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archiv » Landestheater Tübingen (14)
Landestheater Tübingen

Gott und die Verdauung

von Thomas Rothschild

Tübingen, 25. Februar 2017. Während auf der Bühne von dem Vorfall in Nizza am französischen Nationalfeiertag des vergangenen Jahres die Rede war, wurde bekannt, dass ein 73jähriger in Heidelberg gestorben ist, nachdem jemand mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren war. Näher an der Realität kann Theater nicht sein. Freuen kann man sich darüber nicht. Aber Vorsicht: nach dem Stand der Dinge gibt es keinen Hinweis auf religiösen Fanatismus oder auf einen terroristischen Hintergrund für den Heidelberger Vorfall.


Landestheater Tübingen

Schwellköpfe im Holzverschlag

von Elisabeth Maier

Tübingen, 20. Februar 2016. Pferde zertrampeln die Schädel von Menschen in den Angstträumen, die den Studenten Raskolnikow quälen. In einer engen Bretterbude hat Gernot Grünewald am Landestheater Tübingen Fjodor Dostojewskijs Roman "Schuld und Sühne" in Szene gesetzt. Fünf Spieler verkörpern 20 Rollen. An Mikrofonen sprechen sie Passagen des Klassikers, der im Jahr 1866 erschienen ist. Düster und schwer klingt die epische Sprache des Russen, die der Regisseur und seine Dramaturgin Kerstin Grübmeyer in ihrer pointierten Fassung auf die inneren Konflikte des Mörders reduzieren. Kollektives Erzählen ermöglicht einen distanzierten Blick auf die Handlung, die ab und an doch etwas antiquiert wirkt.


Landestheater Tübingen

Das verlorene Lächeln der Killer

von Elisabeth Maier

Tübingen, 9. Oktober 2015. Sie ertränken Asylbewerber in der Badewanne und reden ständig übers Ficken. Der Spanier Carlos Eugenio López lässt in seinem Roman "Abgesoffen" zwei Berufskiller sprechen. Ihr Auftrag ist es, jede Woche einen Flüchtling umzubringen. Das soll andere Fluchtwillige abschrecken. Die Toten karren sie im Kofferraum nach Gibraltar, um sie ins Meer zu werfen.


Landestheater Tübingen

Rebellengedenken

von Elisabeth Maier

Tübingen, 13. Februar 2015. Das Veredeln eines Obstbaums war für ihn wie ein Liebesakt. In unzähligen Kommunen kandidierte Helmut Palmer als Bürgermeister. In Schwäbisch Hall hätte es der Querkopf mit 40,1 Prozent im ersten Wahlgang fast geschafft, doch dann setzte eine Hetzkampagne ein. Das Landestheater Tübingen (LTT) erinnert nun mit "Palmer - Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland" an den "Remstal-Rebell", der für den richtigen Obstbaumschnitt und gegen das Vergessen der NS-Verbrechen kämpfte. Das "Political" von Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyer berührt zutiefst.


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Der Tod als Lebenselixier

von Steffen Becker

Tübingen, 6. Juni 2014. Eigentlich ist doch der Tod das wahre Leben. Zumindest für das Umfeld der Toten. Die Emotionen kochen hoch, ungelöste Konflikte treten hervor, offene Rechnungen kommen zur Sprache. Thomas Melle macht sich das für sein Stück "Nicht nichts" zunutze und lässt in dem Auftragswerk für das Landestheater Tübingen eine bekannte Dramatikerin ins Gras beißen. Eine Zwischenruferin war sie im Angesicht von Missständen, eine mutige Kämpferin an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft – was man halt so an Phrasen von sich gibt. Die oft ja nur geheuchelt sind. In Wahrheit würden Weggefährten es gerne so machen, wie es Regisseurin Maria Viktoria Linke vorführen lässt: Hose runter und aufs Grab urinieren – während man den Dank spricht für die enorme Inspiration, die die Verstorbene für einen war.


