszupräparieren. Bei Schillers "Jungfrau von Orleans" ist es, was sollte es auch anderes sein, das Politische.


Theater Freiburg

altUtopie der Mischung

von Jürgen Reuß

Freiburg, 14. Juli 2012. Ein Jahr lang betreibt das Theater Freiburg nun in einer ehemaligen, zuvor zehn Jahre leerstehenden Schluckerkneipe namens Finkenschlag im Freiburger Stadtteil Haslach etwas, das man vielleicht am besten als Utopiekaschemme bezeichnen kann. Wenn Freiburg Berlin wäre, wäre Haslach Neukölln, oder, wie Graham Smith, einer der künstlerischen Leiter, sagt: "Es erinnert mich ein bisschen an Brooklyn." Monat für Monat gaben sich dort internationale Künstler, echte und falsche Experten, Nachbarn und Neugierige die Klinke in die Hand. Es wurden mal mehr, mal weniger abgefahrene Projekte entwickelt und ständig zwischen Talkshow und Tanztee Performances präsentiert, die mal Kopfschütteln, mal Begeisterung, meistens aber kopfschüttelnde Begeisterung erzeugten. Bei Zuschauern wie bei Beteiligten, wobei die Grenze dazwischen selten eindeutig auszumachen war.


Theater Freiburg

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Im Menschenknäuel

von Annette Hoffmann

Freiburg, 17. Juni 2012. Knapp 17.000 Verse umfassen die beiden Teile von Goethes "Faust"-Tragödie. Will man sie in gut zwei Stunden auf die Bühne bringen, braucht es wohl so etwas wie Sportsgeist – insbesondere im Vorfeld eines EM-Spieles. Natürlich ist nicht der gesamte "Faust" in Marcus Lobbes' Inszenierung für das Theater Freiburg zu hören. Überhaupt fragt man sich bereits zu Beginn der Vorstellung, ob es nicht doch etwa eine große Textfläche ist, die das sechsköpfige Ensemble im Kleinen Haus spricht. Denn mit Textflächen kennt sich der Regisseur aus. 2008 inszenierte er hier mit Bravour Felicia Zellers Stück "Kaspar Häuser Meer", das dem Theater Freiburg eine Einladung zu den Mülheimer Theatertagen einbrachte. Im gleichen Jahr zeichnete ihn die Kritikerumfrage von Theater heute als besten Nachwuchsregisseur aus. Und 2010 zeigte Lobbes ebenfalls im Kleinen Haus Elfriede Jelineks "Rechnitz. Der Würgeengel" – ungekürzt und mit der Option, als Zuschauer jederzeit den Saal verlassen und wieder betreten zu können. Marcus Lobbes mutet dem Publikum gerne mal etwas zu.


Theater Freiburg

altKrieg im Miniaturformat

von Annette Hoffmann

Freiburg, 17. Mai 2012. Wolokolamsker Chaussee: 2000 Kilometer nach Berlin, 120 Kilometer nach Moskau, aber wie weit ist es eigentlich nach Hollywood? Klaus Gehre hat die Distanz nun in seiner Live-Film-Performance "Wolokolamsker Chaussee +/- Terminator" in gut 70 Minuten im Theater Freiburg ausgemessen. Doch warum das Ganze? 1984 ist schuld. Da schrieb Heiner Müller nicht nur die "Russische Eröffnung" seines fünfteiligen Werkes "Wolokolamsker Chaussee", da kam auch James Camerons Film "Terminator" in die Kinos. Es ist auch das Geburtsjahr von dessen Filmfigur Sarah Connor, und dann ist da natürlich noch George Orwells Roman, der Denkhorizont für all das war, was in dieser Hochphase des Kalten Krieges passierte.


Theater Freiburg

altDämonen in Weiß

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. Februar 2012. Die Freiburger "Spurensuche Grafeneck" besteht aus vielen guten Ideen. Das beginnt schon bei der Konzeption. Warum nicht mal der Anregung einer Realschule folgen und einen Prüfungsstoff für die Mittlere Reife auf die Bühne bringen?

