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archiv » Theater Dortmund (37)
Theater Dortmund

Der Gott der erlaubten Dinge

von Friederike Felbeck

Dortmund, 3. Juni 2017. Ein Stück Manila in Dortmund-Hörde: zwischen dem einschüchternden Glaspalast eines Autohauses, einem international renommierten Pumpenhersteller, nach dem sogar eine eigene Bus-Haltestelle benannt ist, und den stillgelegten Industrieanlagen eines Montanunternehmens, die als monströses Riesenmuseum die Landschaft prägen, hat das Theater Dortmund einen tropischen Garten gepflanzt.


Theater Dortmund

Kann süchtig machen

von Martin Krumbholz

Dortmund, 23. April 2017. Oper? Eher nicht. Die Minimal Music basiert auf der quasi unendlichen Fragmentierung und Wiederholung relativ einfacher Klangfolgen. Die Musik treibt nicht nach vorn, entwickelt sich nicht, scheint auf der Stelle zu treten. Was nicht heißt, dass die so produzierten "durchschaubaren" Klangwellen den Hörer schnell ermüden würden. Im Gegenteil: Je länger man zuhört, desto betörender ist die Wirkung.


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Und alle: Scheiß drauf!

von Sascha Westphal

Dortmund, 3. März 2017. Mike Daiseys Monolog "The Trump Card" stammt noch aus der Zeit vor der Wahl am 8. November 2016. Während Donald Trump durch die Vereinigten Staaten reiste und auf Wahlkampfveranstaltungen seine Reden hielt, war der Autor und Performer Daisey auf seiner eigenen Tour durch das Land. In kleinen Theatern hielt er seinen Wut-Monolog und konfrontierte sein meist linksliberales Publikum mit dessen eigener Verantwortung für den Aufstieg des Milliardärs zum Präsidentschaftskandidaten. Die letzte dieser Vorstellungen fand genau eine Woche vor der Wahl in einem New Yorker Theater statt und wurde live im Netz übertragen. Sieht man sie sich heute auf YouTube an, merkt man an den Reaktionen des unsichtbar bleibenden Publikums, dass die wenigsten mit einem Sieg Trumps gerechnet haben.


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Körper in der Dunkelkammer

von Gerhard Preußer

Dortmund, 11. Februar 2017. Zeit und Licht: Zusammengeballt werden sie für uns durch die Fotografie. Sie reduziert die Wirklichkeit auf Licht und schrumpft die Zeit auf einen Augenblick, den ausdehnungslosen Moment. Das Theater aber braucht Zeitdauer, es entwickelt die Dinge im Nacheinander. So hat die Fotografie bisher im Theater nur eine Hilfsfunktion, für Presse und Marketing. Kay Voges, der Dortmunder Schauspielintendant, macht nun aus der Fotografie eine Theaterkunst. Theater lebt von geteilter Gegenwart, von der flüssigen Gleichzeitigkeit von Darstellern und Publikum. Fotografie aber fixiert, ist geteilte Vergangenheit. Die Lösung des Widerspruchs ist live-Fotografie.


Theater Dortmund

Im Brennstofflager

von Gerhard Preußer

Dortmund 16. September 2016. In Frankreich ist "Ça ira (1) Fin de Louis" das Stück des Jahres. Es kam im November 2015 genau zum richtigen Zeitpunkt nach Paris, unmittelbar nach den Attentaten, nach den Auseinandersetzungen um das neue Arbeitsrecht, nach "Nuit Debout". Alles rief nach der Stärkung französischer Identität. Und die Revolution von 1789 ist für jeden Franzosen und jede Französin der Referenzpunkt des nationalen Selbstverständnisses. Joël Pommerat zeigte sie ihnen, die Revolution von gestern  wie von heute.


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Villa Weltenwust

von Dorothea Marcus

Dortmund, 15. April 2016. Die Welt hat sich in eine rasend Bilder ausspeiende, Netzhaut angreifende und Gehirn durchlöchernde Maschinerie verwandelt. Wie soll man das im Kopf nur irgendwie klarkriegen: den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Die einschüchternde Rechthaberei der nebeneinander existierenden Parallelleben. Die zunehmende Unübersichtlichkeit des Lebens bei seiner gleichzeitig wachsenden Totaltransparenz. Schöne neue Welt.