Landestheater Tübingen

Wir wollen nicht so tun als ob

von Kathrin Kipp

Tübingen, 4. April 2014. Es ist mal wieder kalt geworden in Deutschland. High-End-Kapitalismus, Finanz- und Sinnkrise haben uns im Würgegriff. Die Zinsen fallen ins Bodenlose. Die Sparer werden nervös. Die Angst geht um. Es kommt zu ersten Ausfallerscheinungen: die Bankomat-Phobie. Betroffene bekommen Pusteln und Atemnot, wenn sie einen Geldautomaten nur von weitem sehen. Die Folge: Sie ziehen sich vom Bankgeschäft zurück. Ignorieren ihr Konto. Werden zu sogenannten "Schläfern". Ein Bankberater (Kai Meyer) versucht, diese Finanzverweigerer wieder als aktive Kunden ans Unternehmen zu binden. Die Führungskraft (Britta Hübel) will das verhindern, schließlich hat sie die schläfrigen Konten für ihre kriminellen Transaktionen benutzt. Kurz bevor sie sich ins Ausland absetzen will, droht alles aufzufliegen. Ein kleiner Amoklauf muss her.


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Im Moment etwas träge

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, den 20. Februar 2014. Am liebsten liegt er flach, dieser Oblomow. Schläft und dämmert in den Tag hinein. Seine Stadtwohnung versifft, sein ererbter Landbesitz in der Pampa verfällt, das Getreide vergammelt, die Bauern spuren nicht mehr wie früher. Er weiß das alles, doch es überfordert ihn. Lieber träumt und pooft er sich weiter durchs Leben. "Oblomowerei", lästern seine Zeitgenossen. Volles 19. Jahrhundert eben. Warum soll dieser wohl berühmteste Faulpelz der russischen Literatur heute noch interessieren?


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In drei Teufels Namen

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 2. Dezember 2011. "Ooh, ooh", piepst der Teufel irgendwann, "I'm a man of wealth and taste". Doch dieses Kurzzitat aus dem Stones-Song "Sympathy for the Devil" (der von Bulgakow inspiriert sein soll) bleibt der einzige Link in die Gegenwart. Denn ansonsten inszeniert Thorleifur Örn Arnarsson den ganzen Dreistundenabend lang ohne Verweis ins Jetzt. Konsequent am Romantext entlang, oder besser: entlang jener Episoden, die er sich herausgepickt hat.


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Dein schwarzer Wüstenblick

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 9. April 2011. Nichts ist so alt wie ein topaktuelles Zeitstück von gestern. Es sei denn, es hat eben mehr Substanz und Leuchtkraft als eine nur theatralisch aufbereitete Nachricht. Anne Habermehls "Letztes Territorium", 2008 in der Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters uraufgeführt, ist so ein Text, bei dem sich ein zweiter Blick lohnt. Regisseur Martin Kreidt lässt die 34 Kurzszenen am Landestheater Tübingen bis auf marginale Kürzungen streng nach dem Textoriginal spielen – ohne Requisiten, auf leerer schwarzer Bühne. So streicht er heraus, dass dieses vermeintlich nur aktuelle Stück über den afrikanischen Bootsflüchtling Mehdi, der sich bei einer Familie in Stuttgart einquartiert, auch als abstrakter Laborversuch lesbar ist, als archaische Geschichte, als antike Tragödie.


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Mit Hammer, Messer und Benzin

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 11. Juni 2010. Es gibt genug Männer, die ihr aus der Hand fressen. Aber nein, Irina muss unbedingt Jewgenij, einen Mörder, lieben, der im Knast sitzt, weil er seine Frau zu Tode geprügelt hat. "Er ist unschuldig", sagt Irina und lächelt dazu wonnig. Das Publikum erfährt alsbald exklusiv, was Irina nicht weiß: Kaum draußen, will Jewgenij Irina lediglich um 60.000 Dollar berauben und danach zügig erschlagen. Pass bloß auf, möchte man ihr als Zuschauer zurufen – wie einst im Kasperltheater, wenn das böse Krokodil naht.


Landestheater Tübingen

Die einsturzgefährdete Leichtigkeit der Rauschkugel

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 27. September 2009. In der Wahlnacht ein Stück über Alkoholismus anschauen – ob das als subtile Form des Widerstands gegen die dröhnenden TV-Polit-Runden gewertet werden kann, sei mal dahin gestellt. Denn auch das "Paradies" (2004), Alison Louise Kennedys Roman über eine Trinkerin, ist eigentlich eine Hölle. Doch damit sind wir schon mitten drin in der Besonderheit des Plots.