Theater Freiburg
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Blick in den Hirnkasten

von Annette Hoffmann

Freiburg, 3. Dezember 2011. Wenn Thomas Krupas Inszenierung von Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe" im Kleinen Haus des Theater Freiburg beginnt, ist schon alles  entschieden. Die Pfandleiherin Aljona Iwanowna ist längst ermordet. Und auch auf Lisaweta ist das Beil niedergegangen. Es ist, als ob Raskolnikow nie eine andere Wahl gehabt hätte. "I'm a man, I'm self aware", singt eine dunkle Stimme vom Band und beschwört den Tod. Und einmal probt das Ensemble im Laufe der dreistündigen Inszenierung acht unterschiedliche Arten des Selbstmordes. Eine der Schauspielerinnen klebt sich den Vogelschnabel zu, ein anderer dreht sich aus Drahtbügeln eine Schlinge. Nur Raskolnikow (Andreas Helgi Schmid) beteiligt sich nicht an diesem grotesken Totentanz. Muss er auch nicht, er hat gemordet, und das ist nicht die uneffektivste Art, sich auch selbst umzubringen.


Theater Freiburg
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Apokalypse light

von Jürgen Reuß

10. November 2011. Am Anfang war in den Schwaden aus der Nebelmaschine alles ein Durcheinander aus Röhren und Fäden. Dann stampft der Schöpfer mit der flamencösen Urgeste des spanischen Machismo aus dem Nichts auf das Podest im Zuschauerraum und kündigt mit Kastratenstimme das folgende Spiel im Spiel des "Großen Welttheaters" an, zu dem sich die Röhren an den Fäden zu einer Art hängenden Orgel ordnen. Keine schlechte Exposition für die Adaption eines barocken Indoktrinationstheaters, in dessen Schöpfungsvorstellung ja keine von Evolutionsbiologen zusammengepanschte Ursuppe, sondern der göttliche Uhrmacher die Strippen zieht.


Theater Freiburg
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Das Drama mit der Authentizität

von Jürgen Reuß

Freiburg, 6. Oktober 2011. Dunkle Bühne. Eine E-Gitarre dröhnt. Ein Prolet schiebt sich auf die Bühne. Na sicher, denkt man, die Unterschicht rockt, ist ja Gerhart Hauptmanns Tragikomödie "Die Ratten", Unterschichtentheater also. Putzfrau Jette John schwatzt polnischem Dienstmädchen das Kind ab, damit Maurermann Paul sich nicht dauernd auf Montage verabschiedet, sondern nach dem Tod ihres eigenen Kindes wieder häuslich wird. Am Ende hat Jettes Bruder die Polin ermordet, alles ist aufgeflogen und liegt in Scherben. So weit, so naturalistisch. Wäre da nicht noch die Figur des Theaterdirektors Hassenreuter. Mit der hebt Regisseur Robert Schuster für seine Inszenierung im Kleinen Haus des Theater Freiburg erst das Stück aus den Angeln, und am Ende ist die ganze Theaterspielerei überhaupt dekonstruiert. Ein mutiger Auftakt für die Saisoneröffnung.


Theater Freiburg
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Grün, grün, grün sind alle meine Fähnchen

von Annette Hoffmann

Freiburg, 10. Juni 2011. Als das Theater Freiburg ankündigte, ein Stück über die Grünen machen zu wollen, konnte man nicht ahnen, dass die Partei in Baden-Württemberg in der laufenden Spielzeit die Regierung bilden würde. "Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte", so der Titel des von Schauspieldirektorin Viola Hasselberg und Jarg Pataki gemeinsam erarbeiteten Stückes, ist zwar keine Hagiografie geworden, aber doch so eine Art Stationendrama. An seinem Ende steht das Wahljahr 2011. Überschrieben sind die elf Kapitel mit "Urknall", "Keine Macht für Niemand" oder "Der große Aderlass" und vollziehen den Weg durch die Institutionen der parlamentarischen Demokratie nach.