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Schlachtfeld im Kopf

von Sascha Westphal

Dortmund, 17. Februar 2016. Ein Mann liegt auf einem Bett und kommt nicht los von seinen Gedanken. Hoch über ihm kreist ein Deckenventilator. Dazu erklingt irgendwann ein Geräusch, das auch von einem Hubschrauber stammen könnte. Zu Beginn von Klaus Gehres neuestem Live-Film wähnt man sich für einige Momente im falschen Film oder auch im falschen Theater. Der Mann auf dem Bett, das müsste doch eigentlich Captain Willard aus Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm "Apocalypse Now" sein. Doch der Eindruck täuscht. Der, der da liegt und von verfremdeten Stimmen und albtraumhaften Bildern, die auf die große Leinwand hinter ihm projiziert werden, gequält wird, hat, anders als Coppolas Reisender ins Herz der Finsternis, den Krieg erst einmal hinter sich. Nach drei Jahren im Kampf für die Revolution und gegen die Weißen ist der ehemalige Schlosser Gleb Tschumalow in seine Heimatstadt zurückgekehrt.


Theater Dortmund

Beredte Bilder

von Sascha Westphal

Dortmund, 11. Dezember 2015. Die kleine Halle im Megastore, der Ausweichspielstätte des Schauspiel Dortmund, in der vor noch nicht allzu langer Zeit der BVB seine Fanartikel verkauft hat und in der nun erstmals Theater gespielt wird, liegt im Dunkel. Sechs einzelne Lichtpunkte geben erste Orientierungsmarken. Sie deuten eine Art von Parcours an. Aber es gibt keine vorgezeichneten Wege. Jeder kann sich frei zwischen sechs Schauplätzen, an denen Elfriede Jelineks Engel ihre gewundenen Reden halten, hin und her bewegen.


Theater Dortmund

Und der Teufel pellt sein Ei

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 23. Oktober 2015. Gerd Friedekind ist besessen. Von Horrorfilmen. In seinem Zimmer füllen VHS-Kassetten die Regale, an den Wänden hängen Filmplakate, über dem Bett ein umgekehrtes Kreuz. Im Dunkeln liest er das Buch "Der Exorzist". Er kennt dessen Zeilen wohl auswendig, wie die Zeilen aus dem Artikel im "Spiegel" von 1974 zum entsprechenden Film. Schnell ist da der Gedanke, dass Regisseur Jörg Buttgereit auch sich selbst auf die Bühne im Dortmunder Studio gebracht haben könnte. Oder zumindest einen Teil von sich. Den Jungen, der als Zehnjähriger unbedingt den "Exorzisten" sehen wollte, aber noch nicht durfte. Den Filmfanatiker mit nerdiger Liebe fürs Detail.


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Wut ohne Vision

von Tilman Strasser

Dortmund, 19. September 2015. "Bis 2032 werden mehr als 600 Millionen Menschen an Hunger, Armut und Krieg sterben." Der Mann, der das sagt, heißt Hercules (Sebastian Kuschmann), trägt schwarzen Anzug und Aschestriemen im Gesicht. Das hat er mit seinen Kollegen gemeinsam: Grotius (Björn Gabriel), Morpheus (Christoph Jöde) und Johann (Uwe Schmieder) stehen im gleichen Look an seiner Seite und starren zu sphärischer Musik ins Publikum. Über die Wand hinter ihnen flimmern Meldungen vom Tod Günther Jauchs, einem Anschlag auf Helene Fischer. "600 Millionen!", ruft Hercules. Und, an seine Gefährten gewandt: "Da regt sich nichts. Muss ich vielleicht noch einmal sagen."