Landestheater Tübingen

Lass uns nach Hause gehen

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 7. Mai 2009. "Man trinkt ein Bier mit Freunden", sagt Helene, und es klingt nach "ich möchte woanders sein". Auch Marie ist nicht gut auf das "Dreckskaff" zu sprechen, in dem sie aufgewachsen ist und noch immer lebt. Und für Irina, die längst nach Berlin geflohen ist, war es schon immer "die Hölle". Drei Schwestern, die mit ihrem Herkunfts-Provinznest hadern. Die sich ständig in die falschen Männer verlieben. Und deren Bruder am Ende auch noch das verbliebene Elternhaus verspielt. Ja, in Ulrike Syhas neuem Stück "China Shipping" geht’s zu wie bei Tschechows "Drei Schwestern". Und dennoch, es ist viel mehr als nur ein nettes Remake. Es ist eine fein gewobene Studie über die Frage: Wie würden Tschechows "Drei Schwestern" heute leben?


Landestheater Tübingen

Imaginierte Totenlandschaften

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 5. Dezember 2008. Es ist Krieg. Immer irgendwo. Vielleicht nicht direkt im Stück. Bettina Erasmys 90-Minuten-Drama "Mein Bruder Tom" wirkt eher wie ein Nachhall des Kriegs: wie eine düstere Revue traumatisierter Seelen. Versprengte Soldaten, ein flüchtendes Paar, eine Kriegsfotografin und ein leichenfleddernder Organhändler bevölkern das Stück. Derweil bereiten sich zwei junge Kandidatinnen eines bizarren TV-Trainingscamps darauf vor, in den Krieg zu ziehen, um einen Verschollenen (ihren Bruder Tom) zu finden. Die Autorin skizziert eine Art Sekundärbild, sie lotet aus, was der Krieg mit den Seelen macht.

Bettina Erasmy, von Haus aus Dramaturgin, dann auch Regisseurin, ist beim Schreiben angekommen. Sie hat "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" für die Volksbühne bearbeitet, ein Traumspiel über Goya für die Schaubühne geschrieben, Beckett als Musikdrama adaptiert und Meyrinks "Golem"-Roman fürs Theater Basel zugeschnitten – wer will, mag darin ein gewisses Faible fürs Expressionistisch-Surreale erkennen.

Afghanistan, Ruanda, Tschetschenien

Dies schwingt auch in ihrem Text "Mein Bruder Tom" mit. Der war 2007 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens nominiert und gewann im selben Jahr gleich den Landesbühnenpreis des Deutschen Bühnenvereins – gemeinsam mit dem Landestheater Tübingen (LTT), das nun die Uraufführung besorgt hat. Irak, Afghanistan, Ruanda, Tschetschenien – Bettina Erasmy fasst real existierende Schauplätze hier zu einem großen, synoptischen, ortlosen Kriegsphänomen zusammen und zoomt vor dieser Folie auf innere Wüstenlandschaften.

Tom ist bereits tot und redet nur noch in der dritten Person über sich, während seine Schwestern Gloria und Ellen sich per TV-Schulungscamp zu Kampfmaschinen drillen lassen. Bereits Erasmys Text spielt ständig im Niemandsland zwischen Traum, Erinnerung und Virtualität. Regisseur Thomas Krupa verschiebt bei der Uraufführung am LTT nun vollends die Akzente und präsentiert ein durchgehendes Kriegs-Traum-Spiel. Die Regieanweisungen ("Eine Art Lagerraum. Von den Wänden rieselt Wasser...") werden auf der Bühne nicht verwirklicht, sondern nur laut verlesen, wodurch das Stück, das sowieso auf Meta-Ebenen spielt, einen weiteren abstrahierenden Meta-Dreh verpasst bekommt.

Grenzen der Darstellbarkeit von Krieg

Die Bühne – ein  paar Stühle, zwei Lautsprecher, sonst nichts – ist nur eine Spielfläche vor einer weißen Großleinwand. Und überhaupt: Alles ist immer doppelt belichtet – einmal als Bühnenszene und dann als (oft abweichende) Großbildprojektion auf den Seitenwänden des Theaters. Der Zuschauer, umzingelt von Abbildern des Kriegs – zumindest in dieser Hinsicht funktioniert das Regiekonzept. Doch Thomas Krupa, der schon so oft Texte mit dem surrealen Zauberstab in Schwebe versetzt hat (etwa Arne Lygres "Mama und ich und Männer" DSE in Karlsruhe), stößt hier an Grenzen, nämlich an die Grenzen der Darstellbarkeit von Krieg.