Theater Freiburg
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Fleischpfand der Geschichte

von Annette Hoffmann

Freiburg, 19. März 2011. René Pollesch sagt, Tocotronic sagt, in Freiburg müsse man sich immer verbrüdern. Ein Tag nachdem dieser Satz in René Polleschs Freiburger Uraufführung seines neuen Stücks "Was du auch machst, mach es nicht selbst" gefallen ist, steht im Großen Haus des Theaters eine derartige Verbrüderung an: Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", inszeniert von Avishai Milstein, gespielt von einem internationalen Ensemble.


Theater Freiburg

Offene Türen zum Massaker

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Dezember 2010. Elfriede Jelineks Text "Rechnitz (Der Würgeengel)" kreist um ein Massaker. Wenige Tage bevor die Rote Armee Rechnitz erreicht, in der Nacht zum Palmsonntag 1945, werden von Teilnehmern eines Schlossfestes, das Thyssen-Tochter Margit von Batthyány als Hausherrin für die dort stationierten und örtlichen Nazis gab, mindestens 180 deportierte Zwangsarbeiter ermordet. Nach Kriegsende ist die Burg geschleift, die Leichen werden nie gefunden, Schuldige nicht verurteilt, es herrscht Schweigen.


Theater Freiburg

Schaumstoffobsessionen mit Kleist

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. November 2010. Kleists "Käthchen von Heilbronn" als "Ritterschauspiel mit Puppen und Menschen" auf der kleinsten Bühne des Theaters Freiburg zu spielen, hört sich an wie eine Gegenthese zu Moritz Rinkes Aufplusterung der Nibelungen auf Wormser Open-Air-Format, und ist es auf angenehme Weise auch irgendwie.


Theater Freiburg

Türken, Deutsche, Projektionen

von Jürgen Reuß

Freiburg, 29. Oktober 2010. Wie können zwei Gruppen, denen die gemeinsame Sprache fehlt wie dem Theater Freiburg und dem Istanbuler Performing Arts Center Garajistanbul, ein gemeinsames Stück inszenieren? Auf der pragmatischen Ebene, indem man über der Bühne zwei Projektionswände für Übertitelung montiert und die Inszenierung im Wesentlichen als paralleles oder nacheinander Spielen in den jeweiligen Landessprachen Deutsch und Türkisch anlegt.


Theater Freiburg

Kann man einen Diskursengel umarmen?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 18. Mai 2010. Die Bühne auf der Bühne des Kleinen Hauses ist ein weißer, vorn zur Hälfte aufgeschnittener, oben offener Zylinder, eine Bild gewordene Stunde Null, auf der die Inszenierung "Nathan schweigt" nach G.E. Lessing dann ihre Spuren hinterlässt. Zu Beginn treten die Akteure an den Rand und stellen sich vor: „Ich spiele Daja, Sittah, mich selber und Kant."


Theater Freiburg

Tanz ums goldene Klo

von Jürgen Reuß

Freiburg, 29. April 2010. Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Bei der Freiburger Inszenierung von "Macht und Rebel" als "totale Tanzattacke frei nach dem Roman von Matias Faldbakken" ist es die Toilette. Übergroß und golden thront sie in der Bühnenmitte. In ihr hocken die beiden Haupterzählerstimmen, Konrad Singer und Georg Hobmeier, und liefern im Laufe des Abends auch das Begründungszitat aus dem Roman: "Das Scheißhaus ist einer der letzten gemeinsamen Nenner einer zersplitterten Gesellschaft. Auf dem Scheißhaus sitzen, das ist der globale Akt, die globale Körperhaltung, etwas, was so gut wie alle Klassen, Rassen und Menschenkategorien miteinander gemein haben."


Theater Freiburg

Eine Männergeschichte

von Jürgen Reuß

Freiburg, 19. März 2010. Die Bühnenrückwand ist eine gezeichnete Draufsicht auf eine Hochhäuserschlucht. Darüber ist zweimal der Satz "Hier wohnt der Mensch" gepinselt, leicht gegeneinander versetzt, einmal schwarz, einmal rot. Beide Schriftzüge enden in Pfeilen auf eine Hochhausfassade. Das betont das Exemplarische, das das Stück "Lüg mir in mein Gesicht" wie ein Leitfaden durchzieht. Für den exemplarischen Menschen in der Uraufführung von Paul Brodowskys Auftragsarbeit für das Theater Freiburg beginnt der Abend wie auch für das Publikum um 20 Uhr mit der Tagesschau.