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Die ultimative Flucht

von Friederike Felbeck

Dortmund, 23. August 2015. Alle Zutaten liegen parat: eine Plätscher-Kombo, die einen seichten Musikteppich auslegt, eine gigantische Showtreppe, die die Kandidaten auf die Bühne spült und die obligatorische Sitzecke, in der Stargäste und B-Promis Platz nehmen werden. Ein Warm-Upper buhlt um die Publikumsgunst mit Fußballergebnissen und reißt mal homophobe, mal lokalpatriotische Witze. So grooved der Regisseur Kay Voges seine Zuschauer in die Welt der Fernsehshows ein.


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Im Land der platzenden Chipstüten

von Stefan Keim

Dortmund, 8. Mai 2015. Es ist einfach nichts los. Drei 15-jährige zwängen sich durch Baustellenzäune und hängen rum. Als sie einen Spielzeughund vor ein Bällchen treten lassen, explodieren sie vor Begeisterung. Sie haben nichts anderes. Anne Lepper zeigt in ihrem Stück "Ach je die Welt" Jugendliche, die um ihren Platz im Leben kämpfen. Und dabei ausprobieren, was die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.


Theater Dortmund

Messdieners Popel im Paradies

von Sascha Westphal

Dortmund, 17. Oktober 2014. Natürlich wäre es maßlos übertrieben, jetzt zu behaupten, die Literaturgeschichte müsse noch einmal neu geschrieben werden. Aber ein wenig kann man schon in Versuchung geraten. Schließlich entführt einen der Filmemacher und Autor Wenzel Storch mit seiner ersten Theaterarbeit in eine wundersame, exotische Welt, die von der offiziellen Literaturgeschichtsschreibung sowieso immer nur ignoriert wurde. Und selbst die katholische Kirche breitet mittlerweile lieber den Mantel des Schweigens über sie.


Theater Dortmund

Der freie Wille im Apple-Zeitalter

von Dorothea Marcus

Dortmund, 14. September 2014. Washington D.C. im Jahr 2041. Morde sind abgeschafft. Dank dreier "Precogs", in Protonenmilch lagernden Drogenmütter-Abkömmlingen, gelingt es dem Projekt "Precrime" seit sechs Jahren, jede unrechtmäßige Tötung eines Menschen vorherzusehen – und mit Hilfe von Agenten in selbstfliegenden Anzügen sekundenschnell zu verhindern. Immer, wenn demnächst einer potentiell ermordet zu werden droht, kullert ein Ball, der aussieht wie bei der Lottoziehung – rote zeigen Verbrechen aus Leidenschaft. Bei denen rennt die Zeit, der Mord liegt nur eine halbe Stunde in der Zukunft.


Theater Dortmund

Geisterbilder aus dem Internet

von Friederike Felbeck

Dortmund, 12. September 2014." Es ist ein Kreuz mit den Bits and Bytes: Stunde um Stunde verdaddelt man mit neuen Betriebssystemen, Software-Updates, vertrackten Spielen, unfertigen Avataren oder wartet einfach nur auf eine Antwort (texting anxiety), bis die Wanne übergelaufen ist! Der Aufmerksamkeit entgeht das Wesentliche, das, was es rechtzeitig abzustellen oder zu kanalisieren gilt, denn der Pixel-Rausch und die Zeitfressmaschine Virtualität haben ihre Klauen nach dem echten Leben ihres Warmblüter-Users ausgestreckt und ihn in die kalten Logarithmen einer cloud entführt.


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Der Burn-out-Staat

von Friederike Felbeck

Dortmund, 3. Mai 2014. Die schwarz-rot-goldenen Blumengestecke, die die Bühne säumen, lassen nichts Gutes ahnen. Dazu das Deutschlandlied von einer einzelnen Geige geächzt. Zwei aalglatte Moderatoren verleihen den "Autsch 2014", und der einzige Preisträger ist das Land Deutschland. Ihre ans Publikum gerichteten Fragen sind ein Kanon aller Sorgen und Nöte unserer Wohlstandsgesellschaft, die an der eigenen Effizienz krankt.


