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archiv » Schlosstheater Moers (11)
Schlosstheater Moers

Fressen für die Geier

von Sascha Westphal

Moers, 18. Februar 2017. Dieses Stück ist eine Zumutung, auch für den Leser und Theatergänger, aber vor allem für die Theatermacher, die sich ihm zuwenden. Auf der einen Seite greift der US-amerikanische Autor Michael Yates Crowley ganz tief in die Kiste, in der die abgeschmacktesten Klischees über Hedgefonds-Manager und die moderne Arbeitswelt gelagert werden. So ziert das Firmenlogo der Beteiligungsgesellschaft "CarryOn Partner" die Silhouette eines Geiers. Wer wüsste schließlich nicht, dass Firmen dieser Art sich gierig über finanziell angeschlagene Unternehmen hermachen und sie genüsslich zerpflücken.


Schlosstheater Moers

Abgemurkst und trockengeschleudert

von Gerhard Preußer

Moers 4. Februar 2016. Wenn eine Frau sich reckt und sagt: "Ich bin ein gut gebauter Mann", dann sieht man doch schon, dass das gelogen ist. Lüge, Verstellung, Schein, Imitation – das ist das Wesen Richards III. bei Shakespeare. Dass er eine Frau ist, die ganz männlich tut, die Hände in die Hosentaschen wühlt, die Hosenträger knallen lässt, das passt da gut. Im Moerser Schlosstheater spielt Marissa Möller diesen Richard und es ist nicht nur ein Besetzungscoup wie so oft. Es gibt dem Abend einen eigenen Antrieb. Sie spielt einen Schauspieler, der einen Menschen spielt, der sich verstellt: Imitation einer Imitation einer Imitation. Sie ist so wenig behindert, wie sie männlich ist. Sie turnt uns vor und ruft noch im Handstand triumphierend immer wieder jubelnd "Ich bin böse!". Damit hat sie ihre Rolle gefunden.


Schlosstheater Moers

Sehnsucht nach Selbstauslöschung

von Sascha Westphal

Moers, 15. Mai 2014. Ganz am Ende hält der irische Packer Galy Gay den Fisch in den Händen, den er zu Beginn für sich und seine Frau kaufen wollte. Nur ist er zu diesem Zeitpunkt längst kein Arbeiter im Hafen von Kilkoa mehr, und seine Frau hat er auch gänzlich aus den Augen verloren. Nicht einmal sein Name ist ihm geblieben. Dafür steht er nun als Soldat der britischen Armee an vorderster Front im tibetanischen Krieg und führt den Namen Jeraiah Jip. Aus dem Mann, der nicht "nein" sagen konnte, ist eine Kampfmaschine geworden.


Schlosstheater Moers

Töpfern für die Toleranz

von Stefan Keim

Moers, 8. Februar 2014. Das Ensemble sitzt um einen großen Lehmklumpen herum. Drei Männer und zwei Frauen murmeln Sätze aus der Ringparabel und aus der Beschreibung eines Pogroms, in dem Nathans Familie ermordet wurde. Dabei kneten sie Figuren. Einer stellt ein liebevoll gemachtes kleines Männchen auf den Berg, ein anderer klatscht seine grobe Skulptur einfach drauf. Plötzlich liegt Aggressivität im Raum. Töpfern für die Toleranz ist doch nicht so einfach wie man glauben könnte.


Schlosstheater Moers

Menschenschöpfung mit Kurzschluss

von Guido Rademachers

Moers, 24. Januar 2013. Das Schlosstheater Moers ist ein kleines Theater mit kleinem Etat. Vorsicht also vor zu großen technischen Herausforderungen. Regisseur Philipp Preuss, Jahrgang 1974, hat sich nicht beeindrucken lassen und in die Minibühne einen Riesenballon gehängt. Auf ihm ist ein "talking head" zu sehen, wie er von dem amerikanischen Installationskünstler Tony Oursler stammen könnte.