Theater Freiburg

Sprung nach Nangijala

von Jürgen Reuß

Freiburg, 19. Februar 2010. Was passiert, wenn allein die Ankündigung eines Theaterstücks in den Hirnwindungen ein komplettes Kopfkino in Gang setzt? "Die Brüder Löwenherz. Eine theatrale Gratwanderung mit Schauspielern, Tänzern und Avataren", die am Samstag im Großen Haus des Theater Freiburg Premiere hatte, ist so ein Fall. Selbst wenn die Lektüre von Astrid Lindgrens Roman um den todkranken Neunjährigen Karl (genannt "Krümel") und seinen dreizehnjährigen Bruder Jonathan, der in den Tod springt um ihn zu retten, lange zurückliegt, reanimiert allein die Nennung des Titels immer noch ein diffuses Gefühl der Ergriffenheit.


Theater Freiburg

Beim Gegentor dämmern die Götter

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Dezember 2009. Zwei Männer und zwei Frauen im goldenen Glanzanzug vor der Rückwand einer bühnenfüllenden Stellwand. Nimmt man unsere Nationalfarben als Steigerungsform, ist das Gold an diesem patriotischen Fußballpremierenabend "Wir im Finale" im Kleinen Haus des Theater Freiburg der Superlativ. Für die folgenden neunzig Minuten plus ein bisschen Vor- und Nachbereitungszeit kennen wir keine Roten und keine Schwarzen, sondern nur noch Goldene.


Theater Freiburg

Der Einzelfall ist die Regel

von Jürgen Reuß

Freiburg, 17. Oktober 2009. Alle Spieler sehen gleich aus: brauner Anzug, hellblaues Hemd, Bazon-Brock-Gedächtnisperücke und koalitionsfarbene Turnschuhe. So gewandet erklimmen die Mitwirkenden dieser Koproduktion des Tanz- und Theaterkollektivs pvc, des Freiburger Theaters und von Theater Klara eine Showbühne aus Podesten und weißen Vorhängen auf der kleinsten Bühne des Freiburger Theaters, stöpseln E-Gitarren ein, drängeln sich hinterm Schlagzeug oder dem elektrifizierten Cello, posen ausgiebig oder treiben sonstige amüsante Dinge.


Theater Freiburg

Der Gutmensch im Kochtopf

von Jürgen Reuß

Freiburg, 9. Oktober 2009. Nachdem die Kammerbühne des Theater Freiburg in der vergangenen Saison die Festung Europa von innen erforscht hat, betrachtet sie diese in der jetzigen Spielzeit mit dem Blick von Außen. Zu Beginn werden im ersten Teil des Ensembleprojekts "Hanib Ali ante portas Germany" von Bülent Kullukcu "Afrikanische Wege nach Freiburg" nachgezeichnet. Dafür mixt Regisseur Kullukcu aus den Lebensgeschichten der Darsteller eine Art pädagogische Revue, die von der Struktur her an eine klassische Fernsehshow für die ganze Familie zum Thema Migration und Afrikabild erinnert.


Theater Freiburg

Lethargisch liegt das Volk darnieder

von Jürgen Reuß

Freiburg, 2. Oktober 2009. Die Bühne von Frauke Löffel ist eine Art waagerechter Plattenbau vor einem langen, gläsernen, meist vorhangverdunkelten Container, nach der Beschreibung von Dramaturgin Ruth Feindel eine "repräsentative Fassade der Demokratie, in die nur partiell Einblick gewährt wird, obwohl die Architektur Transparenz verspricht". Davor, auf staubigem Regipsplattenboden mit vier seitlichen Rampen und einer ins Publikum, lagert ein lethargisches, antriebloses Volk, das halbherzig nach Veränderungen ruft. Seine Energie reicht gerade aus, im Dauerrauschen der Kofferradios vergeblich auf das Vermelden irgendwelcher Taten zu lauschen.