Theater Dortmund

Wenn die Vernunft sich schlafen legt

von Sascha Westphal

Dortmund, 15. Februar 2014. Die Gesichter von Jakob und Wilhelm Grimm füllen die große, auf der linken Bühnenseite stehende Leinwand nahezu ganz aus. Wange an Wange ruhen die beiden von Sebastian Kuschmann und Ekkehard Freye gespielten Brüder. Im Schlaf sind sie, die sich sonst kaum einmal über die von ihnen gesammelten Märchen und deren Bedeutung einigen können, friedlich vereint. Gemeinsam träumen sie vom Rotkäppchen und dem Wolf, die gerade in einem der neun Zimmer des auf der Drehbühne stehenden zweistöckigen Kubus ihr Pas de deux verbotener Leidenschaften aufführen. Angst und Verlangen, Gier und Zärtlichkeit werden eins in dieser wortlosen Choreographie. Das gar nicht so unschuldige Mädchen bietet sich dem wölfischen Mann an und schlüpft schließlich unter dessen Großmutter-Nachthemd.


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Der Freak in dir

von Sascha Westphal

Dortmund, 29. November 2013. "Herrrrrrrrrr...", immer weiter und weiter dehnt Christoph Jöde sein "r", während das Publikum im Foyer noch vor der mit einem Band abgesperrten Treppe zum Studio steht. Es scheint, als wollte er gar nicht mehr aufhören, bis irgendwann doch noch das erlösende "...reinspaziert" erklingt. Dieses eine Wort ist wie die roten, goldbesetzten Uniformen-Jacken und die Hüte, die Schauspieler und Einlasspersonal tragen, Versprechen und Warnung zugleich. Das Theater wird zum Zirkus- und Jahrmarktszelt, in dem Kuriositäten und Monstrositäten darauf warten, angestarrt zu werden.


Theater Dortmund

Lebensloop auf Zuruf

von Sascha Westphal

Dortmund, 13. September 2013. Ganz zum Ende, der eiserne Vorhang ist schon heruntergefahren, ziehen noch einmal die Bilder des Abends an den Augen des Publikums vorüber. Immer vier Stück gleichzeitig werden per Split-Screen-Technik auf den Eisernen projiziert. Ein vorerst letztes Wiedersehen mit Adam und Eva, mit Friedrich Nietzsche und Irina, der Jüngsten von Tschechows "Drei Schwestern", mit einem Bär namens Erklär-Peer und einer singenden Raupe, mit Sisyphos und dem Duracell-Hasen, mit dem Deutschen Michel und den Kaufhaus-Zombies. Ein letztes Mal ergießt sich ein Strom von Eindrücken von der Bühne in den Saal, ein letztes Mal Exzess und Monotonie. Albernes und Tiefschürfendes, Trauriges und Absurdes, prallen wie schon zuvor aufeinander und stürzen auf den Zuschauer ein. Alles, was er in den vergangenen drei Stunden gesehen und gefühlt, durchlitten und gedacht hat, ist erneut da, geronnen zu Standbildern, die sofort andere Bilder und Filme im Kopf nach sich ziehen. Und schon ist die Falle wieder zugeschnappt. Die nächste Runde kann beginnen. "Fortsetzung folgt" steht dann zuallerletzt auf dem eisernen Vorhang.


Theater Dortmund

Wie ein Fisch im Datenmeer

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 21. Februar 2013. In der Besetzungsliste für diesen Abend gibt es den Live-Codierer und den Core System Programmierer. Zusätzlich zum Handzettel wird ein Glossar verteilt, das Begriffe wie "Ableton Live" (eine Musik-Software), "Fluxus" (eine Programmiersprache) und "Kinect" (eine 3D-Kamera) erklärt. Und auf der Bühne agieren keine Schauspieler, da hängen kreuz und quer Leinwände von der Decke. Kunst ist hier Datenübertragung. Damit es strömt, bedienen drei Programmierer ihre Rechner. Sie sitzen etwas seitwärts an einer Theke, ihre Finger auf der Tastatur, ihre Augen meist auf den Monitor gerichtet.