Denn die inszenierte Verknüpfung – hier Texte über Granateneinschläge, dort Nachtsicht-Filme – wirkt im Vergleich zur täglichen Nachrichten-Bilderflut redundant und erreicht stellenweise nur eine angestrengt behauptete Intensität. Dennoch, es gibt viele starke Momente. Etwa wenn Toms Schwestern, Gloria (Veronika Avraham) und Ellen (Katja Bramm) sich im TV-Wettbewerb zu furiosen, respektive kaltblütigen Pitbulls entwickeln. Oder wenn Tom (Johannes Schön) als somnambule Leiche einen leisen Frontbericht rappt, um dann mit Sky (Christian Dräger), einem skurrilen Krieger im Feldherrnmantel, durch imaginierte Totenlandschaften zu irren.

Groteske, packende Bilder

Derweil säbelt der Zyniker Laif (Udo Rau) den Toten ein paar wertvolle Organe heraus. Nur das flüchtende Paar – Robert (Gotthard Sinn) und Sophie (Katja Gaudard) – sorgt mit Weizenfeld-Visionen für berührende Gegenbilder in zeitlos kühler Meta-Kriegs-Künstlichkeit. "Sind wir überhaupt noch auf Sendung?" fragt jemand. Klar, der Videomann mit seinem Technikpult links am Bühnenrand ist fast immer präsent. Und Helena (Ina Fritsche), die agile Kriegsreporterin, macht ständig Fotos und brüllt auch schon mal: "Geht aus dem Bild!"

Kurz, Krupas Uraufführungs-Inszenierung hinterlässt einen durchwachsenen Eindruck. Dass er Erasmys konstruierte Studie etwas lockert und vollends ins Surreal-Assoziative kippt, geht oft, aber nicht immer gut. Sein Kriegs-Traum-Spiel schwankt – zeitweise kommt es zu artifiziell daher. Dann gibt es doch wieder groteske, packende Bilder. Während Erasmy die Flüchtlinge im Kriegs-Trainingscamp enden lässt (womit alles wieder von vorne beginnen könnte), betont Krupa die märchenhaften Seiten dieses Finales: Das Flüchtlingspaar sitzt friedlich da, Helena entpuppt sich als mögliche Tochter der beiden, und Bühnenschneeflocken schweben lautlos vom Schnürboden herab.

 

Mein Bruder Tom
von Bettina Erasmy
Inszenierung und Raum: Thomas Krupa, Kostüme: Sabina Moncys.
Mit: Veronika Avraham, Katja Bramm, Christian Dräger, Ina Fritsche, Katja Gaudard, Udo Rau, Johannes Schön, Gotthard Sinn.

www.landestheater-tuebingen.de

 

Kritikenrundschau

Die vier disparaten Erzählstränge von Bettina Erasmys Stück "Mein Bruder Tom" würden von Thomas Krupa unter dem "Oberbegriff 'Krieg' mit Macht und viel Video-Aufwand zusammengeknotet", so Veit Müller im Reutlinger General-Anzeiger (8.12.). So stark der Text auch sei, in Krupas Inszenierung gehe viel davon verloren, die verschiedenen Handlungsstränge ständen "recht blutleer nebeneinander" und würden "von einer Medienflut förmlich erdrückt". Das "optische Angebot" gerate "so bombastisch, dass man kaum noch weiß, wo man hinschauen soll": "Der Text geht in der Bilderflut unter." Gegen diese "Welle an überdimensionalen optischen Eindrücken" kämpften auch die Schauspieler "mit Mühe" an, wobei es ihnen kaum gelinge, "Eckpunkte zu setzen, an denen sich der Zuschauer festhalten kann". Fazit: "etwas überambitioniert und letztlich nur sehr schwer verdaulich".

 


Landestheater Tübingen

Zitterndes Kippbild der flüchtigen Existenz

von Tomo Mirko Pavlovic

Tübingen, 29. November 2008. Der Tod trägt blau. Petrolblau. Ein kühles, ein klinisches Blau wie es im Allgemeinen nur selten vorkommt in unserer Natur und Vorstellung, außer vielleicht am Körper eines vermummten deutschen Oberarztes während er uns operiert. Der Tod trägt Kajal um die Augen und ein aseptisches Dauerlächeln um den Mund. Der Tod ist jung, adrett, weiblich und präsentiert in einem hochgeschlossenen, ebenfalls petrolfarbenen Hosenanzug einen Ausweg aus der demografischen Misere.


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