Theater Freiburg

Parmaschinken – häh?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 27. Mai 2009. In der Mitte der kleinen Kammerbühne ist eine Frau aufgebahrt. An den Rändern sitzen drei Männer auf Stühlen und bilden ein gleichschenkliges Dreieck um die mit Beerdigungsschleifchen und Kuscheltier geschmückte Bahre. Einer trägt Zylinder und Reitstiefel, einer kurze Hosen und Sockenhalter, einer Jogginghose, alle tragen Frack. "Die Kathedralen", sagt der Reitstiefelige (Albert Friedl), die anderen antworten "Häh?", die Aufgebahrte röchelt.


Theater Freiburg

Theaterinfotainment

von Jürgen Reuß

Freiburg, 3. April 2009. Auf der, in dieser Spielzeit zur Festung Europa ausgerufenen Kammerbühne des Theater Freiburg teilt diesmal ein Fahnenvorhang in den Farben der Serbischen Republik die Bühne ab und ein paar gerahmte Bildchen historischer Serben kleben auf den, in den vorangegangenen Inszenierungen zum Thema bepinselten und beschrifteten Wänden.

Theater Freiburg

Schweineabstechfachsimpeleien zu Balkan-Beats

von Jürgen Reuß

Freiburg, 21. März 2009. Aleksandar (Konrad Singer) ist das Kind einer Patchwork-Familie. Nicht im Sinne von geschieden, wieder verheiratet, Stiefgeschwister, sondern im jugoslawischen Sinn. Die Mutter ist Bosniakin, der Vater Serbe. Die Familie lebt in Višegrad an der Drina, einem Schnittpunkt zwischen Morgen- und Abendland. Später wird sie in Deutschland zwischen verlorener Heimat und Neuanfang leben, zwischen Dagebliebenen, Zurückgekehrten und gelegentlichen Besuchern.


Theater Freiburg

Charity statt Katharsis

von Jürgen Reuß

Freiburg, 7. März 2009. Wenn das Theater Freiburg neben der zweiten Auszeichnung hintereinander "für die überzeugendste Theaterarbeit in Deutschland abseits der großen Theaterzentren" auch den höchsten Erlös aus Ticketverkäufen seiner Geschichte erzielte, liegt das unter anderem an seiner konsequenten Politik der Einmischung in die und Vernetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten.


Theater Freiburg

Alles für das Wohl der Insel

von Jürgen Reuß

Freiburg, 21. Februar 2009. Jarg Patakis Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" im Großen Haus des Theater Freiburg wartet durchaus mit drei spannenden Ideen auf: Prospero wird von einer Frau gespielt (Uta Krause), Caliban (Thomas Mehlhorn) kommt wie ein verlotterter Banker daher und Ariel ist ein vielgestaltiges Wesen aus zwei Darstellerinnen, diversen Puppen, Puppenträgerinnen und Projektionen. Daraus ließe sich eine interessante Auseinandersetzung mit Shakespeares Alterswerk ableiten.


Theater Freiburg

Schreibmacht und Handlungsohnmacht

von Jürgen Reuß

 

Freiburg, 30. Januar 2009. Chimo ist ein Jugendlicher aus der Banlieue, aber kein gewöhnlicher. Zwar ist er genauso perspektivlos wie alle anderen um ihn herum auch. Doch hat er sich in einem alten Abrissgebäude ein "Büro" eingerichtet. In das geht er regelmäßig und schreibt. Besonders über Lila. Lila ist auch ein Banlieue-Kid, auch kein gewöhnliches. Als sie Chimo zum ersten Mal sieht, fragt sie ihn: "Willst du meine Möse sehen? So redet sie immer mit ihm. Nur mit ihm, wie Chimo später erfährt.


Theater Freiburg

Phänomenologie eines sozialen Zustands

von Jürgen Reuß

Freiburg, 23. Januar 2009. "Wir stecken mitten in einer Krise […], weil wir als Kollektiv versäumt haben, harte Entscheidungen zu treffen und diese Nation auf die neue Zeit vorzubereiten", sagte Barack Obama in seiner Antrittsrede. Das Theater Freiburg nimmt dieses Zitat nicht nur als Motto für seine jüngste Premiere, die "Bettleroper", sondern hat es mit diesem Schauspiel bereits umgesetzt.