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Die stupide Handarbeit des Denkens

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 11. November 2012. "Wir kommen ja nicht mal von Nirgendwo / Wir sind einfach da." Dieser hoffnungsfreie Satz könnte bei Beckett stehen, keine Frage. Er fällt auch nicht weiter auf, wenn Uwe Schmieder ihn im Dortmunder "Endspiel" spricht. Aber geschrieben hat den Satz Wolfram Lotz. Dessen herausforderndes Stück "Einige Nachrichten an das All" hat Intendant Kay Voges zur Saisoneröffnung als Film inszeniert, um das unmögliche Theater möglich zu machen. Zwei der Lotz-Figuren holt er nun von der Leinwand zurück auf die Bühne.


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Worte werden Film

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 14. September 2012. Dreimal öffnet sich der Vorhang. Nichts passiert, die sieben Stühle bleiben leer. Der Schauspieldirektor und Regisseur des Abends Kay Voges betritt die Bühne und entschuldigt sich: "Wir haben versucht, die Grenzen der Wirklichkeit neu abzumessen (...). Wir haben Körper verloren, die Bühne hat ihre Schauspieler verloren. Worte werden nicht mehr Fleisch."


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altSteigere Deinen Wert!

von Dina Netz

Dortmund, 15. Juni 2012. Nördlich des Bahnhofs wird es in vielen Städten schmuddelig, so auch in Dortmund. Hier ziehen die Bahngleise sogar so etwas wie die rote Linie, die man besser nicht überschreitet, schon gar nicht als Frau und abends. "Offener Konsum von Alkohol und Drogen bestimmen die Wahrnehmung des Viertels ebenso wie illegale Prostitution und die kaum zu lenkende Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien", heißt es im Programmheft zu "Crashtest Nordstadt. mach mein Spiel" von matthaei & konsorten. Die Gentrifizierung, die sich in zentrumsnahen Vierteln von Großstädten in den letzten Jahren vollzogen hat, ist an der Dortmunder Nordstadt weitgehend vorbeigegangen, trotz Gründerzeitbaubestand und gutem Willen.


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alt

Gott sei Punk

von Stefan Keim

Dortmund, 16. März 2012. Die Band thront seitlich neben der Szene, fast drei Meter hoch. Die vier Musiker der New Yorker Undergroundband Botanica haben sich Wimpern angeklebt, in Korsetts gezwängt und Glitzerschminke aufgelegt. Als würden sie die Rocky Horror Show am Christopher Street Day spielen. Die Songs von Keyboarder und Sänger Paul Wallfisch sind zentral für die Aufführung, melancholisch verschattete Balladen und krachender Punkrock wechseln sich ab, geben gewaltige Kicks, laden die Inszenierung mit einer riesigen Energie auf. Das grandiose Ensemble kann mithalten.


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Noras Gespenster haben Gesichter 

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 1. Oktober 2011. Der Weihnachtsbaum steht noch im Zimmer. Als hätte ihn eine verzweifelt-wütende Nora nie in den Gartenpool geschmissen. Als hätte Nora ihren Mann und dessen Puppenheim nie verlassen. Es tritt auch weder eine Nora noch eine Helene auf, sondern eine Dramen verbindende EleoNora. Dortmunds Intendant Kay Voges inszeniert Ibsens "Gespenster" als Fortsetzung von "Nora". Die neue Saison eröffnet er mit einer Doppelpremiere, mit beiden Stücken in einem Bühnenbild an zwei Tagen hintereinander. Am ersten Abend hatte sich EleoNora aus dem bürgerlichen Bungalow befreit, am zweiten sitzt sie wieder in ihm fest. Vom Kaminsims schaut ihr schwarz eingerahmtes Schicksal, das Bild ihres verstorbenen Mannes Torvald.


Theater Dortmund

Wird's besser?

von Christiane Enkeler

Dortmund, 12. März 2011. In nietenbesetzten Lederhosen und -westen treten die Männer Schottlands auf, breitbeinig, cool und rau. König Duncan ist das rauste Raubein, wie er da im blutigen Stoffsack nach dem abgeschlagenen Kopf des Gegners tastet. Macbeth kniet neben ihm – den Ekel, den er spürt, verhehlt er schlecht. Das Gesicht nicht wie ein offenes Buch herumzutragen, dazu muss ihm erst seine Lady raten.