Schlosstheater Moers

altWenn der Zug im Tunnel hält

von Guido Rademachers

Moers, 22. März 2012. Bei Romanen sieht man es mit der Rechtevergabe eher gelassen. Zum ursprünglichen Verwertungszusammenhang kommt ein nettes Bühnen-Extra-Plus. Und so kann auch ein 100-Plätze-Haus wie das Schlosstheater Moers, das mit Aalen um den Titel "Kleinstes Stadttheater Deutschlands" konkurriert, mit dem Uraufführungsetikett für Wirbel sorgen. Das Problem ist nur, dass es neben dem Romandichter für die Bühnenbearbeitung noch einen Verdichter braucht.  


Schlosstheater Moers

altÜber Bleiben und Gehen

von Guido Rademachers

Moers, 2. Februar 2012. Das Programmheft steckt zusammen mit Werbepostkarten, Veranstaltungshinweisen und -broschüren in einem kleinen braunen Pappkarton. "ÜBERGEHEN" steht in roter Stempelfarbe darauf. Es ist der Titel einer Projektreihe mit Inszenierungen, Ausstellungen, Vorträgen und Workshops, die das Schlosstheater Moers in Kooperation mit Wohlfahrtsverbänden und Kliniken ausrichtet. Ein Titel, der gleich mehrere Bedeutungsmöglichkeiten zulässt: Übergehen – als Übergang vom Leben in den Tod nämlich – sowie: etwas übergehen. Und, so versetzt, wie die Silben aufgestempelt sind, auch: Über das Gehen. Was, da Bewegung relativ ist, nicht nur jemanden voraussetzt, der geht, sondern auch einen, der bleibt.


Schlosstheater Moers
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Viele Hände tragen diese Blase

von Sarah Heppekausen

Moers, 10. Februar 2011. Wir sitzen auf einer Kreuzung. Zwischen den vier Zuschauerbereichen sind vier Straßen markiert. Jede kommt aus einer anderen Richtung, alle haben das gleiche Ziel: unterwegs zu mehr Profitabilität. Diese Roadmap ist kein Highway to Heaven. Sie führt geradewegs zum Crash. Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb lässt so einiges zusammenprallen in seiner Version einer ökonomischen Geisterbeschwörung. Adam Smiths Ausführungen zu seiner berühmt gewordenen Metapher der "unsichtbaren Hand" treffen auf Aussagen von Bankern wie Josef Ackermann oder Lloyd Blankfein, René Descartes' Erkenntnistheorie auf Sexberichte aus Internetforen.


Schlosstheater Moers

Hotel zur Scheinheiligkeit

von Kerstin Edinger

Moers, 16. Mai 2009. Ein Innenhof mit Kopfsteinpflaster, Stacheldraht auf den Mauern, doppelt vergitterte Fenster – das ehemalige Abschiebegefängnis von Moers liegt nur einige Meter vom Theater entfernt. Intendant und Regisseur Ulrich Greb, der sich gerne in den Stadtraum vorwagt, hat sich diesen ungemütlichen Ort für eine theatrale Installation ausgesucht, die den ironischen Titel "Hotel Europa" trägt. Ein fragmentarisches Stück über Migration, Einwanderung und Flucht, ein Stück über Ländergrenzen und die Festung Europa, die nur einigen Auserwählten Zutritt gewährt.


Schlosstheater Moers

Zündstoff in wortgewaltigen Tiraden

von Ulrike Gondorf

Moers, 22. Mai 2008. Zwölf ist eine biblische Zahl, zwölf Apostel folgten Jesus nach. Einer von ihnen nahm seinen Platz sozusagen nachträglich ein. Paulus bekehrte sich vom erbitterten Christenverfolger zum ersten großen Missionar des neuen Glaubens und reklamierte symbolisch für sich den Rang, den der Verräter Judas verspielt hatte unter den Auserwählten Christi. "Vom Saulus zum Paulus" - das ist bis heute sprichwörtlich für einen plötzlichen Gesinnungswandel.


Schlosstheater Moers

Apollons Glückskekssprüche

von Christian Rakow

Moers, 9. Februar 2008. Es ist ein Drama ultimativer Treue. Alkestis geht für ihren Mann Admetos in den Tod, damit er lebe. Worin sich ein Gnadenakt erfüllt, den Apollon dem König Admetos zugestanden hatte: Sein Erdendasein kann er um eine Lebensfrist verlängern, wenn jemand sich an seiner Statt dem Hades opfert. Dieses Opfer aber bedeutet schwere Bürde.


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