Theater Freiburg

Den eigenen Bauchnabel am Hindukusch betrachten

von Jürgen Reuß

Freiburg, 28. November 2008. Was ist die richtige Antwort auf einen "failed state"? Failed Art? Nun kann man sicher diskutieren, ob Afghanistan tatsächlich ein gescheiterter Staat ist. Dea Lohers Monolog "Land ohne Worte", in dem sie ihre Afghanistanreise verarbeitete, und der am Freitag auf der Kammerbühne des Theaters Freiburg Premiere hatte, ist in vielerlei Hinsicht gescheiterte Kunst. Das es nicht in jeglicher Hinsicht gescheiterte Kunst ist, sondern auch eine Art Scheitern als Chance, gewisse Kommunikationskanäle zwischen so unterschiedlichen Lebenswelten wie Deutschland und Afghanistan zu öffnen, liegt an einer Besonderheit der Freiburger Inszenierung. Doch um die schätzen zu können, muss man dem Scheitern erstmal ins Auge blicken.


Theater Freiburg

Rituale, Grimassen und ein kostbares Kinderlächeln

von Heidi Ossenberg

Freiburg, 27. November 2008. Woraus besteht der Klebstoff, der die Familie  zusammenhält? Dieser Frage geht Regisseur Sebastian Nübling am Theater Freiburg nach. Zum zweiten Mal bereits betreibt er Familienforschung auf der Bühne – nach "Mutter.(Vater.Kind)" hatte jetzt die Fortsetzung "Mütter.Väter.Kinder" Premiere. Und der Titel verrät es schon: Die Familie ist größer geworden.


Theater Freiburg

Man merkt die Absicht, und man ist beschwingt

von Jürgen Reuß

Freiburg, 23. November 2008. Vor einem halben Jahr entschlüsselte Burkhard Müller in der "Zeit" Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" als Parabel von der Globalisierung der Rohstoffreserven. Der Held des Märchens, der mit seinem Beruf unzufriedene Köhler Kohlenpeter-Munk und sein guter Feerich, das Glasmännlein, repräsentieren die im Niedergang befindlichen, waldverheerenden Branchen der Holzkohlegewinnung und der Glashütte. Der Gegenspieler Holländer-Michel ist der erste Global Player des Schwarzwalds. Müllers Analyse endet mit der Frage: "Wo würde heute unser 'Kaltes Herz' erzählt?"


Theater Freiburg

Wir sind nur Zombies hinter Phrasenmasken 

von Jürgen Reuß

Freiburg, 11. Oktober 2008. Die Welt ist schlimm. Täglich wird es schlimmer. Aber wie sieht der schlimmste Fall aus? Kathrin Rögglas "Worst Case", am Samstag im Kleinen Haus des Theaters Freiburg uraufgeführt, lässt die katastrophale Welt nicht untergehen, sondern in einer Puppenstube implodieren.


Theater Freiburg

Experimentierlabor Straßburg

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Oktober 2008. Nachdem in der vergangenen Spielzeit über dem Theater Freiburg bereits der Spruch "Europa wird kulturell sein oder es wird nicht sein" prangte, widmet es in dieser Spielzeit seine kleinste, die Kammerbühne, ganz der Vertiefung der europäischen Frage. Sie wird zum Experimentierlabor umgebaut, in dem man mit den Mitteln des Theaters an der Baustelle Europa basteln kann. Um dafür auch das passende Umfeld zu schaffen, hat das Theater den Künstler Moritz Müller beauftragt, ein geeignetes Raumkonzept zu entwickeln. Und Müller machte erst mal Tabula rasa.