Theater Dortmund
alt

Auch wenn ich nur ein Fremder bin

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 22. Januar 2011. Es ist ein Abend der Ebenen. Auf der Bühne heben und senken sich Bodenplatten als Erdschichten in über und unter Tage. Und auch sonst beackert Regisseur Stefan Nolte in seiner Uraufführung gleich mehrere Schichten, künstlerisch, inhaltlich und sprachlich. Diese Dortmunder Tiefenbohrung ist Dokumentation und Märchen, erzählt und gesungen von Zeitzeugen und Schauspielern, auf Deutsch und auf Türkisch. Schauspielchef Kay Voges hat zu Beginn seiner Dortmunder Intendanz im vergangenen Jahr angekündigt, einen Fokus seiner Arbeit auf die Geschichte der Stadt zu legen. Kohle, Bergbau, Migration gehören dazu, keine Frage.


Theater Dortmund

Das Grinsen des falschen Hartz-IV-Empfängers

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 6. Oktober 2010. Draußen wird demonstriert. Die Initiative für das unabhängige Zentrum Dortmund (kurz UZDO) schimpft auf das Institut für urbane Krisenintervention (kurz IfuK). Auf dem roten Teppich hat jemand mit Kreide "Gegen Kulturausverkauf" gekritzelt. Und Theaterchef Kay Voges versucht zu schlichten, lädt ein zur Diskussion nach der Veranstaltung, aber erstmal sollen die Zuschauer bitte in Ruhe ins Theater gehen dürfen. Freie Kunst gegen städtisch subventionierte? Ein Aktivisten-Netzwerk, das im August die leerstehende Kronenbrauerei besetzte und sich als kritischen Kommentar zum Programm der Kulturhauptstadt RUHR.2010 versteht, gegen das Stadttheater, das freiwillig einen Pakt mit dem Teufel freie Wirtschaft eingeht?


Theater Dortmund

High-Heels, Bagger, Dixiklo

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 3. Oktober 2010. So sehen sie also aus, die Perser. Die Männer mit Turban auf dem Kopf, in weiter Baumwolltunika, Maschinengewehre über der Schulter. Die Frau trägt Schleier und einen langen Mantel, unter dem High-Heels und Leggins tiefschichtig mehr versprechen. Aber diese Perser stehen vor einem amerikanischen "Ruby Tuesday"-Restaurant. Äußerlich betrachtet sind sie also nicht mehr als Abbilder einer westlichen Vorstellung.


Theater Dortmund

Piff Paff Puff

von Andreas Wilink

Dortmund, 14. November 2009. Hatte Moskau ihm den Kopf verdreht, hat er sich auf Suche nach dem "dritten Weg" in der Richtung geirrt oder ist er bloß in die falsche literarische Gattung gelaufen? Wollte der Dichter-Philosoph und Propagandist der Tat sich rein waschen von seinem die kommunistische Parteilinie als blutigen Zickzackkurs nachzeichnenden Balkan-Drama "Die schmutzigen Hände" von 1948? Sieben Jahre nach dieser dialektischen Finesse verfasste Jean-Paul Sartre seinen "Nekrassow" als Posse gegen das korrupte kapitalistische System in der Klimakrise des Kalten Krieges.


Theater Dortmund

Kein Prinzip Hoffnung

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 24. Oktober 2009. Über die Autorin Anna Behringer ist nichts zu erfahren. Die Suchmaschinen spucken nichts Brauchbares aus, die Aufführungsrechte ihres Stücks "Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte" liegen bei ihr selbst, nicht bei einem Verlag, der vielleicht etwas verraten könnte. Und auch das Theater Dortmund hat sich verpflichtet, keinerlei Informationen herauszugeben.


Theater Dortmund

Gottlose Fußlümmelei

von Michael Laages

Dortmund, 5. September 2009. Wenn das zum guten Ende keine Vision ist von Rang: eine ganze Stadt als Silhouette in Schwarz und Gelb; schwarz sind die Häuser, gelb ist das Licht, das in den Fenstern scheint. Und alles, was da webt und wirkt, trägt einen Namen nur: Borussia. Das Theater, die Bank, der Bahnhof, das Bier – so hätten es die Dortmunder wohl gern, die in diesem Jahr auf verschiedenen Ebenen den 100. Geburtstag des lokalen Fußballvereins feiern.


Theater Dortmund

Historiendrama modern verstrickt

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 2. Mai 2009. Bekannt ist Marieluise Fleißer für ihre kritischen Volksstücke, die meist in ihrer bayerischen Heimat Ingolstadt spielen. Die 1901 geborene Schriftstellerin konnte aber auch ganz anders: "Karl Stuart" ist vor allem ein historisches Schauspiel, ein Königsdrama um Karl I., Enkelsohn der Maria Stuart und ab 1625 Herrscher über England, Schottland und Irland. Karls Krone fehlt Geld. Seit Jahren regiert er ohne Unterhaus, jetzt will er sich mit dem Parlament versöhnen. Das aber geht nicht auf seinen Plan ein, sondern verhaftet Karls engsten Vertrauten, den Grafen Strafford. Der König leidet, seine Frau Henrietta, die Prinzessin aus dem katholischen Frankreich, kann den Verlust – auch wenn sie sich noch so sehr bemüht – nicht ersetzen. Das Parlament will den König stürzen. Hier handelt jeder nur aus egoistischen Gründen. Fleißer schrieb das Stück um Krieg, Hinrichtungen im Namen der Gerechtigkeit und Machtmissbrauch während des Zweiten Weltkriegs. Erst jetzt, über 60 Jahre später, bringt es Philipp Preuss im Dortmunder Schauspiel zur Uraufführung.


Theater Dortmund

Sehnsucht nach dem Untergang

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 6. März 2009. "mal sehen, ob die wälder wieder brennen, (…) mal sehen, ob gebäudeteile auf uns zukommen, (…) mal sehen, ob sich autos überschlagen." Die Kinderstimme vom Band erwartet die üblichen Schreckensbilder. Auf den sieben Bildschirmen allerdings lodert weder ein zerstörerisches Buschfeuer noch brandet eine tödliche Flutwelle, von apokalyptischen Untergangsszenarien keine Spur. Hier gibt es nur den faden Alltag zu beobachten. Und etwas Nieselregen, der strapaziert aber allenfalls die Nerven.


Theater Dortmund

Du hast kein Recht, mich so zu verlassen!

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 12. Dezember 2008. Die Frau starrt noch einmal sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen ins Leere, dann wirft sie sich der Vogelscheuche in die Arme und ist tot. 90 Minuten lang wurde im Dortmunder Studio das Lebensende verhandelt. Die letzten Stunden im ziemlich verkorksten Dasein einer Frau, die in einem übergroßen Bett schläft und auf einem winzig kleinen Stuhl sitzt.


Theater Dortmund

Was geht es mich an?

von Ulrike Gondorf

Dortmund, 9. November 2008. Der letzte Satz ist beinah der erschreckendste an diesem beklemmenden Theaterabend: "Tja, da hab ich halt nichts gemacht", sagt der junge Mann. Ganz leichtes Erstaunen schwingt mit in seiner Stimme, eine winzige Verunsicherung. Aber eigentlich war das doch ganz o.k.


Theater Dortmund

Ein Tänzchen, die Herren?

von Christian Rakow

Dortmund, 11. Januar 2008. Ein Land in Südamerika nach dem Ende der Diktatur. Paulina Salas hat die Misshandlungen in den Kellern der Geheimpolizei überlebt und ihren Ehemann Gerardo geschützt, der jetzt Anwalt und Mitglied einer staatlichen Untersuchungskommission für Menschenrechtsverletzungen ist. Als eines Tages der Arzt Dr. Miranda zufällig in ihrem Haus einkehrt, glaubt Pauliana in ihm den Peiniger wiederzuerkennen, der sie seinerzeit in den Folterkellern zu Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" vergewaltigte.


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