Theater Freiburg

Eingreifen oder zuschauen?

von Jürgen Reuß

Freiburg im Breisgau, 28. September 2008. Manchmal sind Texte eine sichere Bank. Texte, die kraft ihres Gehalts einfach wirken müssen. Zu dieser Textsorte gehört "Bagdad brennt", das am Sonntag in Freiburg uraufgeführt wurde. Textgrundlage ist das weltbekannte Weblog der Bloggerin Riverbend, die von 2003 bis 2007 ihre Erlebnisse aus dem besetzten Irak berichtete. Peter und John von Düffel haben die Tagebucheinträge aus dem Englischen übersetzt und zu einem Theatermonolog zusammengestellt.


Theater Freiburg

Im Auge des Großen Bruders

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. September 2008. Was macht ein Theater, wenn es in die aktuellen politischen Diskussionen eingreifen will? Es kann z.B. ein Stück inszenieren, das sich explizit als Reaktion auf die aktuelle politische Situation begreift. So wie am Theater Freiburg, an dem Hausregisseurin Sandra Strunz am Donnerstag Juli Zehs Stück "Corpus Delicti" auf die Bühne brachte.


Theater Freiburg

Steigende Säfte, faule Kompromisse

von Jürgen Reuß

Freiburg, 24. Mai 2008. "Frühlingserwachen" ist ein freundliches Wort. Man denkt an unbändige Energien, steigende Säfte, Blütenmeere. Man freut sich über das verlässliche Wunder, dass die kahle Natur auch diesmal wieder ergrünt. Natur minus Mensch, versteht sich. Wenn beim Menschen der Frühling erwacht, nennt man das Pubertät und wundert sich, dass es bei dieser Form von Säftesprießen überhaupt Überlebende gibt. Jedenfalls, wenn man wie Regisseurin Felicitas Brucker Frank Wedekinds Schauspiel "Frühlings Erwachen" als Sprungbrett für einen Bühnenversuch über die Pubertät nimmt.


Theater Freiburg

Hinterlassene Spuren

von Jürgen Reuß 

Freiburg, 15. März 2008. Als Steine aus einem Mosaik, das einmal die Geschichte des 20. Jahrhunderts ergeben soll, beschreibt Regisseur Jarg Pataki seine drei biographischen Versuche, die am Samstag unter dem Titel "Fremdwerden I-III" in der Kammerbühne des Theater Freiburg Premiere hatten. In drei verschiedenen Darstellungsformen werden drei sehr unterschiedliche Formen des Fremdwerdens vorgestellt.


Theater Freiburg

Die Parallelweltenmischmaschine

von Jürgen Reuß

Freiburg/Buggingen, 7. März 2008. Eine normale Premiere ist das Ereignis "Berge versetzen", das am Samstag erstmals vom Theater Freiburg in Gang gesetzt wurde, nicht. Eher der Beleg, dass Untertitel bisweilen ernst zu nehmen sind. Der verspricht eine "Theatrale Expedition für Sinnsucher". Warum also wundern, dass man plötzlich in einem Reisebus sitzt?


Theater Freiburg

Frau Siegfried räumt auf

von Jürgen Reuß

Freiburg, 2. Februar 2008. Was haben die Burgunder um König Gunther eigentlich gegen diesen kühnen Recken Siegfried? Sicher, Gründe für Missgunst gibt es immer, wenn da so ein Angeber vorbeischneit, mit dem König um sein Reich kämpfen will und dazu ein unverwundbarer, schwerreicher Superheld ist, der sich bei Bedarf auch noch unsichtbar machen kann. Anders gesagt: So ein Traum von Mann ist letztlich immer der Alptraum für alle anderen Männer, die nach Jahrhunderten von Konkurrenzhorden-Sozialisation in so einem Typen automatisch den sehen, der immer einen Tick besser sein wird als sie.


Theater Freiburg

Krake frisst Seemann

von Jürgen Reuß

Freiburg, 9. Januar 2008. Auf der Suche nach neuen Bühnenstoffen hat das Theater Freiburg die Welt der gezeichneten Helden entdeckt. Den Anfang machte im Februar 2007 Regisseur Ivan Pantelev, der die Abenteuer des ewigen Glückssuchers Signor Rossi in einen Theatercomic transformierte. Gestern folgte die Berner Regisseurin Meret Matter. Sie brachte mit Popeye den wohl berühmtesten Matrosen der Welt auf die Bühne.


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